Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 15
Ein Lichtblick war es, daß unsere großen Viehbestände, die östlich Mpapua geweidet hatten, von dort rechtzeitig weggeführt wurden. Mehrere tausend Stück, meist schönes Rindvieh, gelangten nach Kissaki und wären eine höchst willkommene bewegliche Verpflegungsreserve gewesen. Leider aber wurde die Freude hierüber durch die an manchen Stellen häufig vorkommende Tsetsefliege beeinträchtigt; erkrankten die Tiere durch deren Stich, so kamen sie sehr herunter und gingen meist nach wenigen Wochen ein. Die Masse des Viehs wurde deshalb in die gesunden Gegenden am Rufiji weitergetrieben. Im übrigen wurde mit allen Truppenträgern, dann mit allen erreichbaren Leuten aus der Landschaft und den paar Fahrzeugen ganz energisch aus Behobeho und weiter aus Kungulio abtransportiert. Hierfür mußte Zeit gewonnen werden, und Hauptmann Stemmermann, der auf der Oststraße um die Uluguruberge herum marschierte, durfte nur ganz langsam vor der feindlichen Division zurückgehen, die ihm mit aller Anstrengung nachdrängte.
Bei Kissaki wartete ich mit den Hauptkräften der Truppe ab, um die Gunst der Lage schnell erfassen und ausnutzen zu können. Wie zu erwarten stand, hatte der Feind infolge unseres Abmarsches auf Kissaki die Konzentration seiner Truppen bei Morogoro aufgegeben, war mit einigen Teilen unmittelbar über die Uluguruberge, mit anderen getrennten Kolonnen aber, weit westlich und östlich ausholend, gefolgt. Die Hoffnung, eine oder mehrere dieser feindlichen Kolonnen getrennt zu schlagen, hat sich nun über Erwarten erfüllt. General Brits hatte westlich der Uluguruberge seine Division in einzelne Brigadekolonnen (zwei Brigaden beritten und eine zu Fuß) zerlegt, die miteinander schwer Verbindung halten konnten. Bald wurden, einen Tagmarsch westlich Kissaki, starke feindliche Lager festgestellt, und am 7. September 1916 wurde die in einer Pflanzung bei Kissaki liegende Abteilung des Hauptmanns Otto von einem starken berittenen europäischen Gegner und von schwarzen und weißen Fußtruppen angegriffen. Es stellte sich später heraus, daß der Feind aus der berittenen Brigade des Generals Enslin und Teilen der Infanteriebrigade der Division Brits bestand. Die Umgehung, die der Feind um den linken Flügel der Abteilung Otto herum ausführte, wurde so weit auslaufen gelassen, bis die feindliche Umgehungsabteilung ganz im Rücken der Abteilung Otto in der Nähe der Boma Kissaki angelangt war. Augenscheinlich rechnete der Feind nicht damit, daß weiter rückwärts noch deutsche Reserven verdeckt aufgestellt waren. Diese wurden nun losgelassen. Die tapfere 11. Feldkompagnie mit Leutnant d. R. Volkwein gelangte durch den dichten Busch hart an den umgehenden Feind und griff ihn sofort unter Hurra mit aufgepflanztem Seitengewehr an. Damit waren die schönen Pläne des Feindes zusammengeklappt; in weiterem Vorgehen wurde er jetzt einfach aufgerollt und vollständig geschlagen. Ein energisches Nachdrängen und eine großzügige Verfolgung waren bei dem kaum durchdringlichen Busch nicht möglich, aber die feindlichen Truppen waren zum großen Teil aufgelöst und in ihren Teilchen in wirrem Durcheinander im Busch zerstreut. Die Handpferde mit ihren Pferdehaltern wurden erbeutet, einige fünfzehn Europäer gefangen. Noch am nächsten Tage kam aus einer ganz anderen Richtung ein englischer Soldat an, der sich mit seinen Handpferden im dichten Busch verirrt und keine Ahnung hatte, wohin er gehen sollte. Der Mann hatte viel Humor; er warf sein Gewehr und seine Patronen über einen kleinen Fluß und sagte: „Es ist eben Zufall; ich konnte den richtigen Weg nehmen oder den falschen. Ich hatte das Pech, den falschen Weg zu nehmen. Das ist mein Fehler.“
Die Abteilung Tafel, die nördlich Kissaki an unserem Anmarschwege lagerte, hatte am 7. September nur noch abends mit Teilen in das Gefecht eingegriffen; ich hatte sie zurückgehalten, da ich glaubte, daß gleichzeitig mit dem am 7. von Westen erfolgenden Angriff auch ein solcher von Norden her längs unserer Anmarschstraße einsetzen würde. Diese an sich zweckmäßige Absicht hat General Brits zweifellos auch gehabt; ihre Ausführung ist ihm aber mißlungen. Die berittene Brigade des Generals Nussy kam, ohne eine Ahnung von dem Gefecht vom 7. zu haben, am 8. von Norden her gegen die Abteilung Tafel anmarschiert. Sie wurde ebenso gründlich geschlagen wie ihre Kameraden am Tage vorher. Das Gefecht am 8. war im dichten Busch noch unübersichtlicher, und es gelang einer größeren Anzahl von Gefangenen, die die 1. Kompagnie gemacht hatte, wieder zu entkommen.
Ein Teil der an beiden Tagen gemachten, etwa dreißig europäischen Gefangenen wurde gegen die eidliche Verpflichtung, in diesem Kriege nicht mehr gegen Deutschland und seine Verbündeten zu kämpfen, an den Feind zurückgegeben. Das Menschliche dieser Maßregel, die unter den tropischen Verhältnissen im eigensten Interesse der Gefangenen lag, wurde von den Engländern verkannt. Sie glaubten an Spionage, hielten den deutschen Parlamentär, der die Gefangenen zurückbrachte, fest, schickten ihn dann mit verbundenen Augen mitten in den Urwald und ließen ihn dann auf gut Glück laufen. Es war ein Wunder, daß der durch langes Umherirren erschöpfte Mann sich zu uns zurückfand. Man sieht hieraus, wie es uns englischerseits erschwert wurde, unnötige Härten dem Feinde gegenüber zu vermeiden. Dabei hatte der englische Troupier Vertrauen zu der Behandlung, die wir gegen Gefangene übten. Verwundete Engländer baten beim Aufräumen des Gefechtsfeldes, an dem sich deutsche und englische Ärzte beteiligten, darum, doch von dem deutschen Arzt behandelt zu werden. Und auch später äußerten Verwundete, daß sie bei einer Behandlung durch englisches Sanitätspersonal kaum wiederhergestellt worden wären.
Ich war der Auffassung, daß diese erfreulichen Erfolge von Kissaki eine endgültige Entscheidung gegenüber den Truppen des Generals Brits nicht gebracht hatten, und glaube auch jetzt noch, daß bei dem dichten Busch und der Zerklüftung des Geländes eine energische Verfolgung, die ja allein den erstrebten Erfolg hätte verwirklichen können, nicht durchführbar war. Meine Aufmerksamkeit richtete sich um so mehr gegen den der Abteilung Stemmermann folgenden Feind, als dieser bis zwei Tagemärsche nordöstlich Kissaki herangekommen war. Die Lage war dort in den letzten Tagen nicht günstig gewesen; das gebrochene Gelände hatte mehrfach zu einer Zersplitterung der deutschen an sich schon schwachen Kräfte verleitet. Einzelne Teile waren in Hinterhalte geraten, die Truppe war sehr angestrengt, und manchem war die Sache stark auf die Nerven gegangen. Am 9. September näherte sich Abteilung Stemmermann dem Orte Dutumi, der mir durch vorherige Erkundung bekannt war. Ich glaubte, daß der Feind schon am nächsten Tage weiter drängen würde und hielt die Gelegenheit für günstig, bei einer schnellen Verschiebung unserer Hauptkräfte von Kissaki nach Dutumi dort einen Erfolg zu erzielen. Abends marschierten wir von Kissaki auf der schönen breiten Straße ab und langten im Laufe der Nacht bei Dutumi an. Hauptmann Otto blieb mit fünf Kompagnien bei Kissaki. Bei der Ankunft beschloß ich, das Moment der Überraschung auszunutzen und den feindlichen linken Flügel, der dicht vor der Abteilung Stemmermann festgestellt war, in der Morgenfrühe umfassend anzugreifen. Es war mir bekannt, daß dieser Flügel in der Ebene stand, während sich die feindliche Mitte und der rechte Flügel von uns aus gesehen nach links die Vorberge des Ulugurugebirges hinaufschob. Auf unserem linken Flügel war eben dieser Vorberge wegen die Angriffsmöglichkeit weniger günstig.
Am 9. September früh ging nun auf unserem rechten Flügel die Abteilung Schulz zum Angriff vor. Bald setzte auf beiden Seiten Gewehr- und Maschinengewehrfeuer ein, und auch leichte feindliche Artillerie begann zu schießen; bei der Bewachsung der Ebene mit dichtem, hohem Elefantengras war es aber unmöglich, ein klares Bild zu gewinnen. Ich glaubte den Angriff in gutem Fortschreiten und begab mich zur Orientierung auf den linken Flügel. Die dortigen Höhen waren gleichfalls dicht bewachsen. Es war sehr anstrengend, vorwärts zu kommen, und schwer, jemand zu finden. Ziemlich erschöpft kletterte ich in der tropischen Mittagshitze herum, als ich glücklicherweise das Geräusch von Blechgeschirr hörte und meine Vermutung, daß hier ein Europäer gerade seine Mahlzeit einnahm, bestätigt fand. Es war Hauptmann Goering, der im Busch auf einer Höhe, die gute Aussicht bot, Aufstellung genommen hatte. Hier traf gegen 3 Uhr nachmittags die wenig erfreuliche Meldung ein, daß auf unserem rechten Flügel der Angriff der Abteilung Schulz sein Ziel nicht erreicht hatte. Es war einfach nicht gelungen, durch das dichte Elefantengras an den Feind heranzukommen. Sollte also am heutigen Tage überhaupt noch etwas Entscheidendes unternommen werden, so war dies nur auf unserem linken Flügel möglich. Sehr wahrscheinlich war angesichts des schwierigen Geländes ein Erfolg auch hier nicht. Die vorgehenden Kompagnien gerieten in ein sehr schluchtenreiches Berggelände, in dem sie sich ergebnislos mit dem Feinde herumschossen, und kehrten bei Dunkelheit in ihre Ausgangsstellungen zurück.
An den folgenden Tagen griff nun der Feind in der Hauptsache auf unserem linken Flügel an und wurde mehrfach in Gegenstößen abgewiesen. Im großen und ganzen war es aber klar, daß in dem Gelände von Dutumi ein entscheidender Erfolg nur bei großer Ungeschicklichkeit des Gegners erreichbar war; dagegen war unsere rückwärtige Verbindung, die nicht mehr nach Kissaki, sondern von jetzt ab nach Südosten auf Behobeho zu führte, in hohem Maße durch den Feind gefährdet. Ich gab deshalb Dutumi auf und rückte mit dem Gros eine Stunde weiter nach Süden über den Mgetafluß hinüber, wo die Truppe ein ausgedehntes befestigtes Lager bezog, das sie monatelang besetzt hielt. Durch diese Bewegung wurden leider die reichen Felder von Dutumi aufgegeben. In dem armen Gebiet von Kiderengwa mußten wir uns in der Hauptsache auf Nachschub basieren, der vom Rufiji her kam. Leider hat die Anstrengung dieser Transporte, verbunden mit Erkrankung an Tsetse, sehr bald zum fast vollständigen Eingehen unserer Tragesel geführt. Von Kiderengwa aus gingen die Kampfpatrouillen an die rückwärtigen Verbindungen des Feindes, die von Dutumi nach Nordosten führten, sowie an die Straße Dutumi-Kissaki, die bald von feindlichen Abteilungen und Transporten belebt war.
Übereinstimmende Beobachtungen zeigten nun auffallende Truppenbewegungen beim Feinde; sowohl östlich wie westlich der Uluguruberge wurden Truppentransporte nach Morogoro in solcher Stärke beobachtet, daß die Eingeborenen sagten: „~Wana hama~“ (Sie ziehen um). Ein großer Teil der südafrikanischen Europäer, von denen viele übrigens am Ende ihrer Kräfte angelangt waren, wurde in die Heimat entlassen. Andere Beobachtungen zeigten eine Truppenverschiebung nach Osten. Im allgemeinen trat eine Ruhepause ein, die nur von kleinen Patrouillenunternehmungen und gelegentlichen Artilleriebeschießungen unterbrochen wurde.
General Smuts war sich seines Fehlschlages bewußt. Er forderte mich brieflich auf, mich zu ergeben, und offenbarte dadurch, daß er am Ende seiner Machtmittel angelangt war.
Siebenter Abschnitt
Feindliche Angriffe im Südosten der Kolonie
Inzwischen erforderte die Lage bei Kilwa erhöhte Beachtung. Dort fanden seit einigen Tagen größere Truppenlandungen statt. Wir hatten nur schwache Küstenschutzabteilungen, die meist aus jungen, neu angeworbenen Askari bestanden und in eine Kompagnie zusammengefaßt waren. Diese Kompagnie war nicht ausreichend, und es bestand die Gefahr, daß von Kilwa her feindliche Truppen an den Rufiji oder nach Liwale marschierten und in unseren Rücken gelangten. Zweifellos trug sich der Feind mit derartigen Absichten, und es mußte dagegen etwas getan werden. Major von Boemcken war mit drei Kompagnien schon vom Gefechtsfelde von Dutumi aus nach Kungulio am Rufiji abgerückt; von dort erfolgte Fußmarsch und Transport auf dem Heckraddampfer „Tomondo“ nach Utete. Der „Tomondo“ war das einzige auf dem Rufiji verkehrende, ganz flach gehende Dampfschiff und leistete zum großen Teil die Verpflegungstransporte, die vom unteren Rufiji bis Kungulio geschafft und dann weiter mit Eseln und Trägern zur Truppe bei Kiderengwa gebracht wurden. Es bedurfte jetzt einiger Auseinandersetzungen, bis der „Tomondo“ seitens der Verwaltung für die notwendigen Truppentransporte zur Verfügung gestellt wurde. Bei Kilwa entwickelte sich die Lage für uns nicht nach Wunsch; es kam zwar zu einer Anzahl nicht ungünstiger kleiner Gefechte, aber, wie so oft während des Krieges, glückte es nicht, unsere dortigen Kräfte einheitlich zu verwenden. Unter anderem gelang dem Feinde die Zerstörung eines westlich Kilwa in allzu großer Nähe der Küste angelegten Verpflegungsmagazins. Die Eingeborenen wurden in geschickter Weise durch den Feind zum Aufstand gereizt und leisteten ihm wertvolle Spionendienste. Mehrere deutsche Erkundungsabteilungen gerieten in verlustreiche Hinterhalte. Der oberste Zivilbeamte des Bezirks Kilwa wurde gefangengenommen. Die Ungunst der an sich schwierigen Lage bei Kilwa war noch dadurch vergrößert worden, daß die Askari des Bezirksamtmanns nicht dem militärischen Befehlshaber unterstellt wurden.
Gleichzeitig machte sich von Norden, aus der Richtung von Daressalam her, der Druck feindlicher Kräfte gegen den unteren Rufiji zu fühlbar. Unsere von Daressalam nach Süden an den Rufiji ausgewichenen schwachen Abteilungen, die in der Hauptsache aus einer jungen Askarikompagnie und einem Teil der Königsbergbesatzung bestanden, waren keine ausreichende Deckung für das reiche Verpflegungsgebiet des unteren Rufiji. Auf dieses war die Truppe aber zur Zeit durchaus angewiesen, denn die Gebiete des mittleren Rufiji waren nur dünn besiedelt und konnten auf die Dauer die Verpflegung für Soldaten und Träger nicht liefern. Auf die Erträge der von uns angesichts dieser Notlage sogleich in den fruchtbaren Niederungen von Logeloge und Mpanganja angelegten Maisfelder war vor März 1917 nicht zu rechnen. Es drohte daher eine große Gefahr, als mehrere Inderkompagnien den vorgeschobenen Offiziersposten in der Boma Kissangire angriffen. Der Feind, der ohne genügende Feuervorbereitung gegen das steile Mauerwerk anstürmte, wurde mit erheblichen Verlusten zurückgeschlagen. Leider fand auch der deutsche Führer, Leutnant d. R. Baldamus, der sich allzusehr den feindlichen Geschossen aussetzte, den Tod. Sein tapferes und zähes Aushalten hat uns den Sitz der Verwaltungsstelle Kissangire bis zum Eintreffen ausreichender Verstärkungen gesichert, und so ist es diesem Offizier zu danken, daß wir das reiche Verpflegungsgebiet des unteren Rufiji noch monatelang zur Verfügung behielten.
Es wurde schon erwähnt, daß bei Kiderengwa ein Stillstand in den Bewegungen eingetreten war; ein Angriff auf den in starker Stellung verschanzten Feind versprach keinen Erfolg. Das Kommando ließ deshalb in der Gegend Kissaki-Kiderengwa nur acht Kompagnien unter Hauptmann Tafel, eine Truppenstärke, die später noch vermindert wurde. Mit dem Hauptteil der Truppen rückte das Kommando zum unteren Rufiji ab. Der Weg nach Kungulio führte an großen Seen vorbei, die, ebenso wie der Rufiji, mit vielen Flußpferden belebt waren. Bei dem allgemeinen Bedürfnis nach Fett wurde die Flußpferdjagd eine Lebensfrage. Man muß aufpassen, bis der Kopf des Tieres gut sichtbar wird und man einen sofort tödlichen Schuß anbringen kann. Das Tier versinkt dann, kommt nach einiger Zeit wieder hoch und wird vermittels eines aus Baumrinde schnell hergestellten Seiles an das Ufer gezogen. Dort wird es zerlegt, und der Sachverständige kennt sehr wohl die Stellen, wo das weiße, appetitliche Fett sitzt. Die Menge desselben ist sehr verschieden: ein feistes Stück liefert gut zwei Eimer voll. Aber nicht nur die Bereitung des Fettes, sondern auch die Anbringung des sofort tödlichen Schusses will gelernt sein. Törichte Leute waren leichtsinnig verfahren, und man konnte an vielen Stellen die verendeten Kadaver angeschossener Tiere sehen, die schnell verderben und für die Verpflegung unbrauchbar werden. Auch der Elefant wurde jetzt mit anderen Augen angesehen als früher; während der Elefantenjäger sonst Länge und Gewicht der Zähne abschätzte, ehe er seinen Schuß abgab, drängte sich jetzt die Frage in den Vordergrund: wieviel Fett wird das Tier liefern? Denn auch das Elefantenfett ist sehr gut und vielleicht von noch besserem Geschmack als das des Flußpferdes.
Bei Kungulio waren die mitgeführten Viehherden in den Fluß getrieben worden und hatten diesen durchschwommen. Der Übergang der Truppe hatte sich bisher auf Fähren vollzogen, an denen der Betriebsdirektor unserer verlorenen Nordbahn, Herr Kühlwein, sich jetzt mit der bescheideneren Stellung eines Betriebsdirektors der Kunguliofähre begnügte. Als wir eintrafen, war die auch für Fahrzeuge gangbare, etwa 300 ~m~ lange Brücke fertig geworden. Wir bezogen auf dem Südufer ein Lager an der Pflanzung Niakisiku, des zur Truppe eingezogenen Leutnants d. R. Bleeck. Die Europäerhäuser waren als Lazarett eingerichtet und voll belegt. In Logeloge trafen wir den Sitz der Etappenleitung; dort war eine große Anzahl geräumiger Grashütten für die Truppe hergestellt worden. Die Pflanzung selbst, einer Gesellschaft gehörig, zeigte weitausgedehnte Sisalfelder. Auch Verpflegung war reichlich angebaut. In dem tsetsefreien Gebiet wurde viel Rindvieh gehalten, und auch der Rest unserer Tragesel war aus den Tsetsegegenden nördlich des Rufiji nach hier zurückgezogen worden. Die Familien der Europäer wohnten hier noch friedlich in ihren Massivhäusern und waren dankbar, daß ihnen der bisherige Verlauf der Operationen es ermöglicht hatte, länger als zwei Jahre ihr häusliches und wirtschaftliches Leben ungestört weiterführen zu können.
In Logeloge und der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt von Mpanganja, die wir am nächsten Tage erreichten, hatten sich auch andere Europäer der Umgegend gesammelt und sich, soweit sie in den vorhandenen Baulichkeiten nicht unterkamen, Häuser aus Holzstangen und Rohr oder Gras gebaut. Auch eine wenig erfreuliche Erscheinung trat hier hervor. Während die Truppe an der Front vom besten Geiste und großer Unternehmungslust beseelt war, sah es hinter der Front manchmal anders aus. Leute, die am wenigsten von der Sache verstanden, wußten alles besser und nährten eine gewisse Unzufriedenheit. So etwas wirkt ansteckend und untergräbt auf die Dauer die richtige Empfindung. Erfreulicherweise war aber bei vielen hinter der Front befindlichen Leuten der Truppe der soldatische Stolz doch stark genug, um die Miesmacher gelegentlich in derber Weise abzuführen. In einem der dortigen Lazarette gab jemand seiner abfälligen Kritik allzu beredten Ausdruck; da antwortete ihm ein Verwundeter: „Ich will Ihnen einmal etwas sagen. Der Kommandeur ist das Gehirn der Truppe, aber Sie sind das A... der Truppe!“ Die ungeschminkte Bezeichnung war so treffend, daß sie sofort alle Lacher auf die Seite des Sprechenden brachte und die Schlacke fortputzte, die sich anzusetzen drohte.
Es war nun die Frage, ob das Kommando sich zuerst nach Norden, gegen den Feind bei Kissangire, oder gegen den Kilwagegner wenden sollte. Dieser war nicht, wie Major von Boemcken befürchtet hatte, in der Richtung auf Liwale weiter gerückt, sondern hatte sich, vielleicht veranlaßt durch unsere Truppenverschiebungen, in nördliche Richtung gewandt. So schob er sich in die reiche, aber sehr bergige und für Truppenbewegungen schwierige Gegend von Kibata. Dort schien mir der Feind im Augenblick wenig gefährlich. Ich hielt es für ausreichend, wenn er nur am weiteren Vordringen gegen den Rufiji gehindert wurde, eine Aufgabe, zu der schwache Kräfte, fünf Kompagnien unter Hauptmann Schulz, genügten. Major von Boemcken, der für Liwale fürchtete, war mit zwei Kompagnien und einem 10,5 ~cm~-Geschütz in die Gegend von Mpotora geraten, ein Zufall, aus dem wir, wie sich zeigen wird, später viel Nutzen gezogen haben. Ich hatte daher freie Hand zum Weitermarsch auf Kissangire. Das war wichtig und ermöglichte uns die Sicherung des reichen Verpflegungsgebietes nördlich des unteren Rufiji und den Abtransport der reichen Bestände von dort nach dem mittleren Rufiji. Ob sich dort Gelegenheit zu Waffenerfolgen bieten würde, war nicht zu übersehen; ich glaubte aber, daß der Feind, der ja auch von den Ulugurubergen her Truppen nach Osten in die Gegend von Kissangire geschoben hatte, von Norden drücken würde. So konnte sich also sehr wohl die Gelegenheit für ein günstiges Gefecht bieten. Wir überschritten den Rufiji bei Utete in Booten und langten in wenigen Tagen in Makima, einen Tagemarsch südlich Kissangire, an. In Kissangire selbst war inzwischen eine ausreichende Besetzung von zwei Kompagnien versammelt worden und dort eifrig mit Geländeverstärkungen beschäftigt. Etwas weiter nördlich, bei Maneromango, befand sich ein starker Gegner, und eine Europäerpatrouille, die noch von Kiderengwa abgegangen war, bestätigte uns die Verschiebung feindlicher Kräfte von Westen her in die Gegend Maneromango-Kissangire.
Diese Patrouille war einige Tage nach ihrem Abmarsch von Kiderengwa in furchtbarer Hitze in wasserloses Gebiet geraten, und die einzelnen Teilnehmer hatten sich im dichten Busch untereinander verloren. Die Leute machten sich durch Schießen bemerkbar und mußten sich notgedrungen den Engländern gefangen geben. Nur der zähe Patrouillenführer war in ein Eingeborenendorf gekommen, wo ihn die Leute anscheinend freundlich begrüßten und ihm Eier brachten. Als er sich nach diesen beugte, fielen die Schwarzen über ihn her und übergaben ihn einer englischen Askaripatrouille, die in der Nähe versteckt war. Ein Askari mit Maultier, der sich ziemlich hochfahrend benahm, hatte den Deutschen weiter zu transportieren. Beim Transport machte der Deutsche in der Unterhaltung ihn auf Fehler an seinem Sattelzeuge aufmerksam, und es gelang ihm, das Maultier in seine Hand zu bekommen und auf ihm schleunigst davonzureiten. Bei dem sich entspinnenden Handgemenge hatte er die Schußwaffe des Askari ergriffen und diesen damit erschossen.
Auch östlich Kissangire drangen unsere Abteilungen weiter nach Norden vor, und es kam zu einer ganzen Reihe kleinerer Buschgefechte, die gelegentlich für den Feind recht verlustreich waren. Etwas östlich, an der Küste bei Kissidju, trieben sich auch feindliche Abteilungen herum, und dort lag auch ein kleines englisches Kriegsschiff. Hauptmann von Lieberman überfiel eines Morgens mit seiner 11. Kompagnie diesen Gegner, und unsere Askari gingen ihm mit Hurra recht gründlich zu Leibe. Auch auf das Kriegsschiff wurden einige anscheinend erfolgreiche Schüsse aus dem Feldgeschütz angebracht. Nach Vertreibung des Feindes aus Kissidju kehrte Hauptmann von Lieberman sodann zurück. Auch gegen die rückwärtigen Verbindungslinien des Gegners wurde gearbeitet, und fast täglich kam es zu kleinen Gefechten.
Das dichtbesiedelte Land ist von geradezu fabelhaftem Reichtum. Askari und Europäer hatten außer reichlich Mehl auch Mangos, Papeien, Mustaphelen, Kokosnüsse und andere Arten tropischer Früchte zur Verfügung. Überraschend waren die großen Reisfelder, die hier dicht südlich Daressalam lagen, während doch im Frieden Reis zum großen Teil von Indien importiert wurde. Vieh war wenig vorhanden, aber die Kompagnien fingen an, Jagdkommandos weit in die wildreiche Steppe zu entsenden, die sich besonders im Westen unserer Stellungen erstreckte. Daß Wild in der Nähe sein mußte, darauf wiesen schon die zahlreichen Löwen hin. Mehrfach ist eine Familie von fünf Löwen nachts durch unser Lager gewandert und hat dabei auch Tiere geschlagen.