Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 18
Mitte Juli 1916 gelang den Engländern die überraschende Landung etwa einer Brigade in der Gegend von Muansa. Auch dort kam es zu einigen für uns günstigen Teilgefechten, dann aber wich der Führer, Hauptmann von Chappuis, in Richtung auf Tabora aus. In der ungefähren Linie Schinjanga-St. Michael machten die Truppen aus Muansa sowie diejenigen des Majors von Langenn und des Hauptmanns Wintgens erneut Front und wiesen mehrere Angriffe der Belgier ab. Kapitän Zimmer hatte in Kigoma den Dampfer „Goetzen“ versenkt und den Dampfer „Wami“ gesprengt. Er wich dann langsam längs der Bahn nach Tabora zurück. Ein gleiches tat die Kompagnie des Hauptmanns Hering von Usumbura aus. Die Annäherung der Operationen an Tabora gab dem General Wahle Gelegenheit, rasch Teile der nördlich Tabora stehenden Truppen heranzuziehen, mit der Bahn zu einem kurzen Schlage nach Westen vorzuschieben und schnell wieder zurückzutransportieren. Die 8. Feldkompagnie schlug bei dieser Gelegenheit westlich Tabora ein belgisches Bataillon gründlich, und auch Abteilung Wintgens griff überraschend und erfolgreich sowohl westlich wie nördlich Tabora ein. Diese Teilerfolge waren manchmal recht erheblich, und der Feind verlor an einzelnen Gefechtstagen Hunderte von Gefallenen, auch wurden mehrere leichte Haubitzen im Sturm genommen.
In der Gegend von Bismarckburg war am 2. Juni 1916 die 29. Feldkompagnie in ihrer befestigten Stellung auf dem Namemaberge durch überlegene englische und belgische Truppen umstellt worden. Beim Durchbruch durch diese geriet der tapfere Kompagnieführer Oberleutnant d. R. Franken schwer verwundet in Gefangenschaft. Leutnant d. R. Haßlacher wich Schritt für Schritt auf Tabora zurück. Er fand südlich dieses Ortes in einem Patrouillengefecht den Heldentod.
So waren im September 1916 die Truppen des Westbefehlshabers im wesentlichen um Tabora versammelt, und es war der Augenblick zu einem im großen und ganzen festgelegten Ausweichen in südöstlicher Richtung gekommen. Von den letzten Operationen und von der Einnahme Taboras am 19. September 1916 erfuhr das Kommando erst sehr viel später. Vorderhand bestand keine Verbindung mit dem Westbefehlshaber; diesem war bekannt, daß bei einem Ausweichen unserer Hauptkräfte die Gegend von Mahenge vorzugsweise in Betracht kam. Entsprechend richtete General Wahle seine Märsche ein. Für den Transport von Gepäck und Verpflegung konnte anfänglich die Eisenbahn benutzt werden. Dann marschierte die östliche Kolonne unter Major von Langenn auf Iringa, die mittlere Kolonne unter Hauptmann Wintgens, bei der sich auch General Wahle befand, auf Madibira und die westliche Kolonne unter Oberleutnant a. D. Huebener auf Ilembule. So stießen sie auf die von Neulangenburg nach Iringa führenden Verbindungen und die an dieser Straße liegenden Magazine des Feindes. Die Abteilung Huebener verlor die Verbindung und kapitulierte, nachdem sie bei Ilembule Ende November durch einen überlegenen Feind eingeschlossen war, nach tapferem Gefecht. Abteilung von Langenn hatte das Unglück, bei einem Flußübergang in der Nähe von Iringa durch einen Feuerüberfall überrascht zu werden und dabei viele Leute zu verlieren. Auch der dann erfolgende Angriff auf Iringa brachte ihr Verluste und führte nicht zum Erfolg.
Abteilung Wintgens überraschte in der Gegend von Madibira mehrere feindliche Magazine und Kolonnen, erbeutete hierbei auch ein Geschütz und Funkenmaterial. Ihr mehrtägiges Gefecht von Lupembe führte bei aller Zähigkeit nicht zur Fortnahme dieses Ortes und seiner Bestände. Der Einfluß des Vormarsches der Abteilung Wahle auf die Kriegslage in der Gegend von Mahenge machte sich sofort geltend. Die augenscheinlich recht guten feindlichen Truppen, die aus ihrer festen Stellung bei Mkapira am 30. Oktober den erfolgreichen Ausfall gegen Major Kraut gemacht hatten, fühlten sich in ihrem Rücken aufs äußerste bedroht, räumten ihr festes Lager und zogen wieder nach Lupembe zu ab. General Wahle übernahm nun den gemeinsamen Befehl bei Mahenge.
Ende November 1916 waren die Truppen des Westbefehlshabers Generals Wahle um Mahenge gruppiert. Von hier aus leitete er die sich ungefähr bis Ssongea-Lupembe-Iringa-Kidodi erstreckenden Operationen.
Es ist erwähnt worden, daß seit Juli 1916 jede Verbindung mit General Wahle aufgehört hatte; erst im Oktober 1916 traten seine Patrouillen südlich Iringa in Verbindung mit denen des Majors Kraut.
Erst jetzt, also nach dem Gefecht von Mkapira, erfuhr Major Kraut und durch diesen auch das Kommando den Anmarsch des Generals Wahle; ganz anders aber stellte sich die Entwicklung der Lage in den Augen des Feindes dar. Dieser mußte in dem Vormarsch der Kolonnen des Generals Wahle gegen die englische von Iringa nach Langenburg führende Etappenstraße und der zufälligen gleichzeitigen Bedrohung Mkapiras durch Major Kraut eine großangelegte, gemeinsame Operation sehen, die seine Truppen bei Mkapira in große Gefahr brachte, auch nachdem Major Kraut wieder auf das östliche Ruhudjeufer zurückgegangen war. Er entzog sich dieser durch schleunigen Abzug von Mkapira in westlicher Richtung nach Lupembe.
Die Kolonnen des Generals Wahle sammelten sich zunächst im Raume von Lupembe-Mkapira. Von der am weitesten westlich marschierenden Kolonne des Oberleutnants Huebener fehlte jede Nachricht; ihre Kapitulation bei Ilembule wurde erst viel später bekannt.
So willkommen die Verstärkung der Westtruppen war, so traten doch Schwierigkeiten in der Verpflegung hervor, und es wurde notwendig, einen größeren Raum, der sich fast bis Ssongea erstreckte, für die Verpflegung auszunutzen und zu belegen. Die Abteilung des Majors von Grawert rückte nach Likuju, an der Straße Ssongea-Liwale, diejenige des Majors Kraut in die Gegend von Mpepo, und Hauptmann Wintgens schloß eine feindliche Abteilung ein, die bei Kitanda in befestigtem Lager stand. Bald regte sich der Feind zum Entsatz dieser Abteilung, aber die Entsatztruppen wurden mit schweren Verlusten abgeschlagen. Gleichzeitig entwickelte sich die Lage bei der Abteilung von Grawert außerordentlich ungünstig. Es war dem Feinde gelungen, das Vieh dieser Abteilung fortzutreiben. Da auch sonst in der Gegend die Verpflegung knapp war, hielt Major von Grawert, wohl in Überschätzung der Verpflegungsschwierigkeiten, seine Lage für hoffnungslos und kapitulierte im Januar 1917. Ein fahrbares 8,8 ~cm~-Marinegeschütz, das mit großer Mühe nach Likuju transportiert worden war, fiel außer einer Anzahl guter Maschinengewehre dem Feinde in die Hände. In Wirklichkeit scheint die Lage der Abteilung Grawert nicht so verzweifelt gewesen zu sein; wenigstens kam eine starke Patrouille unter Vizefeldwebel Winzer, der nicht mit kapitulieren wollte, unbelästigt vom Feinde in südlicher Richtung davon und fand nach einigen Tagen schmaler Kost reichlich Verpflegung in den Gebieten westlich Tunduru. Mir zeigte das Verhalten dieser Patrouille, daß es auch aus anscheinend verzweifelten Lagen fast immer noch einen Ausweg gibt, wenn der Führer entschlossen ist, auch ein großes Risiko auf sich zu nehmen.
Die Verpflegungsschwierigkeiten des Generals Wahle wuchsen nun immer mehr. Ob sie durch rücksichtsloses Abschieben von Nichtkombattanten in der Art, wie es am Rufiji geschehen war, erheblich hätten vermindert werden können oder ob eine größere Gewandtheit in der Beschaffung und Verteilung der Lebensmittel imstande gewesen wäre, die materielle Lage der Westtruppen wesentlich zu verbessern, war ich vom Utungisee nicht in der Lage zu entscheiden. Die behelfsmäßige Drahtverbindung nach Mahenge war wenig leistungsfähig und oft unterbrochen, und vom General Wahle in Mahenge bis zu den Truppen war immer noch ein mehrtägiger Botenverkehr erforderlich. So war es für mich schwer, aus den unvollkommenen Nachrichten eine Anschauung zu gewinnen. Genug: die Verpflegungsschwierigkeiten wurden in Mahenge als so erheblich angesehen, daß die Versammlung so starker Truppenmassen nicht länger für möglich gehalten wurde und Teile abgeschoben werden mußten.
Abteilung Kraut und Abteilung Wintgens wurden nach Westen auf Gumbiro in Marsch gesetzt, um von dort nach Süden dringend die Straße Ssongea-Wiedhafen zu überschreiten, wo in den Bergen südlich Ssongea genügend Verpflegung vermutet wurde. Die Meldung über diese Bewegung traf bei mir so spät ein, daß ich nicht mehr eingreifen konnte. Von Gumbiro wandte sich Hauptmann Wintgens nach Norden und hat in der Gegend des Rukwasees gegen eine ihn verfolgende feindliche Kolonne mit Erfolg gekämpft; bei der Annäherung an Tabora wurde er selbst typhuskrank gefangengenommen, und Hauptmann Naumann führte die Abteilung weiter, bis er sich schließlich gegen Ende 1917 am Kilimandjaro der feindlichen Verfolgungskolonne ergab, die mit reichlicher Reiterei ausgestattet war. Es ist zu bedauern, daß diese von der Initiative eingegebene und mit so großer Zähigkeit durchgeführte Einzeloperation doch zu sehr aus dem Rahmen der gesamten Kriegshandlung herausfiel, um für diese von Nutzen sein zu können.
Major Kraut hatte sich in Gumbiro von Hauptmann Wintgens getrennt und war dem ihm vom General Wahle erteilten Befehl entsprechend nach Süden marschiert. Das Überschreiten der Etappenlinie Ssongea-Wiedhafen machte keine Schwierigkeiten, führte aber, da der Feind seine Vorräte in den Etappenlagern gut verschanzt und gesichert hatte, zu keiner Beute. Auch im Lande wurde jetzt, im März 1917, also in der ärmsten Jahreszeit, einige Monate vor der neuen Ernte, wenig Verpflegung vorgefunden. Nach einigen Nachhutgefechten gegen englische Truppen glückte am Rowuma ein Überfall auf das kleine portugiesische Lager bei Mitomoni. Major Kraut zog dann den Rowuma abwärts nach Tunduru und begab sich selbst zu persönlicher Berichterstattung zum Kommando nach Mpotora. Zwei seiner Kompagnien blieben bei Tunduru zur Sicherung des dortigen reichen Verpflegungsgebietes. Die drei anderen rückten weiter nach Osten und wurden vorübergehend dem Kapitän Looff unterstellt, der vor Lindi lag.
Zehnter Abschnitt
Um Lindi und Kilwa
Die Operationen der letzten Monate hatten das für die Verpflegungsbeschaffung der Truppe in Betracht kommende Gebiet immer mehr eingeengt. Die fruchtbaren Gebiete von Lupembe, Iringa, Kissaki und am unteren Rufiji waren verloren gegangen, das noch besetzte Gebiet schloß große Strecken unbebauten Landes in sich. Die Ertragfähigkeit der reicheren Landesteile war zum großen Teil unbekannt; erst später stellte sich durch die Operationen selbst heraus, wieviel beispielsweise die Gegend südwestlich Kilwa und südwestlich Liwale an Verpflegung zu liefern imstande waren. Bekannt war mir damals nur ganz im allgemeinen, daß der östliche Teil des Lindibezirks sehr reich war und als die Kornkammer der Kolonie bezeichnet wurde. Aber dieser reiche Landesteil war bei seiner Küstennähe auch sehr gefährdet, und man mußte sich für den Fall, daß er verloren gehen würde, schon jetzt die Frage vorlegen, was dann geschehen sollte.
Von selbst richteten sich da die Blicke über den Rowuma hinüber auf das portugiesische Gebiet. Aber über dieses waren die Nachrichten noch spärlicher als über die Teile der deutschen Kolonie. Glücklicherweise aber waren eine Anzahl eingeborener, portugiesischer Häuptlinge aus Haß gegen ihre Bedrücker auf deutsches Gebiet übergesiedelt, und auch sonst genossen wir Deutschen bei den intelligenten Schwarzen des portugiesischen Gebietes, die vielfach auf deutschen Pflanzungen arbeiteten, einen sehr guten Ruf. So gelang es, sich doch wenigstens ein ungefähres Bild des Gebietes östlich des mittleren Nyassasees zu machen und als sehr wahrscheinlich festzustellen, daß südlich des mehrere Tagereisen breiten, wenig bewohnten Steppengürtels des Rowuma, in der Gegend von Mwembe, sich ein fruchtbares Gebiet befand. Eine Expeditionstruppe von wenigen hundert Gewehren unter Major von Stuemer überschritt südlich Tunduru den Rowuma, setzte sich sehr bald in den Besitz von Mwembe, und unsere Patrouillen streiften von dort an die Ufer des Nyassasees bis in die Gegend von Fort Johnston und nach Osten bis halbwegs Port Amelia.
Bei der Schwierigkeit der Verbindung -- Eilboten von der Telephonstation Liwale nach Tunduru gingen etwa drei und von Tunduru nach Mwembe fünf Tage -- war es schwer, ein Bild über die Verhältnisse bei Mwembe zu gewinnen. Erst Leutnant d. R. Brucker, der im Januar 1917 zu persönlicher Berichterstattung von Mwembe her beim Kommando eintraf, schaffte Klarheit. Schon die von ihm mitgebrachten europäischen Kartoffeln ließen vermuten, daß dort an Verpflegung etwas zu erwarten war. Er schilderte uns das Land als reich und berichtete, daß auch die Umgebung von Tunduru reich sei und der Krieg sich dort bisher nicht fühlbar gemacht hatte. Eier und Hühner gab es in dem reich angebauten Lande noch in großer Zahl. Als Brucker in Tunduru auf der Erde schlief, hatten die dortigen Europäer dies noch für Renommisterei gehalten; so wenig kannten sie den Krieg. Bei der allgemeinen Schwierigkeit der Verpflegungsbeschaffung und den häufigen Truppenverschiebungen wurde die Notwendigkeit, die Truppe von dem wenig leistungsfähigen Etappennachschub mehr und mehr loszulösen, immer brennender. Mit aus diesem Grunde erhielten die Abteilungen des Hauptmanns Goering und von Lieberman Befehl, in die Gegend dicht südlich Kilwa zu ziehen, wo nach Erzählungen einiger Europäer in den Kiturikabergen viel Verpflegung sein sollte. Um den Verpflegungsnachschub von rückwärts her zu entlasten, wurden die Truppen ohne zeitraubende Erkundung auf Kilwa in Marsch gesetzt, und es war ein Glück, daß sich die Nachrichten über den Verpflegungsreichtum in der dortigen Gegend dann bewahrheiteten.
Um den Feind, der von Kilwa aus bereits kleinere Abteilungen bis halbwegs nach Liwale vorgeschoben hatte, möglichst in seinem Ausschiffungspunkt bei Kilwa von Süden her zu fassen und zugleich so auch die südlich Kilwa nach dem Mbemkuru zu gelegenen, fruchtbaren Gebiete zu sichern, machten die Abteilungen Goering und von Lieberman von Mpotora aus nach Süden zu einen Bogen und drangen nun, Abteilung Goering in der Nähe der Küste, direkt auf Kilwa zu, Abteilung Lieberman etwas westlich davon gegen die Straße Kilwa-Liwale vor. Längs dieser Straße ging eine schwächere Abteilung auf Kilwa zu und diente als Rückhalt für Kampfpatrouillen, die die feindlichen Streifabteilungen mehrfach in ihren Lagern überraschten und zurückwarfen. Bald wimmelte es in der Gegend von Kilwa von unseren Kampfpatrouillen. Mehrere feindliche Magazine wurden überrascht und die Besatzungen zum Teil niedergemacht. Bei einer dieser Gelegenheiten drang der später gefallene brave Feldwebel Struwe mit einem großen Teil der 3. Feldkompagnie geschickt in das Innere eines Magazines ein und fügte von hier aus, gedeckt durch die Mehlsäcke, dem Feind, der von außen her in großer Zahl erschien, schwere Verluste bei. Aber es war schwierig, aus dem überrumpelten Magazin viel mitzunehmen, und so mußte sich die Patrouille damit begnügen, den Hauptteil der Bestände zu vernichten. Es trat auch der bei der Patrouillenführung gewiß seltene Fall ein, daß ein Feldgeschütz mit auf Patrouille ging. Dieses erreichte nach sorgfältiger Erkundung die Küste bei Kilwa-Kissiwani und beschoß mehrere dort liegende Transportschiffe.
Am 18. April 1917 wurde Hauptmann von Lieberman, der mit der 11. und 17. Kompagnie einen Tagemarsch südwestlich Kilwa, an der Straße Kilwa-Liwale bei Ngaula, in verschanzter Stellung stand, durch acht Kompagnien mit zwei Geschützen angegriffen. Oberleutnant z. S. a. D. Buechsel machte mit seiner 17. Kompagnie einen so wuchtigen Flankenstoß, daß er nacheinander mehrere Askarikompagnien des Feindes über den Haufen warf und diese sowie das 40. indische Pathanregiment in wilder Flucht davonliefen. Der Feind ließ etwa 70 Tote liegen, und es ist, wie später Engländer erzählt haben, nur dem Zufall zu verdanken, daß seine Geschütze, die in einem Fluß steckengeblieben waren, nicht von uns gefunden wurden.
Im allgemeinen hatte man den Eindruck, daß die Kräfte des Feindes wieder einmal ziemlich erschöpft waren. Falls er nicht ganz erhebliche Verstärkungen heranbrachte, war vorauszusehen, daß die vorhandenen Kräfte in nicht zu ferner Zeit aufgerieben und seine Operationen erfolglos bleiben würden. Augenscheinlich erforderte schon seine jetzige Operation eine große Kraftanspannung. Es war festgestellt worden, daß eine Batterie aus Hinterindien nach Kilwa herangezogen und daß eine große Anzahl neuer Askarikompagnien aufgestellt worden waren.
Gefährlicher als der Feind erschien mir die materielle Lage der Truppe. Die Weizenbestände des Hilfsschiffes gingen zu Ende, und es schien mir fraglich, ob man aus Mtamamehl allein ohne Zusatz von Weizenmehl würde Brot backen können. Ich glaubte damals noch, daß Brot ein unbedingtes Erfordernis für die Europäerernährung wäre und machte deshalb persönlich Backversuche ohne Weizenmehl. Schon diese fielen leidlich zur Zufriedenheit aus. Später, unter dem Zwange der Not, haben wir alle ohne Weizenmehl vortreffliches Brot hergestellt. Die Methoden waren sehr verschieden. Wir haben gutes Brot später nicht nur aus Mtama, sondern auch aus Muhogo, aus Süßkartoffeln, aus Mais, kurz schließlich von fast jedem Mehl und in verschiedenartigsten Mischungen gebacken und je nachdem durch Zusatz von gekochtem Reis, gekochtem Mtama auch die wünschenswerte Beschaffenheit erzielt.
Auch die Bekleidung erforderte Beachtung. Eine Stiefelnot war in Sicht. Meine Versuche zeigten mir bald, daß der Europäer zwar auf leidlichen Wegen, keinesfalls aber durch den Busch dauernd barfuß gehen kann. Sandalen, die jeder leicht aus irgendeinem Stück Leder herstellt, erwiesen sich als Aushilfe, ersetzten jedoch nicht die Stiefel. Für alle Fälle ließ ich mich im Gerben von Leder mit der Hand unterweisen und habe mir unter Anleitung auch einen Gegenstand verfertigt, den man zur Not als einen linken Stiefel bezeichnen konnte, wenn er auch eigentlich ein rechter Stiefel hatte werden sollen. Für den Europäer ist es sehr erwünscht, wenn er die einfachsten Grundlagen dieser Handwerke so weit kennt, um aus der Decke der Antilope, die er heute erlegt, in einigen Tagen einen Stiefel herzustellen, oder einen solchen wenigstens wieder gebrauchsfähig zu machen, ohne daß ihm die Hilfsmittel der Kultur zur Verfügung stehen. Ein Nagel muß als Pfriem, ein Baumast als Leisten dienen, und der Zwirn wird aus dem zähen Leder einer kleinen Antilope geschnitten. Tatsächlich sind wir aber nie in eine wirkliche Notlage in dieser Beziehung geraten; denn immer hat uns Beute wieder die notwendige Bekleidung und Ausrüstung verschafft, und manchen Beutesattel haben wir verwandt, um aus ihm Stiefelsohlen und Flicken zu schneiden.
Mehr und mehr gelangte fast jeder Europäer auf den Standpunkt des südafrikanischen „Treckers“ und war sein eigener Handwerker. Natürlich nicht immer in eigener Person, aber innerhalb des kleinen Haushaltes, den er mit seinem schwarzen Koch und schwarzen Diener selbständig führte. Viele hatten sich auch einige Hühner zugelegt, die mitgetragen wurden, und Hahnenschrei verriet die deutschen Lager ebensoweit wie die Ansiedlungen der Eingeborenen. Der Befehl einer Abteilung, der das Krähen der Hähne vor 9 Uhr morgens verbot, schaffte keine Abhilfe.
Die wichtige Salzfrage wurde von den Truppen bei Kilwa sehr einfach durch Verdunstenlassen des Meerwassers gelöst. Um aber auch bei Verlust der Küste den Ersatz an Salz, das in den Magazinen anfing, knapp zu werden, zu sichern, wurden salzhaltige Pflanzen gesucht und ihre Asche ausgelaugt. Einen Fingerzeig hierfür gaben uns die Eingeborenen der Gegend, die ihren Salzbedarf auf gleiche Weise deckten. Das so gewonnene Salz war nicht schlecht, ist aber in nennenswertem Umfange nicht in Anspruch genommen worden, da wir später unseren Bedarf stets durch Beute rechtzeitig decken konnten. Der große Elefantenreichtum der Gegend lieferte viel Fett; Zucker wurde ersetzt durch den prachtvollen wilden Honig, der in großer Menge gefunden wurde. Die Truppe hatte einen gewaltigen Fortschritt in der Beschaffung der Verpflegung gemacht, wußte auch, Feldfrüchte notreif zu machen und sich auf diese Weise vor Mangel zu schützen.
Es verdient an dieser Stelle besonders hervorgehoben zu werden, daß das Sanitätswesen in den wechselnden, schwierigen Verhältnissen des Feldlebens es verstanden hat, die besonders wichtigen Fragen des Chinins und des Verbandzeugs in befriedigender Weise zu lösen. Erwähnt ist schon, daß im Norden aus den Beständen der Chinarinde Chinintabletten hergestellt wurden, die die englischen an Güte übertrafen. Nach der Räumung der Nordbezirke war ein großer Teil Chinarinde nach Kilossa geschafft worden; von diesen Beständen war auf Anregung des damals stellvertretenden Sanitätsoffiziers beim Stabe, Stabsarzt Taute, ein Teil weiter nach Süden transportiert worden. Die Tablettenzubereitung konnte mangels eines entsprechenden Instituts nicht fortgesetzt werden; dafür wurde durch Auskochen der Chinarinde flüssiges Chinin hergestellt. Dies hatte einen verteufelten Geschmack und wurde unter dem Namen Lettowschnaps zwar ungern, aber doch mit Nutzen für den Patienten getrunken.
Die andere schwierige Frage war die Beschaffung von Verbandstoff. Um diesen beim Schwinden der Leinwandbestände zu ergänzen, wurden nicht nur Kleidungsstücke aller Art nach Desinfizierung verwandt und nach Benutzung durch erneutes Auskochen wiederum brauchbar gemacht, sondern es wurde auch Verbandzeug mit gutem Erfolg aus Baumrinde hergestellt. Einen Fingerzeig hierzu gab uns die Methode der Eingeborenen, die längst aus Myomborinde Kleidungsstücke und Säcke verfertigten. Das ärztliche und Apothekerpersonal hat das Menschenmögliche getan, um die Truppe gesund und lebensfähig zu erhalten. Die hohe Anpassungsfähigkeit des Sanitätsdienstes und das erforderliche Haushalten mit den primitiven verfügbaren Mitteln verdient um so mehr Anerkennung, als gerade der Sanitätsdienst ursprünglich unter den Verhältnissen des Tropenklimas mit Recht daran gewöhnt war, mit seinen Beständen etwas frei zu wirtschaften. Der Sanitätsoffizier beim Stabe, Stabsarzt Stolowsky, und später sein Nachfolger, Stabsarzt Taute, haben hier eine musterhafte und hingebende Tätigkeit und Umsicht entwickelt.
Auf gleicher Höhe stand die chirurgische Tätigkeit. Die Lazarette, die während des ersten Teiles des Feldzuges meist in massiven Gebäuden untergebracht worden waren und in solchen Jahr und Tag ständig ohne Platzwechsel gearbeitet hatten, mußten sich in bewegliche Kolonnen umwandeln, die in jedem Augenblick mit allen Kranken und allen Lasten aufgepackt werden konnten und der Truppe auf ihren vielen Hin- und Hermärschen in gleichem Tempo folgten. Alles nicht unbedingt notwendige Material mußte abgestoßen werden; die Vorbereitungen für eine chirurgische Operation wurden demzufolge stets mehr oder weniger improvisiert. Der Raum dazu war meist eine soeben erst hergestellte Grashütte. Trotzdem sind Stabsarzt Müller, Regierungsarzt Thierfelder und andere auch durch schwere Fälle, dabei mehrere Blinddarmoperationen, nicht in Verlegenheit gekommen.
Das Vertrauen, das, wie schon bei einer früheren Gelegenheit erwähnt, auch feindliche Soldaten zu den deutschen Ärzten hatten, war vollberechtigt. Die erfolgreiche und hingebende ärztliche Tätigkeit stärkte bei Weißen und Schwarzen das gegenseitige Vertrauen ganz gewaltig. So bildeten sich mehr und mehr die festen Bande, die die verschiedenartigen Elemente der Truppe bis zum Schluß als ein geschlossenes Ganzes zusammenhielten. --