Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

Part 19

Chapter 193,377 wordsPublic domain

Luther hätte sehr reich werden können, mir scheint, einer der reichsten Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt doch keinen Schriftsteller, der so gelesen worden wäre. Er hielt aber daran fest, kein Geld für seine Bücher zu nehmen, und lebte von einem dürftigen Professorengehalte. Einmal hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen bekennen, Schulden. Er nahm alle Zufluchtsuchenden bei sich auf, beschenkte alle Armen und Bettler, wenn er sonst nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die ihm zuweilen verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein Bauer gewesen und habe keine Bedürfnisse gehabt. Jeder geniale Mensch hat eine starke Sinnlichkeit, sieht gern Schönes, liebt Wohllaut, süße Gerüche und Wohlschmeckendes. Die Frömmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen wollten, machten es Luther zum Vorwurf, daß er die Laute spiele, Hemden mit bunten Bändern trage, Bilder in seinem Zimmer hängen habe und gern guten Wein trinke. Er hatte sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrauß mitgenommen und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er für seine Person anspruchslos und konnte mit dem Apostel Paulus sagen: »Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden.«

Mir scheint, es wäre nicht so durchaus zu beklagen, wenn der Krieg zu einer Verarmung Europas führte; vielmehr ist vielleicht gerade das mit der Zweck des Krieges, aber nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands durch den Dreißigjährigen, den verheerendsten aller Kriege, gesprochen; in Wirklichkeit hat er nur die Armen ganz arm, die Reichen hat er reicher gemacht. Auf dem Lande namentlich und auch in den Städten war Dürftigkeit, an den Höfen war Überfluß sondergleichen; Reichtum und Armut waren also sehr scharf voneinander geschieden und bildeten einen starken Gegensatz. Auf der einen Seite war äußerste Selbstsucht und Genußfähigkeit, auf der anderen Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen Herzen der Gequälten wuchs die Musik Bachs, ein Baum des Lebens, tropfend in allen Zweigen von Unsterblichkeit. Gott ist #consumens et abbrevians#: es wird unendlich viel Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Schönheit und Wahrheit, in die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses hatten die Armen den Glauben. Wie mochte jenen evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde zu schützen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und niedergestochen wurden und mitten im Sterben beteten: Ich werde nicht sterben, sondern leben! Die Ungläubigen verlachten das, da sie von dem Leben, das jene empfanden, nichts wußten. Armut ist nur unerträglich für Gottlose und in gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen Zeiten die Wohltätigkeitsbestrebungen der Heuchler und Gleisner, die die Armen nicht wahrhaft beglücken können, was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist; sondern der ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Genüsse dadurch von jeder Einschränkung zu befreien. Die wohleingerichteten Arbeiterheime und dergleichen muten an wie Friedhöfe, wo das Lebendige vermodert; ausgepumpte, luftleere Räume, wo die Menschen zu Mumien werden. Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg, als daß der Krieg es wieder zum Chaos stampft.

Ich brauche, denke ich, nicht zu erwähnen, daß Luther weit entfernt war, den Müßiggang zu loben. Seine eigene Tätigkeit schildert er in einem Briefe einmal so: »Ich brauche beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast nichts den Tag über als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich bin Prediger bei Tisch, man begehrt mich täglich zum Predigen in der Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums, ich bin Ordensvikar, das ist soviel wie ein elffacher Prior, ich bin gesetzt über den Leitzkauer Fischteich, ich bin Sachwalter der Herzberger Mönche zu Torgau, ich lese über Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu kommt das Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine Gebetsstunden ordentlich zu feiern, neben den mir eigenen Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel; sieh, was ich für ein müßiger Mensch bin.«

Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des ärgsten Unglaubens bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen, allerdings ein Beweis des Mißtrauens in Gottes Kraft oder Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine Form, in der die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im Sparen und Geizen äußert sich mehr die Sucht nach Ruhe, die Angst vor Widerständen und dem Kampfe dagegen. Überwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt zum Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich gänzlich dem Kampf entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche Fälle pflegte Luther mit den Worten abzutun: lasset die Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine äußere Hemmung, die nicht weggenommen werden kann, ohne daß innere, viel gefährlichere Hemmungen eintreten, deren letzte der Tod ist.

Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes, daß der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen soll. Mit Hinblick auf dies Gebot bekämpfte Luther unter anderem das Mönchsleben, wo der einzelne zwar Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu entziehen. In den Tischreden sagt er: »Am sichersten ists, daß einer in einem gemeinen Stande sei und lebe, wie auch Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer gemeiner Mann, gelebt und kein sonderliches Leben geführt hat. Nicht in Winkeln und Kammern.« Das wiederholt er an anderer Stelle und gebraucht dabei den Ausdruck, Christus habe nicht wie ein Unhold gelebt.

Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt für Auserwählte halten, vom Leben in eine künstliche Feierlichkeit zurückgezogen. Sie heiraten nicht, wenn sie arm sind, um nicht von den kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens, Kindergeschrei, Geldmangel, Lärm und Enge, angegriffen zu werden, sie sehnen sich nach der Pracht oder kühlen Stille von Schlössern und Klöstern. Ein Herz muß sehr eng und schwach sein, das solche Schädlichkeiten nicht verzehren kann, nicht vielmehr durch sie angeregt wird.

Im Grunde kann sich jeder glücklich schätzen, dem im Mangel eine äußere Hemmung gesetzt ist, die leichter zu überwinden ist als diejenige, die der Überfluß ins Innere treibt. Vielleicht überwindet man sie noch am ehesten, wenn man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wäre aber nicht eigentlich Luthers Ideal, der sich die höhere Aufgabe stellte, die Welt ganz zu erleben und dennoch zu bändigen.

Es ist natürlich ebenso wie mit den einzelnen mit den Völkern: sie haben ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie sie reich werden, werden sie auch weltlich. Beides ist berechtigt; nur muß man nicht glauben, daß man beides zugleich sein könne.

Dein Brief berührte mich wehmütig, in dem du schriebst, es sei gewiß wahr, daß das Leben nicht im Denken oder Träumen, sondern im Wirken sei, und es sei sonderbar, daß die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten, unter der sie doch litten, und daß sie etwas Gutes zu tun glaubten, wenn sie ihren Kindern so viel Geld hinterließen, daß sie dadurch des Kampfes ums Dasein überhoben wären.

Ja, als die verhängnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die Todessehnsucht, sich der Menschen bemächtigte, organisierten sie den Maschinenstaat und die Geldwirtschaft. Wenn die aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe abgelöst werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden sie Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. Ebenso geht es mit dem Gelde, wenn es von dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelöst wird. Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflösung des kraftvollen, arbeitenden und Werte schaffenden Menschen und hat die Auflösung mehr und mehr befördert, hat die Toten begraben und haspelt über ihrem Grabe weiter. Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, er führt nur die materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft #ad absurdum#; ein verjüngtes Leben, dessen Wesen schöpferische Arbeit ist, muß irgendwie auf Naturalwirtschaft begründet sein.

Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flügel; aber sie tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. Erst wenn wir sie abgeworfen haben, werden wir wieder fliegen können.

XXIII

Als von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort die Rede war, erwähnte ich, glaube ich, daß man beobachtet hat, wie es die unwillkürlichen Vorgänge im Menschen stört, wenn man die Aufmerksamkeit darauf lenkt. Das geht so weit, daß die Wünsche erst dann in Erfüllung zu gehen pflegen, wenn man aufgehört hat zu wünschen, wie das Sprichwort wohl weiß: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Nietzsche bemerkte sehr gut und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst erfahren, daß eine gewisse »feurige Pressiertheit« dem Erfolge im Wege stehe. Das mag daher kommen, daß der Wille sich besonders nachdrücklich auf die Stellen wirft, die er im tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer zutiefst weiß, daß ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht werden kann. Wie dem auch sei, man muß Gott »Raum lassen«, man muß überhaupt die selbsttätigen Kräfte zuweilen von sich werfen, damit sie einen nicht auffressen. Man muß in der Formlosigkeit, in der Bewußtlosigkeit, im Schweigen, im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen von aller Selbsttätigkeit erholen, sonst würde sie eines Tages ganz abgenützt sein. Es ist eine Weisheit von der Gasse, daß nur wer gehorchen gelernt hat, befehlen kann, und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird keine Taten tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivität im Menschen, die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen ist; nicht die Ruhe der Erschöpfung, sondern lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das köstlichste und unentbehrlichste Verjüngungsbad des Menschen ist der Schlaf: tränke er nicht den Lethe aus dieser Schale, würde er nicht täglich neu erleben können. Der Schlaf ist dem Tagesleben gegenüber göttlich, und so ist es der Tod dem ganzen Leben gegenüber: er ist der tiefste Brunnen der Vergessenheit, aus dem der berauschte Schläfer dereinst ganz neu und jung auftauchen wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich viel tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden Sonne, und er wird tiefer auflösen, tiefer verwandeln.

Erinnerst du dich, daß ich erwähnte, man habe die Entdeckung von der Unsterblichkeit der Amöbe, des einzelligen Lebewesens oder der lebendigen Substanz, gemacht? Diese Amöben pflanzen sich durch Teilung fort und können das, bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber sie sind auch keine Personen, sie sind und haben nichts für sich. Wenn eine Amöbe sich teilt, so ist es unmöglich, zu sagen, welche die Mutter und welche die Tochter sei: es ist immer nur lebendige Substanz. Im Maße, wie die Substanz selbsttätig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt sich die Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen hat es noch leicht, seine Schlacken abzusondern; dem vielzelligen wird das immer schwerer und schwerer gemacht: wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind. Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift auch niemals zugesprochen; im Gegenteil, es heißt von Gott: #Qui solus habet immortalitatem# -- Der allein Unsterblichkeit hat.

Die Tatsache, daß die lebendige Substanz unsterblich ist, war Luther wohl bekannt; er drückte sie mit den Worten aus: Gott in seiner Natur kann nicht sterben. Ebenso hat die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gepredigt, daß Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die Kraft ist. Nur in seiner Person muß er sterben; das ist die große Tragödie des Menschen, auf welche das Alte Testament hinweist, und die im Neuen Testament unter Teilnahme der erbebenden Natur sich vollzieht.

Daß der Mensch sterben muß, obwohl göttlichen Geschlechts, und daß nur die göttliche Kraft bleibt, die sich in ihm offenbarte, das ist in der Geschichte vom Kreuzestode des Herrn das Herz zerreißend unauslöschlich dargestellt. Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rühmt, kann doch die Herrlichkeit des persönlichen Lebens nicht inbrünstiger ausdrücken, als diese Stunde des ewigen Abschieds. Allerdings ist es ja gerade die Schönheit des verhältnismäßig unbewußten und unpersönlichen Lebens, die wir heidnisch nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit Christus konnte die ganze Furchtbarkeit des persönlichen Todes Erlebnis werden.

Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, daß er nicht einmal seinen Namen genannt habe, sondern er habe zu Adam gesagt: von Erde bist du genommen und sollst wieder Erde werden. »Ach, wenn Adams Fall nicht alles verderbt hätte, wie eine schöne, herrliche Kreatur Gottes wäre doch der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis und Weisheit! Wie seliglich hätte er gelebt ohne alle Mühe, Unglück, Krankheit, und wäre danach ohne alles Fühlen des Todes verwandelt worden, hätte dies zeitliche Leben abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude gehabt und wäre eine feine, lustige Veränderung und Verwechselung aller Dinge gewesen. Wie in diesem elenden Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten entworfen und abgemalet hat.«

Ja, wenn wir kein Selbstbewußtsein hätten, würden wir nicht sterben; aber gerade um Erhaltung unseres Selbst, das des Sterbens Ursache ist, ist es uns zu tun. Der dringende Wunsch, unser persönliches Selbst erhalten zu wissen, ist jedenfalls die Ursache, daß viele Menschen aus der Bibel und der christlichen Lehre die Verheißung eines Himmels herauslesen, in welchem sie persönlich weiterleben dürfen.

Himmel, Hölle, Reich Gottes sind für Luther innerliche Zustände. Schon in den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes waren, stellte er folgende Sätze auf: »Ist ein Sterbender von Sünden nur unvollkommen genesen oder ist seine Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise große Furcht, und zwar um so größere, je geringer jene ist. Diese Furcht und dies Grauen sind an sich selbst hinreichend, um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dünkt, unterscheiden sich Hölle, Fegefeuer, Himmel genau so wie Verzweifeln, beinahe Verzweifeln und des Heils gewiß sein. Augenscheinlich bedürfen die Seelen im Fegefeuer Milderung des Grauens und Mehrung der Liebe.«

Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben an den sterbenskranken Kurfürsten Friedrich aus: »Denn wenn der Mensch sein [inneres] Übel empfände, so würde er die Hölle empfinden; denn er hat die Hölle in sich selbst.« Dementsprechend über den Himmel: »Alle diese Güter sind leibliche Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; das ist, er hat in sich den Glauben an Christum ... Denn wenn ein Christenmensch dasselbige Gut sichtbar empfände, so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich, wie Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort Gottes hat, hat Gott, den Schöpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar würde, was das für große Güter wären, so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor überschwenglicher Gnadenfülle.«

Die vielen Worte Christi über das Wesen des Reiches Gottes, daß es nicht in äußerlichen Gebärden stehe, daß es inwendig in uns sei, sind bekannt; und wie er den Juden vorwarf, daß sie einen Weltkönig wollten, der äußerliche Güter bringe, nicht einen Erlöser, der die Herrlichkeit des Inneren auftut. Dies ist so klar und oft betont, daß die Menschen, die sich ein Studium aus Gott und den göttlichen Dingen gemacht haben, es notwendigerweise eingesehen haben müssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um etwas teils mit den Sinnen Ergreifbares, teils außer der Erscheinungswelt Bestehendes. So hat man zum Beispiel es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines umfassenden, vorurteilsfreien Geistes, daß er den großen Männern des Altertums einen Platz im Himmel einräumte, was Luther nicht tat. Und doch hat gerade Luther immer hervorgehoben, daß die Alten in weltlichen Dingen, die Sittlichkeit inbegriffen, den Christen weit überlegen waren, in allem, was Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir würden sagen, was Kultur betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur räumte er ihnen unbedingt ein; was er ihnen absprach, war die Kraft des Glaubens, alles, was mit dem stärkeren Persönlichkeitsbewußtsein, den inneren Spaltungen und der überwindenden Liebe zusammenhängt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas wie eine verklärte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich große Männer und edle Frauen im Gespräch ergingen, und er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte vertrauten Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon abgesehen sprach er über die vorchristlichen Menschen ein Werturteil aus, welches sie von den Christen nicht wesentlich unterschied, während Luther einen wesentlichen Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die Seligkeit des unbewußt Schaffenden so groß wie die dessen, der zwar auch unbewußt, zugleich aber unter Mitwirkung und im Gegensatz zu seinem bewußten Selbst schafft? Kann das Gefühl des naiven Menschen so innig sein, wie das dessen, der durch alle Kämpfe des Selbstseins und Selbstwollens hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn nicht der Hölle abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn man sie nur von außen sieht, nicht auch in ihr Inneres eingedrungen ist? Antike Helden nahmen unerhörte Qualen auf sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort nicht zu brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber eine solche Seligkeit wie der christliche Märtyrer, der, während sein Körper brannte, über sich den Himmel offen sah? Hier entschied Luther, die Harmonie der höheren Kultur der Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persönlichen, des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener überschwenglichen Gnadenfülle, die den Menschen töten würde, wenn er sie ganz erfaßte, ahnte Zwingli nichts und begriff infolgedessen auch nicht, was für Probleme Luther stellte.

Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich als im Inneren des Menschen liegend gekennzeichnet ist, wie deutlich ferner öfters gesagt wird, daß Gott die Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich, daß doch vielfach ein persönliches Weiterleben nach dem Tode als Lehre der Bibel angenommen wird. Dies liegt nun zum Teil daran, daß die Menschen geneigt sind, zu glauben, was sie wünschen, daß sie durch das gefärbte Glas der Persönlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natürlich zumeist wünscht; daneben aber auch an der Bildersprache der großen Dichter, denen wir die Heilige Schrift verdanken. In bezug auf die Schilderung der Auferstehung der Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, daß das eitel #verba allegorica# wären. Das geht auf das Blasen der Posaune und das Hinaufgerücktwerden der Toten in die Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas anderes ist es mit der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die natürlich wörtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther sagte, man würde sich richtiger ausdrücken, wenn man von der Auferstehung des Leibes und nicht von der Auferstehung des Fleisches spräche; woraus hervorgeht, daß es sich für ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen handelte. Er gebrauchte für Form in der Regel das Wort Gestalt, wie zum Beispiel an der Stelle im Evangelium, daß Christus, obwohl er voll göttlicher Gestalt gewesen sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er war, heißt das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder die vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Platos Ideenlehre, deren Verwandtschaft mit der christlichen er jedenfalls erkannte; er gab aber seine ursprüngliche Absicht, die Lehre des Christentums philosophisch zu begründen, aus Instinkt vielleicht mehr als aus bewußten Gründen gänzlich auf. Doch spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung von Cicero, und wie ihm das Argument zu Herzen gegangen sei: »Daß er aus dem, daß die lebendigen Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm ähnlich und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, daß ein Gott sei.« Gott ist die Einheit in der Vielheit, das Bleibende im Wandel. »Ich bin, der sich nicht verändert.«

Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und gar im Stoffe, ohne etwas zurückzubehalten, die bloße Majestät außer der Erscheinung, das Ding an sich, ist ein bloßer, vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit wir auch die Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen, sie bleibt immer körperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich klar und schön auseinandersetzt, in einer anderen Körperlichkeit, als die unseren Sinnen vertraut ist. Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte Einheit des Stoffes, die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber keine Vorstellung machen können. Soweit der Mensch schon während seines persönlichen Lebens göttlich, also unvergänglich und unwandelbar ist, soweit bleibt er auch in jener ätherischen Körperlichkeit, über deren Natur wir nichts aussagen können. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natürlich nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade auf der Annahme persönlicher Fortdauer, während der Christ glaubt, daß nur die Substanz unsterblich ist. Luther lehnte den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an die Möglichkeit des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts als Teufelwerk darin; das heißt, er hielt alle Geistererscheinungen, auch wenn er selbst sie sah, für absichtliche Täuschung oder Selbsttäuschung.