Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Part 26

Chapter 263,307 wordsPublic domain

Munition war hier und da auch erbeutet worden, sogar ein kleines portugiesisches Geschütz war in unsere Hände gefallen, aber die erhoffte und angestrebte große Beute an Patronen hatte sich nicht gefunden. Es war mir überhaupt fraglich, ob in Alto-Moloque und Ili so große Bestände gewesen waren, ob es sich nicht vielmehr nur um Übertreibungen nach Eingeborenenart handelte. Es war nicht notwendig, daß dabei böser Wille der Leute vorlag; im Gegenteil, die Eingeborenen waren uns wohlgesinnt. -- Einen der gefangenen portugiesischen Offiziere, der uns fortgelaufen war, brachten sie uns z. B. aus eigenem Antriebe wieder, einige deutsche schwarze Boys, die wohl geplündert hatten und von den Eingeborenen festgenommen und verhauen worden waren, brachten sie uns ebenfalls wieder an und entschuldigten sich damit, daß sie sie für Portugiesen gehalten hatten. -- Wie schwer ist es schon für den Europäer, beispielsweise die Stärke einer marschierenden Abteilung zahlenmäßig zutreffend einzuschätzen! Der Eingeborene steht aber größeren Zahlen noch viel unsicherer gegenüber, und der von ihm gebrauchte Ausdruck „~mingi~“ (viel) oder „~kama majani~“ (wie das Gras) kann ebensogut 50 wie 5000 bedeuten.

Vierter Abschnitt

Weitermarsch in südlicher Richtung

Aber mögen nun die größeren Munitionsbestände gelagert haben, wo sie wollen, jedenfalls waren sie nicht in unsere Hand gefallen. Es galt, von neuem zu suchen. Daß sie irgendwo in dieser Gegend stecken mußten, darauf deuteten die gesamte Kriegslage sowie die von uns erbeuteten Schriftstücke hin. Es hatte viel Wahrscheinlichkeit, daß die vermuteten größeren Bestände weiter südlich lagerten, sei es, daß sie infolge unseres Anmarsches dorthin abtransportiert worden waren oder aber, daß sie sich schon früher dort befunden hatten. Es war wahrscheinlich, daß diese Vorräte sehr bald weiter zur Küste geschafft wurden und im Notfall von dort aufs Schiff gingen.

Stärkere Patrouillen hatten während unseres Marsches mehr als tagemarschweit die Gegend abgestreift und einige kleinere feindliche Verpflegungsmagazine, aber keine Waffen oder Munition erbeutet. Die Abteilung Müller, mit der wir uns am 27. Juni bei Mujeba vereinigt hatten, marschierte noch an dem gleichen Tage weiter nach Süden; die Eingeborenen erzählten nämlich von einer großen Boma +Origa+, die irgendwo weiter südlich in der Gegend der Küste liegen sollte und wo viel Munition aufgestapelt sei. Diese Boma sollte die Abteilung Müller aufsuchen. Die Nachrichten darüber waren, wie in allen solchen Fällen, sehr ungenau. Ich war mir klar, daß mit Sicherheit während des Marsches wieder andere und widersprechende Meldungen eingehen würden. Lange Zeit zur Prüfung der Nachrichten hatte man aber nicht. Man mußte darauf vertrauen, daß wenigstens etwas Wahres an ihnen sei. Dieser Lage entsprechend wurde dem Hauptmann Müller größte Freiheit des Handelns gelassen. Sollte sich auf seinem Wege irgendein lohnendes Objekt finden, so sollte er ohne Zeitverlust entscheiden, was zu tun zweckmäßig wäre. Ich würde mit dem nachfolgenden Gros unbedingt zu seiner Unterstützung eingreifen und mich auf jeden Fall mit der durch ihn geschaffenen Lage abfinden. Vor allem dürfte er besondere Befehle und Weisungen nicht abwarten. Ich war mir bewußt, daß hierdurch die Führung unserer Operationen in hohem Maße in die Hand eines Unterführers gelegt wurde; das war nur bei einem sehr guten, taktischen Urteil und großer Initiative dieses Unterführers möglich.

Unsere Vorhut hatte mit ihren drei schwachen Kompagnien gleichzeitig die Aufgabe einer sehr weit voraus zur Aufklärung entsandten Kavallerie und einer mit großer Entschlossenheit geführten Avantgarde zu erfüllen. Unter anderen Umständen hätte ich mich in dieser wichtigen Lage selbst bei der Vorhut aufgehalten und mir dadurch einen größeren Einfluß auf den Gang der Operationen gesichert. Die Erfahrung hatte mich aber gelehrt, daß meine Anwesenheit beim Gros wegen unserer weit auseinandergezogenen Marschkolonnen unerläßlich war, um Stockungen rasch zu beseitigen und bei einer unvorhergesehenen Änderung der allgemeinen Lage eingreifen zu können. Man darf nicht vergessen, daß unser ganzer Vormarsch nur auf Kombinationen beruhte und daß, wie es tatsächlich oft geschehen ist, durch unvermutet aus einer anderen Richtung erscheinende feindliche Abteilungen die Lage sich mit einem Schlage von Grund aus ändern und sofortige neue Anordnungen erforderlich machen konnte. Wir marschierten damals auf den schmalen Negerpfaden oder quer durch den dichten Busch in der Marschkolonne zu Einem. Bei einem Tagesmarsch von 30 ~km~ mußte bei der großen Länge unserer Marschkolonne der Anfang schon in der Dunkelheit, also um 5 Uhr morgens aufbrechen, wenn das Ende der Kolonne noch am gleichen Tage, wenn auch erst spät abends, kurz vor der Dunkelheit, den festgesetzten Lagerplatz erreichen sollte. Das war aber notwendig; denn es galt, noch Lagermaterial zu beschaffen, Holz zu hauen, Gras zu schneiden und nötigenfalls für die Kranken Schutzdächer zu bauen. Hieraus ergab sich, daß die gesamte Truppe nicht geschlossen marschieren konnte. Dazu war sie viel zu lang. Die die Vorhut bildende Abteilung Müller marschierte ein bis zwei Tagemärsche voraus; die Nachhut, Abteilung Spangenberg, folgte dem Gros gleichfalls mit etwa Tagemarsch-Abstand. Verbindung wurde durch stehengelassene Relais aufrecht erhalten.

In den Meldungen, die mir durch die Relais der Abteilung Müller übermittelt wurden, erschien nun häufiger der Name „Kokosani“; dort sollten nach den gemachten Angaben größere Depots des Feindes unter starken Bedeckungstruppen lagern. Wo aber lag dies Kokosani? Der Name war auf unseren Karten nirgends zu finden. Erst allmählich stellte sich heraus, daß Kokosani dasselbe war, wie der auf portugiesischen Karten als Namacurra bezeichnete Ort. Nach allen bisher eingelaufenen Nachrichten sowie nach der Lage auf der Karte zu urteilen, mußte Kokosani jedenfalls das lohnendste Objekt sein. Ob es aber möglich sein würde, dieses wahrscheinlich sehr stark befestigte Lager mit unseren verhältnismäßig beschränkten Streitmitteln zu nehmen, darüber fehlte uns jeder Anhaltspunkt, das konnte erst der Versuch klarstellen. Hauptmann Müller war selbständig nach Westen zu dorthin abgebogen. Auf dem Wege stellte sich heraus, daß eine Furt über den Likungofluß, von der die Eingeborenen gesprochen hatten, tatsächlich vorhanden war.

Ich marschierte mit dem Gros nun flott voran, um aufzuschließen und erteilte gleichen Befehl an die Nachhut unter Hauptmann Spangenberg. Am 1. Juli nachmittags war das Gros am Likungofluß angelangt und durchschritt ihn sofort. Das Wasser dieses gewaltigen, etwa 400 ~m~ breiten Stromes reichte an den tiefsten Stellen der Furt bis zum Halse. Der Übergang dauerte für den einzelnen etwa eine Stunde. Als die Truppe glücklich auf dem Westufer angekommen war, wurden dort Lager bezogen und am nächsten Morgen den Spuren der vorausmarschierenden Abteilung Müller weiter gefolgt.

Unterwegs begegneten uns etwa 30 Eingeborene. Sie hatten in Kokosani gearbeitet und erzählten uns, daß eine große Zahl Portugiesen und Askari dort lagerten und daß viele Kisten angekommen wären. Die Verständigung mit diesen Leuten, die nicht Kisuaheli konnten, geschah durch Dolmetscher. Mehrere unserer Askari beherrschten die Landessprache oder verwandte Dialekte. Bald kam uns eine wichtige Meldung von der Vorhut entgegen. Hauptmann Müller hatte am Tage vorher den Feind bei Kokosani durch eine Umgehung völlig überrascht. Es war gelungen, am hellen Tage von Norden her durch ein Sisalfeld (kniehohe Agaven) ohne jede Deckung auf die Gebäude der Faktorei losmarschierend in die portugiesischen Befestigungen einzudringen und in einem mehrstündigen, recht erbitterten Nahkampfe die 3 darin befindlichen portugiesischen Kompagnien mit schweren Verlusten für den Feind zu schlagen. Dabei wurden eine Anzahl Gewehre sowie 2 Feldgeschütze mit dazu gehöriger Munition erbeutet.

Ich selbst marschierte dem Anfang unseres Gros etwas voraus und traf vormittags auf weit ausgedehnte und übersichtliche Plantagenfelder. Dann folgte ich weiter einer Feldbahn, die auf der großen Straße mitten durch die Felder ging und nach kurzer Zeit ein Vollbahngleis kreuzte. Dieses führte, wie sich später herausstellen sollte, vom Namacurrafluß aus nach Norden bis in die Nähe von Lugella. Als Hauptmann Müller am Tage vorher an diesem Vollbahngleis eintraf, hielt er dort einen Eisenbahnzug an, der gerade von Lugella her ankam. Man kann sich die große beiderseitige Überraschung denken, als diesem Zuge einige portugiesische Unteroffiziere entstiegen, die Müller bei Lugella gefangen genommen und wieder laufen gelassen hatte.

Beim Eintreffen an den Faktoreigebäuden kam mir Hauptmann Müller ziemlich lahm entgegengehinkt. Er äußerte sein Erstaunen darüber, daß ich mit meiner Abteilung unbelästigt auf der großen Straße direkt nach Kokosani gekommen war und glaubte, daß irgendwo in der Nähe noch 2 englische Kompagnien stehen müßten. Er hatte den Aufenthalt derselben bisher noch nicht feststellen können, aber die vom Hauptmann Müller erbeuteten Schriftstücke wiesen unzweifelhaft auf ihre Anwesenheit in der Gegend hin. Weiter teilte mir Hauptmann Müller mit, daß größere Mengen von Infanteriepatronen bisher von ihm noch nicht gefunden worden seien. Alle waren noch beschäftigt, nach derartigen Beständen zu suchen. Bei näherer Überlegung schien es mir nun das Wahrscheinlichste zu sein, daß die gesuchten Munitionsbestände gar nicht in der Gegend der Faktorei, sondern unmittelbar an der Vollbahn lagern müßten, und zwar an deren südlichem Anfangspunkt. Dort war die Anlage eines größeren Magazines geboten; denn hier mußte der Umladeplatz vom Schiffstransport des Namacurraflusses auf die Bahn sein. Es war festzustellen, ob diese Überlegungen zutrafen. Ich ging sogleich zurück und stieß auf dem Gelände der Pflanzung auf den Anfang unseres Gros. Die vordersten Kompagnien waren wenig erfreut, daß sie Kehrt machen mußten, um dann der Vollbahn weiter nach Süden zu folgen. Wenig schmeichelhafte Worte über meine Anordnung waren nach dem langen anstrengenden Marsche verständlich. Zum Glück für mich habe ich sie nicht gehört.

In ziemlich schlechter Laune trafen die ersten Leute in der Nähe des Bahnhofs ein; sie glaubten ernstlich nicht an einen Zusammenstoß. Plötzlich war er aber doch da; mehrere Askari unserer Spitze fielen durch feindliche Kugeln getroffen auf ganz nahe Entfernung. Die übrigen, gefechtsbereiten Teile des nachfolgenden Gros wurden herangezogen. Bei meinem Eintreffen war die Lage im einzelnen wenig klar; der Feind war offenbar verschanzt, nähere Erkundungen waren erst im Gange. Es entwickelte sich zunächst ein hinhaltendes Feuergefecht. Es fing an zu regnen und war unangenehm kalt, so daß sich alles recht unbehaglich fühlte. Ich selbst begab mich zur Kompagnie des Oberleutnants von Ruckteschell, die den Wellblechgebäuden des Bahnhofes in etwa 70 ~m~ Entfernung gegenüber lag und von hohen Termitenhügeln aus auf den Feind ein wohlgezieltes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer abgab, sobald sich etwas zeigte.

Meiner Meinung nach war die augenblickliche Lage für einen Sturm auf den Bahnhof nicht günstig. Wir waren gezwungen, durch den dichten Busch, der durch wirksamstes feindliches Feuer beherrscht wurde, gegen die Stellung des Gegners anzulaufen. Das bot aber kaum Aussicht auf Gelingen. Eine Menge Leute wären wahrscheinlich nicht mitgelaufen, und diejenigen, die an die feindlichen Befestigungen nahe herankamen, lagen wahrscheinlich fest und würden nicht weiter kommen. So war also nichts zu erreichen. Dagegen brachte mich meine Erkundung auf den Gedanken, daß auf die zum Teil sehr gut sichtbaren Ziele Artilleriefeuer, besonders von zwei Seiten, wirksam sein, die feindlichen Askari erschrecken und zum Umherlaufen veranlassen würde. Das würde ein günstiger Augenblick für wirksames Maschinengewehrfeuer sein. Aber der Tag war schon zu weit vorgeschritten und unsere Kanone entzwei, so daß heute nichts Entscheidendes mehr unternommen werden konnte. Die Masse der Truppe rückte daher wieder in das Lager, nur die aus 3 Kompagnien bestehende Abteilung des Hauptmanns Poppe blieb dicht am Feinde.

Am nächsten Tage, dem 3. Juli, wurde unsere Kanone mit vieler Mühe wieder in Ordnung gebracht. Glücklicherweise war sie von dem gleichen Modell wie die von Hauptmann Müller erbeuteten Geschütze, und so konnte durch Auswechslung der einzelnen brauchbaren Teile aus diesen drei Kanonen ein verwendungsbereites Geschütz hergestellt werden. So war Aussicht, die vorgestern erbeuteten 200 Schuß wirksam anzubringen. Am Nachmittag sollte das Geschütz auf wenige hundert Meter Entfernung das Feuer gegen den Bahnhof eröffnen. Ein anderes, kleineres Geschütz von 4 ~cm~ Kaliber war bereit, in der vordersten Infanterielinie, also auf etwa 100 ~m~ Entfernung, ein die Schußlinie des anderen Geschützes kreuzendes Feuer zu beginnen. Alle Maschinengewehre wurden bereit gehalten. Ich selbst war am Vormittag wieder in den Faktoreigebäuden zur Besprechung gewesen und hatte den dortigen Zivilpersonen sagen lassen, sie brauchten sich nicht weiter zu ängstigen, wenn nachmittags etwas geschossen würde. Die weißen Frauen und Kinder waren durch die Gefechte sehr beunruhigt und zum Teil in den Busch geflohen.

Reichlich müde hatte ich mich zum Lager begeben, als der Gefechtslärm am Bahnhof plötzlich aufhörte. Telephonisch wurde gemeldet, daß vorn am Bahnhof ein größeres Geschrei und Hurrarufen zu vernehmen sei. Nach und nach stellte sich nun Folgendes heraus: Der Feind war durch das wohlgezielte, konzentrische Feuer, das seit dem 2. Juli nachmittags auf ihn abgegeben wurde, anscheinend etwas mitgenommen. Jetzt schlugen auf einmal aus zwei Richtungen die Artilleriegeschosse bei ihm ein, und sobald er sich nur rührte, erhielt er Maschinengewehrfeuer. Seine jungen Truppen hielten das nicht aus und wurden unruhig. Unsere Kompagnien erkannten diesen schwachen Augenblick und nutzten ihn in vortrefflicher Initiative in der gleichen Sekunde aus. Sie gingen sofort mit lauten Hurra darauf los und waren im nächsten Moment in der feindlichen Stellung. Der Gegner fing an, fortzulaufen; die Engländer behaupteten, sie wären hierbei durch die Portugiesen angesteckt worden. Jedenfalls liefen sie weg, und unsere Kompagnien drängten sofort aufs schärfste hinterher. Da kam der fliehende Feind an den Namacurrafluß, der dicht hinter seiner Stellung entlang strömte, zog rasch seine Stiefel aus und stürzte sich ins Wasser. Hierbei ertrank der Hauptteil der feindlichen Truppen, dabei auch ihr Führer, der Major Gore-Brown.

In der Zeit vom 1. bis 3. Juli waren beim Feinde 5 Europäer und 100 Askari gefallen, 4 Europäer und etwa 100 Askari ertrunken, 421 Askari gefangen genommen worden. Von den außerdem gefangenen Europäern, 5 Engländer und 117 Portugiesen, wurden 55 Portugiesen abgeschoben, 46 Portugiesen krank und verwundet im Lazarett Kokosani zurückgelassen. Wir hatten 8 Askari und 1 Maschinengewehrträger gefallen verloren, 3 Europäer, 11 Askari und 2 Maschinengewehrträger waren verwundet. Wie groß die Mengen an Munition und Verpflegung waren, die wir am Bahnhof erbeuteten, ließ sich im ersten Augenblick nicht annähernd übersehen. 7 schwere, 3 leichte Maschinengewehre und 2 Geschütze fielen in unsere Hand; die letzteren beiden waren unbrauchbar gemacht worden.

Immer neue Lasten erbeuteter Munition trafen in unserem Lager ein. Der Intendant, Leutnant z. S. a. D. Besch, war verzweifelt, weil er nicht wußte, woher er die Träger zum Transport dieser Mengen beschaffen sollte. Dazu kamen über 300000 ~kg~ Verpflegung und die Bestände der Zuckerfabrik Kokosani. Aus der Beute konnte jeder unserer Farbigen so viel an Kleiderstoffen erhalten, wie er haben wollte, und mein Boy Serubili sagte zu mir: Dies wäre doch eine ganz andere Sache als bei Tanga; jedermann bekomme hier ja so viel Zucker, wie er sich wünsche. Tatsächlich war der ganze Lagerplatz mit Zucker besät; jeder der Schwarzen wurde so reichlich mit Verpflegung aller Art und Kleidung versehen, daß die Leute wie auf Kommando aufhörten, zu stehlen, und das will immerhin bei den Schwarzen etwas besagen. Auch viele Europäerverpflegung und Konserven wurden erbeutet. Jeder unserer Europäer konnte auf Monate hinaus versehen werden. Leider war es uns nicht möglich, die große Beute an vorgefundenen guten Weinen vollzählig mitzuführen. Nachdem eine hinreichende Menge davon als Stärkungsmittel für die Kranken ausgesondert war, mußte der Rest in der Hauptsache an Ort und Stelle ausgetrunken werden. Die hierdurch hervorgerufene sehr große Fidelitas wurde gern in Kauf genommen und jedermann nach so langen Entbehrungen ein einmaliges Sich-gehen-lassen von Herzen gegönnt. Auch ein guter Schnaps stand in einer großen Menge von Fässern in der Fabrik von Kokosani für die englischen Truppen bereit. Trotz besten Willens war es aber nicht möglich, auch diesen ganz auszutrinken, und so mußte eine große Menge in den Namacurrafluß gegossen werden.

Aber immer neue Trägerkarawanen mit Beute trafen ein, und immer größer wurde die Verzweiflung des Intendanten. Sie erreichte ihren Höhepunkt, als vom Bahnhof her telephoniert wurde, daß soeben ein Flußdampfer angekommen sei. Ohne Ahnung von den Vorgängen bei Namacurra entstieg ihm ein englischer Stabsarzt, und eine nähere Untersuchung des Bootes ergab das Vorhandensein eines größeren Patronentransportes von über 300 Lasten.

Wir hatten insgesamt etwa 350 moderne englische und portugiesische Gewehre erbeutet, ein willkommener Zuwachs, um unsere Bewaffnung wieder einmal den Verhältnissen anzupassen. Gewehre Modell 71 wurden fast ganz ausgeschaltet und die überzählig werdende Munition 71 durch Abhalten von Gefechtsschießen nutzbar verwandt.

Fünfter Abschnitt

Wieder nach Norden zum Namirruefluß

Nach den aufgefundenen militärischen Anweisungen des Feindes mußte ich damit rechnen, daß uns von Quelimane her in kurzer Zeit stärkere feindliche Kräfte entgegenkommen würden. Das Gelände zwischen Namacurra- und Zambesifluß wies aber eine große Zahl von Flußbarrieren auf, so daß ein Weitermarsch auf den Zambesi zu für uns mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen sein und uns in unserer Bewegungsfreiheit außerordentlich behindert haben würde. Das südlich und südwestlich von unserem jetzigen Aufenthaltsort gelegene Gelände war also für unsere Kriegsführung ungünstig. Spätestens am Zambesi würden wir festsitzen, ohne in der Lage zu sein, den Übergang über diesen gewaltigen Strom zu bewerkstelligen, der von feindlichen Kanonenbooten beherrscht wurde.

Zweckmäßiger erschien es mir, die bisherige Marschrichtung aufzugeben. Aber bei dem gänzlichen Mangel an Meldungen war es schwer zu sagen, wohin ich mich wenden sollte. Nur soviel schien deutlich zu sein, daß uns der Feind nicht unmittelbar gefolgt war, wenigstens waren unsere Nachhut und die von ihr auf dem Marsche zurückgelassenen Patrouillen in keiner Weise vom Gegner bedrängt worden. Es war wahrscheinlich, daß feindliche Truppen, falls sie uns überhaupt gefolgt waren, gleichlaufend zu unserem Wege zu einer überholenden Verfolgung angesetzt waren. Traf diese Überlegung zu -- und sie schien mir durch einige Eingeborenennachrichten bestätigt zu werden -- so war anzunehmen, daß der Feind über unsere Lage bei Namacurra ungenügend unterrichtet war und daß auch die aus unserer Gefangenschaft entlassenen portugiesischen Soldaten ihm kein zutreffendes Bild geben konnten.

Es war dafür gesorgt worden, daß diese Leute glauben mußten, wir wollten uns bei Namacurra verschanzen und zäh verteidigen, hätten fernerhin Absichten auf Quelimane. Das unerwartete Mißgeschick von Namacurra mußte die Schritte des verfolgenden Feindes beflügeln. Wahrscheinlich würden seine Kolonnen auf der Verfolgung seitlich an uns vorbei über das Ziel hinausschießen, um so mehr, als sie in Sorge um den so wichtigen Hafen von Quelimane sein mußten. So kam ich auf den Gedanken, bei Namacurra abzuwarten, bis die verfolgenden feindlichen Kolonnen wirklich in Eilmärschen an mir vorbei waren, und mich dann wieder zurück nach Nordosten zu wenden. Im großen und ganzen schwebte mir hierbei der Gedanke vor, daß der Feind durch diese Marschrichtung, die etwa auf Mozambique und damit auf einen Hauptetappenort führte, in Sorge geraten und sofort wieder Kehrt machen würde, sobald er es bemerkte, um die Gegend von Mozambique mit ihren zahlreichen Magazinen zu schützen. Tat er es aber nicht, so hatten wir bei Mozambique freie Hand. Wie sich die Lage auch gestalten würde, dem Feinde wurden auf diese Weise ganz gewaltige und seine Kräfte erschöpfende Marschleistungen zugeschoben, während wir Zeit gewannen, unsere Kräfte schonen und Verwundete und Kranke wiederherstellen konnten.

Der günstige Augenblick zum Beginn unseres Abmarsches in nordöstlicher Richtung war schwer zu bestimmen; wir mußten etwas auf das Kriegsglück bauen. Sollte ich etwa zu früh abmarschieren und noch auf eine der feindlichen Kolonnen stoßen, so war immerhin Aussicht, sie vereinzelt zu schlagen. Zunächst aber galt es, wieder sicher über den Likungofluß zu kommen. Die vorhandenen Nachrichten über die Furten waren sehr unsicher. Um nicht dieselbe Furt wie beim Hermarsch zu benutzen, marschierte ich mit dem Gros der Truppe am 4. Juli abends nach einem weiter südlich gelegenen Übergange ab. Leutnant d. Res. Ott stellte aber bei einer von ihm unternommenen Erkundung fest, daß sich an der angegebenen Stelle überhaupt keine Furt befand. Dagegen war aus Eingeborenenaussagen sowie den aufgefundenen Spuren zu entnehmen, daß am gleichen Tage eine englische Patrouille sich in dieser Gegend aufgehalten hatte. Die Lage konnte unangenehm werden. Um keine Zeit durch Erkundungen zu verlieren, rückte ich längs des Westufers des Likungoflusses zu unserer alten Furt. Leider hatte ich von dieser die bisherigen Sicherungen fortgezogen und wußte nicht, ob sie frei war. Ich war deshalb recht froh, als am 5. Juli die Durchkreuzung des Flusses ohne weitere Störung glücklich vor sich gegangen war. Die Abteilung Koehl war noch bei Namacurra geblieben und folgte als Nachhut.

Als wir nun wieder in der Kolonne „zu Einem“ quer durch den Busch marschierten, war die große Länge der Marschkolonne lästig und für den Fall eines Zusammentreffens mit dem Feinde bedenklich und gefährlich. Wir suchten deshalb die Marschkolonne zu verkürzen und kamen darauf, in zwei, später in noch mehr Parallelkolonnen durch das Pori zu marschieren. Diese Anordnung hatte zwar den Nachteil, daß, statt früher einer, jetzt mehrere Kolonnenanfänge erst einen Weg durch den Busch treten und Dickungen frei schlagen mußten. Aber die Vorteile der Marschverkürzung überwogen diesen Nachteil.