Luthers Glaube: Briefe an einen Freund
Part 18
Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden Kunst betrachtet, so sieht man, wieviel besser die Menschen den liebenden und verzeihenden Christus als den zürnenden begreifen; daß es keine Liebe des Guten ohne Haß des Bösen und Kampf gegen das Böse gibt, möchten sie sich gern verhehlen. Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus deutlich als den kämpfenden und triumphierenden Helden, den allerdings im Gefühl seiner Liebe, im Bewußtsein seines Rechtes, seines notwendigen Unterganges in der Welt und seines Sieges im Geist auch im glühendsten Zorne eine großherzige Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verläßt. »Christus ist zu einem Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll«, sagt Luther einmal, »und viele werden sich an ihm stoßen, fallen und sterben. Alles Streiten und Krieg des Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii, das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten.« Daß Christus selbst gesagt hat, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, sagt Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: »Denn wo der Mann kommt und sich sehen läßt, da hebt sich bald ein Rumor und Fallen an.« Widerspruch erregt und überwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die er vertritt, gegenüber der Selbstsucht und der Lüge, die in der Welt herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein hinein verkündet er das Recht der Liebe; der Lüge und Selbsttäuschung der Welt, daß sie, die Scheinende, Gott sei, stellt er die Wahrheit entgegen, daß er, der Unsichtbare, Gott ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, wirft er vom angemaßten Throne und ruft ihm zu, daß Gott im Ganzen ist, während der einzelne vergeht. Darum kann es nicht anders sein, als daß die wahren Christen um Christi willen werden Verfolgung leiden. »Kein Volk auf Erden muß solchen bitteren Haß leiden, sie müssen Ketzer, Buben, Teufel und die schädlichsten Leute auf Erden heißen.« Ja, man erkennt die Auserwählten daran, daß sie von der Welt gehaßt werden. Daß Luther die Werke, durch die der Glaube sich betätigt, den Kampf gegen das Böse außer uns, sowie den Kampf gegen das Böse in uns, diesen allerbittersten und allerschwersten verhältnismäßig viel weniger als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht zu erklären, die Menschen würden diese unwillkürlichen Werke, die der Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkürlichen Werken der Moral verwechseln. Dazu kommt, daß derjenige, der wirklich Glauben und Liebe hat und sie mit Notwendigkeit betätigt, vergißt, davon zu sprechen. Luthers Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe, ein beständiges Sichopfern für die Menschen. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein, so daß er kaum noch, wie man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was den Christen macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt und genießt sie, der Buddhist oder Mystiker verneint sie und entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint sie zugleich, das heißt er überwindet sie. Gewiß hat Luther die Hälfte seines köstlichen Lebens damit zugebracht, »Mansfeldische Säuhändel« zu schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von allen, nach dessen Beilegung er starb. Er war der Beschützer aller Schwachen und Unterdrückten ohne eine Spur von Menschenfurcht. Was menschliche Größe ist, kann man aus Luthers Briefen an die Fürsten, mit denen er zu tun hatte, ersehen, vor allem an seine kursächsischen Oberherren. Es ist, als höre man Gott selbst sprechen: gütig, langmütig, wahr, die Herzen kennend und führend, zuweilen streng und blitzend, immer weit, himmelweit überlegen. Die gegnerischen Fürsten donnert er zusammen, daß man meint, es bleibe kein Stück von ihnen übrig; aber bei alledem ist es Donner, der aus einem Himmel unerschöpflicher Liebe kommt. Man begreift nicht, wie er die ungeheure Arbeit, die ihm durch die Sorge für andere Menschen auferlegt wurde, bewältigte; in der Tat hätte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht. Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu reden; tat Luther es einmal, so wurde allen anderen bange, weil sie merkten, daß das, was sie Liebe oder Mitleid nannten, gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer gleichzeitig nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedürftigen, hassend gegen die Bösen, mahnend gegen die Gleichgültigen. Der schwerste Kampf ist eigentlich gar nicht der gegen das Böse; sondern der gegen die menschliche Trägheit, die unter der Maske der Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit und Milde das Böse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen will. »Wenn du über das Evangelium richtig denkst, kann seine Sache nicht ohne Aufruhr, Skandal, Unruhe geführt werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg, ist Verderben, ist Ärgernis, ist Gift und wie ein Bär auf der Straße und ein Löwe im Walde.« So schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan des Kurfürsten, der die Gegensätze wohl sah, aber nach weltlicher Art umgehen wollte. »Hüte dich zu glauben«, schrieb er demselben, »du könntest Christus in der Welt fördern mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem Blute gekämpft hat wie nach ihm alle Märtyrer.« Die Welt zieht deshalb den stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie die Wahrheit verleugnenden, kämpfenden Luther vor. Auf Melanchthon allein gestellt, würde das von Luther neu aufgerichtete Evangelium kaum eine Spur hinterlassen haben; auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das Größte ist, mit seiner Person für sein Wort eintreten, das ist, es mit seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber »es gehört dazu ein trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu sagen«. Die meisten Kämpfer unterscheiden sich von Luther dadurch, daß sie nicht aus Liebe Gottes und Haß des Teufels, sondern aus Eitelkeit, Neid und persönlichem Haß kämpfen; Luther hatte nur wenig redliche Gegner und keinen von göttlicher Liebe in den Kampf getriebenen. Viele unter seinen Feinden waren Neider und Nebenbuhler, denen seine Größe keine Ruhe ließ; nachdem er das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drängten sie nach und wollten die vordersten sein. Anderen war es um ihre weltlichen Vorteile zu tun, andere wollten nur Aufsehen erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und es war nicht anders möglich, als daß sie ihm widerwärtig waren, denen es immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die Wahrheit zu tun war; aber selbst Karlstadt, der ihm mit seiner Eitelkeit das Leben so sauer gemacht hat, nahm er liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn wandte, und wurde sein Fürbitter beim Kurfürsten. Was für großmütige Liebe bricht aus seinen Worten über Ökolampad mitten im Abendmahlstreit: »Welchem Gott viel Gaben geschenkt hat vor viel anderen und mir ja herzlich für den Mann leid ist.« Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens nicht fühlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger von Luthers Gegnern, wie bedeutend er auch sein möge, hat wie er Worte der Liebe; wie auch keiner wie er Worte des Zornes und Hasses hat.
Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb streng ablehnend, weit mehr als gegen schlechtweg weltliche, religiös gleichgültige Leute. Er nannte sie Enthusiasten, Schwärmer und Flattergeister, insofern sie Gott nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren Glauben irgendwie betätigen müßten, sondern im Geist, der eigentlich nirgends ist, und wo sie deshalb nur zu schwärmen und zu flattern brauchen. »Ich hasse die Flattergeister und liebe dein Gesetz«, sagte Luther mit David, das göttliche Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, der unfruchtbaren Gefühlsschwelgerei des Mystikers entgegenstellend. Alles Frommtun im Winkel, das Pochen auf göttliche Eingebung außerhalb der Bibel, die Heiligkeit und Rührseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung vom allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, wie sich das bei Waldensern und ähnlichen Sekten fand, flößte Luther Abneigung und Mißtrauen ein, auch wenn es zunächst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen, wie leicht die übersinnliche Geistigkeit in ungeistige Sinnlichkeit, in Zügellosigkeit nach jeder Richtung umschlägt. Aber auch die Mystik feiner, gutgesinnter Menschen bekämpfte er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl von allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne daß er darin je nachgelassen hätte, forderte er doch auch von ihm lautes Bekennen und Eintreten für seinen Glauben.
Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt.
Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt weit mehr in Liebe und Haß opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen das Ende seines Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr zurückzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der Gott des Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des Sichabsondernden und seine Strafe.
Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt den Handschuh hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an einer gewissen persönlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die nun einmal den heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, sollte das Gepräge sein, das das Allgemeine, das Göttliche, uns zueignet; aber es ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lächerliches. Die meisten von ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: »Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.« Sie wären wohl auch niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten, und mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen Klima nicht aussetzen.
An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu persönlichen, ungläubigen Menschen unserer Zeit, bei den »Heuchlern und Gleisnern« die Medisance. Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist, und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man rächt sich daran durch einen Spott, der zu höflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und witzig genug, um sich nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die Duldsamkeit ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit oder Angst vor dem Kampfe.
Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen den Grundsatz der Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es für unsinnig erklärte, Irrende dadurch überzeugen zu wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten, der in einer Hand die Kelle führte und baute, in der anderen das Schwert, um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen Gutachten an seinen kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte: »Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, und wider was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es müssen Secten seyen (1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes muß zu Felde liegen und kämpfen, daher auch die Evangelisten heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen und treffen. Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönt werden.«
Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später für Gustav Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. »Ein Christenleben soll ein Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen, das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen, gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.«
Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während seines Aufenthaltes in Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein zehnjähriges Mädchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind sich selbst überließ, das heißt, es nicht anrührte, kauerte es sich mit an die Ohren hinaufgezogenen Händen nieder, genau in der Haltung eines Kindes vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, daß dies auch die Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben, unter anderem Defoe: »Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie auf der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen beiden Händen auf die Knie herabgeneigt«; und er erkannte es als die embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie zwischen den Händen hin und her rollte: »Sie scheint zu denken, daß dies zu etwas führen soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt, als eine freundliche und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig da.« Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das Vergnügen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hände zu klatschen. »Ich habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art Ergreifenderes gesehen«, erzählt Dickens, »als da man sie neulich in die Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller, ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen, als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft erschütternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr verschlossene Seele erregte und aufscheuchte.« Ich mußte an das Bild denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen Dumpfheit daliegenden Menschen anrührt und durch das Überströmen seiner Kraft das schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, das eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewußt geworden ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit Kranken, des sich selbst anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen Menschen. Und wie erschütternd, daß Dickens durch jenes Schauspiel so erschüttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, der ihn von den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu reißen. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte nach das Leben Luthers.
Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideen in die christliche Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie über die christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja, Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern und zu Gottessöhnen macht. Der Christ weiß, daß der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem vergossenen Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch unser Blut vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergießt ihr Blut, indem sie Kinder hervorbringt und alle Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der Mann, indem er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, ohne daß ich es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatsächlich ein Blutvergießen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den ganzen Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt.
Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewußt gewordene Ich. Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das Dunkel des Allerheiligsten wird allmählich hell gemacht, die Kraft in Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es ist ein großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt es sich aber nicht rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narziß verzaubert und verloren. Hier muß sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn erkannte, aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit nicht für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern seinen geringeren Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns getrieben fühlen, uns anderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten die modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhörte Opfer bringen, zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther lernen, daß es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir uns nicht mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten quälen sollen, während wir nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfüllen.
XXII
Einer von den neuen Bibelübersetzern hat herausgefunden, daß Luther den Spruch, es werde eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher in das Reich Gottes eingehen werde, falsch übersetzt habe, indem das betreffende Wort nicht Nadelöhr, sondern eine besondere Tür, ich glaube eine niedrige Stalltür heiße, durch welche ein Kamel allenfalls, wenn auch mit Mühe, sich zwängen könne. Dies erzählte jemand in einer Gesellschaft nicht ohne Genugtuung und mit einer gewissen Schadenfreude, daß seinesgleichen durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn er etwa hinein wolle. Ich finde, man könnte immerhin beim Nadelöhr bleiben, das am anschaulichsten ausdrückt, was die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers war, daß es nicht unmöglich, aber doch einem Wunder gleichzuachten sei, wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man muß nur bedenken, daß das Reich Gottes das Reich des Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche der Welt, dem äußeren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie Äußeres und Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die Welt verdichtet, insofern man für Geld die äußeren Güter haben kann, und Geld ist also schon ein Ausdruck dafür, daß jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein Ergebnis, ein Aushängeschild der Welt, das beweist und nicht erst noch bewiesen zu werden braucht. Es beweist, daß, wenn nicht der Reiche selbst, so doch seine Eltern oder entferntere Vorfahren Weltmenschen waren, und daß seine eigene Neigung zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, daß seine weltliche Erbschaft dadurch beeinträchtigt würde. Letzteres ist auch aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum wird auf einem Höhepunkte der Kraft erworben, die bei den Erben schon nachzulassen anfängt; es kann demnach in der Regel nur ein geringes Maß von Kraft auf die Erwerbung der geistigen Güter verwendet werden. Auch vererbt sich die weltliche Begabung, welche den Vorfahren zu Erfolgen in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem negativen Sinne, daß die Flügel, deren der Geistesmensch bedarf, durch langen Nichtgebrauch lahm geworden sind.
»Niemand wickelt sich in weltliche Geschäfte, der göttlicher Ritterschaft warten will«, sagte Paulus. Es ist unmöglich, daß jemand, der stark im Geiste lebt, im Kampfe um äußere Güter siegreich sein, überhaupt sich in ihn ernstlich einlassen wird. Und »wo Christus ist, da ist auch Armut«, sagt Luther. Verdient ein Auserwählter etwa auch Geld, so wird er es doch nicht festhalten können, da er zum Geben, Mitteilen und Verschwenden überhaupt geneigt sein wird. »Wer liebt, verschwendet allezeit.« Es wird aber auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt bezahlt nur, was ihr nützt, die Wahrheit nützt ihr aber durchaus nicht, steht eher im Gegensatz zu ihr oder geht sie nichts an. Erst wenn das Göttliche verweltlicht ist, wenn die Idee irgendwie für weltliche Zwecke ausgebeutet werden kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr zu leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christus jetzt ohne Ausweis, der seine Identität feststellte, so würde er wieder gekreuzigt in irgendeiner Form, obwohl die Welt sich nach seinem Namen nennt.
Luther sagte nun allerdings, es könne wohl auch ein Reicher ins Himmelreich kommen, wenn er nämlich geistig arm sei, das soll heißen, wenn er seinen Reichtum so habe, als habe er ihn nicht, als könne er ihn jeden Augenblick verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeinträchtigt zu werden. In den Händen solle das Gut sein, nicht im Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist es aber nicht im Herzen, so wird es auch leicht aus den Händen fließen. Und wie sollte jemand, der die Möglichkeit hat, die Welt zu genießen, nicht dazu verlockt werden, es zu tun? Das würde auf einen Mangel an Kraft und Genußfähigkeit oder an ein Überwiegen der Moral, also auch wieder auf eine geistige Hemmung deuten. Genießt einer aber die Welt, so wird er dadurch allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen. Ganz besonders wird einem göttlichen Herzen durch die Hilfsbedürftigkeit derer, die kein Geld haben, überflüssige Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden.
Es empört mich, wenn man mit einer gewissen hochmütigen Nachsicht über die Unordnung urteilt, die in den Finanzen des alternden Rembrandt herrschte. Es geht gegen die göttliche Logik, daß ein Genie ein guter Haushalter ist; ist es doch einer, so gehört das zu den Freiheiten, die Gott sich seinen Gesetzen gegenüber herausnimmt. Goethe wird deswegen von allen Weltmenschen auf den Schild gehoben, weil er zu beweisen scheint, daß man Weltmann und Genie zugleich sein könne; und es ist gewiß, daß er einer von den »hochgeistlichen« Menschen war, wie Luther es ausdrückte, die sich tief in die Welt verwickeln können, ohne ihren göttlichen Geist dabei einzubüßen. Andererseits beruht dies Phänomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer Selbstbeschränkung, auf einem Sparen mit Herzkraft; das ermöglichte die Erscheinung eines vollständig abgerollten, auf allen seinen Stufen mustergültigen Lebens, das bewundernswert ist, aber nicht bewundernswerter als ein kürzer zusammengedrängtes und schneller verschwendetes wie das von Shakespeare, Beethoven oder Luther. Es ist wahr, daß man auch in weltlichen Dingen, ich meine in weltlich fördernden Dingen, von Goethe lernen kann; aber braucht man ein Genie dazu? Wenn nur das Göttliche mit ihm erscheint, das niemand lernen kann, das aber überspringt und zündet wie der Funke von der Flamme.