Negerleben in Ostafrika

Part 32

Chapter 323,595 wordsPublic domain

~A propos~ Fledermaus. Ich muß auch in bezug auf sie einer Art Ahnung gefolgt sein, indem ich in Berlin meinen fünf Dutzend unbespielten phonographischen Aufnahmewalzen ein ferneres halbes Dutzend bespielte beifügte, mit denen ich den grimmen Sinn der afrikanischen Wilden zu besänftigen gedachte. An der Auswahl dieser sechs Musikstücke bin ich gänzlich unschuldig, ich habe sie derselben Verkäuferin überlassen, die mir die Zusammenstellung des übrigen phonographischen Instrumentariums besorgt hat. Ob die betreffende junge Dame eine genaue Kennerin der Negerpsyche gewesen ist, oder worauf sie sonst ihre Auswahl gegründet hat, ich weiß es nicht, Tatsache aber ist es, daß zwar nicht alle sechs, wohl aber die größere Hälfte dieser Walzen ungeheuer gefällt. Ein amerikanischer Marsch macht mit Recht keinerlei Eindruck; auch ein Liederpotpourri fesselt mein schwarzes Publikum nur wenig; es scheint sich nichts dabei denken zu können. Dann folgen in dem Programm, dessen Aufstellung ich stets Nils Knudsen überlasse, schon damit er endlich einmal mit dem Phonographen umzugehen lernt, „Die beiden kleinen Finken“. Verständnisvoll leuchtet da und dort ein Augenpaar auf, wenn das Vogelgezwitscher anhebt, und blitzende Gebisse zeigen sich hinter der brusthohen Lehmwand, die den Innenraum unserer Barasa von dem Außengang abschließt. Und dann kommt „Der Specht“. Mit tiefem Bierbaß hallt es aus dem Trichter heraus: „Der Spächt, Xylophonsolo des Herrn Müller, Original-Columbiawalze.“ Mit förmlich aufgerichteten Ohren, fast fieberhaft erregt, beugt sich die ganze schwarze Gesellschaft über den Rand; nur die Alten, Erfahrenen, die schon an der Küste gewesen sind und daher das Recht haben, blasiert zu erscheinen, markieren ein verständnisvolles Lachen. Doch dieses Lachen verstummt, sobald die wirklich reinen, von keinem Nebengeräusch entstellten Töne meines Apparates die unverkennbaren Laute gerade des Xylophons aufs treffendste vortäuschen. Man merkt, die Leute haben doch etwas Gehör und empfinden die Harmonie der Töne vielleicht so wohltuend wie wir. Und zudem: diese Töne sind ihnen ja durchaus nichts Fremdes, denn das Mgoromondo, das uns bereits bekannte Strohxylophon, hat genau die gleiche Klangfarbe. So strahlt denn auch, wenn zum Schluß das Klopfduett einsetzt, alles an den Leuten: die Augen, die Zähne, das ganze Gesicht, ja der ganze Kerl, denn immer enger haben sie sich aufeinandergepreßt, und kühl ist es zur Stunde gerade auch nicht. „Die Schmiede im Walde“ bringt kaum eine Steigerung des negroiden Lustgefühls; sichtlich ist dieses Gefühl außerordentlich groß und ganz allgemein, aber der Schmied ist ihnen ja etwas Alltägliches, und den Hammertakt mit seinem Rhythmus kennen sie so gut wie wir. Doch nun das Bravourstück. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß, wenn ein Weißer in langer Abgeschlossenheit und unter Wilden von der Höhe des Kulturmenschen mehr oder minder herabsinkt, das Bestreben, wieder emporzuklimmen, sich zuerst auf musikalischem Gebiet geltend macht. Nils Knudsen kann die „Fledermaus“ siebzehnmal hintereinander hören und hat immer noch nicht genug; das sei wahre, echte Musik, meint er, und zieht den Apparat von neuem auf. Auch den Schwarzen gefallen die kecken, frischen Weisen außerordentlich, und wenn es nun gar die Stimmung des Augenblicks will, daß ich mich zu ein paar Polka- oder Walzertakten hinreißen lasse und mit meinen 180 Pfund, einer Elfe gleich, um den Phonographentisch schwebe, dann ist das Entzücken der Hörer unbeschreiblich. Das ist dann aber auch der richtige Augenblick, wo ich in den Stand gesetzt werde, den Spieß umzudrehen und nunmehr die Herren Schwarzen als Akteure auftreten zu lassen. Die hiesigen Eingeborenen sind in dieser Richtung verwünscht unzugänglich; schon die Männer sind nur in der auf solche Weise herbeigeführten Ekstase vor den Trichter zu bringen, von den Frauen ganz zu schweigen; diese sind wie der Wind davon, wenn man sie einmal haben will.

Auch die Männer sind mir hier oben in Newala einmal eine Zeitlang weggeblieben. Ich saß schon ziemlich tief in meinen Sprachaufnahmen, in die ich mich in den letzten Wochen immer mehr verrannt habe, so daß mir meine wachsende Vereinsamung zunächst nicht auffiel. Erst als Knudsen und ich kaum noch etwas anderes zu Gesicht bekamen als die Gestalten meiner drei Sprachmenschen, des Akiden Sefu, des Yaolehrers Akuchigombo, zu deutsch: Herr Zahnbürste, und seines Adjunkten, des Makualehrers Namalowe, zu deutsch: Herr Echo, da wurde es mir immer klarer, daß ein mir einstweilen noch verborgener Umstand die Ursache für dieses „Geschnittenwerden“ seitens der Eingeborenen sein müsse. Weder Sefu noch die beiden Lehrer konnten oder wollten uns aufklären. Herr Echo war erst seit kurzer Zeit am Ort, um unter der Leitung seines älteren Kollegen in die Geheimnisse der englischen Missionspädagogik eingeführt zu werden; er war somit entschuldigt. Aber daß auch die beiden anderen auf meine Anfragen ewig nur die gleiche Antwort „~si jui~, ich weiß nicht“ hatten, erboste mich doch sehr. Indessen auch ihnen gegenüber mußte ich mir sagen: sie sind landfremd, Sefu ist Küstenmann und ist als Akide ganz wie bei uns wahrscheinlich mehr gefürchtet als beliebt, Herr Zahnbürste aber gilt schon auf Grund seines hohen Bildungsgrades als außerhalb der Menge stehend; er hat Sansibar gesehen, hat also sozusagen studiert und schwebt als Lehrer der Missionsjugend hoch über dem gemeinen Volk der Analphabeten. Diese Missionsschule bildet nebst einer verrosteten Brunnenröhre und einer kleinen Kirchenglocke, die nach Landessitte hoch oben aus dem ersten besten Baum ihren hellen Ton über das afrikanische Pori erschallen läßt, die letzte Erinnerung an die alte, blühende Missionsstation Neu-Newala.

Erst vor wenigen Tagen ist uns die Aufklärung über unsere Vereinsamung geworden; Knudsen hat das Nähere aus dem Munde eines alten Freundes aus dem Tieflande erfahren. Die Aufklärung lautet für uns Europäer wundersam genug, ist aber echt afrikanisch. Danach gelte ich gegenwärtig in den Augen der Eingeborenen weit und breit als großer Zauberer.

„Habt ihr’s nicht gesehen,“ so spricht nach dem Bericht jenes schwarzen Zwischenträgers ein mir dem Namen nach einstweilen noch unbekanntes Individuum zu seinen Landsleuten, „habt ihr es nicht gesehen, wie der weiße Mann euch eurer Kleider beraubt und wie er euch zu völlig nackten Menschen macht? Ich weiß es ganz genau; wenn er unter sein großes schwarzes Tuch kriecht, dann geschieht dieser Zauber. Ihr steht da, mit euren Kleidern angetan, doch wenn der weiße Mann dann am nächsten Tage, nachdem er am Abend stundenlang in seinem Zelt gestanden und mit viel Daua hantiert hat, seine Bilauri, seine Gläser, ordnet, dann seid ihr auf diesen Platten ganz nackend. Und wenn ihr unklug genug seid, euch vor die andere Maschine zu stellen, dann nimmt der weiße Mann euch sogar eure Stimme. Er ist ein großer Zauberer, und seine Medizinen sind stärker als selbst unser Chissangu. Wir haben Krieg gemacht gegen die Wadachi, gegen die Deutschen, aber was sind wir für Toren gewesen, gegen dieses Volk zu fechten; denn dieser weiße Mann ist auch ein Deutscher!“

So also spiegeln sich im Geist der unberührtern Buschbevölkerung unsere doch wirklich recht harmlosen ethnographischen Arbeitsapparate wider. Ich gestehe gern, daß die Komik meiner Situation und meiner Rolle einstweilen weit das Ärgerliche meiner sonstigen Lage übertraf, und herzlich haben wir beiden weißen Männer erst einmal über den ganzen Fall gelacht. Daß der Phonograph den Leuten mehr oder weniger unheimlich gewesen war, kam mir erst jetzt zum Bewußtsein; der Apparat hatte stets so gestanden, daß die Zuschauer nur den Trichter und die glatte Vorderseite sehen konnten; die rotierende Walze war ihnen stets unsichtbar geblieben. Die Leute hatten wohl gesehen, daß Knudsen oder ich irgendeine Manipulation vorgenommen hatten, aber welcher Art der ganze Vorgang war, davon hatte sich keiner ein Bild machen können. Daher denn wohl auch die Steigerung des Unerklärlichen zum Unheimlichen und meine Beförderung zum stimmenraubenden Zauberer. Rühmend will ich übrigens an dieser Stelle des edlen Susa erwähnen; er hat einmal, aber doch auch erst, nachdem ich den Zauber auf andere Weise gebrochen hatte, einen günstigen Augenblick benutzt, ist um den Apparat herumgegangen und hat die rotierende Walze gesehen. Seitdem ist für diesen intelligenten Mann und für den einsichtigern Teil seines Anhangs der Phonograph eine ebenso harmlose Maschine wie alles andere auch, was der weiße Mann aus dem fernen Uleia ins Land bringt.

In bezug auf meinen Entkleidungszauber habe ich selbst sehr energisch eingegriffen. Durch sehr wirkungsvollen Zuspruch haben wir ein paar schwarze Männer und Weiber vor die Kamera gestellt, haben sie getypt und das Verfahren bis zur fertigen Ausichtspostkarte durchgeführt. „Nun, seid ihr etwa nackt auf dem Bilde hier, oder habt ihr eure Kleider an? Und sind das nicht dieselben Kleider wie ihr sie dort an euren schwarzen Leibern tragt?“ Halb ängstlich, halb verblüfft ob des nie Gesehenen haben Männlein und Fräulein das Wunder des Bildes angestaunt; dann sind sie alle mit ihren Konterfeis davongezogen, nachdem sie noch die ernsthafte Weisung mit auf den Weg bekommen hatten, nun aber auch jedermann zu sagen, daß der weiße Mann durchaus kein Zauberer sei und daß er keinen Schwarzen seiner Kleidung beraube, sondern daß die Leute auf den Bildern genau so angezogen seien wie in Wirklichkeit! Das hat denn auch geholfen, und heute strömt das Volk genau so vertrauensvoll herzu wie in den ersten Wochen.

Im Grunde genommen könnten die Leute sich dieses Kommen ersparen, denn ich brauche sie nicht mehr; was sie mir an ethnographischen Dingen bringen, ist das gleiche wie das schon hundertmal in meinem Besitz Befindliche; beim Photographieren aber springt auch nichts Besonderes heraus, denn es ist immer derselbe Typ, dieselbe Narbenverzierung, derselbe Lippenpflock. So paßt es ganz gut, daß ich den größten Teil meiner Zeit den Sprachaufnahmen widmen kann, den kleineren Rest aber der zwanglosen Beschäftigung mit volkskundlichen Dingen, wie sie sich bei Ausflügen in die Umgebung in der Regel ganz von selbst ergeben.

Vor ein paar Tagen habe ich das größte Wunder in diesem an Seltsamkeiten reichen Lande erlebt. Seit Wochen schon hatte Herr Echo von einer Sitte der Makuamädchen gesprochen, nach der diese unter der Zunge wie in einem Nest einen ganzen Haufen Kieselsteine trügen. Ich habe den Mann stets ausgelacht, mit bezeichnender Gebärde nach der Stirn. Vorgestern nun sitzen wir fünf Sprachforscher wieder beisammen und quälen uns in heißem Bemühen mit einigen besonders schwierigen Formen des Kiyao ab; dabei ist der Makua überflüssig, er erbittet sich Urlaub und verläßt die Barasa. Wir anderen denken kaum noch an ihn; plötzlich ein Geräusch nahender Schritte, eine schlanke Mädchengestalt wird zwischen Mattenwand und Lehmbrüstung sichtbar, unmittelbar dahinter die des schwarzen Lehrers; scheu, aber doch mit verschämtem Lächeln steht im gleichen Augenblick auch schon das junge, hübsche Ding vor uns. „~Hapa namangāhlu, Bwana~, hier sind die Mundsteine, Herr“, mit triumphierender Miene deutet Nawalowe auf den von einem erst mäßig großen Oberlippenpflock „verschönten“ Mund des jungen Mädchens. Wir sind alle erregt aufgesprungen. Sefu, Nawalowe und Akuchigombo reden gleichzeitig auf sie ein; widerwillig führt sie schließlich die Hand zum Munde, und siehe da, groß wie der Kern einer Haselnuß liegt im nächsten Augenblick ein fast wasserklarer, glattgeschliffener, eiförmiger Kiesel auf der flachen Hand. Ein zweiter folgt, ein dritter, ein vierter, wie ein Triumphator schaut Nawalowe zu mir herüber; ich aber stehe vor Staunen stumm. Ist es ein Trugbild, oder mogelt der gute Schulmeister? Schon ist ein fünfter Stein aus seinem rosigen Behälter herausgeholt, ein sechster folgt noch hinterdrein; endlich, nach dem siebenten und achten, scheint das Nest leer zu sein. Ich habe in jenem Augenblick tatsächlich einer gewissen Schonungspause bedurft, um mich von meinem maßlosen Erstaunen zu erholen, dann erst bin ich fähig gewesen, die Erklärungen meiner drei Gelehrten mit Ruhe in Empfang zu nehmen. Danach sind diese ~namangahlu~ genannten Steine Kiesel, wie man sie hier in den Ablagerungen wohl aller Flüsse findet; besonders klar und schön sollen die aus dem Rovuma sein, und sonach gilt es als eine Art Ehrensache für jeden verliebten Jüngling, solche Quarze von dort mitzubringen und sie der Geliebten zu verehren. Zu Perlenkolliers und ~à jour~-Fassungen ist man am Rovuma und auf dem Makondeplateau noch nicht vorgeschritten, Taschen sind ebenfalls ein unbekannter Luxus, bleibt also als Behälter lediglich die untere Mundhöhle. So reime wenigstens ich mir die mehr als seltsame Tragart dieser Steine zusammen. Der Sinn der Sitte ist nach jenen Gewährsleuten der eines Treuegelübdes; die Steine sind also sozusagen ein ins Afrikanische übersetzter Verlobungsring, nur daß im Gegensatz zu so mancher jungen deutschen Braut, die ach! gar zu gern mit dem neuen, funkelnden Reif am Goldfinger kokettiert, diese Steine von niemand gesehen werden dürfen als vom Geliebten selbst. Mein erster, instinktiver Mogelverdacht ist übrigens, wie ich wohl annehmen darf, unbegründet; ich habe seither auf eigene Faust Studien in dieser Richtung angestellt und bei mehreren jungen Makuaweibern die Steine vorgefunden; die Sitte ist also bestätigt. Es gibt doch wirklich keine Verrücktheit, deren unser menschliches Geschlecht nicht fähig wäre! --

Das Klima Newalas ist im Laufe der Wochen immer schlechter geworden; nach einer kurzen Zeit wunderschönen mitteldeutschen Herbstwetters wälzt sich jetzt allmorgendlich der Nebel bis gegen 8½ Uhr über die Boma hin, am Abend aber braust der Ost eisiger denn sonst. Wir beiden Weißen kommen dabei nicht aus einem leichten Katarrh heraus, und schlecht geht es unseren Leuten. Anzuziehen haben sie nicht viel, die Träger haben nicht einmal Stoffe zum Wechseln; auch der Speisezettel der Ärmsten läßt immer mehr zu wünschen übrig. Zu alledem das nichts weniger als einwandfreie Wasser, kurz, es nimmt mich nicht wunder, wenn die Krankenliste von Woche zu Woche gewachsen ist. Von überall her ertönen die Beweise schwerer Bronchialkatarrhe; fast vermeine ich mich in die Zeiten von Ewerbecks Husterkompagnie zurückversetzt; doch auch Dysenteriefälle sind nicht selten, und ebensowenig Geschlechtskrankheiten. Die meisten der Patienten haben Vertrauen zu ihrem weißen Herrn, sie kommen freiwillig und nehmen mit Todesverachtung jede Art von Daua, die ihnen in den Mund gestopft wird. Meine Krieger muß ich militärärztlich behandeln, indem ich sie von Zeit zu Zeit behufs körperlicher Revision antreten lasse. Nebenher geht, wie das bei dem Charakter des Negers nicht anders zu erwarten ist, ganz allgemein die Behandlung ~à la~ Schensi. Mein Liebling Mambo sasa erfreut sich einer doppelseitigen Epididymitis; eine Hochlagerung der betreffenden Körperteile allein imponiert weder ihm noch seinen vielen Freunden. Diese schweifen vielmehr durch Wald und Busch, um für den Kranken eine spinatartige Medizin zusammenzusuchen, die sie ihm unermüdlich in dicker Schicht auflegen. Machen nun Knudsen und ich unsere kleinen Bummel auf irgendeine der von Newala auslaufenden Barrabarra hinaus, so stoßen wir sicherlich von Zeit zu Zeit dort, wo zwei Wege sich gabeln oder sich kreuzen, auf seltsame Gebilde. Mit merklicher Sorgfalt ist der Boden von Laub, Ästen und ähnlichen Dingen gesäubert; inmitten der reinen Fläche aber hat eine unbekannte Hand mit schneeig weißem Mehl einen Zauberkreis gezogen, etwa einen Fuß im Durchmesser und nie ganz regelmäßig; im Kreise selbst sind Mehltupfen in besonderem System angebracht, in Dreier- oder Viererreihen, mehr oder minder regelmäßig.

Über Zweck und Bedeutung dieser Figuren, die mir schon an meinen früheren Aufenthaltsorten mehr als einmal aufgestoßen waren, habe ich erst im Laufe der Zeit Aufklärung erhalten. Man versteht diese Art der Therapie nur, wenn man die gesamten Anschauungen des Negers über das Leben nach dem Tode und das Walten überirdischer Mächte in Betracht zieht. Mit dem leiblichen Tod hört nach dem Negerglauben das menschliche Leben keineswegs auf; zwar der Körper wird verscharrt und verwest, die Seele aber lebt weiter, und zwar an derselben Örtlichkeit, wo sie sich früher betätigt hat. Ihr bevorzugter Wohnsitz sind markante Bäume. Die Religion der Völker dieses Südens ist denn auch ein ausgeprägter Baumkultus insofern, als die Neger zu den verstorbenen Ahnen opfern und beten, indem sie Speise und Trank am Fuße solcher Bäume niederlegen und ihre Worte inbrünstig an die Krone des Baumes selbst richten.

Der Msollobaum (Kimakonde: Mhollo) ist es, dem hier die Rolle des Göttersitzes zuteil wird. Zu ihm geht der ~pater familias~, wenn in seiner Familie Krankheit wütet; dorthin lenkt er seine Schritte, wenn er vor einer großen Reise steht; dort kann man ihn finden am Vorabend vor dem Abmarsch in den Krieg. Er ist nicht mit leeren Händen gekommen: mit bunten Stoffen ziert er den Stamm des Baumes, so daß dieser mit all dem Flitterkram, den andere Hilfesuchende bereits an ihm befestigt haben, mehr originell als schön aussieht. Mit Baumblättern säubert er den Boden um den Stamm des Baumes herum und streut Mehl auf ihn; in einen Krug gießt er stärkende Pombe. Das sind die freiwillig gespendeten Gaben des Lebenden. Nun aber ist dieser ein Mensch und ein Neger noch dazu; ohne Gegenleistung des Toten geht es also nicht ab: „Ich habe dir Zeug geopfert und Mehl und Pombe gebracht; du, Ahne, weißt, wir wollen jetzt Krieg machen gegen die bösen Mavia; morgen marschieren wir ab; sorge du dafür, daß mich keine Kugel trifft, kein Pfeilschuß und kein Speerwurf.“ Im Abendwinde rauscht der Baum, beruhigt zieht der Gläubige von dannen.

Doch die Seelen wohnen nicht immer im Msollobaum. Ruhelos schweifen sie meist durch Feld und Wald; genau wie vordem, als sie noch in Fleisch und Blut einherwandelten, bevorzugen sie natürlich die Hauptwege. Dort und besonders da, wo mehrere Straßen zusammenstoßen, sind sie am leichtesten zu treffen, dort ist ihr Schutz am sichersten zu erlangen. Aus dieser Gedankenfolge heraus erkläre wenigstens ich es mir, daß das Mehlopfer an den obenbezeichneten Punkten stattfindet. Die Kranken sehen die Möglichkeit einer Besserung lediglich oder doch vorwaltend in der Hilfe, die ihnen von den mit höheren Kräften ausgestatteten Seelen der Ahnen zuteil werden kann. Was liegt also näher, als diesen Seelen dort zu opfern, wo sie vermutlich am häufigsten vorbeischweben, an den Kreuzwegen und an den Weggabelungen. Das ist die Auffassung meiner Gewährsleute, der auch ich mich anschließen möchte; sie hat viel Wahrscheinliches für sich, wenngleich auch zuzugeben ist, daß jenen Mehlfiguren ein anderes Motiv zugrunde liegen kann.

Im innigen Zusammenhang mit dem Baumkultus scheint mir das Anpflanzen besonderer Bäume an den Gräbern zu stehen. Im Tieflande, besonders bei den Yao, sind mir solche Bäume nicht aufgefallen, hier oben auf dem Plateau finde ich sie ganz allgemein. An frischen Gräbern sind es junge, schlanke Stämme; an anderen Stellen, die nur noch im Gedächtnis der Alten als Ruheplatz eines Toten weiterleben, ragen ganz ungeheuere Bäume, mächtige Stämme mit gewaltigen Kronen, 20 Meter und noch weit mehr in die blaue Luft empor. Gerade die nächste Umgebung der Boma von Newala erhält durch eine ganze Anzahl solcher alten Grabbäume an mehr als einer Stelle ein ganz stimmungsvolles Aussehen. Der Baum ist der Kamumabaum; er wird stets zu Häupten des Toten eingepflanzt.

Ob die Seele nach dem Glauben der Eingeborenen zeitweilig auch in diesen Grabbäumen ihren Sitz hat, habe ich bisher nicht zu ergründen vermocht; außerordentlich schwer ist es, über den Verbleib der Seele überhaupt etwas Bestimmteres zu erfahren. Die Yao haben in dieser Richtung ganz versagt, die Makua aber sagen: „Der Schatten des Menschen geht zu Gott, Gott aber wohnt da oben.“ Was der Schatten aber da oben macht und wie es ihm ergeht, das wissen auch sie nicht.

Gruselig und schreckhaft sind nach alledem, was mir zu Ohren gekommen ist, die Gespenstergeschichten der hiesigen Neger; ich will eine von ihnen erzählen.

Yao und Makua haben ein Gespenst mit Namen Itondōsha oder Ndondosha, wie es im Kiyao heißt. Hat der Zauberer ein Kind getötet -- wie bei allen Naturvölkern, so ist auch beim Neger der Tod nie etwas Natürliches, sondern stets die Folge des zauberischen Eingriffs eines andern --, so holt dieser Zauberer das Kind aus dem Grabe heraus, macht es wieder lebendig und schneidet ihm die Beine in den Kniegelenken ab. Die abgeschnittenen Gliedmaßen wirft der Zauberer weg, das so verkürzte und verstümmelte Kind aber stellt er heimlich irgendwo hin. Nun kommen die Menschen von allen Seiten und bringen dem Itondosha Ugali, Pombe, Früchte und Zeug. Geschieht dies regelmäßig und in ausreichendem Maße, so hört man nichts weiter von dem Gespenst; vergessen jedoch die Leute seiner im Laufe der Zeit, so beginnt es plötzlich laut und unheimlich zu schreien. Dann erschrecken die Leute und bringen dem Itondosha von neuem ihre Gaben dar.

Mein Forscherglück will es, daß ich ganz zufällig auch in den Besitz eines Liedes gekommen bin, dessen Inhalt sich um dieses Itondosha rankt. Von den wenigen Individuen, die ich hier in Newala vor meinen Trichter habe bannen können, zeichnete sich lediglich ein Makuajüngling durch seine große Bereitwilligkeit aus, das Wagestück zu unternehmen und vor die unheimliche Maschine zu treten. Dieses Entgegenkommen war, wie sich sehr bald herausstellte, sogar weit größer als seine Sangeskunst; doch das hat nichts verschlagen, sein wissenschaftliches Verdienst bleibt dem Braven doch.

Der junge Mann hat soeben, nach den üblichen Vorproben, mit bedeutendem Stimmaufwand sein erstes Lied in meinen Trichter hineingebrüllt. Jetzt gilt es, den Text des Liedes festzulegen; mit gespitztem Bleistift sitze ich auf meiner bewährten großen Kiste und beginne das Verhör.

„Dein Name?“

„Änestehīu“, erschallt es prompt und mit sichtbarem Stolz zurück.

„Änestehiu?“ lautet meine erstaunte Gegenfrage.

„Jawohl, Änestehiu.“

„Aber Rafiki, mein Freund, Änestehiu, das klingt doch gar nicht wie ein Makuaname.“

„~Mimi Christ~, ich bin ein Christ“, fast beleidigt, daß ich das nicht gleich gemerkt habe, hat mir der Junge das stolze Wort entgegengeworfen. Das ändert die Sachlage allerdings; ich denke einige Zeit nach, endlich habe ich es: Anastasio heißt er, das ist sein Taufname; der würdige englische Reverend hat das Wort nicht deutsch oder italienisch ausgesprochen, sondern, wie es ~Old England~ liebt, rein englisch, also ~Änästäsio~. Nun fällt das „~s~“ im Kimakonde ganz aus und auch im Kimakua wird es, soweit ich bis heute ersehen kann, häufig durch ein „~h~“ vertreten, kurz aus Anastasio ist auf gut Kimakua Änestehiu geworden. Das Lied aber heißt folgendermaßen:

„Nach Massassi bin ich gegangen, bin noch einmal nach Massassi gegangen. Abends hörte ich Geschrei; ich drehte mich um und ich sah das Itondosha. ‚Mein Vetter Cheluka (rief ich), gib mir Gewehr und Zündhütchen und eine Kugel.‘ ‚Lade du selbst‘ (flüstert der Vetter). ‚Komm mit und laß uns verfolgen das Itondosha, es ist durch ein Loch in der Seitenwand hinters Haus gegangen.‘ Mein Bruder (Vetter) dreht sich um und sagt: ‚Es hat die Beine steif geradeaus gestreckt wie ein Kinnbart.‘ Es saß (setzte sich), wir aber bemühten uns zu zähmen das Itondosha, das Mädchen von Ilulu. ~Älo~, ja, so ist es.“