Negerleben in Ostafrika

Part 22

Chapter 223,238 wordsPublic domain

Nils Knudsen hatte mir in seiner gewohnten Weise wieder wahre Wunderdinge von dem Lagerplatz Naunge weiter oberhalb am Rovuma erzählt; „da müssen wir unbedingt hin, Herr Professor,“ hatte er wieder und wieder gesagt; „dort ist es zu schön“. So ganz unrecht hatte Nils diesmal nicht; der Platz mit seinem wilden Felsengewirr am und im Strom, die kleinen Katarakte zwischen den moosbewachsenen Steinen, das dunkle Grün der dichten Ufervegetation, alles das war in der Tat verlockend genug. Doch wie sah es dafür am Boden selbst aus! Zertreten die Grasnarbe, die Büsche zerzaust, dazu der unverkennbare Duft negroider Fäkalien überall. Danke, sagte ich, als ich hier, genau auf den Spuren des schottischen Missionars, stromaufwärts zog; Safari, vorwärts! Schon hundert oder ein paar hundert Meter vom Stromufer ab beginnt das lichte Pori. So bin ich mit einem viertel Dutzend meiner Askari gleichsam als linke Seitendeckung durch die Ufervegetation selbst stromaufwärts marschiert, unter unsäglichen Anstrengungen, aber doch froh des frischen Naturbildes, des Stromes mit seiner ewig wechselnden Szenerie. Endlich habe ich, was ich suche: mitten im Strombett, wohl 600 bis 700 Meter von uns ab, erhebt sich, steil und scharf wie der Bug eines Kriegsschiffes, eine Strominsel; mit den roten Wänden leuchtet sie weit über das Silbergrau der Sandbänke hinweg, oben aber ist sie von einer kompakten Masse saftigen Grüns überwuchert. Ein gellender Pfiff durch das Pori zu meiner Karawane hinüber, ein kecker Sprung in die Tiefe, und schon wate ich im tiefen Sande direkt auf jenes Eiland zu.

Das Idyll, das ich für einige Tage als Einsiedler auf dieser wohl 8 Meter hoch senkrecht aufsteigenden Rovuma-Insel genossen habe, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Nils Knudsen ewig auf der Jagd, von der er stets mit saftigem Braten heimkehrt; unsere Leute infolgedessen in bester Stimmung, dabei weitab unter dem Winde; unsere Zelte tief unten in einer schmalen Sandschlucht am Fuß der Insel: ich selbst schließlich wie in einer grünen Laube einsam oben, erreichbar nur nach dem streng vorgeschriebenen Anruf „~Hodi Bwana~“. Nur meine Leibdienerschaft darf mir unangemeldet bringen, was Omari, der jetzt einige Gerichte passabel zu kochen weiß, Schönes und Gutes für seinen der Pflege bedürftigen Herrn hergerichtet hat. Es war herrlich!

Herrlich war auch unsere letzte Station am Rovuma. Es war die Einmündungsstelle des Bangala, jenes größten linken Nebenflusses unseres Grenzstromes, der sich auf der Karte so stattlich ausnimmt, der aber jetzt zur Trockenzeit gleichwohl nur ein Wadi war; man hätte mehrere Meter tief graben müssen, um zu seinem unterirdisch fließenden Wasser zu gelangen. Wir haben es gar nicht nötig gehabt, wir lebten und webten dort im klaren Wasser des Rovuma selbst, vor allem meine Leute, die ein geradezu amphibisches Leben führten. Wie rein und sauber schritten sie einher, seitdem sie wieder die tägliche Möglichkeit des Waschens und Badens vor sich sahen. „~Msuri we!~ bist du schön!“ sage ich im Vorbeigehen anerkennend zu Chafu koga, dem Dreckschwein; so etwa nämlich läßt sich sein Name übersetzen. Das selbstgefällige Schmunzeln auf dem Bronzegesicht des Edlen war allein eine Reise nach Afrika wert!

Nur eins kann den Aufenthalt am Rovuma etwas verleiden; es ist der furchtbare Nachtwind, der gegen Sonnenuntergang anhebt, sich dann von Stunde zu Stunde bis fast zur Stärke eines Orkans steigert, um gegen Mitternacht abzuflauen. Gegen ihn hilft keine Schutzwand und kein Verkriechen hinterm Zelt; kein Windschützer rettet die Lampe vor dem Verlöschen; unweigerlich müssen Herr und Diener um acht Uhr ins Bett.

Und dann die kitzligen Nachtbesuche. Zwar die der Elefanten mögen noch hingehen; die Tiere sind hier sehr zahlreich, aber doch auch sehr scheu, sie umgehen das Lager in weitem Bogen. Nicht so der Löwe; er scheint es zu lieben, beim bleichen Mondeslicht zwischen meinen Leuten spazieren zu gehen. Am Bangala war er die Reihe meiner schnarchenden Leute entlang gewandelt und war schließlich, wie der Posten, der mit fertig gemachtem Gewehr in einiger Entfernung davon gestanden hatte, mit boshaftem Grinsen erzählte, zu Häupten meines Kochs Omari stehengeblieben. „Soll ich ihn fressen oder nicht?“ schien der König der Tiere bei sich zu überlegen. Lange stand er so; dann ein tiefes, verdrießliches Knurren, als wenn er sagen wollte: „Nee, du Kerl, du bist zu unappetitlich“, und langsam war er in den Wald getrottet.

Luisenfelde -- ich weiß nicht, nach welcher Luise du genannt worden bist, aber ich werde deiner lange gedenken als eines Kulturgrußes inmitten des echtesten afrikanischen Pori. Schon der Name Bergbaufeld klingt so unternehmend und dabei doch anheimelnd. Zwar warst du mit deinen Granaten zu einem nur kurzen Dasein verurteilt, trotzdem der glückhafte Herr Vohsen, dein vormaliger Besitzer, den leuchtend roten Stein stolz Kaprubin benannte. Granaten sind zu billig, sie wachsen auch zu vielerorts. So ist nach kurzer Frist der Bedarf gedeckt gewesen, wie es der technische Ausdruck so schön besagt; Herr Marquardt, der konquistadorenhafte Leiter des Bergbaufeldes, zog heim, und Nils Knudsen, der Mann für alles, saß vergessen im Busch. Tatsächlich im Busch, denn das stolze Haus mit seinem Doppeldach -- unter dem äußeren, schweren Strohdach liegt noch ein anderes aus Wellblech -- blieb dem Norweger fortan verschlossen; er mochte in einem der beiden Wirtschaftsgebäude sein Unterkommen finden. Jetzt haben wir in Erinnerung geschwelgt; wir haben auf unserm Marsch vom Rovuma nordwärts eigens einen viertel Tag haltgemacht, um unser sonntägiges Mittagessen unter der Veranda des Herrenhauses einzunehmen. Ein doppeltes Memento liegt dort vor uns: mitten in dem langen, weiten Hofraum ein großer Haufen jener Kaprubine, für die der Markt nicht mehr aufnahmefähig war, und mit denen jetzt die Hand des jungen Negerkindes wie mit gewöhnlichen Murmeln spielt; im Vordergrunde aber das Grab von Marquardts einzigem Töchterlein. Dreijährig, zu den besten Hoffnungen berechtigend, ist es mit Vater und Mutter hier in die Einöde gekommen; nach nur stundenlanger Krankheit hat es im Sande der Rovuma-Ebene sein frühes Grab gefunden. Wir Europäer sind nüchtern und hart und glauben nicht an Vorbedeutungen, dem Neger war der jähe Tod der Kleinen schon längst vor seinem Eintritt kein Geheimnis mehr.

„‚Herr, hier wird einer sterben.‘ Mit diesen Worten,“ so erzählt Knudsen, „tritt eines Tages einer der schwarzen Arbeiter aus den Granatgruben an mich heran. ‚Dummes Zeug‘, sage ich und jage den Burschen weg. Am nächsten Tage kommt er wieder: ‚Herr, hier wird einer sterben.‘ Wieder jage ich den Mann weg, aber trotzdem kommt er wieder. Nacht für Nacht sitzt eine Eule auf Marquardts Haus und schreit. Das geht eine Woche so fort und auch noch eine zweite; dann erkrankt plötzlich Marquardts Töchterchen, und wenige Stunden darauf ist es tot. Da ist der Vogel nicht wiedergekommen; sein Name aber ist Liquiqui.“

Die eine Geschichte löst andere aus; Matola hat uns beim trauten Schein der Abendlampe so manche erzählt. Hier ein paar von ihnen.

„Zwischen hier,“ so berichtete Matola in Chingulungulu, „und dem Nyassa liegt ein hoher Berg, Mlila mit Namen; an dem führt der Weg vorbei. Und am Wege stehen zwei Beile und eine Schaufel; und wer es versucht, sie wegzutragen, der bringt es nicht fertig. Lädt er sie auf seine Schulter, so erfaßt ihn alsbald das Gefühl, sie nicht mehr zu haben; er dreht sich um und sieht, wie Beile und Schaufel wieder auf ihren Platz gehen. Eigentümer der Beile und der Schaufel aber ist Nakale.“

Die andere Geschichte lautet folgendermaßen: „Beim alten Wayaohäuptling Mtarika hat man ein großes Wunder gesehen: Usanyekörner, die roten Früchte dieser Hirseart, weinten in dem Korbe, in dem sie standen. Und das kam so. Sie (die Leute) hatten die Usanye in der Schambe abgehackt und in den Korb gelegt. Und beim Zusammenpressen fingen die Körner an zu schreien und zu weinen, und sie jammerten im Korbe. Aber die Leute wußten nicht, woher das Geschrei kam, und warfen die Usanyekörner aus dem Korbe heraus, um in und unter dem Korbe nachzusehen. Aber sie fanden nichts; auch hörten sie jetzt nichts. Darauf taten sie die Körner wieder in den Korb; da ertönte das Geschrei von neuem. Und alles Volk lief erschreckt weg und holte Leute. Auch diese sahen nach, fanden aber auch nichts. Und alle gingen höchst erstaunt von dannen. Als sie aber heimkamen, siehe, da tanzte der Mörser; auch die großen Mbale, die großen Tonschalen, tanzten; und Yongōlo, der Tausendfuß, baute sich Häuser. Am nächsten Morgen liefen sie alle zusammen, um sich zu befragen, was das alles bedeuten solle. Und drei Tage danach starb Mtarika. Das war die Bedeutung.“

Wir haben Luisenfelde nur zum Teil aus Pietät berührt: hauptsächlich ist der Umstand, daß der Weg von der Bangalamündung nach Akundonde gerade hier vorbeiführt, die Ursache unseres Besuchs gewesen. Akundonde ist dann nicht mehr weit; ein anderthalb- bis zweistündiger Marsch im tiefeingeschnittenen Bett des Namaputa aufwärts, ein kurzer, steiler Aufstieg auf die Höhe der nächsten Hügelwelle, und wir stehen vor der typischen Negeransiedelung dieser Länder: einem mäßig großen, sorgfältig gesäuberten Platz mit dem Pfeilerbau der Barasa in der Mitte; um ihn herum ein halbes Dutzend Hütten im Rund- oder Viereckstil, alle mit schwerem, weitausladendem und bis fast zur Erde reichendem Strohdach; auf dem Kamm des Hügels entlang in weiten Abständen eine Reihe anderer Gehöfte. Akundonde behauptet, unseren Besuch erwartet zu haben; trotzdem ist er nur wenig entgegenkommend und zugänglich; ein Kater nach der Libation von neulich wird kaum die Ursache sein, denn dazu ist die Kehle des alten Sünders zu ausgepicht; näher liegt es schon, an sein wehes Bein zu denken. Ich habe gerade eine Flasche echten „alten“ Jumbenkognaks zur Verfügung, jenes berühmten Getränks, das wie Rosenöl duftet, dessen Geschmack ich aber nicht zu schildern vermag; ich spendiere sie dem alten Häuptling, lasse ihn aber sonst links liegen. Dies kann ich ohne Gefahr für das Gelingen meiner Expedition wagen, denn der junge Jumbe des Dorfes, ein fixer, nach landläufigen Begriffen stutzerhaft gekleideter Yao, an dessen Weste sogar eine dicke Uhrkette baumelt und der den dazugehörigen Zeitmesser alle zwei Minuten demonstrativ zückt, ist ein viel brauchbarerer Führer durch das Volkstum dieses entlegenen Bezirks als der griesgrämige alte Akundonde. Was hat uns der junge Mensch allein an autochthonen Kunstwerken vorgeführt! Wir brauchten bloß von Haus zu Haus zu wandern, um unter den verschwiegenen Dachtraufen alle Wände mit den schönsten Fresken bedeckt zu finden. Auch einen kleinen Friedhof konnte der Führer uns zeigen; ein paar Yaogräber, über denen ich nun zum ersten Male das niedrige Hüttendach mit den darauf befestigten Stoffen erschauen konnte. Fast stimmungsvoll nahmen sich in der kurzen Abenddämmerung diese schon halb verfallenen Zeichen der Pietät auch im barbarischen Afrika aus.

Bei Akundonde findet dieses Jahr Unyago statt. Dies wußten wir, und daher setzten wir alles daran, möglichst alles zu erfahren und alles zu sehen. Das Versprechen eines fürstlichen Honorars hat denn auch alsbald seine Schuldigkeit getan; nur meine Träger und Soldaten dürften nicht mit, meint der Jumbe, Moritz und Kibwana sei aber der Zutritt gestattet. Meine beiden Mohrenknaben haben das Feldleben schon herzlich satt, deswegen bedarf es erst einer kleinen Auffrischung ihres Diensteifers; dann aber trotten sie, wenn auch widerwillig, mit der Kamera hinter uns her.

Mit merkbarer Heimlichkeit hat der Jumbe uns zwei Weiße und die beiden Diener aus dem Bereich des Dorfes hinausgeführt; immer tiefer geht es in das schweigende Pori hinein, das hier mit seinen stattlichen Bäumen fast an einen deutschen Hochwald gemahnt; selbst das Grün ist hier frischer und allgemeiner, als es jenseits Chingulungulu zu finden gewesen war. In der erklärlichen Spannung des Forschers, der vor etwas Neuem, Ungeahntem steht, achte ich weder auf Ort noch Zeit; wir mögen eine halbe, aber auch eine ganze Stunde fürbaß geschritten sein; endlich brechen wir durch ein Gebüsch; wir stehen vor einer kleinen Hütte; wir sind am Ziel.

Das Ziel ist des Erstrebens wohl wert gewesen. Bevor ich noch Größe, Bauart und Stil des länglichen Gebäudes habe mustern können, sind wir bereits von einer Schar halbwüchsiger Knaben umringt. Mit lautem Zuruf und energischer Handbewegung treibt der Jumbe sie zurück; ein älterer Mann tritt jetzt heran; er muß aus der Hütte selbst gekommen sein, denn er steht wie aus dem Boden gewachsen plötzlich da. Feierliche Begrüßung seitens des Wamidjira, denn diesen Oberleiter des ganzen Knaben-Unyago haben wir in der Person dieses würdigen Mannes vor uns: sodann ein leiser Wink mit seinen Augen zu den Knaben hin. Die stehen bereits in einer langen Reihe ausgerichtet, wundersam anzuschauen mit ihren großen Grasschürzen, die die schmächtigen Körper gleichsam wie die von Überballetteusen erscheinen lassen; am Munde jeder ein röhrenförmiges Instrument, dem sie nunmehr ihre Begrüßungsmusik entlocken. Auch jetzt wieder muß ich tief bedauern, so wenig musikalisch zu sein, denn das Spiel ist etwas Einzigartiges. Ich lasse die nicht unschöne Melodie zu Ende gehen; dann trete ich näher heran, um die Kapelle genauer zu besichtigen. Jedes der Instrumente ist lediglich ein Stück Bambusrohr, alle an Länge und Weite verschieden, alle aber unten mit dem natürlichen Internodium verschlossen und oben glatt abgeschnitten. Dergestalt verfügt jeder der kleinen Musikanten nur über einen Ton, doch das ist +sein+ Ton, und den weiß ein jeder von ihnen so präzis und fehlerlos in das „Lied ohne Worte“ einzufügen, daß ein vollkommen harmonisches Ganzes entsteht. Moritz hat inzwischen seines Amtes als Finanzminister gewaltet; einzelne der Knaben haben es sogar über sich vermocht, mir hinter der Hütte die Wirkungen des chirurgischen Eingriffs, der bereits um einen Monat zurückliegt, bei dem einen oder anderen aber noch immer Eiterungen verursacht, zu zeigen. Doch jetzt treibt es mich in die Hütte selbst.

Luxus ist ein Begriff, dessen sich der Europäer in Afrika sehr bald auch für seine Person entwöhnt, den er bei den Eingeborenen aber gar nicht erst suchen darf; wie primitiv und anspruchslos jedoch diese für Monate berechnete Behausung der 15 Knaben ist, spottet jeder Beschreibung. Die Daggara, wie die Beschneidungshütte offiziell genannt wird, ist ein Bau von zirka 10 Meter Länge bei 4 Meter Breite, also ein an sich ganz stattliches Bauwerk; doch Schutz gegen die Unbilden der Nacht vermögen weder die aus krummen, ästigen Baumstämmen gebildeten Seitenwände, durch deren Lücken der Wind ungehindert hindurchpfeift, noch auch das ebenso luftige, schlecht gehaltene Strohdach zu gewähren. Türöffnungen sind zwar da, in der Mitte jeder Längswand eine, doch fehlt ihnen der Verschluß. Tritt man ins Innere selbst, so blickt das Auge zunächst nur auf ein Meer von Hirsestroh; es liegt auf dem Boden, mit Aschebergen durchmischt; es ragt an den Wänden empor; es breitet sich schließlich in unordentlicher Lagerung über 16 ursprünglich vielleicht ganz saubere Betten und Bettchen. Eins von diesen ist das Ruhelager des Meisters, die 15 anderen sind die Schmerzenslager seiner Jünger; auf ihnen haben die Ärmsten die schmerzhafte Operation ohne Narkose, ohne lokale Anästhesie, ohne Antisepsis und ohne Asepsis über sich ergehen lassen müssen, mit zusammengebissenen Zähnen und ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Dieser ist bei den tapferen Yao, diesen Spartanern des Ostens, verpönt. Übermannt den immer noch kindlich empfindenden, kleinen Mann trotz allen Heldenmuts der Schmerz, was ist die Folge? Er wird überbrüllt vom homerischen Gelächter der Anamungwi, seines Mentors, und seiner Gefährten.

Heute sind die 15 Betten schon arg mitgenommen; ein Teil von ihnen ist vollkommen niedergebrochen, auf anderen finden sich nur noch kümmerliche Reste des alten, sauberen Strohbelags; wir durch die Ordnungsliebe der deutschen Hausfrau verwöhnten Angehörigen einer hohen Kultur sehen mit einem Blick, daß hier das ordnende Walten der weiblichen Hand gänzlich fehlt. Dafür sprechen auch die großen Aschehaufen zwischen je zwei Betten; sie sind der Beweis, daß jeder der kleinen Patienten sich gegen die empfindliche Kühle der Tropennacht durch ein sorgsam unterhaltenes Feuer zu schützen sucht; dafür spricht auch vor allem die unmeßbar dicke Dreck-, Staub- und Aschenschicht, mit denen jeder der kleinen Kerle vom Scheitel bis zur Sohle überzogen ist. Das große gemeinsame Bad, das den Aufenthalt in der Daggara und damit auch die Novizenzeit der angehenden Männer beendigt, ist denn auch ein nicht nur langentbehrter Genuß, sondern direkt eine Notwendigkeit.

Doch was ziert die Mitte des Hauses? Ist es ein ins Afrikanische übersetzter Weihnachtsbaum mit seiner buntgefärbten Epidermis und seinem Behang von Fellstreifen, Tierschwänzen und Vogelbälgen, oder was stellt dieses merkwürdige Phantom sonst dar? Die Lupanda ist es, wie ich vom Meister vernehme, der Baumast, nach dem das ganze Mannbarkeitsfest der Knaben seinen Namen führt; Unyago ist die Bezeichnung für die Pubertätsfeste schlechthin, Lupanda der Name für die Knabenbeschneidung. Näheres kann oder, wohl richtiger, will mir der Alte nicht sagen; ich muß also sehen, einen anderen Gewährsmann für diese und so viele andere Fragen zu bekommen, insbesondere auch für das Mädchen-Unyago, das nach alledem, was ich raunen höre, zum mindesten ebenso interessant sein muß wie die Lupanda.

So habe ich an jenem Spätnachmittage im Pori westlich von Akundonde gedacht, ohne zu ahnen, daß kaum einen Tag später bereits ein Teil meines letztgeäußerten Wunsches in schönster Weise in Erfüllung gehen sollte. Hastig kommt der durch sein Honorar begeisterte Jumbe kurz nach dem Mittagessen zu Knudsen und mir in unser Lager. Dieses haben wir, mehr idyllisch als vor dem Abendwinde geschützt, auf dem höchsten Punkte des Hügels am Waldesrand aufgeschlagen; Knudsen hat wie immer für das Beziehen der Barasa plädiert, aber unser alter Feind, die Windhose, die uns selbstverständlich auch hier wieder gerade bei der Erbsensuppe überraschte, hat ihn sehr bald eines Besseren belehrt. Jetzt dämmern wir im Halbschlaf unter der Banda, jener Laube aus Zweigen und Gras, die jeder Trägerführer mit seinen Leuten im Nu zu errichten versteht, pressen uns aus Gewohnheit wegen der glühenden Hitze den schmerzenden Kopf und denken an nichts, die unfraglich beste Beschäftigung in diesen Breiten. Da trabt der Jumbe heran; in Akuchikomu sei Echiputu, ruft er schon von ferne, der Bwana kubwa und der Bwana mdogo könnten viel sehen, wenn sie hingingen; aber die Weiber seien scheu und furchtsam, und die Träger und Soldaten dürften deswegen auch jetzt nicht mit. Wenige Minuten später sind wir bereits auf dem Marsch; Moritz und Kibwana haben diesmal arg zu schleppen, denn zur großen Kamera habe ich auch noch den Kinematographen gesellt, der ach so lange schon zur Untätigkeit verdammt gewesen ist und von dem ich mir manches verspreche. Zudem ist der Weg noch länger als gestern; er führt erst nach Nordosten, immer den Hügelkamm entlang, biegt dann nach Westen ab und steigt in das grüne Tal eines munteren Baches nieder. Schon ehe wir dieses erreichen, gibt es Aufenthalt: ein ungeheurer Hüttenring sperrt uns den Pfad; Bauten allerprimitivster Art sind es; ein paar Stangen senkrecht und schräg in die Erde gerammt, darüber eine Querstange, das Ganze bedeckt mit dem 2 bis 3 Meter langen afrikanischen Stroh; das ist alles. Aber Hütte reiht sich an Hütte, in fast mathematisch genauer Kreislinie umzirken sie eine Fläche von wohl über 50 Meter Durchmesser. Dies ist der eigentliche Festplatz, doch nicht für die Mädchen, sondern für das Lupanda; hier beginnt der lange Festturnus der Knabenbeschneidung mit Tanz, Schmaus und Gelage, und hier findet auch, wenn die Knaben nach 3 oder 4 Monaten geheilt und in die Mysterien des Geschlechtslebens und den Sittenkodex des Stammes eingeweiht zurückkehren, das Schlußfest statt. Also schnell heraus mit Stativ, Kamera und Platte; vom Anfänger in der Lichtbildkunst bin ich längst ein Fundi, ein Meister, geworden, der im Handumdrehen seine 20, 30 Aufnahmen bewältigt; ein Blick noch auf die zwei kleinen Aschenhügel an bestimmten Stellen des Platzes, dann geht es auch schon weiter.

Es ist 2 Uhr mittags; die noch immer unangenehm hochstehende Sonne sendet ihre glühendsten Strahlen auf den freien Platz des elenden kleinen Makuadorfes hernieder, in das wir soeben eingetreten sind. Dorf ist schon viel zu viel gesagt, kaum den Namen Weiler verdienen die paar kläglichen Strohhütten, deren wenige Bewohner sich erkühnt haben, die ganze Umgegend zu Gaste zu laden. In der Tat ist viel Volks versammelt, vor allem Frauen und Mädchen; die Männer treten an Zahl sichtlich zurück. Schon daraus würde man entnehmen können, daß es sich um die Feier eines ausgesprochenen Frauenfestes handelt.