Luthers Glaube: Briefe an einen Freund
Part 17
So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit werden konnte, gerade von Männern gern gelesen. Fontane hatte sich durch fünfzigjährige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige Bilder angenommen und begrüßt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes, im Leben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch welche die Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst zum Bilde ergänzt werden, fehlen ganz; aber gerade in dem verständigen Gerüste fühlt der moderne Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die Visionen hart neben den Ausschnitten; im tätigen Ich würden sie zum lebendigen Ganzen verschmelzen.
Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich ins Leben hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer wurden, denen eine religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von selbst erwuchs. Die Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden, weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es kommt nicht selten vor, daß das Ich um das fünfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit, wo es sich allmählich auflösen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat. Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen Jünglingshaftem und Greisenhaftem unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es wie jenem sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, und als er nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war -- denn Zeit und Raum entstehen nur dem selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer -- zu den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche fiel.
Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit von der Natur. Der Titel bezieht sich auf die künstliche Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen, Heilstoffen und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig der Purpur der Alten in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren künstlich hergestellten Farben vergleiche, und es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter Methoden, wie sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen könne. Und doch, dachte ich, hat die Glut dieses schäbigen Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie der Menschen entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die königlichste Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen Schultern sie trügen? »Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsicht!« läßt Schiller seinen König Philipp flehen, der die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. Der Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, je imposanter unsere naturfreien Purpurfarben werden. Ich weiß wohl, daß es nicht an solchen fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit durch Gott zu regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich lichtbringendes Wort und Chaos sind.
Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle Lichter steigen auf aus Nacht und gehen in Nacht unter; das Feuer in seiner Majestät vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, daß die Feuergötter zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß ich dich mit Worten um den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es Worte aus dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch waren.
XX
Du sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther klar geworden wäre, daß er seine Kirche nicht fertig bauen konnte, weil er die wahren Christen nicht fand, die ihre Spitze hätten bilden sollen, hätte er den Kampf gegen die katholische Kirche aufgeben müssen. Es hätte ihm bewußt werden müssen, daß es der Natur der unsichtbaren Kirche widerspreche, sichtbar zu werden, daß also jede sichtbare Kirche zur unsichtbaren Kirche in dem Gegensatz stehen müsse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er hätte doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen müssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe und die Natur schütze.
Darauf erwidere ich, daß das Sichtbare dem Unsichtbaren nicht nur entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden ist; Luther wollte eine solche Kirche gründen, die aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hinüberführt, die sichtbar und zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, daß er das getan hat, soweit es damals möglich war.
In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die Gemeinde vor Gott. Nur er konnte mit Gott verkehren, er hütete die heiligen Örter, vollzog die Opfer und betete für alle. Jede heilige, das heißt Gott zugeordnete Handlung war ein #opus operatum#, das heißt ein Werk, das durch seinen richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, der das Werk vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. Die Möglichkeit des Zaubers, das heißt die Wirksamkeit richtig vollzogener Werke oder die Wirksamkeit bestimmter Örter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, auf dem Glauben an durch die Mittlerschaft des Priesters Gott geweihte Zeichen oder Werke. Mit dem Erscheinen Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das Priesteramt aufhob, wie das im Ebräerbriefe tiefsinnig und klar zugleich dargestellt ist.
Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenüber dem alten darin, daß Gott nunmehr seine Gesetze in den Sinn und das Herz der Menschen schreiben will, und daß niemand mehr seinem Nächsten die Erkenntnis des Herrn lehren soll: »Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem Kleinsten an bis zu den Größesten.« Es soll auch nach Christus nicht mehr geopfert werden, da Christus einmal sein eigenes Blut geopfert und damit für ewige Zeit alle Opfer aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit die Gottheit außer sich und glaubte an den Priester, von welchem sie voraussetzte, daß er die Gottheit kenne und den rechten Verkehr mit ihr wisse; Christus offenbarte, daß die Gottheit in uns selbst ist, und daß wir infolgedessen selbst mit Gott verkehren können, ja, mehr, daß nur jeder selbst glauben kann, nicht ein anderer für uns. Priester im alten Sinne brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von Christus wußten oder nicht an ihn glaubten.
Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener am Wort sein, die Heilige Schrift erklären und das Sakrament austeilen. Sie haben kein Werk zu vollziehen und zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber üben die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott den Glauben gibt, Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet demnach eine Mündigkeitserklärung der Menschen: vorher vermochten sie nur Sichtbares zu ergreifen, nun aber auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und Unsichtbares, Wort und Zeichen überhaupt nicht geschieden waren, war es durchaus nicht abergläubisch, an Äußerliches zu glauben; der Zustand der katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies aber, daß der Zeremonien- und Werkdienst Aberglauben geworden war.
Ich glaube, du stimmst mir darin bei, daß die Priesterkirche für diejenigen überflüssig, ja verdammlich ist, die an Christus glauben. Luther durfte die Katholiken in diesem Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen und ewigen Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart sich nicht nur nacheinander, sondern auch nebeneinander, und infolgedessen gibt es jetzt noch eine vorchristliche Menschheit; für diese muß die Priesterkirche da sein. Diejenigen, welche nicht glauben können, muß, wie einst, der Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott vertreten.
Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten tatsächlich alle nicht mehr an den Priester und das #opus operatum#; über diese Stufe waren sie hinaus. Luther wurde deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die Zeremonien, sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig seine Gedanken über die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu den Zeremonien empfahl Luther damals Werke der christlichen Liebe: man diene Gott, sagte er, wenn man mit dem bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte damals, daß jeder Christ ein Heiliger sei, das heißt ein Gott geweihter Mensch, und daß man Gott mehr diene, wenn man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, besonders der nordischen, auf das Weltliche und Moralische gerichteten Menschheit sehr ein, und Luther bemerkte bald, daß die guten Werke blieben, nur daß die gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder bürgerlichen ersetzt wurden. Wenn er selbst den Armen half, so geschah es »im Glauben«, das heißt sein Herz trieb ihn dazu; aber die anderen übten die Werke der Liebe um irgendeines weltlichen Zweckes willen, sei es der bürgerlichen Ordnung wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder um für mildtätig gehalten zu werden oder was sonst immer. Nur betonte Luther, daß unter den zu verdammenden »guten Werken« durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern ebensowohl die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und du weißt ja, daß dieser verzweifelte Kampf gegen die Moral dann sein Leben ausfüllte, ohne Ergebnis und ohne Verständnis seiner Anhänger. Trotzdem verfiel er nie in den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurückzukehren, wie so viele andere getan hätten; man kann immer nur wieder das Allumfassende und Unbestechliche an Luthers Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien besser, weil die Moral noch gefährlicher war? Die Prüfungen, die der Auserwählte zu bestehen hat, werden immer schwerer, wie in der Zauberflöte. Die Versuchungen des Teufels durch das Fleisch erscheinen dem fast kindlich, den der Teufel in seiner Majestät, als Luzifer, im Geiste versucht. Auf die Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand vollkommen zu werden, das heißt edel. Das alles sah Luther; indessen dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, er warnte nur. Betrachtet man den Lauf der Geschichte, so sieht man, daß Gott durchaus nicht mehr bei den Menschen des Zeremoniendienstes als bei denen der Werkheiligkeit war.
Außer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben können, weil sie auf einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben sind, nimmt die Priesterkirche auch diejenigen auf, die durch eine Schwäche des Geistes daran gehindert sind, die Allzupersönlichen, deren großes Wollen durch keine Kraft des Vollbringens gestützt wird. Es ist Luthers »zweiter Haufen«, soweit er sein Ziel, das Reich des Geistes, nicht erreichen kann. Diese Gescheiterten, die den naiven Zusammenhang mit der Welt verloren, aber den Mut nicht fanden, sie entschieden von sich zu stoßen und endlich zu überwinden, retten sich in den Hafen der Weltkirche, die ihnen die Selbsttäuschung gewährt, als wären sie mitten in der Welt bei Gott. Die zu hochmütig waren, sich vor einer Person zu demütigen, die vor Gott flohen, der das Opfer des Herzens fordert, unterwerfen sich dem unpersönlichen Stellvertreter Gottes, der, mit äußerlichen Opfern zufrieden, weltliche Gaben dafür gibt, die aber in der Welt als göttlich kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum großen Haufen zählen, sondern Auserwählte sein wollen, aber ohne den Preis dafür zu zahlen; die Priesterkirche ist für sie wie eine Universität, die den Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein fürstlicher Hof, der unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. Häufig ist das Katholischwerden für die Interessanten der höchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen Genuß ihres Werdezustandes ist. Gehören zur katholischen Kirche alle Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren Mittlerschaft bedürfen, um das Unsichtbare zu ergreifen, so will die lutherische Kirche durch Gesetz und Evangelium zum Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die für das ewige Licht empfänglich sind und sich von stärkeren Brüdern allmählich »von einer Klarheit zur anderen« führen lassen wollen. Wenn diese Stärkeren, die wahren Christen, der Kirche auch nicht förmlich einverleibt sind, so wie Luther sich das ursprünglich dachte, so daß sie ein Recht der Aufsicht über die Schwächeren hätten, strömt doch ihr Geist fortwährend den unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es tun. Die Spitze der lutherischen Kirche wird sich immer in den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel, sondern ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares eins werden. Sowie die Auserwählten sich zu einer sichtbaren Kirche formten, wären sie die Auserwählten nicht mehr; der Geist Gottes weht, wo er will, und läßt sich nicht binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte Geistliche versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung des öffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer und ähnliche Verbindungen entstanden; aber das hat zu keinem Ziele geführt, während Goethe und Schiller, und natürlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem Glauben zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische Gestaltung der wesentlichen Ideen Luthers.
Luther wußte genau, was für ein Segen ihm der Kampf gegen die Priesterkirche sei. Es beglückte ihn, als er zu der Einsicht gekommen war, daß der Papst der in der Schrift geweissagte Antichrist sei. Als ein Teil seiner Anhänger, namentlich Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der Kirche wünschte, sagte er zwar, daß man den Papst anerkennen könne, wenn er das Evangelium freiließe und darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes auf Erden sein zu wollen; aber er setzte hinzu, daß der Papst das nicht könnte, selbst wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer recht haßt, muß wünschen, das Gehaßte zu vernichten; aber irgendwie wird er doch fühlen, daß das Gehaßte dennoch zu seinem Leben gehört, ja, er würde es sonst arg nicht hassen. Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des von ihm getöteten Königs zu malen: in jenem Augenblick muß ihm die Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewußt geworden sein. Eine ähnliche dunkle Ahnung mag Wallenstein bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller Gustav Adolfs brachte.
Luther hat öfters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod solle dem Papsttum Tod bringen; und wirklich hat die Kirche allmählich ihren mittelalterlichen Charakter abgetan, aufgehört Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu selbstsüchtig, um zu wünschen, sie möchten wieder damit anfangen; das glaube ich aber, daß eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung der religiösen Gegensätze mit sich bringen würde.
Gibt es nicht eine andere Möglichkeit? Ja, wenn das Unmögliche wirklich würde, und der Papst darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes sein zu wollen, damit Christus selbst das Haupt der Kirche würde. Es bleibt uns nichts, als dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche gründen, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten Jahrhundert betonten die Evangelischen, daß sie die eigentlichen Katholiken wären, die Glieder der urchristlichen Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, begeistert und beseelt durch das in ihm wirkende Reich des Unsichtbaren, die Kirche.
XXI
Luther datierte seine endgültige Erlösung von der Melancholie nicht von dem Augenblick, wo er durch Staupitzens Vermittelung das Wesen Gottes erkannte, sondern von dem, wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde. Dieser erste Schritt riß ihn göttlich zwingend auf seine gewaltige Laufbahn. Seine bewußte Seele kämpfte fortwährend gegen die hohe Berufung, wie die Propheten des Alten Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort wehrten. Denn es ist so, daß Gott die am meisten Abgesonderten, die größten Sünder, zu seinem Werkzeug wählt; die Sterbenwollenden zwingt er zum Leben, weil er ein Gott des Lebens ist und den Tod haßt. Luthers persönliche Sehnsucht ging in den kühlen Tempel seines Innern, und wen rührte nicht der Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. Die Süßigkeit dieser Stimme stand aber in Wechselbeziehung zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe gegen die Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; ist dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren hin vollzogen, so folgt natürlich die Neigung, sich ganz von der Welt abzulösen und in Gott zu versenken. Dies ist der Punkt, an dem viele, die berufen sind, scheitern: sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Gott zwar der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; daß er das Zeichen zum Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat sich als Form, als Tat, als Wahrheit geäußert; daraus folgt, daß auch wir uns äußern und betätigen sollen. »Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft.« Gott sollen wir nicht nur im Herzen erkennen, sondern auch öffentlich bekennen. Christus war die Liebe, die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist keine Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhält, ist menschlich; das göttliche hat einen Überfluß, der in die Welt hinaus wirkt.
Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott und den Menschen wurde zu Luthers Zeit als das Verhältnis von Glaube und Liebe verhandelt; ob der Glaube der Liebe vorangehen müsse oder umgekehrt, und welches von beiden größer sei. Da Luther damit begann, die guten Werke zu bekämpfen, war es natürlich, daß er zuerst die Notwendigkeit des Glaubens, der göttlichen Gesinnung, betonte, die Betätigung derselben nicht oder weniger erwähnend, hauptsächlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur nach, selbstverständlich war; indessen fügte er doch stets hinzu, daß aus dem Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen von selbst folge, ja er sagte einmal, daß Glaube und Liebe überhaupt zusammenfielen, in der Weise, daß man ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug auf die Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat Paulus in seinem Hoheliede der Liebe gesagt: »Und wenn ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.« Luther mißbilligte das insofern, als es keinen Glauben, das heißt natürlich keinen Glauben an Gott, ohne Betätigung in der Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die Menschen, weil sie »seines Geschlechts« sind; Liebe ist das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Wer die Zusammengehörigkeit der Menschen nicht erkannt hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den alle münden. #Plenitudo legis est dilectio#, die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes Kind, wenn er es auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten bestritte; wer die Menschen nicht liebt, ist ungläubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes und Beobachtung göttlicher Gebote zubrächte. »Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mirs nichts nütze.« Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit die Liebe des Göttlichen in der Menschheit fließt, so der Haß des Ungöttlichen in Form, Tat und Wort.