Negerleben in Ostafrika

Part 31

Chapter 313,371 wordsPublic domain

„Und warum nicht?“ Ich muß wirklich sehr müde und abgespannt sein, denn selbst die verwunderte Bestimmtheit, mit der das „nein“ herauskommt, erweckt in mir keine sonderlich erwartungsvollen Gefühle. Ich horche erst auf, als in der nun erfolgenden Begründung jenes „nein“ das Wort Litaua an mein Ohr schlägt. „~Nini litaua?~ Was ist Litaua?“ frage ich jetzt, schon völlig ermuntert und aufgefrischt. „Nun, Litaua ist Litaua.“ Langes Schauri; auch die schwarzen Intelligenzen, die gleich uns Weißen schon halb eingedöst waren, sind wieder zu geistiger Rührigkeit erwacht; Kimakonde, Kiyao und Imakuani, alle drei Sprachen tönen wie im Kaffeekränzchen durcheinander. Endlich ist die Definition gefunden; in die Fachsprache übersetzt, lautet sie: die Litaua ist der mutterrechtliche, exogamische Geschlechtsverband, der alle diejenigen umfaßt, die von einer Urmutter abstammen; es erbt nicht der Sohn des Vaters, sondern einer der Söhne der Schwestern, und der junge Makonde nimmt sein Weib nicht aus der eigenen Litaua, sondern er sucht sie sich in einer der vielen andern Mataua. Bei den Makua sei das gerade so, dort aber hieße die Litaua Nihimmu.

Den Abend dieses Tages -- es ist der 21. September gewesen -- habe ich mit dem Gefühl durchlebt, auf einen der erfolgreichsten Abschnitte meiner ganzen Afrikareise herabblicken zu können; um ihn zu feiern, haben Knudsen und ich statt der einen Flasche Bier, die wir uns sonst ehrlich teilten, uns diesmal deren zwei geleistet.

„Bier? Ja, woher habt ihr denn auf einmal Bier?“ Jedes Volk hat seine Sitten, jedes Volk hat seinen Trank, so möchte ich dichten, gleichzeitig indes hinzufügen, auch jeder Örtlichkeit ist ihr besonderes Getränk angepaßt. Im heißen Tiefland Bier? Brrr! Aber hier oben, den Wolken nahe und im kühlen Novemberost der Abende, hei, da wäre ein Becher deutschen Bieres wohl angebracht. Wie eine Eingebung ist mir vor Wochen der Gedanke durch den Kopf gefahren; gerade trifft es sich, daß ein Dutzend Lasten ethnographischer Sammelstücke nach Lindi hinunter müssen. Schon am nächsten Morgen schreiten zwölf starke Männer eiligen Schrittes gegen Nordosten der fernen Küste zu; wenn sie sich nicht aufhalten, werden sie in zwei Wochen wieder zurück sein. In allen früheren Fällen ist mir der voraussichtliche Termin der Rückkehr meiner Boten ziemlich gleichgültig gewesen; diesmal haben wir beiden Weißen, ehrlich gestanden, die Tage gezählt, und als sich an einem Sonntagvormittag weit draußen im Busch das unverkennbare Getöse von Wanyamwesiträgern, die dem Endpunkt ihrer Reise zueilen, vernehmen ließ, da sind wir der großen Kiste entgegengeeilt, die für uns so viel Schönes und Langentbehrtes barg, nicht bloß schweren, deutschen Porter von Daressalam, sondern vor allem die so lang vermißte Milch, die uns beiden gegenwärtig stark abgemagerten Einsiedlern mehr als alles andere nottut.

An jenem für mich denkwürdigen Nachmittage indessen hatte ich durchaus keine Muße, an die materiellen Genüsse zu denken.

„Also dein Sohn, Freund Dambwala, kann Nantiakas Tochter nicht heiraten, weil ihr derselben Litaua angehört; wie heißt denn deine Litaua?“

„Waniuchi.“

„Und wo wohnt ihr?“

„In und um Niuchi.“

„Und du, Kumidachi,“ wende ich mich an einen andern, mit einer funkelnagelneuen, buntbestickten Jumbenmütze bekleideten Alten, „welcher Litaua gehörst du an?“

„Nanyanga“, tönt es prompt zurück. Blitzschnell ist der Name niedergeschrieben; schon ruht mein Auge fragend auf dem nächsten der Weisen. Der weiß jetzt schon, worum es sich handelt, denn er ist einer von den klügsten. „Wamhuīdia“, kommt es von seinen Lippen.

Aber so darf ich nicht weiter arbeiten; was ist ein Name? Schall und Rauch; auch die Bedeutung muß ich kennen. Schon von meinen Namenstudien her weiß ich, wie gern die Neger sich mit etymologischen Erklärungen befassen; es bedarf auch hier nur eines kleinen Anstoßes, um der Nennung des Litauanamens sofort die Bedeutung des Wortes folgen zu lassen. Das Wort „Waniuchi“ habe ich mir selbst als „die Leute von Niuchi“ übersetzt; in den hiesigen Bantusprachen bedeutet ja das Präfix ~wa~ nichts anderes; doch die Übersetzung genügt den schwarzen Philologen nicht, ~niuchi~ heiße die Biene, und die Waniuchi seien Leute, die den Honig dieser Bienen in den Bäumen suchten; die Nanyanga aber, das seien die Flötenbläser im Kriege, ~nanyanga~ sei die Makondeflöte. Die Wamhuidia endlich hätten ihren Namen von ihren kriegerischen Vorfahren; diese hätten fortwährend Krieg geführt und alles niedergeschlagen; der Sippenname käme her vom Verbum ~muhidia~, niederschlagen.

Die alten Herren haben an jenem Nachmittag trotz ihrer starken Müdigkeit viel länger ausharren müssen als sonst; ich hatte Blut geleckt und habe sie ausgesogen, bis ihr armes, des angestrengten Denkens so ungewohntes Gehirn um Sonnenuntergang schließlich völlig versagte. Doch einen Extra-Bakschisch hat es gegeben als Lohn für die aufopferungsvolle Hilfe bei dem schwierigen Kapitel. Selbst Moritz, der Finanzminister, hatte heute nicht seinen gewöhnlichen melancholischen Hängemund, sondern verzog sein braunes Negergesicht zu einem freundlichen Grinsen, als er nach Feierabend hinging, um den Gelehrten das funkelnagelneue Silberstück in die Hand zu drücken. Seitdem habe ich das Sippenwesen mit aller Ausdauer zu ergründen versucht, und ich muß gestehen, ich weiß nicht, worüber ich mehr staunen soll: über die soziale Differenzierung der Stämme unter sich, ihren Zerfall in ungezählte Mataua und Dihimmu (Plural von Nihimmu), oder über die Tatsache, daß, wie ich annehmen muß, keiner meiner Vorgänger auf dem hiesigen Beobachtungsfelde auf diese Einrichtung aufmerksam geworden ist. Ich wundere mich in der Tat über diesen Punkt, aber wenn ich es mir überlege, habe ich doch kaum Anlaß dazu; zunächst bin doch auch ich monatelang im Lande umhergezogen, ohne von jenem Sippenwesen das Geringste zu ahnen; sodann aber ist es lediglich Zufall, daß in jenem denkwürdigen Schauri vom 21. September die Antwort gerade in der geschilderten Form fiel. Glück muß der Mensch haben, der Forschungsreisende aber viel Glück!

Es bedarf keines Hinweises, daß ich nach jener folgenschweren Entdeckung auch sofort wieder auf das Yaoproblem zurückgekommen bin. Als von meinen Makua- und Makondemännern ein Sippenname nach dem andern mitsamt den schönsten Erläuterungen mir ins Notizbuch diktiert wurde, sprach Nils Knudsen das große Wort: „Ja, so was haben die Yao auch.“ Zehn Minuten später waren bereits schnellfüßige Boten unterwegs, um unten aus der Ebene von Wayaomännern heraufzuholen, was irgendwie auf einige Intelligenz Anspruch machen durfte. Sie sind auch alle gekommen, die Entbotenen: Susa und Daudi und Massanjara und wie sie heißen. Leicht war das Examen auch jetzt noch nicht, weder für mich, noch für die Auspressungsobjekte, aber ich habe nach redlichem Mühen doch noch so viel herausbekommen, um sagen zu können: „Nils hat wirklich recht, auch die Yao haben so etwas“, ja bei ihnen ließ sich sogar unschwer eine Doppeleinteilung in der Art feststellen, daß über den exogamischen mutterrechtlichen Sippen noch eine Einteilung in große Gruppen besteht, die von jener feineren Einteilung ganz unabhängig sind.

Von den großen Gruppen des Yaovolkes, das heute über einen außerordentlich großen Teil Ostafrikas verteilt ist, indem es vom Schirwasee im Süden bis fast vor die Tore von Lindi im Norden reicht, kennen wir die folgenden: die Amakāle in der Region der Rovumaquellen; die Achinamatāka oder Wamwembe bei Mataka zwischen dem Rovuma und dem Ludjende; die Amassaninga, ursprünglich am Südende des Nyassasees; die Achinamakanjīra oder Amachinga am oberen Ludjende; die Mangoche in der Nachbarschaft von Blantyre. Die Angabe der Wohnsitze dieser großen Gruppen, wie sie hier erfolgt ist, hat heute nur noch einen historischen Wert. Durch die von mir früher schon geschilderte, ganz allmählich erfolgte Abwanderung großer Volksteile sind die alten Gruppengrenzen längst verwischt und kartographisch heute gar nicht mehr festlegbar. Auch die Makosyo (Plural von ~lukosyo~, die Sippe) lassen sich kartographisch unmöglich festlegen, weder hier noch bei den andern Völkern; einzelne dieser Geschlechtsverbände haben wohl ein bestimmtes Verbreitungszentrum, im allgemeinen aber herrscht im Kleinen dasselbe Durcheinander wie im Großen.

Ich habe nicht aus Neugier so zäh nach der Bedeutung der Sippennamen geforscht, sondern hauptsächlich aus folgendem Grunde. In der menschlichen Urgesellschaft ist kaum etwas so auffallend wie die weitverbreitete Einrichtung des Totemismus. Das Wort Totem kommt aus Nordamerika und bedeutet ursprünglich den Namenszug wackerer Irokesenhäuptlinge, mit dem sie ihre Verträge mit dem Blaßgesicht unterzeichneten. Dies geschah nicht in der Form schlanker Schriftzüge, sondern in der einer ungefügen Zeichnung, die eben das Totem darstellte, das Stammestier, von dem die Sippe des Unterzeichners ihre Abstammung herleitete. Bei den amerikanischen Indianern hat man diesen Totemismus, wie man die Erscheinung in der Völkerkunde nennt, im weitesten Maße verbreitet vorgefunden und auch zuerst gründlich studiert, später hat man indes festgestellt, daß der gleiche Totemismus auch anderswo in trefflichster Ausbildung vorhanden ist; in Australien, anscheinend auch in Melanesien, in ausgeprägtester Weise sodann bei sämtlichen alten Völkerschichten in Vorderindien, und sonst noch hie und da. In den meisten Fällen leiten die Sippen ihre Herkunft von einem Tier ab. Dieses gilt dann als heilig und unverletzlich und darf meist nicht gejagt und gegessen werden, ja in vereinzelten Fällen gilt es sogar als die höchste Ehrung und das größte Glück für den Menschen, von dem Totemtier seinerseits gefressen zu werden! Auch kleine, ungefährliche Tiere, Insekten und dergleichen, werden als Totem gewählt, desgleichen auch Pflanzen; wo sollten z. B. bei den unzähligen Totems in Südindien die erforderlichen großen Tiere herkommen? Ich kann hier nicht die ganze, lange Reihe der von mir gesammelten Sippennamen für alle drei Völker aufzählen, sondern muß auch für diesen Teil meiner Ergebnisse auf die amtliche Publikation hinweisen. Aber interessant ist es mir doch gewesen, zu sehen, daß zwar kein den Eingeborenen bewußter Totemismus mehr besteht, daß aber doch mancher kleine Zug an sein früheres Vorhandensein erinnert. Diese Züge im einzelnen nachzuweisen, wird eine hübsche Aufgabe späterer Untersuchungen sein.

Von der Art der Sippennamen hier nur einige Beispiele.

Matola wie auch sein Vetter, unser gemeinsamer Freund Pastor Daudi, gehören der Lukosyo der Achemtinga an, gleichzeitig aber auch zu der großen Gruppe der Amachinga. Das Präfix ~che-~ (auch ~ku-~) hat die Bedeutung Herr oder Frau; Chemtinga aber ist nach Daudi ein großer Yaohäuptling in der Region des oberen Ludjende gewesen.

Im Gebiet des bärtigen Susa sitzen die Masimbo. Diese haben ihren Namen von den Fallgruben (Kiyao: ~lisimbo~, Plural: ~masimbo~), in denen ihre Vorfahren das Wild fingen. Bei Mwiti sitzen die Amiraji. Ihren Namen führen die Angehörigen dieser Sippe auf die Art ihrer ursprünglichen Wohnsitze zurück; diese hätten in bambusreichen Gebieten gelegen (~mlasi~, der Bambus). Eine Yaosippe sind auch die Achingalla; sie leiten ihren Namen von der Ngalla her, einer Muschel im Rovuma und seinen Nebenflüssen, deren Schale noch heute als Eßlöffel gebraucht wird; den Namen aber hat die Sippe deswegen, weil sich die Urväter vorwiegend von dem Tier selbst genährt haben.

In die gleiche Kategorie wie die Achingalla gehört die Makuasippe der Wamhōle; ihre Vorfahren haben sich vom ~mhole~, dem wilden Maniok, einer auch noch heute in Zeiten der Not gegessenen Waldwurzel, genährt. Die Makondesippe der Nambunga führt ihren Namen auf den Genuß der Bambusfrüchte, ~nambunga~, seitens ihrer Vorfahren zurück; die Wantanda hatten vordem die Gewohnheit, das Fleisch des erlegten Tieres in lange Streifen (~nantanda~) zu schneiden. Die Wamunga sind Reispflanzer; die Voreltern der Alamande haben sich von einer kleinen Heuschrecke dieses Namens genährt; die Wutende schließlich sind Leute, die im ganzen Lande berühmt sind wegen einer Eigenschaft, die wir gerade beim Neger so wenig vermuten: weil sie immer und unausgesetzt arbeiten (~kutenda~), heißen sie Wutende.

In das Eherecht dieser Sippen sich hineinzudenken, ist selbst im kühlen Uleia nicht ganz leicht. Hier im tropischen Afrika mit seinem ewigen Wechsel von heiß und kalt ist es eine für mich schier unlösbare Aufgabe, den Ausführungen des alten Mponda, meines Hauptprofessors für bürgerliches Recht, zu folgen. Es geht uns doch auch gar zu sehr gegen den Strich, wenn man folgendes zu hören bekommt: Ist der Makondeknabe beschnitten, so kehrt er nicht in das Elternhaus zurück, sondern verbleibt bei seinem Oheim mütterlicherseits. Dort hat er weiter nichts zu tun, als heranzuwachsen und gleichzeitig das Heranwachsen seiner Basen zu erwarten. Ist aber der Onkel nicht im glücklichen Besitz von Töchtern, so wartet der geduldige Neffe zunächst deren Geburt ab; ist diese erfolgt, so geht das Warten noch lustig weiter. Das heißt, müßig darf der junge Mann in seiner „Pension“ nicht sein, sondern er muß tüchtig arbeiten, einem Jakob gleich, der um Rahel sieben lange Jahre diente. Endlich ist das Ziel erreicht, die Base ist groß und heiratsfähig; dann geht der mittlerweile recht verständig gewordene Heiratskandidat hin, erwirbt um eine Rupie Zeug, gibt dies dem Oheim und führt die Braut heim. Wegziehen darf er auch jetzt noch nicht, sondern er verbleibt in der Nähe des Oheims und dient ihm gleichsam als Höriger weiter. Nun bekommt er selbst Familienzuwachs, sagen wir einen Sohn. Nach Mponda muß dieser Sohn wiederum eine Base heiraten, und zwar die Tochter der Schwester seines Vaters. In Mpondas lapidare Worte gekleidet, lautet dieses Gesetz folgendermaßen: „Habe ich eine Schwester, und die hat eine Tochter, ich aber habe einen Sohn, so kann dieser Sohn jenes Mädchen heiraten; habe ich aber einen Bruder, und der hat eine Tochter, ich aber habe einen Sohn, so kann dieser Junge seine Base nicht heiraten, denn sie ist ~numbŭ́we~, seine Schwester.“

Wir haben das junge Mädchen verlassen in dem Augenblick, wo es, dem Chiputu mit seinen monatelangen Formalitäten und Festen entronnen, in die Zahl der Wissenden aufgenommen worden ist. Nach einigen meiner Gewährsmänner soll die Verheiratung des Kindes sehr bald nach diesem Zeitraum erfolgen, jedenfalls noch vor dem Zeitpunkt, mit dem wir in Europa die Mannbarkeit beginnen lassen, vor der ersten Menstruation. Ob dem so ist, kann ich nicht kontrollieren; uns interessiert an dieser Stelle auch weit mehr die weitere Behandlung des jungen Weibes selbst, um so mehr, als diese Behandlung wieder Parallelen in einer ganzen Reihe von Gebieten der Erde besitzt. Genau wie an der ganzen Küste von Unterguinea, in Loango, am Gabun und Ogowé, sodann in verschiedenen Teilen Melanesiens, wird das Mädchen auch hier für einige Tage in eine besondere Hütte gebracht, wo es vollkommen allein bleibt; die Freundinnen kommen zwar an die Hütte heran, sie trillern und tanzen, daß es eine Art hat, halten sich aber sonst fern. Dafür beginnen jetzt die Mutter, die Lehrerin und die anderen weisen Frauen einen sehr eindringlichen Kursus von Verhaltungsmaßregeln: fern müsse sie sich von jedem halten, auch auf Reinlichkeit sehen, müsse baden und sich waschen, aber vor allem mit niemandem zusammenkommen. Dies wird immer und immer wiederholt; dabei wird ohne Unterlaß gegessen, gesungen und getanzt.

Auch bei der ersten Schwangerschaft der jungen Frau werden verschiedene Feste gefeiert. Im Grunde genommen sind diese jedoch nur der angenehme Rahmen für einen Haufen von Verhaltungsmaßregeln und Verboten, die wieder aus dem Munde der älteren Frauen auf das mehr oder minder ahnungslose junge Wesen herniederregnen. Im fünften Monat rasiert man ihr zunächst den Kopf; nach einem weiteren Monat rüsten die Frauen für sich selbst ein Fest, für die Schwangere aber röstet man Mais und zerstampft ihn, nachdem man die Körner im Wasser hat quellen lassen; den entstandenen Brei schmiert man der jungen Frau auf den Kopf. Jetzt geht der Ehemann in den Busch, mit ihm eine nahe Verwandte seiner Frau. Der Mann schickt sich an, in der uns bekannten Weise Rindenstoff herzustellen, die Verwandte aber entkleidet sich bis auf einen ganz kleinen Schurz. Und sitzt dann der Mann über seinem Baum und hämmert auf den werdenden Stoff, so singt das Mädchen im Takt dazu: „~Nalishā́nira wozēwa neakutĕnde.~“ Den fertigen Stoff bestickt man mit Perlen, dann hängt ihn die Lehrerin ihrem Schützling als Amulett um den Hals; ~mare ndēmbo~ heißt dieser Talisman, ~mare ndembo~ heißt von jetzt ab auch die Schwangere.

Der nächste Morgen versammelt wieder alle Leute zu Tanz, Gesang und Händeklatschen; darein mischt sich natürlich der unvermeidliche hohe Frauentriller, ohne den keine frohe Stimmung, kein freudiges Geschehnis denkbar ist. Doch nicht alle nehmen an dieser Freudigkeit teil; von der Menge abgesondert, umstehen die weisen Frauen und die Lehrerin das junge Weib.

„Du darfst nicht,“ so erschallt es aus dem zahnlosen Munde einer der Alten, „auf den Matten anderer Leute sitzen, denn das würde dir und dem Kinde, das du erwartest, schaden, du würdest eine Frühgeburt haben.“

„Du darfst nicht,“ tönt es hinter dem Holzblock hervor, der den Mund der nächsten Sprecherin in riesiger Ausdehnung überdeckt, „du darfst nicht mit Freunden und Freundinnen verkehren, auch das würde deinem Kinde schaden.“

„Du darfst von jetzt ab nur noch wenig ausgehen,“ rät ihr die dritte, „zeige dich möglichst nur deinem Mann allein, denn sonst möchte dein Kind später einem anderen ähnlich sehen. Wenn du aber einmal ausgehst,“ fährt dieselbe Beraterin fort, „dann mußt du allen Leuten weit ausweichen, denn schon der Dunst dieser Leute möchte deinem Kinde schaden.“

Es steckt ungemein viel in diesen Warnungen und Verhaltungsmaßregeln. Uns Europäern ganz geläufig ist die Furcht vor dem Versehen; die Schwangere darf nichts Schreckhaftes sehen und soll auch sonst möglichst keine andere Physiognomie als die des eigenen Mannes auf sich wirken lassen. In allen übrigen Vorschriften kehrt das wieder, was man vielleicht Analogiezauber nennen könnte: schon die Möglichkeit, in den Dunstkreis von Leuten zu geraten, die vorher geschlechtlich miteinander verkehrt haben, bringt das werdende Menschenkind in Gefahr.

Aber damit noch nicht genug; jetzt folgt erst die Hauptsache.

„Du darfst fortan keine Eier mehr essen,“ beginnt eine babybehaftete jüngere Frau mit glattrasiertem Langschädel, „denn sonst wird dein Kind keine Haare bekommen.“

„Iß auch kein Affenfleisch,“ pappelt auch schon eine andere mit zitterndem Pelele dazwischen, „denn sonst wird dein Kind auch so albern wie ein Affe.“

„Iß auch nicht, was vom Vortage in deinem Kochtopf übrig geblieben ist, denn sonst wird dein Kind krank“, fällt die dritte ein.

Jetzt wendet sich die Belehrung wieder einer anderen Richtung zu: „Gehst du in die Schambe oder zum Brunnen, und es grüßt dich jemand, so danke ihm nicht, und sage ihm auch nicht Lebewohl, denn sonst würdest du lange auf die Geburt deines Kindes warten müssen“, rät ihr eine ganz Alte mit sicher sehr viel Erfahrung; eine Jüngere aber fällt wiederum ein: „Wenn dir etwas daran liegt, daß dein Kind ein ordentliches, dichtes Kraushaar bekommt, so höre fortan auf, deine Schamhaare zu rasieren.“ Das ist nämlich sonst allgemeine Sitte im Lande, ebenso wie ja auch der Kopf gern völlig glatt getragen wird. Den Schluß des ganzen inhaltreichen Kollegs, das im Gegensatz zu unserem Hochschulbetrieb von vielen Dozenten, oder, der beim Neger bereits gelösten Frauenfrage entsprechend, von vielen Dozentinnen auf nur eine einzige unglückselige Hörerin herniedergeplappert worden ist, macht die sehr ernsthaft ausgesprochene Warnung, einstweilen unter keinen Umständen mit anderen Männern zu verkehren, denn dann würde sie unfehlbar sterben; wenn aber ihr Mann sich etwa vergäße und ein anderes Mädchen berühre, dann würde sie abortieren und hinterher sterben; sie solle also gut zu ihrem Manne sein und ihm schönen Ugali kochen.

Damit ist endlich das letzte Wort gesprochen. In dem unnachahmlichen, eigentümlich drehenden Gang der Negerin, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt, eilen die Beraterinnen, so schnell es ihre Würde zuläßt, auf den Festplatz zu den übrigen. L-l-l-l-l-l-l-l-l schwirrt im gleichen Augenblick auch schon der bekannte hohe Trillerton durch die Luft; die Trommeln, von nerviger Männerfaust geschlagen, setzen von neuem ein; eine gewaltige Staubwolke erhebt sich über dem Ganzen, alles ist in Bewegung und voll echter, des sonstigen Elends gänzlich unbewußter Negerlust. Nur eine sitzt stumm und still dabei, die junge Frau; ihr ist die Teilnahme an diesem Fest gänzlich untersagt, dem soeben empfangenen Lehrkanon zufolge. Ihre braunen Augen, die verdienten, schön genannt zu werden, störte nicht das unreine, von gelblichbraunen Flecken durchsetzte Weiß den Eindruck, schauen sinnend auf ein und denselben Punkt; ob sie wohl der schweren Stunde gedenkt, der sie in wenigen Monaten entgegensieht? Das alte Bibelwort: „Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären“ gilt ja auch für die schwarze Rasse. Aber gleichwohl, ich für meine Person glaube nicht, daß das junge Ding in solche Fernen vorausschaut; dies liegt an sich schon nicht im Wesen der Jugend, die Zukunft Afrikas aber hat erst recht keine Veranlassung, mit Sorgen in die Zukunft zu schauen. O du glückliche Negerrasse, wie beneidenswert bist du in deiner Fähigkeit, nur dem Heute zu leben und dem Morgen seine Sorgen ganz und ungeteilt allein zu überlassen! Heute ist heut, das ist deine Devise.

Sechzehntes Kapitel.

Schlußzeit in Newala.

+Newala+, 10. Oktober 1906.

„Morgen muß ich fort von hier und muß Abschied nehmen.“ ~Africa non cantat~, habe ich immer geglaubt. Der unmusikalische Nils ist niemals über die Anfangsworte seiner nordischen Nationalhymne hinausgekommen, während ich, und zwar stets nur beim Anblick von Mambo sasa, lediglich das Thema: „Das ist nun mal so Sitte“ aus der „Fledermaus“ flötend habe variieren können. Doch heute, nach so vielen Wochen Newala, da habe auch ich mich endlich zu einem wirklichen deutschen Kantus emporzuschwingen vermocht. Die Stimme war von dem langen Schweigen doch etwas eingerostet.