Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 21
Ich hielt es damals für möglich, daß der Abmarsch des Feindes von Lukuledi nach Norden hervorgerufen war durch Bewegungen unserer Truppen, die unter Hauptmann Tafel von Mahenge her in Anmarsch waren. Mit ihm fehlte seit Anfang Oktober jede Verbindung. Er hatte Anweisung erhalten, vor den starken, feindlichen Kolonnen, die von Norden (Ifakara), Westen und Südwesten (Likuju, Mponda) her auf Mahenge zu vordrangen, nur ganz allmählich auszuweichen und die Vereinigung mit den unter mir stehenden Hauptkräften zu suchen. Ich hielt es für wohl möglich, daß er bereits jetzt in der Gegend von Nangano oder westlich davon eingetroffen war und der Feind aus Besorgnis für seine eigenen rückwärtigen Verbindungen jetzt in Lukuledi wieder kehrtgemacht hatte.
Zwölfter Abschnitt
Die letzten Wochen auf deutschem Boden
Am 24. Oktober traf der Gouverneur von Chiwata her, das inzwischen zum Zentralpunkt der Verwaltung geworden war, in meinem Lager östlich Lukuledi zu einer Rücksprache ein. Ich legte meine Auffassung endgültig dahin fest, daß trotz aller Verpflegungsschwierigkeiten, die in Deutsch-Ostafrika bald entstehen mußten, der Krieg weitergeführt werden könne und müsse. Die Möglichkeit hierzu werde durch eine Basierung auf das portugiesische Gebiet geboten. Dies sei nur ausführbar, wenn wir in Portugiesisch-Ostafrika eindringen und Deutsch-Ostafrika räumen würden.
Die Verpflegungsfrage wurde brennend; in unseren vorhandenen Magazinen hatten wir rund 500000 ~kg~ liegen. Das würde für etwa anderthalb Monate reichen. Aber es hatte sich herausgestellt, daß die Zahlen kein unbedingt zuverlässiges Bild ergaben. Die gestapelten Säcke waren zum großen Teil mindergewichtig, und die Körner hatten durch Insektenfraß gelitten. Neue Ernte war frühestens erst wieder im März zu erwarten. Bei den weiteren Operationen mußte daher rein vom Verpflegungsstandpunkt aus eine Verschiebung nach Süden stattfinden. Allerdings rechnete ich noch mit der Möglichkeit, daß Hauptmann Tafel mit seinen Truppen in der Gegend von Massassi und Chiwata eintreffen würde und daß ich ihm dann die hauptsächlich in der Gegend von Chiwata liegenden Magazinbestände überlassen könnte, um selbst mit einem Teil der Truppen von Chiwata aus das Makondehochland in Richtung auf Lindi zu überschreiten und die Hauptetappenstraße des Feindes am Lukuledifluß anzugreifen. Für beide Möglichkeiten der weiteren Kriegführung war die Gegend von Chiwata wegen ihres Reichtums für uns von größter Bedeutung. Chiwata war aber nicht geschützt und war noch dadurch gefährdet, daß auch von Norden her gegen Mnacho feindliche Unternehmungen stattfanden, sich auch berittene Abteilungen des Feindes an der Straße Lukuledi-Lindi in der Gegend von Ndanda zeigten. Auch schenkte die feindliche Fliegertätigkeit unseren Lagern von Chiwata eine gesteigerte Aufmerksamkeit.
Dies waren die Gründe, aus denen ich Ende Oktober 1917 mit dem Hauptteil meiner Truppen von Lukuledi abrückte. Es war noch nicht zu übersehen, ob sich von Chiwata aus erneut die Gelegenheit zu einem Vorstoß auf eine der voraussichtlich demnächst wieder vorrückenden Kolonnen des Feindes bieten würde. Für die nächsten Wochen richtete sich der Druck des Feindes wiederum gegen die Abteilung Wahle. Dort traten ganz neue Truppen auf, unter ihnen auch das aus südafrikanischen Mischlingen gebildete Capekorps. Dieses hatte an der Zentralbahn gestanden und war zur Verstärkung der Truppen des Generals Beves anscheinend über Daressalam-Lindi herangezogen. Glücklicherweise hatte General Beves diese Verstärkungen nicht abgewartet, als er seine Niederlage bei Mahiwa herbeiführte.
General Wahle wich Schritt für Schritt den Lukuledi aufwärts aus. Leider konnte ich ihm keine Unterstützungen schicken, mußte ihm sogar einige Kompagnien fortnehmen, um von Chiwata aus bei günstiger Gelegenheit Truppen für einen Vorstoß in der Hand zu haben und zugleich unsere Magazine zu schützen. Durch die Buschgefechte der Abteilung Wahle, zu denen es fast täglich kam, wurden dem Feinde anscheinend erhebliche Verluste beigebracht und er zähe hingehalten; zu einem durchschlagenden Teilerfolg und zu erheblicher Munitionsbeute kam es aber nicht, und unsere Munitionsbestände zehrten sich mehr und mehr auf. Am 6. November ritt ich von Chiwata nach Nangoo bei Ndanda und erkundete hier dicht hinter der Abteilung Wahle das Gelände für ein etwaiges Eingreifen mit den Chiwatatruppen. Am 7. November ritt ich von Nangoo aus in südlichem Bogen über das Makondehochland nach Chiwata zurück. Am gleichen Tage wurden wieder feindliche Truppen bei Lukuledi festgestellt, am 9. November fand ein Patrouillengefecht bei Chigugu statt, dicht westlich Chiwata.
In dieser kritischen Zeit, wo sich die Anfänge der feindlichen Kolonnen Chiwata näherten, bestand für uns naturgemäß das dringende Bedürfnis, uns auf eine dieser Kolonnen mit allen unseren Kräften so frühzeitig zu werfen, daß die anderen feindlichen Kolonnen in das Gefecht nicht eingreifen konnten. Für einen solchen Schlag war Vorbedingung, daß wir unsere an sich geringe Truppenzahl in ihrer vollen Gefechtsstärke zur Wirkung bringen konnten. Hierbei spielte die Munitionsfrage eine Hauptrolle. Unsere gesamten Munitionsbestände waren auf rund 400000 Patronen zusammengeschmolzen, das war bei einer Zahl von rund 2500 Gewehren und 50 schweren und leichten Maschinengewehren, die tatsächlich, wenn man alles zusammenraffte, in Frage kamen, für ein ernstes Gefecht schon knapp, und die Weiterführung des Kampfes war nur dann möglich, wenn Munition erbeutet wurde. Hierfür war das Gelände ungünstig. In dem dichten Busch war der einzelne geneigt, viel zu schießen und wenig zu treffen; die Munitionsbestände zehrten sich auf, ohne daß schnelle, für uns günstige Entscheidungen erzielt wurden. Eine befriedigende Lösung der Munitionsfrage wurde noch dadurch unmöglich gemacht, daß die Patronen zum weitaus größten Teil aus der rauchstarken Munition 71 bestanden, während die Truppe nur zu rund ⅓ mit Gewehren 71 bewaffnet war; ⅔ hatten deutsche, englische oder portugiesische moderne Gewehre, und für diese war ausreichende Munition nicht vorhanden. Die geringen Bestände an modernen Patronen waren für unsere Hauptwaffe, die Maschinengewehre, notwendig. Da war guter Rat teuer. Es blieb nichts übrig, als im Gefecht von jeder Kompagnie nur den mit Gewehr 71 bewaffneten Zug einzusetzen und schießen zu lassen, die beiden anderen Züge, die modern bewaffnet waren, und bei denen jeder Mann nur etwa 20 zu seinem Gewehr passende moderne Patronen, im übrigen aber rauchstarke Patronen 71 trug, in Reserve zurückzuhalten. Die Züge wurden dann abgewechselt, so daß, wenn zuerst der erste Zug mit Gewehren 71 gefochten hatte, er seine Gewehre an den ihn ablösenden zweiten Zug abgab, selbst dessen moderne Gewehre nahm und in Reserve zurückgezogen wurde. So konnte günstigenfalls nur ein Drittel der verfügbaren Streiterzahl wirklich ins Gefecht eingesetzt werden, und auch dieses mußte mit den Patronen aufs äußerste sparen.
Die Artilleriemunition war bis auf einige Schuß unserer beiden Gebirgsgeschütze und einige portugiesische Munition bis zur letzten Patrone verschossen worden. Unsere letzte Feldhaubitze sowie das bei Mahiwa erbeutete englische Geschütz wurden gesprengt. Die beiden letzten 10,5 ~cm~-Königsberggeschütze waren schon einige Tage vorher vernichtet worden. Ein deutsches Gebirgsgeschütz wurde einen Tag später bei Kitangari vernichtet und versenkt. So blieb noch ein deutsches und ein portugiesisches Gebirgsgeschütz übrig. Der Mangel an Artilleriemunition war in den letzten Monaten schon so erheblich gewesen, daß wir an sämtlichen Beständen alles in allem selten mehr als 300 Schuß hatten. Das war etwa die Gefechtsausrüstung eines einzigen der so zahlreichen englischen Geschütze.
Unter solchen Verhältnissen war ein erfolgverheißender Offensivstoß nur möglich, wenn die Lage sich ganz ausnahmsweise günstig gestaltete. Dieser Fall trat nicht ein. Zwar wurde mit Kampfpatrouillen gearbeitet und der Feind nach Möglichkeit geschädigt, sonst aber blieb nichts übrig, als daß die Truppen des Generals Wahle und die noch bei Mnacho zum Abtransport der dortigen Bestände stehengebliebene 11. Feldkompagnie vor dem nachdrängenden Feind allmählich aus Chiwata zu auswichen. Am 10. November wurde die unmittelbar im Rücken des Generals Wahle, der bei Nangoo stand, liegende Mission Ndanda durch einen starken Gegner, der vom Westen kam, überraschend besetzt. Das dortige Feldlazarett und ein Teil unserer Bestände fielen in die Hand des Feindes. Die südlich Ndanda stehende Abteilung Lieberman sicherte den Abmarsch der Abteilung Wahle, die von Nangoo aus aus dem von mir am 7. November erkundeten Wege südöstlich von Nangoo das Makondeplateau erstieg und sich dann durch den Abmarsch quer über das Plateau nach Chiwata der durch den Feind gestellten Schlinge entzog. Auch die 11. Kompagnie fand sich von Mnacho her heran, und so war, abgesehen von der Abteilung des Hauptmanns Tafel und kleiner, weiter südlich stehender Detachierungen, die gesamte Truppe bei Chiwata vereinigt; die allmähliche Verschiebung unserer Bestände aus Chiwata in östlicher Richtung aus Nambindinga zu war im Gange und auf diese Weise der weitere Abmarsch auf Kitangari eingeleitet. Dabei spähte ich gespannt danach aus, ob sich nicht eine der feindlichen Kolonnen eine Blöße geben würde. Am 14. November glaubte ich, diesen Fall eintreten zu sehen.
Eine starke feindliche Kolonne, zu der das 10. südafrikanische berittene Infanterieregiment gehörte, hatte uns von Lukuledi aus über Massassi umgangen und griff an diesem Tage von Südwesten her das zwei Stunden südlich Chiwata gelegene Mwiti an. In diesem Ort, der bisher nur schwach besetzt gewesen war, war am Tage vorher durch Verschiebungen von Chiwata her die Abteilung von Lieberman (drei Kompagnien) versammelt worden. Trotz aller Munitionsschwierigkeiten bot sich, wie ich glaubte, die Möglichkeit, mit der bei Chiwata stehenden Abteilung Koehl so überraschend in das Gefecht bei Mwiti einzugreifen, daß dieser Gegner vereinzelt geschlagen wurde; ich war aber zu sehr mit den allerdings schwierigen Anordnungen für den Abmarsch auf Nambindinga beschäftigt und habe die sich bei Mwiti bietende Gelegenheit leider unbenutzt vorübergehen lassen.
So blieb mir nur das allmähliche Ausweichen auf Nambindinga übrig. Bei der Räumung von Chiwata fielen die kriegsgefangenen europäischen Mannschaften des Feindes sowie die Inder, die zum Lazarett transportiert worden waren, zusammen mit diesem, zum großen Teil mit Schwerverwundeten gefüllten Lazarette in Feindeshand. Der Abmarsch auf Nambindinga fand unter steten Gefechten vom 15. bis 17. November statt. Ich wollte den Feind veranlassen, die konzentrische Bewegung seiner von Norden, Westen und Süden vorrückenden Kolonnen auch wirklich bis zu deren Vereinigung auszuführen; dann, wenn der Feind auf engem Raume mit seiner großen, unbehilflichen Menschenmasse stand, konnte ich abmarschieren, wohin ich wollte. Am 17. November mußte ich bei Nambindinga einen entscheidenden Entschluß fassen. Das dauernde Buschgefecht drohte unsere letzte Munition zu verzehren. Es wäre sinnlos gewesen, dieses Fechten, das zu keiner für uns günstigen Entscheidung führen konnte, weiter fortzusetzen. Wir mußten also abmarschieren.
Gleichzeitig mußten wir unsere Kopfstärke vermindern. Denn unsere vielen Leute mit wenig Munition hatten weniger Gefechtskraft als eine geringere Zahl, aber ausgesuchter Leute mit ausreichender Munition. Die Verpflegungslage forderte das gleiche. Nur durch eine erhebliche Verminderung unserer Verpflegungsstärke ließ es sich ermöglichen, mit den vorhandenen Vorräten noch zwölf Tage zu reichen. Unser Verpflegungsgebiet war eingeengt, neuer Aufkauf durch den Feind gestört und die Lebensmittel der Landschaft erschöpft. Der Bestand an Chinin reichte für die Europäer noch auf einen Monat. Nach Aufbrauch dieses letzten Chinins mußten die Europäer der Malaria und ihren Folgen erliegen; sie würden den Strapazen des Tropenkrieges nicht mehr gewachsen sein. Nur bei Reduzierung der Europäerzahl auf ein Minimum blieb für den einzelnen so viel Chinin, daß wir noch monatelang würden weiteroperieren können. Es kam darauf hinaus, unsere Truppe auf rund 2000 Gewehre zu vermindern und hierbei die Europäerzahl auf nicht über 300 festzusetzen. Alles, was über diese Zahl hinausging, mußte zurückgelassen werden. Es half nichts, daß bei den mehreren hundert Europäern und 600 Askari, die wir so notgedrungen im Lazarett Nambindinga zurückließen, sich auch Leute befanden, die gern weitergefochten hätten und die gesundheitlich hierzu in der Lage waren. Leider läßt es sich nicht verschweigen, daß es einer Anzahl derer, die hier bei Nambindinga blieben, auch von den Europäern, nicht unwillkommen war, die Waffen niederzulegen. Aber es verdient doch hervorgehoben zu werden, daß es nicht nur der Mehrzahl der Europäer, sondern auch vielen Askari bitter schwer geworden ist, zurückbleiben zu müssen. Manchem braven Askari mußte seine Bitte, bei uns bleiben und mit uns fechten zu dürfen, abgeschlagen werden. Als aber nach zwei Tagen Oberleutnant Grundmann, obgleich er nach schwerer Verwundung kaum gehen konnte, wieder bei mir eintraf und meldete, er habe es trotz Befehl nicht übers Herz bringen können, in Gefangenschaft zu gehen, da habe ich mich über diesen Ungehorsam gefreut, wie selten.
Es mag hier erwähnt werden, daß der Feind mit unseren Gefangenen im allgemeinen, soweit ich es zu beurteilen in der Lage bin, menschlich verfuhr; aber doch scheint mir, daß er bestrebt war, uns Grausamkeit gegen englische Gefangene zuzuschieben, vielleicht um hieraus die Berechtigung zu Repressalien herzuleiten, vielleicht auch aus anderen Gründen. Leutnant d. R. Gutsch war in Ndanda krank zurückgelassen worden und in Feindeshand geraten. Auf die ganz aus der Luft gegriffene und unerwiesene Behauptung eines Schwarzen hin, daß Leutnant Gutsch gelegentlich einer Patrouille einen englischen Verwundeten verbrannt habe, wurde er in Handfesseln gelegt und dann auf der Seefahrt nach Daressalam mehrere Tage lang in den Vorraum des Aborts eingeschlossen. In Daressalam wurde er mehrere Wochen lang ins Gefängnis gesperrt, ohne überhaupt verhört zu werden. Als er dann schließlich gehört wurde, stellte es sich heraus, daß sich die gegen ihn begangene, sinnlose Grausamkeit nur auf die lügenhafte Aussage eines Schwarzen gründete. Ferner teilte mir General van Deventer mit, daß Hauptmann Naumann, der sich in der Gegend des Kilimandjaro ergeben hatte, wegen Mordes verfolgt würde; auch er ist, wie ich später hörte, lange Zeit und gleichfalls ohne Vernehmung eingesperrt worden, bis schließlich auch seine Unschuld anerkannt wurde. Ein Grund zu dieser jeden Gerechtigkeitsgefühls spottenden Handhabung der Rechtspflege ist mir um so weniger verständlich, als die englischen Gefangenen bei uns durchaus menschlich behandelt und materiell oft besser verpflegt wurden als unsere eigenen Leute[5].
Die gefaßten Entschlüsse stellten die Kriegführung auf gänzlich veränderte Grundlagen. Bisher hatten wir die Verpflegung in Magazinen sammeln und aus diesen in der Hauptsache die Anforderungen befriedigen können; auch die Ergänzung der Munition hatte stets aus gelagerten Beständen erfolgen können. Dieses System hatte uns zwar eine Menge empfindlicher und für den Feind angreifbarer Punkte verschafft, die wir nicht schützen konnten, aber es war durch die bisherige Methode möglich gewesen, die Truppe in einer für unsere Verhältnisse erheblichen Stärke unter Waffen zu halten und große Teile derselben auf engem Raume auch auf längere Zeit zu verwenden. Es war ferner möglich gewesen, wenigstens einigen Lazaretten einen ständigen Charakter zu geben, hier Verwundete und Kranke in Ruhe der Genesung zuzuführen und so einen großen Teil der in der Front entstandenen Lücken durch die wiederhergestellten, kriegserfahrenen Leute zu ergänzen. Dieses System hatte unsere Operationen natürlich in hohem Maße von den Verpflegungs- und Nachschubsverhältnissen abhängig gemacht und die Bewegungsfreiheit gehemmt. Der Vorteil, für unsere Verhältnisse starke Truppen verwenden und mit ihnen auch größere feindliche Verbände mit Erfolg bekämpfen, manchmal gründlich schlagen zu können, war aber so groß, daß ich dieses System solange wie irgend möglich beibehalten hatte.
Jetzt war dies nicht länger möglich, und die erwähnten Vorteile hatte ich unter dem Zwange der Notwendigkeit bewußt fahren lassen müssen. Es war gewiß fraglich, ob selbst die verminderte Truppe ohne jedes Magazin und ohne jeden Nachschub unterhalten werden könnte. Die Aussicht, nach zwölf Tagen mit 5000 hungrigen Negern ohne Verpflegung in der Steppe zu sitzen, war nicht verlockend. Würde es gelingen, diejenigen Bedürfnisse der Truppe, die die Eingeborenenfelder nicht liefern konnten, also vor allem Munition und dazu passende Waffen, in solchem Umfange zu erbeuten -- denn nur eine Beute aus den Beständen des Feindes konnte als Ersatzmöglichkeit in Frage kommen --, daß die weitere Kriegführung lebensfähig blieb? Das waren alles ernste Fragen. Gelang es aber, auf der neuen Grundlage die Truppe lebensfähig zu machen, so mußten die gesteigerte Unabhängigkeit und Beweglichkeit, entschlossen ausgenutzt, uns dem unbeweglicheren Feinde gegenüber trotz seiner gewaltigen Überlegenheit an Zahl doch gelegentlich die lokale Überlegenheit schaffen. Bei dem endlosen uns zur Verfügung stehenden Raume würde es uns möglich sein, uns ungünstigen Lagen zu entziehen. Der Feind würde gezwungen sein, einen enormen Aufwand an Menschen und Material dauernd in Bewegung zu halten und seine Kräfte in ungleich höheren Maße zu erschöpfen als wir selbst. Es war also Aussicht vorhanden, auch weiterhin starke feindliche Kräfte zu binden und endlos lange hinzuhalten, wenn -- meine Überlegungen stimmten. Das war damals zweifelhaft. Das Wagnis mußte aber unternommen werden. --
Unseres Bleibens bei Nambindinga war nicht lange; der oben auf dem Plateau liegende Ort hatte nämlich kein Wasser, und die im Tal liegende Wasserstelle lag im Feuer der feindlichen Geschütze und Maschinengewehre. Unter dem Schutze von Patrouillen, die den Feind bei Nambindinga hinhielten, traf das Kommando und der Hauptteil der Truppen am 18. November bei Kitangari ein. Der Feind drängte nicht nach, konnte es wahrscheinlich auch nicht. Er hatte, wie vorauszusehen war, sich aufs äußerste angespannt, um bei Chiwata den so lange ersehnten letzten Schlag zu führen, und mußte sich für weitere Operationen erst neu gliedern. In Kitangari bestätigte sich die alte Erfahrung, daß die Verpflegungsbestände des dortigen Magazins viel zu hoch eingeschätzt waren. Wenn man alles zusammennahm, was an Vorräten irgendwie verfügbar war, so hatte die Truppe für rund zehn Tage Verpflegung; auf eine wesentliche Ergänzung dieser Bestände aus der Landschaft war von Kitangari aus nach Süden nicht zu rechnen. Die Frage, wohin sich nun der Weitermarsch richten sollte, spitzte sich in der Hauptsache dahin zu: Wo bot sich Aussicht, die Truppe wieder in ausreichendem Maße zu verpflegen? Zeit durfte nicht verloren werden.
Es war mir bekannt, daß längs des Rowumagebietes Engländer und Portugiesen unsere Verpflegungsbestände systematisch zerstört hatten. Unsere kleinen Magazine, Aufkaufposten und Verpflegungskolonnen waren überfallen und die Bestände vernichtet worden. Die Eingeborenen waren beeinflußt, sich gegen uns feindselig zu verhalten. Nordufer und Südufer des mittleren Rowuma waren nur dünn besiedelt; den Rowuma aufwärts, bei Tunduru, hatten längere Zeit stärkere Kräfte beider Parteien gefochten, die Verpflegungsbestände waren dort wahrscheinlich erschöpft. Über das südlich des unteren Rowuma gelegene Mafiaplateau konnte ich wirklich zuverlässige Nachrichten nicht erhalten. Selbst wenn dort, wie manche mitteilten, vor dem Kriege ein reicher Anbau bestanden hatte, so war es doch sehr fraglich, ob auch jetzt noch, nachdem dort stärkere portugiesische Truppen jahrelang gehaust hatten, Verpflegung vorgefunden werden würde. Am wahrscheinlichsten schien es mir damals, in der Gegend, wo die Operationen des Majors von Stuemer auf portugiesischem Gebiet stattgefunden hatten, in dem Winkel zwischen Rowuma- und Ludjendafluß, sowie weiter südlich in der Gegend von Nangware und Mwembe Verpflegung vorzufinden. Zweifelhaft war auch das; auch dort hatten kriegerische Operationen den Anbau der Eingeborenen gestört. Indessen erschien mir unter den verschiedenen, zweifelhaften Aussichten diese letztere noch am günstigsten, und ich beschloß, vorderhand den Rowuma aufwärts zu marschieren.
Mitbestimmend für diese Marschrichtung war der Wunsch, durch eine tüchtige Beute an Patronen und anderem Kriegsmaterial die Truppe wieder auf längere Zeit schlagfertig zu machen. Frühere Beobachtungen und Aussagen von Eingeborenen legten den Gedanken nahe, daß auch jetzt irgendwo in der Gegend des Rowumaflusses für uns geeignete Bestände des Feindes lagern würden. Am 20. November wurde Newala erreicht, wo sich die letzten detachierten Teile, die nach Süden zu gesichert hatten, anschlossen und die Neuorganisation der Truppe endgültig durchgeführt wurde. In Newala wurden die letzten Nichtmarschfähigen zurückgelassen, und mit 300 Europäern, 1700 Askari und 3000 Trägern und sonstigen Farbigen wurde am 21. November 1917 weiter nach Süden zum Rowuma marschiert. Die Tragfähigkeit aller war voll ausgelastet. In dem Maße, wie während des Marsches Verpflegung verzehrt wurde, wurden Leerträger entlassen, um die Zahl der zu verpflegenden Leute so niedrig wie möglich zu halten. Vielen unserer guten, alten Träger mußten wir ihre Bitte, bei uns bleiben zu dürfen, abschlagen; eine große Zahl von ihnen erbot sich, ohne Lohn bei uns zu bleiben, manche wollten sogar ohne Lohn und ohne Verpflegung bleiben und sich ihren Unterhalt auf eigene Faust aus den Resten unserer Verpflegung und den Früchten des Pori beschaffen. Der damalige Feldintendant, Leutnant zur See a. D. Besch, hat in diesen schweren Tagen die nun einmal notwendige Neuorganisation des Träger- und Verpflegungswesens mit größter Umsicht zustande gebracht. Ihm gebührt für die weitere Leistungsfähigkeit der Truppe ein Hauptverdienst.
Vom Feinde waren in der Nähe des Rowuma, wie zu vermuten war, nur schwache Abteilungen gemeldet. Am 21. November trafen wir bei Mpili am Ufer des Flusses ein und waren im Begriff, Lager zu beziehen, als weiter vorwärts bei einer Jagdpatrouille Schüsse fielen. Bei der Erkundung bemerkten wir vor uns einen größeren Teich, an dessen jenseitigem Ufer Pferde getränkt wurden. Dahinter lag ein felsiger Berg. Bald erschien auch ein Eingeborener, augenscheinlich ein Spion, der einen Brief brachte: „Wir sind englische Kavallerie und wollen mit portugiesischen Infanterieregimentern Fühlung nehmen.“ Ob dies nun eine Finte war, ließ sich nicht feststellen. Es war klar, daß wir es im Augenblick nur mit einer schwachen Reiterabteilung zu tun haben konnten. Der Feind wurde durch umfassenden Angriff schnell verjagt und hatte bei der Verfolgung anscheinend mehrere Mann Verlust; fünf gefangene Europäer gehörten dem 10. südafrikanischen Berittenenregiment an und wurden aus Rücksichten der Verpflegung wieder zum Feinde, nach Newala, abgeschoben. Die erbeuteten Pferde, etwa zehn, waren uns als Reittiere und etwaiger Verpflegungszuschuß willkommen.