Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Part 4

Chapter 43,379 wordsPublic domain

So waren wir im Feldlager Pugu in voller Tätigkeit, als am 8. August vormittags von Daressalam her schweres Artilleriefeuer ertönte. Nach bald eingehenden Meldungen stammte es von zwei englischen kleinen Kreuzern „Astraea“ und „Pegasus“, die den Funkenturm zum Ziel nahmen. Dieser Turm lag an so exponierter Stelle, weil die Lage an der Küste eine weitere Reichweite in das Meer hinaus ermöglichte; der Turm in Daressalam war wichtig für uns, weil die im Bau befindliche Groß-Station in Tabora noch nicht fertiggestellt war, und die zwei kleineren Stationen von Muansa und Bukoba nur lokalen Wert hatten. Der Turm wurde von den Engländern nicht getroffen, sondern durch uns selbst in etwas zu großer Besorgnis, daß er dem Feinde in die Hände fallen könnte, gesprengt. Nach kurzer Zeit brachte ein Beobachtungsoffizier die Meldung, daß bei Kondutschi, einen Tagesmarsch nördlich Daressalam, der Feind anscheinend eine Landung vorbereite. Bei der Gestaltung der Küste war eine solche nicht unwahrscheinlich. Ich ordnete deshalb sogleich den Abmarsch der vorhandenen sieben Askari-Kompagnien[3] an, um die günstige Chance, den Feind dort bei einer Landung zu überraschen, auszunutzen.

Noch ehe der Abmarsch angetreten war, sprach ich auf der Station Pugu den Gouverneur Dr. Schnee im Eisenbahnzuge bei seiner Durchfahrt nach Morogoro. Er zeigte sich von den Feindseligkeiten der Engländer ganz überrascht und sehr einverstanden mit meiner Absicht, den Feind bei Kondutschi anzugreifen. Auf dem Wege dahin begegnete ich zwei Herren des Daressalamer Gouvernements, die mir ein Schreiben vorzeigten, das Verhandlungen betreffs der Übergabe Daressalams an die Engländer enthielt. Da mir der Gouverneur hiervon nichts mitgeteilt hatte, ich außerdem ziemlich eilig war, sah ich nur flüchtig hinein. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es sich hier um Abmachungen handeln könnte, die der Gouverneur gebilligt hätte. Als aber die Truppe in der Nacht auf einem Berge 16 Kilometer nördlich Daressalam angelangt war, und wir am nächsten Morgen den Hafen und die davorliegenden englischen Kreuzer übersahen, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem Landungsversuch in Kondutschi ein Irrtum gewesen war. Wir stellten fest, daß die englischen Schiffe nach Land zu verkehrt hatten, und es schien mir jetzt doch wahrscheinlich, daß Verhandlungen mit dem Feinde stattfänden. Ich marschierte nun auf die Stadt vor; da ich befürchten mußte, daß es in der Eile des Augenblicks vielleicht zu nachteiligen Abmachungen in Daressalam kommen könnte, schickte ich den Hauptmann Tafel hinein. Dieser sollte mitteilen, daß ich die vollziehende Gewalt übernähme und daß Verhandlungen mit dem Feinde ausschließlich durch mich zu gehen hätten. Erst durch Hauptmann Tafel erfuhr ich, daß tatsächlich auf Anordnung des Gouverneurs Übergabeverhandlungen geführt worden waren. Mein Eingreifen in diese wurde vom Gouverneur nicht gebilligt, bei dem ja laut einer allerdings auf ganz andere Verhältnisse zugeschnittenen Schutztruppenbestimmung die oberste militärische Gewalt ruhte.

Praktisch hatte dies für den Augenblick keine Folgen. Nur einige englische Marinemannschaften waren an Land gewesen und bereits wieder an Bord gegangen. Für den Soldaten war es aber nicht erhebend, daß hier unter den Augen einer tausend Mann starken guten Truppe ein Abkommen geschlossen war, das uns in Daressalam jede feindliche Handlung untersagte, während sich der Feind hierzu nicht verpflichtete, und daß wir von einem in militärischer Hinsicht so wichtigen Schritte überhaupt keine Kenntnis erhalten hatten.

Die „Königsberg“ war bereits vor mehreren Tagen aus dem Hafen von Daressalam ausgelaufen, und das im Hafen liegende Vermessungsschiff „Möve“ war am 8. August von ihrem Kommandanten gesprengt worden. Dies bedeutete für uns an Land einen wertvollen militärischen Zuwachs, da der Kommandant der „Möve“, Korvettenkapitän Zimmer, nunmehr unter meinen Befehl trat. Oberleutnant z. S. Horn fuhr sofort mit einigen Matrosen nach Kigoma und bemannte und armierte den kleinen Dampfer „Hedwig von Wißmann“. Er jagte auf dem Tanganjika den belgischen Dampfer „Delcommune“, den er nach einigen Tagen überraschte und zusammenschoß, und sicherte uns hierdurch die außerordentlich wichtige Beherrschung des Tanganjika-Sees. Die schnelle Verschiebung von Truppen, die an der Zentralbahn standen, auf Bismarckburg oder auf Usumbura zu war von der ungestörten Transportmöglichkeit auf dem Tanganjika durchaus abhängig und hat im späteren Verlauf der Operationen eine Rolle gespielt.

Im Norden des Schutzgebietes war die in Aruscha stehende 1. Kompagnie durch die in schnellem Marsche von Kondoa heranrückende 13. Kompagnie und eine aus Polizeiaskari in Moschi gebildete Kompagnie verstärkt worden. Auch ein großer Teil der Europäer der Nordbezirke hatte sich zu einer Abteilung unter dem Hauptmann von Prince zusammengetan. Diese Truppen standen in der Hauptsache in der Gegend von Moschi. Das östlich vorgelagerte, auf englischem Gebiet liegende Taveta war vom Feinde besetzt; es kam darauf an, diesen wichtigen Punkt, dessen Besitz für den Feind ein wertvolles Ausfalltor gegen unsere europäischen Siedlungsgebiete des Nordens bedeutete, schnell zu nehmen. Es bedurfte geraumer Zeit, bis es gelang, die Truppen hierzu in Bewegung zu setzen. Viele glaubten, daß wir auf Grund der Kongoakte verpflichtet seien, neutral zu bleiben, und hatten zu den Anweisungen des neuen Kommandeurs wenig Vertrauen; erst am 15. August wurde endlich das schwach besetzte Taveta genommen.

Der Verlauf des Gefechts bewies, daß die Truppe zu gemeinsamem, einheitlichem Handeln in dem unübersichtlichen Buschgelände noch sehr der Weiterbildung bedurfte. Den Befehl übernahm hier im Norden Hauptmann Kraut, der sich zufälligerweise im nordöstlichen Grenzgebiet zu Grenzregulierungen aufhielt. In den nächsten Tagen gelang es, auch den Inhaber der obersten militärischen Gewalt dazu zu bewegen, der Verschiebung der Hauptstreitkräfte zur Nordbahn zuzustimmen.

Diese an sich einfache Verschiebung erforderte unter den damaligen Verhältnissen erhebliche Vorbereitungen. Es waren wenige Deutsche zu finden, welche das ganze Gebiet zwischen der Strecke Daressalam-Morogoro einerseits und Tanga-Mombo andererseits so gut kannten, daß sie zuverlässige Angaben über Wege und Verpflegungsverhältnisse machen konnten. Es war notwendig, Erkundungsoffiziere auszusenden und so eine Anzahl brauchbare Verpflegungsstraßen festzulegen. Die Ergebnisse dieser Erkundungen konnten aber nicht alle abgewartet werden; die Märsche mußten beginnen. Das Gebiet war nach europäischen Begriffen dünn besiedelt, und bei dem vorhandenen Kartenmaterial waren die Verpflegungs- und Wasserverhältnisse nur unter dem Gesichtspunkt vermerkt worden, ob sie als Höchstgrenze für eine Kompagnie ausreichend wären. Man konnte daher ohne Vorbereitungen nicht gut viel mehr als eine Kompagnie ohne Tiefenstaffelung auf eine Straße setzen; die Geübtheit und Gewandtheit im Beschaffen von Verpflegung, wie die Truppe sie gegen Ende des Krieges besaß, war damals noch nicht vorhanden. Es kam im großen und ganzen darauf hinaus, daß der Marsch und die Verpflegung einer Kompagnie unter dortigen Verhältnissen ungefähr dieselben Rücksichten verlangte, welche unter deutschen Verhältnissen eine Division erfordert. Bei dieser Verschiebung war mit der Gefahr zu rechnen, die darin bestand, daß die Kompagnien längere Zeit für Befehle nicht erreichbar waren. Die einzige telegraphische Verbindung von der Zentralbahn nach dem Norden lief unmittelbar längs der Küste und konnte jederzeit unterbrochen werden, wenn der Feind es beabsichtigte.

Die Gewandtheit, mit der Postdirektor Rothe und Sekretär Krüger auf die Wünsche der Truppe eingingen, sogleich den Bau der neuen Drahtlinie Morogoro-Handeni-Korogwe in Angriff nahmen und sich hierbei von der sonst in den Tropen üblichen Solidität unter dem Druck der Verhältnisse vorübergehend frei machten, ermöglichte den Bau der Strecke in wenigen Wochen. Wegen der Zerstörung durch Termiten werden im Frieden grundsätzlich eiserne Telegraphenpfosten gesetzt, die wegen der gerade in hiesiger Gegend zahlreichen Giraffen sehr hoch und mit sehr starkem Leitungsdraht versehen sein müssen. Der zunächst notgedrungen nur behelfsmäßige Bau und das Legen von Kabeln hatten unausgesetzte Störungen und Reparaturen zur Folge.

Inzwischen eingegangene Meldungen vom Vorgehen kleinerer feindlicher Abteilungen bei Jassini, zwei Tagemärsche nördlich Tanga, bestärkten mich in dem Glauben, daß der Feind in dortiger Gegend eine Landung vorhatte und dann schnell in das Innere längs der Nordbahn vordringen würde. So waren die einzelnen Kompagnien von verschiedenen Punkten der Bahnstrecke Daressalam-Mpapua abmarschiert und in der Hauptsache konzentrisch auf Handeni, einige Teile gegen andere Punkte der Strecke Tanga-Korogwe unterwegs, als ich in Pugu am 23. August nachmittags von Oberleutnant von Chappuis, der mit der 17. Feldkompagnie gerade bei Bagamojo lagerte, telephonisch angerufen wurde. Er meldete mir, daß ein kleiner englischer Kreuzer vor Bagamojo läge und den dortigen Leiter der Zivilverwaltung aufgefordert hätte, die Telegraphenstation zu zerstören; widrigenfalls würde er den Ort beschießen. Ich gab an Hauptmann von Chappuis Befehl, sogleich die vollziehende Gewalt zu übernehmen und eine Landung des Feindes mit der Waffe zu verhindern. Ein Boot des Kriegsschiffes, das unter Parlamentärflagge an Land anlegen wollte, wurde daher abgewiesen, und die Folge war eine Beschießung des Ortes. Der Kompagnie und den Eingeborenen machte diese großen Spaß, da sie so gut wie ohne jedes Treffergebnis verlief.

Das Kommando begab sich Ende August mit der Bahn nach Kimamba bei Morogoro. Unterwegs wünschte mir General Wahle, der von Morogoro aus das Etappenwesen leitete, alles Gute für das entscheidende Gefecht, das wir in Gegend Handeni erwarteten und zu dem auch sein Sohn unterwegs war. Dann reiste das Kommando mit Hilfe zweier requirierter Automobile weiter auf Handeni zu. Nach 30 Kilometer Fahrt mußte dieses Transportmittel aufgegeben werden, da der angeordnete Ausbau der Straße noch nicht genügend vorgeschritten war. Hauptmann von Hammerstein und ich fuhren auf Fahrrädern weiter und überholten nach und nach die marschierenden Kompagnien. Die vermutete Landung des Feindes bestätigte sich nicht, und wir trafen Anfang September in Korogwe ein. In Tanga war inzwischen ein englischer Kreuzer erschienen und hatte dort liegende Leichter abgeschleppt.

Es galt nun das Verpflegungs- und Nachschubwesen der Truppe im Norden zu organisieren. Der bisherige Feldintendant Hauptmann d. L. Schmid war wegen Krankheit ausgefallen, und es war schwer, eine geeignete Persönlichkeit zu finden. Glücklicherweise bot sich eine solche in dem Hauptmann d. L. Feilke, dem langjährigen erfahrenen Leiter der Prinz-Albrecht-Plantagen in Usambara, der sich in der Gegend von Tanga aufhielt, wo er sich der Truppe zur Verfügung gestellt hatte. Früher Adjutant des 8. Jägerbataillons, vereinigte dieser 52jährige welterfahrene und geschickte Offizier aufs glücklichste die für den schweren Posten eines Intendanten erwünschte militärische Vorbildung und wirtschaftliche Begabung. Er kam sofort, und wir beide fuhren nach Neumoschi. Dort traf ich den Hauptmann Kraut. Auf dem Kilimandjaro war der Kleinkrieg durch Anlage von Verpflegungsdepots vorbereitet worden, unsere Patrouillen gingen über Taveta hinaus in der Richtung auf die britische Ugandabahn vor, und es war schon zu zahlreichen kleinen Zusammenstößen gekommen. Die nötige Erfahrung für Fernpatrouillen, wie sie in späterer Zeit so erfolgreich zu Bahnzerstörungen führten, besaß aber die Truppe zur damaligen Zeit noch nicht. Die ersten Patrouillengänger waren halb verschmachtet an der Ugandabahn angelangt und gefangengenommen worden. Ich begab mich von Neumoschi aus zum Himolager, wo Hauptmann von Prince in befestigter Stellung stand. Er begleitete mich nach Taveta, das von einem vorgeschobenen Offiziersposten besetzt war. An Ort und Stelle konnten wir nun die Verlegung des Gros der Nordtruppe nach Taveta besprechen. Die dortige, sehr zahlreiche Eingeborenenbevölkerung schenkte den von der Truppe eingesetzten Verwaltungseuropäern durchaus ihr Vertrauen; die Leute verkauften ihre Erzeugnisse weiter auf dem Markt, und das Verhältnis war ein recht befriedigendes.

Schon bei Ausbruch des Krieges war an vielen Stellen die Befürchtung vor Eingeborenenaufständen aufgetaucht. An der Zentralbahn entstanden wilde Gerüchte über eine Erhebung der Wahehe -- es ist dies der kriegerische Stamm, der in der Gegend von Iringa so lange der deutschen Besitzergreifung getrotzt hatte --, und am Kilimandjaro wurde ein Aufstand der Wadschagga befürchtet. Die große Anzahl der schwarzen Arbeiter auf den europäischen Siedlungen der Nordgebiete wurde aus Verpflegungsgründen ebenfalls von den Behörden für unzuverlässig gehalten. Diese Befürchtungen haben sich aber sämtlich nicht bestätigt. Später hat mir ein sehr intelligenter gefangener belgischer Askari geradezu gesagt: „Du weißt ja, die Eingeborenen halten immer zu dem, der der Stärkere ist“, und ein englischer Massai äußerte unumwunden: „Uns ist es gleichgültig, ob die Engländer oder die Deutschen unsere Herren sind.“

Erst später, nach dem Eindringen des Feindes, bildete der Eingeborene eine wesentliche Gefahr für uns; dann war sie allerdings sehr groß. Der Eingeborene hat ein feines Gefühl dafür, wann die wirkliche Macht von der einen Hand in die andere übergeht.

Nach kurzer Rückkehr nach Korogwe rückte das Kommando dann nach Neumoschi und bald darauf nach Taveta. Drei der an der Nordbahn eingetroffenen Kompagnien der Zentralbahn wurden bei Tanga vereinigt, die übrigen fünf in das Gebiet des Kilimandjaro befördert. Bei Daressalam blieb zunächst nur Hauptmann von Kornatzki mit der neu formierten 18. Feldkompagnie.

In der nächsten Zeit kam es zu Unternehmungen verschiedener fliegender Kolonnen von Kompagniestärke, deren Zweck es war, die feindlichen Abteilungen, die nach vorliegenden Meldungen die Wasserstellen des angrenzenden englischen Gebietes besetzt hielten, zu vertreiben, ihnen Verluste beizubringen und dadurch den Weg für unsere Patrouillenunternehmungen gegen die Uganda- und Magadbahn frei zu machen. So war Ende September Hauptmann Schulz mit seiner Kompagnie vom Kilimandjaro aus den Tsavofluß abwärts marschiert, bis zur Ugandabahn vorgedrungen und dort auf einen mehrere Kompagnien starken Gegner gestoßen, der sich wahrscheinlich mit Hilfe der Bahn gesammelt hatte. Nördlich des Kilimandjaro hatte Hauptmann Tafel mit seiner Kompagnie und einer fünfzig Mann starken Europäerabteilung eine englische Reiterkolonne verfolgt, war aber dann von dieser im dichten Busch in seinem Lager am Engitoberge angegriffen worden. Es war das erste ernsthaftere Gefecht unserer Askari hier im Norden. Obgleich der Feind aus englischen und burischen Farmern, also guten Reitern und Schützen, bestand, die mit dem Leben in der Steppe vertraut waren, gingen unsere Askari ihm mit aufgepflanztem Seitengewehr so energisch zu Leibe, daß von dem 80 Europäer starken Gegner ungefähr 20 tot liegen blieben, sein Gesamtverlust also auf mindestens die Hälfte seiner Kopfzahl zu schätzen war.

In gleicher Weise wie am Kilimandjaro führten auch die Unternehmungen des Hauptmann Baumstark, der die drei bei Tanga versammelten Kompagnien befehligte, zu Gefechten im Grenzgebiet zwischen Jassin und Mombassa. Der Zweck aller dieser Unternehmungen war zugleich, über das in Frage kommende Operationsgebiet die allernotwendigste Klarheit zu schaffen, da diese Strecken im Frieden nicht erkundet und uns auch in bezug auf Wasser- und Anbauverhältnisse unbekannt waren. Nach und nach wurde so ein anschauliches Bild über Land und Leute geschaffen. Das englische Grenzgebiet war längs der Küste gut besiedelt und reich angebaut. Weiter im Innern hat es den Charakter der trockenen Dornsteppe mit teilweise dichtem Busch. Aus der Steppe erheben sich eine Anzahl von Gebirgszügen, die mehrfach in felsigen Massiven schroff aufsteigen. Die Truppen waren in mehreren befestigten Lagern östlich des Kilimandjaro untergebracht, das Kommando aber wegen der Schwierigkeit der Verbindung von Taveta wieder nach Moschi zurückgekehrt.

Die Drahtverbindung zwischen Moschi und Taveta konnte der später eintreffende Feldpostdirektor auf meine Frage nur als „niedlich“ bezeichnen. Die Isolatoren waren abgeschlagene Flaschenhälse, die auf Stangen oder an Baumzweigen befestigt waren; der Draht war von den Einzäunungen der Pflanzungen entnommen. Die Störungen waren aber doch so erheblich, daß der große Nachrichten- und Meldeverkehr des Kommandos mit dieser Leitung auf die Dauer nicht hatte bewältigt werden können.

Unser Verkehr mit der Außenwelt war seit Kriegsbeginn so gut wie abgeschnitten; zwar nahmen wir anfangs die Funksprüche von Kamina, dann unter günstigen Witterungsverhältnissen gelegentlich die Funksprüche von Nauen auf; aber sonst waren wir bezüglich neuer Nachrichten auf das Auffangen feindlicher Funksprüche und darauf angewiesen, feindliche Post oder sonstige Papiere in unsere Hand zu bringen.

[3] Askari sind „Soldaten“, nicht ein besonderer Volksstamm.

Vierter Abschnitt

Die Novemberkämpfe bei Tanga

Erbeutete englische Zeitungen berichteten, daß Deutschland den Verlust seiner geliebten Kolonien, seiner „Küchlein“, so besonders schmerzlich empfinden würde und daß Deutsch-Ostafrika der „wertvollste Happen“ sei. Erbeutete Post sprach von der demnächstigen Ankunft eines indischen Expeditionskorps von 10000 Mann, und da ich sowieso aus allgemeinen Erwägungen heraus schon immer mit einer feindlichen Landung größeren Stiles in der Gegend von Tanga gerechnet hatte, reiste ich Ende Oktober dorthin, fuhr mit meinem mitgenommenen Auto die Gegend ab und besprach mich an Ort und Stelle mit Hauptmann Adler, dem Führer der 17. Kompagnie, sowie dem Bezirksamtmann Auracher. Erfreulicherweise trat dieser meiner Auffassung bei, daß bei einer ernsthaften Bedrohung Tangas vor allem einheitliches Handeln notwendig sei, und ich versicherte ihm, daß ich selbstverständlich für alle hieraus hervorgehenden Konsequenzen die Verantwortung übernähme. Dies war besonders deshalb von Bedeutung, weil nach den gegebenen Anweisungen des Gouverneurs eine Beschießung von Tanga unter allen Umständen vermieden werden sollte. Die Ansichten darüber, was im gegebenen Fall zu tun oder zu lassen sei, konnten also sehr verschieden sein.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Neumoschi, am 2. November, wurde von Tanga aus gedrahtet, daß 14 feindliche Transportschiffe und 2 Kreuzer vor Tanga erschienen seien. Diese verlangten die bedingungslose Übergabe der Stadt; die Verhandlungen darüber zogen sich in die Länge, da Bezirksamtmann Auracher, der an Bord gegangen war, darauf aufmerksam machte, daß er besondere Weisung einzuholen habe, und das angedrohte Bombardement durch die Bemerkung verhinderte, daß Tanga ein offener und unverteidigter Ort sei. Hauptmann Baumstark, der mit zwei Kompagnien nördlich Tanga im Grenzgebiet war, wurde sofort auf Tanga in Marsch gesetzt. Ebenso wurden aus der Gegend von Taveta und vom Kilimandjaro die beiden Europäerkompagnien und die Askarikompagnien im Eilmarsch nach Neumoschi herangeholt. Zwei Lastautos, die zum Verpflegungstransport auf der Strecke Neumoschi-Taveta dienten, taten bei dieser Truppenverschiebung wertvolle Dienste. Meine Absicht, alle verfügbaren Truppen gegen die zweifellos in Tanga bevorstehende Landung mit größter Schnelligkeit dort zu sammeln, war trotz der den Truppen zugemuteten, starken Märsche nur durchführbar, wenn die Nordbahn ihre Leistungsfähigkeit auf das Äußerste anspannte, und das war bei den wenigen Lokomotiven -- es waren nur acht -- viel verlangt. Die etwa 300 Kilometer lange Strecke ist eine Schmalspurbahn, auf der im voll ausgelasteten Zuge von 24 bis 32 Achsen nur eine Kompagnie mit vollem Gepäck oder zwei Kompagnien ohne Gepäck und ohne Träger befördert werden konnten. Nur dem Entgegenkommen aller mit diesen Transporten beschäftigten Personen -- ich nenne besonders den als Leutnant zur Truppe eingezogenen Eisenbahnkommissar Kröber und den Betriebsdirektor Kühlwein --, die die Züge bei Tanga bis auf das Gefechtsfeld und in das Feuer hinein vorführten, ist es zu danken, daß diese Transporte überhaupt ausgeführt werden konnten. Noch am 2. November wurden die gerade in Neumoschi anwesenden Truppenteile, anderthalb Kompagnien, mit der Bahn abtransportiert, am 3. morgens das Kommando mit einer weiteren Kompagnie; drei andere Kompagnien folgten später. Ebenso wurden alle kleineren Formationen des Bahnschutzes nach Tanga herangezogen. Die Stimmung der abfahrenden Truppen war glänzend; dies mag jedoch weniger darauf zurückzuführen sein, daß der Askari sich über den Ernst der Lage klar war, als vielmehr darauf, daß für ihn eine Eisenbahnfahrt unter allen Umständen ein großes Vergnügen bedeutete.

Das Kommando traf am 3. November abends in Korogwe ein. Ich begab mich zu dem dort eingerichteten Lazarett und sprach die aus dem Gefecht von Tanga am 3. November zurückgekommenen Verwundeten. Einer derselben, Oberleutnant d. L. Merensky, berichtete mir, daß am 2. November bei Tanga Posten- und Patrouillengefechte in der Gegend von Ras Kasone stattgefunden hatten und daß am 3. November ein anscheinend mehrere tausend Mann starker Feind, der bei Ras Kasone gelandet war, die 17. Kompagnie östlich von Tanga angegriffen hatte. Diese, durch die Europäer und Polizeiaskari aus Tanga unter dem Oberleutnant Auracher verstärkt, hatte dem Angriff standgehalten, bis die ersten von Neumoschi eintreffenden anderthalb Kompagnien eingriffen, sofort gegen die linke Flanke des Feindes vorstürmten und ihn zurückwarfen. Oberleutnant Merensky hatte den Eindruck, daß der Feind vollständig geschlagen und die Wiederholung eines Angriffes unwahrscheinlich wäre. Die während der Eisenbahnfahrt stückweise eintreffenden Telegramme hatten mir ein klares Bild der Lage nicht geben können, als das Kommando am 4. November um 3 Uhr morgens 6 Kilometer westlich von Tanga die Bahn verließ und dort den Hauptmann Baumstark antraf.

Dieser hatte die Lage anders beurteilt und glaubte bei der großen Überlegenheit des Feindes, daß bei einem erneuten Angriff Tanga nicht zu halten sei. Er hatte deshalb seine von Norden kommenden zwei Kompagnien und die Teile, die am 3. November bei Tanga im Gefecht gestanden hatten, am Abend dieses Tages 6 Kilometer westlich von Tanga gesammelt und in der Stadt selbst nur Patrouillen belassen. Ob Tanga frei oder vom Feinde besetzt war, darüber herrschte keine Klarheit. Starke Offizierspatrouillen wurden sofort über Tanga hinaus auf Ras Kasone zu vorgetrieben. Glücklicherweise hatte das Kommando einige Fahrräder mitgebracht, und so konnte ich, um schnell Aufklärung durch persönlichen Augenschein zu schaffen, sogleich mit Hauptmann von Hammerstein und dem kriegsfreiwilligen ~Dr.~ Lessel zum Bahnhof Tanga hinein vorfahren. Von der hier angetroffenen vorgeschobenen Postierung der 6. Feldkompagnie konnte ich auch nichts Näheres über den Feind erfahren und fuhr weiter durch die leeren Straßen der Stadt vor. Die Stadt war vollständig verlassen, und die weißen Europäerhäuser leuchteten in den Straßen, durch die wir fuhren, im klarsten Mondschein. So erreichten wir den Hafen am jenseitigen Stadtrande; Tanga war also frei vom Feinde. 400 Meter vor uns lagen hell erleuchtet die Transportschiffe, auf denen großer Lärm herrschte: es war kein Zweifel, daß die Landung unmittelbar bevorstand. Ich bedauerte sehr, daß unsere Artillerie -- wir hatten nämlich auch zwei Geschütze ~C~/73 -- noch nicht zur Stelle war. Hier, im hellen Mondschein, auf so nahe Entfernung, hätte sie trotz der Anwesenheit der feindlichen Kreuzer vernichtend wirken können.