Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 20
Aber unser umfassender Angriff gegen den feindlichen rechten Flügel führte nur zu einem Zurückdrängen desselben; der Busch war gar zu dicht für Angriffsbewegungen, die sich auf kurze Entfernungen in dem ununterbrochenen Gewehr- und Maschinengewehrfeuer des Feindes entwickeln mußten. Die Dunkelheit steigerte die Schwierigkeit der Führung, und es ist kein Zweifel, daß bei dem Verwerfen der Fronten in dem zerrissenen Gelände unsere Abteilungen sich vielfach gegenseitig beschossen haben; ein Erkennen von Freund und Feind war eben kaum möglich. So glaubte ich, als ich in völliger Dunkelheit im Busch vor mir lautes Stimmengewirr hörte, daß dies von unserem umfassenden Angriff herrührte, der den Feind völlig zurückgeworfen habe. Erst nach längerer Zeit stellte es sich heraus, daß dies Feind war, und bald hörte man auch seine Schanzarbeiten. Die genaue Feststellung der feindlichen Verschanzungen bot für uns den Vorteil, daß wir sie mit guter Beobachtung durch das 10,5 ~cm~-Königsberggeschütz der Abteilung Wahle unter Feuer nehmen konnten. Das ist mit anscheinend gutem Erfolg geschehen; jedenfalls hat der Feind am nächsten Tage seine Verschanzungen geräumt und ist zurückgegangen.
Der gewünschte, durchschlagende Erfolg war nicht erreicht worden und bei den vorhandenen Geländeschwierigkeiten auch nicht zu erwarten, da wir durch das Gefecht am 18. dem Feinde unsere Stärke verraten hatten und somit das Moment der Überraschung für uns fortfiel. Wiederum mußte ich mich mit hinhaltenden Maßnahmen begnügen. Für ein längeres Bleiben bot sich in dem reichen Lande vom Standpunkte der Verpflegung aus keine Schwierigkeit. Selten ist die Truppe so gut verpflegt worden wie in der Gegend von Lindi. Große Felder von Süßkartoffeln und Muhogo breiteten sich aus, so weit das Auge reichte, auch Zuckerrohr gab es reichlich. Schon die zahlreichen Araberpflanzungen deuteten auf den Reichtum und die alte Kultur des Landes hin. Wir richteten uns also häuslich ein, und wenn auch die Gewehrkugeln häufig durch unser Lager flogen und die Flieger ihre Bomben abwarfen, so wurde doch durch diese kaum Schaden angerichtet. Der Zahnarzt, der uns nach langer Zeit die ersehnte Behandlung angedeihen ließ, hatte sein Atelier in einem Europäerhause aufgeschlagen und behandelte gerade einen Patienten, als eine Granate in das Zimmer schlug. Bei der jetzt vorgenommenen, genauen Untersuchung des Raumes stellte sich heraus, daß der Pflanzer seine Bestände an Dynamit in dem Zimmer aufgehoben hatte. Glücklicherweise waren diese nicht getroffen, wodurch Patient und Zahnarzt endgültig von allen Zahnschmerzen befreit worden wären.
Nicht leicht war die Frage, was aus den deutschen Frauen und Kindern werden sollte, die zum Teil aus Lindi geflüchtet waren und nun nicht wußten, was sie machen sollten. Eine Anzahl von ihnen war in den Pflanzungsgebäuden von Mtua untergekommen, die im feindlichen Artilleriefeuer lagen. Bei dem Zusammenschmelzen der Verpflegung und bei der großen Schwierigkeit der Transport- und Unterkunftsverhältnisse war es erwünscht, Frauen und Kinder nach Lindi abzuschieben. Einige waren auch verständig genug, dies einzusehen. Durch Parlamentär wurde ihre ordnungsgemäße Überführung in die englischen Linien verabredet, und so konnten sie nach Lindi abreisen. Aus mir unbekannten Gründen haben die Engländer dann aber diese Methode nicht fortsetzen wollen. Daher sammelte sich nach und nach die Masse der Frauen und Kinder sowie auch der männlichen Nichtkombattanten in der katholischen Mission Ndanda. Dort war schon seit längerer Zeit ein militärisches Genesungsheim eingerichtet, das zu einem größeren Lazarett erweitert wurde. Alle die hier untergebrachten Leute fanden gute Unterkunft und Verpflegung in den weitläufigen Baulichkeiten der Mission und deren ausgedehnten Gärten.
Elfter Abschnitt
In der Südostecke der Kolonie
Während nun bei Narunju für mehrere Wochen ein Stillstand eintrat, hatte der Feind eine regere Tätigkeit in dem von der Abteilung Stuemer besetzten Teil des portugiesischen Gebietes gezeigt. Gegen Mwembe waren mehrere englische Kolonnen konzentrisch von Südwesten und Süden her vorgegangen, und Major von Stuemer, der sich zum Widerstand nicht für stark genug hielt, hatte Mwembe geräumt. Dann waren die einzelnen Kompagnien allmählich auf den Rowuma zu zurückgewichen. Nördlich dieses Flusses hatte Kapitänleutnant d. R. Jantzen, den das Kommando mit zwei Kompagnien nach Tunduru entsandt hatte und aus den zu sich die einzelnen Kompagnien der bisherigen Abteilung Stuemer sammelten, den einheitlichen Befehl übernommen. Auch von Ssongea her drangen feindliche Abteilungen in Richtung auf Tunduru zu vor.
Einzelheiten über den Gegner waren schwer festzustellen; ich hatte den Eindruck, daß er unsere Hauptkräfte bei Narunju lediglich hinhalten wollte, um mit starken Truppen in unser Verpflegungsgebiet, das wesentlich in der Gegend von Tunduru-Massassi-Ruponda lag, einzudringen und unsere Bestände fortzunehmen. Es schien mir damals nicht ausgeschlossen, gegen diesen Feind einen Erfolg erzielen zu können, und ich marschierte deshalb am 10. September 1917 mit fünf Kompagnien aus den Lagern von Narunju und Mtua ab nach Massassi. Von dort wurde zunächst Hauptmann Goering mit drei Kompagnien gegen Tunduru in Marsch gesetzt, das inzwischen vom Feinde besetzt worden war; Abteilung Jantzen stand nordöstlich dieses Ortes. Zu Rad erkundete ich die Straße nach Tunduru und mußte befürchten, daß die Verpflegungsschwierigkeiten sehr groß sein würden. Das hat sich leider bestätigt. Verpflegung aus dem Lande war nicht durchführbar, und zu einer längeren Operation, für die erst Nachschub von Massassi her einzuleiten war, fehlte die Zeit.
Die kleinen Patrouillenunternehmungen der Engländer und Portugiesen, die von Süden her über den Rowuma kamen und unsere Magazine und Transporte belästigten, trieben uns allerdings nicht zur Eile. Aber der Feind, der von Kilwa her gekommen war und den Hauptmann Koehl durch das schwere Gefecht von Mbeo-Chini und eine Anzahl kleinerer Zusammenstöße nicht hatte aufhalten können, kam in die Gegend von Nahungu. Seine fliegenden Kolonnen, zum großen Teil beritten, umgingen die Abteilung Koehl weiter westlich und drangen den Mbemkurufluß aufwärts auf Nangano zu vor. Die Verbindung zu Hauptmann Koehl, die auf der Telephonstrecke Nahungu-Nangano basiert hatte, wurde zunächst für einige Tage, dann dauernd unterbrochen. Die dort liegenden Feldmagazine fielen in Feindeshand und wurden zerstört. In Voraussicht der Unterbrechung der empfindlichen Telephonlinie war von Ruponda aus in nordöstlicher Richtung eine neue Telephonstrecke gebaut worden, aber der an diese anschließende Botenverkehr zur Abteilung Koehl erforderte mehrere Tage.
Bei der langsamen Nachrichtenübermittlung von und zur Abteilung Koehl war es nicht möglich, sich rechtzeitig ein Bild von der dortigen Lage zu machen, und da der beabsichtigte Erfolg bei Tunduru ohnehin nicht durchführbar war, marschierte ich mit den fünf Kompagnien von Massassi aus Anfang Oktober nach Ruponda, dann weiter nordöstlich und vereinigte mich bei Likangara mit Abteilung Koehl. Auf die Meldung hin, daß feindliche Abteilungen sich Ruponda von Nordosten her näherten, wurde der Abtransport der Kranken und der Bestände aus Ruponda nach Lukuledi und nach Mnacho angeordnet. Am 9. Oktober 1917 wurde eine feindliche Patrouille bei Ruponda mit einigem Verlust für den Feind zurückgeschlagen, am 10. Oktober griff ein stärkerer Gegner -- festgestellt wurde das 25. indische Kavallerieregiment -- Ruponda auf mehreren Seiten an. Der Marsch unserer Kompagnien nach Likangara hatte also leider etwas zu schnell stattgefunden; es wäre sonst die Möglichkeit vorhanden gewesen, daß der Feind bei Ruponda auf einen Teil unserer durchmarschierenden Kompagnien gestoßen wäre und vielleicht eine Niederlage erlitten hätte. So aber befanden sich außer einigen Patrouillen in Ruponda keine Truppen; die Kranken fielen zum großen Teil in Feindeshand und leider auch das etwa 90000 ~kg~ Verpflegung enthaltende Magazin. Bei Likangara kam es zu keinen nennenswerten Gefechten. Es zeigten sich wohl feindliche Patrouillen und schwächere Abteilungen, aber unsere Kampftruppen, die gegen die den Mbemkurufluß entlangführende, hauptsächlichste Verbindung des Feindes gingen, dort Automobile beschossen und zerstörten und Post und Vorräte erbeuteten, brachten mich zur Vermutung, daß die Hauptkräfte der feindlichen Kilwatruppen weiter westlich herum in Richtung auf Ruponda ausholten.
Die vermehrte Tätigkeit des Feindes einige Tagemärsche östlich Likangara, wo der Gegner unsere Aufkaufposten aushob, sowie Erzählungen der Eingeborenen machten es wahrscheinlich, daß gleichzeitig stärkere feindliche Truppen von Nahungu aus direkt in südlicher Richtung, also auf General Wahle zu, marschierten. Erbeutete Post zeigte uns, daß der Feind trotz seinem ausgedehnten Nachrichten- und Spionagesysteme recht im dunkeln tappte. Er wußte beispielsweise nicht, wo ich mich aufhielt, obgleich er hierauf den größten Wert zu legen schien. Sagte ihm doch die Kenntnis meines jeweiligen Aufenthaltes, wo der Hauptteil unserer Truppen zu vermuten sei. Während nun die eine seiner Nachrichten meinte, daß ich mich in der Gegend von Lukuledi befände, wollte eine andere wissen, ich sei bei Tunduru, und eine dritte, ebenso bestimmte, in Mahenge. Die Schwatzhaftigkeit unserer Europäer, die es trotz aller Hinweise nicht lassen konnten, in ihren privaten Briefen ihre Kenntnis von der Kriegslage und ihre Vermutungen einander zu schreiben, hat hier einmal etwas Gutes geschaffen; es wurde nämlich so viel geklatscht, die Gerüchte waren so widersprechend, und auch Unwahrscheinliches wurde so wahllos geglaubt, daß aus den Korrespondenzen der Deutschen eigentlich alles, auch das Entgegengesetzte, herausgelesen wurde. Trotz dieser unbeabsichtigten Irreführung des Gegners ist es aber nicht zu verstehen, daß verständige Leute wichtige Dinge, deren Kenntnis dem Feinde entzogen werden muß, einer Postverbindung anvertrauten, von der sie wußten, daß sie unzuverlässig war und daß die Briefe häufig in Feindeshand fielen.
Es war mir klar, daß die Unsicherheit in der Beurteilung der Lage, in der sich der Feind offenkundig befand, mir eine große Chance geben mußte, wenn schnell und entschlossen gehandelt wurde. Ich durfte hoffen, daß der beabsichtigte entscheidende Schlag, den ich in der Gegend von Lindi zweimal, bei Tunduru einmal gesucht, und dessen Gelingen bei Narungombe an einem seidenen Faden gehangen hatte, jetzt endlich heranreifen würde. Günstig hierfür erschien mir im Rahmen meiner Beurteilung der Gesamtlage die Entwicklung der Dinge bei Abteilung Wahle. Die gesamte feindliche Kriegshandlung mußte den Gedanken nahelegen, daß die einzelnen Kolonnen des Feindes mit aller Wucht vordringen würden, um uns durch konzentrische, gegenseitige Einwirkung zu zerquetschen. Auch die Lindidivision des Feindes drückte mit großer Energie vor. Vor ihr waren die neun schwachen Kompagnien des Generals Wahle in ständigen Gefechten bis Mahiwa zurückgegangen. Das Gelände bei Mahiwa war mir persönlich einigermaßen bekannt. Es war sehr wahrscheinlich, daß mein Abmarsch dorthin vom Feinde nicht rechtzeitig bemerkt werden würde.
Am 14. Oktober 1917 marschierte ich im Vertrauen auf das Kriegsglück mit fünf Kompagnien und zwei Gebirgsgeschützen über die Berge von Likangara nach Mnacho, traf dort bei Dunkelheit ein und marschierte am 15. Oktober bei Tagesanbruch weiter. Auf dem schmalen Pfade an den Abhängen riß die Marschkolonne sehr auseinander. Die Geschütze blieben weit zurück; die Tragetiere versagten, Askari und Träger halfen aus, und immer von neuem verstand es Vizewachtmeister Sabath, die Schwierigkeiten zu meistern und seine Kanonen vorzubringen. Es überraschte mich, daß mir von Mahiwa aus keine Meldung entgegenkam, aber das Gewehr- und Maschinengewehrfeuer ließ erkennen, daß ein Gefecht im Gange war. Vor Eintritt der Dunkelheit traf ich bei der hinter dem linken Flügel der Abteilung Wahle in Reserve zurückgehaltenen Kompagnie des Oberleutnants d. L. Methner ein. Der Feind schien gegen diese umfassend durch den Busch vorzugehen. Die einschlagenden Geschosse hatten für mich die unangenehme Folge, daß der Träger, der meine Schreibtasche mit den wichtigsten Meldungen und Karten trug, auf zwei Tage verschwand. Unsere beiden, zuerst eintreffenden Kompagnien wurden sogleich zum Gegenangriff gegen die feindliche Umfassung angesetzt und der Feind hier zurückgeworfen. Die Kompagnien gruben sich dann ein. Am 16. morgens begab ich mich dorthin und stellte fest, daß sich der Feind dicht gegenüber auf 60 bis 100 ~m~ gleichfalls verschanzt hatte. Als mir Oberleutnant von Ruckteschell eine Tasse Kaffee anbot, mußte man etwas achtgeben, da der Feind ziemlich aufmerksam war und leidlich gut schoß. Die Gelegenheit zu einem überraschenden und entscheidenden Angriff schien mir günstig zu sein. Er wurde mittags, den Feind links (also nördlich) umfassend, angesetzt. Abteilung Goering sollte hier vorgehen.
Nachdem wir in Ruhe Mittag gegessen hatten, begab ich mich schnell zum linken Flügel, wo Hauptmann Goering sich soeben mit zwei Kompagnien entwickelte. Als er eine breite Niederung überschritten hatte, holte er zu meiner Überraschung noch weiter nach links aus. Bald traten die Kompagnien ins Gefecht. Erst nach und nach konnte ich mir diese auffallende Bewegung erklären. Hauptmann Goering war überraschend auf einen neuen Gegner gestoßen, der von Nahungu aus eingetroffen war und jetzt von Norden her anlief. Es waren mehrere Bataillone und zwei Geschütze der Nigeriabrigade, die von unserem Eintreffen bei Mahiwa nichts wußten und glaubten, die Truppen des Generals Wahle durch einen gegen dessen linke Flanke und Rücken gerichteten Angriff vernichtend schlagen zu können, während gleichzeitig die nach Osten gerichtete Front des Generals Wahle durch eine Division energisch angegriffen wurde. Die Nigeriabrigade war nun ebenso überrascht wie Hauptmann Goering, fand sich aber nicht so schnell in die neue Lage hinein. Hauptmann Goering, dem Reserven dicht folgten, ging mit seinen zwei Kompagnien so energisch im Busch gegen den Feind vor, daß er dessen einzelne Teile völlig überrannte, durcheinanderwarf und entscheidend in die Flucht schlug. Ein feindlicher Offizier, der eine Munitionskolonne vorführte, hielt unsere Truppen für die seinigen, und so gelangten wir in den Besitz von etwa 150000 Beutepatronen. Ein Geschütz mit Munition wurde im Sturm genommen und mehr als 100 Nigeriaaskari als gefallen festgestellt. Auch rechts vom Hauptmann Goering, wo zwei Kompagnien unter Oberleutnant von Ruckteschell und dem hierbei schwer verwundeten Leutnant d. R. Brucker fochten, wurde der Feind ein Stück in den Busch zurückgeworfen.
Gleichzeitig mit diesen Kämpfen auf der Flanke und auch an den folgenden Tagen griff der Feind die Abteilung Wahle mit aller Anstrengung an. Der Gegner zeigte hierbei starke Übermacht; immer wieder wurden frische Truppen gegen unsere Front eingesetzt. Die Gefahr, daß die Front des Generals Wahle nicht standhalten würde, war groß, das Gefecht schwer. Die Gefahr war brennend, daß unsere Umfassung in dem sehr schwierigen Busch- und Sumpfgelände durch schwache feindliche Truppen so lange aufgehalten werden würde, daß in der Front des Generals Wahle inzwischen eine für uns ungünstige Entscheidung fiel. Dann aber war das Gefecht für uns verloren. Ich hielt es für zweckmäßiger, die Nachteile, die der Feind sich durch seinen verlustreichen Frontalangriff selbst schuf, soviel wie möglich zu vergrößern und alle meine Kräfte so zu verwenden, daß der Feind sich in seinem immer stärker werdenden Frontalangriff gegen die Abteilung Wahle wirklich verblutete.
Die ursprünglich beabsichtigte Umfassung des feindlichen linken Flügels wurde deshalb an den folgenden Tagen nicht weiter durchgeführt, sondern im Gegenteil die irgend verfügbaren Kompagnien vom linken Flügel fortgezogen, um die Front des Generals Wahle zu verstärken. Auf diese Weise wurde erreicht, daß unsere Front nicht nur festhielt, sondern auch genügende Reserven durch kraftvolle Gegenstöße schwache Momente beim Feinde sofort erfassen und ihm eine wirkliche Niederlage beibringen konnten. Zu meiner vielleicht auffälligen Taktik bestimmte mich auch die Persönlichkeit des feindlichen Führers. Vom General Beves war mir vom Gefecht von Reata (11. März 1916) her bekannt, daß er seine Truppen mit großer Rücksichtslosigkeit einsetzte und nicht davor zurückscheute, einen Erfolg statt durch geschickte Führung und deshalb mit geringeren Verlusten, vielmehr durch einen immer wiederholten Frontalangriff anzustreben, der, wenn der Verteidiger standhielt und über einigermaßen ausreichende Kräfte verfügte, zu schweren Verlusten des Angreifers führte. Ich vermutete, daß General Beves auch hier bei Mahiwa von ähnlichen Überlegungen geleitet war. Ich glaube, daß es recht wesentlich die Ausnutzung dieser Schwäche in den Berechnungen des feindlichen Feldherrn war, die uns hier bei Mahiwa einen so glänzenden Sieg verschaffte. Bis zum 18. Oktober, also im ganzen vier Tage lang, stürmten immer neue Angriffswellen gegen unsere Front an, aber der persönliche Augenschein zeigte mir, daß hier auf unserem, rechten Flügel die Wucht des Angriffes allmählich nachließ und die Niederlage des Feindes eine vollständige wurde.
Am 18. Oktober abends hatten wir mit unseren etwa 1500 Mann eine feindliche Division, die wohl mindestens 4000, wahrscheinlich aber nicht unter 6000 Mann im Gefecht hatte, vollständig geschlagen und dem Feinde die schwerste Niederlage beigebracht, die er, abgesehen von Tanga, überhaupt erlitten hat. Nach Angabe eines höheren englischen Offiziers hat der Feind 1500 Mann verloren; ich habe aber Grund anzunehmen, daß diese Schätzung viel zu niedrig ist. Bei uns waren 14 Europäer, 81 Askari gefallen, 55 Europäer, 367 Askari verwundet, 1 Europäer, 1 Askari vermißt. In Anbetracht unserer geringen Streiterzahlen waren diese Verluste für uns recht erheblich und um so fühlbarer, weil sie nicht ersetzt werden konnten. Unsere Beute betrug ein Geschütz, sechs schwere und drei leichte Maschinengewehre sowie 200000 Patronen.
Die Kriegslage verbot leider, unseren Sieg voll auszunutzen; in unserem Rücken war nämlich der Feind, der am 10. Oktober Ruponda besetzt hatte, mit starken Kräften weiter nach Süden vorgedrungen und hatte am 18. Oktober den Major Kraut bei Lukuledi angegriffen. Nachholend muß bemerkt werden, daß unsere Truppen, die unter Kapitänleutnant Jantzen in der Gegend von Tunduru gefochten hatten, allmählich von dort nach Nordosten an den oberen Mbemkuru ausgewichen und über Ruponda, noch vor der am 10. Oktober stattgefundenen Besitznahme dieses Ortes durch den Feind, an das Kommando herangezogen worden waren. Zwei dieser Kompagnien hatten unsere zum Schutz der Magazine in der Nähe von Lukuledi stehende Kompagnie verstärkt, und diese drei Kompagnien waren es, die unter dem Befehl des Majors Kraut bei Lukuledi am 18. Oktober durch einen überlegenen Feind von Norden her angegriffen wurden.
Der auf sechs Kompagnien des Goldküstenregiments geschätzte Gegner wurde zwar abgewiesen, aber um unsere gefährdeten Verpflegungs- und Materialbestände, die in Chigugu und Chiwata lagen, zu sichern, rückte Major Kraut nach dem ersteren dieser Orte ab. Außer Chigugu und Chiwata war durch den Feind, der sich meiner Ansicht nach zweifellos bei Lukuledi verstärkte, auch Ndanda, wo eine große Menge unseres Kriegsmaterials lagerte, gefährdet. Jeden Augenblick konnte der Fall eintreten, daß der Feind von Lukuledi aus in unsere rückwärtigen Verbindungen eindrang, unsere Bestände und Verpflegung in Besitz nahm und uns auf diese Weise kampfunfähig machte. Ein Mittel, unsere rückwärtigen Verbindungen durch lokale Sicherungen ausreichend zu schützen, gab es für uns nicht; denn die paar tausend Mann, die wir hatten, brauchten wir zum Fechten. Da die Truppe aber lebensfähig bleiben wollte und sollte, mußte die Gefahr auf andere Weise beseitigt werden.
Dazu gab es nur ein Mittel, nämlich den Feind bei Lukuledi entscheidend zu schlagen. Wir durften daher bei Mahiwa keine Zeit verlieren, und ich mußte, so schwer es mir wurde, den Gedanken an eine vernichtende Verfolgung fallen lassen. Während am 19. Oktober früh einige sichtbare Teile des Feindes beschossen wurden, war ich schon mit sechs Kompagnien und zwei Geschützen im Abmarsch; am nächsten Tage trafen wir zwei Stunden östlich Lukuledi ein, und am 21. Oktober wurde der Feind bei Morgengrauen, anscheinend ganz überraschend, angegriffen. Die Kolonne des Majors Kraut überraschte nördlich Lukuledi, an der Straße nach Ruponda, das Lager des 25. indischen Kavallerieregiments, das gerade mit angespannten Fahrzeugen zum Vormarsch auf Massassi bereitstand; das Lager wurde gestürmt, und das feindliche Regiment verlor fast sämtliche Zugtiere, im ganzen 350. Während ich nun mit den Abteilungen Koehl und Ruckteschell in ziemlich ernstem Gefecht bei Lukuledi gegen den dort verschanzten Feind stand, wartete ich vergeblich auf das Eingreifen der Abteilung Kraut. Ein Sturm auf das Lager ohne das Moment der Überraschung versprach keinen Erfolg. Als die Truppe nun auch von seitwärts durch Minenwerfer wirksam beschossen wurde, zog ich nach Abweisung eines stärkeren, feindlichen Angriffes das Gros aus dem wirksamen Kreuzfeuer heraus, um unnötige Verluste zu vermeiden. Ein neuer, aus einer starken Patrouille oder einer Kompagnie ~King’s African Rifles~ (englische ostafrikanische Askari) bestehender Gegner, der überraschend im Busch auftauchte, wurde schnell zurückgeschlagen. Hierbei fiel an der Spitze seiner Kompagnie Oberleutnant Kroeger. Dann wurde das Gefecht abgebrochen. Erst in der Nacht traf Meldung von Major Kraut ein: er hatte in dem Glauben, bei Lukuledi nicht mehr mit Erfolg eingreifen zu können und weil er keinen Gefechtslärm gehört hatte, den Ort im Bogen umgangen und dann südöstlich von Lukuledi Lager bezogen.
Durch die Ungunst der Umstände war es nicht gelungen, den Feind bei Lukuledi wirklich entscheidend zu schlagen, und der Zweck meiner Unternehmung nur zum Teil erreicht; aber die Verluste des Feindes durften als erheblich angesehen werden. Auch der Eindruck auf ihn war größer, als ich anfangs glaubte. Jedenfalls ergaben die Erkundungen, daß er Lukuledi wieder geräumt hatte und in nördlicher Richtung abgezogen war. Unter unseren Verlusten befanden sich drei gefallene Kompagnieführer. Noch jetzt steht mir Leutnant d. R. Volkwein vor Augen, wie er, notdürftig von einer schweren Beinverwundung hergestellt, vor seiner Kompagnie durch den Busch hinkte. Auch mit Leutnant d. R. Batzner und Oberleutnant Kroeger sprach ich noch kurz, ehe sie fielen. Als tüchtiger Maschinengewehrführer fiel hier auch Vizefeldwebel Klein, der so häufig seine Patrouillen an die Ugandabahn geführt hatte. Aber unsere Verluste waren nicht umsonst gebracht. Unsere Patrouillen verfolgten den Feind und beschossen dessen Lager in der Gegend von Ruponda und die feindlichen Verbindungen. Die Unmöglichkeit für uns aber, in der Gegend von Ruponda stärkere Truppenmassen zu verpflegen -- waren doch unsere dort angesammelten Bestände in Feindeshand gefallen --, zwang mich, auf eine gründliche Verfolgung des Feindes zu verzichten.