Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

Part 20

Chapter 203,433 wordsPublic domain

Denke dir bitte Gott als einen Künstler, der die Idee eines Bildes hat, seines Ebenbildes; denn welcher Künstler schüfe im Grunde jemals etwas anderes als sein Ebenbild, wenn auch in unendlich vielen, immer neuen Gestaltungen. In einer einzigen Gestalt, nämlich in Christus, spiegelte Gott sich ganz, er faßte oder band die göttliche Idee ganz und gar; trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen Orte und zu einer gewissen Zeit erschien, unterstand er auch dem Gesetze der Vielheit und ist mit der Menschheit verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Körper, wie sie ohne ihn ein toter Rumpf wäre. Daß sich Christus bewußt war, Gott zu verkörpern, das macht seine Unsterblichkeit, seine Himmelfahrt aus; soweit wir Christus anziehen, das heißt sein Gottesbewußtsein teilen können, teilen wir auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus zahllosen Farbentupfen, die für sich nichts sind, da nur das Bild etwas ist und sie, soweit sie im Bilde sind. Wären die einzelnen Farbentupfen lebendig, so könnten sie, je mehr das Bild sich der Vollendung näherte, desto mehr sich des ganzen Bildes bewußt werden, vollständig aber erst könnte es der letzte, mit dem das Bild fertig wäre. In ihm lebte die Idee des Bildes und durch ihn könnten alle anderen an der ewigen Idee teilhaben, wenn sie sich mit ihm identifizierten. »Es fährt niemand gen Himmel, denn der herabgefahren ist, Jesus Christus.« Die Idee allein ist ewig, wir können nur ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum wird gesagt, daß wir Christus anziehen müssen, wenn wir das ewige Leben haben wollen, und daß das ewige Leben bereits in diesem Leben beginnen muß. Nicht daß wir Christus nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste, wenigstens nicht das erste; das erste ist, daß wir selbst Christen werden, denn dadurch werden wir »Mitgenossen der göttlichen Natur«. Diese Identifikation der Menschen mit Christus liegt nun einerseits darin, daß Christus sich in der Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, daß sie an ihn glauben, was die Bibel so ausdrückt, daß Christus der Menschheit Haupt sei. Insofern, sagt Luther, daß Christi Auferstehung täglich sich vollende, wenn wir hernach kämen. »Denn Christi Auferstehung und unsere muß man zusammenbinden und aneinanderhängen als für eine, weil er unser Haupt ist.« Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling derer, die schlafen: die Menschheit ist in ihm verewigt.

»Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, als fahre Christus auf und nieder«, sagte Luther einmal. Der Geist bewegt sich nicht von einem Orte zum anderen, wie Menschen tun, denn er ist ja schon überall gegenwärtig. Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches ausdrückt, daß sein persönliches Dasein aufgehört hat, daß er aber nie aufhört, im Geiste zu sein. Daß dies Bild des Auffahrens nach oben sich unwillkürlich einstellt, kommt daher, daß der Mensch das Maß aller Dinge ist, und daß das Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich offenbart, das Organ des bewußten Geisteslebens, der Erinnerung, in unserem Körper oben liegt.

Viele Menschen werden sagen, das wäre eine windige Unsterblichkeit, und ich gebe zu, uns eingefleischte Menschen kann nichts über den Verlust des Persönlichen trösten. Luther selbst, als mächtige Person, erklärte den Tod für die größte Anfechtung des Menschen. Bei der Stärke und Durchsichtigkeit seiner Äußerungen sieht man ihn oft mit dem Tode ringen, ihn herausfordern und verachten, dann wieder mit wunderschönen Phantomen ihn beschwören, wie man Schlangen tut mit Musik.

Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivität, hätte die Welt vernichten müssen, wenn sie nur leidend gewesen wäre; er habe deswegen eine Aktivität in sie gesetzt, die seine eigene hemmte, und habe sich dadurch ermöglicht, trotz beständigen Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln. »Ich sage euch ein Geheimnis«, sagt Paulus, »wir werden nicht ganz entschlafen, sondern wir werden verwandelt werden.« Dies Geheimnis eröffnet eine fabelhafte Aussicht.

Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den Künstler zu denken, der inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt, ewig etwas Neues ausgießt aus den Ideen durch das Werk. Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja Schaffen, und im selben Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet hat, beginnt er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch persönlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. »Ich bin bei euch bis an das Ende der Tage.« Insofern hatte Nietzsche recht mit der Mahnung, wir sollten den Alp von uns werfen, als wären wir Epigonen. Die Menschheit ist immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie Christus immer zugleich künftig und vergangen. Zwar gibt es immer irgendwo Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorläufer. Daß Christus wiederkommen werde, ist in der Heiligen Schrift ausdrücklich gesagt; nur hebt das den Christus, den wir aus der Schrift kennen, nicht auf.

Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe wie die christliche Lehre von der Restitution aller Dinge. Es ist sehr wohl möglich, daß Nietzsche darin nicht von Luther beeinflußt war, denn Ideen offenbaren sich nicht nur einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben seine schönen darauf bezüglichen Phantasien dem Wesen nach große Ähnlichkeit mit denen Luthers in den Tischreden. »Dieser Finger, daran dieser Ring steckt, muß mein wieder werden«, sagt er da. Und die Erde werde nicht leer, wüste und einödig sein, sondern alles werde da sein, was dazu gehört, »Schafe, Ochsen, Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder Luft nicht sein kann«. Indessen nahm Luther bei der Restitution der Dinge doch eine Veränderung an, wie er denn sagt, auf dieser neuen Erde werde Gott Hündlein schaffen, deren Haut werde golden sein und ihre Haare oder Locken von Edelstein. Das Wesen der Veränderung soll aber nach seiner Auffassung offenbar im Menschen liegen. »Denn ein Herz, das voll Freuden ist, was es siehet, das ist ihm alles fröhlich; aber ein traurig Herz, dem ist alles traurig, was es siehet. Änderung des Herzens ist eine große Änderung.« Er pflegte oft zu klagen, daß er schwach im Glauben sei und darum so wenig vermöchte, während der wahre Christ in Gott allmächtig sein sollte. In einer Vermehrung der Kraft sollte wesentlich die Seligkeit bestehen. »Wenn ich werde zum Ziegelstein sagen, daß er ein Smaragd werde, so wirds von Stund an geschehen.« Luther hatte viele Augenblicke im Leben, wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte, so wie die Griechen aus ihrem schäbigen Purpur die Götterfarbe machten. »Änderung des Herzens ist eine große Änderung.« In einer Kräftigung des Herzens liegt jede Vergöttlichung, und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, viel weiter und breiter als heute, so wird er das auch nur durch Erneuerung des Herzens tun.

Ich erwähnte vorhin, daß Luther den Heiden die Seligkeit absprach. Doch äußert er sich gelegentlich auch anders, so in den Tischreden über Cicero: »Cicero, ein weiser und fleißiger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich hoffe, unser Herrgott werde ihm und seinesgleichen gnädig sein. Wiewohl uns nicht gebührt, das gewiß zu sagen noch zu definieren und schließen, sondern sollen bei dem Wort, das uns offenbart ist, bleiben: >Wer glaubet und getauft wird, der wird selig<; daß aber Gott nicht könnte dispensieren und einen Unterschied halten unter anderen Heiden und Völkern; da gebühret uns nicht zu wissen Zeit und Maße. Denn es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde werden, viel weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl einem jeglichen geben nach seinem Gefallen.«

Das sind Phantasien über die Einheit des Menschengeschlechtes, wie Luther auch gern über die Zugehörigkeit des Tierreichs zu den Menschen, ja, über die Einheit der ganzen Schöpfung phantasierte.

Gewiß ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im Feuer. »Der Herr unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.« Das Feuer, Gott in seiner Majestät, wird am Jüngsten Tage alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er wird sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende, der zugleich Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er alles wiederbringen so wie es war? Gibt es ewige Höllenstrafen? ewige Vernichtung dessen, was einmal war? Das sind Fragen, über denen Luther wohl einmal träumte, um sich schließlich doch gläubig der allmächtigen Gotteshand anzuvertrauen. Er hatte ein bewundernswert feines Gefühl für die Grenze des Allerheiligsten, jenseit welcher das heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten ihn dort zurück, und er verbot eindringlich, darüber zu grübeln, was Gott mit den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich sagte er hingegen, was er nicht glaubte, nämlich eine Fortdauer der Person; ist doch Erweiterung, das ist Überwindung des Persönlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem sagt, daß dieser selbe Finger ihm wieder werden müsse, so ist das wohl nicht so aufzufassen, als werde er wissen, daß dies der Finger Martin Luthers sei; sondern es bedeutet, daß alles, was erschienen ist, stets wieder erscheinen müsse, als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im Werdenden. Jedenfalls gibt es kein gröberes Mißverständnis, als wenn jemand sich einbildete, er wäre der wiedererschienene Martin Luther oder der wiedererschienene Christus. Für uns kann es keinen anderen Martin Luther geben als den historischen und keinen anderen Christus als den historischen; fühlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind, daß die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig sich verändernden Körpers, daß es aber doch unzertrennlich mit ihm verbunden ist.

Der Schauder der Frühe überläuft die Erde schon; doch bitte ich dich, mir noch ein Weilchen zuzuhören: es ist süß, den Abschied hinauszuschieben, indem man vom Abschied plaudert.

Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich zum Stoffe und im Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine Strahlen zurückwerfen kann, damit Gott seiner bewußt wird, sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern muß sich vom Ganzen absondern, sonst wäre er ja Gott selbst und könnte Gott sich nicht in ihm spiegeln: er hüllt sich in eine Kruste oder Haut, die ihn vom Nicht-Ich abschließt, zugleich aber mit dem Nicht-Ich verbindet. Die Haut ist reizbar, empfindlich; als ein Teil der Einheit, die in der Vielheit erscheint, ist das Einzelwesen berührbar durch die Kraft, die in zahllosen anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt sich allmählich auf verschiedene Zonen: der Mensch empfindet die Außenwelt nicht nur mehr als Ganzes, sondern er sieht, er hört sie, er schmeckt, riecht und fühlt sie. Mit der Zeit aber, im Maße, wie das göttliche Feuer, welches das Einzelwesen für sich von der feurigen Gottheit zugeteilt bekam, verbraucht und verwandelt wird, erstarrt die Kruste und wird mürbe; die Haut wird runzlig, der Körper zerfällt. Wenn das Gehäuse, durch welches wir von Gott, dem Ganzen, dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden Welt verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung mit der erscheinenden Welt abgerissen, wir sind wieder eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind wie Prinzen, die aus ihrem Königreich verbannt wurden. Damit man nicht erkennt, welchen Geblüts sie sind, tragen sie eine schützende Maske, bald diese, bald jene, und es kann vorkommen, daß sie in einem Kostüm heimisch werden und die Krone und den Purpur, der ihnen gebührte, fast vergessen. Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen dürfen, um ihre königliche Herrlichkeit anzulegen, um die bunte Maske traurig sein, die sie in der Verbannung vermummte? Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so schön sind, daß der Gedanke an ihre Vergänglichkeit mir das Herz zerreißt. Aber kommt das vielleicht daher, daß ich diese durchsichtigen Verkleidungen liebe, durch welche der Stern, der die göttliche Abkunft verrät, verhängnisvoll hindurchscheint? Schon erfaßt sein strenges Feuer das farbenselige Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte; das, was unerreichbar über allem Irdischen steht, wird gegenwärtig. Das Vollendete macht glücklich und traurig zugleich; trotz der morgendlichen Helle kann ich dich nicht sehen vor Tränen.

XXIV

Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte mit unheiligen Händen das Heilige zerfleischt, ich hätte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es entsetzt auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch für dich. Erinnere dich, daß du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl nur so leichthin, und doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem Herzen trauen -- was die allerwenigsten tun --, denken wollen, was wir glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich etwas anhaben könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir nicht; da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulösen und Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum endlose Gedanken daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, daß der Glaube beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein Johannes kommen, der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Wie schön ist dieses »denn«! Wäre das Himmelreich nicht nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Buße.

Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt, was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten. Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht ändern, daß es eine natürliche Einheit für ihn auch nicht mehr war. Er konnte und mußte denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte verbieten.

Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Sätze der Platonischen Philosophie und gab sich auch Mühe, die Heilige Schrift mit der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die »mehr als tartarische Verwirrung« zu lösen, die daraus hervorgeht, daß gleiche Ausdrücke für ganz verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der Religion wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches doch eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mächtig in ihm und tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug auf seine gelegentlichen Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, er tue zuweilen dasselbe, wofür er die Scholastiker gescholten habe, daß sie von Gott sprächen wie der Schuster vom Leder.

Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde bestand aus »rohen Bauern und einfältiger Jugend« und Männern, die überwiegend mit Verstand begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hörbare, vom Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch halten, durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern zu können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er ängstlich, das Denken an die göttlichen Dinge herankommen zu lassen, und beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: »Das weiß Gott, ich schreibe solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche Hunde und Säue kommen.«

Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß die Kritik sich am dreistesten an die höchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten versteht und deswegen am meisten haßt?

Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das Recht der freien Forschung verkündete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen, Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand auf die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte Wort an den Mittelpunkt zu binden, das übersahen sie geflissentlich oder legten es buchstäblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde wie einen Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal derer behüten sollte, die sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen Fingern zu berühren.

Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, erklärte sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die Melanchthon in seinen #loci communes# ausarbeitete: danach sollte über die göttliche Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung nicht spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und mit den Forderungen des Gesetzes und Verheißungen des Evangeliums begnügen. Luther, der Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge aber hieß das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus der Religion Moral werden können, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt hätte. Das Evangelium, der Ausdruck des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin, losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten hielten, die beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, und damit Gott aus der Welt schafften.

Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem Wort und Werk suchen. »Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich. Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo nicht finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel dafür, der will auch Gott sein.«

Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther hätte sagen müssen: sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort.

Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit einem von der Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener, willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, das heißt mit der Idee zusammenhängendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden könne.

»Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da sein. Es gehet sonst ohne gräuliche fährliche Ärgernis nicht ab, und wo hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und mit der Natur Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, daß sie einen großen Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist, daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie baß im Glauben erwachsen, und dieweil, wie S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen nach dem Spruch Salomonis: #Quis scrutator est Majestatis opprimetur a gloria.# Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit verdrucken. Sind es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden sie nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Nützlichers denn solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist er der Alten Erquickung des Lebens. -- Wer nicht glaubt, der ist schon gericht.«

Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen Leuten versteht Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes erfassen können; einfältige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung das ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen außerweltlichen Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes, womit sie sich gegenseitig täuschen; diese, daß Gott lebt, und Leben ist Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem. Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen, höchstens zu seinem Schaden; aber »der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit«, wie es in den Korintherbriefen heißt. »Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und kann es nicht erkennen, denn es muß geistig gerichtet sein. Der geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.«