Negerleben in Ostafrika

Part 30

Chapter 303,591 wordsPublic domain

Noch eins: in seinem Gesamtumfang und für alle drei genannten Völkerschaften durchgeführt, nimmt das Studium der Mannbarkeitsfeste in meinen Aufzeichnungen einen solchen Raum ein, daß ich mir ihre Wiedergabe hier versagen muß; sie würde ganze Druckbogen für sich allein beanspruchen. Auch noch zwei andere Momente treten herzu. Was ich von dem Unyago mit eigenen Augen gesehen, habe ich unverkürzt wiedererzählt, mit jener Milieustimmung gleichzeitig, die nur das eigene Erleben hervorzuzaubern vermag. Aber jene Szenen in Akuchikomu, Niuchi und Mangupa sind nur winzige Teile aus dem ungeheuer umfangreichen Festkalender, wie ihn das Mädchen-Unyago in Wirklichkeit darstellt; über den ganzen übrigen großen Rest vermag ich nur das zu berichten, was ich meinen Gewährsleuten verdanke. Nun aber bringt jedes Referat leicht das Odium des Trocknen und Langweiligen mit sich, und langweilig möchte ich um keinen Preis werden; lieber verweise ich jeden, den solche Sachen im einzelnen interessieren, auf das Werk, das ich vertrags- und pflichtgemäß über alle meine Taten hier im schwarzen Erdteil und ihre wissenschaftlichen Ergebnisse für das Kolonialamt zu schreiben habe.

Das letzte Moment liegt auf einem andern Gebiet. Der Neger ist in bezug auf sein Geschlechtsleben noch nicht im mindesten angekränkelt; alles was sich auf das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern bezieht, ist ihm etwas ganz Natürliches, über das die Leute unter sich eine völlig freie Unterhaltung führen; höchstens daß man dem rassefremden Weißen gegenüber einige Zurückhaltung zeigt. Nun ist der sexuelle Einschlag beim Neger unstreitig sehr groß, ungleich größer als bei uns; es hieße zuviel gesagt, sein ganzes Dichten und Trachten drehe sich um diesen Punkt, aber ein sehr großer Teil entfällt ganz ohne Zweifel auf ihn. Dies tritt in offenkundigster Weise nicht nur im Unyago selbst, sondern auch in der mir gewordenen Darstellung zutage; es geht dort sehr natürlich zu. Wie die Dinge bei uns als Folge der bei uns beliebten Erziehung nun einmal liegen, ist für solch „heikle“ Sachen gerade noch in der allerstrengsten wissenschaftlichen Darstellung Platz; für jeden andern Zweck muß man sich ihre Wiedergabe versagen. Um es nochmals zu betonen, nicht aus Rücksicht auf den Gegenstand selbst, sondern lediglich auf das irregeleitete Gefühl des Publikums. Traurig, aber wahr!

Von allen Völkerschaften des Südens von Deutsch-Ostafrika scheinen die Yao nicht nur die fortschrittlichsten, sondern auch die phantasielosesten, nüchternsten zu sein; ihre Mannbarkeitsfeste sind tatsächlich sehr einfache Formalitäten gegenüber denen der Makua und Makonde. Bei diesen geht es nicht ohne eine gewisse Theatralik ab; die Makua pflanzen mitten auf den Festplatz einen vielgegabelten Baumast von ganz bestimmten Eigenschaften. Er ist von den Männern unter Absingung eines Liedes aus dem Pori geholt worden; in langem Zuge wird er in den Festhüttenring getragen. Dort steht schon der Leiter des Festes in der Pose eines Oberpriesters. Unter seinen Händen muß ein Huhn sein Leben lassen; in eine bereitgehaltene Schale fließt dessen Blut. In einer andern Schale wird Holzkohle zu Pulver gerieben, in einer dritten Schale roter Ton gleichfalls zerstoßen; rot-schwarz-rot wird mit allen drei Ingredienzien sodann jener vielgegabelte Baumast geringelt. An einer Stelle haben inzwischen Männer ein Loch gegraben; in dieses legt man ein Amulett aus zusammengebundenen Baumrindenstücken, füllt das Loch wieder zu und wirft über ihm einen kleinen Hügel auf. Auf diesen pflanzt man jenen Lupanda genannten Baumast. Und noch ein anderer Hügel wird aufgeworfen; er wie auch jener erste waren in dem Hüttenring von Akundonde noch sehr wohl zu erkennen. Dieser andere Hügel ist der Platz für den vornehmsten der Unyagoknaben. Um diesen herum gruppieren sich die anderen, minder vornehmen; alle aber sitzen dabei auf Baumstümpfen, die, wenn auch nur einiger Schönheitssinn bei dem Festleiter vorwaltet, genau in der Form jener beiden konzentrischen Kreise angeordnet werden, wie ich sie bei Chingulungulu im Pori sah. „Der Cromlech der Tropen!“ ist es mir damals durch den Sinn gefahren, als ich vor dieser typischen „Steinsetzung“ stand, und auch heute noch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß zwischen unseren vorgeschichtlichen Steinsetzungen und diesem System von Baumstümpfen eine Ähnlichkeit nicht bloß der Form nach besteht, sondern daß die Verwandtschaft sich vielleicht sogar auf die Zwecke erstreckt. Wenn ein großer Teil unserer neolithischen Megalithen wirklich Kult- und Versammlungszwecken gedient hat, so ist nicht einzusehen, warum nicht auch unsere Altvordern auf diesen ehrwürdigen Steinen Platz genommen haben sollten; auch der Neger würde auf Holzsitze verzichten, wenn ihm hierzulande Stein zur Verfügung stände.

Wäre ich ein Phantast, so könnte ich heute mit leichter Mühe den Nachweis führen, daß die Makonde Feueranbeter seien! Kaum haben die Männer ihr Likumbi gebaut, d. h. eine Hütte von der Art, wie wir sie in Mangupa kennen gelernt haben, so zerstreuen sich allesamt im Busch, um Medizin zu holen. Am Abend desselbigen Tages geben sie die gesammelten Wurzeln einem alten Weibe zum Zerstampfen im Mörser. Den erhaltenen Brei streicht der Mŭnchirắ, der Oberpriester, nunmehr fünf bis sechs Männern tupfenweise auf den Arm; dann sitzt man tatenlos bis in die Mitte der Nacht. Jetzt beginnt der Munchira zu trommeln, unheimlich dröhnt der dumpfe Ton des Instruments durch die dunkle Tropennacht. Alles strömt aus den Hütten zusammen, groß und klein; man schießt und tanzt ohne Unterbrechung, bis zum nächsten Nachmittag; dann findet die Verteilung der Geschenke untereinander und an die Mentoren der Knaben statt. Darauf große Festrede des Munchira: die sechs Männer seien geweiht; wenn sie es sich einfallen ließen, zu stehlen oder zu rauben oder sich mit den Frauen der anderen einzulassen, so dürfe ihnen niemand etwas tun, die Männer seien sakrosankt. Die sechs aber verpflichtet er, von nun ab drei Monate lang alle Mitternacht die Trommel zu schlagen.

Sind die drei Monate herum, so beginnt ein reges Leben im Dorf; Männer gehen in das Pori, um trocknes Holz zu sammeln, abends tragen sie es unter vollkommenem Stillschweigen auf den Festplatz nahe der Likumbihütte; die Frauen aber haben während der Zeit ungeheure Mengen von Pombe bereitet; auch diese findet ihren Weg zur Likumbi. In dieser Hütte steht ein Deckelkorb, Chihēro mit Namen, klein und rund; in ihm ist Medizin. In diesen Chihero und auf die Medizin spuckt jeder der Brennholzsammler ein weniges von der Festpombe. Neben dem Chihero aber steht die Alte, welche die Medizin im Mörser zerstampft hat; diese hebt den Chihero nunmehr auf ihren Kopf, ergreift das Ende einer langen, eigens für das Fest gekauften Zeugbahn mit den Händen und verläßt feierlichen Schrittes die Hütte, das Zeug hinter sich schleifend. Schnell ergreift es der erste der Brennholzsucher, damit es den Boden nicht berühre; ein zweiter folgt seinem Tun, desgleichen ein dritter und vierter. Schließlich schwebt das langgestreckte Stoffstück über der Erde dahin wie von Pagen getragen. Vorne neben der Frau schreitet der Munchira. Man umzieht die Festhütte. Ist der Umzug vollendet, so nimmt der Munchira den Anfang der Zeugbahn und wickelt ihn um den Chihero. Diesen hält er jetzt an das rechte Ohr; ein kurzes Verweilen; er setzt ihn auf die Schulter, wiederum einen Augenblick lang; der Korb wandert auf die Hüfte, aufs Knie, endlich auf die Außenseite des Fußknöchels. Zum Schluß nimmt der Würdige Zeug samt Chihero als wohlverdientes Honorar an sich.

Und wieder ist es Nacht; im schwachen Licht der letzten Mondsichel ist der Umriß des großen Holzstoßes noch eben zu erkennen. Mitternacht ist um etwa eine Stunde vorbei, da erhebt sich aus dem Kreise der in Schlafmatten gewickelten Gestalten eine lange, hagere Figur. Unhörbar schleicht sie auf den Holzstoß zu, ein Feuerchen blitzt auf, um alsbald auch schon wieder zu verschwinden. Doch bald knistert es von neuem; größer und größer wird die Flamme, von ihrem Erzeuger mit rhythmischem Fächerschwung angefacht. Jetzt erkennen wir die Gestalt, es ist der Munchira. Schon nach wenigen Minuten ist der ganze, große Stoß ein einziges Flammenmeer; zitternd huschen seine Reflexe über die glänzenden Gesichter der das Feuer im Kreis umstehenden Männer. Nun hat das Feuer seinen Höhepunkt erreicht. Eilenden Schrittes umkreist es der Munchira; das Gesicht zum Feuer gewandt, läßt er die folgenden Worte dem Munde entströmen: „Laß die Wunden der Knaben schnell und schmerzlos heilen, den Häuptling aber, der diesmal das Likumbi feiert, laß recht viel Freude an den Knaben erleben.“ Dabei bindet er einen weißen Lappen an eine Stange und fächelt das Feuer mit großen Schlägen; die Männer aber umstehen das verglimmende Feuer bis zum hellen Morgen.

Das Feuer als Mittelpunkt einer für das gesamte soziale Leben so einschneidenden Veranstaltung, wie sie die Feier der Pubertät bei diesen Völkern des Südens darstellt, ist meines Wissens etwas im Völkerleben Afrikas ganz Alleinstehendes und Vereinzeltes. Liegt hier ein wirklicher Feuerkult vor, oder ist Rundgang und Ansprache auch nur noch ein letztes, unbewußtes Überlebsel einer solchen uralten Verehrung des lohenden Elementes? Ich weiß es nicht und bin, offen gestanden, auch ganz außerstande, diese Frage ihrer Beantwortung näher zu bringen; von der Hand weisen darf man die Möglichkeit einer ehemaligen Feueranbetung beim Neger ~a priori~ nicht, dazu wissen wir noch viel zu wenig von seiner Kulturentwicklung. Daß noch manche ethnologische Überraschung zu erwarten ist, dafür sind ja meine eigenen reichen Ergebnisse der beste Beleg.

Beim männlichen Geschlecht ist die Hinübernahme aus dem Kindesalter in die Klasse der vollberechtigten Männer eine zwar langdauernde Periode, dabei jedoch ein einziger, in sich geschlossener Übergang; eine Erinnerung an die gemeinsam verlebte Fest- und Leidenszeit bleibt den Männern fernerhin lediglich in einer selbstgewählten, freien Organisation, die man passend mit dem Namen Altersklassen bezeichnet: die einzelnen Unyagojahrgänge halten unter sich zusammen, bis der Tod die einzelnen scheidet. Doch dieses Zusammenhalten muß man sich ins Afrikanische übersetzt denken; es ist kein Verein und kein Klub und keine Verbindung; die alten Freunde wohnen lediglich beieinander, wenn auf der Reise einer in des andern Dorf kommt; sonst nichts. Geheimbünde spielen hier im Osten bewußt nicht mehr in das Wesen der Altersklassen hinein, ganz im Gegensatz zu Westafrika, wo beides Hand in Hand geht, sich gegenseitig genetisch bedingt und wo beides dann seinen äußeren Ausdruck findet in großen Geheimbundsfesten mit Maskentänzen und andern geheimnisvollen, auf das Erschrecken der männlichen Nichtmitglieder des Bundes und der Frauen gerichteten Zutaten. Hier auf dem Makondeplateau treten gegenwärtig alle drei Erscheinungen: die Altersklassen, die Feste und die Maskentänze nur in sehr lockerem Zusammenhang miteinander auf; gleichwohl spricht alles dafür, daß der Maskentanz der Makonde von heute ursprünglich ebenso der Ausfluß eines längst vergessenen Geheimbundwesens gewesen ist wie die ganz analogen Erscheinungen der Neger von Kamerun, Oberguinea und Loango. Auf diesem Gebiete der afrikanischen Völkerkunde wird noch manche harte Nuß zu knacken sein.

Das Unyago des jungen Mädchens ist eine wahre Stufenleiter von Kursen. Ich betone absichtlich das Wort Kursus, denn tatsächlich besteht hier nichts, was an einen chirurgischen Eingriff erinnert, mit nur einer einzigen Ausnahme, bei den Makuamädchen nämlich. Eine allen Stämmen gemeinsame Einrichtung ist es, daß auch jedes Mädchen beizeiten ihre Führerin durch das Unyago bekommt, eine Freundin gleichzeitig für das ganze Leben. Unter der Leitung dieser älteren Frauen und Mädchen macht die Schar der Novizen zunächst einen Lehrgang durch, der inhaltlich ganz dem der Knaben entspricht: die Kinder werden rückhaltlos über alle Geschlechtsverhältnisse aufgeklärt und müssen alles lernen, was sich auf das spätere Eheleben bezieht; dazu müssen sie auch lernen, was die Sitte im Verkehr mit den Stammesgenossen und vor allem mit den Familienmitgliedern vorschreibt. Das ist bei Yao, Makonde und Matambwe einstweilen alles; für die Makua tritt noch ein anderes hinzu: bei ihnen erfolgt wirklich eine Art körperlicher Eingriff. Ich habe es zunächst nicht glauben wollen, bis ich mich schließlich durch mehrfachen Augenschein habe überzeugen können: ganz systematisch müssen die heranwachsenden Mädchen die ~labia minora~ verlängern bis zur Größe von 7 bis 8 und mehr Zentimetern. Der Endzweck der ganzen Maßnahme ist erotischer Natur. Auch bei den andern Stämmen ist nach meinen Gewährsmännern diese merkwürdige Sitte im Schwange, doch ist es mir bisher noch nicht gelungen, sie bei Anhörigen von ihnen zu Gesicht zu bekommen. Schon bei den Makuafrauen war dies schwer genug; erst durch die geschickte Ausnutzung der Lage habe ich Erfolg gehabt. In Newala verbüßten ein paar Frauen eine Art Schuldhaft; ihre Männer waren die Hüttensteuer schuldig geblieben, die nun von den Frauen abgearbeitet wurde. Ich erbot mich, die wenigen Rupien in bar zu erlegen gegen das Recht, die beiden Individuen „im Naturzustande“ photographieren zu dürfen. Zunächst gingen beide unter Lachen auf den Handel ein, später aber wurden sie schamhaft; ich habe sie schließlich noch im frühen Morgennebel in unserer dunkeln Barasa auf die Platte bannen müssen.

Eröffnungs- und Schlußfest begleiten auch diesen ersten Unyagokursus der Mädchen. Daß es dabei ebenfalls hoch hergeht, habe ich an allen drei Orten, wo ich das Chiputu oder Echiputu durch meine Gegenwart zu verherrlichen Gelegenheit gehabt habe, persönlich verfolgen können. Der Durst ist bei dem vielen Tanzen erklärlich!

Knabe und Mädchen werden nun allmählich heiratsfähig; ich habe mich immer wieder bemüht, das Heiratsalter für beide Geschlechter wenigstens annähernd festzustellen, es ist mir jedoch nicht recht gelungen. Die Individuen selbst sind, wenn man sie nach ihrem Alter fragt, stets ungeheuer erstaunt über eine solche Frage -- wie soll ich wissen, wie alt ich bin? will der Blick, mit dem sie den Frager messen, bedeuten --, den Angehörigen aber ist das Alter der Familienglieder ganz gleichgültig. Im allgemeinen wird sehr früh geheiratet; der beste Beleg dafür sind die noch recht jungen Mütter, die sich in jeder größeren Volksversammlung vorfinden, blutjunge Dinger, meist nicht viel weiter entwickelt als unsere Konfirmandinnen. Nach Matola ist früher die Massanjeheirat sehr häufig gewesen; bei ihr wurden schon ganz junge Kinder von 5 bis 7 Jahren miteinander verbunden; man baute ihnen Hütten, in denen sie wohnen mußten. Ab und zu soll diese Einrichtung auch heute noch vorkommen. Nach demselben Gewährsmann herrscht sodann allgemein der Brauch, daß, wenn eine Frau geboren hat, während ihre Nachbarin dem freudigen Ereignis erst noch entgegensieht, jene erste sagt: „Ich habe einen Sohn; bekommst du eine Tochter, so sollen die beiden einander heiraten“, oder aber: „Ich habe eine Tochter, bekommst du einen Sohn, so sollen die beiden einander heiraten.“ Dies geschieht denn auch.

Der Neger ist ein Bauer, nicht nur seinem Berufe nach, sondern auch, wenn er auf die Freite zu gehen sich anschickt; auf keinem anderen Gebiet ist die Gesinnungsverwandtschaft mit unserem Landvolk tatsächlich so verblüffend wie gerade bei dem wichtigen Geschäfte der Werbung. Um es kurz auszudrücken: der verliebte Negerjüngling ist zu schüchtern, um durch eine kühne Tat sein Glück selbst zu schmieden, er benötigt dazu eines Freiwerbers; ganz wie unsere ländlichen Heiratskandidaten auch. Die gegebene Persönlichkeit für dieses Amt ist der eigene Vater; dieser macht unter irgendeinem Vorwand bei den Eltern der präsumtiven Braut seinen Besuch und bringt im Laufe der Unterhaltung das Gespräch auf die Heiratspläne seines Sprößlings. Geht die Gegenpartei auf die Angelegenheit ein, so ist sie auch bald zu einem befriedigenden Abschluß geführt, sofern nämlich auch die Maid einverstanden ist. Die jungen Mädchen sind in Wirklichkeit durchaus nicht in dem Maße bloß Sache, wie wir anzunehmen geneigt sein möchten, sondern sie wollen sehr wohl um ihre Zustimmung angegangen sein, und mancher schöne Heiratsplan zerschlägt sich lediglich aus dem Grunde, weil die junge Dame einen andern liebt. Auch in dieser Beziehung besteht also nicht der mindeste Unterschied zwischen Weiß und Schwarz. Selbstverständlich sind nicht alle Negermädchen Heldinnen des Willlens und der Standhaftigkeit; so manche läßt sich überreden, statt des heimlich geliebten jungen Stammesgenossen einen ihr gleichgültigen alten Herrn zu nehmen; dann läuft sie jedoch, wie das auch anderswo vorkommen soll, Gefahr, von den Gespielen aufgezogen zu werden. Der „junge“ alte Ehemann aber darf ziemlich sicher sein, daß nicht er es allein ist, der die Gunst seiner jungen Frau genießt.

Die Heirat ist ein Geschäft, so denkt der Neger, ganz im Sinne seiner sonstigen Psyche; der Kontrakt gilt denn auch erst in dem Moment als abgeschlossen, wo die beiderseitigen Väter sich über die Höhe des vom Bräutigam zu zahlenden Brautgeschenkes geeinigt haben. Die Leute hier im Süden sind arm, sie haben weder große Herden breitstirniger Rinder, noch auch blökendes Kleinvieh, der ganze Brautkauf, wenn das Wort überhaupt eine Berechtigung hätte, besteht demnach lediglich in der Überreichung einer nicht einmal großen Menge Zeugstoffes.

Ethnographisch viel anmutender als die soeben skizzierte Yaowerbung ist das Verfahren bei Makonde und Makua. Bei diesen treten zwar zunächst auch erst die beiden Väter einander näher, doch sind sie im Grunde genommen nur Vorpostenlinie; die eigentliche Hauptschlacht wird nachher von den Müttern geschlagen, denen entweder ihr ältester Bruder oder aber alle Brüder kräftig Sekundantendienste leisten. Aus dem hier noch in voller Blüte stehenden Mutter- oder Neffenrecht heraus ist die Zuziehung gerade dieser Elemente auch ganz erklärlich.

Von der Standhaftigkeit junger Negermädchen weiß übrigens Nils Knudsen eine nette, kleine Geschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt er sogar selbst als Held steht. In seiner langjährigen Vereinsamung auf Luisenfelde und im Verfolg seines vollkommenen Aufgehens im Volkstum der Wayao hatte sich der blonde Nils einstens auch ein schwarzes Weib genommen. Noch jetzt, nach Jahren, rühmte Knudsen die Tugenden dieser Chipiniträgerin; hübsch sei sie gewesen und häuslich und wirtschaftlich auch, einen ganz ausgezeichneten Ugali habe sie gemacht, und was es an Hausfrauentugenden im Busch noch mehr gibt. Da habe es das Schicksal einstmals gewollt, daß er, seiner Jagdleidenschaft frönend, an den Rovuma gezogen sei; schon nach wenigen Tagen sei er aber heimgekehrt. Müde und abgespannt, mit dem breiten, pendelnden Seemannsschritt, den Nils sich noch aus seiner jäh abgebrochenen Schiffsjungenzeit bewahrt hat, schreitet er seiner primitiven Behausung im Angesicht des stolzen Herrenhauses zu; alles ist still, nichts rührt sich diesmal, im Gegensatz zu sonst, wo das schwarze Weibchen mit dem verschämten Lächeln, wie es eben nur der jungen Negermaid eigen ist, dem blonden Herrn und Gebieter freudig entgegenschritt. Immer noch ahnungslos betritt der Jäger die Küche, den gewohnten Aufenthaltsort der stets Fleißigen; sie ist leer; ebenso das Schlafgemach; desgleichen der Wohnraum mit seiner mehr als dürftigen Ausstattung. Deren Hauptstück ist, wie in jedem afrikanischen Haushalt, der Tisch; auf ihn fallen unwillkürlich die Blicke des Suchenden, und hier findet er endlich auch ein Lebenszeichen und zugleich die Aufklärung über das Vorgefallene. Ein wirres Knäuel ist es, von derber Bastschnur, aber sie ist bis zum Übermaß verknotet. Nils Knudsen hat später die Knoten gezählt; ihrer siebzig sind es gewesen; die Bedeutung des Ganzen war nach den Erklärungen der Stammesweisen: „Siehe, mich haben meine Verwandten von dannen geführt; sie sehen es nicht gern, daß ich mit dem weißen Mann zusammenlebe; ich soll einen schwarzen Mann heiraten, der weit drüben jenseits des Rovuma wohnt. Aber selbst wenn ich so viele Jahre alt werden sollte, wie der Faden Knoten zeigt, ich nehme den schwarzen Mann nicht, sondern bleibe dir, dem Weißen, treu.“ So lautete Nils Knudsens Erzählung; teils mit Rührung, teils mit dem Stolz umworbener Männer schloß er daran die fernere Mitteilung, daß das Mädchen seinen Schwur tatsächlich halte; es säße weit im Innern von Portugiesisch-Ostafrika, ganz in der Nähe des ihm bestimmten Mannes, doch selbst der härteste Druck seiner Verwandten sei nicht imstande, seinen starken Sinn zu beugen. -- „Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn!“

Sehr nüchtern ist die Negerhochzeit; fast könnte man sagen, sie existiert gar nicht. Verlobung und Hochzeit, wenn man so sagen darf, fallen zeitlich zusammen, denn sobald der Heiratskandidat die Zustimmung der maßgebenden Faktoren erlangt hat, besteht keinerlei Hindernis mehr für das Zusammenziehen des Pärchens; höchstens, daß erst eine neue Wohnhütte für die jungen Leute errichtet werden muß. Und wenn diese bezogen ist, dann beginnt jener für das Empfinden von uns schlechten Europäern so seltsame Schwiegermutterdienst, von dem ich früher bereits gesprochen und geschwärmt habe. Kommt, laßt uns in uns gehen, auf daß wir uns bessern! Dann würden wir doch in einer Beziehung die Kulturhöhe des Negers erklimmen!

Nun aber setzt das Kapitel der gegenseitigen Heiratsmöglichkeit ein. Wer darf einander ehelichen, und wem ist es durch altgeheiligten Brauch verboten? Nicht einmal bei uns Weißen ist diese Frage belanglos, um wieviel weniger aber bei Leuten, die sich in sozialer Hinsicht den Urzuständen der Gesellschaft noch ein gut Teil näher befinden als wir demokratisierten Vertreter der sogenannten Vollkultur. Gehört es für die Weisen eines australischen Stammes zu den höchsten Problemen der Sozialwissenschaft, einwandfrei und fehlerlos auszurechnen, welche Maid aus der näheren oder weiteren Umgebung gerade der Jüngling ~A~ des Stammes heiraten darf, und welche für den Jüngling ~B~ in Frage kommen kann, so ist es auch für die Heiratslustigen am mittleren Rovuma nicht belanglos, wohin ihre Neigung fällt.

Es ist am Spätnachmittag; in der Barasa von Newala kauern 15 schwarze Männer würdigen Alters, wie schon Wochen hindurch, auf der großen Matte; von Zeit zu Zeit erhebt sich einer der Alten mühselig, verläßt mit steifgewordenen Beinen den Raum, kommt aber stets nach kurzer Zeit wieder. Die Halle ist heiß, ein übler Dunst liegt über der Versammlung, so daß der Europäer im gelben Khakianzug, der so eifrig an seinem Klapptisch schreibt, sich wieder und wieder an die schmerzende Stirn greift. Die Versammlung ist sichtlich müde, sie hat aber heute auch ein gar zu schwieriges Arbeitsfeld betreten. Stunde um Stunde habe ich, denn ich bin der Mann mit den Kopfschmerzen, erst Nils Knudsen die Grundzüge der menschlichen Ehegebräuche, der verschiedenen Stammesaufteilungen, des Totemismus, des Vater- und des Mutterrechts, kurz einer ganzen Reihe von Punkten aus der Soziologie klarzumachen versucht, mit nur sehr mäßigem Erfolg, wie ich mich bei jeder meiner Fragen überzeugen muß. Jetzt gilt es, im Bunde mit Sefu, dem sonst so Gewandten, und dem blonden Norweger, der sich noch immer nicht von seinen Darmstörungen erholen kann, aus den 15 Stammesweisen über alle diese Sachen herauszuholen, was zu holen ist. Von allen den kleinen Mißerfolgen bin ich schon ganz wild geworden, wild und müde zugleich, so daß ich nur eben noch mit einiger Mühe eine Frage in die Gelehrtenrepublik zu schleudern vermag.

„Nun, alter Dambwala, du bequemer Mann, du hast einen Sohn, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr.“

„Und du Nantiāka, alter Don Juan, du hast eine Tochter, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr.“

„Schön, kann denn nun dein Sohn, Dambwala, hier die Tochter von Nantiāka heiraten?“

„Nein.“