Part 21
An den krampfhaften, instinktiven Versuch, durch feines Bohrmehl das im feuchten Urwald verlöschende Scheit zu neuem Glühen zu erwecken, knüpft übrigens die hübsche Theorie Karl von den Steinens an. Zwei Indianer ziehen durch den Wald; sie tragen das glimmende Scheit unter großer Sorge mit sich, denn ein feiner Regen rieselt herab. Der Regen wird stärker; „das Feuer geht aus!“ ruft der eine. Seines Tuns selbst kaum bewußt, bricht der andere einen trocknen Holzstab entzwei, setzt das Ende des einen Teils auf die Peripherie des anderen und quirlt wie toll drauf los. Was er will, ist lediglich Pulver, feines trocknes Pulver, von dem er weiß, wie gut es zum Wiederbeleben erlöschender Flammen ist. Er bohrt und bohrt, immer wilder, immer schneller: schon liegt ein ganzes Häufchen des gewünschten Materials neben der Unterlage. Doch siehe da, ein feiner Rauchfaden steigt aus dem kleinen Kegel empor; er wird stärker und stärker; ein helles Fünkchen blinkt aus der gelben Masse heraus; instinktiv fängt der Wilde an, sanft zu blasen -- die Feuererzeugung ist erfunden.
So kann und wird es wahrscheinlich im fernen Südamerika gewesen sein, so könnte es auch alltäglich hier in Afrika vor meinen Augen geschehen, wenn der Neger die gleiche Beobachtung nicht schon vor Jahrzehntausenden gemacht hätte. Nicht jeder kann es; ich habe Virtuosen vor mir gehabt, die vom Beginn des Quirlens bis zum Emporzüngeln der hellen Flamme noch nicht einer halben Minute benötigten; andere haben sich lange gequält und schafften es doch nicht. Wesentlich für das Gelingen ist die Kerbe zur Seite des Bohrloches, damit das allererste Fünkchen auf dem kürzesten Wege zum herabrieselnden Pulverkegel gelangen kann; wesentlich ist ferner auch ein ruhiges, gleichmäßiges Quirlen ohne Überhastung, und ein sanftes, stetiges Blasen wie am Lötrohr. Wie oft habe ich mich in Leipzig mit dem Feuermachen nach allen möglichen Bohrmethoden versucht, und wie haben meine Studenten und ich uns gequält und abgerackert! Auf die drei Punkte haben wir nicht achtgehabt, aus dem einfachen Grunde, weil wir sie nicht kannten. Daher unsere bisherigen Mißerfolge. Aber von nun an soll es anders werden!
Der Gegensatz zwischen Virtuosen- und Stümpertum waltet zu meinem Erstaunen hier auch im Waffenhandwerk vor. Wie die Leute mit ihren Vorderladern umzugehen verstehen, kann ich nicht beurteilen, da diese Waffe jetzt brachliegt; aus Anlaß des Aufstandes ist die Pulvereinfuhr gesperrt, der Einfachheit halber sogar auch für unsere Bundesgenossen in jenem Kriege. Schon dieser Umstand bringt es mit sich, daß die alten Waffen gegenwärtig mehr zum Vorschein kommen, als dies sonst wohl der Fall sein mag; außerdem weiß alle Welt, daß der fremde Mann aus Uleia sich für solche Dinge interessiert, was selbstverständlich ebenfalls nicht wenig dazu beiträgt, meine nähere und weitere Umgebung zeitweise etwas zu enteuropäisieren. Für den Hauptgebrauch aller Waffen, für die Jagd auf Groß- und Kleinwild, hat übrigens der Vorderlader nur geringe oder gar keine taktischen Änderungen mit sich gebracht. Die Schwierigkeit bei der afrikanischen Jagd, an das Wild in wirksame Schußnähe heranzukommen, besteht bei diesen vorsintflutlichen Donnerbüchsen nach wie vor, und ihrer Überwindung gilt denn auch die Unsumme von Vorbeugungsmaßregeln, deren sich die Jäger vor und während der Jagd befleißigen.
Die hiesigen Jäger, unter denen in allererster Reihe Nils Knudsen zu nennen ist, haben mir im Lauf meines einmonatigen Aufenthaltes in Chingulungulu die längsten Geschichten über die einheimischen Jagdmethoden mit all ihrem Drum und Dran erzählt. Wenn gar nichts anderes mehr zog, wenn ich von der unausgesetzten Arbeit des Photographierens, Phono- und Kinematographierens, des Zeichnens, Ausfragens und Niederschreibens müde war, und wenn meine unglücklichen Gewährsleute sich mit ihrem natürlichen Takt nur noch aus Rücksicht auf ihren vornehmen weißen Gast aufrecht erhielten, dann brauchte ich nur das Thema Jagd anzuschneiden, und sofort war alles wieder frisch; auch ich, denn tatsächlich kann man sich kein interessanteres Bild aus der Völkerkunde denken als gerade diese Verhältnisse.
In einer der täglichen Dauersitzungen, zu denen die Männer des Dorfes während eines großen Teiles des Jahres eigentlich immer versammelt sind, hat das „Plenum“ für die nächste Zeit einen großen Jagdzug beschlossen; mit einem Eifer, der den sehnigen, aber sonst doch ganz behäbigen Männern im allgemeinen fremd ist, eilt heute jeder seiner Hütte zu. Aufmerksam prüft jeder Hausherr sein Gewaffen. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß der Neger sein Gewehr stets in tadellosem Zustande erhält; darauf kommt es aber heute nicht an, heute gilt es, die Beute selbst zu bannen und den Beistand der höheren Mächte für das Unternehmen zu sichern. Dazu ist Medizin nötig, viele und starke Medizin. Von allen irdischen Dingen die stärksten sind Körperteile von totgeborenen Kindern: diese haben auf dieser Erde nichts Übles tun können, ihr Schuldkonto ist demgemäß ganz unbelastet, und jeder Teil von ihnen ist daher, nach der Denkweise des Negers, mehr als alles andere geeignet, auf andere Geschöpfe einzuwirken. Ähnliche Gedanken scheinen auch bei der um jeden Preis erstrebten Benutzung des menschlichen Mutterkuchens vorzuwalten; Skeletteile von längstgestorbenen Menschen, besonders von berühmten Jägern, hat unser Weidmann hingegen deshalb zu erlangen versucht, weil diese Teile nach seinem Glauben die Fähigkeiten des Verstorbenen ohne weiteres auf ihn übertragen. Alle diese Dinge, außerdem auch Stücke von den Wurzeln ganz bestimmter Pflanzen, werden zu Amuletten verarbeitet, mit denen der Jäger teils sich selbst, teils sein Gewehr ziert. Erst wenn er sich für alle Fährlichkeiten gewappnet erachtet, ist er beruhigt und kann nun des Aufbruchs zur Jagd selbst harren.
Bei den zahlreichen Antilopenarten des Landes verläuft diese Jagd natürlich stets harmlos und ungefährlich. Die Jagdteilnehmer haben sich zur festgesetzten Frühstunde am bestimmten Ort versammelt; doch brechen sie noch nicht auf, sondern zunächst erfolgt ein allgemeines Abreiben mit Abkochungen gewisser Wurzeln. Das ist nötig, um die geschilderte, fabelhaft starke Ausdünstung dieser Leute samt ihrem Hausgeruch durch einen dem Wilde weniger auffälligen anderen Geruch zu übertäuben. Schon die gewöhnlichen Antilopen wollen in dieser Hinsicht sehr vorsichtig behandelt sein; ungleich mehr Vorsicht beansprucht die Elandantilope, und am meisten selbstverständlich der Elefant. Erst dann beginnt die Jagd.
Unermüdlich, ohne Rast und Ruh folgen die Männer der einmal gefundenen Spur; sie erklettern die Termitenhaufen, steigen auf die Bäume und halten von Hügeln Ausschau; schließlich haben sie sich auf 40 bis 30 Meter oder noch weniger an die Herde oder den Einzelgänger herangepirscht, eine Salve von Schüssen schleudert ganze Eisenmengen auf das Ziel zu, das entweder im Feuer stürzt oder aber erst nach langwieriger Verfolgung der Schweißspur im Pori verendet gefunden wird. Einhellig drängen sich jetzt alle Jäger heran; es gilt, die Amulette mit dem Blute des erlegten Tieres zu tränken, um sie auch für späterhin wirksam zu machen; der glückliche Schütze aber eignet sich das abgeschnittene Schwanzende des Tieres als heißersehnten Schmuck an. Er wie seine Gefährten nehmen sodann je ein Stückchen von der Nase des Tieres als Medizin, um ihren Spürsinn zu stärken und zu verfeinern; von der Herzspitze, um sich selbst Ausdauer in der Verfolgung zu sichern; von den Augen, um ihr Gesicht zu schärfen, und vom Gehirn, um ihre Intelligenz zu vergrößern. Die Teile von Herz, Augen und Gehirn werden gegessen, desgleichen ein Stückchen Fleisch vom Kugeleinschlag, dieses, um den gleichen Erfolg für später zu verbürgen; auch von der Leber wird etwas genossen. Ich habe nicht erfahren können, aus welchen Beweggründen gerade dies geschieht, doch gilt dieses Organ vielerorts als Sitz des Lebens; vielleicht liegt diese Ideenassoziation auch hier zugrunde. Alles aber, was nach diesem merkwürdigen Jagdfrühstück von Fleisch und Hautteilen des Tieres an den Händen der Jäger kleben geblieben ist, muß unweigerlich an das Gewehr geschmiert werden; so will es die Regel. Dann eilt alles davon; das Tier ist zwar erlegt, doch ist seine Seele nicht getötet worden; es wird sich rächen wollen, und dem muß begegnet werden. Mit vielerlei Wurzelzeug kehren die Mannen zurück; ohne viel Zeit zu verlieren, haben sie sich mit dem Saft jener Kräuter und Wurzeln eingerieben, und damit sind sie gegen die Rache des besiegten Gegners gefeit.
Doch was ist eine einfache Antilopenjagd gegen den Wust von Aberglauben und Geisterfurcht, wie er vor, während und nach einer Elefantenjagd zutage tritt! Ich muß es meiner Feder hier versagen, die Einzelheiten der Bereitung dieser Medizinen und Amulette zu schildern und ihre mehr als abenteuerlichen Bestandteile aufzuzählen. Eine Elefantenjagd zwingt nicht nur den Herrn des Hauses selbst zu einer ganz bestimmten Lebensweise bei Tag und bei Nacht, sondern zieht auch die der Frau schon mindestens eine Woche vorher in ihren Bann. Für gewöhnlich haßt der Neger nichts mehr als eine Unterbrechung seiner Nachtruhe; jetzt stehen Mann und Frau halbe Nächte lang, um den Weidmann durch richtig wirkende Amulette für seine schwere Aufgabe würdig vorzubereiten. Teile der menschlichen Nachgeburt, von menschlichen Gehirnen und dergleichen spielen auch jetzt wieder eine große Rolle, aber auch menschliches Sperma tritt nunmehr hinzu, und vor allen Dingen Rindenstücke von den verschiedensten Bäumen, mit deren Abkochung der Jäger sich und sein Gewehr einreibt. Ich muß darüber auf die offizielle Bearbeitung meiner Ergebnisse verweisen, wo der Leser diese und so manche andere der tausend Einzelheiten meiner Forschungsergebnisse nachlesen mag.
Wir können und wollen die kühnen Jäger auch nicht auf ihrem Zuge begleiten; uns mag es genügen, zu betonen, daß, wenn alle anderen Maßnahmen, den Elefanten zum Stehen zu bringen, versagen, ihnen ein unfehlbares Mittel unter allen Umständen bleibt. Dieses ist zudem sehr einfach: man nimmt Erde aus den vier Fußtapfen des verfolgten Tieres, mischt sie mit einer bestimmten Wurzelmedizin und bindet diese Mischung irgendwo fest, dann muß der Elefant dort stehenbleiben, mag er wollen oder nicht.
Sie haben ihn denn auch glücklich zur Strecke gebracht, den edlen, unter der Aasjägerei schwarzer und weißer Nimrode heute leider so unglücklichen Dickhäuter. Wie eine Anklage gegen den gefühllosen, profitgierigen Europäer, der es sich nicht hat versagen können, dem ersten besten hergelaufenen schwarzen Halunken die totbringende Erfindung des Freiburger Mönches zugängig zu machen, liegt der gefällte Koloß da. Feig und vorsichtig, mit gezücktem Messer schleicht jetzt der beherzteste der schwarzen Jäger heran; ein rascher, kräftiger Schnitt: die Rüsselspitze liegt abgetrennt in den Händen des Negers; ebenso rasch ist sie auch schon vergraben. Sie lebe noch lange, heißt es; sie sei auch das Gefährlichste am Elefanten, und sie dürfe nicht länger sehen, was nun geschehen wird. Was nun geschehen wird? Überflüssige Frage. Der Neger ist ein Naturkind und ein Kind überhaupt, er springt und tanzt also um den gefällten Riesen und verknallt unsinnige Mengen seines teuren Pulvers in die Luft. Aber dann tritt doch gleich wieder das ewige Furchtgefühl vor der allbelebten Natur ein, der Reigen löst sich, die Jäger verschwinden; mit Wurzeln kehren sie aus dem Pori zurück und reiben ihre schweißtriefenden Leiber ein. Jetzt erst sind sie gefeit gegen die rachebrütende Seele des Elefanten, der ja in Wirklichkeit ein mächtiger Häuptling ist, und können mit Muße an das Herauslösen der Zähne, das Zerlegen des Tieres selbst, das Vertilgen ungeheurer Massen frischen Fleisches und das Konservieren der überflüssigen Fleischvorräte gehen. Das geschieht in derselben Weise, wie man am Rovuma Fische trocknet, nämlich auf etwa einen halben Meter hohen Rosten über dem Feuer; andere ziehen es vor, das in Streifen geschnittene Fleisch an der Luft zu trocknen. Viel soll es nicht sein, was in dieser Weise der Behandlung bedarf; der Neger gleicht dem Aasgeier, er wittert sozusagen auf Meilen, wo ein Stück Fleisch die Eintönigkeit seiner Ugalidiät einmal zu unterbrechen berufen ist, und so sorgen schon nach unglaublich kurzer Zeit Hunderte von Kostgängern für den raschen Abgang des schönen Bratens.
Zwölftes Kapitel.
Rovuma-Idyll und Zug ins Pori.
+Newala+, Anfang September 1906.
Ich lebe seit ein paar Tagen in einer andern Welt; ich bin dem Himmel nahe, denn ich sitze hier in einer Höhe von mehr als 700 Meter über dem Spiegel des Indischen Ozeans und schaue aus mehr als 500 Meter Höhe stolz auf das Graugrün der unendlichen Ebene im Westen hinab. Das heißt, dieser wundersame Anblick über jene Ebene zu meinen Füßen, über den Rovuma mit seinem breiten, gegenwärtig vom Wasser allerdings nur spärlich gefüllten Bett im Südwesten, auf die Bergkette von Massassi weit im Nordwesten, auf die zahllosen Inselberge in jeder Entfernung im Süden, Westen und Nordwesten, dieser Blick wird mir erst, wenn ich reuig wieder einen Kilometer westwärts von meinem jetzigen Ruhesitz schreite, da Newala nicht am jähen Steilrande des Plateaus liegt, sondern tausend Meter landeinwärts.
Und nun erst der klimatische Gegensatz, wenigstens gegen die Hölle Chingulungulu und das Fegefeuer Akundonde! Frisch ist’s hier wie auf dem Kamm des Thüringer Waldes, und eiligst haben wir Europäer nach unseren „Wintersachen“ gegriffen. Doppelte Decken des Nachts und eine warme Weste am Morgen und Abend genügen allein nicht; ich habe außerdem einen würdigen Überzieher aus vergangenen Semestern aus der Lade genommen, Nils, der Wikinger, aber wandelt in einem Überrock einher, von dem er behauptet, er sei erst vor reichlich einem Jahrzehnt von seinem Leibschneider in Treungen im fernen Nordland gefertigt worden; ich hingegen lebe der Überzeugung, daß diesmal zwar der edle Vasco da Gama unschuldig ist, daß aber einer von Nils’ wikingischen Ahnen vor tausend Jahren schon in diesem Gewande die nordischen Meere durchfurcht haben muß.
Doch bitte Schritt für Schritt! Zwischen unserem Abschied von Chingulungulu und unserem Einzug in die Boma von Newala liegen nur elf Tage, aber wieviel, oder richtiger wievielerlei haben mir diese anderthalb Wochen gebracht! Nie haben meine Träger vor lauter Lust und Ausgelassenheit so getobt und gelärmt, als zu jener Frühmorgenstunde, in der sie von der Untätigkeit bei Matola entbunden wurden. Stillsitzen ist nichts für Wanyamwesiträger; sie wollen laufen, wollen etwas Neues sehen; zu guter Letzt huldigen auch sie dem Grundsatz: „Andere Städtchen andere Mädchen“. Ich habe schließlich schwere Mühe gehabt, meine 24 rüstigen Kerle -- die Rugaruga von Lindi habe ich schon in Massassi leichten Herzens entlassen -- über die Gefahren dieses Kapua hinwegzubringen; sie wurden gewalttätig, vergriffen sich an Frauen und Mädchen und gaben auch zu sonstigen Klagen Veranlassung. Zur Ablenkung haben sie unsere Barasa mit den schönsten und längsten Tischen aus halbierten Bambusknüppeln ausstaffieren müssen; sie haben alle paar Tage uns beiden Weißen einen neuen Choo zu bauen gehabt, einen immer schöner und luxuriöser als den andern -- nichts hat gefruchtet. Trotz ihrer Last von 60, 70 Pfund sind sie wie die jungen Kälber an jenem Morgen einhergesprungen, als wir dem Rovuma zuschritten.
Und wie freudig sind wir alle ausgeschritten! Im Handumdrehen liegt das schattenlose Pori von Chingulungulu hinter uns; eine scharfe Wendung des Weges aus seiner Westrichtung nach Süden, ein kurzer steiler Abstieg; wir stehen an den Fluten des Nasomba. Fluten ist etwas euphemistisch ausgedrückt, doch nach der wasserlosen, der schrecklichen Zeit kommt uns auch der dünne Wasserfaden, der dieses tiefe Tal durchzieht, wie ein schiffbarer Strom vor. Über abgeerntete, ausgedehnte Mais- und Hirsefelder, zwischen grünenden Bohnenbeeten und prachtvollen Tabakpflanzungen geht es vorwärts; hohe Termitenhügel künden alle Augenblicke, wie fruchtbar hier die Erde ist; auf hohen Pfählen angebrachte Wachthäuschen zeigen andererseits, daß Wildschwein und Affe, von hundert anderen Schädlingen zu schweigen, auch hier lüstern sind, der Segnungen menschlichen Fleißes teilhaftig zu werden. Längst ist Knudsen seiner Jagdleidenschaft gefolgt; von Zeit zu Zeit donnert eins seiner mehr oder minder ehrwürdigen Schießeisen über Hügel und Tal dahin. Ich habe inzwischen den fast gänzlich schilfverwachsenen Lichehesee passiert; nach der Karte muß ich demnach dicht am Rovuma sein. Auch die Vegetation kündet größeren Wasserreichtum an; wir kommen an Baobabs von gewaltigen Abmessungen vorüber; wir zwängen uns durch niedere Palmendickichte, und die Kronen stolzer Fächerpalmen rauschen zu unseren Häupten. Ich will gerade in ein neues Gebüsch eindringen, da reißt mich die nervige Faust Hemedi Marangas, meines neuen Gefreiten, zurück. „~Mto hapa, Bwana~,“ sagt er dabei, „hier ist der Fluß, Herr.“ Ein Schritt noch, und ich wäre die wohl 5 bis 6 Meter hohe, steile Uferwand hinuntergestürzt, an deren Fuß ich erst jetzt jene breite Wasserfläche erglänzen sehe, von deren Reizen mir Nils Knudsen hundertmal erzählt hat, ja, die selbst auf nüchternere Gemüter, wie das Ewerbecks, ihren Eindruck nicht verfehlt haben. „Hapana“ ist in meinen Ohren das schrecklichste Wort, ein Ausdruck, der mich allmählich nervös macht; das sonore „Hapa“ des Gefreiten habe ich damals gesegnet.
Was soll ich singen und sagen von jenen fünf oder sechs glücklichen Tagen an den Ufern und auf den Inseln dieses durch Livingstone geheiligten Stromes. Für den Ethnographen ist dort zurzeit wenig zu holen. Vor 40 Jahren noch, als Livingstone stromaufwärts zog, war es anders, da waren die Ufer des Rovuma dicht besetzt mit Ansiedelungen der Wamatambwe; die Fluten des Stromes trugen tausend Einbäume jenes rührigen Fischervolkes, und ein reges, fröhliches Leben herrschte überall. Doch wie ein Reif in der Frühlingsnacht sind auch hierher die Wangoni gekommen; von dem einst so stolzen, zahlreichen Stamm der Wamatambwe sind heute nur noch ganz spärliche Reste übrig geblieben, die sich regellos über die ungeheure Länge des Rovuma verteilen oder aber in den anderen Völkerschaften der Makua, Yao und Makonde aufgegangen sind. Der Reisende muß schon, wie ich das so gewohnt bin, Glück haben, um ein paar Angehörige dieses verlorenen Volkes zu Gesicht zu bekommen.
Wir haben unser erstes Lager hart am Strombett aufgeschlagen, ich, wie immer, am weitesten gegen den Wind unmittelbar am Wasser, daneben Knudsens Zelt; die Träger müssen weiter leewärts im Schutz einer überhängenden Uferwand unterkriechen. Derartige Wände sind hier allgemein; während und nach der Regenzeit schüttet der Strom, der dann in majestätischer Breite ungeheure Wassermassen dem Ozean zuwälzt, seine Alluvialebene immer höher auf; in der späteren Trockenzeit, wie gerade jetzt, liegt dagegen das 1 bis 1½ Kilometer breite Bett fast ganz trocken; wo sonst die gelben Fluten rauschen, dehnen sich jetzt unabsehbare Sand- und Kiesbänke. Zwischen ihnen irrt der Rovuma in der Trockenzeit unsicher hin und her, hier und da in einem geschlossenen Bett, das etwa so breit ist wie das der Elbe bei Dresden, meist aber in zwei, drei Arme aufgeteilt, die man bequem durchwaten kann. Doch trotz seiner Ohnmacht hegt der Fluß Angriffsgelüste; in starker Kurve schießt er auf die nächste Uferstelle zu; unheimlich brodeln und quirlen seine sonst so klaren Gewässer; stolze Bäume spiegeln ihre Wipfel am stillen Uferrand in diesem Wasser; doch wie lange noch? Dann kommt ein Tag, wo das Fleckchen Erde, das sie so lange verziert und verschönt haben, einem Bild der Verwüstung Platz gemacht hat: die stolzen Bäume sind gestürzt; die Wurzelenden hoch in der Luft, tauchen sie mit ihren Kronen tief in den Strom hinein. Der aber, ein gefräßiger Nimmersatt, gräbt weiter und weiter.
Es ist am späten Nachmittag; in einem ziemlich großen, enggeschlossenen Kreise stehen ein Dutzend Neger an einer flachen Stelle mitten im Bett des Rovuma; aufmerksam, fast ängstlich spähen sie umher, den Blick starr aufs Wasser gerichtet, als wollten sie es bis zum Boden des Stromes durchdringen. Was ist der Männer Beginnen? Hat etwa der weiße Herr kostbare Schätze verloren, die er durch seine Mannen suchen läßt? Des Rätsels Lösung ist weit einfacher. Schaut in den Kreis hinein: zwei Tropenhüte schwimmen auf dem Wasser; wenn sie sich über dessen glänzende Fläche einmal emporheben, seht ihr zwei Blaßgesichter, den beiden Wasungu Knudsen und Weule zugehörig, die voll Entzücken, dem ewigen Bad in der engen Gummiwanne mit ihrem halben Eimer Wasser enthoben zu sein, ihre schlanken Glieder in den belebenden Fluten des Stromes kühlen. Und die schwarzen Männer? Der Rovuma steht nicht umsonst in dem Rufe, einer der krokodilreichsten Ströme Ostafrikas zu sein; da ist es immer gut, eine kleine Postenkette aufzustellen; zudem ist es recht drollig, die ängstlichen Gesichter der schwarzen Helden zu bewundern, trotzdem das Wasser auf weite Entfernung hin kaum knietief ist.
Und es will Abend werden; ein steifer Westwind hat eingesetzt, der das breite Bett des Stromes mit ungehinderter Heftigkeit hinauffegt; selbst die magere Wasserader des Rovuma versucht einige kümmerliche Wellen zu werfen. Froh des ungewohnten Anblicks schweift das Auge flußabwärts; Totenstille ringsum, nichts von dem alten, frohen Wamatambwe-Leben der 1860er Jahre. Doch, was ist das? Fern in der letzten Strombiegung ein schwarzer Punkt, der rasch größer wird; unsere Schwarzen mit ihren Luchsaugen haben das Phänomen längst erspäht und starren wie wir beiden Europäer in gleicher Richtung. „~Mtumbwi~, ein Einbaum“, ertönt es wie aus einem Munde, als der Punkt sich bei einer Biegung des Fahrwassers zu einer schwarzen Linie entwickelt. Nach einer Viertelstunde ist das Boot heran, ein Einbaum einfachster Form, mit traurigem Inhalt: mehr tot schon als lebendig kauert in seinem Hintergrunde ein altes Weib. Mich dauert die Ärmste; ein Wink; ein älterer und ein jüngerer Mann springen gewandt ans Ufer. Ein paar Fragen. „Die ist sehr krank, die Bibi,“ heißt es, „sie wird wohl noch heute sterben.“ Ich sehe selbst, hier ist menschliche Hilfe zwecklos. Schon stehen die beiden Männer wieder an ihrem Paddelruder; nach zehn Minuten sieht man sie schräg oben am anderen Ufer anlegen; sie tragen ein unförmiges Bündel über die Sandbank weg in den Busch -- ein Menschenschicksal hat sich erfüllt.