Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)

Part 8

Chapter 83,449 wordsPublic domain

Auf der Gasse schaukelten die Fässer im Meerwasser. Die griechischen Pilger, sonst jederzeit ziemlich langfingerige Holzaufleser, rafften abgesprungene Reife im Vorbeigehen zusammen. Mußte doch den Christusdurstigen selbst der Sturm behilflich sein. Pflaster- und Mauersteine löseten sich vor der Gewalt. Die Gasse bildete ein Wassergerinne im Augenblicke, da die Woge überschlug. Wer vorüberging, war unsicherer, als unter dem Platzregen. Ehe er sich versah, stand er unter der Meerestraufe. Weiße Flocken flogen zierlich umher -- etwa Schneeflocken? Es waren vom Winde zerzettelte Bäuschchen schneeichter Baumwolle. Von einem Hause am Hafen, über dessen Zinne die Wellen gleichsam scherzend hüpften, flüchtete man Waaren. Schon schwamm Wrack. Es war der Fingerzeig, daß es Ernst gelte. Richtig wälzten die Fluthen ein unbemanntes Schiff mit zerknicktem Fockmaste daher. Das Fahrzeug, gleichsam unwillig über die treulose Rhede, riß sich von den Tauen los. Dem Beherrscher der Meere, dem Sturme, zu wohlfeilem Preise überlassen, wippte es sich zuerst unsicher umher, bis es, gegen Mitternacht gleich an der Stadt, am halbmondigen Strande scheiterte. Im Ausfahren aus der Rhede riß indeß dieses Schiff das Tau eines andern ab, welches ohnehin mit genauer Noth sich hielt. Und so kam es, daß bald auch dieses Schiff flott war, nackt, gleich einem entblätterten Baume, doch noch mit einiger Bemannung. Grausig, wie der Anblick einer menschenleeren Brandstätte, war derjenige des erstern entvölkerten Schiffes; beängstigend ist der Anblick eines der Menschengewalt entzogenen und der Willkühr des Windes und Wassers dienstbar gewordenen, unstät umherwiegenden Fahrzeuges, wie der Anblick eines kleinen Kindes, das mit einem scharfen Messer spielt. Die Mannschaft, welche dem zweiten Schiffe vertraute, schien ihre Hoffnung auf den Nordwind zu bauen, welcher nur gegen das Land treiben werde. Wirklich rannte es sich bei der Stadtmauer fest, ohne den größten Schaden zu erleiden, und gerettet waren die Schiffleute.

Auf der Stelle bewegte sich eine Last Leute nach den losgerissenen Schiffen. Eilends mischte ich mich unter die Menge. Ich sah viel Augen und lauter trockene; die meisten drückten weit mehr Neugierde, als Theilnahme an dem Unglücke aus.

Abends und in der darauf folgenden Nacht wichen der Macht des Sturmes noch drei andere Schiffe. Eines ward mit Wuth ans Land geworfen, und in viele Stücke zerschmettert. Nur +ein+ Schiff trotzte standhaft im sogenannten Hafen. Der Meeressturm soll seit einem Jahrzehn nie mehr so heftig geworden sein.

Vor einem Jahre ereigneten sich hier ähnliche Unfälle. Ich sprach in Jerusalem eine Deutsche, die, wie sie sagte, einzig durch Zufall ihr Leben davon brachte; manche Habseligkeiten gingen über dem Schiffbruche zu Grunde.

Es wäre vielleicht unschwer, in Jaffa einen Hafen anzulegen. Die Araber kennen freilich den Gemeinsinn, der solche nützliche Einrichtungen ins Dasein rufen würde, nicht mehr, und laufen lieber alle Jahre Gefahr, Schiffe und Leute zu verlieren. Die Reisenden erzählen einstimmig, daß die Menge gescheiterter Fahrzeuge an der phönizischen Küste in Erstaunen und Grausen setze. Wer aber gleichgültig genug ist, für die Gesundheit seines Beines keine Sorge zu tragen, klage denn auch nicht, wenn dasselbe, wegen der Unheilbarkeit, abgeschnitten und mit einem hölzernen vertauscht wird.

Gesundheitszustand.

Die Witterung übt im Ganzen keinen ungünstigen Einfluß auf die Bewohner. Man sieht viele Graubärte und alte Weiber. Spaß bei Seite, je mehr es alte Weiber in einem Lande gibt, desto gesunder ist es.

Um in den Gesundheitszustand der Jaffaner einzutreten, so sah ich im Todtenbuche der Lateiner und Maroniten nach. Die Kopfzahl der Gemeinde beträgt, wie ich oben anführte, in runder Summe 340. Die Pfarrkinder, unter der Seelsorge des Hospiz, sind beinahe lauter Eingeborne mit all’ der morgenländischen Tracht, Sitten, Gebräuchen, Gewohnheiten, der geistigen und sittlichen Erschlaffung. Obschon das Todtenbuch Manches zu wünschen übrig ließ, indem, statt genauer Verzeichnung des Alters, meist nur eine runde Zahl mit den Worten „~plus minusve, circiter~“ (mehr oder minder, ungefähr) oder „~plus~“ (darüber) genannt war, so verdiente es in der Hauptsache doch Vertrauen. Aus der Gesammtzahl der Verstorbenen ließ ich, bei der Berechnung der wahrscheinlichen und durchschnittlichen Lebensdauer, zwei „~peregrini~“, Fremde oder Pilger, und ebenso einen Erwachsenen weg, dessen Alter nicht angemerkt war. In den 9 Jahren 1824 bis und mit 1827[7] und 1829 bis und mit 1833 starben 123 Personen, im jährlichen Durchschnitte 13, und im gleichen neunjährigen Zeitraum wurden 155, im jährlichen Durchschnitte 16 geboren. Das wahrscheinliche Leben fällt zwischen 5 und 6 Jahre, und wenn einige, vermuthlich übergangene, Todtgeburten hinzugerechnet werden, so müßte es noch niedriger stehen.

Unter 5 Jahren starben 56 Zwischen 5 und 10 Jahren starben 9 „ 10 „ 20 „ „ 5 „ 20 „ 30 „ „ 7 „ 30 „ 40 „ „ 3 „ 40 „ 50 „ „ 14 „ 50 „ 60 „ „ 14 „ 60 „ 70 „ „ 9 „ 70 „ 80 „ „ 3 „ 80 „ 90 „ „ 3 --------------- 123

Das höchste Alter (einer Frau) ging auf 84 Jahre. Der lateinische Schullehrer, ein geborner Palästiner, der mich durch verschiedene Mittheilungen über die Sitten und Gebräuche des Landes zu steter Erkenntlichkeit verpflichtete, ist mein Gewährsmann für die Angabe, daß unlängst ein mehr denn hundertjähriger Grieche gestorben sei, und es sollen auch Mohammetaner 120 Jahre alt geworden sein. In diesem Punkte aber darf man nicht schlechthin glauben; denn Verzeichnisse der Todtenbücher gehen ab, und man knüpft die Geburtszeit etwa an eine merkwürdige Begebenheit. Ließ ich in Egypten nach dem Alter eines Kranken fragen, so erhielt ich meist zur Antwort, daß man es nicht wisse.

Die 123 Verstorbenen besaßen zusammen ein Alter von 2873 Jahren, 3 Monaten und 5 Tagen, was einen Durchschnitt von 23 Jahren gibt.

Folgendes ist das Verhältniß der Verstorbenen nach den Monaten:

a) in den 16 Jahren 1808 bis 1823:

Jenner 3; Hornung 14; Merz 2; April 8; Mai 9; Juni 8; Juli 7; August 5; September 11; Oktober 15; November 11; Dezember 7. Summa 100. Jährlicher Durchschnitt 6.

b) in den 10 Jahren 1824 bis 1833 (nebst den zwei Pilgern und dem Erwachsenen ohne Altersangabe):

+----------+-----+------+----+-----+ Jahre. |Jan.|Febr.|Merz.|April.|Mai.|Juni.| ----------+----------+-----+------+----+-----+ 1824 | 0 | 0 | 1 | 1 | 0 | 2 | 1825 | 0 | 0 | 1 | 0 | 1 | 2 | 1826 | 1 | 0 | 4 | 0 | 1 | 0 | 1827 | 3 | 0 | 1 | 1 | 4 | 3 | 1828 | 1 | 0 | 2 | 12 | 6 | 0 | 1829 | 1 | 0 | 1 | 1 | 0 | 0 | 1830 | 0 | 1 | 6 | 0 | 2 | 0 | 1831 | 2 | 0 | 0 | 0 | 1 | 3 | 1832 | 0 | 2 | 0 | 0 | 2 | 2 | 1833 | 3 | 0 | 1 | 1 | 2 | 1 | ----------+----+-----+-----+------+----+-----+ Mit 1828 | 11 | 3 | 17 | 16 | 19 | 13 | ----------+----+-----+-----+------+----+-----+ Ohne 1828 | 10 | 3 | 15 | 4 | 13 | 13 | Und obige | 3 | 14 | 2 | 8 | 9 | 8 | ----------+----+-----+-----+------+----+-----+ Zusammen | 13 | 17 | 17 | 12 | 22 | 21 | ----------+----+-----+-----+------+----+-----+

+-----+------+-----+----+----+----+------+ Jahre. |Juli.|Augst.|Sept.|Okt.|Nov.|Dez.|Summa.| ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+ 1824 | 1 | 2 | 0 | 1 | 2 | 1 | 11 | 1825 | 0 | 0 | 2 | 0 | 1 | 0 | 7 | 1826 | 1 | 3 | 0 | 0 | 3 | 2 | 15 | 1827 | 1 | 1 | 0 | 0 | 2 | 0 | 16 | 1828 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 1 | 22 | 1829 | 0 | 0 | 1 | 1 | 3 | 2 | 10 | 1830 | 0 | 1 | 2 | 1 | 3 | 8 | 24 | 1831 | 1 | 3 | 5 | 3 | 0 | 0 | 18 | 1832 | 1 | 1 | 0 | 0 | 0 | 1 | 9 | 1833 | 1 | 2 | 0 | 0 | 1 | 4 | 16 | ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+ Mit 1828 | 6 | 13 | 10 | 6 | 15 | 19 | 148 | ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+ Ohne 1828 | 6 | 13 | 10 | 6 | 15 | 18 | 126 | Und obige | 7 | 5 | 11 | 15 | 11 | 7 | 100 | ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+ Zusammen | 13 | 18 | 21 | 21 | 26 | 25 | 226 | ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

Die heißesten Monate zeichnen sich in Jaffa durch die Menge der Todesfälle keineswegs aus. Der Jenner erscheint am unschuldigsten; nach ihm der April. Dagegen sind die vier letzten Monate des Jahres die reichsten an Todten; vor allen der Wintermonat, in welchem der Uebergang zu einer kältern Jahreszeit sich besonders merklich macht, und welcher der erste ganze Regenmonat ist.

Im verwichenen Weinmonate herrschte, wie in Gaza, auch hier die indische Cholera, doch richtete sie keine große Verheerungen an, indem ihr bloß 40 bis 50 Opfer fielen. Indeß aber die Pest Jerusalem heimsuchte, litt Joppe nichts von dieser Seuche.

Auf dem Hospizdache.

In mehreren Stufen erheben sich die Plattdächer des lateinischen Hospiz. Sie sind mit einer Brustwehr versehen, und weißer, beinahe glänzender, sehr fester Mörtel überkleidet dieselben, auf daß der Regen nicht durchdringe. Die Fußböden der Häuser haben im Morgenlande nicht selten einen Ueberzug von Pflaster (~pavimentum~), welches mit kleinen Steinchen von verschiedener Farbe durchsprengt ist. Wenn es hart geworden, so werden diese Steinchen abgeschliffen und der Boden bekommt dann ein schön glattes, lebhaft marmorartiges Aussehen.

Die Plattdächer sind zugleich ein angenehmer Spazierplatz. Mit Entzücken betrachtete ich auf dem Hospizsöller in Ramle den Gebirgszug von Juda bis zum Ephraim, die fruchtbare Ebene im Umkreise und die Tempel und Wohnungen der Stadt. Oft weilte ich in Jaffa auf dem Söller des Hospiz, einmal in singender Gesellschaft, manchmal neben einem Ordensmanne in seiner röthlichen, groben Kutte und mit dem herunterbammelnden Kreuze, andere Male allein, bis ich den Ruf zum ~mangiare~ (Essen) vernahm; oft rollte ich mein Auge auf das Gebirge, insbesondere gegen Mitternacht auf den Ausläufer ins Meer, den man mir als den Karmel bezeichnete; oft sah ich dem Getriebe der griechischen Pilger und dem Spiele der Meereswellen zu; oft suchte ich mit vergebener Sehnsucht das Fahrzeug meines Hauptmannes, mit dem ich, man verzeihe mir die Wortwendung, das heilige Land verlassen könne. Ich möchte Niemand glauben machen, daß die Sonne schöner unterging, als in unserer Gegend während der Sommermonde; jedenfalls schloß ich mit herzlicher Freude den Tag vor den letzten Blicken der himmlischen Tochter. Wenn diese in die hohe See sank, so sank auch ich ins Meer -- meiner Gedanken, Gefühle und Entschließungen. Vergäße ich Alles von Palästina, so bliebe mir der Lieblingsort auf dem Hospiz zu Jaffa in süßer Erinnerung.

Es wäre Undank, wenn ich die Wohlthätigkeit der Klöster und Hospizien in Judäa nicht anerkennen würde. Sie sind die willkommtnen Herbergen und Zufluchtsorte der Reisenden und Pilger, ohne behaupten zu wollen, daß das Leben in den arabischen Khan nicht leicht erträglich wäre. Die Hospizien aber und die Klöster sorgen für eine Menge Bequemlichkeiten, welche sonst der Europäer entbehren müßte. Ueberdies bringe ich noch die Sprache in Anschlag, die Gelegenheit, die Gedanken auszutauschen, weil den wenigsten fränkischen Reisenden das Arabische geläufig ist.

Das Bauernhäuschen.

Nachdem ich meinen Mittagstisch zu mir genommen hatte, ergriff ich meine Peitsche, die gewöhnliche Waffe des fränkischen Fußgängers, um zu lustwandeln.

Wenn ich durch das lange Thor der Stadt ziehe, so sehe ich fast jedes Mal etwas Neues. Diesmal ergötzte mich die über meinem Wege grün emporrankende Rebe. Noch einen Tag, und es beginnt das Weihnachtsfest und für den Mann des Nordens war dieses grüne Ding etwas Einziges.

Die Blumen schillerten im Grün der Au; die Schwalben und andere Vögel des Himmels lobten in angenehmen Weisen den Herrn; ein weißer Schmetterling schwenkte im bebernden Fluge ab. Ach, dachte ich bei mir selber, so viel Herrlichkeiten der Natur, womit sie den Lenz ausschmückt, umgaukeln deine Sinne. Wie magst du in der Klosterzelle dich länger abhärmen? Gehe öfter hinaus in das Freie, und verschließe dich nicht vor dem köstlichen Genusse, welchen die gütige Natur so gerne einem Jeglichen darbietet.

Indem ich den Weg nach Gaza einschlug, erblickte ich links mehrere Schilfhütten. Ihre Gestalt glich einer Halbkugel, und sie waren nicht höher, als anderthalb Mann. Ich guckte nur ein wenig in eine der Hütten. Da hockte ein Weib inmitten der Hausgeräthe auf dem Boden in einem so engen Loche, daß für Jemand anders wenig Raum mehr gewesen wäre. Ich warf zuletzt der von Stroh geflochtenen Thüre einen flüchtigen Blick zu, und setzte meinen Spaziergang fort.

Am Wege nach Gaza, ungefähr eine kleine Viertelstunde von Jaffa, kommt man zu einem Weiler von gemauerten Bauernhütten. Das freundliche Dörfchen umringten Mandelbäume, die eben in Blüthe gingen. Zwischen den Häuschen arbeitete ein Bauer auf dem Felde. Er behieb mit einer Axt die blätterlosen Feigenbäume. Die Axt war wie die unsrige, nur schlanker gegen das Oehr. Diese Beilart fiel mir hier auf, weil ich eine solche auf meinen Wanderungen im Morgenlande nie wahrgenommen hatte. Das Schlichtbeil des Zimmermannes z. B. sieht aus wie unser Hammer, mit dem Unterschiede, daß der abgeplattete breite Theil scharf, und das ganze Werkzeug größer ist. Muß denn ein Baum geschlichtet werden, so darf man, wegen der vor dem Stiele queren Richtung der Schärfe, den Baum nicht aufheben, und ihn somit in einiger Höhe bearbeiten, sondern er kann mit diesem Werkzeuge aus dem Boden bequem behauen werden. Desgleichen braucht der Holzhacker kein anderes Werkzeug, als diesen Hauhammer, richtet aber viel minder aus, als ein abendländischer. Dabei ist freilich nicht zu vergessen, daß stämmiges Holz hier zwar weniger, wie in Egypten, doch immerhin zur Seltenheit gehört.

Ich wußte nicht recht, wie ich es anfangen solle, damit ich in eine Hütte gelassen werde. Die Frage nach Milch führte mich nicht zum Zwecke, weil keine zu erhalten war. Oft bringt das stumme Geld Rath, wenn man sich keinen mehr weiß. Ich zeigte dem Bauer, welcher die Bäume behieb, eine kleine Münze, und fügte in meiner Geberdensprache bei, daß ich in seine Wohnung eingehen möchte. Eine grüne Hecke verbot mir den geraden Weg dahin; derselbe aber deutete mir den Umweg, den ich unschwer fand.

Das Häuschen bildete ein Viereck. Die Mauern, theils von Stein und Mörtel, theils bloß von einer Art Mörtel und viel besser, als in San Pietro di Nembo, halten Wind und Regen ab, und ihre Höhe mochte etwa zehn Fuß messen. Der Eingang, oben abgerundet, öffnete sich gegen Südost und so hoch, daß er dem Eintretenden die Bücklinge ersparte. Das etwa einen Fuß dicke Dach gestaltete sich nur insofern zu einer Wölbung, als die obern Kanten der Dachdicke fehlten. Um zur Bauart des Daches überzugehen, so liefen Stützbalken und Sparren wagerecht von einer Mauer zur andern. Die Zwischenräume, welche das Balkengerippe übrig ließ, waren von kleinern Baumästen und von Heckengesträuche ausgekleidet. Darüber lag eine Schichte von Erde. Daher kommt es, daß die Dächer, wie die Wiesen, grünen, und so eben keimte das zarte Gras auf dem Hausdache. Ich nahm es sinnbildlich und las: „Mögen immer Friede und Freude in dem Hause grünen“, und mir schien es ungefähr so sinnig, als wenn darauf der alte Satz der aufrichtigen, guten Schwaben und Schweizer geschrieben gewesen wäre: „Dieses Haus steht in Gottes Hand.“ Eigentliche Dachrinnen sind an dem palästinischen Häuschen nicht angebracht, wohl aber gegen Morgen und Mittag etwa drei kurze, röhrenförmige Ziegel, welche dem Regen leichtern Abfluß verschaffen sollten. Die Wandung neben der Thüre war recht einladend. Auf rothem Grunde figurirten weißfarbige Händeabdrücke: eine Malerei, die an einem arabischen Bauernhäuschen etwas heißen will.

Ich betrat dann das Innere der Wohnung durch eine von Holz nicht übel gezimmerte Thüre, die mit einem hölzernen Riegel gesperrt wird, und nach innen sich aufschließt. Jene bestand aus einem einzigen Raume oder Gemache. Ungefähr drei Fuß von der Thüre erhob sich der Boden in einem Absatze etwa um einen halben Fuß. Der Boden war durchaus von Erde, aber fest gestampft. Weder Mauer, noch Dach hatten eine Oeffnung für Licht oder Rauch. Dazu hilft die Thüröffnung aus. Die Wand der Mauer war mit einer rothen Farbe überzogen, in der ebenfalls die weißen Flecken vom Andrücken der Handflächen, eines neumodischen Pinsels, spielten. Den Raum wollen wir, der Bequemlichkeit willen für abendländische Anschauung, in Stube, Kammer, Küche, Holzschuppen, Getreidehalle und Mühle eintheilen. Jeder übrige Platz wird benützt, um sich da aufzuhalten, da zu essen, da zu arbeiten.

An der einen Mauerwand ragte ein kleines, aufgemauertes, hohles Gestelle hervor. Darin saß als Lampe ein schalenförmiges Gefäß mit einer Schnauze für den Docht. Daneben stand, ebenfalls auf einem Mauergestelle, ein Oelkrug. An einer andern Wand war ein Gestelle gemauert, worin Nähzeug stak. Weder ein Tisch, noch Stühle oder Bänke, nichts dergleichen, versteht sich, fand sich vor.

Ich schaute nach der Stelle, wo die Leute sich schlafen legen. Sie war durch nichts angedeutet. Alte Kleider und diejenigen, welche die Leute tragen, dienen zur Bettung; der Boden in der Nähe einer Wand, wo am meisten Platz ist, ersetzt die Bettstelle. Jammern ja nicht die Verweichlichten über eine solche Armseligkeit. Von Kindheit an auf keinem andern Lager, würden diese Leute auf dem erhitzenden und kitzelnden Polster der Federn mit Schwierigkeit zum Schlafe gelangen.

Fast mitten in der Wohnung ist ein kleiner Raum auf drei Seiten, vom Boden an, nicht hoch ummauert, selbst etwas zierartig, indem die Ränder in Zähne sich endeten, -- das war der Kochofen, rings die Küche.

In einem Winkel neben der Thüre lag dürres Buschwerk. Vor diesem bläheten sich ungeheure, faßartige Töpfe auf, zwei an der Zahl. Meine Neugierde wollte wissen, was der Inhalt derselben sein möchte. Der Hauswirth, ohne Mißtrauen gegen mich, nahm daraus gereinigtes, geschältes Getreide. Wenn die Bauern hier solche Vorräthe besitzen, so stehen sie nicht hinter manchen schweizerischen Webern zurück, welche vom Arbeitsherrn zum Voraus einen Theil des Lohnes beziehen, damit sie die Kosten für ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dieser Bauer, welcher das schönste Häuschen im Dörfchen bewohnte, schien indessen einer der wohlhabendern. Meine Beschreibung darf daher nicht strenge als Maßstab zu Beurtheilung der Bauernhäuschen gelten.

Wir lassen ja nicht unberücksichtiget den letzten Bestandtheil der Wohnung, einen Theil, der auch in andern Häusern selten fehlen wird: die Mühle. Gleich wenn man zur Thüre eintritt, liegen die Mühlsteine, ähnlich jenen in Lossin piccolo, vor den Füßen und nur ein paar Ellen weit von dem Kochofen.

Ich traf in dem Häuschen bloß den Bauer, ein Weib und ein Kind. Der Gebieter machte eine etwas saure Miene, schien jedoch guten Gemüthes zu sein. Das Weib trug einen Schleier. Nach dem, was ich vom Gesichte erblicken konnte, und dafür zeugten auch die Hände und Arme, hielt ich die Frau für jung und für nicht häßlich. Ein Knabe, von etwa zehn Jahren, mit Schmutz bedeckt, der ihm vielleicht von Geburt an anhänglich blieb, überdies aufgedunsen wie ein geschlachtetes -- Zicklein, stand neben der Mutter. Die Kinder fürchten in der Regel die Franken ärger, als Vögel die Scheuchen. Ging ich auf der Straße, so wichen sie oft auf die Seite, etwa hinter einen Baum, wie der Furchtsame, welcher unter das Laubwerk flieht, um nicht vom Blitze berührt zu werden. Sind denn aber unsere Kinder, obwohl unter dem steten Einflusse der Gesittung und Weltaufklärung, in diesem Stücke besser? Es sollte ein Türke in einem Bergdorfe sich herumtreiben, wie sehr würden sie von Furcht ergriffen. Mich wunderte, daß der Knabe im Bauernhäuschen seinen Mund noch nicht verzerrte. Ich liebkosete ihn an den Wangen, und der Himmel war immer noch heiter. Da zogen sich auf einmal Regenwolken über dem Antlitze zusammen, und ich merkte bald auch am Knaben, daß die Regenzeit herrscht. Die lang dauernde gute Witterung durfte ich wohl dem Schutzgeiste der daneben hockenden Mutter, welche Kräuter zur Nahrung zerschnitt, beimessen. Daß ich nirgends ein Kochfeuer, nirgends einen Geruch von Speisen wahrnahm, leitete mich auf die Vermuthung, daß die Leute das Fastengesetz +Mohammets+ strenge beobachten; denn schon vor etlichen Tagen verkündigte der Donner der Kanonen den Anfang des Fastenmonates.

Der palästinische Bauer scheint mir wohler zu stehen, als der egyptische. In der Saronebene trägt der Boden unermüdlich Früchte, ohne gedüngt zu werden. Diese sind Eigenthum des Anbauers, welcher selbst sie an den Mann bringt.

Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth.

So eben baut man über den Ruinen an der Küste und bei den Mauern von Jaffa, gegen Mittag, eine Kontumazanstalt. Sie zerfällt in zwei Abtheilungen. Die obere enthält vierzehn Zimmer oder Häuschen. Jedes Zimmer, geräumig und hoch, hat Läden für das Licht und zwei Thüren, die eine gegen den Hof (Mitternacht) und die andere gegen die Einfangsmauern (Mittag). Es wäre nicht am Platze, die Anstalt weitläufig zu beschreiben. Ich bin überzeugt, daß sie, unter übrigens günstigen Umständen, ihren Zweck nicht verfehlen wird, obschon an ihr Mehreres ausgestellt werden dürfte. So wurde ein Theil des griechischen Leichenackers in den Umfang des Gebäudes gezogen, in welchem wirklich einige Leichensteine hervorragen. Für die Unreinigkeiten sind einige, aber ungenügende Einrichtungen getroffen. Unten besitzt die sonst ziemlich hohe Einfangsmauer Stufen, daß man sie leicht überklimmen kann, wenn man von innen aus Hilfe bekommt. Will man das Quarantänegebäude gleichsam vollpfropfen, so wird es 500 bis 600 Bewohner zählen.

Dir Anstalt soll vorzüglich für die christlichen Pilger bestimmt sein. Ich hörte aus mehr, als einem Munde, daß in Beirut, wohin dieselben sich begeben mußten, die Kontumazirenden sehr schlecht gehalten und himmelschreiend geprellt wurden, und man betheuerte sogar, daß mehrere Pilger in der dasigen Quarantäneanstalt wegen schlechter Verpflegung eine Beute des Todes wurden.

Gott behüte Jeden davor, daß er einen Lebensabschnitt in einem Pestlazareth vergähnen muß. Wirft aber Jemand das unerbittliche Schicksal in +dieses+ Gefängniß, so genießt er doch die Aussicht auf die Stadt und das Meer, und er wird von frischer Luft angeweht. In El-Arysch wäre ich über eine Unterbringung, wie man sie hier erwarten darf, überaus froh gewesen. Das Lazareth wird vorzugsweise demjenigen willkommen sein, der von Egypten aus nach Jaffa zu reisen gedenkt; denn seit der Errichtung einer Quarantäne in Beirut mußte er sich den Umweg über diese Stadt gefallen lassen.

Die pfiffigen Egypzier wußten die noch nicht völlig ausgebaute Quarantäne schon zu einem Nebenzwecke zu benützen. Es rückte ein Bataillon Fußsoldaten, auf ihrem Zuge nach Egypten, in Jaffa ein, und man war nicht verlegen, so viel Mannschaft, als nur thunlich, in der Quarantäne Obdach anzuweisen.

Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich...; der Jaffaner.