Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)

Part 7

Chapter 73,453 wordsPublic domain

Jetzt bekam ich über dem Hinnon einen Esel. Ich ritt durch eine Ebene in der Richtung gegen Mittag. Wo dieselbe zu einem langen, von Abend gegen Morgen oder gegen das uneigentlich sogenannte todte Meer streichenden Hügel aufschwillt, liegt in der Mitte und auf dem Rücken selbst das griechische Kloster des +Elias+: wenig vorstellende Mauern, welche schwerlich ein Abendländer für ein Gotteshaus ansähe. Das reizlose Aeußere mag der Lüsternheit des Beduinengesindels am beßten wehren. An dem +Eliaskloster+ vorüber, und auf dem Scheitel des Hügels erweitert sich die Aussicht nach Mittag und Mitternacht. Rückwärts nimmt man Abschied von Jerusalem, und vorwärts gegen Mittag begrüßt man Bethlehem, welches wie an einen Abhang gekleibt ist. Im Glanze der Abendsonne fiel dasselbe vortheilhaft ins Auge. Es scheint hier sehr nahe, und doch haben wir erst die Hälfte des Weges am Rücken. Vom Lothssee erblickt man nur ein kleines Silberdreieck, welches von Gebirgen des ostjordanischen Landes majestätisch überragt wird. Zwischen dem Eliaskloster und Bethlehem steht an dem, von +Elias+ aus, sehr unebenen Wege rechts, nach der Ueberlieferung, +Rahels+ Grab unter einer mohammetanischen Kuppel.

Man kommt vor Bethlehem gerne aus der steinichten, mehr oder minder öden Gegend in eine gewächsreichere, worin wenigstens Rebe und Feige und Kohl gedeihen. Unter einem Gewölbe hindurch tritt man ins Dorf. Kaum weiß man vor Wasser und Schlamm, wo man den Fuß hinstellen darf.

Bethlehem, an der nördlichen Abdachung eines Hügels, gewährt keine erhebende Aussicht. Den zwar gut gemauerten Häusern mangeln Fenster.

Im Franziskanerkloster stieg ich ab. Der Pater Guardianus, ein einsichtiger und kenntnißreicher Mann, empfing mich mit Freundlichkeit, und es wurde mir ein gutes, großes Zimmer angewiesen. Abends ereilte mich das Mißgeschick, von der Prozession, mit brennender Kerze in der Hand, gleichsam fortgerissen zu werden. So gerne würde ich mit einem Führer allein und in der Stille den Ort, wo, der Ueberlieferung zufolge, +Christus+ geboren ward, besucht haben. Es ist diese Stelle, unmittelbar unter der Kirche, von einer köstlich gezierten Kapelle überwölbt. Als die Patres in diese herabgestiegen waren, sanken sie in Demuth auf die Kniee, und erhoben die Stimmen des Gebetes. Der Guardian schenkte mir die Aufmerksamkeit, daß er mir ein gedrucktes lateinisches Büchlein mit den Gebeten einhändigte, welche vor jedem Altare verrichtet werden. Wer würde auf dieser Stätte sich nicht in ernste Betrachtungen vertiefen? Welche große Eröffnungen sind, nach dem Glauben der Christen, von dem Manne ausgegangen, dessen Geburtsstätte vor meinen Augen lag („~hic de virgine _Maria Jesus Christus_ natus est~“). Aber auch welches Unheil erzeugte der Aberwitz, welcher mit Herrschsucht im Reiche der Meinungen sich in den Sinn der Worte unsers großen Meisters hinaufwagte? Wie lange noch bleibt es bloß frommer Wunsch, daß nur +einen+ Hirten +eine+ Heerde umgeben möchte? Man zeigt auch die Krippe, welche zum Lager des neugebornen Kindes gewählt worden sein soll. Außer der Geburtskapelle wallt man in mehrere Höhlen, worin die fromme Erinnerung Altäre und Grabmale gebaut hat, einen z. B. auf +Hieronymus+, einen hochwürdigen Mann. Es ist von einem Engländer behauptet worden, daß, im Widerspruche mit den Urkunden, die Geburtskapelle unterirdisch sei. Ich möchte dieser Behauptung aus guten Gründen nicht beipflichten. An der Baustelle des Klosters schießt der Boden der Erde gähe ab, und wenn der Boden der Kirche in ebener Linie durchgeführt wurde, so konnte der Stall den Raum zwischen dem Erd- und Kirchenboden einnehmen.

Das Kloster ist ziemlich groß; seine Mauern sind so dick und massiv, wie die einer Festung. Großen Schaden litt es letztes Jahr durch ein Erdbeben, und eben war man mit Verbessern des Gebäudes beschäftiget. Mehrere Mädchen gingen aus und ein, um die Maurer zu bedienen. Diese, wie andere Bethlehemitinnen gewannen in meinen Augen nicht den Preis der Schönheit, welchen Reisende ihnen zudachten.

Die Bethlehemiten sind lauter Christen, und zwar beinahe alle lateinische, nur in geringer Zahl griechische. Aus ihren Gesichtern sprechen die Züge von Schlaffheit, Schlauheit, von Niederträchtigkeit. Ich verdanke dem Pfarrer des Klosters, einem Spanier, die Mittheilung, daß im verwichenen Jahr 122 (lateinische) Kinder geboren wurden. Die ganze Gemeinde von Bethlehem nähert sich der Zahl von 4000. Im laufenden Jahre starben binnen fünfzehn Tagen über 40 Kinder an den wahren Menschenpocken und bloß +eine+ erwachsene Person.

Es werden in Bethlehem sehr viel heilige Dinge, meist aus Perlmutter, gearbeitet. Kurz nach meiner Ankunft begab sich zu mir ins Zimmer ein Bethlehemit mit einer Menge Kruzifixe, Marienbilder, Rosenkränze u. s. f., wovon ich mehreres einkaufte.

Zu spät in Bethlehem, das zwei leichte Wegstunden von Jerusalem entfernt ist, eingetroffen, blieb ich daselbst über Nacht. Ich rühme billigermaßen die freundliche Bewirthung und den guten Wein; nur war es mir unangenehm, daß ich, in Berücksichtigung meiner Gesundheit, nicht nach allen aufgetragenen Speisen langen durfte.

Am folgenden Morgen wollte ich zu Fuß zurückkehren; allein man -- -- --. Ich wußte zum Glücke noch, daß ich nicht weit von meinem Kopfe Füße habe, und ohne Worte zu machen, trat ich den Rückweg an. Meine kurze Fußreise war ein Lustwandel, während dessen ich die Gegend mehr genoß, als es bei einem Ritte hätte der Fall sein können. Und Gewinn war schon der lebendigere Gedanke, daß Tausende und Tausende von Menschen vor längst verflossenen Jahrhunderten von Bethlehem nach Jerusalem zu Fuße einherwandelten, wie ich nun dahin ziehe. Verläßt man das Dorf Bethlehem, so schaut linker Hand oben das Kloster Johannes auf uns herab. Ungefähr auf der Hälfte Weges holte ich Gesellschaft ein, nämlich einige Marktweiber, welche auf dem Kopfe Holzreiser trugen. Nicht sehr lange aber hielten sie Schritt mit mir; es war eine Strecke über +Elias+, als ich sie verließ. In dem ungestörten Besitze meiner Gedankenwelt, in der frohen Vergegenwärtigung der Vorzeit, welche der alte Boden unter meinen Füßen heraufbeschwor, ging ich wieder meines Weges allein, wie vor Bethlehem, und ohne irgend ein unangenehmes Begebniß erreichte ich Jerusalem.

Die Beschiffung des Lothssees.

Obgleich ich den Lothssee, in den sich der Jordan ergießt, ohne daß er einen sichtbaren Ausfluß hat, nicht selbst besuchte, so scheint es mir doch am Platze, mitzutheilen, was ich zu wiederholten Malen erfuhr, daß dieses gefürchtete Wasser, in dessen Nähe +Tacitus+ ein großes Naturereigniß (Kräuter der Wiesen und Saaten des Feldes verwandelten sich gleichsam in Asche) verlegte, im Sommer des Jahres 1834 von einem Engländer (vielleicht vom Irländer +Carnagan+) beschifft wurde. Er ließ von Jaffa einen Kahn hinüberschaffen, und mit einem Bedienten beschiffte er den See. Der Unternehmer starb nach der Seefahrt; der Bediente aber lebt noch. Die übrigen Mähren zu erzählen, will ich am liebsten schuldig bleiben.

Nach Jaffa am Mittelmeer.

Abermals allein gereist; der Regen des heiligen Landes behagt mir nicht; Beschwerden vom Reiten her; ein Araber, der ein Huhn verloren, redet mich auf italienisch an; Nachts in Ramle; ~Clausura per le donne, quoique~ und ~parceque~; durch die Ebene Saron mit nassem Sack und Pack; bald in Jaffa.

Freitags den vierten Christmonat schied ich von Jerusalem. Den Rückweg bis Ramle kennen wir. Ich bemerke bloß ein paar Dinge:

Ich reiste abermals allein, nach der goldenen Regel: Lieber keine, als eine schlechte Gesellschaft. Ein Franzose, dem ich mich anheischig machte, die Reise nach Jaffa zu bezahlen, wenn er die Merkwürdigkeiten Jerusalems mir zeige[4], sollte zwar mitreisen; weil er aber ein Trunkenbold und ohnehin ein unzuverlässiger Mann war, so zog ich vor, ihn vorangehen zu lassen. Daher kam es, daß ich über das Gebirge bloß einen Araber, den Führer, zum Gefährten hatte.

Erst gegen eilf Uhr Mittags verließ ich das Neuhaus, nachdem ich den Führer lange umsonst erwartet hatte. Daraus erwuchs mir der Nachtheil, daß gerade schlimme Witterung sich einstellte, die sich während des ganzen Zuges über das Judengebirge wirklich sehr unordentlich aufführte. Der Regen goß in Strömen hernieder, indeß dann und wann der Nebel in seiner gespenstergrauen Farbe herumschlich. Einmal wollte ich mich gerade in einer tiefen Gebirgsschlucht trocken decken. Ich entfaltete den Polster, auf dem ich saß, um mich in denselben, wie in einen Mantel, zu hüllen. Naß, müde, ja halb krumm unter der Regentraufe und für den Augenblick der Besinnung gleichsam bar, legte ich den durchnäßten Deckmantel, den ich bisher trug, auf den Sattel. Nun wurde ich natürlich auch da, wo ich bis jetzt trocken blieb, benäßt. Um das Maß der Unannehmlichkeiten zu füllen, trat noch ein anderer übler Umstand hinzu. Der Sattel des Thieres war ungebührlich breit und überhaupt schlecht, so daß mein rechtes Bein roth und blau sich rieb[5].

Von der Bergreise will ich noch eine Begebenheit berühren. Es kamen Araber entgegen, welche mit Hühnern beladene Esel vor sich hin trieben. Einer derselben fragte mich auf italienisch, wie viel Uhr es sei. Ohne anzuhalten, antwortete ich: ~Non sò~ (ich weiß es nicht). Ich möchte mich für den Verdacht nicht bestimmt erklären, daß der Fragesteller gerne meine Uhr gesehen und als gelegene Beute mitgenommen hätte. Verdacht wäre sonst um so gegründeter, als die Uhren oder die Werkzeuge zur Zeitmessung unter den Arabern, insbesondere unter den Beduinen, als eine große Seltenheit gelten, weil sie das Bedürfniß künstlicher Zeitmessung in ihrem, dem Naturzustande nahe stehenden Leben bereits gar nicht fühlen. Schon waren die Araber wenige Schußweiten von uns entfernt, als ich ein Huhn, unzweifelhaft einen verlorenen Theil der Ladung, am Wege daliegen sah. Ich war im Begriffe, die Araber, als die höchst wahrscheinlichen Eigenthümer, zu rufen; allein der Grund überwog, den verdächtigen Burschen nicht gleichsam die Hand zur Rückkehr zu bieten, und mein Führer unterließ beides, zu rufen und das Huhn für sich aufzuheben.

Kaum recht aus dem Gebirge, kaum die Ebene von Ramle vor den Augen, und die Nacht ließ ihren dunkeln Vorhang vor mir, dem bis auf die Haut Durchnäßten, fallen. Mich fror es inzwischen nicht eigentlich; denn die Witterung, auf den Bergen und dem Niederlande so verschieden, wie dort Tag und hier Nacht, war jetzt lieblich, gleich dem milden Blicke unschuldiger Kinder. Ein Regenbogen beim Mondesscheine (erstes Viertel) entzückte mich zum ersten Male.

Ich langte wiederum Nachts in Ramle an. Ich nahm schon deswegen die Einkehr im lateinischen Hospiz, weil ein Theil meines Gepäckes dort zurückblieb. Es wäre ungerecht, wenn ich das Nachtessen tadeln wollte; aber zur Schmeichelei werde ich ebenso wenig hinunterkriechen, daß im Hospiz Reinlichkeit an der Tagesordnung sei. Bei uns speiset mancher Bettler mit einem saubern Löffel, mit einem reinern Messer und einer gefälligern Gabel, als der Reisende in diesem mönchischen Gasthause. Ueber einem Gange steht, wie im Erlöserkloster zu Jerusalem, in italienischer Sprache geschrieben (~clausura per le donne~), daß den Frauen der Eintritt verboten sei. Ganz wohl; denn die unreinlichen Männer müßten sich vor den Weibern schämen, die in der Küche nach einem bessern Geschmacke sich einzurichten wissen.

+Den 5.+

Mit nassen Hand- und Druckschriften im Felleisen und selber noch nicht in trockenen Kleidern, setzte ich, bei guter Witterung und in Gesellschaft eines Militärinstruktors, eines italienischen politischen Flüchtlings, den Weg fort nach Jaffa durch eine ausgedehnte Ebene, die Saron, welche mit dem Brautgewande des Lenzes geschmückt war. Man erblickt die Küstenstadt schon in einer Stunde Entfernung von einer sanften Anhöhe aus, wodurch die Saronebene beinahe nichts Nennenswerthes an ihrer Einförmigkeit verliert. Gleichsam zur Entschädigung dafür belebt vor den Mauern der Stadt den Ankömmling der angenehme Geruch üppiger Gärten, worin Goldäpfel die Bäume beschweren. Vor Mittag schon ritt ich durch das Thor von Jaffa.

Von Gaza bis Ramle sind zwölf Stunden zu Fuß, von Jerusalem bis Ramle ebenso neun Stunden und von hier bis Jaffa viertehalb Stunden.

Jaffa.

Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung.

Das heutige Jaffa, das Joppe der Bibel, ist größer, als eine Abbildung es mir vorstellte. Es liegt am Meere auf einem Hügel, den es vollständig umhüllt. Von Mitternacht aus, auf dem mohammetanischen Gottesacker, genießt man den günstigsten An- und Ueberblick, und die vielen Kugeldächer rufen Gaza ins Gedächtniß zurück. An die Stadtmauern sind inwendig die elendesten Hütten gebaut.

Die Mohammetaner haben zwei Moscheen. Die eine, mit einem niedrigen Thurme, steht unten am Meere, einige Schritte vom armenischen Kloster; die andere, größere oben im nördlichen Stadtviertel. Daneben in Mitte des Doppelthores, welches auf das Land führt, spendet ein prächtiger Brunnen sein erfrischend Wasser, wovon auch die christlichen Pilger fleißig holen. Die Gassen sind unregelmäßig, enge, löcherig, in der Regenzeit schmutzig. Die Hauptgasse streicht einerseits an dem griechischen, lateinischen und armenischen Hospizium, andererseits an dem Hafen als Kai vorbei, und gegen Mitternacht eben davon bis zur kleinen Moschee. Hier biegt sie sich um, und steigt neben Handwerks- und Kaufbuden ein wenig gähe hinan, um sich in einen kleinen, ziemlich ebenen Platz zu öffnen. Hier herrscht besonders viel Regsamkeit, schon der Fleischbänke willen. Von diesem Marktplatze ziehen gegen Morgen drei Gassen: die eine zu den Getreideläden, einem großen Kaffeehause und zur großen Moschee; die andere und mittlere zum Thore auf das Land; die dritte als Nebengäßchen zur Stadtmauer. Neben der Hauptgasse, deren Richtung dem lateinischen ~S~ am nächsten kommt, öffnet sich eine enge Gasse in den Marktplatz, welche erst gähe zu dem auf der Höhe der Stadt oder des Stadthügels liegenden Festungsschlosse hinauf-, von diesem aber herabsteigt. Die Gassen auf dem Gipfel und im südlichen Theile der Stadt sind, mit Ausnahme der letztern Gasse, ziemlich menschenleer, und verdienen auch keine nähere Würdigung.

Der Hafen, wenig Rührigkeit darbietend, ist eher eine Rhede, schlecht und klein, von Klippen umfangen, für größere Schiffe unzugänglich. In der Rhede lagen bei meiner Ankunft fünf Schiffe vor Anker; auf offener See in viertelstündiger Entfernung eine griechische Brigg[6].

Wie soll ich muthmaßen, daß die Stadt von 5000 Menschen bevölkert sei? Ich bin, wie in Jerusalem, so auch hier mit nackten Muthmaßungen über die Zahl der Bevölkerung, ohne über sichere Angaben gebieten zu können, selber vielleicht am meisten unzufrieden, und ich würde diese mit großem Vergnügen verzeichnen, wären sie nur erhältlich gewesen. Haben die ungefähren Ansichten von der Volkszahl weiter keinen Werth, so mögen sie doch als Wink dienen, andern Angaben nicht sicher zu vertrauen. Die Anzahl der Christen ist nicht geringe; die Lateiner und Maroniten zählen aber bloß 340 Seelen. Die Christen bewohnen den untern oder Hafentheil der Stadt, in welchem am Sonntage viele Läden geschlossen waren.

Jaffa, wie es ehemals war.

Ich will keine Geschichte von Jaffa liefern; nur kann ich mich nicht enthalten, drei Schriften aus der jüngern Vergangenheit Auszüge zu entheben.

„Jetziger Zeit“ (1581), sagt +Salomo Schweigger+, „ist keine Behausung mehr vorhanden, denn auf einem nicht gar hohen Berge zwei Gebäu, groß und weit, ziemlich stark. Darinnen eine türkische Besatzung etlicher Araber von wegen der Anlände aus Egypten. Sonst sieht man am Berge etliche alte Gewölbe. Die meiste Waare, so dahin gebracht wird aus Egypten, ist Salz und Reis. Dagegen ladet man Oel. Haben derhalb keine Herberg funden, sondern mußten unterm freien Himmel für gut nehmen im Sande zunächst am Meere.“

Vernehmen wir +de la Mottraye+: „Nach einer Fahrt von sechszehn Tagen und nach verschiedenem Ungemach kamen wir den 19. Merz 1697 auf der Rhede vor Jaffa an. Dieser Ort ist von so vielen Reisenden beschrieben, daß ich mich der Mühe überheben kann, eine neue Beschreibung davon zu geben, zumal da derselbe jetzt kaum mehr den Namen eines Dorfes verdient. Von dieser uralten Stadt ist nichts mehr übrig, als ein großer, halb eingefallener Thurm, und zwei kleinere, die noch ganz sind, auf dem Gipfel eines benachbarten Berges, und einige in den Berg gegrabene Höhlen; denn Häuser sind es wahrlich nicht. Nur eine Herberge für den Fremden, welche den Namen eines Hauses verdient, steht am Ufer des Meeres. Der Hafen ist nicht sonderlich, und wird, aus Mangel der Unterhaltung, von Tage zu Tage schlechter. Einige Spuren von dicken, wohl zämentirten Mauern, die nicht weit vom Ufer aus dem Wasser hervorragen, scheinen die Ueberbleibsel eines Dammes oder Molo zu sein, der noch heutzutage sehr nützlich sein würde, um den Nordostwind abzuhalten, welcher die Gebäude hier ziemlich in Gefahr setzt, wenn er heftig weht.“

+Jonas Korte+ fand vor bald einem Jahrhunderte (1738) in Jaffa ein Haus, Hospiz genannt, worin beständig ein Pater und Frater vom Franziskanerorden sei, und sagt dann weiter: „Das Hospizium, darin ich war, gehört auch den ~Patribus de Terra Sancta~. Es liegt just am Meere, und man steigt nur etliche Stufen dazu hinauf, und ist an einen Berg, worauf die Stadt meist liegt, angebauet. Die Kapelle und ein paar Kammern waren auch in den Felsen oder Berg hineingemacht und also schön kühl. Die Herren Patres behaupten, dieses Haus stehe an derselben Stätte, wo +Simon+, der Gerber, gewohnt, und wo +Petrus+ das Gesicht oder Offenbarung gehabt, wiewohl man mit Augen sehen kann, daß die See viel von dem Berge abgerissen, und Stücke von den alten Stadtmauern und Thürmen über zwei Steinwurf in der See liegen.“

Die Tageslänge.

Wenn man einmal Reisender ist, so richtet man die Aufmerksamkeit auf alle Verschiedenheiten, notabene auf alle, die Einem nicht entschlüpfen. Außer den Temperatur- und Witterungsverschiedenheiten wird man in Syrien unter dem 32. Grade nördlicher Erdbreite einen bedeutenden Abstand in Bezug auf die Tageslänge wahrnehmen. Ich hielt mich während des kürzesten Tages in Jaffa auf, und sieben Uhr Morgens schon und noch fünf Uhr Abends konnte man an einem hellern Orte leicht lesen.

Für die Klöster im jüdischen Lande (~Tabula secunda pro Conventibus Judaeæ sub elevato Polo per gradus 32~) liegt eine gedruckte Tabelle vor mir, worauf in der Regel von sechs zu sechs Tagen die Zeit des Sonnenauf- und Untergangs durch das ganze Jahr angegeben ist. Ich will am liebsten die Tabelle selbst redend einführen, da sie, längst ansäßig in Syrien, mir aus einer Verlegenheit helfen und auch Auskunft ertheilen kann, wie weit der längste Tag seine Flügel von einander ausspanne. Am kürzesten Tage schläft die Sonne allerdings nicht so lange, wie bei uns; denn sie steht um sieben Uhr und drei Minuten auf, und sie legt sich um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten nieder. Dafür läßt sich die Sonne am längsten Tage zum Aufstehen mehr Zeit, indem sie um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten aufgeht; und als wenn sie durch ihren heißen Schein leichter sich erschöpfte, sie nimmt schon um sieben Uhr und drei Minuten Reiß -- unter.

Und nun denn den ersten beßten Kalender zur Hand, ist eine Vergleichung der Tageslänge in dem jüdischen und dem Abendlande nicht ebenso belehrend, als die Betrachtung des Aderlaßmännchens, dem man wohl Blut, aber den Geist nicht, der auf dem Blute schwimmt, nämlich die Vorurtheile, opfert?

Witterungsbeschaffenheit.

Während meines Aufenthaltes in Jaffa ließ sich die Witterung im Ganzen milde an. Viele Leute gingen barfuß; andere badeten sich im Meere. Das Bedürfniß des Heizens machte sich nicht fühlbar. Die Regentage waren, nach dem Gefühle zu urtheilen, nicht kälter, als bei uns manche des Sommers, und zudem nicht so eigentliche, wie die unserigen zu sein pflegen. Nach kurzem Regen oder Schauer blickte die Sonne zwischen den Wolkenklößen freundlich hervor. Bei dieser veränderlichen Witterung wechselte fast jeden Tag das Schauspiel des Sonnenscheins und Regens; bloß an einem einzigen Tage war die Sonne vom Gewölke allenthalben verhüllt. Zur Seltenheit sollen Schneeflocken fallen. Ich sah reichlich schloßen.

Die Regenzeit dieses Landes ist unsere Schneezeit, die Zeit der Regenlosigkeit unsere Regenzeit. Gott gab uns also zwei Dinge mehr, im Sommer den Regen und im Winter den Schnee.

Zur Zeit der Regenlosigkeit wird das Erdreich ungemein trocken, und klafft an vielen Stellen breit und tief von einander. Die Pflanzenwelt verliert dann das fröhliche Aussehen, welches ihr die Regenzeit, der eigentliche Frühling, verleiht. Diese Zeit beginnt Ende Wintermonats, dauert über den Christmonat und Jenner, und der Hornung mag etwa vier bis fünf Regentage zählen.

Der Meeressturm und der Schiffbruch.

Nun aber hatte Joppe von Natur aus keinen Hafen und keine Anfurt; denn das Ufer war hoch und gähe, auch beiderseits mit krummen und rauhen Felsen, daran das Meer heftig schlägt und brauset, wohl verwahret.

+Flavius Josephus.+

Zu beiden Seiten der Stadt Joppe liegen große Steine und Felsen, die aus dem Meere hervorgucken. Die Lage des Ortes und die Gestalt der Sachen zeigen an, daß +Andromeda+ hier gewesen und dem Wallfische sei vorgeworfen worden, wie die alten Fabeln glaubwürdig sagen. Wenn der Nordwind gegen das Ufer geht, so treibt er das Wasser über sich, und schlägt es an die Felsen, daß es ein groß Getöse gibt, und daß das Meer davon gar ungestüm wird, wenn die Wasserwellen zurückfallen. Daher ist es viel gefährlicher am selbigen Orte als in den Wüsten.

+Egesippus.+

Vor meinem Fenster tauchen Klippen aus dem Meere. Schäumend brechen sich die Wellen an den Felsen, selbst bei anscheinender Meeresstille.

In der Nacht des 28. Christmondes weckte mich so lauter Donner, daß der Blitz in der Nähe niedergezuckt sein muß. Den Donner begleitete ein Chor von Geheul der erzürnten See. Wenn die Wogen über die Wehrmauer platschten, bebte unser Gotteshaus. Ich konnte den Schlaf nicht leicht wieder finden.

Endlich leuchtete mir der Tag auf das furchtbar schöne Schauspiel. Der Nordwind wühlte in den Wassern. Wäre von dem Meere, wie von einem Kochkessel, Dampf emporgestiegen, so hätte man sich nicht täuschen können, daß es in Sud gerathen sei. Die Wogen spritzten ihren schaumigen Bogen über Mauer und Gasse, über Schiffe und Häuser. Ich wohnte im Hospiz durch Mauer und Gasse vom Ufer getrennt und über dem Erdgeschoße im zweiten Stockwerke, und selbst am Fenster ereilte mich der Sprengwisch des Meeres.