Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 5
Wir fuhren dann weiter auf Ras Kasone zu, ließen im deutschen Gouvernementshospital unsere Räder stehen und gingen zu Fuß an den Strand, an dem dicht vor uns ein englischer Kreuzer lag. Auf unserem Rückweg wurden wir am Hospital anscheinend von einem indischen Posten -- wir konnten die Sprache nicht verstehen -- angerufen, sahen aber nichts. Wir setzten uns auf die Räder und fuhren zurück. Der Tag begann zu grauen, und linker Hand von uns hörten wir die ersten Schüsse fallen. Es war dies die Offizierspatrouille des Leutnant Bergmann der 6. Feldkompagnie, die westlich Ras Kasone auf feindliche Patrouillen gestoßen war. Einer meiner Radfahrer brachte nun an Hauptmann Baumstark den Befehl, sogleich mit allen Truppen auf Bahnhof Tanga anzutreten. Für die Art, wie ich das sicher bevorstehende Gefecht zu führen gedachte, war die Beschaffenheit des Geländes mit ausschlaggebend. Im Norden boten die Häuser der am Hafen gelegenen Europäerstadt Schutz gegen Sicht und daher auch gegen das Artilleriefeuer der nahe gelegenen Kreuzer. Umgeben war die Stadt von ununterbrochenen Kokospalmen- und Kautschukpflanzungen, die sich fast bis Ras Kasone ausdehnten und in die außer der Eingeborenenstadt auch einige Anpflanzungen von Eingeborenen eingestreut waren. Unterholz war nur an wenigen Stellen vorhanden und das Gelände durchaus flach. Es war wahrscheinlich, daß der Feind, mochte er nun bei Ras Kasone allein oder gleichzeitig an mehreren Stellen, zum Beispiel auch bei Mwambani, landen, einen Druck gegen unseren südlichen, also rechten Flügel ausüben würde. Auch für uns war hier südlich von Tanga die Aussicht auf größere Bewegungsfreiheit durch die Beschaffenheit des Geländes gegeben. Ich beschloß, den sicher zu erwartenden feindlichen Angriff am Ostrande von Tanga anzunehmen und starke Reserven hinter unserem rechten Flügel zum Gegenstoß gegen die feindliche Flanke zu staffeln.
Bei den verschiedenen Aufgaben galt es die Eigenart der Truppenteile zu berücksichtigen. In der damaligen Zeit hatte jede Kompagnie noch nach der Art ihrer Zusammensetzung und dem Standpunkte ihrer Ausbildung ihr besonderes Gepräge. Die gute 6. Feldkompagnie, die im Frieden in Udjidji auch mit Maschinengewehren eine sorgfältige Ausbildung im Schießen erhalten hatte, wurde beauftragt, in einer breiten Front den Ostrand von Tanga zu besetzen. Rechts rückwärts von dieser, außerhalb Tanga, wurde das Bataillon Baumstark, bestehend aus der aus Polizei gebildeten 16. und 17. Feldkompagnie sowie kleineren, zu einer Kompagnie zusammengezogenen Formationen, gestaffelt. Rechts rückwärts hiervon, an der Telegraphenstraße Tanga-Pangani, blieben drei gute Kompagnien, nämlich die aus Europäern bestehende 7. und 8. Schützenkompagnie mit ihren drei Maschinengewehren sowie die 13. Feldkompagnie mit ihren vier Maschinengewehren, zu meiner Verfügung. Das Kommando selbst blieb zunächst an der Straße Tanga-Pangani und schloß sich an die dortige Drahtleitung an. Die 4. und 9. Feldkompagnie sowie die zwei Geschütze ~C~/73 (Batterie Hauptmann Hering) waren noch im Anrollen und die Zeit ihres Eintreffens ungewiß. So verblieb die Lage im wesentlichen bis zum Nachmittag. In der heißen Sonne der Küstenzone litten wir nicht wenig unter Durst, stillten ihn aber durch das Wasser der jungen Kokosfrüchte. Auch sonstige Getränke gab es damals noch in Tanga; wir hatten noch Wein und Selterswasser. Sogar warme Würstchen wurden den Truppen vom Schlächtermeister Grabow gebracht.
Die Vorgänge bei den feindlichen Schiffen wurden dauernd scharf beobachtet. Man sah jedes Boot, das von ihnen abstieß, und dessen Besatzung. Ich schätzte die Summe der bis zum Mittag gelandeten Feinde auf 6000. Aber auch bei dieser noch zu niedrigen Schätzung des Feindes mußte ich mir die Frage vorlegen, ob ich es wagen durfte, mit meinen tausend Gewehren einen entscheidenden Kampf aufzunehmen. Ich habe die Frage aus verschiedenen Gründen bejaht. Es war zu wichtig, den Feind an einem Festsetzen bei Tanga zu hindern. Wir würden ihm sonst die beste Basis für Unternehmungen gegen die Nordbezirke überlassen; bei seinem Vordringen würde er in der Nordbahn ein glänzendes Hilfsmittel für seinen Nachschub haben, und immer neue Truppen und Kampfmittel könnten bequem und überraschend heran- und vorgeführt werden. Dann war aber mit Sicherheit zu erwarten, daß das Gebiet der Nordbahn für uns unhaltbar würde, und unsere bisherige so erfolgreiche Art der Kriegführung mußte aufgegeben werden. Gegen diese gewichtigen sachlichen Gründe mußten enge Bedenken, wie der Befehl des Gouverneurs, die Beschießung von Tanga unter allen Umständen zu vermeiden, zurücktreten.
Einige Umstände sprachen auch zu unseren Gunsten. Einmal war mir persönlich von früher her, aus Ostasien, die Schwerfälligkeit englischer Truppenbewegungen und englischer Gefechtsführung bekannt, und es war sicher, daß diese Schwierigkeiten in dem sehr gedeckten und dem Feinde unmittelbar nach seiner Landung ganz unbekannten Gelände ins Unendliche wachsen würden. Die geringste Störung der Ordnung mußte weitgehende Folgen nach sich ziehen. Ich hatte Aussicht, mit meiner Truppe, deren Europäer die Gegend von Tanga gut kannten und deren Askari im Busch zu Hause waren, die Schwächen des Feindes durch geschicktes und schnelles Manövrieren auszunutzen.
Freilich, wenn die Sache unglücklich ablief, war es schlimm. Schon bisher war die Art meiner aktiven Kriegführung mißbilligt worden. Kam hierzu noch eine große Niederlage im Gefecht, so war es mit dem Vertrauen der Truppe wahrscheinlich endgültig vorbei; und mit Sicherheit würden mir auch von vorgesetzter Stelle aus unüberwindbare Schwierigkeiten in der Kommandoführung bereitet worden sein. Mein Entschluß war nicht leicht, und seine in der kriegerischen Lage begründete Schwere wurde dadurch noch in unnötiger Weise vergrößert, daß die Bestimmungen dem eigentlich verantwortlichen Führer nicht die genügende Freiheit einräumten. Aber es half nichts: es mußte alles an alles gesetzt werden.
Noch am Vormittag gab ich an Hauptmann von Prince persönlich den Befehl, mit seinen zwei Europäerkompagnien nach Tanga hineinzurücken, um bei einem Angriff gegen die am Ostrande des Ortes liegende Askarikompagnie schnell und ohne Befehl eingreifen zu können. Schon fing ich an zu zweifeln, ob der Feind am 4. November überhaupt noch angreifen würde, als um 3 Uhr nachmittags ein Askari in seiner einfachen und strammen Art die Meldung machte: „~Adui tajari.~“ (Der Feind ist bereit.) Das kurze Wort werde ich niemals vergessen. Im nächsten Moment ging gleichzeitig das Gewehrfeuer auf der ganzen Front los, und man konnte auf den raschen Verlauf des Gefechts mit seinem Hin- und Herwogen nur aus der Richtung des Knalles der Schüsse Schlüsse ziehen. Man hörte, daß das Feuer sich vom Ostrande Tangas her in die Stadt hineinzog: hier war also die 6. Kompagnie zurückgeworfen worden. Bis dicht an den Bahnhof und in die Stadt hinein war der Feind mit zwanzigfacher Übermacht vorgedrungen. Hauptmann von Prince war mit seinen beiden Europäerkompagnien sofort vorgestürmt und hatte die zurückgehenden braven Askari augenblicklich zum Stehen und Wiedervorgehen gebracht. Das britische, nur aus Europäern, langgedienten Mannschaften, bestehende North Lancashire-Regiment, 800 Mann stark, wurde mit schweren Verlusten zurückgeworfen, und auch der zwischen diesem Regiment und dem Strande vorgehenden indischen Brigade (Kaschmir-Schützen) wurden die von ihr genommenen Häuser in hartnäckigem Straßenkampf entrissen. Aber auch südlich von Tanga hatte Hauptmann Baumstark seine Kompagnien an der Front eingesetzt, und nach etwa einstündigem Gefecht beobachtete ich, wie hier die Askari durch die Palmen bis an die Straße Tanga-Pangani zurückgingen. Die Europäer des Kommandos liefen sofort hin und brachten die Leute zum Stehen. Ich sehe noch heute den temperamentvollen und zähen Hauptmann v. Hammerstein vor mir, wie er voller Empörung einem zurückgehenden Askari eine leere Flasche an den Kopf warf. Es waren ja schließlich zum großen Teil junge, gerade erst aufgestellte Kompagnien, die hier fochten und durch das starke feindliche Feuer verblüfft waren. Aber als wir Europäer uns vor sie hinstellten und sie auslachten, kamen sie schnell wieder zu sich und sahen, daß eben nicht jede Kugel traf. Aber im ganzen war der Druck, der gegen unsere Front ausgeübt wurde, doch so stark, daß ich glaubte, mit dem Herbeiführen der Entscheidung nicht länger warten und zum Gegenstoß ansetzen zu müssen. Hierzu stand allerdings nur eine einzige Kompagnie zur Verfügung, aber es war die gute 13. Feldkompagnie. Die 4. Kompagnie, deren Ankunft ich von Minute zu Minute sehnsüchtigst erwartete, war noch nicht eingetroffen.
Das bisherige Gefecht hatte gezeigt, daß der Feind sich mit seiner in der Flanke ungesicherten Front nicht weiter nach Süden ausdehnte, als der rechte Flügel unserer Front reichte. Hier also mußte ihn der Gegenstoß vernichtend treffen, und jedem Teilnehmer wird der Moment unvergeßlich sein, als hier die Maschinengewehre der 13. Kompagnie mit ihrem Dauerfeuer einsetzten und den sofortigen Umschwung des Gefechts herbeiführten. Die ganze Front raffte sich auf und stürzte sich mit jubelndem Hurra vorwärts. Inzwischen war auch die 4. Kompagnie eingetroffen; wenn sie infolge eines Mißverständnisses auch nicht noch weiter über die 13. ausholend eingesetzt wurde, sondern sich zwischen dieser und unserer Front einschob, so kam sie doch noch vor Dunkelheit zum wirksamen Eingreifen. In wilder Flucht floh der Feind in dicken Klumpen davon, und unsere Maschinengewehre, aus Front und Flanke konzentrisch auf ihn wirkend, mähten ganze Kompagnien Mann für Mann nieder. Mehrere Askari kamen freudig strahlend heran, über dem Rücken mehrere erbeutete englische Gewehre und an jeder Faust einen gefangenen Inder. Die Handfesseln aber, die wir bei diesen vorfanden, zum Gebrauch an deutschen Gefangenen, wandte niemand von uns ihnen gegenüber an.
Man stelle sich diesen Augenblick vor: im dichten Walde, alle Truppenteile, vielfach sogar Freund und Feind durcheinander gemischt, die verschiedensten Sprachen durcheinander geschrien, und dazu die rasch hereinbrechende tropische Dunkelheit, und man wird verstehen, daß die von mir angesetzte Verfolgung gänzlich mißglückte. Ich hatte mich auf dem rechten Flügel befunden und schnell die zunächst erreichbaren Teile in der Richtung auf Ras Kasone zu energischem Nachdrängen angesetzt. Dann hatte ich mich auf den linken Flügel begeben. Dort fand ich von unseren Leuten fast nichts vor; erst nach längerer Zeit hörte ich in der Nacht Schritte von den Nagelstiefeln einer Askariabteilung. Ich war froh, endlich eine Truppe zu haben, wurde aber etwas enttäuscht, als es eine Abteilung des rechten Flügels unter Leutnant Langen war, die die Richtung auf Ras Kasone verfehlt hatte und so auf unseren linken Flügel geriet. Aber nicht genug mit diesen Reibungen. Auf unerklärliche Weise glaubte die Truppe auf einen Kommandobefehl wieder in das alte Lager westlich von Tanga abrücken zu sollen. Erst im Laufe der Nacht gewann ich am Bahnhof in Tanga Klarheit darüber, daß fast alle Kompagnien dahin abmarschiert waren. Sie erhielten selbstverständlich Befehl zu sofortiger Rückkehr. Leider war hierdurch aber doch eine solche Verzögerung eingetreten, daß es nicht möglich war, die Geschütze der nachträglich eingetroffenen Batterie Hering noch in der Nacht bei Mondschein gegen die Schiffe in Wirkung zu bringen.
Erst am Morgen des 5. November trafen die Truppen, deren starke Erschöpfung ja begreiflich war, wieder in Tanga ein und besetzten im wesentlichen wieder die Stellung des vorigen Tages. Jetzt mit allen Kräften gegen die feindliche Einschiffung bei Ras Kasone vorzurücken war nicht angebracht, da die dortige Gegend ganz übersichtlich war und von den beiden in unmittelbarer Nähe liegenden Kreuzern beherrscht wurde. Aber den starken Patrouillen und einzelnen Kompagnien, welche zur Störung des Feindes auf Ras Kasone vorgingen, gelang es doch, einzelne Abteilungen des Feindes, einige seiner Boote und auch das Deck des am Hospital liegenden Kreuzers überraschend unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Im Laufe des Tages verstärkte sich der Eindruck immer mehr, daß die Niederlage des Feindes gewaltig gewesen war. Zwar wurden die Verluste in ihrem vollen Umfange zunächst nicht bekannt, aber die vielen Stellen, wo Hunderte und wieder Hunderte von gefallenen Feinden sich häuften, sowie der Verwesungsgeruch, der unter der Einwirkung der tropischen Sonne auf der ganzen Gegend lag, gaben uns einen Anhalt. Wir schätzten den Verlust sehr vorsichtig auf etwa 800 Tote, ich glaube aber, daß diese Zahl viel zu niedrig ist. Ein höherer englischer Offizier, der genau über Einzelheiten unterrichtet war, hat mir später gelegentlich eines Gefechts, dessen englische Verluste er auf 1500 Mann angab, gesagt, daß die Verluste bei Tanga ganz erheblich größer gewesen seien. Ich halte sie jetzt mit 2000 Mann noch für zu niedrig geschätzt. Größer noch war die moralische Einbuße des Feindes. Er fing beinahe an, an Geister und Spuk zu glauben; noch nach Jahren wurde ich von englischen Offizieren danach gefragt, ob wir bei Tanga dressierte Bienen verwandt hätten, aber ich kann jetzt wohl verraten, daß bei uns, bei einer Kompagnie, im entscheidenden Moment alle Maschinengewehre durch diese „dressierten Bienen“ außer Gefecht gesetzt wurden, wir also unter dieser Art der Dressur genau so gelitten haben wie die Engländer.
Der Feind fühlte sich vollständig geschlagen und war es auch tatsächlich. In wilder Auflösung waren seine Truppen geflohen, Hals über Kopf in die Leichter gestürzt. Die Möglichkeit eines erneuten Kampfes wurde überhaupt nicht erwogen. Aus Gefangenenaussagen und aufgefundenen offiziellen englischen Schriftstücken ging hervor, daß das gesamte englisch-indische Expeditionskorps, 8000 Mann stark, von unserer wenig über 1000 Mann starken Truppe so vernichtend geschlagen worden war. Erst am Abend wurde uns die Größe dieses Sieges vollständig klar, als ein englischer Parlamentäroffizier, Hauptmann Meinertshagen, erschien und mit dem von mir entsandten Hauptmann von Hammerstein über Auslieferung von Verwundeten verhandelte. Hauptmann von Hammerstein begab sich in das Hospital, das mit schwerverwundeten englischen Offizieren angefüllt war, und genehmigte in meinem Namen, daß diese auf ihr Ehrenwort, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns kämpfen zu wollen, von den Engländern abgeholt werden durften.
Die Beute an Waffen gestattete, mehr als 3 Kompagnien modern zu bewaffnen, die 16 erbeuteten Maschinengewehre waren uns hierbei besonders willkommen. Der Geist der Truppe und das Vertrauen in die Führer hatte sich mächtig gehoben, und mit einem Schlage war auch ich von einem großen Teil der Schwierigkeiten befreit, die sich als hemmende Gewichte an die Führung hingen. Das dauernde Feuer der Schiffsgeschütze, das in dem ganz unübersichtlichen Gelände wirkungslos gewesen war, hatte in den Augen unserer braven Schwarzen seine Furchtbarkeit verloren. Die Materialbeute war erheblich; außer den 600000 Patronen hatte der Feind sein gesamtes Telephongerät und so viele Bekleidung und Ausrüstung liegen lassen, daß wir auf mindestens ein Jahr unseren eigenen Ansprüchen, besonders an warmen Mänteln und wollenen Decken, genügen konnten. Die eigenen Verluste, so schmerzlich auch an sich, waren an Zahl doch gering. Etwa 16 Europäer, unter ihnen auch der treffliche Hauptmann von Prince, und 48 Askari und Maschinengewehrträger waren gefallen. Die Europäer wurden in einem würdigen Kriegergrab unter dem Schatten eines prachtvollen Bujubaumes bestattet, wo eine einfache Gedenktafel ihre Namen verzeichnet. Die Ausräumung des Gefechtsfeldes und die Bestattung der Toten erforderte mehrere Tage angestrengtester Arbeit für die ganze Truppe; die Straßen waren buchstäblich besät mit Gefallenen und Schwerverwundeten. In unbekannter Sprache flehten sie um Hilfe, die ihnen trotz besten Willens nicht immer gleich gewährt werden konnte.
Auf unserem innerhalb von Tanga gelegenen Hauptverbandplatze hatte unser männliches und weibliches Pflegepersonal im Feuer auch der schweren Schiffsgeschütze Freund und Feind gewissenhaft versorgt. Noch am Abend des 4. November hatte ich die Verwundeten aufgesucht. Ich ahnte nicht, daß der Leutnant Schottstaedt, der hier mit schwerem Brustschuß auf einem Stuhle saß, nur noch wenige Minuten zu leben hatte. Der englische Leutnant Cook, vom 101. indischen Grenadier-Regiment, lag mit schwerem Beinschuß da. Die Verwundung dieses frischen jungen Offiziers, der im Brennpunkt des Gefechts auf dem indischen linken Flügel in unsere Hände gefallen war, vermochte seine heitere Stimmung nicht zu beeinträchtigen. Mit dem Hauptteil der anderen Verwundeten wurde er im Feldlazarett Korogwe von unserem besten Chirurgen, dem Stabsarzt ~Dr.~ Müller, dreiviertel Jahr lang behandelt. Er ging bereits wieder umher, als ein unglücklicher Fall auf der Treppe leider zu tödlichem Ausgange führte.
Die Gefechtstage von Tanga stellten zum erstenmal erhebliche Ansprüche an die Verwundetenfürsorge. Zu diesem Zweck waren in Korogwe sowie an verschiedenen anderen Orten der Nordbahn Lazarette eingerichtet worden, zu denen die Kranken mit der Bahn ohne Umladen transportiert werden konnten. Für den Transport waren besondere dauernde Lazaretteinrichtungen nicht getroffen worden, und es hat auch niemals Schwierigkeiten gemacht, das Erforderliche zu improvisieren.
Trotz der zweifellosen Niederlage bei Tanga war es doch wahrscheinlich, daß die britische Zähigkeit diese Entscheidung nicht als eine endgültige hinnehmen würde. Auch nach seiner Niederlage war der Feind uns um ein Mehrfaches numerisch überlegen und ein Landungsversuch an anderer Stelle nicht unwahrscheinlich. Eine Fahrt zu Rad am 6. November in nördlicher Richtung, an die Mansabucht, überzeugte mich aber, daß die feindlichen Schiffe hier offenbar nur zum Zweck der Pflege ihrer Verwundeten und Beisetzung ihrer Toten eingelaufen waren und keine Landung beabsichtigten. Die Schiffe fuhren dann auch bald in der Richtung auf Zanzibar ab.
Interessant war mir dann ein kurzer Besuch in unserem Regierungshospital bei Ras Kasone, das inzwischen von den auf Ehrenwort entlassenen englischen Verwundeten geräumt worden war. Es lagen hier unter anderen zwei am 3. November bei Tanga sowie andere in einem früheren Gefecht verwundete deutsche Offiziere, die die Vorgänge während des Hauptkampftages am 4. November hinter der englischen Front vom Lazarett aus hatten beobachten können. Mit größter Spannung hatten sie die Landung bei Ras Kasone und den Vormarsch gegen Tanga verfolgt, hatten dann am Nachmittag das entscheidende Einsetzen unseres Maschinengewehrfeuers und die Beschießung durch die feindlichen Schiffsgeschütze gehört, sowie dicht am Hospital die wilde Flucht des Feindes gesehen. Die zahlreich in der Nähe des Lazarettes einschlagenden Geschosse hatten erfreulicherweise keinen Schaden verursacht. Am 5. November, ganz früh, hatten sie plötzlich wieder Geschützfeuer vernommen, und zwar von Tanga her; sie hatten erkannt, daß es deutsche Geschütze sein müßten. Es waren dies unsere zwei Kanonen ~C~/73, denen es zwar nicht mehr gelungen war, in der Nacht bei Mondschein die englischen Transportschiffe aufs Korn zu nehmen, die aber wenigstens nach Tagesanbruch noch einige erfolgreiche Treffer anbringen konnten. Ein längeres Wirkungsschießen war leider nicht möglich, da die Rauchentwicklung den Standpunkt der Geschütze sofort verriet und das Feuer der Schiffsgeschütze auf sich zog.
Inzwischen war es klar geworden, daß der Angriff des Feindes bei Tanga keine einzelne Unternehmung, sondern im größeren Rahmen gleichzeitig mit anderen gedacht war. Nordwestlich des Kilimandjaro, am Longidoberg, den Hauptmann Kraut mit 3 Askarikompagnien und einer berittenen Europäerkompagnie besetzt hatte, erschienen im Morgennebel des 3. November überraschend englische Truppen. Gerade als am Longido heliographisch der Befehl eintraf, Hauptmann Kraut solle nach Moschi abrücken, schlugen die ersten Geschosse ein. Der etwa tausend Mann starke Feind hatte den in der freien Steppe gelegenen mächtigen Longidoberg an mehreren Stellen unter der Führung von Massais erstiegen, die unseren Posten zuriefen: „Wir sind Leute vom Hauptmann Kraut.“ Aber unseren sich rasch entwickelnden drei Feldkompagnien gelang es, die Teile des Feindes im felsigen Gelände zu umfassen und rasch zurückzuwerfen. Eine feindliche berittene Europäerabteilung, die in der Steppe am Fuße des Berges sichtbar wurde und diesen anscheinend von Süden her ersteigen oder auf unsere Verbindung wirken wollte, wurde unter wirksames Feuer genommen und schnell zurückgetrieben.
Wahrscheinlich im Zusammenhange mit diesen Ereignissen im Gebiete der Nordbahn standen feindliche Unternehmungen am Viktoriasee. Ende Oktober waren zahlreiche Wagandakrieger von Norden in den Bezirk Bukoba eingedrungen. Zur Unterstützung ging am 31. Oktober eine Truppe von 670 Gewehren, 4 MG., 2 Geschützen von Muanza auf dem kleinen Dampfer „Muanza“ mit 2 Schleppern und 10 Dhaus (Booten) ab. Kurz nach dem Auslaufen wurde dieser Transport durch bemannte englische Dampfer angegriffen, gelangte aber unbeschädigt nach Muanza zurück. Ein englischer Landungsversuch bei Kajense, nördlich Muanza, scheiterte an dem Feuer unserer Posten.
Es lag also Anfang November ein an mehreren Stellen großzügig angelegter konzentrischer Angriff gegen unsere Kolonie vor. Sein Scheitern erweckte in jedem die Erwartung, daß wir uns würden halten können, so lange die Heimat hielt. Die lückenhaften Nachrichten aber, die wir von dort auffangen konnten, flößten uns Zuversicht ein. Wir hatten zwar zur Zeit des Gefechts bei Tanga den Namen Hindenburgs noch nicht gehört, wußten aber auch nichts von dem Rückschlag an der Marne und standen noch unter dem erhebenden Eindruck des siegreichen Vormarsches nach Frankreich.
Fünfter Abschnitt
In der Erwartung weiterer Ereignisse
Schon mit Rücksicht auf die Bedrohung des Kilimandjarogebietes schien es mir angezeigt nach dem entscheidenden Erfolg von Tanga, der sowieso nicht weiter ausgebeutet werden konnte, die Truppen schnell wieder in die Gegend von Neumoschi abzutransportieren. Der Jubel der Ansiedler der Nordgebiete, die ja den Hauptteil der bei Tanga fechtenden Europäer gestellt hatten, war unbeschreiblich. Blumengeschmückt fuhr der erste Zug, der die Europäerkompagnie trug, wieder in Neumoschi ein. Ich selbst hatte bei Tanga noch ausreichend zu tun und folgte erst nach einigen Tagen zum Bahnhof in Neumoschi, wo das Kommando seine geschäftliche Tätigkeit wieder aufnahm. Bei der Knappheit des Personals konnten wir es uns nicht leisten, für die verschiedenen Funktionen auch immer verschiedene Persönlichkeiten zu haben. Wie der Offizier des Kommandos gelegentlich als Schütze oder Radfahrer einspringen mußte, so mußte auch der Intendant ordonnanzieren, der Schreiber im Gefecht mitschießen und als Gefechtsordonnanz tätig sein. Es war eine große Erleichterung des Dienstbetriebes, daß wir in dem europäisch ausgebauten Bahnhofsgebäude von Neumoschi eine Lokalität besaßen, wo wir trotz großer Engigkeit innerhalb des Stabes die meisten Sachen schnell im mündlichen Verkehr erledigen konnten. Wir verfügten über gute Telephon- und Telegraphenanlagen und lagen zentral in dem Netz von Fernsprechverbindungen und Wegen, die wir uns in beiden Richtungen sowohl auf Tanga, Taveta, Ost-Kilimandjaro, West-Kilimandjaro zum Longido, wie auch nach Aruscha geschaffen oder, soweit sie vorhanden waren, vervollkommnet hatten. Es gab Wochen, wo sich unser Dienstbetrieb fast wie im Frieden abspielte, allerdings bei gesteigerter Arbeitsleistung. Aber obgleich fast niemand innerhalb des Kommandos für sein Ressort vorgebildet oder vorbereitet war, so vollzog sich das Zusammenarbeiten doch harmonisch und erfolgreich. Es wurde vom besten Geist, von der Liebe zur Sache und kameradschaftlichem Zusammenhalten getragen.