Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 8
»Mein lieber Vogel! Ich denke, das mit dem Austritt überlegen Sie sich doch noch. Ich werde dafür sorgen, daß Sie an einen anderen Tisch kommen und werde ein Auge haben auf die nationalen Heißsporne. Fassen Sie die Sache auf als eine Uebung in der Geduld, welche Ihnen der Himmel schickt, der Sie damit zur Selbstüberwindung erziehen will, welche der schönste und größte Sieg ist.«
»Ach Gott, Hochwürden -- Geduld habe ich schon, und habe sie lange bewiesen, aber die Unduldsamkeit der andern ist zu groß, und die brüderliche Liebe, mit welcher einer den andern ertragen soll, fehlt bei ihnen ganz. Und Unduldsamkeit und Lieblosigkeit ist doch das Schlimmste, und, wenn ich mir denke, daß daraus Priester werden sollen, dann thut mir's in der Seele weh.«
Peter wurde es bei diesen Worten seltsam zu Sinne. Wohl sprach der Alumnus von Unduldsamkeit und Lieblosigkeit zunächst im nationalen Sinne, aber ihm klang doch wie ein Vorwurf für ihn selbst durch und er fühlte sich mit einmal befangen. Er suchte nach beruhigenden tröstenden Worten für den Jüngling und war froh, als derselbe, wenigstens einigermaßen besänftigt und mit dem Versprechen, noch weiter aushalten zu wollen, ging.
Nun setzte er sich aufs neue auf das Sopha und lehnte sich sinnend in die Ecke. Die tiefe Verstimmung, mit welcher er aus der Heimat zurückgekommen, schien sich noch zu steigern. Er sah überall Haß bei den Dienern der Kirche, Kampf, Fehde und Lieblosigkeit, und der Vetter Martin erschien ihm den berufenen Vertretern Gottes auf Erden gegenüber als ein wahrhaft frommer Mann, der mit aller Welt den Frieden suchte und überall die Liebe hintrug und die Versöhnung.
Verstimmt ging er zum Abendbrot. Er hatte die Aufsicht in dem Speisesaal und schritt langsam zwischen den Tischen hin. Bei jenem, an welchem Vogel saß, blieb er stehen, und redete mit den tschechischen Alumnen hier in freundlicher Weise. Ehe er weiter ging aber fragte er mit gewinnender Sanftmut und Milde, ob es nicht anginge, daß während des Essens deutsch gesprochen werde, damit auch Vogel am Gespräch teilnehmen könne. Die Seminaristen senkten die Köpfe, einige sahen ihn beinahe spöttisch an, und da er weiterschritt, hörte er, wie man tschechisch hinter ihm drein redete: Der Fanatismus war größer als die Liebe!
Am nächsten Mittag hatte er Vogel einen anderen Platz verschafft. -- Die Sommerferien, während welcher sich die meisten der Alumnen in ihre Heimat begaben, so daß es in den Räumen des Seminars noch stiller, wie gewöhnlich war, hatte Peter in Prag zugebracht. Er hatte die ihm gegönnte Muße zu wissenschaftlichen Arbeiten benützt und bereitete sich zur Erlangung des theologischen Doktorgrades vor. Nach acht stillen Wochen kehrten die Seminaristen zurück, und das frisch pulsierende Leben brachte wenigstens vorübergehend einen neuen Reiz. Auch Vogel war gekommen und hatte Grüße von Peters Mutter und Schwester, welche dieser mit einem einfachen Danke! entgegennahm.
Das neue Semester an der Hochschule begann, und der junge Adjunkt hatte die Freude, für einen beurlaubten Professor eintreten und Vorträge aus dem Kirchenrecht halten zu können; dadurch stieg er bei den Alumnen im Ansehen, und selbst die Tschechen begegneten ihm jetzt höflicher und bescheidener als zuvor.
Es war an einem Samstag Nachmittag. Die Seminaristen befanden sich zum Teil in einem der Höfe und verkehrten hier gruppenweise. Auf einer Bank in der Ecke unter einem der wenigen Sträuche saßen drei junge Leute neben einander. Der eine war Vogel, der andere hatte das Ordenskleid der Kapuziner, die braune, härene Kutte mit dem weißen Strick um die Lenden gegürtet, und der Dritte, ganz in Schwarz gekleidet, trug eigentlich gar kein geistliches Abzeichen, obgleich auch er Student der katholischen Theologie war. Er war aus dem auf der Kleinseite gelegenen Wendischen Seminar, in welchem zumeist aus der sächsischen Lausitz stammende Angehörige der Bautzener Diözese Aufnahme fanden. Er hieß _Stahl_ und war ein hübscher Mensch mit frischen Wangen und feurigen dunklen Augen, dem das gelockte Haar gar keinen geistlichen Anstrich gab. Der junge Kapuziner, Frater _Severin_, war eine Art Heimatgenosse Vogels; er stammte aus einem Dorfe in der Nähe der kleinen Stadt, in der auch Peter daheim war, und hatte den Alumnus schon manchmal besucht; Stahl hatte sich an diesen angeschlossen, weil er im theologischen Hörsaal zufällig neben ihn zu sitzen kam, und weil er ein Deutscher war.
Severin spielte mit den Fingern an den Knoten seines Gürtels und sagte mit einem tiefen Atemholen:
»Heute in drei Wochen habe ich meine Profeß, dann bin ich für immer an die braune Kutte gebunden!«
»Es paßt Ihnen wohl nicht ganz recht?« fragte Stahl.
»Wie man's nimmt. Einerseits ist's gut, wenn man sich dem Orden für alle Zeit verpflichtet und endgültig weiß, wie man in seinem Leben dran ist; andererseits aber faßt einen doch ein bängliches Gefühl. So lange man noch denken kann, daß man es jeden Tag in der Hand hat, das Ordenskleid abzulegen, lebt man so in den Tag hinein, aber wenn das entscheidende Gelübde abgelegt ist, und es kein Zurück mehr giebt, fürchte ich, daß das Wort: ›Das Ordensleben ist der schwerste Kriegsdienst,‹ erst zur vollen Wahrheit wird.«
»Du hast aber doch freiwillig Deinen Stand gewählt, Severin,« bemerkte Vogel.
»So ganz und gar nicht. Meine Eltern sind arme Leute, und ich habe mich auf dem Gymnasium jammervoll durchschlagen müssen, sodaß ich froh war, als ich sechs Klassen hinter mir hatte und nun den ersten besten Ausweg ergreifen konnte, ein Kapuziner oder Franziskaner zu werden. Das Klösterchen in Deiner Vaterstadt hat etwas so Trauliches und Idyllisches, daß ich als Junge mir gar nichts anderes gewünscht hatte, als einmal drin zu wohnen, und mit einem langen Barte ehrwürdig in dem schönen Garten desselben spazieren gehen zu können. Na, und meine Mutter war ja glücklich darüber, daß ich die braune Kutte nahm, und sie wäre _sehr_ unglücklich, wenn ich sie ablegte; ich darf schon der alten Frau nicht die Freude verderben.«
»'s ist bald wie bei mir,« brummte Stahl und wippte lebhaft mit seinem Fuße auf dem Boden, ein Beweis, wie ihn das Gespräch erregte. »Halb zog sie ihn, halb sank er hin, da war's um ihn geschehen -- die »sie« ist nämlich meine Stiefmutter. Mein Vater ist sehr fromm erzogen worden, einige Verwandte von mir sind Priester, teilweise in sehr angesehenen Stellungen, und da fand es denn meine liebe Stiefmutter im Interesse ihrer eigenen drei Kinder sehr zweckentsprechend, daß ich Theologe werde, und da mein Vater ihr gegenüber ein schwacher Mann ist, und meine geistlichen Vettern auch noch in die Kohlen bliesen, so bin ich -- der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe -- hier ins Wendische Seminar gekommen. Lieber wär' ich Maler geworden, und ich glaube, ein wenig Talent hätt' ich dazu. Aber ich durfte keine richtige Anleitung bekommen, damit mich die Kunst nicht auf Irrwege bringe, und so verschmiere ich denn jetzt, ganz meinem Genius folgend, ab und zu ein Stück Leinwand. Vogel, ich denke Sie sind der Glücklichste von uns Dreien?«
»Niemand ist glücklich vor seinem Ende!« sagte halb heiter, halb elegisch der Alumnus, und Stahl bemerkte:
»Das hat wohl der selige Krösus gesagt, oder Solon, na ob der nach seinem Ende glücklich war, darüber sind wohl die Kirchenväter auch nicht einig ... aber was gaffen denn die da uns an, als wenn sie dafür bezahlt hätten?«
Die letzte Wendung galt einigen Alumnen, die in die Nähe gekommen waren, und mit unverkennbar spöttischen Gesichtern nach den drei Freunden blickten. Jetzt sagte der eine ganz vernehmlich in deutscher Sprache:
»Das ist die deutsche Dreifaltigkeit!«
»Ach bewahre, die deutsche Einfältigkeit!« sprach der andere und beide lachten. Aber nur einen Augenblick, denn blitzschnell war der heißblütige Stahl vorgesprungen und hatte dem zweiten eine schallende Ohrfeige versetzt. Dieser schrie zornig auf und warf sich gegen den Angreifer, Vogel und Severin traten abwehrend dazwischen, aber schon lockte der Lärm die andern Seminaristen herbei, die im Hofe waren, und ehe noch alle recht wußten, was geschehen war, wurde es schon recht laut. Da stand mit einmal Peter Frohwalt, welcher die Aufsicht hatte, zwischen den Streitenden und deren geballten Fäusten.
»Was giebt's denn?« fragte er.
»Ich habe dem Herrn da eine Maulschelle versetzt, weil er uns Deutsche ohne jede Veranlassung beleidigt hat.«
Die Tschechen schrieen dazwischen, und der Adjunkt hatte zum ersten Male Gelegenheit, seine volle Autorität zu zeigen.
»Es ist auf beiden Seiten gefehlt worden,« sagte er ernst, »und ich werde veranlassen, daß auch beiderseits eine Sühne geleistet werde. Sie, Kubik«, sagte er zu dem Tschechen, »gehen sofort hinauf, das Weitere wird sich finden, und betreffs Ihrer Person, Herr Stahl, werde ich mit dem Herrn Rektor des Wendischen Seminars Rücksprache nehmen!«
Die tschechischen Alumnen murrten noch da und dort halblaut, aber als das klare Auge des jungen Priesters, der sich hoch aufgerichtet hatte, sie scharf ansah, duckten sie scheu und schweigend nieder; Hans Stahl aber machte dem Adjunkten eine stumme und durchaus respektvolle Verbeugung und entfernte sich.
Zwei Tage später erhielt er von seinem Rektor eine strenge Vermahnung wegen grober Verletzung der theologischen Sitte und des geistlichen Anstands.
Sechstes Kapitel.
Es war ein Sonntag zu Anfang des Oktober. Der Himmel machte kein besonders freundliches Gesicht, und der Wind peitschte einen Regenschauer nach dem andern durch die Gassen der böhmischen Hauptstadt. Die vielen Kirchen waren wenig besucht und ihre Hallen sahen bei dem grauen, unfreundlichen Wetter trübe drein.
Am Pořič, wo die Straße hinabführt nach der schönen Franz-Josefs-Brücke, steht das kleine Kloster zum heiligen Josef. Hier sind Kapuziner daheim, und die freundliche Kirche wird von Andächtigen besonders gern besucht, denn das Volk hat zu den bärtigen Bettelmönchen mit ihrem schlichten Wesen von altersher eine gewisse Zuneigung. Auch heute sind die heiligen Hallen trotz des schlechten Wetters ziemlich gefüllt, denn die Kunde, daß ein junger Bruder seine Profeß ablegen werde, war immerhin bekannt geworden, und so lockte neben der Frömmigkeit auch die Neugier.
Mit gelbem, müdem Lichte flackerten die Kerzen vor dem Hochaltare, rötlich schimmerte der Schein der ewigen Lampe, und die Orgel klang schwertönig und stimmungsvoll. Vor den Stufen des Altars aber lag Frater Severin in seiner braunen Kutte mit dem Angesicht zur Erde gebeugt, während der Brüder ernster Gesang über ihn hin erklang. Dann sang er selbst mit seltsam zitternder Stimme:
»~Suscipe me Domine secundum eloquium tuum et vivam et non confundas me ab expectatione mea.~«[5]
[5] Nimm mich auf, o Herr, nach Deiner Verheißung und ich werde leben.
Im ernsten Chor erklang die Antwort und noch zweimal mit stets erhöhter Stimme sang der junge Professe. Dann erhob er sich und ging langsam die Stufen des Altars hinan, vor welchem in einem Polstersessel der Provinzial des Ordens saß. Nun verlas Severin -- und seine Stimme war ungleich sicherer geworden als vorher, die lateinische Formel, mit welcher er sich dem Orden und seinen ernsten Satzungen auf Lebenszeit verband. Darauf ergriff er eine ihm dargereichte Feder und langsam schrieb er auf der Altarsplatte selbst seinen Namen unter das bedeutsame Schriftstück. Er zwang sich, ruhig zu scheinen, und nur an der Blässe des Gesichts vermochten die ihm Nahestehenden die innere Erregung zu ermessen, welche ihn ergriffen hatte.
Nun kniete er vor dem Provinzial nieder, der mit ernsten, milden Augen ihm wie in die tiefste Seele hinabsah; er legte seine gefalteten Hände in die Hände des greisen Priesters und sprach: »~Promitto obedientiam!~«[6] Dann umarmte ihn der Greis und gab ihm den Bruderkuß. Auch die andern Brüder näherten sich, und jeden begrüßte Severin in gleicher Weise mit den Worten:
[6] Ich gelobe Gehorsam.
»~Do tibi osculum verae et sincerae confraternitatis!~«[7]
[7] Ich gebe Dir den Kuß wahrer und aufrichtiger Brüderlichkeit.
Dann klang die Orgel und helle, schöne Menschenstimmen sangen von dem Chore herab. Ein freundlicher Sonnenstrahl kam wie ein tröstlicher Himmelsbote herein durch das Fenster, und Severin durchschauerte es wundersam, als ihn das himmlische Licht traf; es war ihm wie eine schöne Verheißung, daß eine höhere Macht ihm das tragen helfen wollte, was er auf sich genommen.
Niemals hatte er dem Gottesdienste in größerer Ergriffenheit beigewohnt. Nach demselben traf er im Sprechzimmer seine Eltern. Den beiden schlichten Leuten liefen die Thränen über die gebräunten Wangen, und sie drückten, ohne Worte finden zu können, den Sohn an ihre Brust. Die Mutter war besonders gerührt, und nahe daran, dem Jüngling die Hand zu küssen, welche noch nicht einmal die Weihe empfangen hatte.
Am Abend war er wieder allein in seiner kleinen Zelle, die so eng und einfach war mit dem harten Lager in der Ecke, und die im Winter nicht geheizt wurde. Das war seine Welt! Er sah an sich hinab, auf das braune, härene Gewand und den weißen geknoteten Strick, und zum ersten Male kam ihm dieser vor wie eine Fessel, mit der man ihn gebunden hatte. Die Brust wurde ihm eng, er suchte tiefer zu atmen und vermochte es kaum, so daß er mit einem Rucke das Fenster aufriß und das heiße Gesicht in den kühlenden Abendhauch hinaushielt. Aus dem trüben Regenmorgen war ein freundlicher Tag geworden. Er sah blauen Himmel und hörte von der Straße her das verhallende Geräusch der rollenden Räder, und ein leises Summen, wie es das Leben der großen Stadt verursacht. Das war die Welt, mit der er abgeschlossen hatte für immer, für die er nicht mehr vorhanden war, und die nicht für ihn dasein durfte. Was blieb ihm? -- -- Sein Brevier, um zu beten, seine wenigen Bücher -- es waren meist kirchenhistorische Werke, die er mit Vorliebe studierte -- und die Musik.
Daheim in seiner Dorfkirche hatte ihm der Lehrer Unterricht im Orgelspiel gegeben, und er hatte so schnell begriffen, daß er seinen Meister bald erreicht hatte. In Prag hatte er sich noch vervollkommnet, und in seinen Mußestunden war ihm die Orgel der liebste Freund geworden. An ihr saß er manche Stunde, indes irgend ein freundlicher Bruder, wohl auch ein Knabe, der es aus Vergnügen that, die Bälge bearbeitete. Dann klang es durch die kleine freundliche Kirche oft so weihevoll und schön, daß auch einer und der andere der Mönche herbeikam und, in einen Winkel gelehnt, lauschte. Und wegen seines Orgelspiels hatten ihn auch alle ganz besonders lieb.
An dem heutigen Tage aber trieb es ihn noch mehr als sonst, seinem Empfinden Ausdruck zu geben in Tönen, und so ging er nach dem Chore, nachdem er noch einen Laienbruder gebeten hatte, ihm den nötigen Wind zu machen. Da saß er vor dem lieben Instrument und vergaß seine Profeß und alle Welt. Die Orgelstimmen sangen so weich und so mild, aus frommen Melodieen und volkstümlich getragenen Weisen wob sich ein wundersamer Kranz von Tonbildern, und das dämmernde Abendlicht, das über dem Gotteshause lag und in welchem wie ein rotglühender Punkt das ewige Lämpchen schwankte, erhöhte den Zauber der Stimmung.
Das empfanden ganz besonders zwei Menschen, die in den hintersten Kirchenstühlen sich niedergelassen hatten. Die Kirche war wie stets des Sonntags geöffnet und der Orgelton hatte selbst manchen Spaziergänger noch gelockt, daß er durch die Pforte herein kam und das Kirchlein betrat. So waren auch diese beiden gekommen: Ein stattlicher Herr im eleganten Promenadenanzug mit geistvollem Gesichte, das ein graumelierter Vollbart umrahmte, und ein blühendes Mädchen im lichten Gewande mit dunklerem Ueberwurfe. Sie hielt den feinen, zierlichen Kopf mit den dichten braunen Flechten, die unter dem Hute reich hervorquollen, gesenkt und lauschte mit Ohr und Seele, bis endlich die Töne verklangen.
Nun erhoben sich die beiden und schritten dem Ausgange zu. In der Nähe desselben lehnte ein älterer Mönch mit wallendem Barte. Er grüßte den Herrn und dieser wandte sich zu ihm und fragte:
»Was haben Sie denn hier für einen trefflichen Orgelspieler, Herr Guardian?«
»Das ist unser Frater Severin, der heute Profeß gemacht hat, Herr Professor. Wir sind ein wenig stolz auf ihn.«
»Das dürfen Sie auch; hier ist Technik und Seele zugleich!« Der Sprecher reichte dem Priester die Hand, und schritt hinter dem Mädchen weiter, das bereits die Pforte erreichte und eben die Fingerspitzen trotz der Handschuhe in den Weihwasserkessel tauchte. Der Herr folgte diesem Beispiel und hörte wohl noch, wie hinter ihm drein ein junger Mann, der mit einem Genossen gleichfalls in die Kirche gelockt war, zu diesem sagte:
»Das ist ~Dr.~ _Holbert_, der Professor des kanonischen Rechts, mit seiner Tochter!«
»Ein reizendes Mädchen!« erwiderte der andere -- was freilich der Professor nicht mehr vernahm.
Dieser schritt mit seiner Begleiterin nach der Brücke zu, um nach der Kleinseite zu gelangen. Auf dem Wege sprach das Mädchen:
»Weißt Du, Papa, um was ich Dich zu meinem demnächstigen Namenstage bitten möchte? Ich habe ja einen Wunsch noch frei.«
Der Professor lächelte freundlich, indem er seinem Kinde den Arm bot und fragte:
»Das wäre?«
»Laß mich das Orgelspiel erlernen. Es wird mir, da ich auf dem Klavier leidliche Fertigkeit besitze, keine allzugroßen Schwierigkeiten machen, und ich liebe das königliche Instrument so ungemein: Es hat Kraft und Fülle bei Weichheit und Milde und erhebt das Herz wie kein anderes. Die Macht der Töne voll entfesseln, in gewaltigen Fugen sie einherbrausen lassen zu können, hätte für mich einen wundersamen Reiz.«
»Aber _Therese_, ich kann Dir doch keine Orgel in Deinem Zimmer aufstellen lassen,« sagte, noch immer lächelnd, der stattliche Mann. Das Mädchen aber, das sich fester an seinen Arm schmiegte, erwiderte:
»Das sagst Du doch nur im Scherz. Ich weiß, daß zur vollen Wirkung der Orgel die Räume eines Gotteshauses gehören in Rücksicht auf die Klangwirkung, wie bezüglich der ganzen Stimmung, aber Du kennst ja den Pater Guardian von St. Josef gut genug, um mir die Erlaubnis auswirken zu können, die dortige Orgel benutzen zu dürfen ...«
»Aha, der junge Virtuose hat Dir's angethan. Und Du meinst, daß derselbe Dein Lehrmeister werden könnte?«
»Weshalb nicht, Papa?« fragte sie, aber es huschte in diesem Augenblick doch ein leises Erröten über das liebliche Gesicht.
»Na, es fragt sich doch, ob der Pater Guardian dazu seine Erlaubnis geben würde.«
»Dann kann's ja auch ein anderer sein, aber nicht einer, dem die bloße Technik über alles geht; ich möchte mehr lernen als das Pedal treten und die Register beherrschen -- --«
»Ich kenne Dich, Kind -- und wir wollen sehen, was sich thun läßt!«
Sie waren über die schöne Franz Josef-Brücke gegangen und die Höhe hinangestiegen. Dann schritten sie über das grüne Belvedere hin und sahen die alte königliche Stadt zu ihren Füßen liegen mit ihren hundert Türmen und mit dem breiten Silbergürtel der Moldau. Der Abend war für die Jahreszeit besonders mild und schön, und von den zahlreichen Spaziergängern wurde der Professor häufig gegrüßt.
Jetzt kam Peter Frohwalt ihnen entgegen. Er war eine prächtige Erscheinung, der vielfach die Augen auf sich zog, hoch gewachsen, mit klarem, geistvollem Gesicht, dessen Frische noch durch den weißen Saum des Collares um den Hals gehoben schien. Als er den Hut zog, blieb ~Dr.~ Holbert einen Augenblick stehen. Er kannte den jungen Geistlichen, der ihm bei seiner Ankunft in Prag einen Besuch gemacht hatte, um ihm für die anerkennende Beurteilung seiner Schrift zu danken. Sie wechselten heute einige freundliche Worte, der Professor stellte Frohwalt seine Tochter vor, und dann schieden sie mit herzlichem Händedruck, nachdem Holbert den anderen eingeladen hatte, ihn bald einmal wieder zu besuchen.
»Ein tüchtiger Kopf!« hatte dann der Gelehrte zu Therese gesagt. »Hoffentlich behält er in der Enge seiner Verhältnisse klaren Einblick in das, was uns bei unsern Priestern notthut. Er wird jedenfalls noch im Laufe des Winters den theologischen Doktorgrad erwerben und hat Zeug dazu, eine Zierde seiner Fakultät zu werden.«
Als es anfing zu dunkeln, schritten Vater und Tochter durch die belebten Straßen heimwärts. Schon am nächsten Tage nahm der Professor Gelegenheit, mit dem Guardian von St. Josef Rücksprache zu halten wegen des Wunsches seiner Tochter. Der war gern bereit, dem berühmten Gelehrten, welcher außerdem in kirchlichen Kreisen besonders hohen Ansehens sich erfreute, gefällig zu sein; selbstverständlich sollte Therese die Orgel benützen dürfen nach Belieben -- nur betreffs des Lehrmeisters --
Der alte Herr strich sich mit beiden Händen abwechselnd durch seinen wallenden Bart.
»Ich weiß, Hochwürden, was Sie meinen,« sprach ~Dr.~ Holbert; »es thut nicht gut, Feuer und Zunder zusammen zu bringen, aber Sie müssen Ihren Frater Severin kennen. Für meine Tochter sage ich gut: Therese ist lediglich erfüllt von musikalischem Interesse und wird jedes Wort vermeiden, das nicht damit zusammenhängt, aber in Versuchung führen möchte ich den jungen Bruder nicht -- --«
»Hm, hm -- ich halte Severin für eine ernste und tüchtige Natur, die nicht leicht einen Schritt vom Wege weicht. Außerdem geht auch ihm die Liebe zum Orgelspiel über alles, und ich glaube, er würde glücklich sein, einen Schüler oder eine Schülerin zu haben. Wir wollen's versuchen -- vorausgesetzt, daß er einverstanden ist; denn hier hört die Forderung des Gehorsams auf -- und dabei die Vorsicht nicht außer acht lassen. Ich will, scheinbar aus Interesse am Unterricht, ab und zu dabei erscheinen, und wenn ich Unrat wittere, machen wir der Sache unverzüglich ein Ende.« Severin wurde gerufen. Anfangs war er einigermaßen verlegen, da er vernahm, um was es sich handle, aber nicht, weil es eine junge Dame war, die in Frage kam, sondern weil er seiner Begabung als Musiklehrer nicht genügend vertraute. Doch empfand er Freude bei dem Gedanken, jemanden im Orgelspiel unterrichten zu sollen, und er ging darauf ein.
Und nun kam Therese wöchentlich eine Stunde in die kleine Kirche. Als der Guardian zum ersten Male die beiden jungen Leute einander vorstellte, war Severin linkisch und schüchtern; er fühlte sich in der braunen Kutte etwas unbeholfen und hätte -- er wußte selbst nicht recht warum, den Unterricht lieber in der Laientracht erteilt. Das junge Mädchen dagegen mit seinen feinen, sicheren Formen fand ohne weiteres den rechten Ton: Freundlichkeit ohne Vertraulichkeit, Anmut ohne Koketterie, klare Verständigkeit ohne Vorkehren der Ueberlegenheit in den Umgangsformen, das war es, was der Guardian für sich selbst an ihr rühmte, und was ihn um Severins willen mit großer Beruhigung erfüllte.
Für diesen aber waren es schöne Stunden, wie er sie in seinem Leben bis dahin nicht gekannt hatte, wenn er, mit voller Seele bei seinem Spiel, sah, welch' eine gelehrige Schülerin er gefunden hatte, und wenn diese schlanken weißen Finger so kraftvoll in die Tasten griffen, während er selbst, je nach der Stimmung, die Register zog, schien ihm das Instrument, dem er lange genug vertraut geworden war, immer neue Vorzüge und Schönheiten zu entwickeln.
Der Guardian war ab und zu anwesend gewesen während dieser Stunden, und überzeugte sich mehr und mehr, daß ausschließlich die Freude an der Musik die beiden jungen Herzen erfüllte, und so gab er sich selbst gern dem Genusse hin, welcher in der Beobachtung lag, wie der junge Lehrer zu geben, die Schülerin aufzunehmen verstand.