Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Part 19

Chapter 193,262 wordsPublic domain

Bei Lindi hatte sich der Feind mehr und mehr verstärkt, und es wurde festgestellt, daß Truppenteile, die bisher in Gebieten westlich von Kilwa gestanden hatten, mit Schiffen nach Lindi fuhren. Auch General O’Grady, der bei Kibata eine Brigade befehligt hatte, tauchte bei Lindi auf. Der naheliegende Gedanke, daß der Feind mit starken Kräften von Lindi aus gegen unsere dort nur schwachen Truppen und gegen unser Hauptverpflegungsgebiet vorgehen würde, in gleicher Weise, wie er es früher bei Kilwa beabsichtigt hatte, schien sich zu verwirklichen. Mehrere Angriffe waren durch die Truppen des Kapitäns z. S. Looff westlich Lindi zurückgeschlagen worden. Drei von den Kompagnien, die mit Major Kraut gekommen waren, wurden auf Veranlassung des Gouverneurs nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, zur schnellen und gründlichen Züchtigung aufständischer Makondeleute in der Südostecke unseres Schutzgebietes verwandt, wozu sie im Augenblick gerade verfügbar waren, sondern Kapitän Looff unterstellt. Zwei von ihnen beteiligten sich an einer Unternehmung gegen Sudi, südlich Lindi, wo sich feindliche Streitkräfte stark verschanzt hatten. Der Angriff ging sehr brav an die Befestigungen heran, erlitt dann aber erhebliche Verluste und konnte nicht zu einem günstigen Abschluß gebracht werden.

Später wurde auf Lindi vom Mpotora aus Hauptmann Rothe mit drei Kompagnien zur Verstärkung abgesandt. Aber die Regenzeit machte uns einen argen Strich. Schon der Übergang über den Matandufluß war schwierig gewesen. In der Trockenzeit nur aus wenigen Tümpeln bestehend, hatten sich jetzt die Wasser aller Regen, die im Dondeland niederfielen, schließlich im Tale des Matandu vereinigt. Es war ein reißender, gewaltiger Strom entstanden, der etwa den Eindruck der Fulda bei Kassel bei Hochwasser machte und große Baumstämme mit sich riß. Unter Benutzung einiger Strominseln waren zwar unter Leitung kundiger Ingenieure Baumstämme eingerammt und eine Brücke für Fahrzeuge hergestellt worden, aber plötzliches Hochwasser riß sie immer wieder fort, und mehrere Leute ertranken hierbei. Ein weiter unterhalb gebauter Steg hatte kein besseres Schicksal; eine schmale Hängebrücke, die an aus Baumrinde geflochtenen Seilen hing, war nur ein geringer Notbehelf und ziemlich bedenklich, da beim Wechsel von Durchnässung und heißer Sonne stets die Gefahr bestand, daß die Seile mürbe wurden und rissen.

Am Mbemkuru, bei Nahungu, fand Hauptmann Rothe auf seinem Marsch ähnliche Wasserverhältnisse vor. Das Wasser war so reißend, daß schon der erste Übersetzversuch mit den wenigen vorhandenen Fährbooten verunglückte. Aus Verpflegungsmangel bei Nahungu marschierte nun Hauptmann Rothe in das reiche Gebiet nordöstlich dieses Ortes und kreuzte hierbei unbewußt die Absichten des Kommandos recht empfindlich. Denn gerade dieses nordöstlich Nahungu liegende reiche Gebiet mußte geschont werden, um für die Truppen, die südlich Kilwa standen, als Reserve zu dienen und im Bedarfsfalle bei einer aus taktischen Gründen erforderlich werdenden Verstärkung dieser Truppen auch deren Verpflegung zu gewährleisten. Der Zeitverlust, der entstand, bis die Botenpost den Hauptmann Rothe erreichte, war recht störend; aber schließlich wurde die Abteilung Rothe doch noch so rechtzeitig auf Lindi zu wieder in Marsch gesetzt, daß sie an mehreren Gefechten erfolgreich teilnehmen konnte.

Bei der durch die Verschärfung der militärischen Lage bei Lindi nötig gewordenen Verstärkung unserer dortigen Truppen und den ferneren noch in Aussicht stehenden Truppenverschiebungen dorthin war Generalmajor Wahle von Mahenge herangezogen worden und hatte den Befehl an der Lindifront übernommen; der Befehl in Mahenge ging an Hauptmann Tafel über. Mitte Juni 1917 war General Wahle nach mehreren Gefechten, die eine erhebliche Verstärkung des Feindes gezeigt hatten, den Lukuledifluß aufwärts so weit zurückgegangen, daß der nachfolgende Feind seine nördliche Flanke unvorsichtig preiszugeben schien.

Ich beschloß, den Vorteil auszunutzen, ohne allerdings genau zu wissen, wie dies geschehen sollte. So viel war klar, daß nur ein überraschendes Auftreten Erfolg versprach. Ich marschierte deshalb mit vier Kompagnien und der aus zwei Geschützen bestehenden Gebirgsbatterie über Nahungu auf der großen Straße vor, die über Lutende nach Lindi führt. Bei Lutende stand die Kompagnie des Hauptmanns von Chappuis, der mir persönlich zur Orientierung einen Tagemarsch entgegenkam. Am 29. Juni traf ich mit den Kompagnien bei Lutende ein und ließ hinter der Kompagnie Chappuis die Kompagnie des Leutnants Wunder und weiter rückwärts den Rest Lager beziehen. Ich selbst begab mich mit meinem tüchtigen Begleiter Nieuwenhuizen, der früher schon bei der Pferdebeute am Erokberge eine Hauptrolle gespielt hatte, zur Erkundung nach vorn. Von der Höhe, auf der die Kompagnie Chappuis lag, hatte man einen weiten Überblick und sah die einzelnen Farmhäuser der Umgebung von Lindi, den Lukuledifluß und in ihm den Dampfer „Präsident“ liegen, der dorthin geflüchtet und unbrauchbar gemacht worden war. Im Vorgelände war es vielleicht ein Glück, daß wir auf einige Wildschweine und einen Buschbock in der im übrigen wildarmen Gegend nicht zum Schuß kamen; denn bald, gar nicht weit vom Lager der Kompagnie Chappuis, kreuzten wir die Spuren einer starken feindlichen Patrouille, die soeben erst durchgekommen sein konnte. Auch die Unterhaltung von Eingeborenen, die wir beobachteten, ließ darauf schließen, daß die Leute soeben etwas Interessantes gesehen hatten. Als wir sie heranwinkten, leugneten sie allerdings. Im großen Bogen gehend langten wir abends bei Dunkelheit im Lager der Kompagnie Wunder an. Dem Kompagnieführer und dem tüchtigen Steuermann Inkermann, der am nächsten Tage den Heldentod starb, teilten wir das Beobachtete mit und mahnten zu größter Aufmerksamkeit. Auch wurde angeordnet, daß das in einer größeren Waldblöße liegende Kompagnielager, das durch überraschende Beschießung aus dem umgebenden Busch gefährdet war, verlegt werden sollte. Nach einer uns gereichten Tasse Tee kehrten wir dann zu unserem, etwa eine Viertelstunde rückwärts gelegenen Haupttrupp zurück.

Am Morgen des 30. Juni hörten wir bei der Kompagnie Wunder Gewehrfeuer, das sich immer mehr verstärkte. In der Erwartung, daß der Feind den Geländeverhältnissen entsprechend das Kompagnielager aus dem umgebenden Busch unter Feuer nahm, ging ich sogleich mit den drei Kompagnien rechts, also südlich der Straße ausholend, durch den Busch vor, um den Feind überraschend im Rücken anzugreifen. Aber bald kamen uns Askari entgegen und erzählten, daß der Feind in großer Zahl in das Lager eingedrungen sei, die Kompagnie überrascht und herausgeworfen habe. Ein junger Askari klagte einem alten „Betschausch“ (Sergeant) der 3. Kompagnie, daß der Feind ihnen alles weggenommen habe. ~„Niamaza we, tutawafukuza“~ (Halt’s Maul, wir werden sie ’rauswerfen), war die stolze Antwort, die dem aufgeregten Jüngling sofort den Mund stopfte und ihn beschämte. Die Antwort des Betschausch war in der Tat die beste Kennzeichnung der Lage. Der Feind, aus mehreren Kompagnien des 5. indischen Regiments und einigen Schwarzen bestehend, hatte geglaubt, bei Lutende nur einen schwachen deutschen Posten zu finden. Unvorsichtig war er in unsere ungünstig angelegten Verschanzungen eingedrungen und war nun seinerseits in der unangenehmen Lage, von allen Seiten aus dem umgebenden Busch konzentrisches Feuer zu erhalten.

Die Lage war so klar, daß sie zum schnellsten Zusammenhandeln der Unterführer auch ohne Befehl herausforderte, und auch Hauptmann von Chappuis griff sofort ein. Dem Feinde ging es nun sehr schlecht. Der später gefallene, im Lager der Kompagnie Wunder verbliebene Stabsarzt Mohn war dort vorübergehend in die Hand des Feindes geraten und berichtete, wie außerordentlich unangenehm unser konzentrisches Feuer auf ganz kurze Entfernung gewirkt hatte und wie groß die Panik war, die beim Feinde entstand. Immerhin ermöglichten die Deckungen, welche einige Schluchten und Geländebewachsungen boten, einem Teil des Feindes, zu entkommen. Dieser ist in wilder Flucht davongelaufen. Eine Anzahl seiner Leute hat sich aber so verirrt, daß sie noch nach Tagen einzeln halb verhungert im Busch durch unsere Patrouillen aufgegriffen wurden. Etwa 120 Gefallene wurden durch uns beerdigt. Außer unserer Munition, die der Feind vorübergehend in Besitz genommen hatte, fielen auch dessen eigene Munition, die er gerade an das Lager herangezogen hatte, sowie etwa 100 Gewehre und einige Maschinengewehre in unsere Hand. Unter den Schwerverwundeten, die von uns in das englische Lager bei Naitiwi gebracht und dort abgeliefert wurden, befand sich auch der später an seiner Wunde gestorbene, englische Regimentskommandeur.

Wir blieben nun noch einige Wochen in der fruchtbaren Gegend von Lutende und suchten dem Feinde, der in seinen befestigten Lagern bei und südlich Naitiwi keine Aussicht für einen erfolgreichen Angriff bot, durch Kampfpatrouillen Verluste beizubringen. In der Entfernung, in südwestlicher Richtung, hörten wir häufig die Detonationen der Fliegerbomben und der schweren Geschütze, die gegen Abteilung Wahle gerichtet waren. Kompagnie von Chappuis wurde zur Abteilung Wahle als Verstärkung in Marsch gesetzt. Von kleineren Unternehmungen abgesehen, kam die Lage bei Lindi aber wohl infolge unseres Erfolges bei Lutende zu einem gewissen Stillstand.

Daß aber im ganzen eine neue Kraftanstrengung des Feindes im Gange war, dafür sprachen nicht nur die Meldungen von erheblichen Truppentransporten nach Kilwa, sondern auch der Umstand, daß Ende Mai der britische General Hoskins, der dem General Smuts im Kommando gefolgt war, durch General van Deventer abgelöst wurde. Es erschien also wieder ein Bur als Oberbefehlshaber, und die Gerüchte, daß von Südafrika neue Europäertruppen herankämen, gewannen an Wahrscheinlichkeit. Südlich Kilwa griff der Feind mit drei Brigaden unsere neun Kompagnien an, aber Hauptmann von Lieberman, der dort für den schwer erkrankten Hauptmann Goering den Befehl übernommen hatte, verstand es in außerordentlich geschickter Weise, mit der feindlichen Überlegenheit fertig zu werden. Am 6. Juli griff mindestens eine Brigade den Hauptmann Lieberman bei Unindi in der Front an und wurde mit schweren Verlusten zurückgeschlagen. Das kühne Vorstürmen unserer Kompagnien erforderte aber auch bei uns Opfer; unter ihnen befand sich Leutnant d. R. Bleeck, der als Kompagnieführer einen tödlichen Unterleibsschuß erhielt. Als kühner Patrouillenführer, in zahlreichen Gefechten und auch beim Stabe des Kommandos hatte dieser tapfere und gerade Charakter vortreffliche Dienste geleistet und mir persönlich nahegestanden. Die rechte Flanke des Hauptmanns von Lieberman deckte Hauptmann Spangenberg mit zwei von den neun Kompagnien gegen eine andere feindliche Brigade. Er führte diesen Auftrag aus und ging mit seinen zwei Kompagnien so energisch gegen diese feindliche Brigade vor, daß später bekannt gewordene, englische Berichte von einem Angriff sehr starker, deutscher Kräfte sprachen.

Trotz dieses Erfolges von Unindi hatte die große zahlenmäßige Überlegenheit des Feindes und die Gefahr, durch Umgehungsbewegungen desselben die rückwärtigen Magazine und Bestände zu verlieren, den Hauptmann von Lieberman zum allmählichen Ausweichen nach Süden unter steten Gefechten veranlaßt. Mir schien der Augenblick gekommen, durch einen schnellen Abmarsch mit meinen bei Lutende verfügbaren Kompagnien und der Gebirgsbatterie beim Hauptmann von Lieberman überraschend einzugreifen und vielleicht eine günstige Gelegenheit für eine gründliche Niederlage des Feindes zu erwischen. In flotten Märschen rückten wir von Lutende direkt nach Norden ab und überschritten den Mbemkuru, der wieder ein unbedeutendes Flüßchen geworden war, ohne Schwierigkeit zwei Tagemärsche unterhalb Nahungu. Schwärme wildgewordener Bienen, die uns zu einem kleinen Umweg veranlaßten, hatten nur eine geringe Störung verursacht. Nördlich des Mbemkuru ging es weiter nach Norden in die Berge von Ruawa.

Die zwei Tage, die es dauerte, ehe die Truppe aufgeschlossen war, benutzte ich zu eingehenden Erkundungsgängen und erfuhr zu meiner Überraschung am 28. Juli zufällig durch Eingeborene, daß von unserem Lager von Ruawa ab ein etwa sechs Stunden weiter, fast geradliniger Weg durch die Berge zum Lager des Hauptmanns von Lieberman an der Wasserstelle Narungombe führte. Sogleich wurde eine Europäerpatrouille abgesandt, um diesen Weg auszugehen. Am 29. Juli hörte ich im Lager bei Ruawa vormittags einige Detonationen aus der Richtung der Abteilung Lieberman; da ich dann aber später nichts hörte und auch der von mir zur Abteilung Lieberman abgesandte und am gleichen Morgen wieder zurückgekehrte Europäer meldete, daß dort alles ruhig sei, glaubte ich nicht an ein ernsthaftes Gefecht. Diese Auffassung mußte ich aber ändern, als mittags der sehr zuverlässige van Rooyen von der Jagd zurückkehrte und meldete, daß er zweifellos andauerndes Maschinengewehrfeuer gehört habe. Der Leser wird sich vielleicht wundern, daß ich erst jetzt den Abmarsch zur Abteilung Lieberman antrat, aber es ist zu berücksichtigen, daß der Marsch dorthin ganz ohne Wasser war und meine Truppen wirklich recht erschöpft, zum Teil erst soeben bei Ruawa eingetroffen waren. Als ich bei Einbruch der Dunkelheit mich dem Gefechtsfelde der Abteilung Lieberman auf knapp drei Stunden genähert hatte, dauerte es bis in die Nacht hinein, ehe meine Kompagnien heran waren. Ein Weitermarsch bei stockfinsterer Dunkelheit durch den Busch wäre aussichtslos gewesen, hätte mit Sicherheit zu einer Menge von Mißverständnissen geführt und die schon stark in Anspruch genommenen Kräfte der Truppe zwecklos verbraucht.

Bald nachdem um 3 Uhr früh der Weitermarsch angetreten war, traf die Meldung der vorausgesandten Offizierspatrouille ein, nach der Hauptmann von Lieberman den Feind zwar geschlagen hatte, dann aber wegen Munitionsmangel in der Nacht auf Mihambiha abmarschiert war. Die Nachhut hatte die Wasserstelle geräumt und war zur Zeit des Abganges der Meldung im Begriff, gleichfalls abzumarschieren. Mein Befehl, die Wasserstelle unter allen Umständen zu halten, da ich bestimmt um 6 Uhr früh eintreffen und in das Gefecht eingreifen würde, war somit leider durch die Verhältnisse überholt worden. Ich glaubte nun, daß der Feind, der ja im ganzen doch überlegen war, die Wasserstelle seiner Gewohnheit gemäß sogleich stark verschanzt hätte und daß ich jetzt bei Durchführung eines Angriffes mit einer durstigen Truppe hiergegen anzurennen hätte. Und das schien mir zu wenig aussichtsvoll. Nachträglich, nachdem ich Kenntnis von der wirklichen Lage beim Feinde erhalten habe, neige ich allerdings zu der entgegengesetzten Ansicht. Der Feind hatte tatsächlich trotz seiner Überlegenheit eine der schwersten Niederlagen des Feldzuges erlitten. Sein südafrikanisches 7. und 8. Europäerregiment waren nahezu aufgerieben. Immer wieder war er in dichten Schützenlinien gegen die Fronten unserer Askarikompagnien angestürmt und immer wieder durch Gegenstöße zurückgetrieben worden. Ein Waldbrand war in seine Reihen hineingeweht worden. Schließlich hatte die Masse seiner Truppen sich im wirren Durcheinander im Busch aufgelöst und war geflohen. Maschinengewehre, Massen von Gewehren und Hunderte von Munitionskisten hatte er auf dem Gefechtsfelde zurückgelassen. In diesem Zustande hätte mein Eingreifen selbst nach Abzug der Abteilung Lieberman vielleicht noch den Untergang dieses Hauptgegners besiegelt. Sehr zu bedauern ist es, daß damals die Gewandtheit vieler Teile der Truppe noch nicht groß genug war, um sich bei dem Mangel an deutscher Munition sofort noch während des Gefechtes mit feindlichen Gewehren und Patronen auszurüsten, die ja in Menge umherlagen. Der in greifbarer Nähe liegende höchste Erfolg war leider durch den Zufall vereitelt worden. Aber dankbar mußte man doch für die Waffentat sein, welche die sieben tapferen Askarikompagnien unter der zweifellos glänzenden Gefechtsführung des Hauptmanns von Lieberman gegen die bedrückende Übermacht vollbracht hatten.

Aber hierüber gewann ich erst später Klarheit; für den Augenblick hielt ich es für richtig, nach Mihambia zu rücken, um durch Vereinigung mit der Abteilung Lieberman eine einheitliche Führung zu sichern, die Abteilung Lieberman durch Abgabe von Munition gefechtsfähig zu machen und ihr, falls erforderlich, nach dem schweren Gefecht durch die sichtbare Verstärkung einen erhöhten moralischen Schwung zu geben. Das letztere erwies sich als unnötig; bei meinem Eintreffen fand ich die Abteilung Lieberman in glänzender Stimmung vor, und alle Kompagnien waren stolz darauf, den überlegenen Feind so schwer geschlagen zu haben. Für mich war die Operation von Narungombe ein erneuter Beweis dafür, wie schwer es ist, im unbekannten, afrikanischen Busch und bei der Unzuverlässigkeit der gegenseitigen Verbindung auch unter sonst günstigen Bedingungen eine in mehreren Kolonnen angesetzte Operation so durchzuführen, daß das angestrebte vereinte Schlagen auf dem Gefechtsfelde auch wirklich erreicht wird. Bei Narungombe, wo alle Vorbedingungen so günstig wie fast nie waren, war die Durchführung schließlich an geringen Zufälligkeiten gescheitert, und so wurde ich in der Auffassung bestärkt, Truppen, mit denen ich einheitlich handeln wollte, noch vor dem Schlagen in engste, gegenseitige Verbindung zu bringen.

Der Schlag von Narungombe brachte den Kilwagegner auf längere Zeit zum Stillstand, und wieder waren es notgedrungen einzelne Patrouillenunternehmungen, die dem Feinde auf seinen Verbindungen Verluste zufügten, indem sie seine Automobile und vorbeimarschierenden Abteilungen aus dem Busch beschossen, bei günstiger Gelegenheit auch mit der blanken Waffe angriffen. Um nun einerseits diesen Patrouillenunternehmungen eine breitere Basis zu geben, dann aber auch zum Schutze gegen die in westlicher Richtung ausholenden, feindlichen Truppenbewegungen und schließlich aus Verpflegungsrücksichten zog ich die Truppen mehr seitlich in die Linie Mihambia-Ndessa auseinander. In der reichen Landschaft von Ndessa zeigten sich zahlreiche Flieger, gegen deren Bomben wir schutzlos waren und die auch einige schwere Verwundungen zur Folge hatten; an der Luftaufklärung konnte man das erhöhte Interesse des Feindes für diese Gegend entnehmen, und bald wurden auch seine Bewegungen noch weiter westlich ausholend festgestellt. Unsere Kampfpatrouillen arbeiteten zwar so erfolgreich, daß gelegentlich ganze Kompagnien des Feindes mit schweren Verlusten in die Flucht gejagt wurden, aber der Gegner versuchte immer wieder von neuem, sich Aufklärung zu verschaffen. Er gab sich kaum noch die Mühe, seine Absicht, mit Hilfe von Parlamentären zu erkunden, zu verbergen. Ich entsinne mich eines Falles, wo der Parlamentär von rückwärts durch den Busch an unser Lager herankam; er hatte also die von verschiedenen Seiten zu unserem Lager führenden Straßen nicht nur vermieden, sondern absichtlich gekreuzt. Mit der Annäherung des Feindes wurde die Beschaffung unserer Verpflegung, deren Bestände sich allmählich erschöpften, schwieriger. Es war nicht zu verhindern, daß unsere ungeschützt weit im Lande verbreiteten Aufkäufer und Jagdkommandos dem Feinde verraten und dann von ihm überrascht wurden. Die Bearbeitung der Eingeborenen durch den Feind zeigte sich darin, daß südlich Mihambia mehrere Eingeborenendörfer plötzlich verlassen waren. Von früher her war mir diese Erscheinung ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Feind dort vorzudringen beabsichtigte. Unsere Verpflegungslage schloß es aus, auf längere Zeit Truppen in der bisherigen Stärke in der Gegend Mihambia-Ndessa zu unterhalten. Da deshalb ohnehin eine Räumung dieses Gebietes in greifbare Nähe rückte, und da der Feind gleichzeitig westlich Lindi, dem General Wahle gegenüber, mit starken Truppen eine gesteigerte Angriffstätigkeit entwickelte, so beschloß ich, mit einem Teile der Kompagnien von Ndessa aus zum General Wahle abzurücken, um vielleicht dort zu erreichen, was bei Narungombe mißlungen war, nämlich mit einer überraschend durchgeführten Verstärkung unserer Truppen einen entscheidenden Teilerfolg zu erzielen. Am 8. August hatten die Truppen des Generals O’Grady allerdings eine sehr schwere Niederlage erlitten. Hierbei war ein indisches Regiment, das durch den freien Raum zwischen zwei ausgebauten, starken deutschen Stützpunkten vorgedrungen war, durch unsere dahinter bereit gehaltenen Reserven angegriffen und nahezu vernichtet worden. Bei der Verfolgung fiel wertvolles Material in unsere Hand. Aber der Feind hatte nach einigen Tagen erneut angegriffen, und vor seinen starken Umgehungsabteilungen war General Wahle nach Narunju und einem in gleicher Höhe südlich des Lukulediflusses liegenden Berge zurückgegangen.

Bei Ndessa blieb Hauptmann Koehl mit sechs Kompagnien und einer Batterie zurück; ich selbst überschritt mit vier Kompagnien und zwei Gebirgsgeschützen unterhalb Nahungu den Mbemkurufluß und marschierte dann quer über das Mueraplateau zur Missionsstation Namupa. Der dortige Präfekt bewirtete uns unter anderem mit Muhogo (eine Feldfrucht mit genießbaren Wurzeln), der wie Bratkartoffeln zubereitet war, und ergänzte die verschwindenden Verpflegungsbestände unserer Europäer durch Bananen und andere Früchte seiner weiten Gartenanlagen.

Im Lager von Njangao erregte ein zum Teil gut aufgefangener, an mich gerichteter deutscher Funkspruch, der beim Eintritt in das vierte Kriegsjahr die Anerkennung Sr. Majestät des Kaisers zum Ausdruck brachte, allgemeinen Jubel.

Bei unangenehmem Regenwetter bezogen wir mit den zuerst eintreffenden Kompagnien Lager bei Njengedi, an der großen Straße Njangao-Lindi, hinter der Abteilung Wahle. Ich begab mich sogleich zur Orientierung zum General Wahle nach Narunju. Hier lagen sich in fast undurchdringlich dichtem, stark zerklüftetem Gelände, dessen Niederungen vielfach mit tiefem Sumpf ausgefüllt waren, Freund und Feind ganz nah gegenüber. Unsere Truppen arbeiteten an tiefen Schützenlöchern, die durch Verhaue vor der Front gedeckt waren. Nur schwache fünf von den sieben Kompagnien, die General Wahle zur Verfügung hatte, lagen bei Narunju, die zwei übrigen auf dem Südufer des Lukulediflusses auf dem Ruhoberge. Bei der Gefahr eines überraschenden Angriffs auf unsere schwachen Kräfte bei Narunju ordnete ich deren Verstärkung durch die Kompagnien des Ruhoberges an und setzte auf diesen Berg zwei der von mir mitgebrachten Kompagnien in Marsch. Schon am folgenden Tage, am 18. August 1917, geschah der feindliche Angriff auf Narunju. Außer dem Hauptmann Lieberman vom Ruhoberge her kamen auch die beiden anderen von mir mitgebrachten Kompagnien noch zum Eingreifen. Ich sehe noch jetzt die Askari der 3. Kompagnie, die soeben erst bei Njengedi angekommen und sofort nach Narunju weitermarschiert waren, im buchstäblichen Eilmarsch vor Einbruch der Dunkelheit dort eintreffen und höre ihre freudigen Zurufe, da sie glaubten, den Feind wieder einmal gründlich zu schlagen.