Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 25
Bei dieser Einschließung des Feindes unterstützten uns mehrere Kompagnien und Patrouillen des Hauptmanns Koehl. Auch dieser hatte sich mit seinen Hauptkräften gegen den neuen in seinem Rücken auftretenden Feind gewandt und hoffte, denselben schlagen zu können, während eine starke Patrouille, mit der Front nach Nordosten, seinen bisherigen Gegner hinhielt. Diese Patrouille war aber viel zu schwach. Sie wurde zurückgedrängt und mußte von neuem durch Truppen der Abteilung Koehl verstärkt werden. Wenn der Feind auch zweifellos im ganzen erhebliche Verluste erlitten hatte, so war ein durchschlagender Erfolg für uns doch nicht erreichbar. Das Gefecht wurde bei Eintritt der Dunkelheit abgebrochen, und wir rückten in das von mir erkundete günstige Gelände zwischen Timbani- und Koromaberg ab.
Im Lager am Koromaberg hatte sich inzwischen der Gouverneur eingefunden. Er hatte bei dem Abenteuer sämtliche Lasten verloren und wurde durch Unteroffizier Reder, dem bewährten und umsichtigen Führer einer Kolonne, verpflegt. Auch ich steuerte dazu bei, dem Gouverneur aus seiner Verlegenheit zu helfen und verehrte ihm ein paar blaue Strümpfe, die seine Gattin mir im Anfang des Krieges angefertigt hatte, die aber leider abfärbten.
Außer dem sehr fühlbaren Verlust von etwa 70000 Patronen hatten wir auch den Verlust eines größeren Bestandes von Papiernoten -- ich glaube, es waren 30000 Rupien -- zu beklagen. Meinem Wunsche, statt mit Papiernoten zu bezahlen, lieber Requisitionsscheine auszugeben und dadurch eine Menge Sicherheitstransporte zu ersparen und unnötige Verluste zu vermeiden, war früher nicht stattgegeben worden. Es waren Millionen Rupien Papiernoten gedruckt worden. Das Mitschleppen derselben war in dem jetzigen Stadium des Krieges eine besondere Last. Um in der Zukunft wenigstens weitere Verluste zu vermeiden, hat auf meine Anregung dann der Intendant einen großen Teil der früher mühsam hergestellten Noten wieder vernichtet.
Dritter Abschnitt
Im Gebiet des Lurio- und Likungoflusses
Am 23. Mai wurden vom Koromalager auf einem quer durch den Busch nach Koriwa abgesteckten Wege der Rest unserer Lasten und der Hauptteil der Truppe in Bewegung gesetzt. Der Hauptteil unserer Trägerkolonnen und die Kranken waren vorangegangen. Die Nachhut unter Hauptmann Otto blieb noch einige Tage am Koromaberge und wies dort mehrere Angriffe des Feindes erfolgreich ab. Es schien, als ob der Gegner wieder einmal nach der Beendigung einer konzentrischen Operation dort bei Timbani den Hauptteil seiner Truppen vereinigt hätte und vor Antritt des Weitermarsches einiger Zeit zur Regelung seines Nachschubs bedurfte. Zurückkehrende Patrouillen meldeten starken Autoverkehr auf der Straße Nanungu-Timbaniberg. Andere Patrouillen berichteten von dem Vormarsch feindlicher Kräfte von Osten her auf dem nördlichen Lurioufer.
Vom Feinde unbelästigt marschierte ich zunächst in die reiche Gegend von Kwiri, südlich Mahua, und dann von dort aus weiter zum Luriofluß. Dabei stellte es sich aber heraus, daß ein Teil unserer Schwerverwundeten und Kranken diese mehrtägigen Märsche in ihren „Maschillen“ (Tragbahren) nicht würde durchhalten können. Da war es nicht leicht, für ärztliche Pflege zu sorgen. Es waren zu wenig Pfleger da, um die Kranken einzeln von Fall zu Fall zurücklassen zu können. So blieb nichts anderes übrig, als die Kranken von Zeit zu Zeit zu sammeln und dann gemeinsam unter einem Arzt als vollständiges Lazarett zu etablieren und sich endgültig von ihnen zu trennen. Auch der Chefarzt der Schutztruppe, Generaloberarzt ~Dr.~ Meixner war bei Kwiri mit einem solchen Lazarett liegen geblieben. Von Leutnant d. Res. Schaefer, der uns bei den Vorbereitungen zum Gefecht von Jassini so ausgezeichnete Dienste geleistet hatte, und der jetzt an Schwarzwasserfieber schwer erkrankt war, nahm ich bei dieser Gelegenheit Abschied. Der erfahrene Afrikaner war sich über seinen Zustand vollständig klar, war freundlich wie immer und sah seinem unvermeidlichen baldigen Ende mit Ruhe entgegen.
Nördlich des Lurio wollte ich mich nicht lange aufhalten; ich glaubte, daß dieser Fluß, der noch vor kurzem hoch angeschwollen war, ein großes Hindernis sein würde. Es kam mir darauf an, dieses mit unserem zahlreichen Troß schnell und ungestört zu überwinden. Als wir am Luriofluß ankamen, stellte es sich heraus, daß um diese Jahreszeit zahlreiche Furten einen bequemen Uferwechsel gestatteten. Ohne Nachteile befürchten zu müssen, beließen wir einen Teil unserer Truppen auf dem Nordufer und bezogen mit dem Gros am Südufer Lager. Das Land war sehr reich, die Bewohner zutraulich; von den früheren Unternehmungen der Patrouillen und Streifabteilungen hatten sich gute Beziehungen gebildet; eine meiner Ordonnanzen wurde von alten Bekannten freudig begrüßt.
Mir kam es darauf an, daß die Engländer hier anbissen und veranlaßt wurden, immer mehr Truppen heranzuziehen. Wich ich dann langsam genug aus, so würden meiner Überlegung nach die starken feindlichen Truppen voraussichtlich folgen, wegen der großen Schwierigkeiten des Nachschubs aber nichts ausrichten können. Auf diese Weise konnte, was die Hauptsache war, genügend Zeit gewonnen werden für Unternehmungen gegen schwächere, weiter südlich gelegene feindliche Lager und Postierungen. Ein solches Lager wurde durch die nach Süden vorausgesandte Abteilung des Hauptmanns Müller bei +Malema+ festgestellt, demselben Orte, wo unsere Truppen früher schon erfreuliche Erfolge erzielt hatten.
In mehrtägigen Gefechten nahm Hauptmann Müller die Boma Malema ein. Sie war von einem englischen Halbbataillon besetzt gewesen, das nachts in südlicher Richtung abzog. Gleichzeitig war eine portugiesische Patrouille von der Boma Malema aus nach Norden vorgegangen und zurückgekehrt. Hauptmann Müller hielt diese für die abziehenden Engländer, griff sie während ihres Marsches an und war sehr erstaunt, in den Gefallenen Portugiesen zu erkennen.
Nach dem Gefecht veränderte Hauptmann Müller seinen Lagerplatz. Oberleutnant von Schroetter, der malariakrank war, war dabei für kurze Zeit zurückgeblieben und wurde von einer plötzlich auftretenden englischen Patrouille gefangen. Als diese Patrouille zur Boma Inagu abmarschierte, gelang es ihm zu entkommen und unter Verlust seiner sämtlichen Sachen, ohne Kopfbedeckung -- und das will in der Tropensonne viel besagen -- schließlich die Unsrigen gänzlich erschöpft wieder zu erreichen.
Nach Eingeborenen- und Patrouillenmeldungen konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß starke feindliche Kräfte, die bei Mozambique gelandet waren, nach Westen auf die Boma Malema zu vorrückten und schon bis auf wenige Tagemärsche in deren Nähe gelangt waren. Zugleich wurden auch von Westen her, aus Richtung Malacotera, Truppen auf dem Vormarsch in Richtung auf die Boma Malema gemeldet. Der von Norden folgende Gegner erreichte nach einigen Tagen den Luriofluß, so daß wir dessen Nordufer räumten. Nach erbeuteten Papieren und nach den noch auf dem Nordufer gelieferten Gefechten zu urteilen, war dieser Feind aber doch stärker, als ich es vermutet hatte. Vermittelst leichter Automobilkolonnen war es ihm möglich, uns mit seinem gesamten Nachschub sowie mit einer Truppe, die ich auf etwa 3 bis 4 Bataillone mit Hilfswaffen schätzte, schnell zu folgen.
Das Gelände längs des Malemaflusses, in dem unsere Lager sich befanden, war ganz außerordentlich reich. Der Mtama stand in voller Reife, und es gab reichlich Tomaten, Bananen, Süßkartoffeln (Bataten) und andre Früchte. Die Verpflegung war auch sehr vielseitig. Wild und Fische waren ausreichend vorhanden. Die Eingeborenen kannten die deutschen Truppen von früher her und waren sehr zutraulich. Als ich einmal von der einen Abteilung zur anderen ritt, kamen die Frauen aus ihren Hütten angelaufen, um das ihnen ganz unbekannte „Njama“ (Tier, Wild, Fleisch) zu sehen: ich ritt nämlich ein Pferd! Das reiche Verpflegungsgebiet war so ausgedehnt, daß wir es nicht annähernd ausbeuten oder schützen konnten. Es war gar nicht zu verhindern, daß es außer für uns auch für die großen Massen von Askari und Nichtkombattanten des Feindes den Lebensunterhalt lieferte. Wir konnten dem Feinde nicht die Möglichkeit nehmen, sich gleichfalls auf dieses reiche Gebiet von neuem in großem Maßstabe zu basieren und die Länge seiner Verpflegungslinie zu verkürzen. Das Land war für unsere Verhältnisse eben zu reich, und wir waren nicht imstande, es vor unserem Abrücken, wie in früheren Fällen, so weit auszufouragieren, daß es für die Verpflegung der feindlichen Massen unzureichend wurde. Dazu kam, daß wir im Augenblick sehr beweglich waren; durch den mehrwöchigen Aufenthalt waren die Verwundeten und Kranken so weit wiederhergestellt, daß alle, auch die Insassen der Feldlazarette, gut marschfähig waren.
Dieser Vorteil wäre durch größere Gefechte wieder verloren gegangen. Ich faßte den Entschluß, die Gegend trotz ihrem außerordentlichen Reichtume allmählich zu räumen und den Ring, durch den mich die feindlichen Kolonnen in dem fruchtbaren Gebiete des Malemaflusses einkreisten, zu verlassen. Es war dabei meine Absicht, diese feindlichen Kolonnen durch den kleineren Teil meiner Truppen soweit hinzuhalten und zu beschäftigen, daß sie die Sache ernst nahmen und an meine Nachhut wirklich anbissen. Die Direktiven des englischen Befehlshabers, die in unsere Hände gefallen waren, taten mir bei dieser Überlegung sehr gute Dienste. Er wollte sich nicht zum zweiten Male, wie bei Koriwa, von uns „~foxen~“ (hinters Licht führen) lassen und hatte deshalb angeordnet, daß stets, sobald irgendwo mit uns Fühlung gewonnen würde, einige Abteilungen uns sogleich im Umkreise von 5 bis 6 englischen Meilen zu umgehen hätten. General Edwards, dem ich dies später einmal erzählte, war außerordentlich amüsiert, daß ich von diesen seinen Absichten Kenntnis erlangt und meine Maßnahmen danach getroffen hatte. Es lag auf der Hand, daß bei einer genügenden Staffelung meiner Truppen nach der Tiefe die feindlichen Umgehungsabteilungen in die größte Gefahr kommen mußten, zwischen meine Abteilungen zu geraten und auf diese Weise von meinen rückwärts gestaffelten Abteilungen in der Flanke oder im Rücken überraschend angefaßt zu werden. Leider gelang mir die Ausführung dieser Absicht nur unvollkommen. Man hatte in dem sehr dichten Busch eben doch, auch wenn man Lagerfeuer und Staub sehr genau beobachtete, zu geringe Anhaltspunkte, um eine Kolonne richtig anzusetzen, und es war für eine Kolonne sehr schwer, ihre Richtung innezuhalten. Hierzu gesellten sich aber noch eine Menge Störungen infolge dichten Busches, Sümpfen und Wasserläufen. Trotz alledem gelang es, ab und zu eine der feindlichen Umgehungskolonnen zu fassen und überraschend unter Feuer zu nehmen. Die unvermeidlichen Störungen bei Bewegungen getrennter Kolonnen im dichten Busch waren auf englischer Seite wohl noch größer als auf deutscher. Bei einem Zusammenstoß ergab sich oft ein Durcheinander, in dem Freund und Feind nicht wußten, wen sie vor sich hatten. So ging einmal die Abteilung des Oberleutnants von Ruckteschell, die zunächst dem Feinde gewesen war, auf die rückwärts gestaffelten Teile der Truppe zurück. Hierbei traf sie im Busch auf etwa 30 Schritt Entfernung auf eine Streifabteilung, die als feindlich erkannt wurde. In aller Ruhe und unter den Augen dieses Feindes wurden die Maschinengewehre in Stellung gebracht, und der Gegner, der die Unsrigen für Engländer gehalten hatte, darauf aus nächster Entfernung wirksam unter Feuer genommen und im Augenblick in die Flucht getrieben. Ebenso gerieten unsere eigenen Patrouillen häufig mitten zwischen die feindlichen Truppen. Vizefeldwebel d. Res. Schaffrath ließ bei einer solchen Gelegenheit seine Patrouille in dem dichten Gras niederlegen und eröffnete dann auf das Ende der vormarschierenden, feindlichen Kolonnen ein wirksames Feuer. Dann versteckte er sich wieder. So gelang es ihm im Verlaufe einiger Stunden noch mehrfach, dem Feinde empfindliche Verluste beizubringen und Beute zu machen.
Durch diese hinhaltenden Gefechte wollte ich Zeit gewinnen, um mit dem Gros in das weiter südlich gelegene, nach den vorhandenen Schilderungen als reich anzunehmende Land einzufallen und die dort vermuteten, kleineren feindlichen Besatzungen zu schlagen und zu vertreiben. Als nächstes Objekt kam dafür die portugiesische Boma +Alto-Moloque+ in Betracht. Diese war nach einer erbeuteten Karte im Frieden der Sitz einer höheren Verwaltungsstelle und eines über den Rahmen einer Kompagnie hinausgehenden, höheren Militärkommandos gewesen. Dort mußten also Eingeborene und Verpflegung zu finden sein. Zwischen uns und Alto-Moloque lag das hohe +Gebirge von Inagu+. Der Weg, der von der Boma Malema westlich um die Inaguberge nach Alto-Moloque führte, war durch ein englisches Bataillon gesperrt, das bei +Inagu+ in einem befestigten Lager lag. Es war also wahrscheinlich, daß unser Vormarsch auf diesem Wege gestört worden wäre, und das wäre mir bei der Größe unserer Trägerkolonnen unangenehm gewesen. Zum mindesten hätte unser Marsch Aufenthalt erlitten, und das beabsichtigte, überraschende Auftreten bei Alto-Moloque wäre vereitelt worden. Mir lag aber gerade daran, zu überraschen, da bei Alto-Moloque Beute an Munition und Waffen zu vermuten war.
So ließen wir den Feind in seinen Befestigungen bei Inagu unberücksichtigt und marschierten um die Inaguberge östlicher herum auf Alto-Moloque zu. Die operative Lage war etwas merkwürdig und wird durch die Äußerung eines alten Südafrikaners gut charakterisiert, der in seinem noch nicht ganz reinen Hochdeutsch meinte: „Is das eine komische Orlog (Krieg); ons lopt achter de Portugies an, und de Englanders lopt achter ons an.“ -- Wir marschierten auf Negerpfaden oder auch quer durch den Busch. Mehrere größere Ströme mußten auf unserem Marsche durchschritten werden. Auch dieses Gebiet war reich, und wir stießen bald auf starke Menschenspuren, die in Richtung auf Alto-Moloque zogen, sowie auf Lagerbauten, wie ich sie in dieser Art zum ersten Male sah. Es waren dichte und sehr ordentlich gebaute Grashütten. Die Feuer glimmten teilweise noch, die umherliegenden, abgeschnittenen Hühnerköpfe waren noch frisch. Auch Schießereien mit portugiesischen Patrouillen fanden statt, und einige Gewehre mit Munition wurden erbeutet.
Es galt, keine Zeit zu verlieren; die durch Befreiung von allem Troß besonders beweglich gemachte Abteilung Müller marschierte voraus und fand in Alto-Moloque nur wenige portugiesische Offiziere und Unteroffiziere vor, die auf der Veranda des sehr schönen Europäerhauses gerade Kaffee tranken und gefangen genommen wurden. Mit dem Gros folgte ich jetzt langsam; die Nachhut unter Hauptmann Koehl hatte eine ganze Reihe kleinerer Zusammenstöße, die im ganzen dem Feinde eine nicht unerhebliche Reihe von Verlusten beigebracht haben. Eine unserer Askaripatrouillen war beim Einsammeln von Verpflegung durch eine stärkere feindliche Patrouille überrascht und gefangen genommen worden. Sie war Zeuge, wie dann diese feindliche Patrouille mit einer anderen englischen Abteilung ein recht verlustreiches Gefecht im Busch hatte und konnte bei dieser Gelegenheit wieder entwischen. Die Unvorsichtigkeit, mit der manche unserer Europäer trotz allen Mahnungen immer wieder verfuhren, hatte für uns einige unnötige Verluste zur Folge. Ein Askari, dessen Vater, der alte Effendi Plantan, schon zu den Zulu-Askari von Wißmann gehört hatte, war ein besonders zuverlässiger und intelligenter Mensch, den ich gern auf Patrouillen mitgenommen hatte. Von einem ganz überflüssigen Botengange ist er nicht zurückgekehrt und wahrscheinlich abgefangen worden. Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß ein großer Teil der Kriegsverluste in Ostafrika überflüssig und durch Gedankenlosigkeit an den Haaren herbeigezogen war.
Allmählich schloß Abteilung Koehl auf das Gros auf. Dieses hatte die große Straße Alto-Moloque-Inagu an einer Europäerpflanzung mit reichen Truppenverpflegungsbeständen erreicht und von hier aus auf der feindlichen Fernsprechleitung mit Alto-Moloque, von wo zuerst ein Portugiese, dann aber Hauptmann Müller geantwortet hatte, Verbindung aufgenommen. Hauptmann Müller meldete, daß nur wenig Munition erbeutet worden wäre; diese sei vielmehr durch mehrere Trägerkarawanen noch gerade rechtzeitig in südwestlicher Richtung abtransportiert worden. Starke Patrouillen folgten sofort den Spuren derselben. Als das Gros am 16. Juni bei Alto-Moloque eintraf, fanden wir hier sehr schöne massive Europäerhäuser vor. Recht anmutig lagen sie auf einer kleinen Höhe und boten einen meilenweiten Umblick über die umgebenden Wälder auf die mächtigen und schroffen Felsengebirge in der Ferne. Tausende von Apfelsinenbäumen standen gerade in voller Reife und gaben der Station bei den Farbigen sofort den Namen „Boma ja machungwa“ (Apfelsinen-Boma).
Die zahlreichen Karten und Schriftstücke aller Art, die in der Station vorgefunden wurden, gaben uns ein leidlich anschauliches Bild über das in der Richtung auf +Quelimane+ zu gelegene Gebiet. Wir konnten daraus ersehen, daß von Alto-Moloque über +Ili+ eine Drahtlinie bis nach Quelimane führte. Am Einfluß des +Lugella+ in den +Likungofluß+ war der Sitz einer großen Gesellschaft, der Lugella-Gesellschaft. Dort befanden sich große Plantagen und Fabrikanlagen und lagerte viele Verpflegung. Überhaupt schien an diesem Sitz der Lugella-Gesellschaft ein Hauptreservoir an Verpflegung und Munition für größere Truppenmengen in Vorbereitung zu sein. Wollte man die Chancen, die eine solche Lage für uns bot, ausnutzen, so mußten die Unterführer sehr schnell handeln und durften durch keine allzu bindenden Vorschriften eingeschränkt werden. Das Bild, das ich mir machte, beruhte eben doch vielfach auf nicht erwiesenen Annahmen. Unsere verfolgenden Patrouillen mußten sich schnell und selbständig anpassen können, wenn das ursprünglich gemachte Bild sich nachträglich nicht bewahrheitete. Zeit durften sie nicht verlieren; sonst war es dem Feinde möglich, seine Bestände rechtzeitig abzutransportieren. Er wurde darin durch eine Eisenbahn, die nicht weit südlich des Sitzes der Lugella-Gesellschaft ihren Anfang hatte und von dort nach Süden, zum +Namakurafluß+ führte, und durch die auf diesem Flusse verkehrenden Dampfer unterstützt.
Wie es so manchmal geht, haben unsere verfolgenden Patrouillen und Kompagnien gelegentlich etwas versagt. Es darf aber nicht vergessen werden, daß außer vielem anderen ein sehr gereiftes taktisches Urteil dazu gehört, um selbständig zu entscheiden, wann die sehr aufreibende, weitere Verfolgung des fliehenden Feindes mit allen Kräften noch weiter fortzusetzen oder wann sie abzubrechen ist. Um die Gunst der Lage aber doch nach Möglichkeit zu ergreifen, entsandte ich noch am Tage meines Eintreffens in Alto-Moloque die ganze Abteilung Müller, deren Gros bis dahin von mir festgehalten worden war, zur Verfolgung. Bei verschiedenen Patrouillen und kleinen Streifzügen wurden in der Gegend von Alto-Moloque vereinzelte portugiesische Askari aufgegriffen, die sich teilweise in den Dorfschaften der Gegend aus eigener Machtvollkommenheit als kleine Tyrannen niedergelassen hatten und uns von den Eingeborenen gemeldet wurden.
Die Gegend von Alto-Moloque erwies sich, wie erwartet, als sehr reich. Wir waren daher in der Lage, der Abteilung Müller einen größeren Vorsprung bei der Verfolgung des Feindes zu lassen. Eine der Patrouillen dieser Abteilung hatte bei Ili ein feindliches Magazin erbeutet; eine feindliche Trägerkolonne, die von einer, mehrere Tagemärsche östlich von Alto-Moloque stehenden, englisch-portugiesischen Abteilung entlassen worden war und ohne eine Ahnung von unserer Anwesenheit zu haben, den Ort Alt-Moloque passieren wollte, war unserem Intendanten sehr willkommen zum Abtransport der bei Ili erbeuteten Verpflegung. Dieser beabsichtigte Abtransport glückte bedauerlicherweise nur zum Teil, da bei Ili eine neue englische Abteilung eintraf, anscheinend von Inagu her, und unsere Patrouille vertrieb.
Der Weitermarsch unseres Gros auf Ili zu wurde durch größere feindliche Patrouillen belästigt, die sich von Norden her der Straße Alto-Moloque-Ili genähert hatten. Eine dieser Patrouillen wurde sofort energisch verfolgt und in ihrem Lager überfallen, aber ich gewann doch den Eindruck, daß sich stärkere Kräfte des Gegners von Norden, von Ili und Alto-Moloque her uns näherten. Ich hatte nicht die Absicht, mich aufzuhalten, sondern wollte im Gegenteil möglichst bald auf die Abteilung Müller, die sich auf dem Marsche nach Lugella befand, aufschließen. So marschierte ich südlich um Ili herum und nahm die portugiesische Station Nampepo in Besitz. Von den portugiesischen Gesellschaften sind in dieser Gegend in etwa Tagemarschentfernungen kleine, sauber gebaute Stationen errichtet worden, um die herum die Felder liegen, welche die Gesellschaft bewirtschaftet. Eine ganze Reihe dieser Stationen und der dazugehörigen Magazine waren während des Marsches in unsere Hände gefallen. Auch Nampepo war eine solche Niederlassung, nur größer als gewöhnlich, und in einem außerordentlich reichen Gebiet gelegen. Eine Spezialität des Lagers von Nampepo bildete die Jagd auf zahme Schweine. Diese liefen in großer Zahl verwildert im Pori umher, so daß wir hier außer Schweinebraten und Sülze auch eine prachtvolle Blutwurst zu essen bekamen. Ein deutscher Pflanzer aus der Gegend von Morogoro, Hauter, der während des Krieges viel Wurst nach Morogoro geliefert hatte, hatte sich in der Zubereitung derselben genügende Kenntnis verschafft, die uns hier zu statten kam. An Stelle des Rinderdarmes nahm er den Schweinemagen, und der Genuß dieses ungewohnten Leckerbissens war so groß, daß wir uns auch durch die in unserem Lager einschlagenden Geschosse nicht stören ließen.
Es näherte sich nämlich eine stärkere feindliche Kolonne von Norden her der Boma Nampepo, die Hauptmann Spangenberg mit unseren Vorposten besetzt hielt. Man konnte von der Höhe aus deutlich den Anmarsch einer großen feindlichen Kolonne bemerken. Da die Gelegenheit zu einem Angriffsgefecht für uns außerordentlich günstig war, so wurde der Feind in seinem Anmarsche nicht gestört. Er griff uns aber wider Erwarten nicht an. Die in einer Entfernung von etwa 1500 ~m~ aus dem Busch aufsteigenden Rauchsäulen verrieten uns, daß er dort Lager bezogen hatte. Patrouillen, die den Feind umgingen, näherten sich nachts dem Lager und schossen in dasselbe hinein. Die Abteilung Koehl war inzwischen aufgeschlossen, und ich marschierte mit dem Gros weiter, um der Abteilung Müller in der Richtung auf Lugella zu folgen. Hauptmann Spangenberg blieb mit der Nachhut am Feinde und folgte uns dann mit Tagemarsch-Abstand.
Der Abteilung des Hauptmanns Müller war es inzwischen gelungen, den Likungofluß bei der Einmündung des Lugella in einer Furt zu durchschreiten; es gelang ihr, ein portugiesisches Bataillon, das von Süden her zum Schutze heranrückte, ziemlich gründlich zu schlagen. Einige Maschinengewehre wurden erbeutet. Die großen Bestände der Lugella-Gesellschaft fielen in unsere Hand; es konnte reichlich Verpflegung und Kleidungsstoff ausgegeben werden; die zur Verteidigung eingerichteten Gebäude und etwa 300000 ~kg~ Verpflegung wurden verbrannt. Hauptmann Müller hielt danach seine Aufgabe, da ein weiteres, lohnendes Ziel nicht bekannt war, zunächst für erledigt, ging auf das östliche Likungoufer zurück und erwartete dort mein Eintreffen.
Ich befürchtete, daß die reiche Beute der letzten Wochen einzelne unserer Europäer verleiten würde, sich Sachen ungerechtfertigterweise anzueignen, und nahm Gelegenheit, auf das unrichtige einer solchen Handlungsweise hinzuweisen. Es wurde daran erinnert, daß Kriegsbeute dem Staate gehört und daß der einzelne ein Beutestück, welches er benötigte, anzumelden habe. Dieses wurde dann abgeschätzt und von dem Betreffenden bezahlt. Es war mir wichtig, die Moral der Truppe unbedingt sauber zu halten, um an das Ehrgefühl appellieren und Leistungen verlangen zu können.