Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 27
Die Meldungen unserer Patrouillen und die von Eingeborenen erhaltenen Nachrichten zeigten, daß der Marsch der feindlichen Kolonnen in südwestlicher Richtung doch nicht so weit vorgeschritten war, wie ich vermutet hatte. Sowohl zwischen dem unteren Monigafluß und dem unteren Likungofluß als auch bei Mujeba wurden feindliche Truppen gemeldet, bei einigen die südwestliche Marschrichtung festgestellt. So kam die merkwürdige Lage zustande, daß die feindlichen Truppen in mehreren Kolonnen in südwestlicher Richtung marschierten, während wir zwischen diesen Kolonnen hindurch in entgegengesetzter Richtung, nach Nordosten, gingen. Diese Tatsache konnte dem Feinde nicht lange verborgen bleiben, um so weniger, als es bald zu Patrouillenzusammenstößen kam und feindliche Truppen, die auf der Telephonstraße von Mulevalla nach Mucubella zu marschierten, unsere Marschspuren kreuzten. Wir zogen weiter, auf Ociva zu, warfen westlich dieses Ortes eine schwache portugiesische Abteilung zurück und besetzten Ociva selbst am 14. Juli 1918. Leider fanden sich in dieser Station nicht die erwarteten reichen Bestände an Verpflegung und Munition vor; augenscheinlich waren durch die zahlreichen feindlichen Truppen die Verpflegungsgebiete der Gegend sehr ausfouragiert worden, oder man hatte die ursprünglich hier vorhanden gewesenen Bestände schon fortgeschafft. Einer nach Muatama entsandten Kampfpatrouille unter Vizefeldwebel Hüttich gelang es, dort eine kleinere feindliche, aus Engländern und Portugiesen gemischte Abteilung zu überraschen; da es leider unmöglich war, die in dieser Station vorhandenen Bestände abzutransportieren, mußten die Magazine verbrannt werden.
Inzwischen rissen die Verhandlungen mit den Eingeborenen darüber, wo Verpflegung zu finden sei, nicht ab; die Ergebnisse weiterer Patrouillen, die auf Murua zur Aufklärung über die Verpflegung entsandt waren, konnten nicht abgewartet werden. Verschiedene Patrouillengefechte zeigten uns, daß der Feind über die veränderte Kriegslage mittlerweile Klarheit erlangt und dementsprechend seine Kolonnen hatte Kehrt machen lassen. Der Verpflegungsmangel zwang uns zum Weitermarsch, und der Angriff einer gemischten portugiesisch-englischen Kolonne bei Ociva gegen unsere Nachhut unter Hauptmann Koehl konnte nicht zu einem vollen Erfolge ausgebaut werden, da sich unser Gros bereits auf dem Weitermarsche befand. So hielten wir uns einige Tage in der leidlich reichen Landschaft zwischen den Ortschaften Ociva und Murua auf. Beutepapiere zeigten uns, daß eine englische Patrouille unseren Weg genau verfolgt hatte.
Es war interessant zu beobachten, daß die gefangenen Engländer, die wir mit uns führten, die Beschwerden der großen Märsche, der zahlreichen Flußübergänge und die vielerlei Unbequemlichkeiten bezüglich der Verpflegung und Unterbringung im allgemeinen als selbstverständlich hinnahmen; sie sahen ein, daß wir Deutschen ja genau die gleichen Strapazen zu ertragen hatten, außerdem aber noch eine Menge Patrouillengänge, Gefechte, die Verpflegungsbeschaffung und den Wachtdienst zu leisten hatten, also viel mehr belastet waren als sie selbst. Sie ertrugen alles mit einem gewissen Humor, und es war ihnen augenscheinlich interessant, den Krieg auch einmal vom Standpunkt der „~Germans~“ aus kennen zu lernen. Völlig anders die portugiesischen Offiziere. Sie waren freilich in keiner beneidenswerten Lage; zum großen Teil waren sie syphilitisch und wurden von den englischen Gefangenen streng gemieden. Sie waren auch wirklich keine Feldsoldaten. Sie hatten aus der Beute von Namacurra ihren reichlichen Anteil zugewiesen erhalten, aber nicht gelernt, sich damit einzurichten. Das wertvolle Öl hatten sie sofort mit Reis zusammen verbraucht, und es war zuviel verlangt, daß die Deutschen ihnen jetzt mit ihren eigenen, knapp bemessenen Portionen aushelfen sollten. Das Laufen wurde ihnen auch unbequem, ihre Stiefel waren zerrissen, -- kurz, ihr Sprecher, der bei Namacurra gefangene Generalstabsoffizier, beklagte sich dauernd bei mir über Unbequemlichkeiten, die ich beim besten Willen nicht ändern konnte. Er kam dann immer wieder darauf zurück, freigelassen zu werden. Ich hätte ihm das an und für sich auch gern zugestanden, wenn er die Verpflichtung eingegangen wäre, nicht weiter gegen uns zu fechten; das aber wollte er nicht. Von mir konnte aber nicht verlangt werden, die Leute ohne irgendeine Gegenleistung laufen zu lassen und sie in den Stand zu setzen, sofort von neuem auf uns zu schießen.
Die Verpflegungsrücksichten trieben uns weiter. Nachdem sich die auf die Gegend von Ociva gesetzten Erwartungen bezüglich der Verpflegung nicht erfüllt hatten, faßte ich den Plan, das Gebiet östlich des +Ligonjaflusses+ zu erreichen, welches auf der Karte als dicht bevölkert und gut angebaut bezeichnet war. Auf dem Wege in diese Gegend nahm die Vorhut unter Hauptmann Müller rasch die Boma +Tipa+, wo mehrtägige Verpflegungsbestände, besonders an Erdnüssen, gelagert waren, die so in unsere Hand fielen. Die schwache portugiesische Besatzung leistete nur geringen Widerstand und floh sofort; der Postenführer, ein portugiesischer Serganto, wurde als einziger gefangen genommen.
In der schnellen und geordneten Verteilung der Beute hatten wir eine große Fertigkeit erlangt; das Gros erlitt kaum eine Marschverzögerung, und ich sehe noch das schmunzelnde Gesicht eines der gefangenen Engländer vor mir, die ganz und gar vergessen zu haben schienen, daß die Portugiesen ja eigentlich ihre Verbündeten seien. Offensichtlich hatten sie ihren Spaß daran, wie den Portugiesen von uns eine ihrer Stationen nach der anderen mit ihren Lebensmittelvorräten ohne viel Umstände fortgenommen wurde. Die erbeuteten Papiere des Feindes gaben uns wiederum wertvolle Aufklärungen. Zwei Tage von Tipa entfernt lag eine andere Boma, namens +Namirrue+, wo außer der portugiesischen Besatzung auch eine englische Kompagnie zur Verstärkung eingetroffen war. Anscheinend lagerten an diesem Ort also bedeutende Verpflegungsbestände. Wenigstens waren nach unseren Informationen Verpflegungskolonnen angesetzt, um sich bei Namirrue aufzufüllen. Die englischen Truppen, die sich dort befanden, gehörten wahrscheinlich zu einem neu auftretenden Gegner, der aus der Richtung von Mozambique her angekommen war. Unser bisheriger Feind, der jetzt in der allgemeinen Marschrichtung Südwest-Nordost anzunehmen war, konnte unmöglich einen solchen Vorsprung vor uns gewonnen haben. So marschierte die Vorhut sogleich mit unserem Geschütz weiter nach Namirrue (das kleinere Geschütz war bei Namacurra unbrauchbar gemacht und zurückgelassen worden, nachdem seine paar Schuß verschossen waren). Hauptmann Müller mußte zusehen, was bei Namirrue zu machen war und dementsprechend selbständig handeln. Das Gros der Truppe verblieb zunächst bei Tipa, auf dem Ostufer des Moloqueflusses. Es sollte Verpflegung beschaffen und den von Südwesten her nachdrängenden Feind so lange hinhalten, daß Hauptmann Müller bei Namirrue genügend Zeit hatte. Es dauerte nicht lange, so erschienen kleine feindliche Streifabteilungen bei Tipa, am Westufer des Ligonjeflusses, der dort kein nennenswertes Hindernis bildet. Es kam zu einer ganzen Reihe unbedeutender Patrouillenzusammenstöße, auch auf dem Ostufer des Flusses. Die Nachhut unter Hauptmann Koehl lieferte eine große Zahl hinhaltender Gefechte in den zum großen Teil vorher längs der Straße Tipa-Namirrue erkundeten Stellungen. Da ich mir noch nicht klar darüber war, ob das Gros die beste Gelegenheit zum Eingreifen bei der Abteilung Koehl oder bei Namirrue finden würde, so folgte ich mit ihm der Abteilung Müller zunächst nur langsam. Da traf von Hauptmann Müller die Nachricht ein, daß sich eine feindliche Abteilung von etwa Kompagniestärke auf dem Felsenberge bei Namirrue verschanzt habe, und daß er ihr auch mit seinem Geschütz nicht recht beikommen könne. Dagegen sei es sehr wahrscheinlich, daß zur Unterstützung dieses Feindes englische Truppen aus nördlicher oder nordwestlicher Richtung heranrücken würden. Die Gelegenheit für uns sei günstig, diese dann in freiem Felde zu schlagen. So marschierte ich denn mit dem Gros auf Namirrue ab und überschritt am 22. Juli den Namirruefluß etwa 4 ~km~ oberhalb des von dem Feinde besetzten Felsenberges. Am Ostufer des Flusses wurden Lager bezogen, und es kam sogleich zu einigen Patrouillenzusammenstößen. Ich selbst ging mit Leutnant Besch in einem Bogen um den Felsenberg herum zum Hauptmann Müller, der dicht südöstlich desselben lagerte. Die feindliche Stellung war durch Patrouillen und Maschinengewehre umstellt worden. Oben auf dem Berge konnte man einzelne Pferde erblicken, ab und zu auch Leute. Zeigte sich ein günstiges Ziel beim Feinde, so erhielt es Feuer, um den Gegner daran zu hindern, Leute vom Berge herunter zum Wasserschöpfen zu schicken. Es schien aber, als ob der Feind aus einem uns unbekannt gebliebenen Wasser seinen Bedarf zu entnehmen imstande war.
Nach einer Tasse Kaffee bei Hauptmann Müller begaben wir uns weiter um den Berg herum und begegneten dem Leutnant d. Res. Kempner und anderen Patrouillen, die eifrig erkundeten. Wir mußten uns der Deckung wegen teilweise durch den dichten Busch hindurcharbeiten, gerieten dabei aber in zahlreiche Juckbohnen; die Berührung mit dieser Pflanze verursacht ein geradezu unerträgliches Hautkratzen. Wir befanden uns gerade in der Mitte eines solchen Dickichtes, als vom Lager unseres Gros her lebhaftes Feuer ertönte. Gleichzeitig gab der Feind auf dem Felsenberge Salven ab, offenbar als ein Signal für seine Freunde. Ich hatte sofort die Überzeugung, daß hier eine nicht allzustarke feindliche Abteilung heranrückte, ohne Kenntnis vom Eintreffen unseres Gros zu haben. Es regte sich sofort in mir der Wunsch, diese seltene Chance sogleich mit allen Kräften auszunutzen. Eiligst suchte ich zum Gros zu laufen, kam in dem hindernden Dickicht aber nur langsam vorwärts, und dazu juckte es zum wahnsinnig werden. Schließlich langten wir im Lager noch eben vor Einbruch der Dunkelheit an. Mein Vertreter, Major Kraut, hatte zunächst schwache Teile eingesetzt. Bei dem hellen Mondschein durfte ich hoffen, auch die hereinbrechende Nacht zu einem erfolgreichen Kampf ausnutzen zu können. Alle vorhandenen Kräfte mit Ausnahme einer im Lager als Deckung zurückbleibenden Kompagnie wurden sofort entwickelt. Auf dem rechten Flügel machte Hauptmann Goering, der zu einer Umfassung angesetzt war, eine vollständige Umgehung bis in den Rücken des Feindes. Da hörte er Hundegebell, ging darauf los und fand den englischen Führer Colonel Dickinson mit seinem Adjutanten und Sanitätsoffizier am Telephon in einer Schlucht und nahm sie gefangen. Hauptmann Goering griff nun sogleich weiter an, und die in der Front und auf dem linken Flügel eingesetzten Abteilungen der Hauptleute Spangenberg und Poppe griffen ebenfalls fest zu. In kürzester Zeit wurde der aus einem Bataillon bestehende Feind über den Haufen geworfen und in wilder Flucht zurückgejagt. Alle Abteilungen drängten scharf nach, aber bei der herrschenden Dunkelheit und in dem dichten Busch ging die Fühlung mit dem Feinde verloren, von dem man nicht wußte, woher er eigentlich gekommen war.
Erst später wurde klar, daß die feindlichen Truppen parallel mit uns marschierend, den Namirruefluß gleichzeitig mit uns etwas oberhalb passiert hatten. Bei der durch die dauernden Bewegungen der Truppenkörper von Tag zu Tag wechselnden Lage, bei der Unübersichtlichkeit des Buschgeländes und der großen Anzahl seiner marschierenden Kolonnen war es dem Feinde trotz der andauernden Arbeit seiner Funkenstationen eben einfach nicht möglich, sich ein klares Bild von der Gesamtlage zu machen und seinen Unterführern dauernd über alle Veränderungen rechtzeitig Nachrichten zukommen zu lassen. So war hier eine Kolonne vereinzelt und noch nicht einmal mit allen ihren Kräften auf uns geplatzt; sie hatte nur mit einem Bataillon den Fluß überschritten. Dieses war in einer exponierten und recht gefährlichen Lage durch unser Gros übel zugerichtet worden.
Eine zur weiteren Verfolgung des fliehenden Feindes angesetzte Kompagnie kehrte am nächsten Tage ergebnislos zurück; auch hier, nach dem so günstig verlaufenen Gefecht, waren Unterführer und Truppe nur schwer dazu zu bewegen, wirklich rücksichtslos und mit Einsatz aller Kräfte hinterher zu hauen, um den errungenen Erfolg auch ganz auszunutzen. Oberleutnant von Schroetter, der dann mit seiner Kompagnie die Verfolgung mehrere Tage lang doch noch so aufnahm, wie es die Lage wirklich gebot, konnte außer einigen Patrouillenplänkeleien nichts mehr ausrichten. Der Feind hatte in der Zwischenzeit einen zu großen Vorsprung gewonnen. Nur die sehr schleunige Flucht des Gegners wurde bestätigt.
Mit den Hauptkräften der Truppe blieb ich halten; die Ausnutzung des Erfolges lag weniger in der Verfolgung des geschlagenen Feindes als vielmehr in den Chancen, welche die Lage des anderen, von uns auf dem Felsberge eingeschlossenen Gegners bot, nachdem die ihm zugedachte Hilfe fürs erste unwirksam gemacht worden war.
Zum ersten Male in diesem Kriege hatten wir einen Minenwerfer mit Munition erbeutet. Die verschiedenen Teile desselben wurden nach und nach auf dem Gefechtsfelde gesammelt und die 17 vorhandenen Schuß verwendungsbereit gemacht. Schießversuche mit nicht scharfen Minen waren befriedigend verlaufen und für den Nachmittag um 4 Uhr konnte die Beschießung des auf dem Felsberg eingenisteten Feindes angesetzt werden. Mit der Führung gegen diesen wurde Hauptmann Müller beauftragt, dessen Abteilung am Tage vorher nicht im Gefecht gewesen war und von diesem nicht einmal etwas gemerkt hatte. Dazu kam die im Lager zurückgebliebene Kompagnie des Oberleutnants von Ruckteschell. Der Minenwerfer wurde auf der einen Seite, unser Geschütz auf der anderen Seite des Berges in Stellung gebracht; unsere Maschinengewehre befanden sich rings um den Berg herum in Bereitschaft zum Eingreifen. Um ¾4 Uhr empfahl sich Oberleutnant von Ruckteschell von dem gefangenen englischen Oberst Dickinson, der ihm zur Bewirtung zugeteilt worden war, und sagte ihm, daß er nach einer Stunde zurück zu sein gedenke. Um 4 Uhr schlug der erste Schuß unseres Minenwerfers mitten in der feindlichen Stellung ein. Der Führer des Gegners überlegte gerade, ob er nicht in der nächsten Nacht ausbrechen sollte. Im Augenblick wurde der Berg lebendig, und überall zeigten sich die Leute, die die Hänge herunter und wieder hinauf liefen. Sie wurden unter Maschinengewehr- und Geschützfeuer genommen. Sehr bald zeigte der Feind die weiße Flagge, schoß aber weiter.
Oberleutnant von Ruckteschell kam, wie er gesagt hatte, nach einer Stunde zu seinem Gast zurück, leider aber mit zerschossenem Bein. Seine Ordonnanz, die ihn bei seiner Verwundung aus dem Gefecht tragen wollte, war unter ihm gefallen. Hauptmann Müller hatte inzwischen von der anderen Seite den Berg erstiegen und das Lager im Sturm genommen. Es war von einem Zuge berittener Infanterie des Goldküsten-Regimentes und einer halben Kompagnie zu Fuß besetzt gewesen, von denen fast niemand entkam. Auch die Pferde waren fast ausnahmslos gefallen. Auf unserer Seite war der tapfere Leutnant d. Res. Selke kurz vor Einbruch in die feindliche Stellung einer Kugel des Gegners erlegen. Er wurde auf dem Gefechtsfelde bestattet. Die Beute an Material war nur gering, aber die beiden Gefechtstage hatten dem Feinde eine gehörige Einbuße an Personal gebracht. Seine Abteilungen, die an Kopfzahl kaum geringer waren als die auf unserer Seite am Kampf beteiligten Abteilungen, wurden buchstäblich zertrümmert. Hier, wie früher bei Namacurra, stellte es sich heraus, daß die Engländer Schwarze aus Deutsch-Ostafrika, vielfach auch alte deutsche Askari, zwangsweise in ihre fechtende Truppe eingestellt hatten.
Unsere gründliche Arbeit bei Namirrue war dadurch erreicht worden, daß die schwache, nur 3 Kompagnien starke Abteilung Koehl Störungen fernhielt. Abteilung Koehl ging von Tipa aus nur ganz schrittweise aus Namirrue zurück und hatte täglich Nachhutgefechte zu bestehen gegen den mit äußerster Anstrengung nachdrängenden Feind. Jetzt war sie bis auf einen halben Tagemarsch an Namirrue herangerückt, und ich zog sie auch auf das Ostufer des Namirrueflusses. Ausgeschickte Patrouillen hatten inzwischen aus den Eingeborenen soviel herausbekommen, daß bei +Pekera+ ein feindliches Magazin mit einer Besatzung sei. Diese Nachricht erschien mir recht wahrscheinlich, weil Pekera bereits in dem als volkreich und sehr fruchtbar bezeichneten Gebiete östlich des Ligonjaflusses liegt. Unsere Berechnungen bestätigten sich, als wir nach 2 Tagemärschen bei Pekera anlangten. Der dort stationierte berittene Zug des Goldküstenregiments wurde gleichfalls aufgerieben, mehrere Motorfahrer abgefangen. In gleicher Weise setzten wir uns schnell in den Besitz der Boma +Chalau+ und einer Reihe anderer Stationen, wo die Portugiesen reiche Vorräte, besonders sehr viel Erdnüsse, aufgestapelt hatten. Unsere Patrouillen streiften bis +Angoche+, und wir waren in kürzester Zeit Herren des weiten und außerordentlich reichen Gebietes. Ein Teil der gefangenen portugiesischen Offiziere entwich eines Nachts und gelangte glücklich zu den feindlichen Truppen in Angoche zurück. Anscheinend hatten sich unter den Herren einige befunden, die die Gegend aus ihrer Friedenstätigkeit gut kannten.
Die nun folgende Zeit der Ruhe während des Aufenthaltes in der Gegend von Chalau ermöglichte die Wiederherstellung unserer Kranken und Verwundeten, die durch die langen Transporte sehr mitgenommen waren; auch den Gesunden tat einige Schonung wohl. Alle hatten unter den unausgesetzten Märschen und Anstrengungen der letzten Zeit doch etwas gelitten. Es war bemerkenswert, wie die Erfolge der letzten Zeit unter den Trägern, die ja meist ein sehr gutes und zuverlässiges Personal darstellten, kriegerischen Geist hervorriefen. Eine Menge derselben meldete sich zum Eintritt als Askari. Auch mein alter Koch hatte nicht übel Lust, zur Waffe zu greifen.
Am 5. August fing die Verpflegung an knapper zu werden, und es gab in der Hauptsache als Nahrung nur noch bitteren Muhogo. Verschiedene feindliche Patrouillen, die sich aus nordöstlicher Richtung her näherten, zeigten mir an, daß die aus Südwesten folgenden feindlichen Kolonnen uns während unserer Ruhepause tatsächlich überholt hatten und sich nunmehr zu einem Angriff auf uns bei Wamaka, einem nordöstlich unseres Lagers belegenen Ort, zu sammeln im Begriff waren.
Sechster Abschnitt
Zurück zum Luriofluß
Um den Feind in seinem Irrtum über unser Ziel zu bestärken, marschierte ich am 7. August auf der Straße nach Wamaka vor und bezog drei Stunden nordöstlich von Chalau, in einem guten Verpflegungsgebiet, Lager. Einige feindliche Patrouillen wurden vertrieben. Von Wamaka her erschien ein feindlicher Parlamentäroffizier, der mitteilte, daß der englische Befehlshaber geneigt sei, auf einen Austausch des gefangenen ärztlichen Personals einzugehen. Er bat mich ferner, Ort und Zeit zu bestimmen, wo für die englischen Kriegsgefangenen Ausrüstung an uns abgegeben werden könnte. Diese sehr durchsichtigen Vorschläge bewiesen mir, daß der Feind etwas Ernsthaftes, und zwar von Norden her, vorhatte und bestrebt war, sich die Arbeit dadurch zu erleichtern, daß er mich in eine Falle lockte. Verschiedene feindliche Spione wurden gefangen genommen und bestätigten meine Vermutungen. Ihre Aussage, daß der Feind beabsichtigte, uns in drei Kolonnen anzugreifen, entsprach der üblichen Anlage solcher Unternehmungen.
Als mehrere Patrouillen- und Vorpostengefechte am 10. und 11. August mir anzeigten, daß eine stärkere feindliche Kolonne auf der Straße Wamaka-Chalau im Vormarsch war, nahm ich an, daß mindestens noch eine andere Kolonne parallel zu dieser weiter südlich marschierte: ihr Ziel war voraussichtlich Chalau. Ich beschloß, diese südliche feindliche Kolonne vereinzelt zu fassen. Die Aussicht zum Gelingen meines Planes war allerdings nicht groß, da der Feind häufig unter Vermeidung der Wege durch den Busch marschierte. In Voraussicht einer solchen Entwicklung der Lage hatte ich einen Weg erkunden und bezeichnen lassen. Trotzdem dauerte unser Abmarsch, den wir am 11. August abends antraten, die ganze Nacht hindurch. Erst bei Helligkeit langten wir östlich von Chalau an der von mir gewählten Stelle an. Starke Patrouillen, unter ihnen eine ganze Kompagnie unter Hauptmann Koehl, befanden sich noch unterwegs.
Mein grundlegender Gedanke war ein Abmarsch nach Westen, um mich dann entweder in die Gegend von Blantyre oder östlich des Njassa-Sees wieder nach Norden zu wenden. Ohne vom Feinde belästigt zu werden, überschritten wir bei Metil den Ligonjafluß und kreuzten die Straße Tipa-Namirrue. Das dort befindliche Grab eines Offiziers vom 1. Bataillon der II. King’s African Rifles bewies, daß die feindliche Kolonne, die uns von Tipa aus zunächst auf Namirrue gefolgt war, uns vollständig im Norden bis Wamaka hin umgangen hatte; denn zu den Truppen, die jetzt von Wamaka her kamen, gehörte dasselbe 1. Bataillon der II. King’s African Rifles. Auf dem Weitermarsch nach Ili kreuzten wir die Lager feindlicher Truppen, die von Südwesten her kamen und weiter in Richtung auf Alto-Moloque marschiert waren. Auch sie hatten also große Umwege gemacht und entsprechend große Marschleistungen hinter sich. Es war auffallend, daß alle diese Kolonnen des Gegners auf einmal einen so hohen Grad von Beweglichkeit erlangt hatten; sie hatten die Art ihrer Verpflegung geändert und sich, wenigstens teilweise, vom Nachschub frei gemacht. Wie Gefangene berichteten, schickten sie Fourierkommandos voraus, die von den Eingeborenen Verpflegung beschafften und dann an die Truppe verteilten. Diese Verpflegungsbeschaffung scheint recht rücksichtslos unternommen worden zu sein. Die Zutraulichkeit, welche die Eingeborenen bei unserem, nur kurze Zeit zurückliegenden Aufenthalt in der Gegend von Ili gezeigt hatten, war verschwunden. Sie sahen jetzt in jedem Askari ihren Feind, und einzelne Leute, die auf dem Marsche zurückblieben, wurden mehrfach durch Eingeborene angefallen.
Als wir bei Ili ankamen, wurde der dort befindliche englische Telegraphenposten schnell überwältigt. Die aufgefundenen Papiere gaben brauchbare Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen. Hiernach befanden sich größere Magazine bei Numarroe und Regone, stärkere Truppen sollten von Alto-Moloque und von Mukubi aus uns zu überholen suchen, während eine Kolonne unserer Spur unmittelbar folgte. Der Feind, der bis vor kurzer Zeit im Dunkeln getappt hatte, hatte augenscheinlich seit einigen Tagen zuverlässige Nachrichten über unsere Bewegungen erhalten. Recht schwierig war es, den Weg nach Regone festzustellen, da keine Führer aufzutreiben waren. Aber von Ili aus führte eine neu gebaute Telephonleitung aus Kupferdraht nach Numarroe. Wenn wir dieser Linie folgten, waren wir sicher, unterwegs auf irgendein für uns wertvolles Objekt zu stoßen. Tatsächlich sind Teile der feindlichen Kolonnen, als wir Ili verließen, uns nahe gewesen. Unsere zurückgelassenen Patrouillen trafen sogar an den Gebäuden von Ili mit Askari zusammen, von denen sie glaubten, daß es Freunde wären: sie tauschten mit ihnen Zigaretten und Feuer und merkten erst nachher, daß es Feinde waren.
In diesen Tagen nahm mich eine wirtschaftliche Frage viel in Anspruch. Die Brotbereitung für die kriegsgefangenen Europäer stieß bei den fortgesetzten Märschen auf Schwierigkeiten. Die Leute waren ziemlich ungewandt und nicht imstande, sich selbst zu helfen. Schließlich gelang es aber doch, dem Übel auf den Grund zu kommen und eine größere Menge Mehl durch andere Formationen herstellen zu lassen. Hauptmann d. Res. Krüger, der die Sorge für die Kriegsgefangenen hatte und bald darauf starb, war damals schon schwer krank und durch die Strapazen erschöpft; beim besten Willen hatte er nicht immer Mittel und Wege finden können, die zum Teil sehr weitgehenden Wünsche der Gefangenen zu erfüllen.