Part 20
Jetzt endlich kommen die beiden immer redseliger gewordenen Männer, die bei ihrem Eilzugtempo des Ganzentrinkens schon tief in das Pombefaß hinuntertauchen müssen, auf ein Gebiet, über das Knudsen sehr wenig unterrichtet ist, das aber mich am allermeisten fesselt. Es ist der mehrmonatige Unterricht der Knaben in jener Waldhütte durch ihre Anamungwi, die Mentoren, von denen jeder Knabe des Landes von seiner Mannbarkeitsperiode an einen besitzt. Diese Mentoren sind unstreitig eine der sympathischsten Einrichtungen des ganzen hiesigen Volkstums; sie halten ihre Hand über ihren Schützling in jeder Lebenslage, geleiten ihn durch die Schmerzenswochen des Unyago hindurch, unterrichten ihn dort über Schickliches und Unschickliches, und sie bleiben für das Wohlverhalten ihres jungen Freundes auch weit über dessen Jugendstadium hinaus verantwortlich. Mir kam es an jenem denkwürdigen Nachmittage vor allem darauf an, den wesentlichen Inhalt des Moralunterrichts in jenem Waldhause zu erfahren. Ganz ist das große Werk nicht gelungen; doch daß ich wenigstens das Fragment aus der Rede eines solchen Mentors wortgetreu habe niederlegen können, erfüllt mich schon mit großer Freude und Genugtuung.
Einige besonders wohlgefüllte Becher haben die letzten Bedenken der beiden trinkfreudigen Gewährsmänner behoben; ein letztes Anspornen durch Nils Knudsen, dann hebt Akundonde mit lehrhaftem Tone an:
„~Mwe mari, sambano mumbēle. Atati na achikuluwēno mnyōgopĕ. Nyumba kasamyinyira tinyisimana chimtumbánăgá. Wakoongwe mkasa yogopa; mkagononau, mesi akayasináu. Imālagắ akamtī́kĭté; imālagắ akamila muchisiĕ́: masakam. Munyitikisie: marhaba. Mkuona mwesi sumyṓgopé, ngakawa kuulala. Kusimana timchiŭá. Miasi jere kogoya. Jerueli winyi.~“
In deutscher Übersetzung:
„Du, mein Lehrling (Schüler), jetzt bist du beschnitten. Deinen Vater und deine Mutter, ehre sie. Ins Haus gehe nicht unangemeldet; du möchtest sie sonst treffen in zärtlicher Umarmung. Vor Mädchen mußt du keine Angst haben; schlaft zusammen; badet zusammen. Wenn du fertig bist, soll sie dich kneten; wenn du fertig bist, soll sie dich grüßen: ~masakam~. Dann antwortest du: ~marhaba~. Bei Neumond nimm dich in acht; dann würdest du leicht krank werden. Vor Kohabitation während der Regel hüte dich (du würdest sonst sterben); die Regel ist gefährlich; (sie bringt) Krankheiten viele.“
So schön und vollständig wie hier auf dem Papier sah nun meine Niederschrift im ersten Augenblick keineswegs aus; dem Neger ist es schon in nüchternem Zustande nicht gegeben, seine Sätze sozusagen auseinander zu pflücken und stückweise zu diktieren, hier bei den fidelen beiden alten Sündern aber war es ein Problem. Dennoch haben wir es gelöst bis zur unabwendbaren Katastrophe.
Zwischen je zwei Sätzen haben die beiden sich unentwegt gestärkt; sie sind dabei gerade bis zu den Wirkungen der weiblichen Menses auf das andere Geschlecht gekommen. Etwas unsicher taucht Akumapanje den Becher der Lust wieder tief in den Bauch des Riesentopfes hinunter. Was muß er hören? Ein kratzendes Geräusch. Seine Hand fährt in anderer Richtung durch den Raum des Fasses dahin; dieselbe Wirkung. Mit unsäglich dummem Gesicht hebt Seine Exzellenz den Becher zum Licht; er ist fast leer; er kann auch nicht mehr gefüllt sein, denn die beiden Jubelgreise haben in ihrer Begeisterung das ganze riesige Quantum von wohl über 20 Liter auf einen Sitz ausgetrunken. Mit der wunderbaren Logik des Bezechten halten sie sich aber zu weiteren Ansprüchen berechtigt; sie sind daher über den Mangel weiteren Stoffes sehr entrüstet. Unter keinen Umständen sind sie zur Fortsetzung ihres Unyagokollegs zu bewegen, sondern ziehen beleidigt ab. Das hat man also von seiner übergroßen Gastfreundschaft.
Die hier wiedergegebene Ansprache, die ich unter Mithilfe von Knudsen, Daudi, Matola und einigen anderen Intelligenzen ins Deutsche übertragen habe, soll für alle Unyagofeierlichkeiten nach Inhalt und Form feststehen. Dies wird schon richtig sein, denn ich wüßte nicht, was mehr aus dem Herzen des Negers herausgesprochen sein könnte als gerade diese Vorschriften. Sie sind eine seltsame Mischung von hygienischen Regeln und moralischen Unterweisungen; zugleich steckt in ihnen ein gut Stück uralten, aber noch immer geübten Volkstums. Damit meine ich das Verbot für den Jüngling, nach der Aufnahme in die Schar der Erwachsenen noch das mütterliche Haus unangemeldet zu betreten. Wir leben hier in Ostafrika ganz im Gebiet des Mutterrechts; da gilt der Vater nichts; er ist sozusagen nur angeheiratet. Er ist zwar der Vater seiner Kinder, doch kaum ihr Verwandter; er gehört eben einer anderen Sippe an. Diese Sippe ist, wie dies innerhalb der Welt der Naturvölker so außerordentlich oft wiederkehrt, exogamisch, d. h. ein Jüngling kann ohne weitere Schwierigkeiten ein Mädchen aus jeder andern Sippe seines Stammes heiraten, nur nicht aus seiner eigenen. Dieses Eheverbot geht sogar so weit, daß der junge Yao die Nähe seiner nächsten Sippengenossinnen möglichst zu meiden hat; es sind dies eben seine nächsten Verwandten in Gestalt seiner Mutter und seiner Schwestern. Daher die Vorschrift, sich bei der Annäherung an das mütterliche Haus zum mindesten erst zu melden.
Außerordentlich sympathisch muß uns wohlerzogene Europäer die auch hier wiederkehrende Betonung des Respekts vor Vater und Mutter berühren. Diese Achtung vor den Eltern und vor allen Erwachsenen überhaupt ist, wie man mir immer wieder erzählt hat, der Haupt- und eigentliche Grundzug der hiesigen Volkspädagogik; ihre allgemeine Durchführung seitens der Jugend soll nach Knudsen auch der hervorstechendste Zug im Verkehr der Jungen mit den Alten sein. Wir Europäer könnten in dieser Beziehung sehr wohl von den Negern lernen, meint Nils, der zu einem Urteil zweifellos berechtigt ist.
Aber um meine Unyagorede bin ich trotz aller guten Eindrücke von den Erziehungsmaximen der Neger nun doch gekommen, und daran ist der allzu große Pombetopf des guten Daudi schuld. Es wird schon nicht anders gehen: wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, muß Mohammed zum Berge gehen. Akundonde hat erklärt, er müsse heim, um neue Daua auf seinen Fuß zu legen, er könne unmöglich wiederkommen; so werden wir wohl oder übel den alten Herrn in seiner eigenen Residenz aufsuchen müssen.
Elftes Kapitel.
Weitere Ergebnisse.
+Chingulungulu+, Ende August 1906.
Noch immer sitze ich in Chingulungulu; ich fluche mehr denn je auf diesen Sammelpunkt infernalischer Hitze, gräßlichen Staubes und schmutziger Eingeborener, aber ich komme nicht weg! Ursache: die anfängliche Unfruchtbarkeit meines Aufenthalts in wissenschaftlicher Beziehung ist allmählich in das gerade Gegenteil umgeschlagen, so daß ich Mühe habe, unter der Wucht der vielen neuen Eindrücke den Kopf oben zu behalten. Ich kann unmöglich alle diese Beobachtungen und Studien mit dem persönlichen Einschlag wiedergeben, den sie im Interesse der Sache verdienten, d. h. ich kann nicht breit und ausführlich erzählen, wie und in welcher Weise ich meine Einblicke in die Kultur und die Denkweise der hiesigen Eingeborenen gewonnen habe; es würde dies ganze Bände füllen, und zu solchen habe ich jetzt keine Zeit. Daher nur einiges wenige Persönliche und eine kleine Blütenlese aus den verschiedensten Gebieten der materiellen und der geistigen Kultur der Völker dieser weiten Ebene.
Das wichtigste Ereignis im Leben meiner Expedition ist die endgültige Angliederung der Persönlichkeit Nils Knudsens an mein Unternehmen; unter Vorbehalt der Zustimmung der Landeskundlichen Kommission habe ich ihn am 25. August mit einem ziemlich hohen Gehalt als Reisebegleiter in meine Dienste genommen. Ich habe dabei das Gefühl, daß damit beide Parteien gut gefahren sind. Der Anlaß zu diesem Schritt ist einfach genug. Wie ich bereits früher bemerkt habe, stand Knudsen als Leiter der Handwerkerschule im Dienst der Kommune Lindi; diese hatte ihn auf Ersuchen des kaiserlichen Bezirksamtes bis auf weiteres beurlaubt, damit er in der Ebene westlich vom Makondeplateau eine Art Kontrolle über die Akiden ausüben solle. Aus Gründen, die zu beurteilen ich keine Veranlassung habe, ist der Plan, derartige weiße Kontrollbeamte einzustellen, wieder aufgegeben worden; damit lag für die Kommune Lindi natürlich auch keine Veranlassung mehr vor, ihren Handwerkslehrer zu seinem Vergnügen im Lande spazieren gehen zu sehen; sie heischte ihn also zurück. Ich muß ehrlich gestehen, daß Knudsen mir längst unentbehrlich geworden war. Als daher vor einigen Tagen der kaiserliche Bezirksamtmann uns auf einer seiner Rundreisen vorübergehend besuchte, habe ich den oben vermeldeten Schritt getan und Knudsen bei mir angestellt. Seitdem fühlt er sich anscheinend wichtiger als vorher; es ist aber auch ein ganz ander Ding, einen deutschen Gelehrten in die tiefsten Geheimnisse eines fremden Volkstums einzuweihen, als faule Negerknaben in die Künste des Hobelns, Sägens, Schmiedens und Nietens.
Das zweite Hauptgeschehnis ist ein gräßliches Fieber gewesen, an dem ich gerade in den letzten Tagen schwer darniedergelegen habe. Auch dieser Anfall hat seine kleine Vorgeschichte. Ewerbeck reist nie ohne einen alten Sudanesentschausch, einen Unteroffizier von sehr schwindsüchtigem Äußern, der seine Begleitmannschaft von Polizeisoldaten kommandiert. Dieser Tschausch figuriert in meiner Nomenklatur der Eingeborenen längst als der „Oberhuster“. Der Name ist, was nicht schwer zu erraten, der wundervollen Pfahldorfgeschichte in Friedrich Theodor Vischers köstlichem Roman „Auch Einer“ entnommen, den ich als eine Art Brevier aller Lebensweisheit verehre. Schon in allen Lagern auf unserem gemeinsamen Marsch von Lindi bis Massassi hatte von allen den zahlreichen Expeditionsaskari keiner so virtuos gehustet wie dieser alte Tschausch: ganze Melodien, aber keine ansprechenden, hatte er in seine furchtbaren Anfälle gelegt. Dieser Oberhuster erscheint selbstverständlich auch diesmal mit seinem hohen Chef wieder auf der Bildfläche; eine ganze Nacht lang hat er mir durch seine Künste wieder den Schlaf geraubt; denn wenngleich er und seine Garde diesmal weiter von unseren Zelten abliegen als sonst in der Wildnis, so überwinden diese schrecklichen Töne doch jede Entfernung. Ich bin demgemäß denn auch ganz Rachegefühl. Am halben Nachmittag sehe ich, wie der alte Herr seine Leute zum Appell antreten läßt. +Die+ Pose von ihm kenne ich; bei Tage hustet er nicht, dafür aber kratzt er sich unausgesetzt und beharrlich an der untersten Partie seiner Rückseite. Mit einem Satz bin ich an meinem 9 × 12-Apparat, der beschaulich an seinem Nagel an einem der Barasapfeiler hängt. Ein Griff an den Riemen, „krach“ geht es; ein rascher Blick nach unten, die Tasche ist leer, die Kamera liegt im Staube. Macht nichts, denke ich, und will den Apparat montieren. Es geht nicht; der Schlitten ist verbogen. Dem Schaden ist durch einen energischen Druck abgeholfen. Doch nun der Momentverschluß, dieses Schmerzenskind jedes Tropenapparates! Richtig hat auch er einen Knacks; er schließt nicht.
Es gibt im Menschenleben Augenblicke, über deren Tun und Lassen man sich später vergebens Rechenschaft abzulegen versucht. So begreife ich auch heute noch nicht, wie mich der Verlust dieses Apparates so fürchterlich hat aufregen können, wie es tatsächlich der Fall gewesen ist; an den Besitz meines geradezu ideal guten 13 × 18-Apparates muß ich in jenen Stunden gar nicht gedacht haben. Daß dies später nicht mehr geschehen ist, kann man eher verstehen, denn noch ehe die Sonne versank, erfreute ich mich schon einer schnell steigenden Fieberkurve. Nach meinem bereits früher bewährten Verfahren habe ich das Fieber durch gewaltige Mengen mit Zitronensäure versetzten Tees zu bändigen versucht, aber vergebens. Nach einer schrecklichen Nacht mit durchschnittlich mehr als 40° Temperatur war das Fieber am nächsten Morgen zwar so weit herunter, daß ich mich ermannen konnte, für den indischen Fundi in Lindi die Zeichnungen zu Einsatzrahmen in meinen 13 × 18-Apparat anzufertigen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich meine photographische Ausrüstung für mustergültig gehalten, doch an die Möglichkeit eines solchen Unglücks, wie er meinem kleinen Apparat zugestoßen ist, und an seinen Ersatz durch einfache Holzrahmen haben weder ich noch meine Lieferanten gedacht. Mit eiserner Energie habe ich noch gerade jene Zeichnungen fertigstellen und durch einen Eilboten nach Lindi absenden können, da war mein Fieber schon wieder auf weit über 38°, und ich mußte wohl oder übel von neuem ins Bett. Dort ist der Anfall schließlich zu Ende gegangen, wie jedes Fieber zu Ende geht; fast möchte ich heute schon wieder rauchen, wenn wir beiden Europäer auch nur noch das Geringste zu rauchen hätten. Doch die Lust am Aufenthalt in Chingulungulu ist mir seitdem gründlich vergangen; nur eine Tagereise weit von uns winkt der Rovuma mit seinen grünen Ufern, seinem klaren, kühlen Wasser, seinen Sandbänken und Inseln. Dorthin wollen wir in den nächsten Tagen, um für kurze Zeit Erholung zu suchen von all dem kleinen und großen Ungemach, das uns hier in Chingulungulu betroffen hat.
Vorher halte ich es noch für meine Pflicht, wenigstens einiges aus meinen Forschungen und Ergebnissen hier niederzulegen.
Außer den vielen anderen Krankheiten, wie Malaria, Schwarzwasserfieber, Schlaf- und Wurmkrankheit, Rückfallfieber, Beriberi, und wie sie alle heißen mögen, die kleinen und großen Leiden der Menschheit in diesen klimatisch sonst außerordentlich begünstigten Gebieten, ist in unserer Kolonie am Indischen Ozean leider auch der Aussatz endemisch. An der Küste des Südbezirks sucht die Kolonialregierung der weiteren Ausdehnung des schrecklichen Leidens dadurch Herr zu werden, daß sie die Unglücklichen, zurzeit gegen 40 an der Zahl, auf einer Insel im Ästuar des Lukuledi unterbringt, verpflegt und durch das medizinische Personal von Lindi behandeln läßt. Hier im Innern müssen sich die Leprakranken einstweilen noch auf die Fürsorge ihrer Stammesgenossen verlassen. Bei den Yao ist diese Fürsorge ein Gemisch echt menschlichen Mitgefühls und roher Barbarei; der Kranke wird im tiefen Pori in einer eigens für ihn erbauten Hütte untergebracht. Dorthin oder in deren Nähe bringen ihm dann die Verwandten, Freunde und Stammesgenossen die Nahrung, bis es zu Ende zu gehen scheint. Haben die Stammesweisen diese Prognose gestellt, dann bringt man dem Todeskandidaten die letzte Mahlzeit; sie ist reichlich, überreichlich, aber ihre Darreichung geht Hand in Hand mit einer festen Verbarrikadierung der Hütte von außen; selbst wenn der Kranke noch die Kräfte und den Willen hätte, sich befreien zu wollen, es würde nicht gehen; rettungslos ist er nach dem letzten Bissen und nach dem letzten Trunk dem Verhungern preisgegeben.
Ein ander Bild; auch das handelt von Tod und Scheiden. Wie ein Wahrzeichen alter Negerherrlichkeit ragt der Hungurueberg mit Hatias baum- und sagenumrauschtem Grab in die weite Ebene hinaus. Bei anderen Sterblichen ist die Sprache ihrer Gräber nüchtern, sie selbst sind anspruchslos. Hier im weitgedehnten Chingulungulu habe ich Gräber an den verschiedensten Stellen des Pori gefunden, frische und alte; keines von ihnen unterscheidet sich äußerlich von den unseren; ein runder oder ovaler Hügel über dem Leichnam des Kindes, ein länglicher über dem des Erwachsenen, das ist alles; von der mir mehrfach berichteten Sitte, daß über dem Hügel eine leichte Hütte gebaut und diese mit Stoffen verziert werde, habe ich bis jetzt nichts gesehen. Nur ein Grab in Massassi zeigte eine solche Hütte, doch es hieß, es sei ein Arabergrab, und die Stoffe fehlten. In Mwiti aber, wo Nakaams Vorgänger Maluchiro begraben liegt, hat dieses Fürstengrab leider ganz den Charakter des Altüberkommenen verloren; dort stößt der Reisende auf eine gewaltige Hütte von ovalem Grundriß und wuchtigem, weit herniederhängendem Dach; tritt er aber näher, neigt Haupt und Körper und betritt den in seinem Halbdunkel unleugbar stimmungsvollen Raum unter diesem Dach, dann steht ein barbarisch prunkvoller Kunstbau vor ihm: starke, massive, aus Lehm gebaute Pfeiler zu Häupten und zu Füßen des Verstorbenen, etwas niedrigere Mauern zu beiden Seiten. Solche Monumente sind der Stolz des Eingeborenen dem durchreisenden Weißen gegenüber, doch sind sie leider auch der Beweis, wie weit schon islamisches Wesen in die alte Negerkultur eingedrungen ist.
Auch wir Europäer mit unserem übermächtigen Einfluß sind nicht weniger schuld an dem Verwischen des alten Kulturbildes. Zwar so schlimm, wie ich es bisher immer geglaubt hatte, ist es z. B. auf dem Gebiet der Technik des Feuermachens noch nicht; ich hatte mir daheim eingebildet, jeder schwarze Hausvater trüge seine Schachtel „Schweden“ ständig mit sich herum, und bei jeder Hausfrau lägen die Jönköpings wie bei uns an einer bestimmten Stelle des Herdes. Weit gefehlt, nichts davon ist zu finden. Aber auch kein anderes Feuerzeug ist zu sehen. Also sind die Leute feuerlos? Auch nicht; im Gegenteil, sie haben ewiges Feuer. Das ist in der Tat die verblüffende Lösung einer Frage, die in der Völkerkunde schon so viele Geister seit langer Zeit beschäftigt hat. Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubten so ernsthafte Forscher wie die Engländer Tylor und Lubbock allen Ernstes an feuerlose Völker; selbst unsere braunen Brüder auf den Marianen sollten zu diesen Ärmsten gehören. Heute ist das Gegenteil einwandfrei nachgewiesen worden; man weiß, daß alle Teile der Menschheit nicht nur Feuer zu ihrem Nutzen zu verwerten, sondern auch auf künstlichem Wege hervorzubringen verstehen. Das Problem hat sich daraufhin zu der anderen Fragestellung zugespitzt: hat die Menschheit das Feuer erst benutzt und dann erst hervorzubringen gelernt, d. h. hat sie die natürlichen Feuerquellen der Vulkane und Laven, brennender Naphthalager, vom Blitz getroffener, trockner Bäume, durch Eigenwärme in Brand geratener, dicht aufgeschütteter Pflanzenmassen zum Ausgangspunkt ihrer Feuerbenutzung genommen und ist später erst zu dessen künstlicher Herstellung fortgeschritten, oder hat sie zuerst den göttlichen Funken durch Bohren, Reiben und Schlagen hervorzubringen gelernt und ist sie erst daraufhin dazu übergegangen, das freundliche Element in seinen Haushalt einzuspannen? Möglich wäre ~a priori~ beides, wenngleich natürlich der erste Entwicklungsweg viel wahrscheinlicher ist als der andere. Heute muß man sagen, daß er allein in Frage kommt. Diese Erkenntnis haben wir lediglich der Völkerkunde zu verdanken.
In einer Zeit, wo jahrein jahraus Hunderte und Aberhunderte von Forschern sich abmühen, die letzten und verlorensten der Naturvölker der Gegenwart systematisch zu beobachten und zu studieren, wo die bestehenden ethnographischen Museen sich unter dem Andrang neuer Sammlungen bis zum Übermaß füllen, und wo fast alljährlich neue derartige Museen entstehen, will es uns seltsam anmuten, zu sehen, wie die ältere, weniger glücklich gestellte Zeit sich mit bloßen Schreibtischtheorien begnügen mußte. Im Sturm reiben sich zwei Äste eines Baumes aneinander; immer heftiger und immer stärker wird der Wind, immer rascher die Gleitbewegungen beider Astflächen. Da, ein leises Glühen; ein Fünkchen zeigt sich; rasch wird es zum Funken und zur lodernden Flamme, die mit verzehrender Glut den ganzen Baum ergreift. Unten am Baum hat das primitive Menschenkind gestanden und mit erstaunter Verwunderung dem seltsamen Vorgang zugeschaut. „Ei,“ denkt es, „so also wird das gemacht!“ Und schon nimmt es ein paar Holzscheite und macht es ebenso.
In dieser Schilderung haben wir das Prototyp dieser alten, grauen Theorien ohne konkrete Unterlage; es ist die des alten Sprachforschers Kuhn, den vor einem halben Jahrhundert seine „Herabkunft des Feuers“ zum mindesten ebenso berühmt gemacht hat wie seine sprachvergleichenden Schriften. Uns schlechten Kerlen einer pietätlosen Gegenwart dient der alte Herr jetzt zum Gespött; aber das ist so der Welten Lauf.
Es ist immer gut, einer weitverbreiteten Kulturerrungenschaft gegenüber, wie es die künstliche Hervorbringung des Feuers ist, an einen mehrfachen Entwicklungsweg zu denken. Wenn wir heute sehen, wie ein großer, ja der bei weitem größte Teil der Urmenschheit sich des Bohrprinzips, ein kleinerer des Prinzips des Reibens, ein dritter dessen der Säge bedient, während der Rest bereits zum Schlagfeuerzeug, zum Hohlspiegel und zum Prinzip des pneumatischen Feuerzeugs übergegangen ist, so ergibt sich jene Notwendigkeit von selbst. Gleichzeitig zeigt uns diese Mannigfaltigkeit der Methoden, daß die Feuererzeugung durchweg erst etwas Sekundäres ist, auf das die Menschheit zufällig und bei Verfolgung ganz anderer Ziele gestoßen ist. Dies trifft sogar für die Feuerpumpe von Südostasien zu. Diese Feuerpumpe ist eine unten geschlossene Röhre, in die der Malaie mit Wucht einen gut schließenden Stöpsel treibt, der in seinem unteren, hohlen Ende eine feine Zundermasse beherbergt. Die zusammengepreßte Luft erhitzt sich und entzündet diesen Zunder. In dem Blasrohr, das etwa in den gleichen Gegenden verbreitet ist, haben wir den zwanglosen Hinweis auf die Erfindung dieses Feuerzeugs; bei der Herstellung jener Schießwaffe, dem Treiben des Loches, liegt die Beobachtung der Lufterhitzung ganz nahe; sie absichtlich zu wiederholen, ist dann nicht mehr schwer. Für die sämtlichen übrigen Formen des Feuerzeugs gibt schon der Kulturbesitz der allerältesten Menschheit Hinweise; bereits der Ururmensch hat schaben, bohren, reiben, sägen müssen, um seine primitiven Werkzeuge, Waffen und Geräte zweckentsprechend zu gestalten. Dabei entstand Schab-, Bohr- und Reibpulver, es entstand zugleich bei kräftiger Betätigung eine mehr oder minder große Hitze, die unter besonders günstigen Umständen jenes Pulver zum Glimmen bringen konnte oder mußte.
So und nicht anders sieht die heutige Völkerkunde die Erfindung der Feuererzeugung an. Diese Erfindung ist sicherlich vielerorts und zu den verschiedensten Zeiten gemacht worden, stets aber doch wohl erst, nachdem das Feuer als Naturerscheinung schon etwas Vertrautes war. Zu dieser Forderung zwingt uns die Beobachtung, die aufmerksame Reisende bei allen Naturvölkern gemacht haben; das Feuer ist ein Haustier, das man hegt und pflegt, das aller Wahrscheinlichkeit nach in seiner Empfindlichkeit gegen jeden Niederschlag sogar eine Veranlassung zur Erfindung des Hauses gewesen ist und das man vor dem Verlöschen zu bewahren sucht, soweit es irgend möglich ist. Auch hier in meinem Forschungsgebiet ist nichts so rührend wie gerade diese große Fürsorge um das „ewige“ Feuer. Hätte ich nicht die Gewohnheit, überall, wohin ich komme, mir von Jung und Alt die Technik des Feuerbohrens vorführen zu lassen, ich glaube, ich könnte zehn Jahre im Lande sitzen, ohne eine Ahnung von dem Vorgang selbst zu bekommen. Selbst über weite Entfernungen hin schleppt man das glimmende Scheit, und erst wenn alle Stricke gerissen sind, wie wir zu sagen pflegen, d. h. wenn auch dieses Scheit erloschen und kein anderes Feuer zu entleihen ist, dann greift der Mann zu ein paar Stäben, um durch eine kurze, aber intensive Bohrarbeit ein neues Feuer erstehen zu lassen.