Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 24
Das Einsetzen der Regenzeit stimmte nicht genau mit dem Vorhersagen der Eingeborenen überein; es gab zwar tüchtige Güsse, aber das Wasser lief in dem hügeligen Gelände schnell ab und sammelte sich in der Hauptader jener Gegend, dem Msalufluß, der zu einem starken Hindernis anschwoll. Über den Msalufluß hatte der als Vizefeldwebel zur Truppe eingezogene Feldpostsekretär Hartmann eine Pontonbrücke gebaut, die uns mit der Abteilung des Generals Wahle verband. Diese war noch auf dem westlichen Ufer des Flusses geblieben. Als schwimmende Unterstützungen der Brücke dienten Rindenboote. Die Notwendigkeit, in dem wasserreichen Gebiete die angeschwollenen Flüsse glatt überwinden zu müssen, lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese Frage. Bisher hatten wir für alle Fälle einige Einbäume mitgetragen. Der Transport war aber auf die Dauer zu schwierig und dieses Mittel zu wenig leistungsfähig. Der Kriegsfreiwillige Gerth, ein Pflanzer vom unteren Rufiji, interessierte sich besonders für diese Frage und ließ sich von den Eingeborenen der Landschaft, die hierin besonders sachkundig waren, im Bau von Rindenbooten unterweisen. Nachdem die Versuche schnell zu einem Resultat geführt hatten, wurde bei allen Kompagnien der Bau solcher Boote, für deren Herstellung nach einiger Übung knapp zwei Stunden erforderlich waren, mit Eifer betrieben. Diese Boote sind in größerem Maßstabe von uns nicht benutzt worden, aber sie gaben uns das sichere Gefühl, daß im Notfalle auch ein starkes Stromhindernis für unsere recht unhandlichen Karawanen und Lasten nicht unüberwindlich sei.
Nach einiger Bekanntschaft mit der Gegend fanden wir im Msaluflusse Furten, die auch bei hohem Wasserstand einen Uferwechsel gestatteten. Unsere Kampfpatrouillen unter Sergeant Valett und anderen gingen von unseren gesicherten Lagern bei Nanungu aus, durchschritten den Fluß, der unser Unterkunftsgebiet nach Westen zu als Hindernis begrenzte, und suchten den Feind in seinen Lagern bei Mtende auf. Einer dieser Patrouillen, die besonders stark gemacht und mit 2 Maschinengewehren ausgerüstet war, gelang es, westlich von Mtende eine feindliche Verpflegungskarawane zu überfallen. Die Unsrigen haben sich dann aber nicht schnell genug den feindlichen Bedeckungstruppen entzogen und kamen, von mehreren Seiten angegriffen, in eine schwierige Lage. Beide Maschinengewehre gingen verloren und die sie bedienenden Europäer fielen. Nach und nach trafen die Askari zwar wieder vollzählig in Nanungu ein, aber der Patrouillenführer, Feldwebel Müßlin, der sich während des Marsches allein entfernt hatte, war in Feindeshand gefallen. Eine andere Patrouille, mit der Hauptmann Müller nach Norden zu den Msalu überschritt, vertrieb schnell eine englische Postierung bei Lusinje. In der Gegend von Lusinje war auch das Lager des englischen Leutnant Wienholt erbeutet worden, der, wie früher erwähnt, aus unserer Gefangenschaft entlaufen und einer der besten englischen Patrouillenführer geworden war. Die Eingeborenen wurden durch die englischen Patrouillen gründlich bearbeitet und leisteten dem Feinde gegen Belohnung durch Kleidungsstücke Spionagedienst. Auch der anläßlich des Bootsbaues erwähnte Kriegsfreiwillige Gerth wurde am Msalufluß, am Hause eines Jumben, von einer englischen Patrouille überfallen und fand hierbei seinen Tod.
Mächtig erhoben uns damals in der zweiten Hälfte des März 1918 die Nachrichten von der gewaltigen deutschen Märzoffensive an der Westfront, die unsere Funkenstation auffing. Ich wettete mit dem Sanitätsoffizier beim Stabe, Stabsarzt Taute, daß Amiens bald fallen würde. Die Zeit mehrwöchentlicher Ruhe, die jetzt beim Stillstand unserer Operationen eintrat, benutzte ich, um meinen rechten Fuß, der mir infolge eines Sandflohes seit einem halben Jahr Unbequemlichkeiten machte, in Ordnung bringen zu lassen. Die in manchen Lagern in Unmenge vorkommenden Sandflöhe bohren sich mit Vorliebe an den Rändern der Fußnägel in das Fleisch und verursachen dort schmerzhafte Entzündungen. Wird nicht aufgepaßt, so greifen diese weiter um sich und nach ärztlicher Ansicht ist die Verstümmelung vieler Füße der Eingeborenen und der Verlust der Zehen häufig auf solche Sandflöhe zurückzuführen. Auch ich litt unter dieser Unbequemlichkeit, und beim Gehen bildeten sich immer wieder Entzündungen. Stabsarzt Taute konnte mir glücklicherweise den Zeh unempfindlich machen, um dann den Nagel herauszureißen.
Auch in anderer Weise war ich einmal etwas gehindert. Auf einem Erkundungsgange hatte mir ein Halm des übermannshohen Grases in mein rechtes Auge geschnitten, und bei der nachfolgenden Behandlung war infolge von Atropin die Anpassungsfähigkeit der Linse beeinträchtigt; ich konnte deshalb mit dem rechten Auge nicht ordentlich sehen und keine Schrift oder Kartenskizzen erkennen. Dieser Zustand war lästig, weil mein linkes Auge durch eine im Jahre 1906 beim Hottentottenaufstand in Südwestafrika erhaltene Schußverletzung so stark beschädigt worden ist, daß ich mit diesem nur vermittelst Starbrille lesen kann. Eine solche war aber nicht verfügbar, und so war ich gezwungen, an verschiedene Unternehmungen heranzugehen, ohne richtig sehen zu können.
Die Patrouillen der Abteilung Koehl waren aus der Gegend Medo-Namunu inzwischen bis an die Küste vorgestreift, hatten am unteren Luriofluß und weit südlich desselben portugiesische Befestigungen erobert, einige Kanonen, vor allem aber Gewehre und Munition, meist von altem Modell, und erhebliche Mengen an Verpflegung erbeutet. Die Eingeborenen erwiesen sich hierbei freundlich gegen unsere Leute und sahen in ihnen auch hier die Befreier von der portugiesischen Bedrückung. Auch Patrouillen der Abteilung Otto waren von Mahua her in das Gebiet südlich des Lurioflusses gestreift, und der in Eingeborenenangelegenheiten so erfahrene Oberleutnant d. Ldw. Methner, erster Referent unseres Gouvernements, rühmte die Tüchtigkeit und Klugheit der portugiesischen Eingeborenen und den verständigen und weiten Blick ihrer Ortsoberhäupter.
Leutnant von Scherbening, der mit seiner Patrouille die Boma Malema genommen hatte, berichtete von dem großen Reichtum dieser Gegend. Um auch uns hiervon etwas zukommen zu lassen, schickte er ein erbeutetes Schwein nach Nanungu. Da es nicht laufen wollte, wurde es 500 ~km~ weit getragen. Bei seiner Ankunft stellte sich leider heraus, daß es gar kein europäisches Schwein war, sondern ein Porischwein, wie wir es selbst im Walde häufig erlegten.
Wieder war eine Zeit gekommen, wo es schwer war, Nachrichten über den Feind zu erhalten. Aber aus den unvollkommenen Karten, die uns zur Verfügung standen, war doch manches herauszulesen. Ich konnte nicht zweifeln, daß die sicher bevorstehenden feindlichen Operationen mit ihren Hauptkräften von der Küste, aus der Gegend von +Porto Amelia+, ansetzen würden. Das Auftreten stärkerer feindlicher Kräfte bei +Mtende+ sowie die allerdings sehr unsichere Nachricht, daß auch feindliche Truppen von Südwesten her auf +Mahua+ im Anmarsch waren, zeigten mir, daß zugleich mit dem bevorstehenden Vorrücken der feindlichen Hauptkräfte andere Truppen von Westen her operieren wollten. Es schien eine Lage heranzureifen, in der es möglich war, die innere Linie, auf der ich stand, auszunutzen und den einen oder den anderen Teil des Feindes vereinzelt zu fassen. Die Nachschubverhältnisse des Gegners bedingten es, daß diejenigen seiner Kolonnen, die von Westen kamen, nicht allzu stark sein konnten. Hier also bot sich auch voraussichtlich die von mir gesuchte günstige Chance. Mit dem Hauptteil meiner Truppen blieb ich deshalb in der Gegend von Nanungu und zog nach hier auch die Abteilung des Hauptmanns Otto vom Lurio heran. Mit diesen Kräften wollte ich angriffsweise verfahren und zwar nach Westen zu. Dem Hauptmann Koehl, der seine Abteilung bei +Medo+ sammelte, fiel die Aufgabe zu, die von Porto Amelia heranrückenden Hauptstreitkräfte des Feindes hinzuhalten und allmählich schrittweise auf mich zurückzugehen.
Hauptmann Müller, der nach jahrelanger Tätigkeit beim Kommando eine selbständige Abteilung von 2 Kompagnien übernommen hatte, wurde aus der Gegend von Nanungu auf Mahua vorgesandt, um dort dem Feinde nach Möglichkeit Abbruch zu tun. Er umging Mahua und überraschte südwestlich dieses Ortes die befestigte Verpflegungsstation Kanene. Die verteidigenden englischen Europäer sahen ein, daß die angesammelten Bestände verloren waren. Um dies wenigstens teilweise zu verhindern, machten sie sich über die Alkoholbestände des Lagers her und fielen recht angeheitert in unsere Hände.
Ich selbst rückte Mitte April gleichfalls in Richtung auf Mahua vor und hörte beim Anmarsch schon aus weiter Entfernung von dort her heftige Detonationen. Hauptmann Müller war nordöstlich Mahua bei Koriwa auf ein feindliches Bataillon unter Colonel Barton gestoßen, das einen Streifzug unternommen hatte und nun von den Unsrigen während des Marsches sogleich angegriffen wurde. Trotzdem auf unserer Seite kaum 70 Gewehre im Gefecht waren, gelang es doch, den Feind auf seinem rechten Flügel zu umfassen und ihn von dort aus von einem Termitenhügel (großen Ameisenhügel) so energisch unter wirksames Maschinengewehrfeuer zu nehmen, daß er in wilder Flucht davonlief. Er verlor dabei über 40 Mann. Oberleutnant z. S. Wunderlich, der einen schweren Schuß durch den Unterleib erhalten hatte, mußte zu dem 2 Tagemärsche entfernten Lazarett von Nanungu geschafft werden und starb nach kurzer Zeit.
Der Schlag, zu dem ich das Gros angesetzt hatte, war durch die schwache Abteilung Müller bereits erfolgreich ausgeführt worden. Ich wandte mich deshalb mit meinen Hauptkräften wieder in die Gegend dicht westlich Nanungu. Dort war inzwischen ein stärkerer Feind am Msaluflusse eingetroffen und hatte diesen mit stärkeren Patrouillen überschritten. Meine Berechnung, einen stärkeren feindlichen Körper unmittelbar nach Überschreiten des Flusses überraschend fassen zu können, traf nicht zu; die erhaltenen Meldungen waren irrtümlich gewesen. Aber in einer ganzen Reihe kleinerer Zusammenstöße am Msalufluß und westlich desselben wurden dem Gegner durch unsere Kampfpatrouillen doch nach und nach erhebliche Verluste zugefügt, und seine Streifabteilungen räumten bald das östliche Msalu-Ufer. Unsere Verpflegungspatrouillen, deren Aufgabe es war, in der Richtung auf Mahua weiter Verpflegung zu beschaffen, stießen am 3. Mai überraschend auf stärkere feindliche Abteilungen in der Gegend von +Saidi+, die unser Feldlazarett und unsere Verpflegungsmagazine bei +Makoti+ stark gefährdeten.
Nach Makoti war zur Vorbereitung der zukünftigen, mehr nach westlicher Richtung geplanten Operationen ein Teil unserer Bestände gebracht worden. Unsere sofort entsandten Kampfpatrouillen hatten am Kirekaberge bei Makoti mehrere Zusammenstöße mit dem Feinde. Ich glaubte zunächst nur an Patrouillen des Gegners, entsandte deshalb den Hauptmann Schulz mit einer starken Patrouille dorthin zur Verstärkung und rückte selbst am 4. Mai mit dem Gros an die Straße Nanungu-Mahua. Von hier aus glaubte ich, schnell gegen irgendwo überraschend auftretende feindliche Kräfte eingreifen zu können. Die allgemeine Lage klärte sich dadurch, daß unsere Patrouillen im Laufe des Tages am Kirekaberge auf einen neuen Gegner gestoßen waren. Eine feindliche Abteilung war zurückgeworfen worden, und es war wahrscheinlich, daß stärkere Kräfte in verschanzten Lagern dahinter standen. Am 5. Mai morgens marschierte ich aus meinem Lager ab, auf Makoti zu. Während des Anmarsches wünschte ich sehnlichst, daß der Feind uns den Angriff auf seine befestigte Stellung ersparen möchte, und hoffte, was ja auch nach der ganzen Lage gar nicht unwahrscheinlich war, daß er aus seinen Schanzen herauskommen und sich so ein Kampf im freien Felde entwickeln würde. Gelang es uns bei dieser Gelegenheit, mit unseren Hauptkräften einzugreifen, ohne daß der Feind von unserem Anmarsch eine Ahnung hatte, so war ein erheblicher Erfolg nicht unwahrscheinlich.
Um 11 Uhr vormittags langte ich am Kirekaberge an und begab mich nach vorn zum Hauptmann Schulz, der mit seinen Patrouillen einige in dem Stangenholz befindliche Felsengrotten besetzt hatte. Als ich gerade angekommen war, erhielt ich von einem Sol (schwarzen Feldwebel), der von einem Patrouillengang zurückkehrte, die Meldung, daß der Feind in großer Stärke ausgeschwärmt vorrücke und sofort auf nahe Entfernung auftauchen müsse. Ich benachrichtigte hiervon den Oberleutnant Boell, der mit seiner Kompagnie soeben hinter der Abteilung Schulz eingetroffen war, und beauftragte ihn, im Falle eines feindlichen Angriffes sogleich einzugreifen. Dann ging ich zurück und ordnete den Aufmarsch unserer weiteren, nach und nach eintreffenden Kompagnien. Inzwischen ging vorn das Gefecht los. Der Feind hatte in dichten Schützenlinien vorgehend unsere Patrouillen schnell aus ihren Steingrotten zurückgeworfen, war dann aber zu seiner größten Überraschung in das wirksame Maschinengewehrfeuer der Kompagnie Boell geraten und teilweise zurückgegangen. Die demnächst eintreffende Abteilung Goering wurde sogleich zum rechts umfassenden Angriff angesetzt, der Feind dadurch völlig überrascht und mit recht schweren Verlusten in großer Eile zurückgeworfen.
So langten wir nach mehreren Kilometern heftigen Nachdrängens vor den feindlichen Verschanzungen an. Auf unserem linken Flügel, wo zwei weitere Kompagnien eingesetzt wurden, ging das Gefecht mehrfach hin und her, und es war mir im Busch schwer, Freund und Feind zu unterscheiden. Es dauerte dadurch einige Zeit, bis ich mir von den Verhältnissen auf dem linken Flügel ein klares Bild machen konnte, und erst die Meldung des Majors Kraut, der von mir zur Erkundung dorthin gesandt war, ließ mich erkennen, daß das Vorgehen unseres linken Flügels auf einer Waldlichtung in recht wirksames feindliches Feuer geraten und dadurch zum Stocken gekommen war. Ein Gegenangriff, den der Feind unternahm und der schon ziemlich dicht an den Standplatz des Kommandos gekommen war, hätte uns recht unangenehm werden können. Zu unserem großen Glück traf aber gerade in diesem Augenblick Oberleutnant Buechsel, der mit seiner Kompagnie detachiert gewesen war und deshalb verspätet ankam, auf dem Gefechtsfelde ein und konnte der Gefahr begegnen.
Auf dem rechten Flügel hatte inzwischen Hauptmann Goering erkannt, daß ein frontales Anstürmen auf die feindlichen Verschanzungen keine Aussicht auf Erfolg bot. Er hatte deshalb Oberleutnant Meier mit einer starken Patrouille die Stellung des Gegners umgehen lassen, um von rückwärts her einen dort befindlichen feindlichen Minenwerfer zu beschießen und womöglich fortzunehmen. Diese Wegnahme gelang nicht, da der Feind unerwarteterweise noch über Reserven verfügte, die die Patrouille Meier fernzuhalten imstande waren. So kam das Gefecht zum Stillstand. Bei Einbruch völliger Dunkelheit lagen wir dem Feinde dicht gegenüber. Beiderseits fielen nur noch ab und zu Schüsse.
Während des Gefechts wurden die büromäßigen Arbeiten -- es wurde auch in Afrika geschrieben, wenn auch nicht so viel als sonst üblich -- erledigt. Eine Anzahl Eingänge, wie Beschwerden und sonstige Unannehmlichkeiten lagen vor. Mit den Kompagnieführern konnte ich mich von Zeit zu Zeit mündlich besprechen und ließ sie zu diesem Zweck zu mir kommen. Ich selbst wechselte meinen Standplatz so wenig wie möglich, um bei der Übermittlung der eingehenden Meldungen Schwierigkeiten und unliebsame Verzögerungen zu vermeiden. Abgekocht wurde weiter rückwärts, wo auch der Verbandplatz eingerichtet worden war. Auch wir, die Angehörigen des Kommandos, erhielten durch unsere schwarzen Diener wie gewöhnlich die zubereitete Verpflegung in die Gefechtslinie vorgebracht.
Um die Truppe zu weiterer Verwendung wieder in die Hand zu bekommen, wurden Teile derselben aus der vorderen Gefechtslinie zurückgezogen und gesammelt. Ich überlegte, daß es zweckmäßig sei, die Nacht über so liegen zu bleiben, um am nächsten Tage das Gefecht wieder aufnehmen zu können und vor allem, um zu versuchen, den Feind von seinem Wasser abzuschneiden, das irgendwo außerhalb seines Lagers liegen mußte.
Da traf gegen Mitternacht die Meldung ein, daß eine unserer Patrouillen an der Straße +Nanungu-Mahua+ auf einen stärkeren Feind gestoßen sei. Ich mußte befürchten, daß dieser Gegner, den ich der Selbständigkeit seines Auftretens wegen für stark hielt, weiter auf Nanungu vordringen und sich so in den Besitz unserer an dieser Straße gelagerten Kompagnielasten (Munition, Verbandzeug, Verpflegung, Kranke usw.) sowie der Magazine von Nanungu setzen würde. Ich rückte deshalb noch in der Nacht mit dem Hauptteil meiner Kräfte über Makoti wieder an die Straße Nanungu-Mahua ab. Dicht am Feinde blieben nur starke Patrouillen, die aber nicht bemerkten, daß der Gegner ebenfalls noch während der Nacht seine Stellung räumte und in Richtung auf Mahua abzog. Am 6. Mai stellte sich heraus, daß die Meldung von den starken feindlichen Kräften an der Straße Nanungu-Mahua, die meinen Abmarsch veranlaßt hatte, verkehrt gewesen war; es befand sich dort überhaupt kein Feind. Hauptmann Müller, der das Schießen der englischen Minenwerfer gehört hatte, war in vortrefflicher Initiative aus seinem nordöstlich Mahua gelegenen Lager im Eilmarsch sofort auf den Gefechtslärm losmarschiert und anscheinend für Feind gehalten worden.
Als er auf dem Gefechtsfeld ankam, stellte er fest, daß der Gegner abgerückt war. Der Feind, der aus 4 Kompagnien und einer Maschinengewehrkompagnie bestand, und, nach seinen Befestigungsanlagen zu urteilen, 1000 Mann stark war, war durch unsere wenig mehr als 300 Gewehre -- wir waren 62 Europäer und 342 Askari gewesen -- vollständig geschlagen worden. Auf seiner Seite waren 14 Europäer und 91 Askari gefallen, 3 Europäer und 3 Askari hatte er an Gefangenen verloren. Außerdem war sein Hospital mit etwa 100 Verwundeten in unsere Hand gefallen; andere Verwundete hat er nach Aussage von Eingeborenen noch mitgenommen. Unsere Verluste betrugen: 6 Europäer, 24 Askari, 5 andere Farbige gefallen, 10 Europäer, 67 Askari und 28 andere Farbige verwundet.
Während diese für uns so erfreulichen Erfolge gegen die westlichen feindlichen Kolonnen erzielt wurden, hatte Abteilung Koehl gegen die feindliche Division, die von Porto Amelia auf Nanungu vordrang, andauernd Gefechte, manchmal von erheblichem Umfange, zu bestehen. Bei Medo hatte der Feind nach seiner eigenen Angabe recht schwere Verluste; in einem Gefecht, das westlich von Medo stattgefunden hatte, war es dem Hauptmann Spangenberg mit seinen 2 Kompagnien gelungen, den Feind sehr gewandt zu umgehen, von rückwärts her an seine leichte Feldhaubitzbatterie heranzukommen und diese im Sturm zu nehmen. Fast die gesamte Bedienung und Bespannung fiel. Leider war es nicht möglich, die Geschütze und die Munition mitzunehmen. Sie wurden unbrauchbar gemacht. Aber trotz solcher Einzelerfolge mußte Abteilung Koehl weiter zurückweichen. Es nahte der Augenblick, wo sich vielleicht durch rechtzeitiges Eingreifen meiner Hauptkräfte bei der Abteilung Koehl ein durchschlagender Erfolg gegen General Edwards erzielen lassen würde.
Wieder einmal war aber die Verpflegungsfrage ein Bleigewicht für die Bewegungen. Die Feldfrüchte der Landschaft waren im wesentlichen aufgezehrt bis auf den Mtama, der in dieser Gegend früher heranreift als in Deutsch-Ostafrika. Aber er war noch nicht reif. Um nicht rein aus Verpflegungsgründen abrücken zu müssen, halfen wir uns dadurch, daß wir den Mtama durch Trocknen notreif machten. Die Frucht war auch auf diese Weise gut verwertbar, und da in der Gegend sehr viel wuchs, so konnte im allgemeinen jeder so viel bekommen, wie er haben wollte, und keiner litt Not.
Der Bestand der Felder veranlaßte mich, mit den Hauptkräften der Truppe mehr nach Südwesten, in der Richtung auf Mahua, zu marschieren und in der Gegend des Timbaniberges, am Koromaberg, Lager zu beziehen. Von hier aus wollte ich im Notfall nach Süden weiterziehen, um in den fruchtbaren Gegenden der Vereinigung des Malema- und Lurioflusses die dortigen reichen Verpflegungsgebiete auszunutzen. Westlich des Timbaniberges war das Gelände günstig, um ein entscheidendes Gefecht gegen General Edwards aufzunehmen, der der Abteilung des Hauptmann Koehl von Nanungu weiter in südwestlicher Richtung folgte. Das außerordentlich felsige und zerrissene Gelände am Timbaniberg und 6 ~km~ nordöstlich davon bis zu der Stelle, auf die die Abteilung Koehl zurückgewichen war, war nicht günstig für ein von mir beabsichtigtes entscheidendes Gefecht. Am 21. Mai verrieten sich neue feindliche Lager westlich der Stellung der Abteilung Koehl durch ihren Rauch. Ich vermutete, daß dieser neue Gegner am 22. Mai der Abteilung Koehl von Westen her in den Rücken marschieren würde. Da habe ich leider versäumt, der Abteilung Koehl den ganz bestimmten Befehl zu geben, sogleich mit ihren Hauptkräften aus dem ungünstigen Gelände heraus bis südwestlich des Timbaniberges zu rücken. Statt des unzweideutigen Befehls gab ich eine Anweisung, die zu viel Freiheit des Handelns ließ.
So kam es, daß die Abteilung Koehl ihre Träger mit den Munitions- und Bagagelasten erst am 22. Mai vormittags in Marsch setzte. Auch das wäre noch gut gegangen, wenn nicht unglücklicherweise an ihrem Anfange der Gouverneur marschiert wäre, der sich bis dahin bei der Abteilung Koehl aufgehalten hatte. In Verkennung des Ernstes der Lage machte der Gouverneur mitten in dem ungünstigen Gelände, wo er jeden Augenblick der Überraschung durch den Feind ausgesetzt war, ohne sich wirkungsvoll verteidigen zu können, einen längeren Halt. Hierdurch ließen sich die Bagagen der Abteilung Koehl trotz dem ihnen vom Hauptmann Koehl erteilten ausdrücklichen Befehle verleiten, ebenfalls zu halten. Ich selbst erkundete an diesem Tage vormittags noch einmal das südwestlich des Timbaniberges gelegene, recht günstige Gelände und traf hierbei unter anderem den Leutnant Kempner, der tags vorher bei Abteilung Koehl verwundet worden war und zurückgetragen wurde. Bei der Abteilung Koehl selbst, wo seit dem Morgen mehrere Angriffe des Feindes abgeschlagen waren, war Gefechtslärm in weiter Ferne zu hören. Mit Hauptmann Koehl bestand telephonische Verbindung, und ich kehrte, ohne eine Ahnung von den Verhältnissen seiner Bagage zu haben, gegen 11 Uhr vormittags in das Koromalager zurück.
Um 12 Uhr mittags war ich gerade im Lager eingetroffen, als plötzlich Minenwerferfeuer in großer Nähe erscholl, zweifellos zwischen uns und der Abteilung Koehl. Unmittelbar darauf war die Fernsprechverbindung dorthin unterbrochen. Jetzt blieb keine Wahl, als sofort vom Koromalager her mit allen Kräften auf diesen neuen Gegner vorzumarschieren, wobei ich die stille Hoffnung hatte, daß es trotz der Ungunst des Geländes vielleicht gelingen würde, ihn zu überraschen und entscheidend zu schlagen. Nach einer knappen Stunde trafen wir am Timbaniberge ein und warfen vorgeschobene feindliche Abteilungen schnell zurück. Einige versprengte Leute von uns meldeten, daß der Gouverneur und die Bagage des Hauptmann Koehl vom Feinde überraschend angegriffen und alle Lasten verloren seien. Der Gouverneur selbst sei mit genauer Not entkommen, andere sagten, er sei gefangen genommen worden. Der Feind schoß ziemlich lebhaft mit mehreren Minenwerfern und wurde durch unsere Kompagnien von mehreren Seiten angegriffen. Er hatte aber eine gute Stellung eingenommen, in der er sich verschanzt und einen Teil der erbeuteten Lasten geborgen hatte. Leider nahmen wir ihm nur wenige wieder ab. Aber die feindliche Stellung wurde doch umstellt und unter konzentrisches, für den Feind recht verlustreiches Feuer genommen. Nach einer später erbeuteten Nachricht haben die I. King’s African Rifles allein hierbei etwa 200 Mann verloren.