Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 6
Ich selbst begab mich im Auto -- wir hatten uns nämlich auch bis zum Longido hin eine Autostraße gebaut -- nach dem zwischen Longido und Kilimandjaro gelegenen Engare-Nairobi (kalter Fluß), einem Flüßchen, das vom Nordabhange des Kilimandjaro die Steppe in nordwestlicher Richtung durchzieht. Dort saßen eine Anzahl Burenfamilien auf ihren Farmen. Die Abteilung Kraut hatte ihr Lager dorthin verlegt, da der Verpflegungsnachschub bis zum Longido hin bei zweitägigem Marsch durch die Steppe nicht geschützt werden konnte und deshalb allzu gefährdet war. Ich überzeugte mich, daß auch hier, nördlich des Kilimandjaro, zur Zeit keine Gelegenheit zu Unternehmungen war und kehrte nach Neumoschi zurück. Der Weg von Neumoschi, wo ein großer Teil des Verpflegungsnachschubes aus Usambara und den weiter südlich gelegenen Gebieten per Bahn gesammelt wurde, beträgt bis Taveta 50 Kilometer. Wenn wir auch nur wenige Kraftfahrzeuge, nämlich 3 Personenwagen und 3 Lastautos im ganzen, zur Verfügung hatten, so bedeutete das für unsere Verhältnisse doch etwas Wesentliches. Die Drei-Tons-Wagen konnten auf der gut ausgebauten Straße bei trockenem Wetter bequem in einem Tage hin und zurück gefahren werden. Da Träger für dieselbe Strecke hin und zurück mindestens vier Tage brauchten, ergab die Berechnung, daß ein Auto so viel leistete wie 600 Träger, die außerdem selbst Verpflegung beanspruchten.
Dem später von den Engländern vertretenen Grundsatz, den Lastentransport von den Schultern der Träger und der Tiere zu nehmen und mit Automobilen zu bewerkstelligen, muß umsomehr beigetreten werden, als Menschen und Tiere unter den tropischen Erkrankungen in hohem Maße litten, während Mücken gegen Automobile ja machtlos sind. Wir konnten aber diesen klaren Vorteil nicht ausnutzen, weil wir eben nur wenige Kraftwagen hatten. Immer wieder mußten wir auch in dieser für den Nachschub ruhigen und geregelten Periode des Krieges auf Träger zurückgreifen. Noch heute sehe ich die Freude des damaligen Intendanten, als eine Trägerkarawane von 600 Wassukuma von Muanza her in Neumoschi anlangte; sie brachte vom Viktoriasee über Kondoa-Irangi bis zum Kilimandjaro Reis, der hier dringend benötigt wurde. Wenn man berücksichtigt, daß der Träger für diesen mindestens 30 Tage erfordernden Marsch täglich ein Kilogramm Verpflegung selbst braucht und höchstens 25 Kilogramm trägt, so müssen die Märsche schon sehr überlegt eingerichtet werden und durch besiedelte und verpflegungsreiche Gebiete führen, wenn überhaupt solche Transporte von Wert sein sollen. Wenn trotz dieser Nachteile der Trägertransport in großem Umfange in Anspruch genommen werden mußte, so zeigt dies die Schwierigkeit des Nachschubes und der Verpflegung, die wir in Kauf nehmen mußten.
Der Intendant Hauptmann Feilke verstand es aber auch meisterhaft mit den Leuten umzugehen und für sie zu sorgen. Die Träger fühlten sich gut aufgehoben, und das Wort „Kommando“, das sich einzelne als Eigennamen beilegten, gewann an Verbreitung. Mir persönlich gaben die paar Kraftwagen die Möglichkeit zu zahlreichen Geländeerkundungen und Besichtigungen von Truppen. Nach Taveta, wohin ein Teil der Truppen aus Tanga zurückkehrte, konnte ich von Neumoschi in zwei Stunden fahren; es hätte dies sonst vier Tage gedauert; später bin ich an einem Tage von Neumoschi aus zum Engare-Nairobi und westlich um den ganzen Meruberg nach Neumoschi zurück gefahren, eine Reise, die mit Trägern wohl nicht unter zehn Tagen zu machen war.
Der Erfolg von Tanga wirkte belebend auf die Entschlossenheit der ganzen Kolonie zum Widerstande.
Am 26. November gelang es in Morogoro dem Chef des Etappenwesens, Generalmajor Wahle, die Einwilligung des Gouverneurs zu erlangen, daß Daressalam im Falle eines Angriffes verteidigt werden sollte. Es war ein Glück, daß diese Einwilligung noch eben rechtzeitig erfolgte. Schon am 28. November erschienen zwei Kriegsschiffe, ein Transportschiff und ein Schlepper vor Daressalam, und verlangten eine Besichtigung unserer im Hafen liegenden Schiffe. Hier lag unter anderem die zum Lazarettschiff eingerichtete „Tabora“ der Deutsch-Ostafrikalinie. Da die Engländer schon bei einer früheren Gelegenheit erklärt hatten, daß sie sich an kein über Daressalam getroffenes Abkommen gebunden erachteten, so hätte es jedesmal erneuter Konzessionen bedurft, wenn man einer angedrohten Beschießung entgehen wollte. Es war also eine Schraube ohne Ende geschaffen. Ich drahtete nun, daß die verlangte Einfahrt einer englischen Pinasse in den Hafen mit Waffengewalt zu verhindern sei. Leider war diese Pinassenfahrt aber entgegen meiner Auffassung von der deutschen Behörde zugestanden worden, und der zur Zeit in Daressalam anwesende älteste Offizier fühlte sich hierdurch gebunden. Als nun aber die Engländer statt mit der einen zugestandenen Pinasse mit mehreren kleineren Fahrzeugen einfuhren, auf der „Tabora“ Zerstörungen vornahmen und sogar Personal dieses Schiffes gefangen fortnahmen, wurde das Unzweckmäßige unserer bisherigen Zugeständnisse allen bis dahin Zweifelnden doch zu augenscheinlich. Hauptmann von Kornatzky kam noch gerade rechtzeitig genug, um die kleinen englischen Fahrzeuge, als sie beim Auslaufen die schmale nördliche Hafeneinfahrt durchfuhren, wirksam unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Hierbei wurde leider auch einer der deutschen Gefangenen verwundet. Die Abwehrmaßnahmen waren eben nicht rechtzeitig getroffen worden. Es ist dies ein kleines Beispiel dafür, wie gefährlich und schließlich auch unvorteilhaft es ist, wenn im Kriege der militärische Führer immer wieder in seinen Entschlüssen und in der Ausführung seiner nun einmal unvermeidlichen Handlungen beeinträchtigt wird.
Übrigens richtete die nun folgende Beschießung von Daressalam keinen nennenswerten Schaden an, denn daß ein paar Häuser dabei beschädigt wurden, kann man ernsthaft als solchen nicht rechnen.
In den Zeiten relativer Seßhaftigkeit, die wir in Neumoschi hatten, war auch die wirtschaftliche Seite des Lebens angenehm. Die Europäer, zum großen Teil den Siedlerkreisen der Nordgebiete angehörend, beschafften sich den Hauptanteil ihrer Verpflegung selbst. Reis, Weizenmehl, Bananen, Ananas, europäisches Obst, Kaffee und Kartoffeln strömte reichlich von den Pflanzungen her an die Truppe. Zucker beschafften die zahlreichen Fabriken, und Salz wurde in der Hauptsache von der an der Zentralbahn zwischen Tabora und dem Tanganjika gelegenen Saline Gottorp geliefert. Viele Pflanzungen stellten ihren Betrieb ganz auf die Truppenverpflegungen ein, und bei den reichlich vorhandenen Arbeitskräften machte dieser Wechsel im Anbau keinerlei Schwierigkeiten.
Aber auch der Nachschub mußte angespannt werden. Die von Kimamba zur Nordbahn, nach Mombo und Korogwe führende große Etappenstraße wurde immer weiter ausgebaut, um den Transport der aus dem Gebiet der Tanganjikabahn und weiter aus dem Süden stammenden Erzeugnisse nach dem Norden zu bewältigen. Mindestens 8000 Träger waren allein auf dieser Strecke dauernd in Tätigkeit. Es stellte sich bald als praktisch heraus, die Trägerkarawanen die etwa 300 ~km~ lange Strecke nicht durchgehen zu lassen, sondern die Träger auf einzelne Etappen zu verteilen. Hier war es dann möglich, sie stationär unterzubringen und auch in gesundheitlicher Beziehung zu überwachen. Hygieniker bereisten die Strecke und taten das Menschenmögliche für die Gesundheit der Träger im Kampfe besonders gegen Ruhr und Typhus. So entstanden an dieser stark in Anspruch genommenen Etappenstraße auf Tagesmarschentfernungen dauernde Trägerlager, in denen die Leute in zunächst provisorischen, später gut ausgebauten Hütten untergebracht waren. Die Lagerdisziplin war streng geregelt. Um auch für die zahlreich durchreisenden Europäer zu sorgen, wurden für diese kleine Häuser mit Betonfußboden angelegt; der einzelne hatte hier die Möglichkeit, sich aus den Beständen der Etappe zu verpflegen, ohne, wie es sonst bei afrikanischen Reisen üblich ist, den gesamten Verpflegungsvorrat auf lange Zeit mitschleppen zu müssen. Die Arbeit an dieser Etappenstraße war Gegenstand dauernder Aufmerksamkeit, Europäer und Farbige mußten die Zusammenarbeit so großer Menschenmassen erst lernen und begriffen die Wichtigkeit von Ordnung und Disziplin für das Funktionieren des Nachschubes und für die Gesundheit aller Beteiligten.
Auf dem Bahnhof von Neumoschi arbeiteten Telegraph und Telephon andauernd, Tag und Nacht. Bei der Improvisierung der gesamten Organisation konnten Reibungen nicht völlig ausbleiben. Alle Angehörigen des Kommandos waren außerordentlich belastet. Aber es boten sich auch Lichtblicke während der angestrengten Arbeit. Die materielle Versorgung der Europäer hier im Norden kam auch uns im Kommando zugute. Durch zahlreiche Zusendungen von Privatleuten wurden wir geradezu verwöhnt. Wenn einer von uns die Nordbahn entlang fuhr, an der es im Frieden selbst für Geld und gute Worte schwer war, sich etwas Verpflegung zu beschaffen, so sorgte jetzt fast an jeder Station jemand für uns. Ich erinnere mich an einen Fall, wo der aus der Gegend nördlich des Erokberges von anstrengenden Patrouillen recht ausgehungert zurückgekehrte Oberleutnant Freiherr v. Schroetter beim Kommando in Neumoschi eintraf. Nachdem er von 7 bis 11 Uhr nach Durchschnittsbegriffen reichlich verpflegt worden war, bat er schüchtern, ihm doch noch einmal Abendbrot zu geben. Am nächsten Morgen trat er einen vierzehntägigen Urlaub zu seiner in Usambara gelegenen Pflanzung an, um sich zu erholen und nach dem Rechten zu sehen. Nach dem Frühstück gaben wir ihm Kaffee, Brot, Butter und Fleisch in den Zug mit und hatten die verschiedenen Bahnstationen angewiesen, sich dieses gänzlich verhungerten Patrouillenmannes anzunehmen. So wurde ihm nach einer halben Stunde in Kahe von der dortigen Bahnhofswache von neuem Frühstück gereicht, in Lembeni hatte die reizende Frau des dortigen Bahnhofskommandanten ihm einen Kuchen gebacken und in Same versorgte ihn der Führer des dortigen Rekrutendepots, Feldwebel Reinhardt. In Makanja brachte ihm der Wachthabende, Pflanzer Barry aus der Umgegend, selbstbereitete Schokolade und Ochsenherzen -- es ist dies eine etwa melonengroße Frucht --, in Buiko hatte der gastliche Betriebsdirektor der Nordbahn, Kühlwein, der uns so oft bei unserer Durchreise erfrischt hat, ihm ein solennes Essen vorbereitet. In Mombo, wo der Nachschub der Usambaraberge zusammenströmte und wo wir in der Hauptsache unsere Truppenwerkstätten eingerichtet hatten, erwartete unsern Schützling Oberdeckoffizier Meyer mit einem nahrhaften Vesperbrot. Da aber erhielten wir das Telegramm: „Bitte nichts weiteres bestellen. Ich kann nicht mehr.“
So viel verständnisvoller Scherz für die Stimmung eines ausgehungerten Leutnants in dieser andauernden Bewirtung liegt, so zeigt sie besser als theoretische Auseinandersetzungen das innige Zusammenarbeiten aller Teile der Bevölkerung der Nordbezirke mit der Truppe und das Bestreben, uns jeden Wunsch an den Augen abzulesen. Dieses Zusammenhalten ist geblieben, solange die Truppe im Norden war.
Wenn der Dienst es irgend gestattete, sorgten wir für Abwechslung und Erholung. Oft haben wir uns in der Umgebung von Neumoschi des Sonntags zu fröhlicher Treibjagd zusammengefunden. Träger und Askari hatten bald ihre Rolle als Treiber begriffen und trieben in musterhafter Ordnung durch den dichtesten Busch uns das Wild zu, das sie mit lautem: „Huju, huju“, auf deutsch: „Da ist er“, ankündigten. Die Strecke dürfte, was Vielseitigkeit anbetrifft, auf europäischen Jagden bisher nirgends erreicht worden sein: Hasen, verschiedene Zwergantilopen, Perlhühner und verschiedene Verwandte des Rebhuhnes, Enten, Buschböcke, Wasserböcke, Luchse, verschiedene Arten Wildschweine, kleine Kudus, Schakale und eine Menge anderes Wild kamen vor. Ich entsinne mich, daß einmal zu meiner Überraschung auf 15 Schritt lautlos ein Löwe vor mir erschien. Leider hatte ich die Flinte in der Hand, und ehe ich die auf meinen Knien liegende Büchse in Anschlag bringen konnte, war er ebenso lautlos verschwunden. Die Jagd gab in dem wildreichen Gebiet des Kilimandjaro, mehr aber noch östlich von Taveta, einen willkommenen Zuschuß zu unserer Fleischversorgung. Im wesentlichen beruhte diese aber auf den Viehbeständen, die aus den Gebieten des Kilimandjaro und Meru von den Massai, aber auch von weit her aus den Gebieten des Viktoriasees für die Truppe nutzbar gemacht wurden.
Sechster Abschnitt
Weitere schwere Kämpfe im Nordosten
Als wir in der Missionskirche von Neumoschi und später in unserer Messe im Bahnhof das Weihnachtsfest 1914 feierten, begannen sich die militärischen Ereignisse nördlich von Tanga so weit zuzuspitzen, daß ein entscheidendes Eingreifen dort wahrscheinlich wurde. Unsere Patrouillen, welche dort auf britischem Gebiet standen, waren in den letzten Tagen des Dezember allmählich zurückgedrängt worden und hatten sich südlich von Jassini auf deutschem Gebiet gesammelt. Es waren hier 2 Kompagnien und ein aus etwa 200 Arabern gebildetes Korps vereinigt. Der Feind hatte sich augenscheinlich verstärkt und die Gebäude der deutschen Pflanzung Jassini besetzt.
Es machte den Eindruck, als ob er durch allmähliches Vorrücken längs der Küste auf Tanga vordringen und das von ihm besetzte Gebiet durch ein Blockhaussystem sichern wollte. Um die Verhältnisse an Ort und Stelle zu erkunden, fuhr ich mit Hauptmann von Hammerstein Mitte Januar nach Tanga und dann im Automobil auf der soeben fertiggestellten neuen Straße, die 60 ~km~ längs der Küste nach Norden in das Lager des Hauptmanns Adler bei Mwumoni führte. Eine Erkundung, auf der mich der durch zahlreiche erfolgreiche Patrouillengänge in der dortigen Gegend besonders geeignete Leutnant d. R. Bleeck führte, zeigte, daß das Gelände um Jassini herum in der Hauptsache aus einer meilenlangen Kokospflanzung der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft bestand, in die Sisal, eine mit spitzen Stacheln versehene Agavenart, hineingebaut war. Dieser Sisal, der ein dichtes Unterholz in den Stangen der Kokospalmen bildete, war an vielen Stellen mit seinen stachligen Blättern so ineinander gewachsen, daß man sich nur hindurch zwängen konnte, wenn man eine Menge recht unangenehmer Stiche erduldete. Eine Schwierigkeit ist es ja immer, in solchem ganz unbekannten Gelände, ohne die Grundlage einer Karte, nur auf die Meldungen der Patrouillen hin die Anlage für ein Gefecht zu treffen. Hier konnte diese Schwierigkeit dadurch behoben werden, daß der zur Truppe eingezogene langjährige Assistent der Pflanzung, Lt. d. R. Schaefer, genaue Angaben machen konnte. Es wurde eine leidlich zutreffende Skizze angefertigt und mit Kriegsnamen versehen. Im großen und ganzen schien es so, daß es sich bei Jassini um einen vorgeschobenen Posten handelte, und daß die Hauptmacht der feindlichen Truppen weiter nördlich sich in befestigten Lagern befand. Es war anzunehmen, daß ein Angriff auf den vorgeschobenen Posten bei Jassini die Teile des feindlichen Gros aus ihren Lagern herauslocken und zum Kampfe im freien Felde veranlassen würde. Mein Plan war, diese Möglichkeit auszunutzen. Um gegen den aus seinen Sammelpunkten zur Unterstützung herbeieilenden Feind unter günstigen taktischen Bedingungen zu fechten, beabsichtigte ich, meine Truppen an seinen voraussichtlichen Anmarschwegen so bereit zu halten, daß er seinerseits gegen sie anlaufen mußte.
Die Beschaffung der Verpflegung hatte in der dicht besiedelten Gegend keine Schwierigkeiten, und von den zahlreichen Europäerpflanzungen konnten die erforderlichen Träger gestellt werden. Es brauchten also beim Hertransport der von Moschi telegraphisch herbeibefohlenen Kompagnien nur die Maschinengewehr- und die Munitionsträger mitzukommen, eine wesentliche Erleichterung für den Eisenbahntransport. Dieser spielte sich bei der erprobten Umsicht des Linienkommandanten, Leutnant d. Ldw. a. D. Kroeber, und dem Verständnis und dem Feuereifer, mit dem das gesamte Bahnpersonal die unvermeidlichen Anstrengungen glatt ertrug, schnell und ohne Reibung ab.
Am 16. Januar waren die von Moschi kommenden Kompagnien einige Kilometer westlich von Tanga ausgeladen und sogleich in Richtung auf Jassini in Marsch gesetzt worden, ebenso die Truppen aus Tanga, wo zum unmittelbaren Schutz nur eine Kompagnie zurückblieb. Am 17. Januar abends waren die Streitkräfte, im ganzen neun Kompagnien mit zwei Geschützen, 11 Kilometer südlich Jassini bei der Pflanzung Totohowu versammelt, und der Befehl zum Angriff wurde für den nächsten Morgen gegeben. Major Kepler wurde mit zwei Kompagnien rechts umfassend, Hauptmann Adler mit zwei weiteren Kompagnien links umfassend gegen das Dorf Jassini angesetzt. Nordwestlich, an der von Semanja kommenden Straße, wurde das Araberkorps aufgestellt, Hauptmann Otto mit der neunten Kompagnie ging frontal auf der Hauptstraße gegen Jassini vor; ihm folgte unmittelbar das Kommando und dahinter das Gros, aus der Europäerkompagnie, drei Askarikompagnien und zwei Geschützen bestehend. Die Märsche waren so angesetzt, daß beim ersten Tagesgrauen der Angriff gleichzeitig gegen Jassini zu erfolgen hatte und alle Kolonnen sich durch energisches Vorgehen gegenseitig entlasten sollten. Noch vor Anbruch des Tageslichtes fielen die ersten Schüsse bei der Kolonne Kepler, wenige Minuten später begann das Feuer auch vor uns bei der Kolonne Otto und wurde dann allgemein. Es war nicht möglich, sich ohne jede Übersicht in dem endlosen Palmenwald auch nur ein annäherndes Bild zu machen von dem, was eigentlich los war. Wir waren aber bereits so dicht an der feindlichen Stellung von Jassini, daß der Feind überrascht schien, trotz seines ausgezeichneten Kundschafterdienstes. Diese Vermutung hat sich später wenigstens teilweise bestätigt. Von unserer schnellen Konzentration südlich Jassini und dem unmittelbar darauf erfolgenden Angriff mit so starken Truppen hatte der Feind tatsächlich keine Ahnung gehabt.
Die Kolonne Otto warf eine ihr gegenüber verschanzte Postierung schnell zurück, und das Kommando begab sich nun links ausholend durch den Wald, wo zunächst eine und dann zwei weitere Kompagnien zu umfassendem Vorgehen gegen Jassini angesetzt wurden. Hierbei war es auffallend, daß wir auf nahe Entfernung, vielleicht 200 Meter nur, ein sehr wohlgezieltes Feuer erhielten, und erst viel später stellte sich heraus, daß der Feind in Jassini nicht nur einen schwachen Posten hatte, sondern daß hier vier indische Kompagnien in einem stark ausgebauten und vortrefflich gedeckten Fort eingenistet waren. Der hinter mir gehende Hauptmann von Hammerstein brach plötzlich zusammen: er hatte einen Schuß in den Unterleib erhalten. So nahe mir dies natürlich ging, mußte ich im Augenblick den Schwerverwundeten in ärztlicher Hand zurücklassen. Nach wenigen Tagen riß der Tod dieses ausgezeichneten Offiziers eine schwer auszufüllende Lücke in die Tätigkeit unseres Stabes.
Das Gefecht war sehr heftig geworden. Zwei unserer Kompagnien hatten, obgleich die beiden Kompagnieführer, die Oberleutnants Gerlich und Spalding gefallen waren, in glänzendem Sturmlauf die festen Pflanzungsgebäude von Jassini rasch genommen und sich nun unmittelbar vor der feindlichen Stellung eingenistet. Bald wurde das Eingreifen der feindlichen Hauptkräfte fühlbar. Aus nordöstlicher Richtung, von Wanga her, trafen starke feindliche Kolonnen ein und erschienen plötzlich dicht vor unseren an der Befestigung bei Jassini liegenden Kompagnien. Der Feind machte drei energische Angriffe an dieser Stelle und wurde jedesmal zurückgeworfen. Von Norden und Nordwesten her trafen gleichfalls feindliche Kolonnen ein. Gegen die westlichen hatte das Araberkorps seine Aufgabe schlecht erfüllt; schon am Tage vorher hatten mich viele der Araber bestürmt, sie doch zu entlassen. Als sie jetzt im dichten Versteck an der feindlichen Anmarschstraße den Gegner erwarten sollten, war ihnen die Spannung zu groß. Statt überraschend ein vernichtendes Feuer abzugeben, schossen sie blind in die Luft und rissen dann aus. Glücklicherweise trafen diese feindlichen Kolonnen dann aber auf Hauptmann Adlers beide Kompagnien und wurden blutig zurückgewiesen. Das ganze Gefecht hatte sich bis dahin als ein tatkräftiges Vorstürmen charakterisiert; auch die letzte Reserve, nämlich die Europäerkompagnie, war auf ihre dringende Bitte eingesetzt worden. Gegen Mittag war das Gefecht vor der starken feindlichen Befestigung an allen Stellen zum Stehen gekommen. Wir hatten tatsächlich keine Mittel, gegen diese Befestigungen etwas Ausreichendes zu unternehmen, und auch unsere Feldgeschütze, die wir aus 200 Meter in Stellung brachten, erzielten keinen durchschlagenden Erfolg. Die Hitze war unerträglich und wie bei Tanga löschte alles den Durst mit jungen Kokosfrüchten.
Ich selbst begab mich mit Leutnant Bleeck nun auf den rechten Flügel, um die Vorgänge bei der Kolonne des Majors Kepler zu erkunden; über die feindliche Befestigung hatte ich damals noch keine volle Klarheit gewonnen, und so gerieten wir auf dem Sande eines zur Zeit trockenen, ganz freien und übersichtlichen Creeks wiederum in ein sehr wohlgezieltes Feuer. Die Geschosse schlugen aus 500 Meter Entfernung dicht bei uns ein und konnten bei den deutlich sichtbaren Sandspritzern gut korrigiert werden. Der Sand war so tief und die Hitze derartig groß, daß man nur wenige Schritte laufen oder rasch gehen konnte. In der Hauptsache mußten wir langsam ungedeckt gehen und das lästige Feuer über uns ergehen lassen. Glücklicherweise tat uns dieses aber keinen ernsthaften Schaden, obgleich ein Schuß durch den Hut und einer durch den Arm, den ich erhielt, zeigten, daß es wenigstens gut gemeint war. Bei der Rückkehr vom rechten Flügel waren der Durst und die Erschöpfung so groß, daß zwischen einigen sonst nicht feindlich gesinnten Herren ernstliche Meinungsverschiedenheiten wegen einer Kokosnuß entstanden, obgleich in den massenhaft vorhandenen Bäumen weitere Nüsse unschwer zu erlangen waren.