Part 23
Kein Fest ohne den schmückenden Rahmen. Und was für einer ist es, der sich unserem erstaunten Auge darbietet! Ganz afrikanisch, nicht übergroß, aber vollkommen ausreichend ist der Festsaal, den die Gastgeber hier errichtet haben. Die Neger verstehen es meisterhaft, aus den billigsten Materialien, mit den einfachsten Hilfsmitteln in der größten Schnelligkeit zweckentsprechende und auch in Stil und Form ganz ansprechende Bauten herzustellen. Dieser hier ist kreisrund; die peripherische, aus Holzstangen und Hirsestroh gefertigte Wand ist etwa 2 Meter hoch, mit zwei einander gegenüberliegenden Türöffnungen; der Durchmesser beträgt etwa 10 Meter, das Dach wird von einem Mittelpfeiler getragen. Gerade jetzt ziehen die Weiber feierlich in den Festraum ein, aus dem bereits das bekannte Stimmen mehrerer Trommeln dröhnend und polternd ertönt. Der Hinweis des Jumben auf die Scheu der hiesigen Frauen ist sichtlich gerechtfertigt; wer von den Weibern uns sieht, nimmt schnell Reißaus. Erst nachdem es uns Fremden gelungen ist, uns ungesehen an die Außenwand des Festsaals heranzuschlängeln und dort inmitten eines dichten Haufens verständiger Männer einen sehr erwünschten Unterschlupf zu finden, beruhigen sich die Festteilnehmerinnen. Aber zeichnen läßt sich gleichwohl auch jetzt noch keine von ihnen. Ich habe die Gewohnheit, wo immer es geht, mit einigen wenigen raschen Strichen jedes malerische Motiv zu skizzieren; und wie malerisch sind gerade diese Motive! Lippenscheiben, Nasen- und Ohrpflöcke sind mir seit meinem Einmarsch über die Küstenzone hinaus ins Innere etwas Altes und Vertrautes geworden, doch Exemplare von solcher Größe und Rassentypen von so ausgesprochener Wildheit und Unberührtheit zu bewundern, habe ich bislang doch noch keine Gelegenheit gehabt. Und wenn so ein Frauenzimmerchen gar erst lacht! Das ist einfach unbeschreiblich; solange das Gesicht den normalen, ernsten Ausdruck bewahrt, steht die schneeweiß gefärbte Lippenscheibe ebenso ernsthaft horizontal in die Weite, notabene wenn ihre Trägerin noch jung und schön ist; verzieht sich aber dieses selbe Gesicht zu dem kurzen kichernden Auflachen, wie es nur der jungen Negerin eigen ist, wupp! mit einem kurzen, schnellen Ruck fliegt das Pelele nach oben, es richtet sich steil auf über dem elfenbeinweißen, noch völlig intakten Gebiß; strahlend schauen auch die hübschen braunen Augen des jungen Weibes in die Weite; unter dem Gewicht des schweren Holzpflocks gerät die um fast Handbreite vorgezerrte Oberlippe in ein rasches Zittern; das Baby auf dem Rücken des Weibes -- sie haben fast alle ein Baby auf dem Rücken -- fängt unter dem forschenden Blick des fremden Mannes jämmerlich zu weinen an -- kurz, es ist ein Anblick, den man erlebt haben muß; zu schildern vermag ihn keine Feder.
Unser Platz ist gut gewählt, ungehindert können wir das ganze Hütteninnere überschauen. Die menschliche Psyche ähnelt sich überall, ob unter dem 10. oder 11. Grade südlicher Breite, oder aber in den Schneewüsten Sibiriens oder den Bankettsälen europäischer Festhallen: überall huldigt sie dem Grundsatz: Ehre, wem Ehre gebührt.
„Was sind das dort für drei Knirpse?“ frage ich den Jumben, der dienstbeflissen neben mir steht und mit zufriedenem Verständnis den Vorgängen im Innern folgt. Drei angehende Jünglinge sind es, die an einer reservierten Stelle des Saales auf Ehrenschemeln sitzen. Das sind die Ehemänner der Frauen, deren Echiputu heute gefeiert wird.
„Und Echiputu, was ist das?“ Das ist das Fest der ersten Menses; doch es ist eine lange Geschichte. Diese lange Geschichte jetzt zu verfolgen ist indessen keine Zeit; in dem bewußten, jedem Besucher Ostafrikas unvergeßlichen Takt, der bei allen Ngomen wiederkehrt, haben die Trommeln eingesetzt; im gleichen Augenblick hat sich der dichtgeballte Knäuel der schwarzen Leiber auch schon zu einem Reigen geordnet. In einer Art Bachstelzenschritt bewegt er sich rhythmisch wiegend und gleitend um den Mittelpfahl. Doch dieser ist nicht frei, sondern lieblich grinsend umstehen ihn drei alte Hexen.
„Wer ist das?“ frage ich.
„Das sind die Anamungwi, die Lehrerinnen der drei Mädchen, die heute den Lohn ihrer Arbeit ernten; sieh Herr, was jetzt passiert.“ Einstweilen passiert noch nichts; der Tanz geht weiter und weiter, zunächst noch in der alten Art, dann in einer neuen. Diese ist weniger afrikanisch als allgemein orientalisch, es ist der gewöhnliche sogenannte Bauchtanz. Endlich geht auch er zu Ende; der Reigen löst sich wieder zu einem wilden Durcheinander auf; die eine greift hierhin, die andere dorthin, dann sammelt sich alles wieder um die Anamungwi. Diese lächeln jetzt nicht mehr, sondern sehen recht hoheitsvoll drein; und sie haben ein Recht dazu. Eine nach der anderen überreichen ihnen die Frauen ihre Gaben: Stücke neuen Zeuges, Perlenschnüre, fertige Hals- und Armbänder aus Perlen und dergleichen. „Das ist alles recht gut und schön,“ scheint der Blick der Beschenkten zu sagen, „doch ist das etwa ein Äquivalent für die unsägliche Mühe, die uns die Heranbildung unserer Amāli, unseres Zöglings, seit Jahren gemacht hat? Da müßtet ihr uns schon ganz anders kommen.“ Doch die Festgesellschaft läßt sich durch diese stumme Kritik nicht im mindesten beirren, ganz wie anderswo in der Welt plappert alles durcheinander, und alles ist eitel Lust und Freude.
Eine neue Phase. „~Hawara marre~“, knurrt der Jumbe. Dies kann auch Nils Knudsen nicht übersetzen, denn es ist Kimakua, das er nicht versteht; aber der Jumbe ist vielsprachig wie alle Intelligenzen hierzulande; „~Kisūwi mkắmŭle~“ heiße es im Kiyao, „der Leopard bricht aus“. In diesem Augenblick geschieht auch schon etwas Unerwartetes: die drei jungen Kerle haben sich blitzschnell erhoben; ein lautes Gekrache und Geraschel -- durch die leichte Strohwand sind sie nach außen gebrochen und entweichen in der Richtung auf die entfernteren Dorfhütten zu. Ich habe bis jetzt nicht klar ersehen können, ob diese jugendlichen Ehemänner selbst den Leoparden repräsentieren sollen oder ob sie als durch den imaginären Leoparden verfolgte Größen zu betrachten sind; in beiden Fällen jedoch kann unsereinem das behagliche Schlendertempo, in dem sie davonpilgern, wenig einleuchten und noch weniger imponieren, viel weniger jedenfalls als das mit ebensoviel Verve wie Ausdauer gesungene Lied „~Hawara marre~“ der Frauen, das in das sonnendurchglühte Pori noch hinausschallt, längst nachdem die drei Leoparden verschwunden sind.
Ein anderes Bild. Die Festhalle ist leer; dafür wimmelt es jetzt von buntfarbigen, abenteuerlichen Gestalten auf dem danebenliegenden, sauber gekehrten Platz. Jetzt erst sieht man, wie schön sich alles gemacht hat. Wie gleißend Gold erstrahlen die schweren, massiven Messingringe von mehr als Daumenstärke an Fuß- und Handknöcheln; in den leuchtendsten, reinen Farben erglänzen auch Schurz und Obergewand, beide soeben erst von dem galanten Ehemann auf eigens zu diesem Zweck ausgeführter Expedition vom Inder in Lindi oder Mrweka für teures Geld erstanden; weißer noch womöglich als sonst leuchtet schließlich der Lippenklotz in seinen wuchtigen Abmessungen zu dem staunenden Fremden herüber. Und wie glänzen die wolligen Krausköpfe und die braunen Gesichter unter der dicken Schicht frisch aufgetragenen Rizinusöls, dem Universalkosmetikum des ganzen Ostens! Wieder stehen die Anamungwi in hoheitsvoller Pose da; wieder drängt sich alles um sie. Diesmal kommt der materiellere Teil: Maiskolben sind es, Hirserispen und ähnliche, ebenso nützliche wie angenehme Dinge. Sie regnen in Massen in ihre Hände.
Und wiederum ein neues Bild. Die Kapelle hat noch sorgfältiger als gewöhnlich ihre Instrumente gestimmt; mit einem letzten Aufzucken sinkt das hellodernde Strohfeuer gerade in diesem Augenblick in sich zusammen. ~Bŭm, bŭm búm, bŭm bŭm búm, bŭm bŭm búm~, setzt auch schon die erste von ihnen ein. Hei, wie fliegen dem Manne die Hände! Trommeln und Trommeln ist zweierlei, der Ngomenschlag indes ist eine Kunst, die gewiß nicht jeder lernt; es ist nicht gleichgültig, ob die Hand mit der ganzen Innenfläche oder den Fingerspitzen allein auf das pralle Fell niedersaust, oder ob die untere oder obere Knöchelreihe der geballten Faust den Ton hervorbringt; auch dazu gehört sicherlich eine gewisse Begabung. Wir Europäer sind nach ziemlich allgemeiner Annahme psychisch doch wesentlich anders organisiert und veranlagt als die schwarze Rasse, doch auch unsereinen lassen Takt und Rhythmus gerade dieses Ngomenschlags durchaus nicht kalt. Unwillkürlich fängt auch der Europäer an, mit den Beinen zu wippen und zu knicken, und fast möchte er in die Reihe der schwarzen Gestalten eilen, gälte es nicht das Dekorum der Herrscherrasse zu wahren und Auge und Ohr anzuspannen für alles, was da vorgeht.
Ikoma heißt der Tanz, in dem die Frauen sich jetzt wiegen. Unser Auge ist zu wenig geschult für die feinen Unterschiede zwischen all diesen einzelnen Reigentänzen; deswegen ermüden wir auch schon vom bloßen Zusehen viel früher als der Neger im angestrengtesten Tanze. In diesem Falle tut auch die Sonne ein übriges; dem Knaben Moritz ist bereits schlecht geworden; wie er behauptet, von dem Dunst der Menschenmenge. Als wenn der Bursche nicht selbst mit duftete! Zwar habe ich ihn noch nicht wie seinen Kollegen Kibwana vorzeiten in Lindi unter Androhung von Peitschenhieben und Ohrfeigen in den Indischen Ozean zu jagen brauchen, weil dieser edle Vertreter des Wassegedjustammes so fürchterlich nach faulem Haifischfleisch roch, als wenn er selber schon monatelang im Grabe gelegen hätte; allzuviel Recht, sich über seine Landsleute zu mokieren, hat das Bürschchen Moritz gleichwohl kaum. Ich bin gerade im Begriff, meine Apparate abzubauen, da endlich ändert sich das Bild der im ewigen Gleichmaß durcheinanderwogenden schwarzen Leiber mit einemmal erheblich. Bis dahin ist alles, auch nach unseren Begriffen, höchst dezent vor sich gegangen, jetzt aber, was muß ich sehen! Mit rascher Gebärde fliegen die bunten Kattune hoch, Unter- und Oberschenkel und die ganze Gesäßpartie liegen frei; rascher schreiten die Füße, feuriger und lebhafter tänzeln die einzelnen Partnerinnen im Kreise umeinander. Und mich bannt, wovon ich schon lange gehört, was mein Auge aber vordem nie erschaute. Wuchtige Ziernarben sind es, auf Oberschenkeln, Gesäß und Rücken in den mannigfachsten Mustern eingeritzt und durch vielfaches Nachschneiden im Stadium der Verschorfung zu diesen dicken Wulsten herangebildet. Auch das gehört zum Schönheitsideal hierzulande.
Ich habe das Ende des Ikomatanzes zu meinem Leidwesen nicht abwarten können; einmal fühlten sich die Teilnehmerinnen trotz des kleinen Silberstücks, das ich freigebig an jede von ihnen austeilen ließ, durch die Anwesenheit eines Vertreters der weißen Rasse, die den meisten von ihnen bis dahin nur vom Hörensagen bekannt geworden war, sichtlich bedrückt, so daß die ungezwungene Fröhlichkeit des geschlossenen Festsaals hier draußen durchaus nicht aufkommen wollte, sodann gebot die Rücksicht auf Moritz, der vor Übelkeit schon ganz grau war, schleunigste Heimkehr.
Der Jumbe von Akundonde besitzt wohl den Vorzug der praktischen Führung, aber er ist kein Theoretiker; um von den Weistümern seines Volkes und der Makua viel zu wissen, ist er wohl noch zu jung. Auch Akundonde selbst schweigt sich aus, vielleicht bedarf es bei ihm immer erst eines stärkeren Reizmittels, wozu ich aber nicht in der Lage bin, zumal wir selbst hier gänzlich auf unsere Konserven, die üblichen mageren Hühner und ein paar von Knudsen erlegte alte Perlhühner angewiesen sind; von der reichlichen Pombezufuhr, wie sie in Massassi und Chingulungulu unser bierfreundliches Herz entzückt hatte, keine Spur. Leichten Herzens sind wir denn auch schon am vierten Tage von Akundonde aufgebrochen, um in dreitägigem Marsch das langersehnte Newala zu erreichen. Stationen: Chingulungulu, wo ein großer Teil unseres Gepäcks liegengeblieben war, sodann Mchauru, ein außerordentlich weitläufig gebauter Ort in der gleichnamigen Landschaft und am gleichnamigen Fluß in den Vorbergen des Makondeplateaus.
Mchauru ist in mehrfacher Beziehung interessant genug; zunächst in topographischer: wohl 20, ja 30 Meter tief in den lockeren Aufschüttungsboden eingeschnitten, zieht sich das Flußbett dahin, in südwestlicher Richtung, dem Rovuma zu; es ist eine wahre Kletterpartie, in diese Klamm hinunterzugelangen. Unten stößt man keineswegs direkt auf fließendes Wasser, sondern man muß auch hier erst noch mindestens 2 Meter tief in den reinen Sand hineingraben, bevor man das unterirdisch abströmende Naß erreicht. Damit rechnen auch die Eingeborenen, auf deren enge, tiefe Wasserlöcher der Wanderer alle Augenblicke stößt. Um so üppiger ist dafür die Vegetation im ganzen Gebiet; woher sie in diesem Gebiet des Regenschattens kommt, ist mir noch nicht ganz klar; möglich, daß der Humusgehalt hier größer ist als an den meisten Stellen der weiten Ebene.
Mchauru ist nicht nur landschaftlich schön, sondern auch ethnographisch berühmt im ganzen Lande; einmal durch einen Fundi, der die schönsten Ebenholznasenpflöcke fertigt und sie am geschmackvollsten mit Zinnstiftchen auslegt, sodann durch den Zauberer Medulla; dieser beiden Personen wegen habe ich überhaupt hier haltgemacht. Der Kipini-Fundi war nicht zu finden; er sei verreist, hieß es; aber Medulla war daheim.
Durch wahre Bananenhaine -- für mich ein ganz neuer und ungewohnter Anblick -- und ausgedehnte Fruchtfelder von Mais, Bohnen und Erbsen sind wir, d. h. wir beiden Europäer und die engere Garde mit den Apparaten, von unserm an der Barrabarra unter einem riesengroßen Baum aufgeschlagenen Lagerplatz eine kleine Stunde südwestwärts gezogen. Ab und zu führt der Weg im Flußbett entlang; dann ist es ein mühseliges Waten im unergründlichen Sande. Endlich heißt es: wir sind da. Wir klettern einen kleinen Hügel empor und stehen vor einer offenen, schuppenähnlichen Hütte. Ein Negergreis sitzt darin, nicht kauernd nach der Weise der Eingeborenen, sondern wie wir mit ausgestreckten Beinen auf einer Matte. Begrüßung; mein Anliegen: seine Zaubermittel soll er mir erklären und käuflich ablassen, fernerhin aber soll er uns etwas weben. Nur zwei Männer sind nach den Erzählungen der Eingeborenen im ganzen weiten Lande noch in der Lage, dem Fremdling und auch den eigenen Stammesgenossen diese unter der Wucht des eingeführten Kattuns bereits ausgestorbene Kunst vorzuführen. Den einen, einen zittrigen Greis, habe ich vor vielen Wochen in Mkululu kennen gelernt; der andere sitzt jetzt vor mir. Der Mkululumann hat mich arg enttäuscht; von Weben keine Ahnung, auch nichts vom Vorhandensein eines Webstuhls selbst; nur einen mäßig guten Baumwollfaden hat uns der Alte mit seiner Spindel zu bereiten gewußt. Das war alles gewesen.
Um so größer sind meine Erwartungen bezüglich Medullas. Doch die Medizinen gehen vor; wir feilschen mit ihm wie die Armenier, der Mann läßt sich auf nichts ein; schließlich zeigt er uns ein paar der üblichen Kalebassen mit ihren fragwürdigen Mixturen, fordert aber dafür so unverschämte Preise, daß nun auch ich einmal, und zwar mit großer Genugtuung, sagen kann: „~Hapana rafiki~, gibt’s nicht, Freundchen.“ Auch Medulla ist Philosoph; „na, denn nicht“, denkt er allem Anschein nach, beginnt ein großes Gespräch über seinen Namen, versucht sich dann mit der Aussprache des meinigen und geht erst allmählich zu dem zweiten Teil des Programms über. Wie ein Reporter unserer gräßlichen modernen Wochenblätter stehe ich mit meinem Apparat auf der Lauer; Medulla sitzt ungünstig, draußen schreiendes Licht, in seiner kühlen Hütte tiefes Dunkel; ich nötige ihn sich umzusetzen, er tut’s nicht; ich bitte, ich schmeichle ihm, er grinst, holt umständlich seine Pfeife hervor, zündet sie mit glühender Kohle an, pafft und rührt sich nicht. Im Vertrauen auf mein Voigtländersches Kollinear lasse ich ihn schließlich sitzen, um überhaupt nur weiter zu kommen. Ich will den Webstuhl sehen und wie er gebraucht wird. Erst müsse er, Medulla, den Faden machen, heißt es. Ich füge mich. Langsam greift der Alte in einen Korb, holt ebenso bedächtig eine Handvoll Kapseln hervor, entkernt sie kunstgerecht und beginnt nun, die flockige weiße Masse mit einem Stäbchen zu schlagen. Überraschend schnell ist das ziemlich große Quantum Baumwolle gleichmäßig locker. Medulla nimmt sie in die Linke und beginnt mit der Rechten den Rohfaden zu zupfen. „Aha,“ denke ich, „die Sache kommt dir bekannt vor; das haben vor mehr als 30 Jahren die Eichsfelder ebenso gemacht, wenn sie allwinterlich in unser hannöversches Dörfchen kamen, um dort den Bauern die Wolle zu verspinnen.“ Doch damit hört auch schon die Parallele auf, der weitere Gang ist wieder ganz urmenschlich: Anknüpfen des Rohfadens an das Fadenende auf der Spindel, Durchziehen dieses Fadens durch den unsere Öse ersetzenden Spalt, Wirbeln der Spindel in der Rechten unter weit abgespreizter Linker; sodann ein Herniedergehen mit beiden Armen, ein rasches Rollen der Spindel auf dem rechten Oberschenkel -- der Faden ist zum Aufwickeln fertig.
Medulla hat es fertiggebracht, uns eine ewige Zeit in derselben Weise zu langweilen; den berühmten Webstuhl hat auch er schließlich nicht hervorgeholt, sicher aus dem einfachen Grunde, weil dieses Rudiment eines alten Kulturzustandes wohl nur noch im Munde seiner leichtgläubigen Landsleute existiert. Der gerissene Allerweltskünstler versprach bei unserem mehr als kühlen Abschied zwar hoch und heilig, er werde mit seiner Maschine nach Newala kommen, doch dies hat ihm nicht einmal der dümmste meiner Leute geglaubt.
Dreizehntes Kapitel.
Unyago überall.
+Newala+, Mitte September 1906.
Hurra, Unyago überall, an allen Ecken und Enden; es ist eine Lust zu leben! Mit dem reizvollen Fest von Akuchikomu scheint der Zauberbann gebrochen, der mir gerade die besten Wochen hindurch die Einsicht in diesen völkerkundlich so wichtigen und hochinteressanten Gegenstand verwehrt hat; an nicht weniger als zwei typischen Festfeiern habe ich in der kurzen Zeit meines Newala-Aufenthaltes bereits teilgenommen, und beide waren noch dazu Mädchen-Unyago. Und das hat mit seiner Güte Akide Sefu getan.
O du braver Sefu bin Mwanyi, du Zierde deiner Vaterstadt Ssudi, du Stolz und Perle deines Standes, wie soll ich dir danken, was du bereits an mir getan hast, täglich tust und fernerhin noch tun wirst! Du bist ein Mann von edlem Schnitt des Antlitzes, von hohem Wuchs und der Farbe der Nachkommen des Propheten; Negerblut hast du wohl kaum ein Tröpfchen in deinen Adern, sondern rein und unvermischt hat sich die Reihe deiner arabischen Ahnen durch die Jahrhunderte hindurch bis auf dich herab fortgeführt. Und sprachgewandt bist du, daß Nils Knudsens Ruhm schnell vor dir verblaßt! Bewahre dir dein Verständnis auch für die Ziele späterer Reisender, dann kann es an Früchten deutscher wissenschaftlicher Forschungsarbeiten nicht fehlen!
Wir hatten uns von dem schrecklich mühsamen Aufstieg, den die Steilheit des Plateauabsturzes gerade hier bei Newala bedingt, ein klein wenig erholt, hatten uns notdürftig in der gegen den gefürchteten Abendwind von Newala weit offenen Barasa in der Boma, der Palisadenumzäunung, dieses Ortes eingerichtet und uns gegen die geradezu arktische Kälte der ersten Newala-Nacht durch alle verfügbaren Decken zu schützen gesucht, da kam auch schon im frühen Morgengrauen der diensteifrige Akide herbeigeeilt, um uns nach dem Makondedorf Niuchi zu führen; dort sei heute das Schlußfest des ersten Mädchen-Unyago, da würde ich viel Neues sehen und hören. Eine Stunde später hatten meine Auserwählten, wozu in diesem Falle auch mein gutes, altes Maultier gehörte, und wir uns bereits durch eine tüchtige Portion urechten Makondebusches hindurchgewunden; mein Reittier hätte, selbst wenn es in seinem angeborenen Stumpfsinn dazu fähig gewesen wäre, sich durchaus nicht zu wundern brauchen, warum es denn heute die gewohnten 180 Pfund nicht zu tragen hatte, denn an Reiten war bei diesem Kampf mit Dorn und Busch, die selbst auf dem begangensten Makondepfade kaum 30, 40 Zentimeter eines halbwegs freien Raumes offen ließen, nicht zu denken. Gänzlich unvermittelt standen wir auf einem kleinen, freien Platz inmitten einiger Häuser und sahen mit ebenso großer Verwunderung auf einen stattlichen Haufen seltsam ausschauender Frauengestalten, die erschreckt zu uns herüberstarrten. Ich sah sofort, daß auch hier möglichste Zurückhaltung nur von Nutzen sein könne und verschwand mit all meinen Apparaten und Leuten hinter der Ecke der nächsten Hütte. Von dort aus habe ich ganz ungestört eine Summe von Vorgängen sich abspielen sehen, wie sie in dieser Eigenart bisher wohl selten einem Reisenden sichtbar geworden sind.
Es ist 8 Uhr morgens; im frischesten Grün schließt sich der Makondebusch fast über unseren Häuptern zusammen; nur ein Baum mitten auf dem Dorfplatz und einige wenige, ebenso stattliche Gefährten ragen über das Buschwerk und die niedrigen Makondehütten hinaus in die klare Morgenluft. Die wenigen Weiber, die bei unserer Ankunft den Platz mit Büscheln grüner Zweige sauber gefegt hatten, sind blitzschnell in den Schwarm der übrigen Frauen zurückgetaucht. Diese stehen wie eine Mauer um fünf andere, in schreiendes Bunt gekleidete Wesen, die in Hockstellung im Schatten eines Hauses kauern, sich mit den Händen Augen und Schläfen überdecken und durch die Finger unverwandt zu Boden starren. Da, ein schriller Ton; fünf oder sechs der Frauen eilen mit grotesken Sprüngen über den Platz, keck steht das Pelele, die Lippenscheibe von wahrhaft fabelhaften Dimensionen, in die Luft, unter ihm aber fliegt die weit vorgestreckte Zunge in raschen Horizontalschwingungen hin und her. Dies gehört nun einmal zu dem berühmten Frauentriller Ostafrikas; ohne dies ist er nicht kunstgerecht. Den ersten sechs folgen bald ein Dutzend andere Weiber.
„~Anamanduta, anamanduta, mwanangu mwanagwe~“,
„Es geht weg, es geht weg, mein liebes Kind“,
ertönt es aus ihrer Mitte, zunächst solo, dann im Chor; Händeklatschen im strengen Takt, tänzelnde Schreitbewegungen über den Platz hin und her begleiten das Lied. Trennungsschmerz im wilden Osten, denke ich, als mir Sefu in rascher Gewandtheit den Text übersetzt hat. Da ertönt auch schon ein neuer Sang:
„~Namahihío atjikuta kumawēru.~“
„Die Eule schreit in der Schamba.“
Auch der Vortrag dieses Sanges dauert eine geraume Zeit; dann steht alles plötzlich wieder in dichter Scharung um jene fünf Kleiderbündel herum. Aus dem Schwarm treten fünf ältere Gestalten hervor; mit Bündeln von Hirserispen schmücken sie das Haupt ihrer Schülerinnen, denn das sind jene buntfarbigen Wesen. Diese erheben sich jetzt, treten eine hinter der andern an, legen beide Hände auf die Schultern des „Vordermannes“, die Trommelkapelle setzt ein; alt und jung wiegt den Mittelkörper rhythmisch und meisterhaft zugleich im Bauchtanz.
„~Chihakātu cha Rulī́wĭle nande kuhuma nchēre.~“
„Das Chihakatu (eine kleine Korbschale) des Liwile wird früh aus dem Haus herausgetragen“, so erschallt es jetzt aus dem Chor heraus. Mit dem Chihakatu ist anscheinend der Ährenschmuck gemeint; der Neger liebt es, zu symbolisieren.