Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Part 28

Chapter 283,432 wordsPublic domain

Am 24. August morgens überschritten wir den Likungofluß und marschierten weiter in Richtung auf Numarroe. Schon meilenweit sahen wir den Berg und die Gebäude der Boma Numarroe. Bei einer Marschpause wurde in fröhlicher Gesellschaft mit Leutnant d. Res. Ott, Vizefeldwebel d. Res. Nordenholz und den anderen Herren der Vorhut gefrühstückt. Längst hatten wir uns daran gewöhnt, während der Marschpausen ohne viele Umstände etwas Brot und eine Büchse mit Schmalz oder Flußpferdfett hervorzuholen. Oberleutnant z. See Freund besaß sogar noch Butter aus der Zeit von Namacurra her. Auch die Askari und Träger, die früher mit ihrer Mahlzeit bis zum Beziehen der Lager gewartet hatten, nahmen mehr und mehr die ~„desturi“~ (Moden, Gewohnheiten) der Europäer an. Jeder der Schwarzen holte, sobald eine Marschpause eintrat, sein Frühstück hervor. Es war außerordentlich behaglich, wenn so die ganze Truppe in bester Stimmung im Walde lagerte und zu neuen Anstrengungen, zu neuen Märschen und neuen Gefechten die notwendigen Kräfte sammelte.

Wir waren noch 2 Stunden östlich von Numarroe entfernt, als bei der Vorhut die ersten Schüsse fielen. Eine feindliche Kompagnie hatte sich unserer Marschstraße vorgelagert und wich nun geschickt von Kuppe zu Kuppe langsam vor uns in Richtung auf Numarroe aus. Mit Leutnant Ott, der durch Brustschuß verwundet wurde, sah es recht bedenklich aus. Ich bog mit dem Gros, an dessen Anfang die Abteilung Goering marschierte, aus und zog südlich an dem Gegner vorbei, direkt auf die Boma Numarroe los. Noch vor Einbruch der Dunkelheit wurde unser Geschütz in Stellung gebracht und das Feuer auf die Boma und ihre besetzten Schützengräben eröffnet. Abteilung Goering bog ohne Zeitverlust noch weiter nach Süden aus, um unter Benutzung einer Schlucht von rückwärts her dicht an die Boma heranzurücken. Die Vorhut (Abteilung Müller) -- das ging aus dem Gefechtslärm hervor -- war gleichfalls scharf vorgedrungen. Die feindlichen Schützen schossen nicht schlecht, und trotz der Entfernung von etwa 1000 ~m~ schlugen die Infanteriegeschosse in unmittelbarer Nähe ein, sobald sich jemand von uns zeigte.

Bald wurde es dunkel; das Feuer schwoll gelegentlich an und ließ wieder nach, bis plötzlich großer Gefechtslärm aus der Richtung der Abteilung Goering hörbar wurde. Dann trat Stille ein. Abteilung Goering war überraschend von rückwärts in den Feind eingedrungen und hatte dann einige zäh verteidigte Schützengräben im Sturm genommen. Der abziehende Feind war aber von einer anderen deutschen Abteilung nicht als Feind erkannt worden und entkommen. Die Nacht war unangenehm kalt, dazu fiel strömender Regen, und unsere Lasten waren noch nicht herangekommen. Am nächsten Tage wurden drei feindliche Europäer und 41 Askari durch uns begraben; 1 Europäer und 6 Askari waren verwundet, 1 Europäer, 7 Askari und 28 andere Farbige unverwundet von uns gefangen genommen. Unter den Gefangenen befand sich auch der feindliche Führer, Major Garrad, der hier das halbe 2. Bataillon der IV. King’s African Rifles befehligte. Bei uns waren Vizefeldwebel Nordenholz durch Kopfschuß, 6 Askari und 1 Maschinengewehrträger gefallen, 3 Europäer, 18 Askari und 4 Maschinengewehrträger verwundet worden. 40000 Patronen und 2 leichte Maschinengewehre, außerdem Handgranaten, Sanitätsmaterial und größere Bestände an Verpflegung wurden erbeutet. Unter unseren Verwundeten, die in den massiven, sauber gebauten Häusern zurückgelassen wurden, befand sich auch Leutnant d. Res. Ott, der wie immer in sonnigster Laune war. Glücklicherweise war seine Verwundung nicht so schwer, wie zuerst befürchtet wurde, aber es war nicht möglich, ihn mitzunehmen.

Am 25. August wollte ich auf alle Fälle das Lager von Regone erreichen. Aus den erbeuteten Papieren wußte ich, daß nach Regone wertvolle Bestände, dabei auch Minenwerfergranaten, vor uns in Sicherheit gebracht worden waren. Die Besatzung von Regone war im Augenblick wahrscheinlich noch schwach. Bei der Nähe der feindlichen Kolonnen aber war anzunehmen, daß die Lage am 26. August bereits für einen Handstreich zu spät sein würde. Der Weg führte durch den Paß eines steilen Felsengebirges. Unsere Vorhut stieß auf dem Marsche dort bald auf den Feind und beschäftigte ihn, während ich mit dem Gros seitwärts an diesem Feinde vorbei direkt auf Regone zu marschierte. Bei der Kletterei in dem wenig übersichtlichen Berggelände kam es fast zu einem Gefecht zwischen zwei deutschen Abteilungen, die sich gegenseitig für Feinde hielten. Die Maschinengewehre waren bereits in Stellung gebracht, als sich der Irrtum glücklicherweise noch aufklärte.

Dann marschierten wir weiter über die Berge, während unter uns, schon etwas rückwärts, das Maschinengewehrfeuer unserer Vorhut hörbar war. Der Marsch war so beschwerlich, und unsere Kolonne wurde, da wir über die Berge nur in einer Reihe gehen konnten, so lang, daß das von mir für diesen Tag gesetzte Ziel, Regone, nicht annähernd erreicht wurde. Wir wußten ja überhaupt nicht genau, wo Regone eigentlich lag. Nur aus dem Umstand, daß wir von den Bergen aus in weiter Entfernung mehrere Wege zusammenlaufen sahen, schlossen wir, daß dort Regone liegen müsse. Auf halbem Wege nach Regone zeigte sich ein großes Zeltlager, und ich nahm an, daß dies die andere Hälfte des Bataillons war, die auf Regone zur Unterstützung von Numarroe herangerückt war.

Bei strömendem Regen mußten wir im Busch Lager beziehen. Am nächsten Tage war das beobachtete Zeltlager geräumt, die Boma Regone ziemlich stark besetzt. Ein Anlaufen gegen sie über den kahlen Hügel hinweg bot keine Aussicht auf Erfolg, und wir beschränkten uns auf Unternehmungen mit Patrouillen und einzelnen Abteilungen. Der Feind hatte, wie ich aus seinen Papieren ersah, Anweisung gegeben, uns bei Regone ungestört anbeißen zu lassen, um dann mit starken Reserven, die außerhalb lagen, uns in der Flanke oder im Rücken anzugreifen. Es war daher besondere Vorsicht geboten, und die Initiative, mit der die Kompagnie des Oberleutnant Boell trotz aller dieser Bedenken gegen die Boma vorging, hätte gefährliche Folgen haben können. Einige außerhalb der Befestigungen sich zeigende feindliche Lager und Kolonnen wurden überraschend beschossen und Verpflegungsvorräte erbeutet. Die vorgefundenen Papiere bestätigten die Annäherung stärkerer feindlicher Kolonnen von Süden und Südosten her gegen Regone. Aber auch im Norden standen Truppen; ob diese sich nun in der Gegend +Lioma-Malacotera+ befanden oder bei +Malema+, war nicht auszumachen. Festgestellt war aber, daß sie vorhanden waren, und es war wahrscheinlich, daß auch sie, und zwar von Norden her, sich Regone nähern würden.

Da ein Handstreich auf Regone keine Aussicht auf Erfolg bot und eine länger andauernde Unternehmung wegen der von außen zu erwartenden Störungen gleichfalls nicht auf eine glückliche Durchführung rechnen durfte, so beschloß ich, weiter zu marschieren. Wegen der Fluß- und Sumpfbarrieren südlich des Nyassasees erschien mir die früher von mir in Betracht gezogene Marschrichtung nach Westen nicht ratsam, zumal auch deshalb nicht, weil der Feind dorthin mit Hilfe von Dampfschiff und Eisenbahn sehr leicht Truppen zusammenziehen und auch ernähren konnte. Zweckmäßiger erschien mir der Weitermarsch nach Norden, östlich am Nyassasee vorbei; es war wahrscheinlich, daß der Feind durch unsere Rückkehr nach Deutsch-Ostafrika sehr überrascht sein und die natürliche Hauptstadt dieses Gebietes, nämlich Tabora, für das Ziel unseres Marsches halten würde. Unter diesem Eindruck würde er dem Hauptteil seiner Truppen den Landmarsch nach Tabora, und die schwierigen Nachschubverhältnisse eines solchen ersparen, seine Truppen vielmehr nach den Küstenplätzen von Portugiesisch-Ostafrika zurückziehen, von dort mit Schiff nach Daressalam und dann weiter mit der Bahn nach Tabora selbst schaffen. Diese meine Berechnungen haben sich im großen und ganzen als zutreffend erwiesen. Der Gedanke lag nahe, daß ich schließlich nicht nach Tabora, sondern, am Nordende des Nyassasees angekommen, in anderer Richtung, wahrscheinlich nach Westen weitermarschieren würde. Zunächst kam es jedenfalls darauf an, das Nordende des Nyassasees zu erreichen. Bis dahin mußte mehr als ein Monat vergehen, und es konnte sich vieles ändern.

Bei Regone wurde der Anmarsch und die Versammlung stärkerer Truppenmassen beobachtet, die unmittelbar nach unserem Abmarsch unsere Lagerplätze absuchten, uns dann aber nur langsam folgten. Das Gelände war mit seinen zahlreichen Schluchten und Wasserläufen für unsere Nachhutstellungen besonders günstig. Auf dem Wege nach Lioma wurde ein größeres feindliches Magazin mit viel Tabak erbeutet. Die Abteilung Müller, die nach Lioma vorausgeschickt war, brachte bald Meldung über dessen Besetzung, konnte aber über die Stärke derselben nichts Näheres feststellen. Ich erreichte diese vorausgeschickte Abteilung mit dem Gros am 30. August. Die Lage der feindlichen Befestigungen war in dem dichten Busch immer noch nicht genau auszumachen gewesen. Anscheinend war der Feind erst kürzlich eingetroffen und hatte seine Schanzarbeiten noch nicht vollendet. Deshalb griff ich sogleich an. Die Abteilungen Müller und Goering umgingen den Feind zunächst, um von Norden anzugreifen. Inzwischen marschierte das Gros nach und nach in mehreren Schluchten im Walde auf.

Ich selbst konnte mir bei dem Mangel an Aufklärung kein genaues Bild machen. Da wurde von rückwärts her, wo unsere Trägerkolonnen sich noch im Marsche befanden, plötzlich lebhaftes Feuer gehört. Eine stärkere feindliche Patrouille hatte unsere Träger überraschend beschossen. Ein großer Teil unserer Lasten ging verloren. Hauptmann Poppe, der mit 2 Kompagnien zu meiner Verfügung stand, wurde hiergegen eingesetzt. Er fand bei seinem Eintreffen die Patrouille nicht mehr vor, folgte aber ihrer Abzugsrichtung und traf auf ein verschanztes Lager, das er sogleich im Sturm nahm. Vizefeldwebel Schaffrath erhielt hierbei einen schweren Schuß. Von diesen Ereignissen erhielt ich durch Hauptmann Poppe persönlich Meldung, als er, durch Brustschuß schwer verwundet, zurückgetragen wurde. Er meldete mir, daß der Feind völlig geschlagen und reiche Beute an Waffen und Munition gemacht worden sei. Die Kompagnien der Abteilung Poppe waren dem fliehenden Gegner gefolgt und auf ein neues größeres Lager gestoßen. Auf das gleiche Lager stieß von Norden her die Abteilung Goering, so daß der Feind unter wirksames Kreuzfeuer genommen wurde. Ein neu auftretender Gegner, der aus nordöstlicher Richtung heranrückte, wurde inzwischen durch die Abteilung Müller hingehalten.

Über diese verschiedenen Vorgänge erhielt ich erst spät nach Einbruch der Dunkelheit eine einigermaßen klare Übersicht, die mir meine persönlichen Erkundungsgänge nicht verschafft hatten. Bei einem dieser Gänge fuhr eines der zahlreich einschlagenden Infanteriegeschosse durch die Hose eines meiner Begleiter, des Landsturmmannes Hauter, traf den anderen Begleiter, Leutnant z. See a. D. Besch, in den Oberschenkel und verletzte die Schlagader. Glücklicherweise war der Verbandplatz in der Nähe. So konnte ich mich von unserem bisherigen Intendanten, der zugleich auch die Geschäfte eines Ordonnanzoffiziers versah, mit dem Bewußtsein verabschieden, daß er durchkommen würde. Seine geringe Habe überließ er seinen Kameraden, denen er für die Zukunft alles Gute wünschte. Auch mir verehrte er eine Handvoll Zigaretten. Ich hatte nämlich die Gewohnheit, in ernsteren Gefechten andauernd zu rauchen.

Mitten im Busch traf ich auch den Oberleutnant von Ruckteschell mit einigen Trägern und seiner Tragbahre, deren er sich wegen seines noch nicht wiederhergestellten Beines zeitweise bedienen mußte; er hatte die Kolonne während des schwierigen Anmarsches nach Möglichkeit zusammengehalten und strahlte jetzt, das Gewehr in der Hand, vor Freude darüber, am Gefecht gegen die feindlichen Patrouillen teilnehmen zu können, die sich in der Flanke und in unserem Rücken zeigten. In dem dichten Busch hatte sich ein Teil unserer Kolonnen verlaufen und fand sich erst nach Stunden wieder zu uns heran. Nach Einbruch der Dunkelheit hatte sich der in einer Schlucht liegende Verbandplatz mit Verwundeten gefüllt. Es wurde gemeldet, daß Oberleutnant von Schroetter und Oberleutnant z. See Freund gefallen waren. Bei einer nochmals unternommenen Patrouille gerieten Vizefeldwebel Bolles und Hüttig versehentlich dicht an die feindlichen Schützen und wurden überraschend beschossen; Bolles fiel, Hüttig wurde schwerverwundet gefangen genommen. Vizefeldwebel Thurmann war bis auf 5 Schritt an den feindlichen Schützengraben gelangt und beschoß, ein vorzüglicher Schütze, von einem Termitenhaufen aus immer wieder erfolgreich die Ziele, die der Feind im Innern seines Lagers zeigte, bis auch er einen tödlichen Schuß erhielt.

Einen Sturm auf das Lager hatte Hauptmann Goering als aussichtslos nicht versucht und nach Einbruch der Dunkelheit deshalb nur Patrouillen am Feind belassen, den Rest der Truppe zurückgezogen. So sammelte sich das Gros in mehreren Gruppen nördlich des feindlichen Lagers, und ich beschloß, am nächsten Tage nach Aufräumung des Gefechtsfeldes weiter zu marschieren.

Notgedrungen mußten wir einen Teil unserer Kranken und Verwundeten, auch die kranken Gefangenen, unter einem englischen Sanitätsoffizier zurücklassen und traten um 9 Uhr vormittags in mehreren Kolonnen den Weitermarsch nach Norden an. Führer hatten wir nicht; das Gelände war ganz unbekannt, und nur ganz allgemein konnte ich dem Führer der Vorhut bezeichnen, daß ich an einem der nördlich vorgelagerten Berge vorbeizumarschieren beabsichtigte. Bald war bei der Vorhut Gefechtslärm hörbar. Im Busche wurde es erst nach und nach klar, daß unsere Vorhut sich gegen einen Feind gewandt hatte, der von links rückwärts her gegen sie erschienen war. Die Geschosse desselben schlugen auf nahe Entfernung und ziemlich zahlreich bei dem Kommando ein, das dem Gros vorausmarschierte.

Ein von mir zurückgeschickter Askari sollte den Anfang des Gros an die Stelle, an der ich war, heranführen. Die Lage war zweifellos günstig, um den Feind zwischen unserer Vorhut und unserem Gros einzuklemmen und gründlich zu schlagen. Ich wartete, aber unser Gros kam nicht. Da lief ich schließlich zurück und sah an den Spuren, daß unser Gros falsch geführt und längst seitwärts an uns vorbei marschiert war. Dagegen sah ich den Anfang der Abteilung Stemmermann, zu der der größte Teil unserer Kolonnen und unserer Kranken gehörte, ahnungslos im Begriff, in den Feind hinein zu marschieren. Gerade eben konnte ich die Abteilung noch abdrehen. Ich selbst erreichte nun die vordersten Abteilungen Müller und Goering, die sich inzwischen weiter nach Norden in Marsch gesetzt hatten. Sie folgten einer Straße, die auf die Berge hinaufführte, sich oben aber gänzlich verlor. Dem Gefechtslärm, den ich von Zeit zu Zeit weiter rückwärts hörte, maß ich keine weitere Beachtung bei. Erstaunt bemerkte ich am Spätnachmittag, daß der Rest der Truppe den Abteilungen Müller und Goering nicht gefolgt war, sondern rechts von uns im Tale marschierte. Ich ahnte nicht, daß inzwischen unsere Marschkolonne von einem neuen Gegner, der von Osten gekommen war, nochmals beschossen wurde, und daß hierbei ein großer Teil eines Feldlazarettes in Feindes Hand gefallen war.

Um die Truppe wieder zu vereinigen, suchte ich wieder von meinem Berge herunterzukommen. Der Abstieg erwies sich aber nicht als möglich; die Felsen waren steil, fast senkrecht. Auf einem Negerpfade marschierten wir weiter, und der Abend brach herein, als Hauptmann Müller mir meldete, daß auch dieser Abstieg an einem Abgrund endete. Glücklicherweise fand sich noch ein kleiner Seitenpfad. Wir folgten diesem, und es glückte, hinabzuklettern. Auch hier war es an einigen Stellen steil, aber die nackten Füße gaben den Trägern Halt, und auch ich kam, nachdem ich die Stiefel ausgezogen hatte, hinunter. Es wurde stockdunkel, und wir hatten kein Wasser. Schließlich fand sich aber auch dies, und mir fiel ein Stein vom Herzen, als wir auf den Rest der Truppe stießen, der unter General Wahle gleichfalls die Vereinigung gesucht hatte. Wir hatten am 30. und 31. August 6 Europäer, 23 Askari an Toten, 11 Europäer, 60 Askari an Verwundeten, 5 Europäer, 29 Askari an Vermißten, 5 Askari an Gefangenen verloren; 48000 Patronen, wichtige Medikamente und Verbandszeug, wichtiges Büchsenmachergerät und die gesamte Bagage der Abteilung Müller waren verloren gegangen. Auch die feindlichen Verluste waren schwer, wie aus einer später erbeuteten Verlustliste des 1. Bataillons der I. King’s African Rifles hervorging. Außer diesem Bataillon hatten Teile des 3. Bataillons dieses Regiments und die II. King’s African Rifles gegen uns im Gefecht gestanden.

Unsere Truppe hatte sich glänzend geschlagen; einem Teil der Träger, von denen über 200 vermißt wurden, war das überraschende Feuer allerdings etwas in die Glieder gefahren. Von der Abteilung Koehl fehlte Nachricht, aber unsere Führer waren inzwischen so erfahren und gewandt im Buschkrieg geworden, daß ich mir keine Sorge zu machen brauchte. Am nächsten Tage überraschten wir bei unserem Eintreffen im Lager eine englische Verpflegungskolonne.

Dann passierten wir die Straße Cutea-Malema, an der sich bald auch feindliche Truppen zeigten und überschritten den Luriofluß bei Mtetere. Ein englischer Aufkaufposten floh und einige Verpflegung wurde erbeutet. Abteilung Koehl traf hier wieder beim Gros ein. Sie war dem uns verfolgenden Feinde nachgezogen und hatte festgestellt, daß er mehrere Bataillone stark war. Wir rückten dann den Lurio abwärts in die reiche Landschaft Mpuera. Sol (Feldwebel) Salim, der hier gelegentlich einer früheren Patrouille seine Frau geheiratet hatte, die ihm treu gefolgt war, ließ sie, da sie ihrer Niederkunft entgegen sah, bei ihrem Vater, dem dortigen Jumben, zurück.

Die Truppe war gesundheitlich etwas mitgenommen; alles hustete, und es zeigten sich die Anfänge einer recht unangenehmen Lungenseuche, die uns in den nächsten Wochen viel Leute kosten sollte, von den Ärzten aber als verschieden von der spanischen Influenza angesehen wurde. Da in dieser Gegend reichliche Verpflegung vorhanden war, so gönnte ich der durch die Ereignisse der letzten Zeit recht angestrengten Truppe einen Ruhetag, der auch wegen der zahlreichen Kranken erforderlich war. Hauptmann Koehl war mit seiner Kompagnie ohne Bagage zurückgelassen worden, um dem Feinde von rückwärts her möglichst viel Schaden zuzufügen. Er meldete das Eintreffen stärkerer feindlicher Truppenmassen in der Gegend von Mtetere und östlich von diesem Orte. Es war klar, daß der Feind im Augenblick uns noch mit Anspannung aller seiner Kräfte verfolgte und zu diesem Zweck seine Truppe zusammenhielt. Die Gelegenheit zu einem Teilerfolg schien mir schon deswegen nicht günstig, weil er nicht ausgenutzt werden konnte und ein Gefecht uns Verwundete gekostet hätte, die wir nicht mitnehmen konnten. Da es in meiner Absicht lag, demnächst die Gegend nördlich von Luambala aus Verpflegungsgründen aufzusuchen, wollte ich den Abmarsch dorthin nicht weiter verzögern.

Während des Ruhetages am 5. September war in dem reichen Gebiet von Mpuera die Verpflegung ergänzt worden, und am 6. September früh wurde der Abmarsch in nördlicher Richtung angetreten. Es war anzunehmen, daß der Feind in mehreren Kolonnen flußabwärts, also in nordöstlicher Richtung marschieren würde; unsere Truppe zog daher in voller Gefechtsstaffelung durch den Busch, und ich erwartete jeden Augenblick, auf die nördliche der feindlichen Kolonnen zu stoßen; aber wir überschritten deren wahrscheinliche Marschstraße, ohne Spuren von ihr zu entdecken. Gegen Mittag näherten wir uns unserem Marschziele, einer am Hulua-Berge gelegenen Wasserstelle. Da fielen bei der Vorhut die ersten Schüsse, und bald entwickelte sich ein lebhaftes Gefecht. Hauptmann Müller, der Führer der Vorhut, war auf das Ende einer feindlichen Kolonne gestoßen, die spitzwinklig zu unserer Marschrichtung nach Nordosten marschierte. Schnell hatte er das am Ende befindliche 2. Bataillon der II. King’s African Rifles angegriffen und in die Flucht geschlagen, das Feldlazarett des Gegners und seine Eselkolonne genommen.

Die Abteilung Goering entwickelte ich rechts neben der Abteilung Müller; auch sie warf Teile des Feindes schnell zurück, ging dann aber nicht weiter vor, als der Gegner stärkere Truppen -- das 1. Bataillon des II. King’s African Rifles und anscheinend auch Teile des 3. Bataillons dieses Regimentes -- entwickelte. Unser linker Flügel, der im Vorgehen auf ansteigendes, offenes Gelände geraten war und dort gleichfalls auf frische feindliche Truppen stieß, war wenige hundert Meter zurückgegangen und hatte eine sanfte Anhöhe mit mehrere hundert Meter großem Schußfeld besetzt. Über diese Verhältnisse gewann ich erst Klarheit, als ich vom rechten Flügel, wo ich Abteilung Goering angesetzt hatte, wieder auf den linken Flügel ging.

Das Gefecht wurde ziemlich heftig und kam im großen und ganzen zum Stehen. Von der Nachhut, unter Hauptmann Spangenberg, her, deren Eintreffen ich jetzt erwartete, war Minenwerferfeuer gehört worden. Die Nachhut hatte bei Mpuera den Angriff einer anderen feindlichen Kolonne abgewiesen und Teile derselben in regellose Flucht geschlagen. Um 7 Uhr morgens war sie, der ihr erteilten Anweisung entsprechend, dem Gros gefolgt. Sie traf gegen 5 Uhr nachmittags auf dem Gefechtsfelde ein, und ich erwog, ob ich nicht durch Einsatz aller Reserven versuchen sollte, hier am Hulua-Berge heute noch die II. King’s African Rifles entscheidend zu schlagen. Ich habe diesen Gedanken aber fallen lassen; die Zeit war sehr knapp, denn es war nur eine Stunde bis zur Dunkelheit, und ich rechnete bestimmt darauf, daß am anderen Tage sehr früh frische Teile des Feindes auf dem Gefechtsfelde eintreffen würden. Zudem würde die Durchführung eines entscheidenden Gefechtes uns sicher erhebliche Verluste kosten, und diese Verluste wollte ich bei der geringen Zahl von 176 Europäern und 1487 Askari, die unsere Stärkenachweisung vom 1. September 1918 angab, vermeiden. Oberleutnant zur See Wenig, der mit seinem Geschütz bei der Abteilung Goering Verwendung gefunden hatte, meldete mir, daß er als einziger noch gefechtsfähiger Offizier den Befehl dieser Abteilung übernommen hatte. Bald wurde Hauptmann Goering mit schwerem Brustschuß, Oberleutnant Boell mit schwerem Kopfschuß auf den Verbandplatz gebracht.

So setzte ich die Reserven nicht in das Durcheinander eines nächtlichen Buschkampfes ein, sondern rückte nach Aufräumen des Gefechtsfeldes in nordwestlicher Richtung weiter. Bald trat völlige Dunkelheit ein, und der Marsch ging im dichten, hohen Grase nur sehr langsam von statten. Nach 5 ~km~ wurde Lager bezogen. Die Gefechtsverluste des 6. September waren 6 Askari, 4 Maschinengewehrträger gefallen, 13 Europäer, 49 Askari, 15 andere Farbige verwundet, 3 Europäer, 13 Askari, 12 Träger vermißt, 3 Askari, 3 Träger gefangen. Beim Feinde waren etwa 10 Europäer, 30 Askari als getroffen beobachtet worden, 8 Europäer, 45 Askari wurden gefangen genommen; die zum Teil kranken und verwundeten Gefangenen und unsere eigenen Schwerverwundeten waren unter der Pflege englischen Sanitätspersonals auf dem Gefechtsfelde zurückgelassen worden. Später bei +Mwembe+ erbeutete Papiere gaben an, daß „Kartucol“ (abgekürzter Ausdruck für: Kolonne der IV. King’s African Rifles) am 6. September schwere Verluste hatte und zeitweilig bewegungsunfähig war.