Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)
Part 9
Die Kirche des Hospizium steht im zweiten Stockwerke, und von Morgen dem Zimmer des Pater Superior gegenüber. Obwohl klein, ist sie doch ein artiger Bau mit einigen schönen Gemälden. Ich wohnte in derselben dem Gottesdienste mehrere Male bei, und ich mußte mich über die geringe Anzahl der Anwesenden, im Verhältnisse zur Bevölkerung der Gemeinde, verwundern. Wenig feierlich schien mir die gottesdienstliche Handlung wegen des Marktgeschreies einer Handorgel, wenn man mir diesen Ausdruck erlaubt. Der Araber, welcher zwischen den Tönen verschiedener Orgeln kaum unterscheidet, und die Gassenorgeln unserer Straßensänger nicht kennt, wird mit mir den übeln Eindruck schwerlich theilen. Lieber hörte ich das Klosterglöckchen, welches mit bescheiden hellem Klange die Gläubigen zur Andacht aufforderte.
Als ich einmal die Kirche besuchte, sah ich zwei Levantinerinnen kommuniziren. Sie waren in einen großen, weißen Schleier gehüllt. Der Priester reichte in seiner feierlichen Amtskleidung ihnen die Hostie. Wie sehr befremdete mich, unter dem großen Kopfschleier einen schwarzen Schleier vor dem Gesichte der Morgenländerinnen gewahr zu werden, den sie doch beim Kommuniziren lüften mußten. Mühsam langten andere in die Kirche tretende Frauen unter dem Schleier hervor, um sich mit Weihwasser zu besprengen.
Auf der Gasse begegnete ich ebenfalls weißen Damen, die in einen Schleier völlig verhüllt waren. An diese Maskerade war ich freilich gewöhnt, aber nicht daran, daß es an derselben rasselte. Ich spähte zuerst immer umher, und nichts gab Stoff, das Gerassel zu erklären. Endlich glückte mir der Aufschluß: Es rasselten die unsichtbaren Goldstücke, welche um das Haupt angelegt waren. Wird unsern Jaffanerinnen, unsern Araberinnen die belebende Hoffnung, mit den unverhüllten Gesichtchen die Männer zu bezaubern, so grausam geraubt, -- billig läßt man ihnen doch den Geschmeidekram und +den+ Ersatz, daß sie +frei+ durch den Schleier sehen und schmarotzen, während umgekehrt die züchtige und ziererische Abendländerin mit dem +offenen+ Auge im Freien nur spärliche Blickchen sich erlaubt. Hinwieder erdenken die Schönen Europas, wer möchte es leugnen? auch Manches, um sich bei den Männern einzuschmeicheln, und es erschließt sich ihnen ein um so weiteres Feld, als sie mit letztern die unschätzbare Freiheit und Gleichheit der Gesichts -- öffentlichkeit genießen. Und nicht zufrieden, nur das Auge zu entzücken, sie suchen auch das Ohr zu fesseln, und geben sich gar viel Mühe, mit Wohlgerüchen zu berauschen.
Die morgenländischen Christenmänner, welche der Bauernklasse nicht angehören, sind durch Schönheit ausgezeichnet. Ruhig brennet das schwarze Auge; auf dem ganzen Antlitze liegt der Ausdruck der Ruhe, der Bedächtlichkeit, der Unterwürfigkeit, der Schlenderei. Groß von Leibe, haben sie etwas Stattliches in ihren faltigen Gewändern, und mir schien, als wären sie auf ihren hochwulstigen, schief um das Haupt gewundenen Turban stolz. Sogar während des Gottesdienstes tragen sie auf dem Boden hockend den Turban, und bloß bei der Wandelung heben die Wenigsten ihn ab, wodann man ihre häßlichen Schurköpfe erblickt. Dafür werfen sie sich gottesfürchtig nieder, indem sie selbst mit der Stirne den Boden berühren.
Auch in Jaffa hält man den morgenländischen Christen für schlimmer, wenigstens für unredlicher, als den Türken. Bei einem Schneider, einem morgenländischen Christen, ließ ich an einem Kleide umändern. Er entwendete von meinem Tuche so viel, als er nur konnte, was schwerlich ein Kleidermacher im Lande des Niederganges gethan haben würde. Dabei stellte jener für die äußerst schlechte Arbeit eine unverschämte Forderung, und ich darf versichern, daß ich selten einen verstocktern Schuft antraf. Andere Züge will ich auf einen andern Ort versparen.
Die Pilger.
Die Bombarda (eine Art Fahrzeug), worauf ich mich begeben sollte, brachte christliche Pilgrime. Auch auf andern Schiffen langten solche in Jaffa an, und eines Tages zählte ich zwölf Schiffe, theils in, theils außer dem sogenannten Hafen. Die Menge christlicher Pilger belebte den Kai. Man ergötzt sich an ihren verschiedenen Trachten, welche der französischen schon ein wenig ähneln. So nenne ich die häufigen Schürzen oder Halbröcke, welche diesen Gegenden fremde sind. Einige tragen Regenschirme, die ich in Egypten nie und zum ersten Male wieder in Jerusalem zu Gesichte bekam. Die Pilger schleppen ungemein viel Gepäcke, auch einen beträchtlichen Mundvorrath mit sich. Es wird dasselbe in dieser Hafenstadt, manchmal nicht ohne Zänkereien der Pilger sowohl unter sich, als mit dem Kameel- oder Eseltreiber, auf Kameele, Esel oder Maulthiere geladen, um es nach Jerusalem, dem Wallfahrtsorte, zu befördern. Die Pilger, der größten Zahl nach Christen aus der europäischen Türkei, werden bis auf 10,000 geschätzt, die alljährlich durch Jaffa ziehen, und hier im griechischen oder armenischen Kloster mehr oder minder lange beherbergt werden[8]. Das Wallfahrten der griechischen Christen dauert bis Ostern, nicht ohne Meeresgefahren[9]. Ein Mönch aus Krakau, welcher nach mir in Jaffa eintraf, erzählte mit Schrecken von seinen Erlebnissen, und freute sich mit kindlichem Herzen, daß er nun auf festem Boden fußen könne.
Die arabische Knabenschule der Lateiner.
Oefter besuchte ich die Schule am Hospizium. Das Zimmer ist ziemlich dunkel und eher enge, aber ein hohes Gewölbe. Vorne, der Thüre gegenüber, hing an der Wand ein Frauenbild. Zur einen Seite desselben las man das mit großen lateinischen Buchstaben geschriebene ~ROMA~ und zur andern ~Carta GO~ (wahrscheinlich Landkarte). Den Raum schmälerte kein Tisch, außer dem für den Schulmeister; zu beiden Seiten des Zimmers war eine niedrige Wandbank angebracht, auf welcher die Schüler, beiläufig zwanzig, lauter Knaben, unordentlich saßen oder hockten. Sie hatten an der Hand oder auf den Knieen Blätter oder Bücher vor sich, aus denen sie mit schaukelndem Leibe nach einer eigenthümlichen morgenländischen Weise (Melodie) laut schreiend oder leiernd im Takte lasen. Das Geschrei oder Geleier war so wild, daß man weiter nichts hörte, als bisweilen das Klopfen mit einem Stocke. Die Unterrichtsart wurde mir nicht ganz klar. Ich glaube, sie beschränke sich lediglich auf das Lesen und Auswendiglernen. Einmal las ein Schüler in Gegenwart des Lehrers und Meisters, welcher verbessernd nachhalf.
Bei meinem ersten Besuche war der Schulmeister nicht gegenwärtig. Ein älterer Knabe mit übergroßen Stiefeln leitete das Unterrichtsgeschäft. Eine kleine Ruthe schwang er so häufig über die Kinder, als wären sie Reitthiere. Am Schlusse des Unterrichtes stellten sich alle Schüler vor das Frauenbild und hoben einen wilden Gesang an. Ich ging und sagte den neben der Schulstubenthüre gelagerten Weibern einen Gruß, den sie wahrscheinlich nicht verstanden.
Die Schulzucht ist ziemlich roh. Wenn ein Knabe durch seine Fortschritte sich auszeichnet, so wird ihm eine steife Mütze aufgesetzt. Führt er sich schlimm auf, so wird er auf drei Hauptarten gezüchtiget. Man legt ihm das Zerrbild eines Esels um den Hals und nennt ihn +Eselführer+ (~muchero~). Oder man ertheilt ihm Klappse auf die flache Hand mit einer hölzernen, gestielten, fein durchlöcherten, kleinen, doch derben Scheibe. Ein Knabe schien mir nicht übel und unfleißig in Gegenwart des Schulmeisters zu lesen. Nach hergelesener Aufgabe bekam der Schüler von dem Lehrer ohne weitere Umständlichkeit eine Anzahl Schläge, indem letzterer die Worte hinzusetzte: ~Così si impara~ (So lernt man). Oder auch man mißt Fußsohlenstreiche auf. Das Bändigungsmittel dazu war an einem Nagel des Schulzimmers aufgehängt. Es besteht aus einem Knüttel, durch dessen Mitte zwei Oeffnungen in gegenseitiger Entfernung von etwa zwei Handbreiten gebohrt sind. Die Bohrlöcher nehmen einen Strick auf, den aber Knoten hindern, damit er nicht durch dieselben ausschlüpfe. Dieses Mittel wendet man so an: Die Füße der Knaben werden zwischen den Knüttel und den Strick geschoben. Jenen ergreifen zwei Gehilfen, jeder ihn an einem Ende. Jetzt drehen sie den Knüttel um seine Achse, und wickeln den übrigen Theil des Strickes um ihn herum, so lange, bis der Knebel die Knöchel oder Beine zusammenklemmt. Nachdem die Knaben solchergestalt die Beine nicht mehr rühren können, erhalten sie die Tracht Schläge auf die Fußsohlen.
Das Essen wird in der Schule nicht geahndet. Ein Knabe brachte kleine Rettiche, wovon er auch verschenkte. Einem andern trug man etwas Gekochtes zu. Er aß es im Vorzimmer des Schulgewölbes, in welchem eben Schule gehalten wurde.
Die Vergleichung mit dem, was +Salomo Schweigger+ von den Kinderschulen Konstantinopels aus dem sechszehnten Jahrhunderte überliefert, hat zu viel Prickelndes, als daß ich es nicht hier beifügen sollte: Die Kinder, sagt +Schweigger+, werden nicht in solcher harten Zucht und großen Furcht gehalten, wie die Deutschen, die mit Pochen, Poltern, Schlagen und Stoßen den Kindern alle Lust zum Lernen nehmen. Die Schulmeister strafen zwar die Kinder auch, aber mit Bescheidenheit, und können mit ihnen Geduld haben, welches denn die fürnehmste Tugend an einem Schulmeister ist. Wenn sie die Kinder schlagen, so schmeißen sie dieselben auf die bloßen Schuhsohlen mit einem Stäblein und brauchen die Ruthen nicht, wie bei den Christen bräuchig. Die Knaben haben eine feindselige Gewohnheit, daß sie durch einander das Lesen laut verrichten, davon sie sollten toll werden und einander irre machen. Dabei sitzen sie nicht still, sondern wanken von einer Seite stets auf die andere wie ein Schlafender oder Trunkener.
Damit stimmt aber nicht völlig überein, was die „Hoffhaltung Des Türckhischen Keysers“ (1596) von den Knaben des Serai erzählt: Die Meister und Lehrer haben einen Befelch von dem Türken, daß sie keinen Knaben mehr, als des Tages einmal schlagen und strafen dörfen, und mögen keinem mehr, als zehen Streich mit einer kleinen subtilen Ruthen geben, und wann sie die Jugend mit Ruthen stäupen, geht es also zu: Sie legen den Knaben nach der Länge auf die Erden nieder, stoßen ihm die Füß durch einen Stock oder Bret, welches durchgebohrt, und dazu gemacht, daß sie fest und still liegen müssen. Alsdann geben sie ihm mit der Ruthen unten auf der Sohlen des Fußes zehen Schläge über die +Borzachinlein+, das ist, kleine Stiefeln, die sie tragen. Nach dem lassen sie ihn wieder aus. Und wo der Meister oder Präzeptor einem mehr, dann zehen Streich gäbe, oder sie ohne des Kaisers Willen und Befelch stäupte oder schlüge, wird ihm alsbald die Hand abgelöst.
Der Gruß.
Im aufgeklärteren Theile der Welt waltet die Mode, daß man beim Gruße als Zeichen der Aufmerksamkeit oder Achtung den Hut oder die Mütze rückt oder, mit einem Worte, das Haupt entblößt. Im Lande der Turbane wäre diese Mode glücklicherweise eine wahre Pein. Es gäbe den Morgenländern, wenn sie ihren Turban oder den zusammengedrehten, in vielen Gängen quer um den Kopf gewundenen Schleier auflösen und wieder umbinden oder auch nur mit den unsteifen Mützen, die er unten umfängt, ab- und aufheben müßten, ebensoviel zu schaffen, als den abendländischen Frauenzimmern, bis ihre zarte Haube über Flechte und Kamm sich gehörig fügt. Es ist übrigens erstaunlich, daß die Frauenzimmer, die doch mit keiner Mütze und mit keinem Hute sich und Andere bekomplimentiren, noch existiren und bei den Männern Gnade finden.
Wenn hier zwei Männer im Freien zusammenkommen, so legen sie sich die rechte Hand auf Mund und Stirne. Sind sie einander nahe, so sagt der Eine, wenn er ein Christ ist: „Gott mit euch“, und der Andere erwiedert: „Gott erhalte euch.“ Des Mohammetaners Gruß aber lautet: „Friede sei mit euch,“ und der Gegengruß: „Mit euch sei Friede.“ So zu grüßen, war früher den Christen verboten. Der Mohammetaner nährte den Wahn, daß die Nazarener nicht würdig wären, über die Lippen die erhabenen Worte fallen zu lassen, welche vom Propheten +Mohammet+ verkündiget worden seien. Wiewohl dieser Gruß unter +Mehemet-Ali+ und +Ibrahim+ geduldet ist, so hören ihn doch die Mohammetaner aus dem Munde der Christen noch jetzt mit Murren.
Stattet ein Christ dem innigen Freunde einen Besuch ab, so umarmen sich beide, und küssen einander einmal die Schultern. Ebenso umarmen sich die Mohammetaner, versetzen aber den Kuß auf die Wangen. Ist man nicht in vorzüglichem Grade befreundet, so bietet man einander schlichtweg die Hände, wobei man eine besondere Rücksicht beobachtet. Es behält nämlich die Person höhern Ranges die Hand oberhalb, so daß der Rücken derselben aufwärts schaut. Stehen beide auf der gleichen Stufe des Ranges, so nehmen die Hände eine senkrechte Stellung neben einander an, daß also weder die eine, noch die andere Hand nach oben kommt. Wenn anders der Gruß die verschiedene Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft ausdrücken soll, so gewinnt in der That die verschiedene Richtung der Hände, zumal die Oberhand und die Unterhand, ungleich mehr Sinnigkeit, als alle Abstufungen beim Entblößen des Kopfes unter den Abendländern.
Die bisher berührten Grußweisen der Palästiner umfassen bloß das alltägliche Leben.
Auf Sitzen zur Rechten oder Linken wird nicht geachtet.
Nach Empfang dargereichter Speisen und Getränke bezeugt man in der Regel keinen Dank. Nur nach dem Kaffee hallen die Worte des Dankes: „Möget ihr euch immer erhalten.“ Trinkt der Gast Wasser aus dem Kruge (Bardaka), was allezeit ohne Absetzen geschieht, so rufen sämmtliche Anwesende: „Wohl bekomme es“, und jener erwiedert: „Ich sage Dank.“ Also bei Mohammetanern und Christen. Beim Lebenswasser (Aquavit) verhält man sich stumm.
Begegnen sich die Frauen außer den Häusern, so sind sie still und rühren sich nicht. Macht eine Frau einen Besuch, so entschleiert sie sich beim Eintritte in das Zimmer, und eröffnet das Gespräche mit den Worten: „Ich komme, euch zu sehen.“ Die Frau, welche den Besuch annimmt, lüftet auch ihrerseits den weißen Gesichtsschleier und antwortet: „Willkommen.“ Da wird denn nach dem Befinden, nach den Kindern und nach Andrem gefragt, obendrein viel eitel Zeug geplaudert, etwas Süßes, etwa Konfekt, genascht oder auch eine Pfeife geraucht. Kürzer, als drei oder vier Stunden dauern die Frauenbesuche nicht. Die Mohammetanerinnen besuchen einander seltener, als die Christinnen.
Die Brautwerbung und die Hochzeit.
Will der Jüngling oder Mann heirathen, so geht sein Vater, seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester oder ein anderer Verwandter oder ein Freund zum Pfarrer, diesem das Vorhaben zu offenbaren, unter Bezeichnung des Mädchens, welches zu heirathen gewünscht wird.
Darauf begibt sich der Pfarrer zu den Aeltern des Mädchens, den Heirathsantrag zu hinterbringen, und Auskunft zu verlangen, ob man ihn annehmen wolle oder nicht, und sucht dann den Brautwerber in seinem Hause auf, um demselben die Antwort zu vermelden. Im bejahenden Falle schickt die Familie desjenigen, welcher den Heirathsantrag stellte, sich jetzt an, einen Gesichtsschleier (zu 30 bis 35 Piaster) oder auch zwei Schleier nebst einem goldenen Fingerringe zu kaufen. Die weiblichen Mitglieder der Familie des Brautwerbers gehen, in Begleitung vieler Frauen, mit den eingekauften Kostbarkeiten zu der Familie des Mädchens, um sie diesem als Geschenk einzuhändigen. Bei dem Besuche benimmt sich die Holdselige ungemein schüchtern, sanftmüthig wie ein Lamm; keinen Laut läßt sie hören; sie ist rein wie ein Engel. Um so munterer sind die Frauen, welche auf Besuch kommen; sie lachen und scherzen und singen wohl auch.
Danach veranstalten die Aeltern des Mädchens einen Gegenbesuch in das Haus des Brautwerbers. Der Vater ladet Männer und die Mutter Frauen, nie aber unverheirathete Frauenzimmer ein. Im Hause des Brautwerbers treten die Männer in ein besonderes Gemach, und so die Frauen. Grüßend sagt man zu ihm: „Gesegnet,“ und diejenigen Frauen, welche sich nicht enthüllen, sagen es auch seiner Mutter. Das Mädchen bleibt eingezogen zu Hause. Die Gäste, wenigstens die Männer, vertreiben die Zeit mit Rauchen und Kaffeetrinken, mit Konfektnaschen und Plaudern.
Nach dem Gegenbesuche geschehen zwei Monate hindurch keine weitere Schritte, und zudem wartet man auf ein großes Fest, um der Braut ein Geschenk zu überbringen. Dieser Besuch, der dritte und letzte vor der Hochzeit, heißt auf arabisch +schỏfe+ (die Sicht), und ist der Vorbote baldiger Vermählung. Das Geschenk hält an Werth von einigen hundert bis auf einige tausend Piaster. Es besteht aus ungeschnittenem und ungenähtem Kleidungsstoffe, so wie aus einem Kleinode zur Zierung der Stirne oder anderer Gebilde des Körpers. Die Reichsten ergreifen diesen Anlaß, um den Glanz ihrer Diamanten zu verbreiten. Es ist die Mutter des Bräutigams, welche, am erwarteten großen Feste selbst, das Geschenk der Braut überreicht und zwar so, daß sie unter spaßhaften Bemerkungen das Kleinod der Braut auf der gehörigen Stelle anlegt. Das +schỏfe+ dauert etwa zwei Stunden.
Nun bereitet man sich zur Hochzeit vor. Die Aeltern des Bräutigams und der Braut besprechen den festlichen Tag. Vom Heirathsantrage bis zum Hochzeitstage verfließt gemeinhin ein Jahr, selten nur ein Vierteljahr. Dreimal kündigt der Pfarrer die Hochzeit ab. Am Sonnabende vor dem Vermählungstage wird die Reinigung durch die Bäder vorgenommen. Die Braut sendet, zum Zeichen der Einladung, an jede Frau ein Stück Seife. Bei Männern ist dieses Zeichen eine Kerze, umhüllt von einem Zettelchen, worauf der Karakter des Gastes (z. B. französischer Konsul, Schulmeister) geschrieben steht. Die Braut besucht mit den Frauen, der Bräutigam mit den Männern, die einen und die andern in gesönderten Schaaren, ein öffentliches Bad. An diesem glücklichen Orte bekommt die Mutter oder die Schwester des Bräutigams die +Entschleierte+ zu sehen, und sie mögen dann zu Hause dem Sehnsuchtsvollen die Entdeckung der Schönheit oder Häßlichkeit mittheilen. Darauf am Sonntagsabende gehen die einen Männer in das Haus des Bräutigams, die andern und die Frauen in dasjenige der Braut, wo sie sich in das +Frauenzimmer+ scheiden. Die Nacht wird in gespannter Erwartung hingebracht.
Um vier Uhr in der Frühe des Montag eröffnen Bräutigam und Braut, jener ein wenig voran, den großen hochzeitlichen Zug nach der Kirche unter dem Jubel von Schalmeien und Tambur und Pauken, selten von Geigen. Der Bräutigam sieht sich in dem Tempel zum ersten Male neben der künftigen Lebensgefährtin; noch aber ist ihr Antlitz dem forschenden Blicke ebenso unzugänglich, als von Anfang der Bekanntschaft oder, besser gesagt, der Unbekanntschaft an. Das ganze Gepränge der römisch-morgenländischen Kirche mag das Seinige beitragen, das Gefühl des Geheimnißvollen und des Ehrwürdigen zu steigern. Fragt der Priester am Altare die Braut um ihren Willen, so verbietet ihr die Schamhaftigkeit, ihn zu benicken. Wie gut ist, daß es in Fällen der Verzweiflung eine Erbarmung auf Erden gibt. Die Gevatterin, deren Wohlthätigkeit erst jetzt sich auf das glänzendste bewährt, leiht den unentbehrlichen Arm der Hilfe; sie steht hinter der Braut und stößt das bräutlich geschmückte Haupt nach vorne, -- -- nur ja, weil einmal genickt werden muß, sei es aus freien Stücken oder aus Zwang. Williger entschließt sich der Bräutigam zum Jaworte, aber für kein ordentliches Weib, sondern für eine vermummte Gestalt, für ein Larvengesicht. Er erschaut vor sich einen mit einem rothen Schleier bedeckten Kopf und einen in ein weißes Gewand gehüllten Leib; der Reichthum an Gold mag etwa sein Auge blenden: aber kein Auge der Liebe strahlt ihm entgegen, kein Mund der Freude lächelt ihm zu. Ich möchte indessen den bescheidenen Zweifel äußern, daß eine solche beharrliche Strenge der Vermummung +oft+ beobachtet werde. Ich weiß selbst zu erzählen, daß ich, als ich ohne Anmeldung in das Haus des Konsuls +Damiani+ trat, seine Tochter unverschleiert antraf, die sich dann freilich schnell entfernte. Wie ich einmal durch ein Gäßchen spazierte, begegnete ich einem verschleierten Frauenzimmer, welches im Augenblicke, da sie sich von Niemanden bemerkt glaubte, den Schleier auf die Seite schwenkte, um ihr schönes Gesichtchen zu zeigen.
Nach empfangenem Priestersegen ziehen die Neuverlobten ins Haus des Bräutigams, dieser zuerst. Sie und das Gefolge von Gästen genießen dort das Frühstück; reich wird das Hochzeitpaar von den Zeugen der Hochzeitlichkeit mit Worten gesegnet. Schon aber verläßt ein Theil der Gäste die Gesellschaft, es bleiben bloß noch die Verwandten, endlich nur die Frauen. Nun sitzt die Braut auf einem thronartigen Polster in einem besondern Zimmer, in welches die neugierigen Frauen treten. Derlei Dinge schmecken für sie viel zu süß, als daß sie nicht davon kosten sollten. Bis zum Throne der Unsichtbaren machen die Frauen eine Gasse. Schwere Augenblicke harren des Bräutigams. Man muß sich an ihm abmühen, daß er allen Muth zusammenfasse[10]. Da schreitet er mit kochendem Herzen durch die Gasse, und gleichsam in der Wuth streift er den Schleier von einer unschuldigen Jungfrau hinweg. Zum ersten Male erblickt der +Ehemann+ das Antlitz eines jungfräulichen Weibes, dem er für die guten und bösen Tage des Lebens Treue geschworen hat. Mag ihn jetzt die Erwartung betrogen haben, es ist zu spät, er bekümmert sich nur umsonst; wurde seine Hoffnung erfüllt, desto glücklicher für ihn der Wurf des Spiels.
Wie der Schleier der Braut sich lüftet, fliegen alle Schleier der Zuschauerinnen auf die Seite. Es erhebt sich die enthüllte Braut, sie küßt eine Hand des Gemahls, beide lassen sich neben einander auf den Polster nieder und beobachten einige Minuten ein tiefes Stillschweigen, indeß der Bräutigam die Verheißene gleichsam ins Auge verschlingt. Damit endet das Fest für die neugierigen Frauen, welche sofort das Zimmer räumen. Die Verwandten dagegen bleiben bis Mittag, und erst nach dem Mittagsmahle kehren sie in ihre Wohnungen zurück. Jedermann gönnt dem Bräutigam und der Braut, daß sie sich von der schlaflosen Nacht erholen.
Nachdem der Mann seine Frau erkennt hat, thut er sich mit einem weißen und sie mit einem rosenrothen Gewande an.
Auf den siebenten Tag nach der Hochzeit wird der Schlußbesuch in das Haus des Ehegemahls veranstaltet. Die Frauen werden vom älterlichen Hause des neuverlobten Weibes eingeladen; die Männer gehen diesmal uneingeladen. Der Besuch ist den Geschenken für das neue Ehepaar gewidmet. Wenn z. B. die Frau A der Frau B das Geschenk P verehrt hat, und heirathet dann C, die Tochter der A, so gibt B das P zurück. Und kann man nicht mehr das Gleiche zurückerstatten, so zielt man auf ein solches Geschenk ab, welches dem Werthe eines der Familie früher verliehenen möglichst nahe kommt.
Die Schilderung trifft eigentlich die hiesigen eingebornen Christen, in den meisten Theilen aber überhaupt die christlichen Palästiner, in manchen sogar die Mohammetaner.
Das geheimnißreiche Vorgehen in der Heirath kann schwerlich auf den Beifall des Abendländers hoffen. Die Sitte der Verhüllung reihe ich unter die sonderbarsten Dinge, so fest sie eingewurzelt und so alt sie sein mag. +Rebekka+ verhüllte sich zwar vor +Isaak+ (1. Buch +Moses+ 24, 65), doch nicht vor dem Liebhaber. Wenn der strengen Verhüllung, welcher das Mädchen vom reifern Alter bis zur Verheirathung wie einem Gesetze sich unterwirft, ein Lobesspruch gespendet werden soll, so kann man ihr oder doch der Vereinzelung der genau beaufsichtigten Jungfrau nachrühmen, daß Fehltritte beinahe bis zur Unmöglichkeit erschwert werden.
Noch besitzen die Aeltern in Palästina die erzväterliche Gewalt über ihre Kinder bei der Verlobung, wobei letztern der Athem des freien Willens fast gänzlich gehemmt ist. Doch mangelt es aus den Zeiten der Erzväter nicht an Beispielen, welche für eine gelindere Gesinnung sprechen. So fragten die Aeltern der +Rebekka+ in milder Weise, ob sie mit dem Knechte +Abrahams+ ziehen wolle (1. Buch +Moses+ 24, 57 und 58). Zur Schließung des Ehevertrages gehört vor Allen dem Bräutigam und der Braut entscheidende Stimme.
Die Wöchnerin und das Kind.