Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Part 29

Chapter 293,330 wordsPublic domain

Unser Weitermarsch wurde durch den Feind nicht belästigt. Hauptmann Koehl war mit seiner Kompagnie westlich von Mpuera zurückgeblieben, um von rückwärts her gegen den Feind und seine Verbindungen zu wirken. Er folgte unserer Spur und hatte am Milweberg leichte Zusammenstöße mit dem 1. Bataillon der VI. King’s African Rifles, das am 8. September von Süden her am Milweberg eintraf. Wir zogen in mehreren Reihen quer durch das Pori, durch wildreiches Gebiet. Sogar einige Büffel wurden während des Marsches erlegt. Bei Kanene kreuzten wir die vom Amarambasee nach Mahua führende Etappenstraße. Der Feind hatte das Magazin von Kanene abgebrannt, aber wir fanden in der Landschaft selbst ausreichend Verpflegung, und die materielle Lage der Truppe würde gut gewesen sein, wenn nicht die Influenzaepidemie immer mehr um sich gegriffen hätte. Etwa 50 Proz. hatten Bronchialkatarrh, und in jeder Kompagnie hatten 3 bis 6 Mann Lungenentzündung; da in der gesamten Truppe nur etwa 80 Kranke getragen werden konnten, so mußten etwa 20 Mann mit leichter Lungenentzündung zeitweise zu Fuß gehen. Eine befriedigende Lösung des Krankentransportes war eben nicht möglich, oder man hätte die Kriegführung beenden müssen; man konnte die Kranken nicht einfach im Pori liegen lassen. Diese Zwangslage mußte die Nerven des vortrefflichen, leitenden Sanitätsoffiziers, Stabsarzt Taute, bis aufs äußerste in Anspruch nehmen. Es war ein Glück, daß dieser in ärztlicher und organisatorischer Hinsicht hochbegabte Mann sich unter dem Gewicht seiner Verantwortung aufrecht erhielt. Seinen Anordnungen und dem durch die Verhältnisse bedingten Wechsel der Gegend und des Klimas ist es zu danken, daß die Epidemie bald zurückging. Eine Anzahl schonungsbedürftiger Askari und anderer Farbiger folgten der Truppe langsam nach; manche von ihnen verloren den Mut, wenn sie unsere Lagerplätze dann immer schon verlassen vorfanden. Eine ganze Anzahl ist aber doch herangekommen, besonders, wenn die Truppe einen der kurzen Märsche machte oder, was allerdings selten vorkam, einen Ruhetag einlegen konnte.

Siebenter Abschnitt

Noch einmal auf deutschem Boden

Aber allzusehr aufhalten durften wir uns nicht. Die Kriegslage erforderte gebieterisch, daß wir die verpflegungsarmen und die durch die letzte Zeit des Krieges stark in Anspruch genommenen Gebiete östlich des mittleren Nyassasees schnell durchschritten. Schnelligkeit war hierbei umsomehr geboten, als der Feind zu Schiff Truppen an das Nordende des Nyassasees verschieben und uns so in der Besetzung des dortigen Gebietes mit starken Truppen zuvorkommen konnte. Als wir uns dem Lujendaflusse näherten, wurde das Gelände bergiger und war vielfach von Flußläufen und Schluchten durchzogen. Die Marschrichtung konnte nach dem Kompaß allein nicht innegehalten werden. Es war nötig, die Wasserscheide zu berücksichtigen und auf den Bergrücken entlang zu gehen. Glücklicherweise fand der Führer der Vorhut, Hauptmann Spangenberg, einige Eingeborene, die ihm als Pfadfinder das Aufsuchen eines guten Weges erleichterten. Aber einiges Hin und Her war nicht zu vermeiden, und das verzögerte unseren Marsch, während der Feind von Malacotera her auf guter Straße schnell nach Luambala Truppen und Verpflegung verschieben konnte.

Ich war etwas in Sorge, ob das Wasser des Lujendaflusses genügend abgelaufen sein würde, um die Furten benutzen zu können. Die Herstellung von Rindenbooten hätte wohl keine Schwierigkeiten gemacht, aber bei der reißenden Strömung würde das Übersetzen der gesamten Truppe kaum glatt vonstatten gegangen sein. Jedenfalls lag mir daran, daß es durch den Feind nicht gestört würde, und auch dies trieb zur Eile an. Glücklicherweise wurde durch vorausgesandte Patrouillen unterhalb von Luambala eine Furt gefunden, und das Durchwaten des Flusses an dieser Stelle machte keine Schwierigkeiten.

Aus einigen erlegten Flußpferden wurde wieder Fett zubereitet, und in der Gegend von Mwembe, das wir am 17. September erreichten, konnte die Verpflegung aufgefüllt werden. Dort wurde nach langer Zeit ein Ruhetag gemacht. Hier, bei Mwembe, erreichte die Lungenentzündung ihren Höhepunkt. Seit Mitte August waren 7 Europäer und etwa 200 Farbige an Lungenentzündung erkrankt, davon 2 Europäer und 17 Farbige gestorben. Die Magazine von Mwembe waren durch die schwache feindliche Postierung zerstört worden, aber die Landschaft bot doch noch ausreichende Vorräte. Bedenklich wurde die Trägerfrage. Die Leute wurden durch die andauernden Märsche, durch die Epidemie und das Tragen der vielen Kranken stark in Anspruch genommen, und wir näherten uns ihren heimatlichen Gebieten. Wahrscheinlich würden die Wangoniträger, sobald sie ihre nördlich des Rowuma gelegene Heimat erreichten, weglaufen. In der Gegend von Mwembe und den gut angebauten Tälern des Luscheringoflusses wurden mehrere feindliche Patrouillen des Intelligence-Department (der Nachrichtenabteilung) angetroffen, die zwar schnell verjagt wurden, aber doch anzeigten, daß der Feind im großen und ganzen über unseren Marsch unterrichtet war.

Fernpatrouillen von uns wurden nach Mitomoni und nach Makalogi gesandt. Südlich des Rowuma führte uns der Marsch nach Verlassen des Luscheringotales quer durch eine außerordentlich wildreiche Steppe, und ebenso war es am Rowuma selbst, den wir am 28. September erreichten. Aber der Wildreichtum hatte auch seine Nachteile; wieder einmal wurde ein Posten von Löwen geschlagen. Wir betraten wieder deutschen Boden und blieben bei Nagwamira zwei Tage; mehrere feindliche Magazine und Transporte, die über unser Erscheinen nicht unterrichtet waren, wurden überrascht. Die Landschaft war außerordentlich reich, und die Truppe konnte sich gründlich erholen. Unsere nach Mitomoni gesandten Patrouillen meldeten dort ein stärker befestigtes Lager und das Eintreffen von Verstärkungen, die von Westen her kamen. Auch Ssongea war vom Feinde besetzt, seine Stärke allerdings nicht festzustellen. Die verschiedenen Nachrichten, sowie die geographische Lage machten es wahrscheinlich, daß auch nach Ssongea, vom Nyassasee her, Verstärkungen unterwegs waren.

Wir marschierten weiter, auf Ssongea zu, und trafen südlich dieses Ortes auf reich besiedeltes Gebiet. Der feindliche Funkerverkehr zeigte an, daß feindliche Truppen in Ssongea standen und daß eine andere Kolonne, wahrscheinlich von Mitomoni her, in die Gegend von Ssongea gelangt war. Am 4. Oktober marschierte ich westlich an Ssongea vorbei weiter nach Norden. Als die Vorhut unter Hauptmann Spangenberg an der großen Straße Ssongea-Wiedhafen anlangte, wurde sie durch drei feindliche Kompagnien mit Minenwerfern angegriffen, die von Westen her gekommen waren. Der Feind wurde ein Stück zurückgeworfen. Wegen des sehr berg- und schluchtreichen, für einen Angriff nicht günstigen Geländes und der späten Tagesstunde war es unwahrscheinlich, noch an diesem Tage einen wirklich durchschlagenden Erfolg erzielen zu können. Morgen aber würde neuer Feind eintreffen. Ich führte deshalb den Angriff nicht weiter durch und marschierte westlich am Feinde vorbei in ein Lager bei der Missionsstation Peramiho.

Beim Weitermarsch durch das Wangoniland entliefen, wie befürchtet, eine ganze Anzahl der Wangoniträger. Es war ja auch Übermenschliches verlangt, daß diese Leute, nachdem sie jahrelang ihre Angehörigen nicht gesehen hatten, jetzt einfach durch deren Gebiet hindurchmarschieren sollten. Dazu ist das Heimatgefühl des Negers zu stark. Auch Samarunga, einer meiner eigenen Träger, ein sehr anhänglicher und zuverlässiger Kerl, hatte sich Urlaub zum Besuch seines in der Nähe befindlichen Dorfes erbeten. Er kam auch ganz ehrlich zurück und brachte seinen Bruder mit. Beide marschierten dann weiter mit uns; auch als der Bruder wieder fortgegangen war, blieb Samarunga noch. Um seine gedrückte Stimmung zu heben, gab ich ihm von meiner Fleischportion, aber am nächsten Morgen war er doch verschwunden, nachdem er meine Sachen noch gut in Ordnung gebracht hatte.

Nördlich Ssongea wurden wieder einzelne feindliche Nachrichtenpatrouillen aufgegriffen. Tagelang zogen wir durch ehemals besiedeltes, reiches Land. Tausende von Farmern könnten sich dort in gesundem, schönem Klima ansiedeln. Am 14. Oktober kamen wir nach Pangire (Jacobi), einer anmutig gelegenen Missionsstation, in der vor dem Kriege Missionar Gröschel mich bei meiner letzten Friedensreise gastlich ausgenommen hatte. Die Familie des Missionars war fortgeführt worden, aber die zum Wabenastamme gehörigen Eingeborenen waren geblieben und traten uns wie im Frieden zutraulich entgegen. Auch mehrere alte Askari, die aus irgendwelchen Gründen von der Truppe abgekommen waren, meldeten sich wieder. Auch in dieser Gegend wurden einzelne Intelligence-Patrouillen angetroffen und verjagt. In dem viehreichen Lande der Wabena wurden die bis dahin recht geringen Viehbestände der Truppe vergrößert und so eine bewegliche Verpflegungsreserve geschaffen, die wesentlich zur Entlastung des Trosses beitrug. Nach dem Abmarsch von Pangire wurde eine in diesem Ort zurückgelassene Patrouille durch eine feindliche Abteilung beschossen. Bei Ubena wurde unsere Nachhut, Hauptmann Müller, durch mehrere feindliche Kompagnien angegriffen, die von Süden her kamen. Eine stärkere feindliche Kolonne folgte uns also auf der Spur. Die freien, ganz offenen Steppen von Ubena waren für unsere Kriegführung nicht günstig, da sie auf weite Entfernung durch Gewehr- und Artilleriefeuer beherrscht wurden. Verschiedentlich wurde zudem der Anmarsch stärkerer feindlicher Kräfte von Mwakete her auf Ubena gemeldet; diese Meldungen erwiesen sich teilweise als unrichtig und führten zu einem kurzen Gefecht zweier deutscher Patrouillen gegeneinander.

Der Schiffstransport feindlicher Truppen zum Nordende des Nyssasees und ihr Vormarsch auf Ubena oder weiter nördlich war recht wahrscheinlich und hat sich später auch als zutreffend erwiesen. Wollte ich die Marschrichtung auf Tabora abbrechen und zwischen dem Nyassa- und Rukwasee und später zwischen dem Nyassa- und Tanganjikasee hindurch nach Rhodesien marschieren, so rückte jetzt der Zeitpunkt zum Abbiegen heran, und ich durfte keinen Tag verlieren, um so mehr, als die schroffen Züge des Livingstonegebirges sowie die Berge um Mbeja die Bewegungsfreiheit sehr beschränkten. Bei der Festlegung der Marschroute war zu berücksichtigen, daß die Verpflegungsbestände der Kompagnien stark zusammengeschmolzen waren und ergänzt werden mußten. Die Möglichkeit hierzu bot, nach Eingeborenenaussagen, die Gegend von Kidugala und Gombowano, während in Ussangu, insbesondere bei Neu-Utengule, Hungersnot sein sollte.

Am 17. Oktober marschierte ich mit dem Gros von Ubena ab, ließ dort den General Wahle, zwei andere Europäer und einige Askari krank oder verwundet zurück und erreichte Kidugala; Abteilung Koehl folgte am 18. Oktober. An diesem Tage wurde die Boma Ubena durch etwa 100 feindliche Askari besetzt, 200 bis 300 gingen nach Norden zur Iringastraße vor. Aus erbeuteten Zeitungen entnahmen wir, daß am 29. September Cambrai gefallen war und die Belgier bis 3 ~km~ westlich Roubaix gekommen waren. Wir lasen vom Aufhören der Feindseligkeiten in Bulgarien, vom Rücktritt des Grafen Hertling und der Einnahme von St. Quentin und Armentières. Aber die Aufgabe von Stellungen und Ortschaften konnte so verschiedenartige Gründe haben, daß ich diesen Nachrichten keine entscheidende Bedeutung beimaß.

Der Weitermarsch führte bei Gombowano und Brandt durch recht viehreiches Gebiet. Missionen und Schulen waren verlassen, aber die Gartenfrüchte, besonders Maulbeeren und Pfirsiche, waren uns hoch willkommen. Auch fanden wir im Pori große Massen wilder Feigen und anderer wohlschmeckender süßer Früchte. Kleinere Patrouillenzusammenstöße zeigten uns an, daß feindliche Truppen vom Nyassasee her direkt nach Norden in die Gegend von Brandt kamen. In Ruiwa fanden wir große englische Magazinanlagen vor; einen ganzen Schuppen mit Leder mußten wir vernichten. Dann ging es weiter zur Mission Alt-Utengule, die mir gleichfalls vom Frieden her wohlbekannt war; sie lag jetzt verlassen. Dann erreichten wir die Mission Mbozi. Dorthin hatten die Engländer die Männer aus der Landschaft bestellt, sie untersucht und nach Neu-Langenburg geschickt, wahrscheinlich, um dort Askari aus ihnen zu machen. In Mbozi war ein großes englisches Magazin, das unter anderem 75 Lasten Salz und 47 Lasten Kaffee enthielt.

Es war schwer, sich durch das Gebiet richtig hindurchzutasten. Meist war es uns wenig bekannt, und seit Jahren hatte es der Feind durch Anlage von Magazinen und Transportstraßen verändert. Zu vorherigen Erkundungen fehlten uns Zeit und Kräfte, und das Moment der Überraschung wäre weggefallen. Die Eingeborenen waren den Engländern recht feindlich gesonnen und leisteten uns gute Dienste, aber ihre Angaben waren doch oft wenig klar. Während wir in Mbozi einen Ruhetag machten und dort die Verpflegung ergänzten, waren unsere Patrouillen weithin unterwegs, die eine nach Galula (Mission Sankt Moritz), eine nach Itaka, eine in Richtung auf Neu-Langenburg und eine in Richtung auf Fife. Die Abwesenheit von einigen derselben würde Wochen dauern; ihre Meldungen konnten nicht abgewartet werden.

Immerhin wurde so viel klar, daß an Mbozi vorbei eine Hauptetappenstraße des Feindes von Fife über Rwiba nach Neu-Langenburg lief. Mehrere an dieser befindliche Magazine und auf ihr verkehrende Verpflegungskolonnen wurden erbeutet oder ihre Bestände zerstört. Das Vorhandensein dieser Straße bewies, daß in der Gegend von Fife ein größeres englisches Magazin liegen mußte. Wahrscheinlich war dies bei schnellem Zufassen zu nehmen, bevor stärkere Kräfte des Feindes dort eintrafen. Am 31. Oktober vormittags war eine Kampfpatrouille auf Fife abgesandt worden. Eingeborene und Patrouillen meldeten am gleichen Tage abends den Vormarsch stärkerer feindlicher Kräfte auf der Straße Neu-Langenburg-Rwiba. Am 1. November früh marschierte ich mit der gesamten Truppe zunächst zum Rwibaberge ab. Dort zeigten die Spuren, daß eine stärkere feindliche Kolonne den Rwibaberg in Richtung auf Fife kurz vor uns passiert hatte. Dieser Feind war von einer deutschen, zum Rwibaberg entsandten Kampfpatrouille nicht bemerkt worden.

Achter Abschnitt

Einmarsch in Britisch-Rhodesien

Unsere am 31. Oktober nach Fife entsandte zweite Kampfpatrouille hatte sich am Rwibaberge aufgehalten. Ich mußte nun mit der ganzen Truppe sofort nach Fife weitermarschieren, um dieses vor dem Feinde zu erreichen oder, falls unsere erste Patrouille dort im Gefecht stehen sollte, einzugreifen. Der zehnstündige Marsch (reine Marschzeit) von Mbozi nach Fife war eine ganz gewaltige Anstrengung für die Truppe, aber die Meldungen unserer Patrouillen, die Spuren des Feindes und seine an Bäumen vorgefundenen Zettel bewiesen einwandfrei, daß der Feind alles daransetzte, Fife noch am gleichen Tage, am 1. November, zu erreichen. Bei der Größe auch seines Marsches war man zu der Annahme berechtigt, daß unsere Kampfpatrouille, die ich am 31. Oktober, spätestens am 1. November früh bei Fife vermutete, den Feind den 1. November über an der Besetzung des Magazins von Fife hindern würde. Im Laufe des Nachmittags beschossen wir einige Patrouillen, ohne unseren Marsch aufzuhalten. Am Spätnachmittag wurden schwächere Abteilungen des Feindes in den Bergen nahe bei Fife schnell zurückgeworfen. Ich selbst ging mit der Abteilung Spangenberg, die rechts von der Straße abgebogen war, auf einen Bergrücken, auf einen Punkt vor, wo wir das Lager von Fife vermuteten.

Das Gelände wurde offener und war in der Hauptsache mit kniehohem Buschwerk und Gras bedeckt, als wir auf wenige hundert Meter vor uns Leute herumgehen und dicht stehende Zelte sahen. Die Leute benahmen sich so harmlos, daß ich fast glaubte, es wäre unsere eigene Kampfpatrouille. Aus 200 ~m~ erhielten wir dann aber ein sehr heftiges und anfangs auch recht gut gezieltes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Glücklicherweise wurde es von unseren Schützen nicht erwidert, da ich vor diese geraten war und zwischen beiden Parteien lag. Nach einiger Zeit fing der Feind, der sich augenscheinlich selbst wild gemacht hatte, an, hoch zu schießen. Es begann dunkler zu werden, so daß meine Patrouille sich zu unserer Schützenlinie zurückziehen konnte. So war wenigstens Klarheit über die Lage geschaffen: ein Feind von mehreren Kompagnien lag vor uns in verschanzten Stellungen mit gutem Schußfelde. Seine vorgeschobenen Abteilungen waren zurückgeworfen worden. Die Magazine lagen zum Teil außerhalb der Schanzen und fielen später in unsere Hand. Den verlustreichen Sturm auf diesen Feind wollte ich nicht ausführen, dagegen schien mir die Gelegenheit günstig, den Gegner in seinem eng zusammengedrängten Lager mit unserem Minenwerfer und von erhöhter Stelle aus mit unserem Geschütz und dann, wenn er sich zeigte, auch mit Gewehr- und Maschinengewehrfeuer zu beschießen. Unsere Maschinengewehre wurden in der Nacht dicht an seine Stellung herangeschoben und verschanzt. Die Erkundung für eine günstige Geschützstellung wurde auf den nächsten Vormittag verschoben.

Es war wahrscheinlich, daß die Eröffnung unseres Minenwerfer- und Geschützfeuers den von Neu-Langenburg kommenden Feind zum Angriff gegen uns veranlassen würde. Ein solcher Angriff gegen unsere Höhen wäre sehr schwer gewesen. Aber trotz der Beschießung am 2. November, bei der auch einige Verluste beobachtet wurden, zeigte sich kein neuer Gegner. Der erhoffte durchschlagende Erfolg gegen das Lager blieb aus, da unser Minenwerfer bei einem der ersten Schüsse durch eine zu früh krepierende Mine vernichtet wurde. Flachbahnwaffen allein gegen den gedeckten Feind konnten nichts ausrichten. Am Nachmittag marschierte unser Gros mit den mehr als 400 Stück starken Viehherden ab und zwischen Fife und der Mission Mwenzo hindurch nach Rhodesien hinein. Im Lager angekommen, sahen wir die starken Rauchsäulen der Magazine von Fife, die Abteilung Müller nach unserem Abmarsch in Brand gesteckt hatte. Aus Richtung von Mission Mwenzo wurde mehrfach kurzes Feuer gehört.

Allmählich trafen von dort Meldungen ein. Bei Mwenzo waren außer unserer von Mbozi entsandten Kampfpatrouille auch andere Patrouillen von uns eingetroffen und hatten sich mit englischen Patrouillen, manchmal auch untereinander, herumgeschossen. Eine Meldung besagte, daß eine feindliche Patrouille mit ganz dunklen, bisher unbekannten Uniformen aufgetreten sei; es müsse sich jedenfalls um einen neu erschienenen Truppenteil handeln. Nach vielen Nachforschungen stellte sich schließlich heraus, daß eine unserer eigenen Patrouillen infolge ihrer allerdings nicht mehr reglementsmäßigen Ausrüstung dauernd für Feind gehalten wurde. In der Mission Mwenzo selbst befand sich ein stehendes feindliches Lazarett, in dem unser Sanitätsmaterial ergänzt werden konnte. Die Chininvorräte wurden auf über 14 ~kg~ ergänzt, und die Chininversorgung damit bis Ende Juni 1919 sichergestellt.

Verschiedene Nachrichten und Gefangenenaussagen ließen erkennen, daß Transporte des Feindes aus der Gegend von Broken Hill nach Kasama und von dort weiter nach Fife gingen, und zwar mit Automobilen und Ochsenwagen. Kasama selbst schien eine größere Ortschaft und ein wichtiger Straßenknotenpunkt zu sein. Jedenfalls waren auf dem Wege von Fife bis Kasama Magazine des Feindes zu vermuten und Kasama selbst ein lohnendes Objekt. Zudem lag es, soweit man aus dem Atlas ersehen konnte, so, daß man sich dort entscheiden konnte, weiter nach Süden um den Bangweolosee herum die Wasserscheide Zambesi-Kongo zu erreichen oder nach Westen zwischen Bangweolosee und Moerosee hindurch weiter zu marschieren. Die Angaben waren allerdings äußerst schwankend und gründeten sich fast ausschließlich auf einige Askari, die als Knaben in der Gegend des Moerosees an Handelskarawanen teilgenommen hatten.

Die wichtige Frage, wie die Flüsse und besonders der aus dem Bangweolosee in den Moerosee fließende Luapala beschaffen waren, blieb zunächst unbeantwortet. Erst einige in diesen Tagen erbeutete Karten und Beschreibungen schafften hierüber Klarheit. Nach diesen ist der Luapala eine ganz gewaltige Barriere; tief und an vielen Stellen mehrere Kilometer breit, ist er von ausgedehnten Sümpfen eingefaßt. Bei der bevorstehenden Regenzeit würde ein Übersetzen über denselben auf Einbäumen auf Schwierigkeiten stoßen, da diese Einbäume bei unserer Annäherung sicherlich auf das andere Ufer geschafft oder versteckt werden würden. Ich habe damals jede Minute zum Studium von Karten und Reisebeschreibungen verwandt und auf jeder Marschpause vertiefte ich mich in diese. Die Gefahr, infolge mangelnder Orientierung sich in dem von gewaltigen Strömen und Seen durchsetzten Gebiet festzurennen, war groß.

Zunächst galt es, die Etappenstraße Fife-Mission Kajambi-Kasama schnell aufzurollen. Bewegliche Kampfpatrouillen wurden in Gewaltmärschen vorausgeschickt, erbeuteten mehrere kleinere Magazine, nahmen deren Verwalter gefangen und fingen auch einige Ochsenwagenbespannungen. Hauptmann Spangenberg folgte mit 3 Kompagnien unmittelbar, dann mit etwa Tagemarschabstand das Gros der Truppe.

Die gewaltigen Marschanforderungen und das Abbiegen in südwestlicher Richtung, in ganz neues, unbekanntes Land, wurde einer Anzahl Träger zu viel. An einem Tage allein entliefen beim Kommando 20 Wasipe, die in der Gegend von Bismarckburg beheimatet waren und 13 anderweitige Träger.

In Kajambi traf das Gros am 6. November ein; die katholische Missionsstation besteht aus wundervollen und geräumigen, massiven Gebäuden. Die Missionare waren unnötigerweise geflohen. Im Schwesternhaus lag für mich ein Brief einer katholischen Schwester. Sie stammte aus Westfalen und appellierte als Landsmännin an meine Menschlichkeit. Sie würde sich sicherlich manche Unbequemlichkeit erspart haben, wenn nicht nur sie, sondern auch die übrigen Angehörigen der Mission ruhig auf ihrem Posten geblieben wären. Wir hätten ihnen ebenso wenig getan wie früher dem alten englischen Missionar in Peramiho bei Ssongea. Das Land war außerordentlich reich; im Missionsgarten wuchsen prachtvolle Erdbeeren. Bei der 2 Stunden nordöstlich Kajambi lagernden Nachhut wurde mittags Gewehrfeuer gehört; Hauptmann Koehl war dort zum Ernten von Verpflegung geblieben, Europäer und Askari zum großen Teil in einzelne Erntepatrouillen auseinandergezogen. Da wurde er von einer feindlichen Patrouille angegriffen. Hauptmann Koehl zog sich aus der unerquicklichen Lage heraus und machte am nächsten Tage bei Mission Kajambi wieder Front, wobei der Feind gelegentlich mit Erfolg unter überraschendes Feuer genommen wurde. Der Weitermarsch unseres Gros auf Kasama wurde am 7. November fortgesetzt. Ein Nachrücken des Feindes wurde nicht beobachtet. Sollte er aber doch nachdrücken, so war anzunehmen, daß er dies aus Verpflegungsgründen nicht in allzu großer Stärke tun konnte. Es bot sich die Aussicht, nach schneller Wegnahme von Kasama und auf diesen Ort basiert Front zu machen und ein günstiges Gefecht zu liefern.

Aber das waren Zukunftshoffnungen; für das erste galt es, schnell Kasama selbst zu nehmen, das nach den vorliegenden Nachrichten zwar nicht sehr stark besetzt, aber gut befestigt war. Hauptmann Spangenberg mit der Vorhut vergrößerte seinen Tagesmarschvorsprung immer mehr durch gesteigerte Marschleistungen. Ich folgte mit dem Gros; Verpflegung wurde ausreichend gefunden, und auch die Schilderungen verschiedener Bücher, nach denen der Wald reich an schmackhaften Porifrüchten sein sollte, bestätigten sich.