Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 7
Das Kommando hatte sich wieder an die Straße Totohowu-Jassini begeben. Auf dieser lag eine leichte Pflanzungsbahn, deren Wagen unausgesetzt Verwundete nach Totohowu fuhren, in dessen Europäergebäuden ein Lazarett eingerichtet war. Die Munition -- der Askari trug etwa 150 Patronen -- begann knapp zu werden, und die Mahnungen aus der Schützenlinie mehrten sich, daß sie sich nicht mehr halten könnte. Leichtverwundete, die verbunden waren, und ein Haufen Versprengter strömten beim Kommando zusammen, ganze Züge hatten sich total verlaufen oder aus anderen Gründen den ihnen zugewiesenen Platz verlassen. Alle diese Leute wurden gesammelt, von neuem eingeteilt und so wieder eine verwendungsfähige Reserve geschaffen. Die Munition der Maschinengewehrgurte war zum großen Teil aufgebraucht, und neue Munition rollte von Totohowu auf der Trollibahn heran. Die Gurtfüller der Maschinengewehre, an den Stämmen der Palmen befestigt, arbeiteten unausgesetzt. Es war klar, daß wir bereits erhebliche Verluste erlitten hatten. Mancher Wunsch wurde ausgesprochen, das Gefecht abzubrechen, da die Einnahme der feindlichen Befestigungen ja doch aussichtslos erschien. Wenn man aber bedachte, in welcher unangenehmen Lage der in seiner Befestigung eingeschlossene Feind war, der kein Wasser hatte und alle Tätigkeiten des täglichen Lebens dort verhältnismäßig eng zusammengedrängt in glühender Sonne und im feindlichen Feuer verrichten mußte, so schienen doch beim zähen Festhalten unsererseits Erfolge noch weiterhin erreichbar. Der Nachmittag und die Nacht vergingen in unausgesetztem Gefecht; wie immer in solchen kritischen Lagen tauchten alle möglichen Gerüchte auf. Die Besatzung der feindlichen Befestigungen sollte aus südafrikanischen Europäern, hervorragenden Scharfschützen, bestehen; einige wollten genau ihre Sprache verstanden haben. Und es war auch wirklich jetzt noch sehr schwer, sich ein klares Bild zu machen. Meine Ordonnanz, der Ombascha (Gefreite) Rajabu, war sofort zu näherer Erkundung bereit, kroch dicht an die feindliche Linie heran und fiel dort. Der Schwarze, an sich leicht erregbar, war es in dieser kritischen Lage bei Nacht doppelt, und ich mußte die Leute mehrfach ernstlich schelten, wenn sie blind in die Luft knallten.
In der Frühe des 19. Januar lebte das Feuer zu größter Heftigkeit wieder auf. Der Feind, auf allen Seiten eingeschlossen, machte einen mißglückten Ausfall und zeigte kurz darauf die weiße Fahne. Vier indische Kompagnien, mit europäischen Offizieren und Chargen, fielen in unsere Hand. Wir alle bemerkten den kriegerischen Stolz, mit dem unsere Askari auf den Feind blickten; ich habe nie gedacht, daß unsere Schwarzen so vornehm aussehen könnten.
Freund und Feind hatten sich in unangenehmer Lage befunden und waren der Erschöpfung ihrer Nervenkraft nahe. So pflegt es bei jedem ernsthaften Ringen zu sein -- die Askari lernten aber jetzt, daß man das erste Mißbehagen bezwingen muß, um den zum Sieg erforderlichen letzten Vorsprung vor dem Feind zu gewinnen. Den Verlust des Feindes schätzte ich auf mindestens 700 Mann, die erbeuteten Papiere ergaben ein klares Bild über seine Stärke, die mehr als das Doppelte unserer eigenen betrug. Hiernach hatte der Führer der Truppe in Britisch-Ostafrika, General Tighe, der kurz vorher in Wanga gelandet war, mehr als 20 Kompagnien, die meistens im Fußmarsch aus der Richtung von Mombassa her die Küste entlang marschiert waren, in Jassini und Umgebung versammelt. Sie sollten weiter in Richtung auf Tanga vordrücken.
Der Abtransport der Verwundeten von Jassini in die Lazarette der Nordbahn ging in wenigen Tagen mit Hilfe der Automobile und der Rikschas, die zwischen dem Feldlazarett von Totohowu und Tanga verkehrten, glatt vor sich. Diese Rikschas, von einem Mann gezogene kleine federnde Karren (wie Dogcarts), die in Tanga die Rolle von Droschken spielten, waren von dem leitenden Sanitätsoffizier für Verwundetentransporte requiriert worden. Der Feind hatte sich in seine befestigten Lager nördlich der Landesgrenze zurückgezogen, auf die mir ein erneuter Angriff wenig Aussicht versprach. Ihm gegenüber wurde als Rückhalt für die sofort einsetzenden Unternehmungen der Patrouillen eine Abteilung von wenigen Kompagnien bei Jassini belassen; der Hauptteil der Truppen wurde wieder in die Gebiete des Kilimandjaro abtransportiert.
Der Marsch zu dem Einschiffungspunkt der Nordbahn führte die Truppen über die Pflanzung Amboni. Dort hatten die Bewohner von Tanga aus freien Stücken Verpflegung und Erfrischungen vorbereitet, und nach den ungeheuren Strapazen, die die Unternehmung von Jassini mit ihren andauernden Gewaltmärschen, ihrer aufreibenden Hitze und den Tag und Nacht währenden Gefechten mit sich gebracht hatte, belebte sich das schwefelhaltige Flüßchen Sigi schnell mit Hunderten von weißen und schwarzen badenden Gestalten. Alle Mühsal war vergessen und die Stimmung stieg aufs höchste, als gerade in diesem Augenblick nach längerer Pause wieder einmal ein Funkspruch aus der Heimat aufgenommen wurde. Er zeigte uns, daß die Meldung von den Gefechten bei Tanga soeben in Deutschland eingetroffen sein mußte und enthielt die Anerkennung Seiner Majestät für den dort errungenen Erfolg.
Siebenter Abschnitt
Kleinkrieg und neue Zurüstungen
Später erbeutete Papiere erwiesen zahlenmäßig, daß der Feind Truppenverschiebungen vom Viktoriasee nach dem Kilimandjaro zu vornahm. Das Gefecht von Jassini entlastete also tatsächlich andere, weit entfernt gelegene Gebiete. Diese Beobachtung bestätigte den ursprünglichen Gedanken, daß das feste Anfassen des Feindes an einer Stelle zugleich die beste Sicherung auch des Restes des Schutzgebietes sei. Es war von untergeordneter Bedeutung, ob der Rest des Schutzgebietes auch lokal energisch verteidigt wurde. Trotzdem begrüßte ich es mit Freuden, daß der Gouverneur sich im Februar 1915 zu dem Befehl bewegen ließ, daß die Küstenplätze bei feindlicher Bedrohung zu verteidigen seien. Die bisherigen Erfolge hatten bewiesen, daß eine solche lokale Verteidigung auch gegen das Feuer der Schiffsgeschütze nicht aussichtslos war.
Unser mit neun Kompagnien ausgeführter Angriff hatte bei Jassini zwar zu einem vollen Erfolge geführt, aber er zeigte mir, daß so schwere Verluste, wie auch wir erlitten hatten, nur ausnahmsweise ertragen werden konnten. Wir mußten mit unseren Kräften haushalten, um eine lange Dauer des Krieges zu ertragen. Von den aktiven Offizieren waren Major Kepler, die Oberleutnants Spalding und Gerlich, die Leutnants Kaufmann und Erdmann gefallen, Hauptmann v. Hammerstein an seiner Wunde gestorben. Für den Verlust dieser Berufssoldaten -- ungefähr ein Siebentel der im ganzen vorhandenen aktiven Offiziere -- gab es keinen Ersatz.
Auch der Verbrauch von 200000 Patronen zeigte mir, daß ich mit den vorhandenen Mitteln höchstens noch drei derartige Gefechte führen konnte. Die Notwendigkeit, größere Schläge nur ganz ausnahmsweise, dafür aber in der Hauptsache Kleinkrieg zu führen, trat gebieterisch in den Vordergrund.
Der leitende Gedanke, immer wieder gegen die Ugandabahn zu wirken, konnte aber wieder aufgenommen werden, da sich hier Unternehmungen mit größeren Truppenkörpern sowieso nicht ausführen ließen. Es galt, in mehrtägigen Märschen die weite, wasser- und menschenarme Steppe zu durchschreiten, die außer gelegentlichen Jagderträgnissen wenig an Verpflegung bot. Es war nötig, nicht nur Verpflegung, sondern auch Wasser mitzutragen. Schon hierdurch begrenzte sich die Stärke der marschierenden Abteilung. Es bedarf für solche Expedition durch verpflegungs- und wasserlose Gebiete viel Erfahrung der Truppe, wie sie im damaligen Stadium des Krieges noch nicht vorhanden sein konnte. Für den Durchmarsch durch diese Steppe war eine Kompagnie schon zu viel, und wenn sie dann nach mehrtägigem Marsch einen Punkt der Ugandabahn wirklich erreicht hätte, so hätte sie wieder umkehren müssen, weil der Verpflegungsnachschub nicht aufrechterhalten werden konnte. Diese Verhältnisse besserten sich mit der Zeit durch größere Schulung der Truppe und durch die allmählich wachsende Kenntnis des Geländes, welches zuerst im wesentlichen ~terra incognita~ war.
Es blieb also nichts anderes übrig, als den gewollten Zweck durch kleine Abteilungen, Patrouillen, zu erreichen. Auf diese Patrouillen wurde in der Folgezeit der allergrößte Wert gelegt. Vom Engare-Nairobi aus umritten kleinere Abteilungen von 8 bis 10 Mann, aus Europäern und Askari gemischt, die feindlichen Lager, die sich bis zum Longido vorgeschoben hatten, und legten sich an deren rückwärtige Verbindungen. Aus der Tangabeute standen Telephonapparate zur Verfügung, die sie an die englischen Telephonleitungen anschlossen; dort warteten sie dann ab, bis größere oder kleinere feindliche Abteilungen oder Ochsenwagentransporte vorbeizogen. Aus 30 Meter wurde der Feind dann aus dem Hinterhalte beschossen, Gefangene und Beute gemacht, und die Patrouille verschwand wieder in der endlosen Steppe. So wurden damals Gewehre, Munition und Kriegsbedarf aller Art erbeutet.
Eine dieser Patrouillen hatte am Erokberge beobachtet, daß der Feind seine Reittiere zur bestimmten Zeit zur Tränke trieb. Schnell machten sich zehn unserer Reiter auf und lagerten nach zweitägigem Ritt durch die Steppe in der Nähe des Feindes. Sechs Mann kehrten mit den Pferden zurück, die vier anderen nahmen jeder einen Sattel und schlichen sich auf wenige Schritte durch die feindlichen Posten bis in die Nähe der hinter dem Lager gelegenen Tränke. Ein englischer Soldat trieb die Herde, als ihm plötzlich zwei unserer Patrouillenreiter mit fertig gemachtem Gewehr und dem Zuruf: „~Hands up~!“ aus dem Busch gegenübertraten. Vor Erstaunen fiel ihm die Tonpfeife aus dem Munde. Sofort wurde an ihn die Frage gerichtet: „Wo sind die fehlenden vier Pferde?“ Unser gewissenhafter Patrouillenmann hatte nämlich beobachtet, daß die Herde nur aus 57 Stück bestand, während er gestern 61 gezählt hatte! Diese vier waren schonungsbedürftig und im Lager zurückgelassen worden. Schnell wurden das leitende Pferd der Herde und noch einige andere gesattelt, ausgesessen, und im Galopp ging es herum um das feindliche Lager, den deutschen Linien zu. Auch in dem gefangenen Engländer, der ohne Sattel, auf dem blanken Rückgrat des Pferdes diese „Safari“ nicht gerade bequem mitmachen mußte, regte sich der angeborene Sportsinn seiner Nation. Humorvoll rief er aus: „Ich möchte jetzt wirklich das Gesicht sehen, welches mein Captain macht“, und als die Tiere glücklich im deutschen Lager angekommen waren: „~It was a damned good piece of work~“ (Es war eine verteufelt gute Leistung).
Die so gemachte Beute, durch eine Anzahl auch sonst aufgetriebener Pferde und Maultiere verstärkt, gestattete die Aufstellung einer zweiten berittenen Kompagnie. Die Zusammensetzung der nunmehr vorhandenen zwei berittenen Kompagnien, aus Europäern und Askari gemischt, hat sich bewährt. Sie gab uns das geeignete Material, um die weiten, nördlich des Kilimandjaro belegenen Steppengebiete mit starken mehrtägigen Patrouillen abzustreifen, auch bis zur Ugandabahn und zur Magadbahn vorzudringen, Brücken zu zerstören, Bahnpostierungen zu überfallen, Minen am Bahnkörper anzubringen und überraschende Unternehmungen aller Art auf den Landverbindungslinien zwischen der Bahn und den feindlichen Lagern auszuführen. Auch für uns ging es dabei nicht ohne Verluste ab. Eine Patrouille hatte in der Nähe der Magadbahn einen glänzenden Feuerüberfall gegen zwei Inderkompagnien ausgeführt, dann aber ihre Reittiere, die im Versteck zurückgelassen worden waren, durch das feindliche Feuer verloren; den weiten, viertägigen Rückweg durch die Steppe mußte sie zu Fuß und ohne Verpflegung zurücklegen. Glücklicherweise fand sie in einem Massaikral Milch und etwas Vieh, später rettete sie dann ein erlegter Elefant vor dem Verhungern. Aber mit den Erfolgen regte sich auch die Unternehmungslust, und die Bitten, möglichst bald eine Patrouille gehen oder reiten zu dürfen, wurden zahlreich.
Einen anderen Charakter hatten die Patrouillen, die aus dem Kilimandjarogebiet mehr in östlicher Richtung vorgingen. Sie mußten sich zu Fuß tagelang durch dichten Busch hindurcharbeiten. Die Bahnzerstörungspatrouillen waren meist schwach: ein oder zwei Europäer, 2 bis 4 Askari, 5 bis 7 Träger. Sie mußten sich durch die feindlichen Sicherungen hindurchschleichen und wurden vielfach von eingeborenen Spähern verraten. Trotzdem erreichten sie ihr Ziel meist und waren manchmal über zwei Wochen unterwegs. Für so wenige Leute war ein geschossenes Stück Wild oder eine geringe Beute dann ein erheblicher Verpflegungsrückhalt. Trotzdem waren die Strapazen und der Durst in der brennenden Hitze so groß, daß mehrfach Leute verdurstet sind; auch Europäer haben Urin getrunken. Schlimm stand es, sobald einer krank oder verwundet war; es war dann oft trotz besten Willens nicht möglich, ihn zu transportieren. Das Tragen eines Schwerverwundeten von der Ugandabahn durch die ganze Steppe bis zu den deutschen Lagern, wie es vorgekommen ist, bedeutete daher eine ganz gewaltige Leistung. Das sahen auch die Farbigen ein, und es sind Fälle vorgekommen, wo ein verwundeter Askari im vollen Bewußtsein dessen, daß er rettungslos verloren und den zahlreich vorhandenen Löwen preisgegeben war, nicht klagte, wenn er verwundet im Busch liegengelassen werden mußte, sondern von sich aus Gewehr und Patronen den Kameraden mitgab, um wenigstens diese nicht verlorengehen zu lassen.
Mehr und mehr vervollkommnete sich dieses Patrouillenwesen. Die Vertrautheit mit der Steppe wuchs, und neben der Spreng- und Schleichpatrouille entwickelten sich die Kampfpatrouillen. Diese, 20 bis 30 Askari oder stärker, manchmal mit ein bis zwei Maschinengewehren ausgerüstet, zogen auf den Feind los und suchten ihm im Kampfe Verluste beizubringen. Im dichten Busch kam es hierbei zu so nahen und überraschenden Zusammenstößen, daß unsere Askari manchmal buchstäblich über den liegenden Feind hinweggesprungen und so von neuem in dessen Rücken gelangt sind. Der Einfluß dieser Unternehmungen auf die Selbständigkeit und den Tatendrang war bei Europäern und Farbigen so groß, daß sich schwer eine Truppe mit einem besseren soldatischen Geist finden dürfte. Freilich, manche Nachteile ließen sich nicht ausgleichen. Insbesondere konnten wir bei unserer Knappheit an Patronen keine so hohen Grade der Schießausbildung erreichen, um den Feind, wo wir ihn in ungünstige Lage gebracht hatten, wirklich aufzureiben.
Auch unsere Technik lag nicht müßig. Geschickte Feuerwerker und Waffenmeister konstruierten unausgesetzt im Verein mit den Ingenieuren der Fabriken geeignete Apparate für die Bahnsprengungen. Manche dieser Apparate zündeten, je nachdem sie eingestellt wurden, entweder sofort oder nachdem eine bestimmte Anzahl Achsen darüber gefahren war. Mit der zweitgenannten Einrichtung hofften wir die Lokomotiven zu zerstören, da die Engländer als Schutzmaßregel ein oder zwei mit Sand beladene Wagen vor den Maschinen laufen ließen. Als Sprengmaterial war Dynamit auf den Pflanzungen reichlich vorhanden, sehr viel wirksamer aber waren die bei Tanga erbeuteten Sprengpatronen.
Im April 1915 traf überraschend die Nachricht von der Ankunft eines Hilfsschiffes ein. Dieses wurde bei seiner Einfahrt in die Mansabucht nördlich Tanga von einem englischen Kreuzer gejagt, beschossen, und der Führer mußte es auf Strand setzen. Wenn es auch in den folgenden Wochen gelang, die für uns so wertvolle Ladung fast vollzählig zu bergen, so stellte sich leider heraus, daß die Patronen durch das Seewasser stark angegriffen waren. Pulver und Zündhütchen zersetzten sich mehr und mehr, und damit wuchs die Anzahl der Versager. Es blieb nichts anderes übrig, als die gesamte Munition auseinanderzunehmen, das Pulver zu reinigen und zum Teil neue Zündhütchen einzusetzen. Solche fanden sich, wenn auch von anderer Konstruktion, glücklicherweise im Schutzgebiet vor; aber monatelang waren in Moschi alle auftreibbaren Askari und Träger von morgens bis abends mit der Herstellung der Munition beschäftigt. Die von früher vorhandenen unbeschädigten Patronen wurden ausschließlich für die Maschinengewehre zurückbehalten, von der bearbeiteten Munition wurden diejenigen Patronen, die etwa 20% Versager hatten, für Gefechtszwecke, die mit höheren Versagerprozenten für Übungszwecke verwandt.
Die Ankunft des Hilfsschiffes rief eine gewaltige Begeisterung hervor, zeigte sie doch, daß tatsächlich noch eine Verbindung zwischen uns und der Heimat bestand. Alle lauschten gespannt den Erzählungen des Führers, Leutnant zur See Christiansen, als dieser nach Herstellung von seiner Verwundung bei mir in Neumoschi eintraf. Die gewaltigen Kämpfe in der Heimat, der Geist der Opferfreudigkeit, die unbegrenzte Unternehmungslust, von denen die Kriegshandlungen der deutschen Truppen getragen waren, fanden auch in unseren Herzen ein Echo. Viele von denen, die den Kopf hatten hängen lassen, richteten sich auf; hörten sie doch, daß das unerreichbar Scheinende geleistet werden kann, wenn ein entschlossener Wille dahinter steht.
Ein anderes Mittel, auf den Geist der Truppe zu wirken, war die Handhabung von Beförderungen. Allgemein konnten diese nur zum Unteroffizier und innerhalb der Unteroffizier-Dienstgrade ausgesprochen werden, während eine Beförderung zum Offizier, die in vielen Fällen ja wohlverdient gewesen wäre, meine Zuständigkeit überschritten hätte. Es wurde in den einzelnen Fällen sehr scharf abgewogen, ob auch eine wirkliche Leistung vorlag. So wurden unverdiente Beförderungen vermieden, die den Geist der Truppe verderben. Im großen und ganzen waren wir aber darauf angewiesen, die Pflege der moralischen Faktoren weniger durch Belohnungen als in anderer Richtung zu suchen. Kriegsorden kannten wir ~in natura~ so gut wie gar nicht. Nicht den persönlichen Ehrgeiz des einzelnen, sondern ein von Vaterlandsliebe diktiertes echtes Pflichtgefühl und eine mit der Zeit sich immer mehr verstärkende Kameradschaft mußten wir anrufen und rege halten. Vielleicht hat gerade der Umstand, daß dieser dauerhafte und reine Ansporn zum Handeln nicht durch andere Motive getrübt wurde, Europäern und Askari die Zähigkeit und Schwungkraft verliehen, welche die Schutztruppe bis zum Schluß ausgezeichnet haben.
Die Engländer waren am Kilimandjaro nicht untätig. Vom Oldoroboberge, der 12 ~km~ östlich Taveta von einem deutschen Offiziersposten besetzt war, wurde am 29. 3. morgens ein Angriff durch zwei indische Kompagnien telephonisch gemeldet. Hauptmann Koehl und der österreichische Oberleutnant Frh. v. Unterrichter setzten sich von Taveta aus sofort in Marsch und griffen die beiden Kompagnien, die sich an den steilen Abhängen des Oldorobo festgebissen hatten, von beiden Seiten so scharf an, daß der fliehende Feind etwa 20 Mann liegen ließ, 1 Maschinengewehr und 70000 Patronen in unsere Hände fielen. Andere feindliche Unternehmungen führten am Tsavo entlang zum Nordost-Kilimandjaro; sie stützten sich auf das am Tsavo gelegene Msimalager, das stark befestigt und von mehreren Kompagnien besetzt war. Die am Nord-Ost-Kilimandjaro sich abspielenden Patrouillengefechte verliefen für uns durchweg günstig; auch die jungen Askari der 60 Mann starken Abteilung Rombo, die ihren Namen von einer am Ost-Kilimandjaro gelegenen Mission hatte, vertrauten ihrem Führer, dem über 60 Jahre alten Oberstleutnant von Bock, unbegrenzt. Ich erinnere mich, daß ein Verwundeter, der von ihm nach Neumoschi kam und mir eine Meldung machte, es ablehnte, sich ärztlich behandeln zu lassen, um keine Zeit zur Rückkehr zu seinem Führer zu verlieren. In mehreren Gefechten, manchmal gegen 2 feindliche Kompagnien, warfen diese jungen Leute den Feind zurück, und es ist bezeichnend, daß sich bei den Engländern die Sage um diese Kämpfe wob. Der britische Oberbefehlshaber beklagte sich brieflich bei mir, daß eine deutsche Frau an diesen Kämpfen teilnehme und Unmenschlichkeiten verübe, eine Vorstellung, die natürlich jeder Begründung entbehrte und mir lediglich zeigte, auf welchem Standpunkt der Nervosität man an feindlicher maßgebender Stelle angelangt war.
Trotz der großen Beute von Tanga war es klar, daß bei der voraussichtlich langen Dauer des Krieges die Vorräte unserer Kolonie sich aufbrauchen mußten. Die Farbigen in Neumoschi fingen auf einmal an, seidene Stoffe zu tragen: das war keineswegs ein Zeichen besonderen Luxus, sondern die Bestände der Inderläden an Baumwollkleidung gingen zu Ende. Wir mußten mit Ernst daran denken, selbst Neues zu schaffen, um das zahlreich vorhandene Rohmaterial zum Fertigfabrikat zu gestalten. Es hat sich nun ein eigenartiges, an die Schaffenskraft eines Robinson erinnerndes Leben entwickelt. Baumwollfelder gab es reichlich. Populäre Bücher wurden hervorgeholt, die über die vergessene Kunst der Handspinnerei und -weberei Auskunft gaben; von weißen und schwarzen Frauen wurde mit der Hand gesponnen; auf den Missionen und bei privaten Handwerkern wurden Spinnräder und Webstühle gebaut. Bald entstand so der erste brauchbare Baumwollstoff. Die von den verschiedenen Färbemitteln als besonders zweckmäßig ausprobierte Wurzel eines Baumes, Ndaa genannt, gab diesem Stoff eine braun-grünliche Farbe, die sich weder im Gras noch im Busch abhob und für die Uniform besonders zweckmäßig war. Der von den Pflanzern gewonnene Gummi wurde mit Schwefel vulkanisiert, und es gelang, eine brauchbare Bereifung für Automobile und Fahrräder herzustellen. Bei Morogoro war es einigen Pflanzern gelungen, aus Kokos ein dem Benzol ähnliches Antriebmittel, Trebol genannt, für die Motore der Automobile herzustellen. Wie in früheren Zeiten wurden Kerzen aus Unschlitt und Wachs im Haushalt und bei den Truppen angefertigt und Seife gekocht. Auch die zahlreichen in den Nordgebieten und längs der Tanganjika-Bahn gelegenen Fabriken der Pflanzungen wurden für Zwecke des Lebensunterhaltes umgestellt.
Besonders wichtig war die Herstellung von Schuhwerk. Rohmaterial lieferten die zahlreichen Vieh- und Wildhäute, Gerbstoff die Mangroven der Küste. Schon im Frieden hatten die Missionen gute Stiefel hergestellt; ihre Tätigkeit wurde jetzt weiter ausgebaut und auch die Truppe richtete größere Gerbereien und Werkstätten ein. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis die Behörden den dringenden, unvermeidlichen Wünschen der Truppe in ausreichendem Maße nachkamen und insbesondere die für das Sohlenleder erforderlichen Büffelfelle zur Verfügung stellten. Der alte historische Kampf um die Kuhhaut ist so auch unter ostafrikanischen Verhältnissen ~mutatis mutandis~ wieder aufgelebt. Die ersten Stiefel, die in größerer Menge hergestellt wurden, entstanden bei Tanga. Wenn sie anfänglich in ihrer Form auch verbesserungsbedürftig waren, so schützten sie doch die Füße unserer weißen und schwarzen Soldaten bei ihren Märschen und Patrouillengängen in dem Dorngestrüpp des Pori. Bohren sich doch die zu Boden gefallenen Dornen beim Gehen immer wieder in den Fuß hinein. Alle die kleinen Anfänge, die in der Herstellung von Verpflegung auf den Pflanzungen schon im Frieden bestanden, wurden durch den Krieg und die Notwendigkeit, große Massen zu verpflegen, zu umfangreicherer Tätigkeit angespornt. Auf mehreren Farmen des Kilimandjaro wurden Butter und vortrefflicher Käse in großer Menge verfertigt, und die Schlachtbetriebe in der Gegend von Wilhelmstal konnten den Anforderungen an Wurst und sonstigen Räucherwaren kaum genügen.
Es war vorauszusehen, daß das für die Erhaltung der Gesundheit der Europäer so wichtige Chinin sich bald erschöpfen und sein Bedarf durch Beute allein nicht gedeckt werden würde. So war es von großer Bedeutung, daß es gelang, im Biologischen Institut Amani in Usambara aus der im Norden gewonnenen Chinarinde gute Chinintabletten herzustellen.