Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 17
Im Etappengebiet war außer den Trägermassen, die zum Abtransport der Kriegsbestände nach Süden nötig waren, noch eine Menge Personal gehalten worden, das zum Wegebau, zum Bau von Grashütten und zu anderen Zwecken verwendet wurde. Auch auf den kleinen Etappenorten lagen eine Anzahl Leute herum, die auch im günstigsten Falle nichts anderes taten, als ihre eigene Verpflegung herbeizuholen und aufzuessen. Oft aber wurde auch dieses Heranholen der Verpflegung noch wieder durch andere Leute besorgt, die ihrerseits wieder verpflegt werden mußten. Es war in vielen Fällen beinahe so, daß eine Last Verpflegung, die bei der fechtenden Truppe nördlich des unteren Rufiji gesammelt und abgeschickt worden war, schließlich in einem kleinen Etappenort landete und von Leuten verzehrt wurde, die nichts oder etwas ganz Nebensächliches leisteten. Bei den schwierigen Verkehrsverhältnissen und den großen Entfernungen war es auch dem tätigen und durchgreifenden Hauptmann Stemmermann, der die Leitung des Etappenwesens übernommen hatte, noch nicht gelungen, in diese Verhältnisse vollen Einblick zu erhalten und die Mißstände abzustellen. Es gab auch in Afrika zuviel Leute, deren Hang, die vorhandenen wertvollen Kräfte für nebensächliche Dinge zu verwenden und dadurch wichtigere Dinge zu schädigen, so groß ist, daß nur ein eiserner Besen Wandel schaffen konnte. Das Gesamtergebnis aller dieser Hemmungen war, daß Tausende und aber Tausende von Nichtstuern die Bestände verzehrten, die mit großen Anstrengungen im Bereich der fechtenden Truppe gesammelt worden waren. Die Etappe leistete nichts für die Verpflegung der Truppe, lebte im Gegenteil noch auf deren Kosten, und dabei stand der Augenblick in greifbarer Nähe, wo wir die Verpflegungsgebiete, die zur Zeit von der fechtenden Truppe gehalten wurden, aufgeben mußten. Da war guter Rat teuer. Mit allem Nachdruck mußte auf sofortigen Anbau in dem augenblicklich von uns besetzten Gebiete, also der Umgebung von Madaba und Liwale, dann aber auch in den weiter südlich gelegenen Teilen des Schutzgebietes, die voraussichtlich für die späteren Operationen in erster Linie in Frage kamen, gesorgt werden. Aber das Heranwachsen aller dieser Verpflegung erforderte Monate. Diese Monate mußten wir noch am Rufiji bleiben und hier leben. Hier waren zwar einige hundert Hektar Mais angepflanzt worden, aber auch diese mußten erst voll heranreifen. Nicht früher durfte aus Verpflegungsgründen die Truppe nach Süden rücken; sie mußte sich in dem verpflegungsarmen Gebiet halten, in dem sie augenblicklich lag.
Die Erfüllung dieser Aufgabe war schwierig. Eine Forderung mußte sofort durchgeführt werden: das Abschieben aller Esser, die für die Kriegführung der nächsten Monate nicht unbedingt notwendig waren. So wurden Tausende von Trägern und Arbeitern des Etappengebietes nach ihrer Heimat entlassen. Die großen Nachteile dieser Maßregel mußten bewußt mit in Kauf genommen werden; lieferten wir doch dem Feinde Tausende von Leuten, deren Aussagen ihm ein bis ins einzelne gehendes Bild unserer Verteilungsstärke, Verpflegungslage und inneren Verhältnisse geben mußte. Die Verringerung des Etappenpersonals allem genügte jedoch nicht. Auch das nichtfechtende Personal der Kompagnien wurde verringert. Unter anderem wurde bestimmt, daß für keinen Europäer von jetzt ab mehr als fünf Farbige zuständig sein durften. Das klingt für europäische Ohren reichlich, aber unter afrikanischen Verhältnissen ist für den Europäer eine farbige Bedienung wirklich unerläßlich, also mindestens ein Mann oder Junge, der kocht und die persönlichen Dienste verrichtet. Dazu kommt, daß alles Eigentum an Bekleidung, Verpflegung, Decken und Zeltmaterial dauernd mitgeführt werden muß. Wenn man bedenkt, daß im Frieden für den reisenden Beamten auf einer größeren Safari (Reise) elf bis dreizehn Träger außer seinen zwei bis drei persönlichen Dienern zuständig waren, so wird man verstehen, wie einschneidend die vom Kommando angeordnete Beschränkung war und welchen Sturm der Entrüstung sie erregte. Glücklicherweise war ich in der Lage, allen Einwendungen, die mir vom gesundheitlichen und kulturellen Standpunkt aus gemacht wurden, die einfache Tatsache gegenüberzuhalten, daß ich selbst seit Monaten statt mit drei mit knapp zwei Lasten, also im ganzen mit vier Schwarzen, ausgekommen und dabei gesund geblieben war. Besondere Dankbarkeit empfinde ich noch jetzt gegen die Offiziere der Truppe, die, wie bei so vielen anderen Gelegenheiten, die Notwendigkeit einer unbequemen Maßregel einsahen und mit bestem Beispiel vorangingen. Sie sahen die richtige Auffassung unserer Offiziersüberlieferung darin, daß sie nicht besondere Bequemlichkeiten für sich beanspruchten, sondern gerade in erster Linie die unvermeidbaren Unbequemlichkeiten auf sich nahmen. Ich glaube, daß von allen, Soldaten und Nichtsoldaten, bis in die höchsten Zivilstellen hinauf, nicht einer ist, der die anfänglich so hart bekämpfte Maßregel jetzt noch verurteilte.
Jedoch durch das Abschieben der „Esser“ allein war das Existenzproblem noch nicht zu lösen; die Bestände langten einfach nicht. Es war schon damals vorauszusehen, daß die Verpflegungseinfuhr aus dem Gebiet der fechtenden Truppe, die natürlich mit Hochdruck weiterbetrieben wurde, nicht ausreichen würde, um uns bis zum Beginn der neuen Ernte, also bis Ende März, zu verpflegen. Bei aller eingehenden und reiflichen Überlegung kamen wir nicht um die Notwendigkeit herum, auch die Verpflegungssätze herunterzusetzen, eine außerordentlich unsympathische Maßregel, da auch der Schwarze, wenn Verlaß auf ihn sein soll, gut verpflegt sein muß. Es entlud sich denn auch ein neuer und sehr viel stärkerer Sturm der Entrüstung. Von allen Seiten kamen die Schreiben und Telegramme, daß die auf täglich 600 ~g~ Mehl festgesetzte Menge von Zerealien die für den Körper erforderliche Kalorienzahl nicht liefern könnte. Aber auch hier stand die unerbittliche Tatsache fest, daß eben nur soundso viel Verpflegung vorhanden war und wir mit dieser auskommen mußten. Die Herabsetzung der Zerealienportion war nicht zu umgehen. Im übrigen mußten die Kompagnien und der einzelne für einen entsprechenden Ausgleich durch die Ergebnisse der Jagd sorgen, was bei dem wildreichen Gebiet bei einiger Rührigkeit auch zu erreichen war. Aber in Verpflegungssachen ist nun einmal die Logik bei vielen etwas beeinträchtigt, und für manchen war es nicht allzu schwer, alle Schuld für die zur Zeit kaum ausreichende Verpflegung auf den bösen Kommandeur zu schieben und selbst die Rolle dessen zu spielen, der mit allen Kräften für die baldige Wiederheraufsetzung des täglichen Verpflegungssatzes arbeitete. Ich mußte dies mit Gemütsruhe über mich ergehen lassen und machte meine Beobachtungen darüber, welche Leute imstande waren, sich mit einer unerbittlichen Notwendigkeit abzufinden oder welchen dies nicht gelang.
Die Ausführung dieser einschneidenden Anordnungen geriet nun auf Schwierigkeiten. Eine Menge von Askarifrauen hatten die Truppe begleitet, waren dann aber in verschiedenen Lagern am Rufiji hängengeblieben, wo es ihnen gerade gefiel. Ich hatte das größte Interesse, sie nach Süden abzuschieben, wo die Verpflegung leichter durchführbar war. Die Transporte wurden auch eingerichtet und die Frauen für den Marsch mit Verpflegung ausgerüstet. Aber schon nach einem kurzen Tagemarsch blieben sie einfach liegen und erklärten, nicht weitergehen zu können. Ihre auf längere Zeit berechnete Verpflegung hatten sie spätestens am dritten Tage aufgegessen und schrien nun nach mehr. Einige fielen sogar über den Europäer her, der den Transport führte, und verprügelten ihn. Auch unter der schwarzen Farbe machte das holde Geschlecht von den Vorzügen, die ihm in seiner Gesamtheit mit Recht zugeschrieben werden, nicht immer uneingeschränkten Gebrauch.
Schließlich kamen wir aber auch über diese Schwierigkeit hinweg, und die Verpflegungsfrage löste sich leidlich. Die Askari, denen die Lage auseinandergesetzt wurde, sahen die Schwierigkeiten ein und waren recht verständig. Gute Jäger wurden auf die weiten Jagdgründe verteilt und der knurrende Magen dann von Zeit zu Zeit wieder reichlicher gefüllt. Ich entsinne mich, daß bei uns am Utungisee unsere etwa 200 Schwarzen an einem Tage einen starken Büffel und im Anschluß daran noch einen Elefanten restlos verzehrten. Auch den durchziehenden Trägerkarawanen konnte häufig ein Stück Wildbret verabfolgt werden.
Im Laufe des Februar schrumpften die Bestände unserer Magazine, die ich mir täglich notierte, zusammen. Ich mußte befürchten, daß ich aus Verpflegungsgründen das Heranreifen der neuen Ernte am Rufiji nicht abwarten könnte. Dann war nicht nur diese Ernte verloren, sondern auch die weiter südlich heranwachsenden Bestände konnten nicht voll ausgenutzt werden. Dort würden wir nur die gerade reifen Früchte verbrauchen und weiterziehen, den Rest unreif stehenlassen müssen. Ein glücklicher Zufall brachte mir in dieser Verlegenheit Hilfe. Ich ging eines Tages vom Utungisee nach Mpanganja zu Hauptmann Tafel, der dort mit bewährter Umsicht die taktischen und zugleich die Verpflegungsangelegenheiten leitete. Nachts blieb ich in seinem Lager, und er setzte mir ein sehr schönes Gericht aus jungem Mais vor, der wie Spargel zubereitet war. So kamen wir auf die Maisfelder von Mpanganja und Umgebung zu sprechen. Diese saßen voll von Frauen und anderen Eingeborenen, die dort wie ein Flug Zugvögel eingefallen waren und von der jungen, ganz unreifen Frucht lebten. Das war so unwirtschaftlich wie möglich, aber es brachte mich doch auf den Gedanken, im Notfalle die Maisbestände schon vor ihrer Reife in größerem Umfange ausnutzen zu können. Dieser Notfall trat nun sehr bald ein, und ein Versuch mit den in der Reife am weitesten vorgeschrittenen Körnern ergab, daß diese aus einer Darre notreif getrocknet werden und aus ihnen ein recht gutes Mehl hergestellt werden konnte. Es wurden nun von Tag zu Tag die reifsten Kolben abgeerntet, und da die Gesamtbestände immer weiter heranreiften, so besserte sich die Verpflegungslage von Tag zu Tag. Schon am 1. März konnten die Rationen auf 700 ~g~, also fast auf die volle Höhe des früheren Satzes, heraufgesetzt werden.
Die zunehmende Verschärfung der gesamten Kriegslage erforderte eine intensivere und straffere Ausnutzung unserer Verpflegungsmöglichkeiten; die ruhige und langsame Verpflegungsbeschaffung, wie sie im ersten Teil des Krieges von den Zivilbehörden in befriedigendem Maße geleistet worden war, war jetzt nicht mehr ausreichend. Zweimal, bei Kissaki und am Rufiji, war ich unvorhergesehenerweise in die schwierigste Verpflegungslage gekommen, die Weiterführung der Operationen in Frage gestellt worden. Eine straffere Organisation des Verpflegungswesens, die die militärischen Notwendigkeiten erkannte, vorausschauend berücksichtigte und schneller und durchgreifender arbeitete, war eine Lebensfrage für die weitere Kriegführung. Glücklicherweise ließ sich auch der Gouverneur hiervon überzeugen, und so wurde eine aus einer Anzahl Truppenangehöriger neugebildete Intendanturabteilung über Liwale nach Massassi vorausgesandt. Sie richtete mehrere Unterabteilungen im Anschluß an die Nebenstellen der Verwaltung im Bezirk Lindi ein und hat auf diese Weise Hand in Hand mit den Zivilorganen dort den Anbau und das Ansammeln der Verpflegung in Magazine vorbereitet und später durchgeführt. Durch diese Einrichtung wurde die angestrebte Durchtränkung des Verpflegungs- und Nachschubapparates mit dem unvermeidlichen militärischen Geiste im großen und ganzen erreicht.
An Bekleidung war in damaliger Zeit kein fühlbarer Mangel, und auch Waffen und Munition waren ausreichend vorhanden.
Wegen der Umgehungsbewegung des Feindes bei Mkalinzo, wo starke Truppenmengen festgestellt worden waren, hatte Hauptmann Otto das Gros seiner Abteilung von Kungulio aus nach Süden verschoben. Nördlich Mawa deckte er das reiche Verpflegungsgebiet von Madaba und die vom Utungisee über Mawa dorthin laufende Transport- und Telephonstraße. Am 24. Januar 1917 wurde Hauptmann Otto nördlich Mawa von mehreren Bataillonen der Nigeriabrigade angegriffen. Der mit schweren Verlusten geschlagene Feind wurde mehrere Kilometer durch den Busch verfolgt bis zu einer verschanzten Stellung, in der er Aufnahme fand. Von Kibata her waren die Truppen des nach unserem Abzug dort belassenen Hauptmanns Schulz, die gelegentlich verstärkt und abgelöst wurden, nach Kämpfen in der Gegend Kibata-Utete-Kissiberge allmählich nach Ungwara zusammengezogen worden. Stärkere Kräfte -- festgestellt wurde eine Infanteriebrigade -- waren ihnen gefolgt. Trotz seiner numerischen Überlegenheit verliefen die einzelnen Gefechte für den Feind meist ungünstig und recht verlustreich. Hauptmann von Lieberman, Hauptmann Goering, Hauptmann Koehl und zahlreiche Patrouillenführer schlugen häufig um das Doppelte und mehr überlegene Abteilungen Inder oder schwarzer Soldaten vollständig und erbeuteten Gewehre, Maschinengewehre und Munition. Der lange Krieg hatte eine große Anzahl tüchtiger Unterführer erzeugt, und das Beispiel, wie es der später gefallene Oberleutnant Kroeger gab, rief unbegrenzte Unternehmungslust und Wagemut hervor. Ohne nach der Stärke des Feindes zu fragen, war er häufig mit wenigen Mann im dichten Busch dem Feinde sofort mit aufgepflanztem Seitengewehr und Hurra zu Leibe gegangen und hatte so auch bei den Askari Schule gemacht. Verschiedene farbige Patrouillenführer taten sich hervor, und wenn später der brave Effendi der 4. Feldkompagnie mit seiner Patrouille eine ganze indische Kompagnie in selbständigem Gefecht schlug, so verdanken wir dies der hier bei Ungwara durchgemachten Schulung.
Die Gefahr für unsere über Madaba und Liwale nach Süden gehende Verbindung durch einen starken Feind, der westlich Kibata stand, war zu offenkundig, und es war notwendig für uns, für ausreichenden Schutz zu sorgen. Dies bedingte eine allmähliche Verschiebung unserer Kräfte vom Rufiji aus nach Süden um so mehr, als die Verpflegungsbestände im Gebiet dieses Flusses sich ihrem Ende näherten und die großen Regen vor der Tür standen.
Es war von besonderer Wichtigkeit, die Gebiete des Rufiji nicht vor dem Einsetzen dieser großen Regen zu räumen. Gelang dies, so stand ein erheblicher Zeitgewinn für uns zu erwarten, da während der Regen selbst und in der Zeit nach ihnen die Operationen notgedrungen stillstanden, die Feldfrüchte, besonders der Mtama (Hirse), also ausreifen konnten.
Als die Wanderungen der Ameisen gezeigt hatten, daß die großen Regen bevorstanden, war vorbeugend vom Kommando befohlen worden, daß Frauen, Kinder und Nichtkombattanten in möglichst großer Anzahl auf das Nordufer des Rufiji übergesetzt und von dort weiter nach Daressalam transportiert wurden. Daß diese durch die Regen und die Verpflegungsmaßnahme bedingte unvermeidliche Maßnahme viele Mißbilligung hervorrief, darum durfte ich mich ebensowenig wie bei anderen Entrüstungsstürmen kümmern. Ich stehe aber auch jetzt noch auf dem Standpunkt, daß das frühzeitige Abschieben dieser Leute mehr in ihrem eigenen Interesse lag, als daß sie noch einen Teil der Regenzeit im aufgeweichten Boden oder in überschwemmten Wohnungen ohne ausreichende Verpflegung hätten zubringen müssen.
Die Regen, die Ende März einsetzen, waren 1917 ganz besonders stark. Unser etwas erhöht liegender Lagerplatz am Utungisee wurde zu einer Insel, von der aus der Verkehr durch den Wald zum Rufiji nur durch Boote möglich war. Eine Anzahl Leute ist während der Regenzeit im Walde ertrunken, andere flüchteten sich tagelang auf die Bäume. Das Wasser stieg so hoch, daß es in Mpanganja in die erhöht liegenden Wohnräume der Europäer und in die Lazarettgebäude eindrang und allen Unrat in Bewegung setzte. Ein Verbleiben von Frauen und Kindern, Kranken und Verwundeten war ganz unmöglich, und so mußten sie sich nach dem Abzug der Truppe an die Engländer wenden, die auch in Würdigung der Notlage für Verpflegung und Abtransport sorgten.
Das Gros der Truppe marschierte rechtzeitig aus den Überschwemmungsgebieten des Rufiji und des Utungisees nach Süden weiter, nachdem sie aus der am Rufiji vorhandenen Verpflegung fast bis auf das letzte Korn Nutzen gezogen hatte. Der Abmarsch vollzog sich ganz allmählich und staffelweise; in Mpotora, das Hauptmann Rothe mit seinen zwei Kompagnien, die die Portugiesen bei Newala geschlagen hatten, in einem verschanzten Lager besetzt hielt, sammelte sich der größere Teil der Truppe. Am Rufiji blieben nur kleinere Abteilungen, die sich allmählich bis zur Stärke von Patrouillen schwächten. Vier Tagemärsche östlich von Madaba bot sich den Abteilungen Koehl und Goering Gelegenheit zu erfolgreichen Unternehmungen gegen feindliche Abteilungen, die am Westrande der Matumbiberge standen. Aber allmählich wurden alle unsere Abteilungen nach Mpotora herangezogen, und nur Hauptmann Otto blieb in dem höher gelegenen Gebiet von Madaba stehen.
Neunter Abschnitt
Das Ende der Grenzenverteidigung auf den Nebenschauplätzen
Major Kraut war im August 1916 von Kilossa aus schrittweise auf Mahenge ausgewichen und hatte bei Kidodi am Ruaha nur die Abteilung Schoenfeld belassen.
Die Truppen des Hauptmanns Braunschweig traten unter Befehl des Majors Kraut. Von diesen war Ende Mai 1916 Hauptmann Falkenstein mit der 5. Feldkompagnie von Ipyana, Hauptmann Aumann mit seiner Kompagnie aus Gegend Mbozi unter dauernden kleinen Scharmützeln in Richtung auf Lupembe und Madibira zurückgegangen. Gegen den mindestens eine Brigade starken, nachdrängenden Feind mußte unseren schwachen Abteilungen ein Halt gegeben werden. Ende Juni 1916 war deshalb Hauptmann Braunschweig, der sich in Dodoma befand, über Iringa entsandt und durch Kompagnien, die von den Kondoatruppen und von Daressalam herangezogen wurden, auf fünf Kompagnien gebracht worden, einschließlich der beiden Kompagnien aus Langenburg. Auch 100 Mann der „Königsberg“-Besatzung (aus Daressalam) und eine Feldhaubitze gehörten zu seiner Abteilung. Bei Malangali nahm er den Angriff des Feindes an und brachte diesem anscheinend auch erhebliche Verluste bei. Dann aber räumte er die Stellung und ließ die schwer transportierbare Haubitze stehen, nachdem sie unbrauchbar gemacht worden war. Braunschweigs Lage wurde dadurch erschwert, daß in seinem Rücken ein großer Wahehehäuptling aufstand und mit allen Leuten und Vieh zum Feinde überging. Hauptmann Braunschweig wich dann in einer ganzen Reihe kleiner Nachhutgefechte auf Mahenge zu aus und wurde dem Major Kraut unterstellt. Nach zahlreichen kleinen Gefechten hielten dessen vorgeschobene Abteilungen im großen und ganzen die Linie des Ruhudje- und Ruahaflusses. In dem reichen Bezirk von Mahenge war die Verpflegung ausgezeichnet, auch nachdem ein großer Teil des westlich des Ruhudje belegenen Reisgebietes aufgegeben war. An diesem Fluß, bei Mkapira, hatte der Feind ein starkes befestigtes Lager bezogen. Wenn dieses auch durch einen gewaltsamen Angriff bei unseren Mitteln nicht einzunehmen war, so bot sich doch Gelegenheit, auf den Feind durch das Abschneiden seiner nach Lupembe führenden Verbindung so einzuwirken, daß er wegen Nahrungsmangel aus seinen Verschanzungen herauskommen mußte.
Major Kraut überschritt mit fünf Kompagnien und einem leichten Geschütz den Fluß und bezog im Rücken des Feindes, quer über dessen Verbindungslinie, auf einem Kranze von Höhen befestigte Stellungen. In der Front des Feindes deckten schwache Truppen das nach Mahenge zu gelegene Flußufer. Leider waren die Befestigungen unserer einzelnen Kompagnien so weit voneinander entfernt, daß in dem schwer passierbaren Gelände eine rechtzeitige Unterstützung nicht gewährleistet war. Am 30. Oktober 1916 vor Tagesanbruch wurde die auf dem rechten Flügel stehende 10. Kompagnie durch einen umfassenden feindlichen Angriff überrascht. Der Feind drang sehr geschickt auch von rückwärts in die Stellung der Kompagnie ein und setzte unter schweren Verlusten für uns die Maschinengewehre außer Gefecht. Auch auf dem linken Flügel wurde die Kompagnie des Oberleutnants von Schroetter von allen Seiten angegriffen und mußte sich mit dem Bajonett unter Verlust des leichten Geschützes und eines Maschinengewehres den Weg nach außen bahnen. Bei den schweren Verlusten, die der Feind erlitten hatte, hätte Major Kraut trotz diesen teilweisen Mißerfolgen auf dem westlichen Ufer des Ruhudje bleiben können; aber auch in seinem Rücken, nach Lupembe zu, wurde Gefechtslärm bei der ihn deckenden 25. Feldkompagnie hörbar. Irrtümlicherweise glaubte Major Kraut an einen starken Angriff auch von dort her und ging deshalb auf das östliche Ruhudjeufer zurück. Zu seinem Erstaunen waren die starken Befestigungen des Feindes bei Mkapira nach einigen Tagen verlassen, der Feind nachts abgezogen. Nähere Untersuchung ergab, daß der Gegner bei dem vorhergehenden Gefecht sehr schwere Verluste erlitten hatte. Doch war hierdurch sein Abzug nicht zu erklären; die Lösung dieses Rätsels ergab sich erst später durch das Erscheinen des Generals Wahle, mit dem bis dahin jede Verbindung gefehlt hatte.
In Erwartung der Anfang 1916 einsetzenden großen Offensive waren die Verstärkungen, die vorübergehend zum Viktoriasee, nach Ruanda, zum Russissi und in das Tanganjikagebiet entsandt worden waren, zurückgezogen worden und zu unseren, im Gebiet der Nordbahn stehenden Haupttruppen gestoßen. Es mußte für diese Nebenkriegsschauplätze eine einheitliche Kriegführung geschaffen werden; zu diesem Zweck wurde ein „Westbefehl“ unter Generalmajor Wahle geschaffen, der im allgemeinen von Tabora aus diese Operationen leitete und in Einklang miteinander brachte. Im April und Mai 1916, als die britischen Hauptkräfte im Gebiet des Kilimandjaro ihren Aufmarsch vollendet hatten und nach Schluß der Regenzeit in südlicher Richtung weiter vordrangen, begannen auch auf diesen Nebenkriegsschauplätzen Engländer und Belgier von Muansa, vom Kiwusee, vom Russissi und von Bismarckburg her konzentrisch auf Tabora vorzudrücken. Unsere schwachen Abteilungen wichen auf diesen Ort zu aus.
Major von Langenn ging von Tschangugu zunächst auf Issawi zurück und zog hierher auch Hauptmann Wintgens von Kissenji her heran. Den nachdrängenden beiden belgischen Brigaden wurden gelegentlich in günstigen Rückzugsgefechten erhebliche Verluste beigebracht. Das deutsche Detachement wich dann weiter auf Mariahilf aus. Die Gefahr, die das Vordringen der nachfolgenden starken belgischen Kräfte für unseren Bezirk Bukoba in sich schloß, war von Hauptmann Gudovius richtig erkannt worden. Als im Juni 1916 stärkere englische Truppen über den Kagera vordrangen, wich er mit seiner Abteilung von Bukoba nach Süden aus. Bei der Schwierigkeit der Verbindung und des Nachrichtenwesens geschah ihm hierbei das Unglück, daß ein Teil seiner Truppe am 3. Juli in der Gegend von Ussuwi auf starke belgische Streitkräfte stieß. Hauptmann Gudovius selbst fiel, durch schweren Unterleibsschuß verwundet, in Feindeshand. Das Gefecht nahm für uns einen ungünstigen Verlauf und war verlustreich. Doch glückte es den einzelnen Teilen der Abteilung, sich nach Muansa und nach Uschirombe durchzuschlagen.