Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 16
Während sich das Kommando in Makima aufhielt, traf im Oktober eine Nachricht ein, die vermuten ließ, daß die feindliche starke Truppenlandung bei Kilwa sowie das Erscheinen feindlicher Abteilungen, die von Westen her in Richtung auf Liwale an den Mbarangandufluß gelangt waren, zu einer großen konzentrischen Bewegung des Feindes gegen Liwale gehörten. Starke portugiesische Truppen hatten den Rowuma überschritten, waren in das Makondehochland eingefallen und hatten sich in den Besitz von Newala gesetzt. Der Kommandant der „Königsberg“, Kapitän z. S. Looff, war an Land nach Räumung von Daressalam zunächst wieder in das alte Gebiet der „Königsberg“ am Rufiji gerückt und war dann nach Lindi marschiert. Er hatte jetzt den Befehl im Süden übernommen. Mit den drei dort zunächst nur verfügbaren neu aufgestellten Askarikompagnien hatte er sich gegenüber starken Stellungen des Feindes, der bei Lindi gelandet war, verschanzt, die Hilfsschiffstransporte, die von Ssudi nach dem Norden gingen, gesichert und den Portugiesen, die sich am unteren Rowuma zeigten, durch kleinere Unternehmungen Schaden zugefügt. Um sich nun auch noch mit der Aussicht auf einen schnellen durchschlagenden Erfolg gegen die hinter ihm bei Newala vordringenden Portugiesen zu wenden, dazu waren seine Kräfte etwas schwach.
Es war nun recht willkommen, daß sich, wie oben erwähnt, zwei Kompagnien und das 10,5 ~cm~-Königsberggeschütz der Abteilung von Boemcken zufällig bei Mpotora befanden. Als Führer für dieses Detachement wurde vom Rufiji her Hauptmann d. R. Rothe entsandt, der unter den jetzigen Verhältnissen als Oberpostdirektor abkömmlich war und auf sein eigenes Drängen der Truppe uneingeschränkt zur Verfügung gestellt wurde. In wenigen Tagen traf er von Niakisiku mit Fahrrad bei seinem Detachement ein und führte es auf Newala vor. Kapitän Looff übernahm den gemeinsamen Befehl; die Portugiesen wurden mit dem Königsberggeschütz gehörig zusammengeschossen und ihre Stellungen im Sturm genommen. Es gab eine wirklich sehr beträchtliche Beute von vier Gebirgsgeschützen, einer Anzahl Maschinengewehre, mehreren hundert Gewehren, vieler Munition, mehreren Automobilen, Verpflegung und Ausrüstung aller Art. Im Laufe der nächsten Woche wurden immer von neuem Verstecke von vergrabenem Material und Munition aufgefunden. Sehr verschwiegene Orte waren besonders ergiebig. Die Portugiesen wurden vollständig vom deutschen Gebiet verjagt und ein Stück in ihr eigenes Gebiet hinein verfolgt. Aber die Rücksicht auf die allgemeine Lage hielt mich davon ab, die Verfolgung wirklich bis auf das äußerste fortzusetzen. Abteilung Rothe wurde wegen der Beachtung, die der immer stärker werdende Kilwagegner erforderte, wieder nach Mpotora herangezogen. Schon bevor diese Bewegung ausgeführt wurde, hielt ich die Verschiebung stärkerer Kräfte aus der Gegend von Kissangire nach Kibata zu für erforderlich. Die Gelegenheit, nördlich des unteren Rufiji ein entscheidendes, erfolgreiches Gefecht zu führen, hatte sich nicht geboten. Notgedrungen mußte ich in den Bergen von Kibata, wie vorausgesehen, einer langwierigen und wenig entscheidenden Operation entgegengehen.
Die Truppenverschiebungen gegen Kibata fanden Ende November 1916 statt. Beim Durchmarsch lagerten wir bei Utete, wo in dem Gebäude der Zivilverwaltung geräumige Lazarette eingerichtet waren und wo sich auf einer „Baraza“ (einer luftigen Veranda) das Leben einer kleinen Offiziersmesse aufgetan hatte. Der Ort war auf seinen beherrschenden Höhen stark mit Schützengräben und Verhauen befestigt und beherrschte von hier aus die tiefer gelegene und weitausgedehnte Eingeborenenstadt. Nachts hörte man fast ununterbrochen das tiefe Grunzen der Flußpferde, und ein frecher Löwe suchte, nachdem ihm der Angriff auf einen Schwarzen mißlungen war, einen anderen Mann in unserem Lager zu schlagen. Glücklicherweise wurde ihm seine Beute im letzten Moment durch einen herbeieilenden Europäer und mehrere Schwarze entrissen. Beim Weitermarsch kamen wir auf die Straße Mohoro-Kibata. Hauptmann Schulz, der mit seiner Abteilung zwei Stunden nördlich Kibata eine feste Stellung bezogen hatte, wurde durch Nachschub aus der reichen Gegend von Mohoro her verpflegt. Verschiedene Magazine an dieser Straße ergänzten sich aus den fruchtbaren Gebieten ihrer unmittelbaren Umgebung. Außerdem entsandte Hauptmann Schulz auch Aufkaufkommandos in die seinem Lager nahe gelegenen Gebiete, in denen sich der ganze Reichtum des Landes offenbarte.
In der Nähe von Mbindia, dem Lagerplatz der Abteilung Schulz angelangt, sah man von einem Berge aus eine breite, die Höhen überschreitende Schneise. Es war dies der Anmarschweg eines 10,5 ~cm~-Königsberggeschützes, dessen Transport in die Feuerstellung vor Kibata Kapitänleutnant Apel leitete. Hunderte von Eingeborenen zogen in rhythmischem Gesang die schwere Last die steilen Hänge hinauf und hinunter, über die durch den dichten Busch ein geeigneter Weg festgelegt und freigeschlagen worden war. Kurz nach der Ankunft in Mbindia war das Geschütz auf einem Bergsattel in Stellung gebracht worden, und von hier konnte später die Beschießung mit Erfolg vor sich gehen. Auch eine der 10,5 ~cm~-Feldhaubitzen wurde weiter vorwärts in einem Tal aufgestellt, um die vor ihr liegenden Höhen zu überschießen und die feindlichen Lager zu erreichen. Eingehende Erkundungen hatten die Möglichkeit ergeben, unsere Infanterie, gedeckt durch den dichten Busch, auf eine Höhe heranzuschieben, die das Gelände nördlich Kibata beherrschte. Die schwache feindliche Besatzung dieser Höhe wurde überraschend von rückwärts angegriffen und schnell vertrieben. Dann wurde eine andere Höhe angegriffen, die unmittelbar nördlich der massiven Europäergebäude an einer Wasserstelle gelegen war. Bald sah man unsere Askari diese Höhe ersteigen und sich auf derselben auf etwa 80 ~m~ gegenüber einer starken feindlichen Stellung einnisten.
Der Aufmarsch unserer Artillerie war inzwischen vollendet; außer dem 10,5 ~cm~-Königsberggeschütz und der Haubitze waren auch die beiden Gebirgsgeschütze, und zwar in der Linie unserer Infanterie, in Stellung gebracht worden. Mit der Feuereröffnung auf die Gebäude, wo man auf der kahlen Höhe Menschen und Tiere zahlreich herumgehen sah, war gewartet worden, bis alles bereit war. Eine Kompagnie, die den Feind umgangen und sich an seine von Kibata nach Kilwa führende Hauptverbindungsstraße gelegt hatte, beobachtete, daß die schweren, bei der Boma einschlagenden Geschosse eine heillose Panik verursachten. Haufen feindlicher Askari liefen fort, so schnell sie konnten, an der Front der verdeckt liegenden Kompagnie vorbei. Aber leider ließ sich die Kompagnie davon abhalten, diesen günstigen Moment auszunutzen. Sie hoffte, daß den vereinzelten Askarihaufen bald noch stärkere Abteilungen folgen würden und wollte die Gelegenheit zu einem Feuerüberfall nicht vorzeitig preisgeben. Die erwarteten feindlichen starken Abteilungen kamen aber nicht, und so ging hier, wie leider auch sonst oft, eine gute Gelegenheit verloren durch die Erwartung einer noch besseren. Der Infanterieangriff gegen die erwähnten Höhen dicht nördlich Kibata hatte uns den Verlust mehrerer sehr tüchtiger Europäer gebracht; Feldwebel Mirow war gefallen, Vizefeldwebel Zitzmann trug durch einen Beinschuß eine schwere und sehr schmerzhafte Verletzung des Beinnerves davon. Oft hatte er sich früher durch seine unermüdlichen und erfolgreichen Patrouillengänge gegen die Ugandabahn ausgezeichnet. Er ging jetzt durch längeren Aufenthalt im Lazarett dem Dienst verloren und fiel noch vor seiner Wiederherstellung in Feindeshand.
Es war sehr schwierig, sich in den außerordentlich zerklüfteten Bergen von Kibata zurechtzufinden. Zahlreiche Erkundungsunternehmungen wurden entsandt, und nach einigen Tagen fühlten wir uns in den Bergen leidlich zu Hause. Kibata und die Verbindungsstraßen des Feindes waren gut einzusehen, und wir stellten fest, daß der Feind seine Truppen immer mehr verstärkte. Tatsächlich hat er die Hauptkräfte seiner bei Kilwa gelandeten Division bei Kibata verwandt. Unsere Beobachtungen und die Eigenart des Geländes führten zu dem Gedanken, daß der Feind uns von Kibata aus westlich, also um unseren rechten Flügel, zu umgehen beabsichtigte, um uns auf diese Weise zur Räumung der Höhen zu veranlassen, die von Norden aus Kibata und dessen Hauptwasserstelle beherrschten. Ein direkter Angriff des 129. Belutschenregiments war mit schweren Verlusten für den Feind abgeschlagen worden. In den ersten Tagen des Dezember wurden erst schwächere, dann stärkere Abteilungen erkannt, die sich von Höhe zu Höhe gegen unsere rechte Flanke vorschoben und mit ihrer Spitze bald einen beherrschenden Berg, von den Engländern Goldcoasthill genannt, erreichten. Unser Gegenstoß hiergegen wurde zunächst durch Schluchten und Wald begünstigt, und unsere Askari wurden, auch für uns überraschend, ganz dicht vor den feindlichen Stellungen sichtbar. Unsere Geschütze waren feuerbereit; leider aber schlug die erste Granate in unsere Askari ein, und der Infanterieangriff, der allein durch schnelle Überraschung Erfolg versprach, war mißlungen. Aber durch das nun einsetzende Feuer unserer zwei Gebirgsgeschütze auf 1600 ~m~ sowie unserer dahinter stehenden Haubitze hatte das feindliche Goldküstenregiment ganz erhebliche Verluste. Der Feind befand sich auf einem Berggrat, dessen Steilhänge zum großen Teil kahl waren. Er konnte daher kaum ausweichen, und auch die Geländeverstärkungen erforderten bei dem harten Boden längere Zeit. Wir haben dann den Berg mit unserer Infanterie umstellt und konzentrisch mit unseren Maschinengewehren die guten Ziele beschossen. Es wurde für den Feind unmöglich, die für ihn so wichtige Position zu halten. Nach ihrer Räumung fanden wir eine ganze Anzahl Massengräber, und der Verlust an Gefallenen dürfte allein an dieser Stelle kaum weniger als 150 gewesen sein.
Das Vorgehen des Goldküstenregiments hatte dem Feind aber doch Vorteile gebracht. Bei meinen schwachen Kräften -- wir hatten im ganzen etwa neun Kompagnien -- hatte ich eine der beiden unmittelbar bei Kibata liegenden Kompagnien fortgezogen, um sie gegen den Goldcoasthill zu verwenden. Als ich nachts ins Lager zurückgekehrt war, hörte ich bei der nun allein dicht am Feinde stehenden Kompagnie zahlreiche kleinere Detonationen, die wir erst nach längerer Zeit als einen uns damals noch unbekannten Handgranatenangriff erkannten. Der Feind griff mit mehreren Kompagnien so schnell und geschickt an, daß er überraschend in die Gräben unserer schwachen Kompagnie eindrang und diese hinauswarf. Der Verlust dieser Stellung beraubte uns der Möglichkeit, von den dortigen sehr geeigneten Höhen aus die feindlichen Truppenbewegungen und den Verkehr zur Wasserstelle auf nahe Entfernung unter Feuer zu nehmen. Ich hatte dies bis dahin mit Erfolg getan, gelegentlich auch ein leichtes Geschütz dorthin vorgeschoben und nach Feuerschluß wieder zurückgezogen.
Die Einbuße dieser Höhen und die hierbei erlittenen Verluste traten aber völlig zurück gegen den am Goldcoasthill erzielten Erfolg. Trotz unserer numerischen Unterlegenheit beherrschten wir die Lage durchaus. Unsere Patrouillen und starken Streifabteilungen gingen dem Feind unmittelbar in den Rücken und auch weiter fort auf seine rückwärtigen Verbindungen. Kleinere Unternehmungen, die der Feind gelegentlich versuchte, führten zu keinem Resultat. Im ganzen hat der Feind bei Kibata recht erhebliche Verluste gehabt, und ich glaube, daß diese nicht unter 400 Mann anzuschlagen sind. Auch seine operativen Absichten wurden ihm gründlich zerschlagen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er von Kilwa aus auf Liwale vordrücken wollte. Unser kräftiges Zupacken bei Kibata zwang ihn, sich von Kilwa aus gegen uns zu wenden und das übrige Gebiet und den Apparat unserer eigenen Verpflegungs- und Transportlinien in Ruhe zu lassen. Gegen Ende Dezember erschienen feindliche Flugzeuge, kreuzten häufig über unseren Stellungen und bewarfen sie mit Bomben. Obgleich sie hierbei sehr viel stärkere Bomben als früher verwandten, fügten sie uns doch kaum Verluste zu. Am Weihnachtstage sahen wir, daß von einem Flugzeuge aus sich eine größere Masse auf die Boma Kibata herabsenkte. Unsere Hoffnung, daß der Feind sein eigenes Lager beschösse, hat uns aber enttäuscht: es waren größere Mengen Zigaretten als Weihnachtsgeschenk für seine Truppen.
Zu jener Zeit erhielt ich eines Tages ein persönliches Schreiben des britischen Oberbefehlshabers, General Smuts, in welchem er mir die Verleihung des ~Pour le mérite~ mitteilte und die Hoffnung aussprach, daß sein herzlicher Glückwunsch mir nicht unangenehm sein würde. Ich dankte ihm in ebenso höflicher Weise, wenn ich auch zunächst glaubte, daß es sich um eine Verwechslung mit dem mir kürzlich verliehenen Kronenorden II. Klasse mit Schwertern handelte. Ich erwähne diesen Brief des Generals Smuts als ein Zeichen dafür, daß trotz eines aufreibenden Krieges zwischen den feindlichen Parteien persönliche gegenseitige Hochschätzung und Ritterlichkeit durchaus bestand. Auch sonst hat der Feind bei vielen Gelegenheiten die Hochachtung vor den Leistungen der deutschen Truppe bekundet.
Ende 1916 hielt ich die militärische Lage in der Kolonie für außerordentlich günstig, wußte ich doch, daß die südafrikanischen Truppen durch Gefechtsverluste und Krankheiten zum großen Teil aufgerieben waren und daß von dem Rest ein großer Teil nach Ablauf seiner Verpflichtung nach Südafrika zurückkehrte. Gefangene hatten uns wiederholt versichert, daß sie genug von dem „Picknick“ in Ostafrika hätten. Auch die indischen Truppen, die längere Zeit in Ostafrika im Felde gestanden hatten, waren numerisch gesunken, und die neu herangeführten Truppen -- wir stellten bei Kibata indische Pathanregimenter fest -- bestanden zum großen Teil aus jungen Soldaten. Andere Regimenter, wie die 129. Belutschen, die in Flandern gefochten hatten, waren zweifellos recht tüchtig, aber auch bei ihnen war zu erwarten, daß sie auf die Dauer den Strapazen des afrikanischen Krieges nicht standhalten würden. Die feindlichen schwarzen Askaritruppen waren im allgemeinen jung und zur Zeit erst in geringer Anzahl im Felde gewesen. So konnte man es ruhig auch weiterhin auf einen längeren Krieg ankommen lassen. Ich glaube auch jetzt noch, daß es uns gelungen wäre, dem überlegenen Feind gegenüber nicht nur standzuhalten, sondern ihn auch zu schlagen, wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte, seine abgenutzten Verbände immer wieder aufzufüllen und neue Truppen heranzuführen. Ich wußte Ende 1916 nicht, daß dies inzwischen im größeren Umfange geschehen war. Unter anderem war aus Nigeria eine ganze Brigade schwarzer Truppen nach Daressalam gebracht und von dort ohne Aufenthalt weiter nach Dutumi und Kissaki transportiert worden.
Die fünf dort unter Hauptmann Otto lagernden Kompagnien wurden in den ersten Januartagen 1917 durch General Smuts mit mindestens zwei Brigaden angegriffen. Der Feind hatte bei seinem Angriff gleichzeitig weitausholende Umgehungsbewegungen vorbereitet, die es ihm bei seiner großen Überlegenheit an Zahl ermöglichten, sich unseren Truppen, die in Richtung auf Kungulio auswichen, auf ihren Marschstraßen vorzulegen. Mehrfach mußten unsere Askari sich den Weg mit dem Bajonett bahnen, und bei der Unübersichtlichkeit des Geländes kamen einzelne unserer Kompagnien in recht schwierige Gefechtslagen. Unsere Feldhaubitze stieß bei ihrem Abmarsch aus Behobeho mit nur schwacher Bedeckung auf einen im Hinterhalte liegenden Feind von mehreren Kompagnien und ging nach Vernichtung ihrer Bedienungsmannschaft verloren. Aber schließlich gelang es doch allen Teilen, sich der Umgehung durch den Feind zu entziehen und bei Behobeho zu sammeln. Hier kam es sogleich wieder zu ernsthaften Gefechten, in denen sich auch der Feind sehr brav schlug. Der alte Selous, ein auch in deutschen Kreisen durch seine Liebenswürdigkeit und spannenden Erzählungen gut bekannter Jäger, der als Leutnant eingetreten war, fiel in diesem Kampf. Vor sich und an den Seiten den überlegenen Feind, hinter sich den mächtigen Rufiji mit nur der einen so leicht zerstörbaren Brücke, glückte es Hauptmann Otto doch, dem ihm erteilten Auftrage gemäß das Südufer des Flusses mit allen Truppen zu erreichen und die Brücke zu zerstören.
Eine weite von uns beobachtete Umgehungsbewegung des Feindes, die dieser von Kissaki aus weiter westlich auf Mkalinzo am Rufiji zu ausführte, wurde nun unwirksam. Die dort marschierende feindliche Brigade traf nicht mehr frühzeitig genug auf dem Südufer des Rufiji ein, um den Übergang des Hauptmanns Otto zu verhindern und ihn dadurch in eine verzweifelte Lage zu bringen; im Gegenteil, es kam zu recht erheblichen Teilerfolgen für uns. Der von Behobeho nachdrängende Gegner folgte sehr scharf und überschritt mit großen Teilen den Rufiji bei Kungulio mit Booten. Hauptmann Otto hatte seine Abteilung etwas südlich des Flusses bereit, griff nun den zum Teil übergesetzten Gegner an und schlug ihn vollständig mit schweren Verlusten für den Feind zurück. Dieser Teilerfolg war durch das Verhalten der erwähnten, auf Mkalinzo angesetzten feindlichen Umgehungskolonne begünstigt. Sie bestand zum großen Teil aus Weißen und einem Teil der schwarzen Nigeriatruppen. Beide waren dem großen Umgehungsmarsch nicht gewachsen und deshalb erschöpft und verwendungsunfähig am Rufiji eingetroffen. Sie fielen für eine ganze Zeit aus, und die Einheitlichkeit der im ganzen nicht schlecht angelegten Operation des Generals Smuts ging in die Brüche.
Das Vordringen des starken Feindes bei Kungulio barg die Gefahr in sich, daß der Feind sich in den Besitz des mittleren Rufiji und des südlich davon gelegenen Landes setzte. Leicht konnte er dann den Hauptteil unseres Kriegsmaterials und den Apparat unserer Etappenverbindungen, die in der Hauptsache vom mittleren Rufiji nach Liwale zu liefen, in die Hand bekommen. Ich mußte daher auf seine Bewegungen mit unseren vor Kibata stehenden Hauptkräften reagieren und marschierte mit dem größeren Teil derselben nach dem Utungisee ab, um von dort aus zur Unterstützung des Hauptmanns Otto oder zur Ausnutzung einer sich bietenden günstigen Lage bereit zu sein.
Achter Abschnitt
Sorgen und Bedrängnisse während des Aufenthalts im Rufijigebiet
Unser Abmarsch von Kibata ging am ersten Tage programmäßig vonstatten. Am nächsten Tage ritt ich mit einigen Begleitern voraus in der Erwartung, daß die Truppen, die einige eingeborene Führer bei sich hatten, den Weg nicht verfehlen würden. In den Kissibergen fanden wir zahlreiche Eingeborene vor, die aber sehr scheu waren und vielfach bei unserer Annäherung ihre reichen Reisbestände im Stich ließen. Ich habe es noch an demselben Tage bedauert, von dieser reichen Verpflegung nichts für den eigenen Gebrauch entnommen zu haben. Wir Reiter rasteten während der Mittagshitze im Pori. Einige Landeskundige machten mich auf die erfrischende, stark blausäurehaltige Mbinjifrucht aufmerksam, an der wir uns labten. Leider wußten wir damals noch nicht, daß auch der geröstete Mbinjikern eine vortreffliche Nahrung darstellt, ähnlich unserer Haselnuß. Die Hitze war zum Umfallen, aber da wir im Bereich der feindlichen Patrouillen waren, mußten wir aufmerksam sein. Die Wasserstellen waren jetzt in der äußersten Trockenzeit leer; nach langem Suchen fanden wir endlich einen kleinen Tümpel zwar schmutzigen, aber von Landeskundigen als nicht gesundheitsschädlich bezeichneten Wassers. Gegen Abend erreichten wir die verlassene große Niederlassung. Glücklicherweise fanden wir dort einen im deutschen Verwaltungsdienste stehenden Schwarzen vor, der uns darüber orientierte, daß dies Ungwara, unser für diesen Tag in Aussicht genommenes Marschziel, sei. Nach Durchschreiten des Ortes zeigte der Mann uns einen Wassertümpel, an dem wir Lager bezogen. Mein schwarzer Koch, der alte bärtige, bei vielen Ostafrikanern wohlbekannte Baba, hatte mit uns Reitern fast Schritt gehalten und traf nach kurzer Zeit, unserer Spur folgend, ein. Schnell hatte er für sich seinen „Ugali“ (Brei) zurechtgemacht und saß behaglich am Feuer. Wir sahen ihm neidisch zu; denn wir hatten nichts und warteten auf unsere Lasten und die nachfolgende Truppe. Aber niemand kam, und wir legten uns hungrig schlafen. Der Retter in der Not nahte aber in Gestalt einer prachtvollen Säbelantilope, die bei fast tageshellem Mondschein zur Tränke wechselte. Fast gleichzeitig krachten die beiden Schüsse zweier meiner Begleiter, van Rooyen und Nieuwenhuizen, der jagderprobten Buren, die deutsch geworden waren. Wie elektrisiert waren wir aus unseren Decken emporgeschnellt, und nach kurzer Zeit brieten die ersten Stücke des delikaten Wildbrets am Spieße.
Am nächsten Tage erreichten wir den Utungisee, wo uns Hauptmann Feilke erwartete und mit Brot, Kaffee und aus Wildpret hergestellter Wurst erfrischte. Von den nachfolgenden Truppen fehlte jede Spur. Sie hatten uns im Pori verloren und sich fast alle so gründlich verlaufen, daß ein Teil derselben erst nach Tagen in der Gegend von Utete unsere Telephonlinie erreichte und mit uns in Verbindung trat. Bei der Schwierigkeit der Verbindungen war es mir bisher nicht möglich gewesen, über den Stand unserer Verpflegung ein zutreffendes Bild zu erhalten. Ich hatte geglaubt, am Utungisee, bei Mpaganja sowie in der Gegend von Madaba wohlgefüllte Magazine vorzufinden. Dies war meine Absicht gewesen, als ich aus dem reichen Gebiet nördlich des unteren Rufiji Verpflegung mit aller Anspannung über Mpaganja in das Etappengebiet abtransportierte. Die Verpflegungslage hatte sich aber ganz anders entwickelt.