Part 28
Jetzt sehe ich mir auch den Hammer an; mein Künstler verfügt über die einfachere, aber bessere Form: auf dem Hammerstiel steckt als wirksame Masse ein derber Holzkegel, dessen breite Basis, die Schlagfläche, kreuz und quer mit mehr oder minder derben Riefen versehen ist. Bei der ursprünglichen Form ist der Kegel ebenso gestaltet, aber er ruht in einem kunstvoll verflochtenen System von Baststreifen, die ihn an einem aufgespaltenen Bambusstab als Stiel befestigen. -- Die völkerkundliche Erfahrung, daß alte Sitten und Gebräuche sich am längsten im Kult und im Kinderleben erhalten, finden wir auch bei diesem Rindenstoffe bestätigt; wie ich sehr bald erzählen werde, wird er noch während des Unyago getragen, nachdem er unter bestimmten Zeremonien höchst feierlich erzeugt worden ist; auch legt manche Mutter, wenn sie sonst nichts hat, ihrem Sprößling noch hie und da ein Rindenschürzchen an. Das sieht dann viel schöner und weit afrikanischer aus als der lächerliche Lappen aus Uleia.
Fünfzehntes Kapitel.
„Und will sich nimmer erschöpfen und leeren.“
+Newala+, Anfang Oktober 1906.
Ein paar Tage lang hat es geschienen, als wolle unser deutscher Altweibersommer vom fernen Uleia aus uns hier oben einen Besuch abstatten, so frisch-kühl schien die Sonne auf Weiße und Schwarze hernieder, und so windstill war es um unsere Barasa. Jetzt aber umbraust wieder der altgewohnte eisige Novemberost die Boma von Newala, und geregnet hat es gerade am Michaelistage auch schon. Das muß wohl ein hierzulande allgemein verstandenes Signal für jung und alt gewesen sein, denn weder die unvermeidlichen Knaben belagern mich, noch kehren auch meine Gelehrten wieder. Erfreulicherweise habe ich die alten Herren im Laufe der letzten Wochen so auspressen können, daß ich schon jetzt, im unanfechtbaren Besitz einer Unsumme von Aufzeichnungen und Notizen, vollauf befriedigt von dannen pilgern könnte, hielten mich nicht die Sprachaufnahmen, in die ich mich nun einmal verbissen habe, noch für eine kurze Spanne zurück. Ganz unmöglich ist es, an dieser Stelle auch nur die knappste Skizze von dem zu geben, was ich, der nunmehr wissend Gewordene, von allen diesen mehr oder minder seltsamen Sitten und Gebräuchen in mein vor Glückseligkeit jauchzendes Gemüt aufgenommen habe. In amtlichen und nichtamtlichen Schriften, zu denen ich sicherlich die Muße manchen Semesters werde opfern müssen, ist der Platz für alle Einzelheiten; was ich hier bringen kann, darf und will, ist lediglich ein Hervorheben gerade dessen, was vermöge seiner Eigenart jeden Kulturmenschen fesseln kann und wohl auch wird.
Ein unbegrenztes Forschungsfeld sind die hiesigen Personennamen. Wo der Islam bereits Fuß gefaßt hat, herrscht auch die arabische Benennungsweise; da marschiert neben dem Makonde-Askari Saidi bin Mussa sein Kamerad vom Nyassasee Ali bin Pinga, und hinter dem Yaoträger Hamisi zieht Hassani aus Mkhutu seines Weges fürbaß. Bei den Binnenstämmen waltet als soziales Prinzip die Sippeneinteilung vor; daher tritt selbst noch zu dem Vornamen der zum Christentum Bekehrten der Name des Clans. Daudi (David) Machina nennt sich der schwarze Pastor von Chingulungulu, und Claudio Matola heißt der präsumtive Nachfolger Matolas I. und Matolas II. Über diese Namen des Innern gleich mehr.
Ebenso fesselnd wie die Namen selbst ist oftmals ihre Bedeutung; schon meine braven Träger haben mir in dieser Richtung manch fröhliche Minute verursacht; sie führen zum großen Teil auch gar zu drollige Bezeichnungen. Pesa mbili, Herr Zweipfennig in deutscher Währung, ist uns ebensowenig ein Fremder mehr wie seine Freunde Kofia tule, der lange Mann mit dem flachen Käppchen, Herr Kasi uleia, der Mann, der beim Europäer Arbeit nimmt, und Herr Mambo sasa, die „Sitte von heute“. ~Mambo sasa~ ist und bleibt für mich die lebendige Illustration zu meiner mitgenommenen Phonographenwalze aus der „Fledermaus“, die ihr „Das ist nun mal so Sitte“ wohl aus dieser Ideenassoziation heraus jetzt häufiger ertönen lassen muß als früher. Außer diesen Getreuen laufen unter meinen zwei Dutzend schwarzen Kameraden noch folgende Gentlemen herum: Herr Decke (Kinyamwesi: Bulingeti, verderbt aus dem englischen ~blanket~); Herr Cigaretti (bedarf keines Kommentars); Herr Kamba uleia (keck, aber sehr frei übersetzt: du deutscher Strick); Herr Berg oder Hügel (Kilima), und die Herren Kompania und Kapella. Ins Seemännische fallen die Namen Maschua (Boot) und Meli (vom englischen ~mail~, das Dampfboot); ins Arithmetische Herr Sechs (Sitta). Den würdigen Beschluß macht Mpenda kula, Herr Freßsack.
Den Namen der Binnenstämme fehlt der merkbare europäische Einschlag dieser Trägernamen, doch spaßig will uns auch hier mancher erscheinen. Ich bemerke dabei, daß diese Namen durchweg nicht die ersten sind, die ihren Träger zieren; wie sooft bei Naturvölkern, auch heute noch bei den Japanern, haben wir auch hier die Erscheinung, daß jeder einzelne im Anschluß an die erlangte und festlich begangene Mannbarkeit einen neuen Namen bekommt. Den hiesigen Eingeborenen ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Wechsels nicht oder nicht mehr bekannt, doch geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß die neue Benennung auch einen neuen Menschen bedeutet; jede Erinnerung an den alten Adam ist damit ausgelöscht, der neue Mensch aber steht in ganz anderem verwandtschaftlichen Verhältnis zu seinen Angehörigen und Stammesgenossen als der frühere. Offiziell ist jeder erwachsene Yao, Makua, Makonde oder Matambwe berechtigt, sich als Pate anzubieten, doch erweckt mir die Mehrzahl der Namen den Eindruck, als seien sie in Wirklichkeit Spitznamen, die ihrem Träger gelegentlich aus dem Bekanntenkreis anfliegen; der Neger hat bekanntlich ein sehr feines Gefühl für die Schwächen und Blößen des anderen.
Chelikŏ́sue, Herr Ratte, ist uns von seinen Heldenliedern von Chingulungnlu her schon bekannt; zu ihm gehört der Namenklasse nach Chipembēre, Herr Nashorn. Dieser neigt zum Jähzorn wie jener Dickhäuter, daher sein Name. An die ursprüngliche Stammeszugehörigkeit, nämlich zu den Wandonde, erinnert der Name des alten Biervertilgers Akundonde. Der Sieger im Gefecht ist Chekamĕ́nya; Freude herrschte über die Geburt des Machīna; Makwenja rafft alles an sich; Chemduulăgá macht hingegen wenig aus sich, er ist die verkörperte Bescheidenheit. Ebenso ist Mkotima ein ruhiger Mann; Siliwindi ist nach dem gleichnamigen guten Sänger unter den Vögeln des Landes genannt; Mkokora endlich trägt den Schmutz mit den Händen weg.
Das sind Wayao-Männernamen. Von den Frauennamen dieses Stammes will ich nur folgende hervorheben: Frau Chemā́laga; sie ist ganz allein zurückgeblieben, alle ihre Angehörigen sind gestorben; Frau Chechelajēro, die es immer schwer hat; Frau Chetulāye, die schlecht lebt, und schließlich Chewaŏ́pe, sie ist dein.
Die Personennamen der übrigen Völker sind im großen ganzen desselben Charakters: Kunanyupu, Herr Gnu, ist ein alter Makua, der nach seiner eigenen Aussage in seiner Jugend viele Gnus erlegt hat; Nantiaka ist der Don Juan, der von einer zur andern flattert. Geistesverwandt ist Ntindinganya, der Spaßvogel, der anderen in die Schuhe schiebt, was er selber ausgeführt hat; Linyongonyo ist der Schwächling ohne Kraft, Nyopa aber der Ehrgeizige, der danach strebt, daß andere ihn fürchten; Madriga ist der Betrübte, der Hypochonder; Dambuala der Faule.
Unter den Frauen ist Aluenenge die Selbstbewußte; ihr Herr und Gebieter hat sich zwar noch ein zweites Weib genommen, aber bei der wird er, das weiß Aluenenge ganz bestimmt, nicht bleiben, sondern reuevoll zu ihr zurückkehren. Weit weniger glücklich ist Nantupuli dran; sie läuft in der Welt herum, bekommt aber nichts, weder einen Mann, noch sonst etwas. Wieder zur Kategorie der Unglücklichen gehören dann Atupimiri und Achinaga; jene besitzt einen Mann, der wenig seßhaft ist; immer ist er auswärts, nur von Zeit zu Zeit kommt er, um seine Frau zu „messen“, d. h. zu sehen, ob sie sich gut oder schlecht beträgt. Achinagas Mann aber ist stets krank und kann nicht arbeiten; so muß sie alles allein machen. Eine Pesa mbili gibt es auch unter den Makondefrauen; „früher stand ich hoch,“ so besagt der Name, „in der Wertschätzung der Männer, jetzt aber bin ich nur noch zwei Pesa wert; ich bin alt geworden.“ Schönheit steht eben auch beim Neger im Preise.
Ein sehr dankbares, aber auch recht schwierig zu beackerndes Forschungsfeld ist für mich allerorten die Feststellung der Gebräuche, die den einzelnen in seinem Dasein von der Wiege bis zum Grabe begleiten.
In der mütterlichen Hütte ist das kleine Negerkind, das noch gar nicht schwarz, sondern ebenso rosig aussieht wie unsere Neugeborenen, zur Welt gekommen; der Herr Vater ist weit vom Schuß; ihn haben die weisen Frauen beizeiten gehen heißen. Säuberlich wird das Baby gewaschen und in ein Stück neuen Rindenstoffes gewickelt. Dabei salbt man seine Ohren mit Öl, damit es hören soll; das Bändchen unter der Zunge aber löst man mit dem landesüblichen Rasiermesser, damit es sprechen lerne. Knaben werden wie überall gern gesehen; in bezug auf Mädchen verhalten sich die Stämme und, genau wie bei uns, auch die einzelnen Familien verschieden. In der Völkerkunde ist oft zu lesen, daß die Naturvölker die Geburt von Mädchen aus rein mammonistischen Gründen freudig begrüßten, brächten doch die erwachsenen Mädchen dem Elternpaar bei der Heirat den Kaufpreis ein. Bis zu einem gewissen Grade mögen derartige Momente auch hierzulande mitspielen, im allgemeinen aber sind Mädchen schon deswegen gern gesehen, weil sie der Mutter bei den mannigfachen Arbeiten in Haus und Feld frühzeitig an die Hand gehen können. Nach ihrer Verheiratung wird der Herr Schwiegersohn zudem zum treuesten, unentgeltlichen Diener des mütterlichen Hauses. Hier, im Lande der Exogamie, der Außenehe, siedelt nämlich die junge Frau nicht mit in das Heim des Ehemannes über, sie tritt auch nicht in seine Verwandtschaft hinein, sondern gerade umgekehrt: der Mann verläßt Vater und Mutter und zieht entweder direkt ins schwiegermütterliche Haus oder baut sich doch unmittelbar daneben an; in jedem Fall aber sorgt er, bis seine eigenen Familienumstände es anders bedingen, mit voller Kraft jahrelang für die Erhaltung des schwiegermütterlichen Anwesens; er besorgt die Aussaat und die Ernte, macht neue Felder urbar, kurz, er sieht der Schwiegermama jeden Wunsch an den Augen ab. Er trägt sie auf Händen.
O, wie habe ich mich geschämt, sooft das Gespräch sich mit diesem und so manchem anderen Punkt des hiesigen Volkstums befaßte. Sind das nun Wilde, oder sind wir es? Blitzschnell genieße ich rückschauend 20, 30 Jahrgänge der „Fliegenden“ und noch einiger anderer Witzblätter; unsere Bilanz wird immer schlechter, immer passiver. Ich mit meinem flüchtigen Durchstreifen des Landes kann es ja nicht wissen, aber Knudsen, dieser vollkommen Eingelebte, mit der Denk- und Handlungsweise der Leute vollkommen Vertraute, bestätigt mir, sooft ich will, daß nicht nur das Verhältnis vom Schwiegersohn zur Schwiegermutter als geradezu ideal zu bezeichnen ist, sondern daß auch sonst das Benehmen der Jugend dem Alter gegenüber das Prädikat „musterhaft“ bekommen muß. Wir Angehörigen der höchsten Kulturschicht, oder, nach bei uns allgemein geteilter Ansicht, der Kulturschicht schlechthin, verbringen unser halbes Leben in den Erziehungsanstalten der verschiedensten Arten und Grade: das Endergebnis legt uns dann die Statistik dar: 0,~x~% Analphabeten in diesem Staat, 0,~y~% in dem benachbarten Reich, ~z~% weiter im Osten, gegen Halbasien zu. Wir stehen natürlich obenan, denn wir haben ja den geringsten Prozentsatz. Du lieber Gott, wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, der höre und schaue, aus wie wenig ethischem Empfinden und wieviel Rüpelei sich die Lebensbetätigung gerade unserer Kulturnationen zusammensetzt. Ich werde mich hüten, gegen unseren Unterricht und gegen unsere Schule etwas zu sagen, ich bin ja selber eine Art Schulmeister, aber bedenklich muß es doch stimmen, sehen zu müssen, wie wurmstichig so viele unserer Früchte trotz aller auf sie verwandten Sorgfalt sind, und wie ethisch gesund dagegen das Volkstum dieser Barbaren uns entgegentritt. Und das alles lediglich auf Grund eines Unterrichts von ganzen drei oder vier Monaten, eines Unterrichts zudem durch Lehrer, die weder eine Schule durchlaufen, noch sonst studiert haben!
Zwillingen gegenüber verhalten sich die hiesigen Völkerschaften verschieden; bei den Yao werden sie mit ungeteilter Freude begrüßt, bei den Makonde hingegen sieht man in ihrer Geburt etwas Schreckliches, das man für die Zukunft mit Hilfe von allerlei Medizinen abzuwenden sucht. Doch auch hier sind die Eltern nicht grausam genug, die einmal Geborenen umzubringen; man läßt sie am Leben und behandelt sie genau wie bei den Yao, d. h. man kleidet sie stets ganz gleich. Würde man von diesem Grundsatz abweichen, so würde unfehlbar eins der beiden Kinder sterben, so sagen die Leute.
Das erste Lebensjahr verfließt dem kleinen Negerkind in innigster Gemeinschaft mit der Mutter. Sie und ihr Neugeborenes zeigen sich schon nach einem Wochenbett von nur wenigen Tagen auf einem ersten Ausgang dem Volke, das, nicht anders als bei uns, den neuen kleinen Weltbürger gebührend bewundert. Wie ein Klümpchen Unglück hockt es in einem großen, bunten Tuch, das den Oberkörper der Mutter fast ganz umschließt. Meist hängt der Sack für die Aufnahme des Kindes auf dem Rücken, fast ebenso häufig aber schwenkt die Mutter Sack und Baby auf eine der Hüften herüber. Naht sodann die Zeit der Nahrungsaufnahme für das Kind, so werden beide nach vorn befördert. Nichts macht auf mich so sehr den Eindruck des Armen und Primitiven als gerade diese Art der Kinderwartung: kein Wechsel der Wäsche bei Mutter und Kind, denn es ist kein Ersatz vorhanden; kein Trockenlegen, kein Einpudern, keine Windel, kein regelmäßiges Baden von den Tagen des Wochenbettes ab, keine Hygiene des Mundes. Dafür wundgefressene Körperstellen bei fast jedem Kinde, besonders in den Gelenkbeugen und der Analfalte; verheilende Schorfe, wo trotz der Vernachlässigung des Körpers die Natur den Sieg davonträgt; ziemlich allgemein tränende, trübe Augen infolge der ewigen Fliegenattacken; vereinzelt schließlich Schwämme und Pilze in so furchtbarem Maße, daß sie den Unglückswürmern direkt aus Nase und Mund herausquellen!
Ich bin vor einer halben Stunde ins Negerdorf gekommen; die Männer und Knaben sind nach zwei Minuten bereits zur Stelle gewesen, die Frauen kommen langsamer; die kleineren Mädchen bleiben merkwürdigerweise ganz aus. Ganz wie bei uns hat sich die Frauenwelt schleunigst zu einem dichten Klumpen zusammengeballt. Zunächst herrscht noch scheue Stille; kaum aber hat man sich an den Anblick des Weißen gewöhnt, da plappert es auch schon, selbst den riesigsten Lippenscheiben zum Trotz, in allen Tonarten. Mindestens die Hälfte aller Weiber ist babybehaftet, doch wie weit ist hier dieser Begriff zu dehnen! Wahre Riesen, von zwei, ja von vielleicht drei Jahren gar, räkeln sich auf den schmächtigen Hüften der immerhin zarten Mama herum, oder unternehmen einen mit furchtbarem Ungestüm durchgeführten Angriff auf den mütterlichen Born. Es scheint, als wenn gerade meine photographischen Apparate zu diesen Angriffen reizten: wie auf Verabredung schnellt die ganze kleine, schwarze Schar genau in dem Augenblick um die mütterlichen Hüfte herum, wo ich auf den Ball drücke. So weit ist dies alles ganz lustig und gibt zu vielen Heiterkeitsausbrüchen Anlaß; zu unbändiger Heiterkeit jedoch steigert sich diese Lust bei uns beiden schlechten Europäern, wenn bald hie, bald da die Mütter ganz plötzlich mit der Hand energisch am Oberschenkel entlang fahren und rasche Schleuderbewegungen vollführen. Das ist die Folge der Windellosigkeit, die sich hier geltend macht; auch ein kleines Negerkind ist von Hause aus nicht stubenrein! Wir Europäer haben gut lachen; verständiger, menschenfreundlicher und edler würde es sein, wenn Regierung und Mission sich verbünden würden, um, weniger durch ärztliche Tätigkeit, die immer nur lokal beschränkt sein kann, als durch eine im großen Maßstabe durchgeführte Erziehung der Mütter zu den einfachsten Grundregeln der Hygiene und Reinlichkeit diesen schauderhaften Zuständen ein Ende zu bereiten. Es gilt in erster Linie jener schrecklichen Kindersterblichkeit vorzubeugen, die nach allem, was ich sehe und höre, die Hauptursache für die geringe Volksvermehrung ist.
Die weitere Negerkindheit verläuft nicht viel anders als unsere eigene verlaufen ist; die kleinen Jungen rotten sich zu Trupps zusammen, die in Dorf und Pori ihre Spiele treiben; das kleine Mädchen aber fängt sehr bald an, die Mutter durch kleine Hilfeleistungen in Haus und Feld zu unterstützen.
Mit außerordentlicher Beharrlichkeit bin ich, wo immer ich hier meine Sammeltätigkeit betrieben habe, auf die Zusammentragung aller im Lande vorkommenden Spiele und Spielsachen versessen gewesen. Mit dem Kinderspiel hat es eine eigene Bewandtnis; das Kind ist vom ersten Tage seines Daseins an überall dabei, wo etwas los ist; wiegt sich die Mutter im Reigentanz, das Baby im Tragsack macht jede Bewegung mit; sozusagen instinktiv lernt es auf diese Weise tanzen. Denn wenn es sich später auf die eigenen kleinen Füße stellt, macht es mit derselben Sicherheit mit, wie ein eben aus dem Ei geschlüpftes Rebhuhn seiner Nahrung nachgeht. Ob das Negerkind über diese Tanzvergnügungen hinaus eigentliche Gesellschaftsspiele besitzt, kann ich nicht sagen; gesehen habe ich bis jetzt nichts davon, man müßte sonst die Virtuosität im Händeklatschen dazu rechnen, das mit seinem ansprechenden Rhythmus und, fast möchte man sagen, seinem Melodienreichtum auch hier zu Hause ist. Sonst scheint jedes Kind auf sich selbst angewiesen zu sein, wenigstens was sein Spielzeug anbelangt. Für den Knaben ist zunächst Bogen und Pfeil unerläßlich; hätte ich alle diejenigen Kinderbogen aufkaufen wollen, die mir angeboten worden sind, es wäre eine kleine Schiffslast geworden. Den Charakter des Überbleibsels verleugnet die Waffe gleichwohl auch hier in Afrika nicht, ihre Beschränkung auf das Kind läßt sich vielmehr vollkommen in Parallele mit unserem Flitzbogen bringen; auch sie ist heute kein ernsthaftes Kriegsgerät mehr, sondern vorwaltend Spielzeug und höchstens Jagdgerät. Dem entspricht es vollständig, wenn die Kunst des Bogenschießens bei den Erwachsenen ebenso schlecht ist wie bei den Kleinen, und umgekehrt. Wo das Gewehr einmal seinen Einzug gehalten hat, erfreuen sich primitivere Waffen keiner Wertschätzung mehr.
Das Zusammenbringen einer ethnographischen Sammlung ist hierzulande nicht leicht; die Leute bequemen sich erst mehr infolge meiner sehr entschiedenen Haltung als im Hinblick auf meine Hellersäcke zur Einlieferung von allerlei Krimskrams; um wertvollere Besitzkategorien zu erhalten, wie die größeren Stücke des Hausrats, Masken und andere Kunstwerke, muß ich sogar häufig zu dem kleinen Gewaltmittel greifen, den betreffenden Dorf-Jumben für die Ablieferung der Stücke moralisch verantwortlich zu machen. Und dabei bekommen die Leute jedes Stück gut bezahlt. Wie außerordentlich schwierig aber erst das Zusammentragen gerade der Spielsachen ist, davon macht man sich zu Hause gar keinen Begriff. Ich habe folgende Erklärung dafür. Käme z. B. ein japanischer Ethnograph im Herbst nach Deutschland, so würde es ihm ein Leichtes sein, eine ungeheuere Sammlung von Kinderdrachen anzulegen; den Kreisel aber, um irgendein anderes unserer typischen Kinderspielzeuge herauszugreifen, würde er zweifellos erst auf seine bestimmte Nachfrage hin bekommen und registrieren können. Ganz so ist es auch hier; jedes Ding hat seine Zeit, und vor allem jedes Spielding. Ich habe nach dieser Erkenntnis überall kurzen Prozeß gemacht und einfach vor versammeltem Volk ein ganzes Kolleg über alle Spielsachen der Menschheit gehalten: „Habt ihr dies und habt ihr das, so bringt’s mal schleunigst her.“ In vielen Fällen reicht weder die Sprache noch der Dolmetscher aus, dann muß die Geste das fehlende Wort ersetzen. Mit welch verblüffendem Erfolg habe ich eines Tags in Chingulungulu erlebt, wo auf meine kühne Schleuderbewegung hin Salim Matola, der Vielgewandte, nach kurzer Zeit mit zwei merkwürdigen Dingen erschien, die sich auf Grund des von ihm sofort vorgeführten Gebrauchs als ein veritabler Wurfstock und als eine Wurfschlinge, als ein Amentum, herausstellten. Ich habe nur selten so das Gefühl eines vollen Erfolges gehabt, wie in diesem Augenblick; Wurfstock und Wurfschlinge im ethnographisch so öden Osten von Ostafrika, wer hätte das je ahnen können! Jener ist ein Gerät, das keinen anderen Zweck verfolgt, als den Unterarm beim Speer- oder Steinwurf zu verlängern, er stellt sich also, physikalisch gesprochen, als die Verlängerung eines Hebelarms dar. Seinen Hauptverbreitungsbezirk hat der Wurfstock in Australien, in einigen Teilen der westlichen Südsee, bei den Hyperboräern und hie und da in Amerika; der Neger hatte nach unserer bisherigen Kenntnis diese Erfindung nicht gemacht. Die Wurfschlinge verfolgt genau denselben Zweck der Verlängerung des Hebels, nur daß Speer oder Stein bei ihr nicht mit dem Einsatzhaken des Stockes oder Brettes fortgeschleudert werden, sondern mittels einer Schnur, die auf der Zeigefingerwurzel befestigt wird, während sich das freie Ende um das Wurfobjekt schlingt. Wirft der Krieger den Arm nach vorn, so entfernt sich die Waffe vermöge der Fliehkraft von der Hand, rollt dabei aus der Schnurumwicklung heraus und saust mit großer Anfangsgeschwindigkeit davon.
Wo solche Altertümer vorkommen, so habe ich damals gedacht, da wird auch manches andere noch zu finden sein. Diese Erwartung hat sich tatsächlich auch erfüllt, indessen habe ich doch vorher noch einen wahren Kampf mit dem Überfluß an einem anderen Spielzeug durchfechten müssen. Eines Tages fiel in dem erwähnten Kolleg die Geste des Peitschens über die Erde hin; diesmal war sie richtig verstanden worden, denn von da an hat mich die Negerjugend mit Kreiseln förmlich überschüttet. Nicht weniger als vier Arten sind hier im Gange: eine genau unserem europäischen Kegelkreisel entsprechende, die auch, wie unser Kreisel, mit der Peitsche angetrieben wird; eine andere, wo auf einen kurzen, derben Holzstift als Rotationsachse ein rundes oder quadratisches Stück Flaschenkürbis geschoben ist; eine dritte, wo unter diese fünfmarkstückgroße Scheibe noch eine kleinere geschoben ist, um den Schwerpunkt zu erhöhen; schließlich eine sehr komplizierte Maschine, die in der Wirkung vollständig unserem Singkreisel entspricht. Nr. 2 und 3 bedürfen keiner Peitsche, werden vielmehr mit Daumen und Mittelfinger angetrieben, Nr. 4 hingegen benötigt eines Abzugsrahmens in Gestalt eines der Länge nach durchbohrten Stückes von einem ausgesogenen Maiskolben, durch den die Abzugsschnur schnell zurückgezogen wird. Wie so vieles andere, wird dem jungen Neger im übrigen auch dieses Kreiseln nicht ganz leicht gemacht, da der weiche, sandige Boden das Spiel in hohem Maße erschwert; gleichwohl sind die kleinen Kerle wahre Künstler auf dem Gebiet.