Part 29
Ganz unselbständig ist die Jugend auf dem Gebiete der Musik; ob sie auf der „Sese“, dem geigenartigen Monochord, fiedelt, oder die „Ulimba“, die afrikanische Universalklimper, mißhandelt, jenes kastenartige Gerät, auf dessen Oberfläche sieben hölzerne oder eiserne Tasten angebracht sind, die mit den Fingerspitzen geschlagen werden; ob sie das Mgoromondo, jenes vorsintflutliche Xylophon, bei dem die Tasten auf einem Strohlager ruhen, mit flinken Stäbchen hämmert, oder das „Lugombo“, jenes weit über Ost- und Südafrika verbreitete Bogeninstrument, bei dem die Sehne den durch einen Flaschenkürbis als Resonanz verstärkten Ton gibt, stets sind diese Instrumente mehr oder minder plumpe Nachahmungen des Instrumentariums der Großen. Selbständig ist nur die „Natura“, ein Waldteufel. Dieser besteht aus einem der Quere nach halbierten Flaschenkürbis oder einer halben Baobabfrucht, die mit feiner Tierhaut trommelartig überspannt ist. Von der Mitte der Membran geht ein Grashalm durch das Gefäß, aus dem er weiterhin noch weit nach unten hängt. Ohne Unterlaß fahren die kleinen Schlingel mit angefeuchtetem Daumen und Zeigefinger an dem Halm hernieder; vor den furchtbaren Tönen aber ergreifen selbst meine sonst nicht nervösen Träger die Flucht!
Die Jugend hat nicht nur die Fähigkeit, alte Kulturreste Jahrtausende hindurch zu bewahren, sondern auch den Vorzug, für Fremdes, Neues empfänglicher zu sein als das Alter.
In ihrer Hütte sitzt Akalingēne, die Makuafrau. Ihr Name besagt, daß sie den anderen Frauen des Stammes nicht gleich ist; sie ist viel kräftiger und runder, mit einem Wort viel schöner als die anderen. Das heißt, so war es einmal, damals, als sie noch die runden, braunen Glieder in jugendlicher Lust zur Ngoma wiegte und als sich die Blicke ihrer hübschen, braunen Augen über dem von Monat zu Monat wachsenden Pelele hinweg immer häufiger mit denen des jungen Mitaba trafen. Das ist nun lange her; ihre Formen sind nicht mehr rund und schwellend, die Brust hängt welk herab, eine Folge der vielen Sprößlinge und unausgesetzter Arbeit; auch das Pelele steht nicht mehr keck und stolz in die Weite, sondern legt sich über den Mund wie ein Vorhängeschloß. Akalingēne ist nicht allein; ihr gegenüber am lustig flackernden Herdfeuer kauert ein junges Ding, ihre Tochter; von allen den vielen Mädchen, die sie Mitaba geboren, ist es die einzig Überlebende; die anderen sind schon in früher Jugend dahingerafft worden; die Söhne aber haben längst die mütterliche Hütte verlassen, haben sich ein Weib genommen und sind zu diesem in ferne Gegenden gezogen. Auch Mitaba weilt nicht mehr unter den Lebenden. Sein Name bedeutete nicht umsonst „der Seßhafte“; er war gesetzt und ruhig und baute seinen Mais und seine Hirse an. Nur einmal hat ihn das den Makua eigene Jagdfieber gepackt; da ist er mitgezogen mit den anderen und nicht wieder gekommen; das angeschossene, wütend gewordene Rüsseltier, der Elefant, hat ihn, den Ungeschickten, Ungelenken, angenommen, den vor Schreck Erstarrten in die Höhe geworfen und dann zertrampelt. Nun ist Chimlipa die Freude ihrer Augen und der Trost ihres Alters, ihr junger Schwiegersohn nämlich, der die Tochter erst vor kurzem gefreit. Beide Eheleute zählen noch nicht viele Lenze, und beide sind erst vor wenig Jahren in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen worden.
Chimlipa ist ein braver Bursche; noch zuvorkommender als die Schwiegersöhne ihrer Freundinnen sieht er Akalingene alle Wünsche von den Augen ab; nur etwas wild und unternehmungslustig ist er, und das beunruhigt sie heute mehr als je; mit einem Dutzend gleichgesinnter Altersgenossen -- wer miteinander das Unyago durchlaufen hat, bleibt untereinander befreundet sein Leben lang -- ist er gestern früh noch vor Tagesanbruch auf die Elefantenjagd gezogen, und noch ist keine Kunde von dem Ausgang des gefährlichen Unternehmens eingegangen. Das Abendgericht, ein heute besonders schmackhaft zubereiteter Ugali, ist längst übergar und nur noch schwer zu halten. Immer unruhiger, doch in beharrlichem Schweigen, schauen die beiden Frauen nach der hermetisch verschlossenen Tür; gut verschlossen muß sie sein, so will es der Brauch der Makua, sonst widerfährt dem Jäger ein Unglück, auch sprechen dürfen die Frauen aus dem gleichen Grunde nur das Allernotwendigste. Rrrrrrrrrr bum, ein kurzer, rascher Wirbel von der Hüttenwand her, wo ein Gerät von merkwürdiger Form mit den üblichen Bastschnüren an den rohen Pfählen befestigt ist. Wie elektrisiert sind beide emporgesprungen, schon hat Akalingene ihr scheibenverziertes Ohr in unmittelbare Nähe jenes rätselhaften Gegenstandes gebracht, ein freudiges Grinsen verlängert ihren welken Mund bis fast an beide Ohren, selbst das sonst so konsequent herniederhängende Pelele fällt in seine Jugendgewohnheit zurück und richtet sich so freudig zitternd nach oben, daß der verbogene Oberkiefer und der Zaun der einst so schönen, weißen Zähne in seiner heutigen ganzen Ruinenhaftigkeit der aufgeregt danebenstehenden Tochter im flackernden Dämmerlicht des engen Hüttenraumes entgegenstarrt. Doch schon ändert sich die Szene; Akalingene hat den glatt rasierten, langen, schmalen Kopf gedreht und spricht mit einem Eifer und einer Zungenfertigkeit, die bei der Größe ihres Oberlippeneinsatzes selbst die Tochter erstaunen macht, nun ihrerseits in den Apparat hinein. Endlich aber versiegt auch dieser Redestrom, ein kurzes „~bass~, Schluß“ -- hoch aufatmend wendet sich die Mutter der Tochter zu.
Erst jetzt, im Zwiegespräch der beiden, wird uns Lauschern an der Wand des Rätsels Lösung: Chimlipa hat über Verlauf und glücklichen Ausgang des beschwerlichen Jagdzuges auf dem neuesten Wege Bericht erstattet; er hat dazu den „Sim“ benutzt, wie es die Küstenleute nennen, eine feine Schnur, die in jener kleinen Trommel an der Wand anfängt und weithin durch das schweigende Pori sein Haus mit vielen Dörfern im ganzen weiten Rovumalande verbindet. Es ist aber auch zu drollig: hält man, wenn jenes kurze Trommelzeichen ertönt ist, das Ohr an die feine Haut, die Chimlipa einem Litotwe, jenem kaninchengroßen Nagetier mit dem unglaublich langen Rüssel, entnommen und über die kleine Trommel gespannt hat, dann kann man ganz klar und vernehmlich die Stimme des braven Schwiegersohnes vernehmen und sogar seine Worte verstehen! Diese waren heute so fröhlich und so stolz, hatte der junge Jäger doch seinen ersten großen Elefanten mit mächtigen Stoßzähnen erlegt, daß Akalingene nicht anders konnte: sie mußte ihm eine lange Glückwunschrede halten. Auch er hat sie verstanden, wie seine letzten Worte bezeugten. Die großen Zähne werden aber auch viel Geld einbringen beim Bwana kubwa unten in Lindi, und dann wird Chimlipa ihnen beiden, der Schwiegermutter und der jungen hübschen Frau, der das Pelele so reizend steht, viel schönes, buntes Zeug mitbringen; und schöne, schwere, dicke, massive Messingringe wird er beim Fundi kaufen, und ihre Haare wird er mit schönen, bunten Strohkämmen schmücken. Wird das ein Leben werden!
Hätte ich die Gestaltungsgabe eines Jules Verne und die Phantasie eines Dichters, so möchte mich dieses kleine Stimmungsbild leicht zu weiteren Ausblicken und Träumen verleiten können; so bin ich aber ein nüchtern und real denkender Museumsmann und ein ernsthafter Professor noch dazu, und dem wird die Rückkehr in die rauhe Wirklichkeit nicht schwer. Die Telephonszene könnte sich, wie die Dinge liegen, sehr wohl einmal auf Afrikas Boden abspielen, denn im wesentlichen, wenn auch nur embryonenhaft, sind die Vorbedingungen erfüllt: die Neger hier haben das Telephon, und ich besitze sogar zwei wundernette Exemplare in meiner Sammlung. Der Kampf um eine der Grundfragen der ganzen Völkerkunde überhaupt, ob die auffälligen Übereinstimmungen im Kulturbesitz der Menschheit an räumlich ganz unabhängigen Erdstellen auf einer gleichen psychischen und intellektuellen Veranlagung beruhen, oder ob sie auf Entlehnung von einem Verbreitungsbezirk zum andern zurückzuführen sind, ist bezüglich unseres technisch so hochstehenden Fernsprechers wohl gegenstandslos; kein Mensch wird annehmen, daß der Makua- oder Yaojunge die Sprechmaschine unabhängig von Philipp Reis und Alexander Graham Bell, oder wohl gar noch vor ihnen beiden erfunden hätte, hier liegt ganz unzweideutig Entlehnung vor. Doch auch wie die Negerjugend sich mit dieser Entlehnung abgefunden hat, ist nicht ohne kulturhistorisches Interesse.
Denken Sie sich zwei Miniaturtrommeln, wie ihre großen Vorbilder natürlich schön geschnitzt; beide mit sehr seiner Tierhaut überspannt; in deren Mitte ein feines Loch, in dem Loch eine ebenso feine Schnur, durch einen Knoten auf der Innenseite am Durchgleiten durch die Membran gehindert. Zweifelnd habe ich mir das Ding angeschaut; es ernsthaft zu nehmen, ist mir zunächst gar nicht in den Sinn gekommen. Da endlich einmal eine freie Viertelstunde; ich drücke Knudsen das eine Trommelchen in die Hand und jage ihn davon, bis die wohl 100 Meter lange Schnur straff gespannt ist; ich halte die Membran ans Ohr: „Guten Tag, Herr Professor, hören Sie was?“ höre ich es auch schon klar und vernehmlich aus der kleinen Wundertrommel herausklingen. Also das Ding geht wirklich, fehlt also nur, daß wir die Geschichte ausbauen und uns keck und kühn mit der Küste und dem Kulturzentrum Lindi selbst verbinden! --
Ein für das Negerleben so wichtiger Zeitabschnitt, wie ihn das Unyago mit allen seinen Leiden und Freuden, seinem Spiel und Tanz darstellt, kann ganz naturgemäß nicht ohne Einwirkung auf die Gewohnheiten der Jugend schon vor diesem Lebensabschnitt bleiben. So bin ich denn auch in den Besitz von Ipiviflöten gekommen, die sich in den Händen noch sehr kleiner Knirpse befanden. Aber was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten, und wer nachher in der Daggara schöne Melodien flöten will, der übt sich schon die Jahre vorher. Auch die Kakalle, jene langen, in Ringeln schwarz und weiß gefärbten Stäbe mit ihrer kleinen Trophäe von aufgesteckter Hohlfrucht und wallendem Federbusch an der Spitze, sind mir mehr als einmal von Knaben überbracht worden, die offenkundig noch nicht das Unyago passiert hatten; beide Attribute der fast und der ganz vollendeten Mannbarkeit sind demnach also auch Spielzeuge. Für die Knaben ist dies nicht weiter verwunderlich, denn vor ihnen hat der Neger keine Geheimnisse; bei den Festen sowohl in Akuchikomu wie in Niuchi und Mangupa trieb sich stets eine ganze Schar kleiner, mit Schmutz und Asche überzogener Wichte herum. Seltsamerweise jedoch befanden sich keine halbwüchsigen Mädchen dabei; vor diesen scheint man alles, was auf die Mannbarkeitsfeste und ihre Geheimnisse Bezug hat, ängstlich zu verbergen; erst hier in meinem langen Newalaaufenthalt mit seinen offenen, freien Beziehungen zwischen allen Stämmen und mir und allen Altersklassen untereinander ist es mir möglich geworden, solche junge Dinger zu Gesicht und auf die Platte zu bekommen. Die Erziehung scheint sich viel mehr innerhalb der Wände des Hauses und des Gehöftraumes zu vollziehen, als wir anzunehmen geneigt sind. Auch bei den Hunderten von Besuchen, die ich Eingeborenengehöften gemacht habe, ist es mir nur selten vergönnt gewesen, die kleineren Haustöchter von Angesicht zu Angesicht zu sehen; in der Regel konnte ich gerade nur noch wahrnehmen, wie die schmale Figur sich mit großer Behendigkeit durch die Hintertür entfernte.
Wie das kleine Negermädchen in Wirklichkeit aufwächst und ob es die unsagbar glückliche Jugend unserer kleinen Lieblinge auch nur in abgeschwächtem Maße zu kosten bekommt, kann ich unter diesen Umständen nicht sagen; es spricht nicht viel dafür. Fraglos liebt der Neger sein Kind aus jenem angeborenen Triebe heraus, der allen Eltern eigen ist; er nährt es und schützt es, wo immer es schutzbedürftig ist; er freut sich über sein Gedeihen und ist traurig über sein Siechtum und seinen Tod. Noch immer sehe ich Matola, wie er, dem an sich schon ein etwas melancholischer Gesichtsausdruck eigen ist, eines Tages mit tieftrauriger und doch sichtbar ängstlicher Miene höchst eigenhändig ein kleines Mädchen von 5 bis 6 Jahren herantrug. Es war nicht einmal sein eigen Kind, sondern nur eine Verwandte, doch bat er mich so eindringlich, wie es ihm nur möglich war, der Kleinen meine Hilfe angedeihen zu lassen. Das konnte ich zu meinem aufrichtigen Bedauern in diesem Falle nicht; der Unglücklichen hatte eine bösartige Gangräne die ganze Vorderhälfte des einen Unterschenkels weggefressen, so daß die Bänder bloßlagen und selbst die Knochen sich schon bogen. Ich habe Matola damals eine sehr eindringliche Rede gehalten, ob er denn ein ebensolcher Schensi sei wie seine Leute; diese gingen an ihrem eigenen Stumpfsinn zugrunde, er aber sei doch der Akide und ein kluger Mann dazu, und er wisse doch ganz genau, daß in Lindi deutsche Medizinmänner nicht nur vorhanden seien, sondern daß sie auch selbst solche Wunden heilten, wenn ihnen die Kranken gebracht würden; flugs solle er also das kleine Fräulein hinunterschicken; täte er es nicht, so würde das Kind unfehlbar sterben wie alle seine älteren Geschwister auch.
Zwischen Zweifel und Hoffnung schwankend, hat Matola mich an jenem Nachmittag erst lange angeschaut; dann hat er nach meinen Worten gehandelt. Und er hat recht daran getan, denn wie ich höre, ist die Kleine auf dem besten Wege zur Besserung. Aber erstaunlich und befremdlich ist und bleibt es, wie weit selbst ein so einsichtiger Mann wie der Herrscher von Chingulungulu den Krankheitsprozeß erst hat fortschreiten lassen, bevor er sich ernsthaft nach Hilfe umsah. Und nun gar erst ein Hinterwäldler, der mich hier oben jüngst konsultiert hat. Der Bursche erschien unmittelbar nach meinem Einzuge; sein Kind sei krank, er wolle Daua haben.
„Was hat dein Kind?“
„Eine Wunde am Fuß.“
„Aber Mensch,“ sage ich darauf, „ich kann dir doch keine Daua mitgeben, die verstehst du doch gar nicht aufzulegen, bring dein Kind her; wo wohnst du?“
„~Mbali~, weit, Herr“, tönt es mit merklicher Dehnung zurück.
„Wie weit?“
„Nun, zwei Stunden etwa.“
„So, du Schensi, das nennst du weit; wenn es zum Pombetrinken ginge, dann würden dir selbst 20 Stunden noch ~karibu sana~ sein. Marsch, scher dich weg, und morgen früh um 8 Uhr bist du hier!“ Wer nicht gekommen ist, weder um 8 Uhr noch auch später, das ist dieser edle Kindervater aus dem Makondebusch gewesen. Erst am fünfzehnten Tage nach jener Vorkonsultation erscheint ganz unvermutet eine von einem 5- bis 6jährigen Mädchen begleitete Männergestalt; ich denke gar nicht mehr an den kecken Burschen von dazumal, erinnere mich jedoch sofort der Begegnung, als das Kind, aller angeborenen Scheu zum Trotz, mir seinen Fuß entgegenhält.
Himmel, was muß ich sehen! Der ganze Fuß eine einzige, von Makondedreck und -sand blutig verklebte Masse. Ohne Verzug gehen Stamburi, mein bewährter Lazarettgehilfe, und ich an die Reinigung des Gliedes; als es endlich bloßliegt, zeigt sich, daß der ganze Ballen bis auf die Knochen weggefressen ist; ob durch Sandflohwirkungen allein oder durch eine Summe anderer Umstände, kann ich als Laie nicht entscheiden. Endlich werfe ich einen Blick auf den Papa; wie hypnotisiert starrt der auf eine Antilopenkeule, die Nils Knudsen für die morgige Hauptmahlzeit gerade über meinen Arbeitstisch gehängt hat. Ich rufe den Edlen in die Wirklichkeit zurück, lasse ihm durch Moritz den weichsten Teil einer Wildschweinshaut überreichen und befehle ihm, einen Schuh oder doch eine Sandale, wie sie im Lande durchaus nicht unbekannt sind, daraus zu machen; denn das müsse er doch wohl selber sehen, daß das Kind mit dem neuen Verbande nicht in den schmutzigen Sand patschen könne; sein Messer habe er bei sich, er solle gleich an die Arbeit gehen! Wir beiden Medizinmänner versenken uns von neuem in die Behandlung der wirklich furchtbaren Verletzung; nach einiger Zeit ist der Verband so kunstgerecht, wie es uns möglich ist, angelegt; ein suchender Blick nach dem Vater: dieser hat sich jetzt förmlich in die Keule hineingefressen, so stier glotzt er auf das blutige Stück Fleisch. Es ist doch wirklich gut, wenn die Nilpferdpeitsche in solchen Fällen nicht allzuweit entfernt ist. Noch eine Viertelstunde später, und der dicht umwickelte Fuß des Kindes steckte wohlgeborgen in einem ganz zweckentsprechenden Schweinslederpantoffel. Aber gehört und gesehen habe ich von dem Gentleman niemals wieder etwas; auch gedankt hat er mir nicht, weder für die Behandlung -- noch für die Prügel.
Knabe und Mädchen sind 8 oder 9, oder auch 10 Jahre alt geworden, ohne daß etwas Bemerkenswertes von außen in ihr Leben eingegriffen hätte. Da beschließt der Konvent der Männer, der nach der Beendigung der Ernte die große Pfeilerhalle der Barasa tagtäglich füllt, daß das Unyago in diesem Jahre hier im Dorfe gefeiert werden soll. Nachdem alle anderen Distrikte in den letzten Jahren die Lasten des Festes auf sich genommen haben, ist es Ehrenpflicht, jetzt hierher einzuladen. Dem Beschluß folgt sehr bald die Ausführung; der Mond ist stark im Abnehmen, und vor dem Neumond noch muß das Fest im Gange sein. Dieses Unyago besitzt in seinem ersten Teil bei allen Völkern des Gebietes ganz gleiche Züge: die Männer errichten auf einem in der Nähe des Festdorfes gelegenen, möglichst freien Platz einen mehr oder minder ausgedehnten Ring von einfachen Strohhütten. Auf diesem Platze spielt sich das Eingangs- wie auch das Schlußfest ab; die Hütten sind die gegebenen Wohn- und Schlafräume für die Mannbarkeitskandidaten. Ein ganz ausgezeichnet erhaltener Festplatz mit allem Zubehör war jener Kreis von 50 Meter Durchmesser, den ich bei meinem Besuch des Echiputu von Akuchikomu aufnehmen konnte; die halbverkohlten Reste einer ebensolchen Lisakassa, wie das Hüttensystem im Kiyao heißt, waren als Erinnerung an ein früheres, frohes Fest diesseits Akundonde am Wege zu sehen.
Es liegt in der Natur der ganzen Veranstaltung, daß beim Unyago Knabe wie Mädchen sich vorwiegend passiv verhalten. Sie sitzen tatenlos, stumm und ohne sich zu rühren jedes in seiner Hütte, während sich in der ersten Nacht des Festes die Erwachsenen zu Schmaus und Trunk in wildem Masewetanz bewegen. Die Knaben werden am nächsten Tage, jeder von seinem Mentor geleitet, unter der Aufsicht eines Oberleiters in den Wald geführt. Dort schlafen sie eine Nacht ohne jeden Schutz; nur am nächsten Tage dürfen sie sich eine kurze Spanne Zeit einmal selbst betätigen; dann gilt es nämlich, im Verein mit ihren Anamungwi, den Lehrern, die Daggara zu bauen. Aber kaum ist die luftige Hütte im tiefsten Pori vollendet, so ist auch schon die alte Sachlage wieder hergestellt; einer nach dem anderen wird in jenem Häuschen auf ein sehr primitives Ruhebett von Hirsehalmen gelegt; mit scharfem Schnitt vollführt der Wamidjira die Operation; wochenlang liegen darauf die kleinen Patienten in langer Reihe da, ohne in den langwierigen Heilungsprozeß irgendwie eingreifen zu können. Erst wenn die Wunde verheilt ist und der Unterricht in den Sexualien und der Moral mit allen Kräften eingesetzt hat, gewinnen auch die Wari, wie die Knaben jetzt heißen, mehr und mehr das Recht, am öffentlichen Leben teilzunehmen; die kleinen Kerle werden übermütig und vollführen manchen tollen Streich. Wehe der Frau oder dem Mädchen, das sich, der Lage der Daggara unbewußt, in diese Waldregion verirrt: wie eine Schar übermütiger Kobolde stürzt sich die Schar der Knaben auf die Unglückliche, neckt sie, fesselt sie und mißhandelt sie wohl gar. Nach Volksgesetz haben die Wari das Recht dazu, denn ihr Aufenthaltsort im Walde soll jeder weiblichen Person gänzlich unbekannt bleiben. Mit dem Hinausziehen in das Pori ist der junge Sohn für die Mutter gestorben; wenn er wiederkehrt, wird er ein neuer Mensch sein mit neuem Namen: an das ehemalige Verwandtschaftsverhältnis erinnert nichts mehr.
In welchen Bahnen sich der Unterricht hier in der Daggara bewegt, habe ich bereits früher zu schildern versucht; der bierehrliche Akundonde und sein trinkfester Minister sind unstreitig die zuverlässigsten Gewährsmänner in bezug auf alle diese Weistümer. Es bleibt ewig schade, daß der überraschend schnell erzielte „Anschluß“ der beiden mich um den Schluß der Rede an die Wari gebracht hat; doch zur Kennzeichnung der hier herrschenden Unterrichtsprinzipien genügt ja auch jenes mitgeteilte Bruchstück.
Für die Knaben erreicht das Lupanda seinen Höhepunkt erst mit dem Schlußfest. Die Vorbereitungen dazu sind auf beiden Seiten groß: im Walde werden die Wari von ihren Mentoren durch Rasieren des Kopfes, Bad, Neueinkleidung und Salben mit Öl erst wieder in einen menschenwürdigen Zustand versetzt, im Festdorf aber beginnen die Mütter bereits lange vor dem festgesetzten Termin, große Mengen Bier zu brauen und noch größere Haufen von Festgerichten vorzubereiten. Und ist der große Tag endlich gekommen, dann zieht es heran; hei, wie glänzen der glattrasierte Kopf, das Gesicht und der Nacken in der strahlenden Tropensonne vom triefenden Öl, wie stolz schreiten die kleinen Männer in ihren neuen Prunkgewändern einher, und mit welch sicherem Takt schwingen sie in der Rechten die Kakalle, jene uns bekannten Rasselstäbe! Rechts und links hat sich die Mauer der erwartungsfrohen Erwachsenen aufgebaut. Immer lauter, immer gellender durchzittert der schwirrende Frauentriller den weiten Festplatz; dort setzt auch schon die Trommelkapelle mit ihren aufregenden Takten ein; aus rauhen Männerkehlen erschallen die ersten Takte eines Ngomenliedes, kurz alles entwickelt sich herrlich, urecht afrikanisch.
Die Neger sind Menschen wie wir anderen auch, ihr Tun und Trachten ist demnach auch ebenso vielfachen Veränderungen unterworfen wie anderswo. Von meinem mehr als einmonatigen Newalaaufenthalt habe ich einen unverhältnismäßig großen Teil auf die Festlegung des typischen Verlaufs aller dieser Feste verwandt. Das ist eine Heidenarbeit gewesen; wollte ich ganz klug sein und bestellte mir meine Gelehrten nach Stämmen geordnet, so durfte ich sicher sein, daß die paar alten Herren wenig oder gar nichts sagten; des Negers Intellekt scheint sich nur dann betätigen zu können, wenn er im Kreise vieler Männer durch scharfe Rede und Gegenrede gereizt und geweckt wird. So habe ich denn stets von neuem auf mein ursprüngliches Verfahren zurückgreifen müssen, den gesamten Senat der Wissenden, rund 15 alte Herren, Yao, Makua, Makonde bunt durcheinander, zu meinen Füßen zu versammeln. Dies hat mir zwar insofern geholfen, als nunmehr stets eine rege Diskussion entstand, doch wie schwer ist es mir geworden, nun das eine Volkstum vom anderen scharf zu trennen! Dennoch ist mir die Aufgabe, wie ich sagen zu dürfen glaube, mit viel Glück und einigem Geschick soweit gelungen, daß nunmehr wenigstens eine Art Leitfaden über diese Dinge gegeben ist. Die sicher bestehenden kleinen Lücken auszufüllen und die zweifellos vorhandenen Ungenauigkeiten zu berichtigen, überlasse ich getrost meinen Nachfolgern.