Meine Erinnerungen aus Ostafrika
Part 22
Der Weitermarsch den Rowuma aufwärts ging sehr langsam vonstatten. Einem großen Teil der Truppe waren andauernde Märsche in größeren Verbänden unbekannt. Endlos lang waren die Kolonnen auseinandergerissen. Die Askarifrauen folgten einzeln mit mehreren hundert Meter Abstand von einander. Es bedurfte einiger Zeit, bis sie richtige Marschordnung innehielten. Es stellte sich heraus, daß die Auswahl der mitgenommenen Askari nicht bei allen Kompagnien nach den wünschenswerten Gesichtspunkten geschehen war. Bei der Neuformierung der Kompagnien, die notgedrungen während des Gefechtes hatte vorgenommen werden müssen, waren manche gute und zuverlässige Leute zurückgelassen worden und dafür andere mitgenommen, die zwar kräftiger, aber weniger zuverlässig waren. Manche gingen mit ihrem Söhnchen auf den Schultern ins Gefecht; auch da wäre besser ein ebenso zuverlässiger Mann mitzunehmen gewesen, der nicht den Ballast von Weib und Kind schleppte.
Jetzt war das alles aber nicht mehr zu ändern.
Augenscheinlich hatten wir uns der weiteren Beobachtung durch den Feind völlig entzogen; die unsere Märsche sonst begleitenden Flieger fehlten, keine Bombe fiel in unsere Lager, und eine feindliche Verpflegungskolonne kreuzte von einem Ufer des Rowuma auf das andere mitten durch unsere Lager hindurch. Sie war eine willkommene Beute. An Feldfrüchten fanden wir in der Landschaft so gut wie nichts, dafür lieferte uns die Jagd erhebliche Beute. Mehrere Büffel und eine ganze Anzahl Antilopen, besonders Wasserböcke, kamen zur Strecke. Aber wir durften uns nicht aufhalten, die zusammenschmelzenden Verpflegungsbestände mahnten stets zum Weitermarsch. Glücklicherweise hatte ich einige landeskundige Europäer zur Verfügung, die kurz vorher in der Gegend der Einmündung des Ludjendaflusses in den Rowuma tätig gewesen waren. Dort war schon in Friedenszeit eine portugiesische Station gewesen, und auch im Kriege war eine stärkere oder schwächere Besatzung festgestellt worden. Es war anzunehmen, daß sich auch jetzt dort irgend etwas vom Feinde finden würde. Die wenigen Eingeborenen, die wir trafen, sprachen gleichfalls von einer stärkeren Besatzung, die von manchen auf 2000 Engländer oder Portugiesen angegeben wurde. Solchen Eingeborenenzahlen war zwar nur bedingter Wert beizumessen, aber sie bestärkten mich in dem Glauben, daß in der dortigen Gegend, bei Ngomano, etwas zu machen sei.
[5] Die englischen Behörden lieferten für ihre Gefangenen Verpflegungsgegenstände, die uns selbst fehlten.
Drittes Buch
Kämpfe auf fremder Erde
(Vom Übertritt nach Portugiesisch-Afrika bis zum Waffenstillstand)
Erster Abschnitt
Über den Rowuma
Am 25. November 1917 frühmorgens durchwatete unsere Vorhutkompagnie den Rowuma etwas oberhalb der Lujendamündung, das Gros, 9 Kompagnien, folgte im Laufe des Vormittags, die Nachhut mit etwa 2 Tagemärschen Abstand; Hauptmann Goering war mit 3 Kompagnien weiter unterhalb auf das Südufer des Rowuma gegangen, um gegen ein dort gemeldetes portugiesisches Lager einen Handstreich zu versuchen. Von Hauptmann Tafel fehlte jede Nachricht, und ich rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß er den Rowuma sehr viel weiter westlich erreichen würde.
Das Gefühl, von allen Hilfsmitteln entblößt zu sein sowie die absolute Unsicherheit des kommenden Schicksals hatten in vielen die Empfindung verursacht, die man volkstümlich als „allgemeine Wurschtigkeit“ bezeichnet. Unbekümmert um die taktische Lage waren die Jagdpatrouillen unterwegs, und ihre Schüsse wurden, wie sich später herausstellte, deutlich vom Feinde gehört. Beim Flußübergang angesichts des Feindes nahmen manche in Ruhe ein gründliches Bad; bei vielen bedurfte es einiger Energie, um ihnen die Forderung der Kriegslage klarzumachen.
Am Südufer fielen bald Schüsse. Die Vorhutkompagnie war auf feindliche Späher gestoßen, von denen mehrere tot liegenblieben. Die nachfolgenden Stunden, während welcher die nach und nach eintreffenden Kompagnien aufmarschierten und den Übergang der nachfolgenden Teile deckten, benutzte ich zur Erkundung. Nicht weit vor unserer Front, vom anderen Ufer des Lujendaflusses her, hörte man Signale und sah auch Leute. Wir gelangten dicht an das feindliche Lager heran, und man sah auf wenige hundert Meter Leute in weißen Anzügen herumgehen. Andere führten Erdbefestigungen aus, auch eine Trägerkolonne wurde bemerkt. Sicher handelte es sich um eine größere Truppenzahl.
Während ich noch überlegte, ob und auf welche Weise ein Angriff Aussicht bot, trat eine Kolonne in Khaki gekleideter Askari vom Lager her den Vormarsch auf unsere Truppen an. Etwa eine Kompagnie des Feindes war aus dem Lager herausgetreten. Ich vermutete, daß der Gegner richtigerweise mit allen seinen Kräften unsere noch beim Flußübergang beschäftigten Truppen angreifen wollte, lief schnell zurück und ordnete für unsere zuerst übergegangenen Kompagnien die Einnahme einer geeigneten Verteidigungsstellung an. Der günstige Fall, den ich erhofft hatte, trat aber nicht ein: der Feind kam nicht. Und so wurde ich erneut vor die Frage gestellt, was zu tun wäre. Man konnte zweifelhaft sein, ob es nicht mit Rücksicht auf unsere zahlreichen Träger zweckmäßiger wäre, an dem Feinde, der hier bei Ngomano stand, vorbei und weiter den Lujendafluß aufwärts zu marschieren. Entweder störte uns der Feind hierbei nicht, oder, wenn er uns stören wollte, mußte er aus seinen Verschanzungen herauskommen und sich zu einem schwierigen Angriff entschließen.
Andererseits war es nicht unwahrscheinlich, daß unser Angriff auf das feindliche Lager dieses noch nicht allzu stark befestigt antreffen würde. Die Erkundung hatte ergeben, daß auf dem jenseitigen Ufer des Lujendaflusses entlang ein Streifen dichten Galeriewaldes unmittelbar an das Lager heranführte und die Möglichkeit bot, hier mit stärkeren Kräften überraschend und entscheidend anzugreifen. Ich war mit mir noch nicht ganz einig, als Hauptmann Müller mich darin bestärkte, von den beiden in Betracht kommenden Entschlüssen denjenigen zu wählen, der zwar ein großes Wagnis, aber auch die Aussicht auf den seit längerer Zeit ersehnten durchschlagenden Erfolg und auf die unbedingt notwendige Beute an Patronen und Kriegsmaterial bot. Zeit durfte nicht verloren werden.
Der Angriff wurde deshalb noch während des Flußüberganges der nachfolgenden Teile unternommen. Während unser leichtes Gebirgsgeschütz die feindlichen Schützengräben von Westen her beschoß und gleichzeitig mehrere Kompagnien den Feind auf dieser Seite sowie von Norden beschäftigten, überschritt die Abteilung des Hauptmanns Koehl den Lujenda einen Kilometer oberhalb Ngomano, ging auf dem jenseitigen Ufer in dem hohen Galleriewalde vor und griff das feindliche Lager von Süden her entscheidend an. Ich selbst befand mich auf einem kleinen Hügel westlich des Lagers, in der Nähe unseres Geschützes. Unmittelbar hinter mir marschierte die zuletzt über den Fluß gehende Abteilung des Generals Wahle nach und nach in einer Geländesenkung auf. Vor mir hatte ich über das dichte, aber niedrige Buschwerk hinweg einen leidlichen Einblick in die feindlichen Befestigungsanlagen. Die Maschinengewehre des Gegners schossen nicht schlecht und ihre Garben lagen mehrfach auf unserem kleinen Sandhügel, von wo ich eine Anzahl Europäer und Askari, die sich hier unnötigerweise angesammelt hatten und dem Feinde gut sichtbar waren, in Deckung zurückschicken mußte. Der uns von früher bekannte helle Klang der feindlichen Gewehre und das Fehlen der Minenwerfer machte es wahrscheinlich, daß der Gegner aus Portugiesen bestand. Hatten wir doch gelernt, den dumpfen vollen Knall unserer 71er, den scharfen Ton unserer ~S~-Gewehre, den Doppelschlag der englischen Gewehre und den hellen Klang des nur etwas über 6 ~mm~ Kaliber betragenden portugiesischen Gewehrs deutlich zu unterscheiden. Auch unsere Askari hatten es sofort gemerkt; in den vorhergehenden Gefechten war es sehr unangenehm gewesen, daß die feindlichen Minenwerfer sich stets so schnell auf unsere Stellungen einschossen. Bei der Rauchentwicklung unserer 71er war es eben nicht möglich, sich hiergegen zu schützen. Heute aber gab es keine Minenwerfer, und der verräterische Rauch unserer guten, alten Gewehre war nicht so schlimm. Dafür aber gaben sie, wenn sie trafen, ein ganz gehöriges Loch. Bald erkannten unsere Askari, daß sie heute ihr soldatisches Übergewicht auch zur Geltung bringen konnten, ohne durch Nachteile in der Bewaffnung gehindert zu sein. „Heute ist der Tag der alten Gewehre“, riefen sie ihren deutschen Führern zu, und bald sah ich von meinem Hügel aus die Schützenlinie der Abteilung Koehl in vollem Lauf gegen die feindlichen Befestigungen anstürmen und diese nehmen.
Das war das Signal zum Ansturm auch auf den anderen Angriffsfronten. Von allen Seiten drangen sie in den Feind, der durch das konzentrische Feuer stark erschüttert war. Von dem etwa 1000 Mann starken Gegner dürften kaum mehr als 300 entkommen sein. Unsere Askari stürzten sich vielfach ohne Rücksicht auf den noch feuernden Feind auf die Beute; auch eine Menge Träger und Boys hatten die Situation erfaßt, waren sofort zur Stelle und wühlten in den Schmalztöpfen und sonstigen Verpflegungsbeständen herum, öffneten Konservenbüchsen und warfen sie wieder fort, wenn sie glaubten, in einer anderen Büchse etwas Schöneres zu finden. Es war ein furchtbares Durcheinander. Auch die soeben gefangenen portugiesischen Askari machten gemeinsame Sache bei der Plünderung ihrer eigenen Bestände. Es war nicht anders möglich, als mit größter Energie durchzugreifen. Ich wurde recht deutlich und machte beispielsweise auf einen mir bekannten Träger, der mir immer wieder ausriß und sogleich an anderer Stelle wieder zum Plündern erschien, mindestens siebenmal Jagd. Schließlich gelang es aber doch, die Ordnung herzustellen.
Ungefähr 200 Gefallene wurden durch uns beerdigt, etwa 150 Europäer gegen die eidliche Erklärung, in diesem Kriege nicht mehr gegen Deutschland oder seine Verbündete zu fechten, frei gelassen, mehrere hundert Askari gefangen. Wertvolles und für uns so notwendiges Sanitätsmaterial, das bei der jahrhundertelangen Kolonialerfahrung der Portugiesen vorzüglich war, ebenso mehrere tausend Kilogramm Europäerverpflegung und vielerlei Ausrüstung, dabei auch 6 Maschinengewehre, und etwa 30 Pferde wurden erbeutet, leider aber keinerlei Eingeborenenverpflegung. Fast die Hälfte unserer Truppe wurde neu bewaffnet, diesmal portugiesisch, und hatte reichlich Munition. Eine Viertel Million Patronen waren erbeutet, und diese Beute steigerte sich im Laufe des Dezember auf fast eine ganze Million. Aus den Beutepapieren ging hervor, daß die portugiesischen Europäerkompagnien erst wenige Tage vorher bei Ngomano eingetroffen waren, um den unmöglichen englischen Befehl auszuführen, das Entweichen der Deutschen über den Rowuma zu verhindern. Es war wirklich ein reines Wunder, daß diese Leute alle so rechtzeitig für uns in Ngomano versammelt waren, daß die Einnahme dieses Ortes sich wirklich lohnte und wir mit einem Schlage von einem großen Teile unserer Verlegenheiten befreit waren.
Aber eine große Verlegenheit bestand noch immer, und diese trieb uns rastlos weiter. Das war die Sorge, für die Masse unserer Eingeborenen Verpflegung zu schaffen. So zogen wir den Lujendafluß aufwärts. Tag für Tag suchten unsere Patrouillen nach eingeborenen Führern und nach Verpflegung. Es kam aber in den nächsten Tagen sehr wenig ein. Die Eingeborenen, an sich in dieser Gegend wenig zahlreich, waren infolge des Durchmarsches der Portugiesen vor deren Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit geflohen und hatten ihre geringen Vorräte versteckt. Ein Maultier und ein Pferd nach dem anderen wanderte in unsere Kochkessel; glücklicherweise ist die Gegend sehr wildreich, und der Jäger kommt fast bei jedem Pürschgange auf eine der zahlreichen Antilopen oder auf Perlhühner zum Schuß.
Waren anfänglich die Marschkolonnen übertrieben lang und unordentlich, so machte Übung auch hier bald den Meister. Bald lernten Träger, Bub, Weiber und Kinder Abstände und Tempo innehalten, genau wie die Askari. Ordentlich und gleichmäßig zog der Heerwurm, zu Einem hintereinander, auf den schmalen Negerpfaden oder auch quer durch den Busch in das unbekannte Land. Nach zwei Stunden folgte meist der erste, nach weiteren zwei Stunden der zweite halbstündige Halt; sechs Stunden reine Marschzeit, also 25-30 ~km~ täglich, waren die Regel, oft waren die Tagesleistungen größer. Die Truppe war meist in Abteilungen zu drei Kompagnien, eine Kolonne, ein Feldlazarett gruppiert. Die vorderste Abteilung einen Tagemarsch voraus, die letzte einen Tagemarsch hinter dem Gros der Truppe. In jeder Abteilung die Gefechtskompagnien mit ihren Maschinengewehren voran; sie hatten nur die nötigsten Patronen- und Sanitätslasten bei sich und für jeden Europäer etwa eine Last mit dem Unentbehrlichen. Die Askari marschierten flott vorwärts, kerzengerade aufgerichtet, das Gewehr auf der Schulter mit dem Kolben nach hinten, wie es von jeher in der Schutztruppe Sitte war. Flott ging die Unterhaltung, und nach den vielfach reichen Beuten der feindlichen Lager dampften überall die Zigaretten. Wacker marschierten die kleinen Signalschüler, halbwüchsige Jungens in Askari-Uniform mit, die meisten ihre Habseligkeiten in einem Bündel auf dem Kopfe tragend. Vertraulich riefen mir die Askari ihr ~„Jambo Bwana Obas“~ (Guten Tag, Herr Oberst!) oder ~„Jambo Bwana Generals“~ zu, oder ein kleiner Signalschüler drückte seine Hoffnung aus, einmal nach ~„Uleia“~ (Europa) und nach Berlin zu kommen. „Dann wird der Kaiser zu mir sagen „Guten Tag, mein Sohn!“ und ich werde ihm vorsignalisieren. Er wird mir dann Braten geben und mich zur Kaiserin führen. Die Kaiserin sagt dann „Guten Tag, mein Kind!“ und wird mir Kuchen geben und mir die Schaufenster zeigen.“ Bei allem Geplauder spähten die Askari haarscharf aus, und keine Bewegung im dicken Busch entging ihren Luchsaugen. Die vorangehende Spitze sprach jede Spur an und schloß daraus auf den Marsch und die Nähe feindlicher Truppen. Ebenso militärisch waren die Maschinengewehrträger, meist stramme Waniamwezi und Wazukuma. Den Kompagnien oder Abteilungen folgten die Träger mit den Lasten von Verpflegung, Gepäck, Lagergerät und Kranken, die getragen werden mußten. Die Lasten, etwa 25 ~kg~, wurden auf den Köpfen oder abwechselnd auf einer Schulter getragen. Die Leistung dieser Leute ist enorm. Immer fester verwuchsen sie mit der Truppe. War die Verpflegung einmal knapp, und man kam ohne Beute von der Jagd zurück, so sagten sie wohl ~„Haisuru“~ („Schadet nichts, wir werden ein ander Mal bekommen“). Viele gingen barfuß und oft traten sie sich Dornen ein. Manchmal zog einer während des Marsches kurz entschlossen sein Messer und schnitt sich ein ganzes Stück Fleisch von seinem verletzten Fuße ab. Dann marschierte er weiter. Den Trägern folgten die Frauen, die „Bibi“. Viele Askari hatten ihre Frauen und Kinder mit im Felde, manche Kinder brachte der Storch während der Märsche. Die Frauen trugen ihr ~„mali“~ (Eigentum) und das ihres Eheherrn zusammengebunden auf dem Kopfe. Oft trugen sie noch ein kleines Kind, das in ein Tuch eingebunden auf ihrem Rücken hing und mit seinem Wollköpfchen herausguckte. Für Ordnung und Schutz bei den Frauen sorgte ein Europäer oder eine zuverlässige alte Charge mit einigen Askari. Alle liebten das Bunte, und nach einer großen Beute von bunten Tüchern sah der ganze viele Kilometer lange Zug manchmal wie ein Karneval aus. Auch während des Marsches mußte an die Verpflegungsbeschaffung gedacht werden. Jagdpatrouillen marschierten der Kolonne voraus oder seitwärts durch den Busch. Manche blieben mit einigen Trägern noch in der Nähe der alten Lagerplätze, wenn sich hier Wild oder Spuren gezeigt hatten. Andere Patrouillen ließen sich durch Menschenspuren zu Ansiedlungen führen, um dort Verpflegung zu beschaffen.
Bei der Ankunft am Lagerplatz schlugen vier Askari und mein Boy Serabili Äste und machten ein Gestell für die Zeltbahnen oder für eine Grashütte. Manchmal wurde auch ein erhöhtes Nachtlager aus Zweigen hergestellt, das mit Gras belegt wurde. Bald langte der bärtige „Baba“, mein Koch, an und traf umsichtig seine Anweisungen für die Anlage der Küche. Die Träger marschierten an, holten Wasser, schlugen mit ihren Buschmessern Brennholz und schnitten Gras. Jagdpatrouillen brachten ihre Beute, und bald dampften überall die Lochfeuer. Trägerkolonnen hatten inzwischen in den Dörfern gedroschen und brachten Korn mit. In den „Kinos“ (dicken Holzgefäßen) wurde das Korn mit dicken Knüppeln gestampft, und weit durch das Pori hallten die dumpfen Schläge. Meldungen, Geländeerkundungen, Beutepapiere wurden gebracht, eine Kiste an schattiger Stelle war das Büro. Bei längerem Aufenthalt wurde aus Zweigen ein Tisch gebaut. Abends am Feuer wurde gemeinsam mit Kameraden gegessen, die Boys brachten Kisten zum Sitzen, Grandseigneurs hatten Feldstühle. Dann ging es zur Ruhe unter das Moskitonetz und morgens früh ging es weiter ins Ungewisse. Würden wir Verpflegung finden und würden wir bis dahin mit dem wenigen Vorhandenen ausreichen? Diese Fragen tauchten jeden Tag von neuem auf und begleiteten uns durch Wochen und Monate. Das ewige Marschieren war begreiflicherweise auch kein reines Vergnügen. Beim Kommen schnappte ich wohl Bemerkungen über mich selber auf, wie: „Geht es denn noch immer weiter? Der Kerl stammt wohl aus einer Landbriefträgerfamilie?“
Als wir die Mündung des +Chiulezi+ erreicht hatten, waren die Verpflegungsschwierigkeiten so groß geworden und die von früher her als reich bekannte Gegend hatte sich so sehr geändert, daß ich meine ursprüngliche Absicht, die Truppe zusammenzuhalten, fallen ließ. Es schien dies im Augenblick auch in taktischer Hinsicht unbedenklich zu sein. Von den Engländern, die uns vielleicht folgten, war bei ihrer sich täglich verlängernden rückwärtigen Verbindung und der hierdurch sich steigernden Nachschubschwierigkeit ein fühlbares Nachdrängen mit starken Kräften nicht zu erwarten. Ein Schreiben des britischen Oberbefehlshabers, des Generals van Deventer, das mir durch Parlamentär zuging und in dem er mich zur Übergabe aufforderte, bestärkte mich in der Auffassung, daß General van Deventer durch unser Ausweichen ziemlich enttäuscht war und unserem Einmarsch in portugiesisches Gebiet vor der Hand ratlos gegenüberstand. Weder er noch vorher General Smuts hatten in Situationen, welche für die Engländer günstig waren, daran gedacht, eine Aufforderung zur Übergabe zu schicken. Warum taten sie es also in einer Lage, die, wie die jetzige oder die im September 1916 bei Kissaki, für uns zweifellos günstig war? Doch nur, weil sie mit ihrem Latein zu Ende waren. Das war wirklich nicht schwer zu durchschauen. Die Zeit bis zu den Ende Dezember einsetzenden, großen Regen war zu kurz für die Vorbereitungen zu einer neuen Operation, und nach Einsetzen der Regen mußte der feindliche, auf Automobile basierte Nachschub auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen.
Wir hatten also Zeit und konnten uns unbedenklich in mehrere Kolonnen teilen. Von dem zeitweiligen Verlust der Verbindung untereinander hatten wir keinen Schaden zu befürchten. So wurde die Abteilung des Generals Wahle abgetrennt und marschierte durch die +Mkula+-Berge, während ich selbst den Lujenda weiter aufwärts zog.
Die in dem erwähnten Brief des Generals van Deventer mir mitgeteilte Übergabe des Hauptmanns Tafel war ein harter und unvorhergesehener Schlag.
Hauptmann Tafel hatte im Mai 1917, als General Wahle zur Übernahme der Truppen an der Lindi-Front abmarschierte, den Befehl in Mahenge übernommen. Das reiche Gebiet des Mahenge-Bezirkes sicherte er nach Norden durch die wenige Kompagnien starke Abteilung des Korvettenkapitäns Schoenfeldt. Dieser verstand es durch geschickte Benutzung seines 10,5 ~cm~ Königsberg-Geschützes seinem kleinen Detachement von wenigen Kompagnien Rückhalt zu geben und auch die materielle Lage seiner Truppe durch Anbau von Gärten und Feldern recht günstig zu gestalten.
Am mittleren +Ruhudje+ stand gleichfalls eine schwache Abteilung unter Hauptmann Aumann und nordöstlich Ssongea die Abteilung des Hauptmann Lincke in der Gegend von +Likuju+. Diese hatte häufige Zusammenstöße mit dem Feinde und litt in dem armen Gebiet unter Verpflegungsmangel. Sie wich daher allmählich nach Norden, nach +Mponda+ aus. Dort wurde sie durch 2 Kompagnien und 1 Geschütz, die vom Hauptteil der Truppe herangezogen worden waren, verstärkt. Hauptmann Otto übernahm den Befehl. Im August 1917 gingen starke englische und belgische Truppen konzentrisch gegen Mahenge vor; Hauptmann Tafel hatte dies kommen sehen und seine Verpflegungsvorräte aus dem Gebiet von Mahenge auf +Mgangira+ abtransportiert. Am 11. September wurde Mahenge geräumt. Wenn auch die einzelnen Gefechte vielfach günstig verlaufen waren, so machte sich doch die Überlegenheit des Feindes allzusehr bemerkbar, und die Knappheit an Munition wurde bei den meist mit rauchstarkem Gewehr 71 bewaffneten Askarikompagnien immer empfindlicher.
Später erfuhr ich durch Hauptmann Otto, der sich mit einer Patrouille des Hauptmann Tafel zu mir durchgeschlagen hatte und mich in Chirumba erreichte, daß Hauptmann Tafel in 3 Kolonnen westlich von Liwale nach Süden marschiert war, am oberen Mbemkuru mehrere, zum Teil erfolgreiche Gefechte gehabt und auch größere Mengen Munition erbeutet hatte. Er war dann weiter nach Süden zum Bangalafluß marschiert und hatte sich, da er mich in der Gegend von Massassi glaubte, nach Osten gewandt. Südlich dieses Ortes angekommen erfuhr er von Eingeborenen, daß seit mehreren Tagen die Deutschen nicht mehr nördlich des Rowuma kämpften. Hauptmann Tafel wandte sich nun zum Rowuma, überschritt ihn in der Nähe der Einmündung des Bangalaflusses und hoffte, auf dem Südufer Verpflegung vorzufinden. Seine Vorräte waren buchstäblich erschöpft. Er fand aber nichts und hatte keine Ahnung davon, daß nur etwa einen Tagemarsch von ihm entfernt die von mir detachierte Abteilung Goering das portugiesische Lager +Nampakescho+ genommen hatte und in der reichen Landschaft so viel Verpflegung vorfand, daß sie für 14 Tage gut zu leben hatte. So ging Hauptmann Tafel auf das Nordufer des Rowuma zurück und ließ dem Feinde seine Übergabe ankündigen.
Die Nachricht von der Waffenstreckung des Hauptmanns Tafel, da es doch bei meiner unmittelbaren Nähe am seidenen Faden hing, daß die von uns beiden angestrebte Vereinigung geglückt wäre, machte mich von neuem bedenklich dagegen, einen Teil meiner Truppen zu detachieren. Ich wurde geradezu auf die Folter gespannt, als von der Abteilung Goering, mit der bei Ngomano Patrouillenverbindung bestanden hatte, jede Meldung ausblieb. Auch während des Weitermarsches den Lujenda aufwärts, als es notwendig war, die einzelnen Abteilungen und Kompagnien der Suche nach Verpflegung wegen weiter auseinander zu ziehen, mußte wiederholt auf die Unterführung eingewirkt werden, um nicht die Verbindung und den Zusammenhang des Ganzen zu stören. Es war ja auch gar nicht möglich, daß die Herren, die später als Abteilungsführer so Ausgezeichnetes leisteten und sich in den Rahmen des Ganzen einzufügen verstanden, die hierzu notwendige Schulung schon von Anfang an mitbrachten.