Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 9
So lief der Herbst in den Winter hinein, und eines Tages erhielt Peter ein Schreiben aus der Heimat, in welchem Freidank ihm in bescheidener und höflicher Weise anzeigte, daß er noch vor der Adventszeit sich mit Marie vermählen und daß die Hochzeit in der kleinen Kirche zu **dorf in aller Stille stattfinden werde. Für den Adjunkten war es klar, daß seine Schwester bereits Protestantin geworden war, obgleich man ihm dies nicht mitgeteilt hatte, und der Gedanke daran ergriff ihn so mächtig, daß er sich der Thränen nicht erwehren konnte; es war ihm, als wäre Marie gestorben, und nach seiner Meinung war das, was sie gethan hatte, schlimmer als der Tod. Darein mischte sich zu dem Schmerze der Zorn; er zerriß den Brief Freidanks in kleine Stücke, die er in das flackernde Ofenfeuer warf und mit diesem symbolischen Thun riß er nach seiner Absicht alle Fäden entzwei, welche ihn an seine Schwester knüpften; der ihm aufgezwungene Schwager war überhaupt nicht für ihn vorhanden.
Er suchte seine Gedanken abzulenken und ging nach dem Krankenzimmer des Seminars, in welchem seit einiger Zeit Vogel nicht unbedenklich an Brustfellentzündung darniederlag. Peter Frohwalt hatte eine Zuneigung für den Jüngling, die nicht bloß auf dem landsmännischen Verhältnis beruhte, sondern in dem ganzen ehrlichen, frischen und berufsfreudigen Wesen des Alumnus begründet war, und er hatte sich deshalb während der Erkrankung seiner mit besonderer Liebe und Sorgfalt angenommen, und war täglich wiederholt gekommen, um nach ihm zu sehen.
Diesmal traf er mit dem Arzte zusammen. ~Dr.~ Otto war ein kleiner, lebhafter alter Herr, immer freundlich und liebenswürdig, dessen Besuch allein schon günstig auf seine Patienten wirkte; er hatte etwas Herzliches und Ermutigendes, und so leuchteten auch die Augen Vogels frischer, und auf seinem jungen Gesichte lag Zuversicht der Genesung.
Der Arzt versicherte auch Frohwalt, den er mit warmem Händedruck begrüßte, daß es nun mit der Gesundung rasch vorwärts gehen werde, und da er sich entfernt hatte, setzte sich der Adjunkt neben dem Bette des Kranken nieder. Es war zur Zeit kein weiterer Patient im Raume, und Vogel konnte ganz dem Zuge seines Herzens folgen. Er ergriff in aufwallender Freude und Dankbarkeit die Hand des Adjunkten und küßte sie innig.
»Sie haben mir so viel Liebes und Gutes gethan, Hochwürden, wie einem Bruder -- das vergesse ich Ihnen in meinem ganzen Leben nicht.«
Peter Frohwalt suchte den Erregten zu beruhigen, aber seiner eigenen gedrückten Seele that die Liebe und die Dankbarkeit des Jünglings wohl. Er verließ denselben heiterer, als er gekommen war. Aber da er langsam durch den Korridor hinschritt, klang ihm fortwährend ein Wort in den Ohren, eine mahnende Stimme, von der er nicht wußte, woher sie kam:
»Wer Liebe säet, wird Liebe ernten!«
Sollte er nicht doch auch in der Heimat Liebe säen, in den Herzen seiner Schwester und Freidanks? -- Wenn ihm der Fremde so dankte, wie würden dies erst die Seinen thun! Und wieder kam das alte Unbehagen über ihn, als er sein Gemach betrat, und er griff nach seinen Büchern, um über seinem Studium zu vergessen, was seine Seele quälte.
Er wurde indessen gestört durch einen Besuch, welchen er wohl kaum erwartet hatte. An der Thüre hatte es gepocht wie mit einem zaghaften, unsicheren Finger, und auf sein »Ave!« trat der alte Pfarrer von Nedamitz ein. Frohwalt freute sich, ihn zu sehen, und war doch erschrocken. Der Mann sah nicht gut aus. Sein Haar schien in der kurzen Zeit, seit ihn der Adjunkt nicht gesehen hatte, spärlicher und bleicher geworden zu sein, die hagere Gestalt war zusammengebeugt, und die Augen lagen glanzlos und tief in dem fahlen Gesichte.
Peter hatte ihm sogleich einen Sitz angeboten. »Was führt Sie einmal aus Ihrer ländlichen Idylle in die große Stadt?« frug er.
»Es ist aus mit der Idylle, Herr Adjunkt« -- sagte der alte Priester mit einem wehmütigen Lächeln -- »ich bin abgesägt worden.«
Frohwalt sah den zusammengesunkenen Mann mit dem ungesunden Gesichte und den schwimmenden Augen teilnahmsvoll an, und dieser fuhr fort:
»Barbara ist gestorben, ziemlich schnell und ohne lange Krankheit; der Herr geb' ihr die ewige Ruhe; sie hat ihre Schwächen gehabt, aber sie war ein tüchtiges Weibsbild. Und nach ihrem Tode habe ich wohl wieder ein wenig mehr ab und zu getrunken, als gut war. Ihr Nachfolger war ein lebenslustiger Herr, der auch etwas leisten und vertragen konnte, und wir haben so manchmal bis in die Nacht hinein gesessen. Recht war's ja nicht, und ich hätte auch den Verstand für uns alle beide haben müssen. Wenn Sie in Nedamitz geblieben wären, wär's auch nicht so weit gekommen. Ich glaube, der Gemeindevorstand hat zuletzt den Vikar auf mich gehetzt, und da ich beim hochwürdigen Konsistorium nicht gerade gut angeschrieben war, haben sie mich pensioniert. Die Pension -- zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben -- ist erbärmlich klein, und wenn ich auch nicht viel brauche, so ist's doch nicht zum Auskommen. Darum komm' ich zu Ihnen, um Sie zu bitten, mir, falls Sie Gelegenheit haben, einige Meßgelder zuzuwenden.«
Der alte Mann seufzte und wischte sich mit seinem blau- und rotgewürfelten Taschentuche die feuchten Augen.
»Das thut mir leid, Herr Pfarrer, daß wir uns so wiedersehen,« sagte nun der Adjunkt, den, wenn er auch in all dem Gehörten eine gerechte Fügung erkannte, doch das Mitleid ergriffen hatte. »Ich werde mich gerne bemühen, Ihnen etwas zuzuwenden. Vielleicht gelingt es auch, Sie einem der Herren ~Canonici~ als Vikar zu empfehlen -- freilich müssen Sie Ihre Lieblingsneigung, Ihre Schwäche will ich lieber sagen, bekämpfen.«
»Mit leerem Beutel wird sich das leicht machen lassen,« sprach beinahe bitter, mit einem Lächeln um die schlaffen, herabgezogenen Mundwinkel der Pfarrer -- »und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie etwas thun wollten.«
»Wissen Sie was?« sagte Frohwalt in einer augenblicklichen milden Regung, denn wiederum klang ihm das Wort vom »Liebe säen« in der Seele -- »ich habe heute vormittag Zeit, wir gehen gleich jetzt mit einander zum Herrn Kanonikus Kupetz, den ich persönlich ziemlich gut kenne, und der ein freundlicher und wohlwollender Herr ist.«
»Na, wenn Sie meinen -- ich bin zwar den Domherren immer lieber aus dem Wege gegangen, aber wenn ich mich vorstellen soll, ist mir's doch lieber, ich habe Sie zur Seite und Sie reden für mich.« --
Bald darauf schritten die beiden Geistlichen über die Karlsbrücke. Es war ein herrlicher Wintertag, mild und klar, und die gelblichen Wellen des Flusses rollten, frei von der Eisfessel, unter ihnen hin und brachen sich an den mächtigen Strebepfeilern. Im Sonnenglanze lag der prächtige Hradschin da mit seinem weithin gedehnten, hundertfenstrigen Königsschlosse, mit dem stattlichen Bau des adeligen Damenstifts, das ehedem der Palast des berühmten Hauses Rosenberg war, und mit dem rötlichen Gemäuer des massiven Palais Lobkowitz, welches die schwerfälligen beiden Türme des alten St. Georgklosters überragten, über welche der mit einer unpassenden Haube versehene Turm des herrlichen St. Veitdomes noch hinwegsah. Es war ein prächtiges Bild, das scharf sich abgrenzte von dem klaren Winterhimmel, und das selbst dem Pfarrer, der lange nicht in Prag gewesen, eine Aeußerung des Wohlgefallens entlockte.
Sie schritten über den Kleinseitner Ring, an dem schönen Denkmal des Feldmarschalls Radetzky vorüber und gingen langsam die steile Spornergasse hinauf. Bei einem grauen, schmalbrüstigen Hause in der Nähe der Liguorianer blieb der Pfarrer einen Augenblick stehen und sagte: »Hier wohne ich, in dem dritten Stockwerk nach hinten hinaus -- wenn Sie mich ja einmal besuchen wollten. Ich hab's nicht geräumig und auch nicht gerade freundlich -- die Aussicht geht auf die Dächer -- aber ein alter abgesägter Priester darf nicht viele Ansprüche machen.«
Sie gingen weiter und kamen an dem erzbischöflichen Palais vorüber nach jener stattlichen Häuserreihe, welche sich an dem freundlichen, mit grünen Anlagen versehenen Platze hinzieht, und die der Volkshumor die »Gimpel- (Dompfaff-) Allee« zu nennen pflegt. Hier wohnen die Mitglieder des fürsterzbischöflichen Domkapitels, jeder in einem besonderen Hause.
Wieder blieb der alte Pfarrer stehen, sah zu den spiegelnden Fensterscheiben der vornehmen Häuserfront, deren Eingangsthüren meist mit der Mitra geschmückt waren, und sprach seufzend:
»Sehen Sie, der Herr Domprobst bezieht jährlich dreißigtausend, ein Kanonikus etwa zwölftausend Gulden -- was machen die Herren mit dem vielen Gelde?«
»Sie müssen bedenken, daß ihre Stellung im Interesse des Ansehens der Kirche höhere Einkünfte verlangt.«
»Na, die Apostel haben's aber doch auch nicht gehabt!« sagte der Pfarrer mit halb humoristischer Bitterkeit, die seinem schlaffen Gesichte einen beinahe weinerlichen Zug verlieh.
An einem der Häuser zog Frohwalt an dem Klopfer. Ein Glockenton erklang, und gleich darauf erschien ein junges, schmuckes Dienstmädchen mit weißer Schürze, das, nachdem es erklärt hatte, daß der Herr Kanonikus zu Hause sei, die beiden durch einige Zimmer bis nach einem kleinen Salon führte, wo sie einstweilen warten sollten. Hier zeugte alles von Eleganz und Bequemlichkeit; die ganze Wohnung war vornehm: Polstermöbel mit reichen Ueberzügen, hohe Spiegel, Erzeugnisse der Malerei und Bildhauerei, ausländische Pflanzen und Vögel ...
Der schlichte, alte Landpfarrer sah sich um, wie in einer fremden Welt, und wagte nicht, sich in einen der sammtnen Fauteuils zu setzen. Das war anders als im Nedamitzer Pfarrhause. Er seufzte halblaut und sagte nun flüsternd zu seinem Begleiter:
»Der hier hat keine Not und keine Sorgen!«
»Wer weiß?« erwiderte Frohwalt, aber als ob er Lügen gestraft werden sollte, so klang jetzt nebenan helles Lachen von Frauenstimmen und das Klingen von Weingläsern. Darauf folgte das Rücken eines Stuhles, und gleich darauf kam durch die Flügelthüren der Kanonikus herein. Er war ein kleiner, wohlbeleibter Herr mit einem geröteten Gesicht, das mit seinem Doppelkinn, seinen hängenden Wangen und den kleinen, gutmütigen Augen recht wohlwollend aussah. Er trug einen schwarzen Gehrock und um den Hals das violette Collare; an der Weste waren einige Knöpfe geöffnet -- er schien sich eben vom Frühstück erhoben zu haben.
Der Domherr war nicht unfreundlich; er forderte die beiden auf, sich niederzulassen und hörte mit einem gewohnheitsmäßigen Lächeln um den breiten Mund dem Adjunkten zu, der in warmen Worten ihm den Pfarrer empfahl und anfrug, ob nicht vielleicht eine Vikarstelle erledigt sei.
Der Kanonikus ließ seine Augen auf dem Gesichte des Pfarrers ruhen; er schien sich zu erinnern, warum dieser seines Amtes enthoben war; der letztere wagte übrigens selbst gar nicht zu sprechen, und so entstand eine kleine Pause. Der Herr des Hauses zog eine wertvolle Tabakdose hervor, spielte ein wenig mit derselben, nahm darauf mit zwei Fingern behäbig eine Prise heraus und bot das blinkende Gefäß leutselig den beiden andern, welche dankend ablehnten. Nun erst sagte er:
»Es trifft sich gut, und ich will einmal annehmen, daß Sie der Himmel mir schickt, Herr Pfarrer. Mein Vikar, der an meiner Stelle das kirchliche Gebet im Dom verrichtet, wenn ich verhindert bin, ist gestern vom Schlage gerührt worden und wird wohl nicht mehr werden. Ich will Ihnen seine Stelle übertragen und Ihnen dieselbe Entschädigung geben. Ich weiß, daß Sie es brauchen können. Aber« -- fügte er lächelnd und mit erhobenem Zeigefinger bei -- »über die kleine Schwäche, -- na, Sie wissen schon -- müssen Sie wegkommen!«
In das fahle, schlaffe Gesicht des Pfarrers war eine Röte gestiegen, vielleicht der Freude, vielleicht der Scham, und er stammelte einige Dankesworte. Der Kanonikus teilte ihm kurz noch das Weitere mit, und dann verabschiedete er die beiden Besucher mit dem Bemerken, daß er den Geburtstag seiner Schwester feiere.
Frohwalt schritt mit seinem Begleiter langsam über die weichen Teppiche; auf dem Flur begegneten sie einer hochgewachsenen Dame in dunklem Seidenkleide, die ihren Gruß steif herablassend erwiderte, und wenige Augenblicke später standen Sie unter den grünen Bäumen vor dem Hause.
Jetzt wurde der Pfarrer in der Freude seines Herzens gesprächig und redete von vergangenen Tagen, von seiner Dankbarkeit und fragte auch nach dem »Vetter Martin«, den er gern einmal wiedersehen möchte, und dessen Adresse er sich ausbat. Die konnte der Adjunkt ihm nicht geben, denn der Alte war bereits auf einer seiner Wanderungen, wie er von Vogel erfahren hatte, und diesmal noch nicht einmal in das alte heimatliche Winterquartier zurückgekommen.
Sie gingen langsam wieder die Spornergasse hinab, und vor dem grünen Hause, in welchem der Pfarrer wohnte, sagte derselbe:
»Wollen Sie nicht einen Augenblick mit heraufkommen, damit Sie wenigstens sehen, wo ich stecke.«
Frohwalt ging mit. Durch einen dunklen Flur kamen sie auf einen schmutzigen Hof, und im Hintergebäude stiegen sie eine enge Treppe hinauf, dumpfiger Geruch erfüllte die Räume, Kindergeschrei erscholl aus einigen Wohnungen, und im obersten Stockwerk war die Behausung des Pfarrers. Er öffnete die Thür und ließ seinen Besuch eintreten.
»'s ist nicht ganz wie beim Herrn Kanonikus!« sagte er mit einem Anflug wehmütigen Humors, und der Gegensatz, den er hervorheben wollte, war allerdings groß genug. Das Wohnzimmer, an das noch ein kleiner Alkoven stieß, war klein, und trotz der beiden Fenster nicht hell, denn diese gingen nach dem Hofe. Die Möbel waren beinahe ärmlich, und das wurmstichige Kanapee mit dem geblümten Kattunüberzuge ächzte, als sich Frohwalt darauf setzte.
»Ich habe meine Möbel verkauft,« sagte der Pfarrer; »der Transport hätte mich zuviel gekostet, und die da thun's ja auch für mich. Nur Einiges vom Hausgerät, das mir besonders lieb war, habe ich mitgenommen.«
Der Blick des Adjunkten fiel eben jetzt auf den wohlbekannten Zinnkrug, der von einem alten Schrank herabgrüßte, und er hätte gewünscht, daß derselbe mitsamt den Möbeln in Nedamitz geblieben wäre. Er hielt sich nicht lange auf in dem Raume; die Luft war muffig und lag ihm auf der Brust: Es war eine Mischung von Tabaksqualm und Kohlendunst.
Er war froh, als er langsamen Schrittes unter dem klaren Winterhimmel über die Brücke nach der Altstadt zurückkehrte. Bei dem Brückenturm begegnete er Professor Holbert, an dessen linker Seite Hans Stahl mit dem Ausdruck des Stolzes in dem frischen Gesichte einherschritt. Der erstere kam auf ihn zu und sagte ihm mit einem Händedruck:
»Sie sind mir noch immer einen Besuch schuldig, Hochwürden. Wie wäre es denn nächsten Sonntag nachmittag zu einer Tasse Kaffee? -- Meine Tochter würde sich gleichfalls freuen.«
»Ich komme, wenn Sie gestatten, Herr Professor!«
»Schön -- also, auf Wiedersehen!«
Und der Professor schritt mit Hans Stahl weiter nach dem Franzensquai, während der Adjunkt sich nach dem Seminar wandte.
Siebentes Kapitel.
Professor Holbert wohnte in der Zeltnergasse, nicht weit vom Pořič. Einfache Vornehmheit zeichnete die Räume aus, welche er innehatte, und das entsprach völlig seinem eigenen Wesen. Abhold jedem Prunk und Schein, gerade und ehrlich in Wort und Wirken, verschmähte er das Gehaltlose und Unechte auch in seiner Wohnung, und die geschnitzten Möbel, die wenigen aber trefflichen Bilder, die künstlerisch vollendeten Büsten, und die ganze Anordnung im allgemeinen zeugten von gediegenem Geschmack und von wohnlicher Behaglichkeit zugleich, so daß jeder Besucher sich bei ihm wohl fühlte, zumal er mit ungezwungener Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit empfangen wurde. Seine Gattin hatte der Professor seit einigen Jahren verloren, und Therese mußte ihm die Hausfrau ersetzen. Dazu besaß sie alle Fähigkeit: Klarheit des Geistes und Umsicht, gefälligen Schliff der Umgangsformen und Sinn für alles, was Anmut und Behagen in die Häuslichkeit zu bringen vermochte; der Professor nannte sie den Sonnenschein seines Hauses. Und dabei war sie noch jung, etwa neunzehn Jahre alt.
Es war der Sonntag, für welchen ~Dr.~ Holbert den Adjunkten eingeladen hatte. Der Nachmittag war unfreundlich, Schneeschauer verfinsterten die Gasse, und manchmal schlug der Wind sausend gegen die Fenster, daß sie leise klirrten. Im wohlgewärmten Salon aber war es hier ungemein traulich und behaglich. Frohwalt war gekommen, herzlich begrüßt, wie es Brauch in diesem Hause war, und lernte zunächst noch einen Gast kennen, einen jungen Arzt, ~Dr.~ Moritz _Haller_, einen hübschen und, wie es schien, weltgewandten Mann mit etwas blasierten Manieren, der behaglich, wie wenn er hier zu Hause wäre, in einem Fauteuil beim Kamin saß, in einem bildergeschmückten Reisewerke blätterte und zu den Bildern seine Bemerkungen machte, worin er sich auch durch die Ankunft Frohwalts nicht stören ließ.
Diesen nahm der Professor in Beschlag, und während er sich mit ihm über eine kirchenrechtliche Frage unterhielt, welche den Adjunkten interessierte, plauderte der Doktor mit der Tochter des Hauses, wobei sich manchmal seine Stimme zu halbem Flüstern dämpfte.
Gewinnend schien der letztere dem jungen Geistlichen nicht, zumal er im Laufe des Nachmittags sich fortwährend bemühte, eine Art geistiger und gesellschaftlicher Ueberlegenheit herauszukehren, die er in letzterer Beziehung zweifellos, in ersterer nicht unbestritten besaß. Der Professor wußte indes geistvoll und gewandt allen etwaigen Unannehmlichkeiten die Spitze abzubrechen, so daß die allgemeine Stimmung keine Trübung erfuhr.
Es hatten sich noch zwei Gäste eingefunden: Frater Severin als Lehrer Theresens im Orgelspiel und Hans Stahl, der mit seinem weißen Stehkragen und der koketten schwarzen Schleife, sowie mit dem ganzen frischen und lebendigen Wesen nicht den Eindruck eines katholischen Theologen machte. Sein Vater und der Professor waren Jugendbekannte, und so hatte der Jüngling Eingang im Hause des Letzteren gefunden. Er bewegte sich gesellschaftlich sicher und gewandt, mit einigermaßen burschikosem Anstrich, der aber nichts Rohes und Verletzendes hatte, wogegen der junge Kapuziner, dem solche Gesellschaft fremd war, sich einigermaßen befangen fühlte.
Aber auch einem solchen Gaste wußte der Professor gerecht zu werden, indem er die Musik ins Feld führte. Er veranlaßte Therese, sich an den Flügel zu setzen, und unter den gewandten Fingern perlte in köstlicher Reinheit eine Mozartsche Sonate hervor, und die Augen des jungen Mannes begannen zu leuchten. Er hatte sich, alles andere vergessend, zurückgelehnt in seinem Sitze, und hielt die Blicke unverwandt auf die weißen, schlanken Mädchenhände gerichtet, welche auf den glänzenden Tasten meisterten, und da das Stück endete, that er einen tiefen Atemzug. ~Dr.~ Haller und Hans Stahl sprachen, der erstere in etwas überschwänglicher Weise -- ihr Lob aus; auch Frohwalt äußerte sich in gleichem Sinne, der junge Kapuziner aber sagte mit einem tiefen Erröten nur:
»Ich danke Ihnen, Fräulein.«
Nun begann Therese zu singen. Sie hatte einen volltönigen, milden Alt, der ungemein wohlthuend klang, und das schlichte Lied im Volkston gewann dabei einen herzgewinnenden Ausdruck. Es war die Ballade von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten
-- das Wasser war viel zu tief.
~Dr.~ Haller spielte die Begleitung, gewandt und feinsinnig, Hans Stahl aber lehnte an der Fensterbrüstung und sah mit flimmernden Augen nach den beiden hin. Severin jedoch sank wieder tiefer in seinen Sitz und hielt den Kopf gesenkt, als ob er träume. Seine Seele war voll von seltsamen Empfindungen, wie er sie niemals gehabt hatte; er hätte jauchzen und zugleich weinen mögen.
Dann sang auch Hans Stahl, der einen frischen Tenor hatte, wenig geschult, aber klangvoll; es war das Mendelssohnssche:
Leise zieht durch mein Gemüt, Liebliches Geläute -- -- Klinge, kleines Frühlingslied, Kling' hinaus in's Weite!
Vor den Fenstern sang der Wintersturm, um so anmutender wirkte der Frühlingsgruß:
Wenn Du eine Rose schaust, Sag' ich laß sie grüßen!
Dann setzten sich das Mädchen mit ~Dr.~ Haller und Stahl zusammen an den kleinen Tisch bei dem Kamin, in der Nähe des Fensters aber saßen die drei andern. Hier wurden wissenschaftliche Fragen behandelt, und dem jungen Kapuziner war es ein Genuß, die anderen beiden sprechen zu hören; nur als eine kirchengeschichtliche Frage gestreift wurde, wagte auch er einige Worte dazwischen zu werfen, die den Beweis lieferten, daß er auf diesem Gebiete wohl daheim war.
Da es zeitig dunkelte an dem Nachmittage, waren die Gaskronen angezündet worden, die ein freundliches Licht durch den behaglichen Salon ausgossen und den traulichen Eindruck desselben noch erhöhten. Leuchtender hob sich das helle Gewand des Mädchens von den dunklen Anzügen der Herren, sowie von dem tiefblauen Sammtbezug ihres Sitzes ab, und das Bild am Kamin war zum Malen hübsch.
Die drei jungen Leute blätterten in einer Mappe, die in photographischen Nachbildungen Meisterwerke der Malerei enthielt. Auch hier liebte es ~Dr.~ Haller, einen lehrhaften Ton anzuschlagen, wie einer, der gewohnt ist, mit unantastbarer Sicherheit über Kunstleistungen abzuurteilen. Hans Stahl hatte ab und zu eine Bemerkung dazwischen gethan, mehr zu dem Mädchen, als zu dem Arzte, aber es klang immer wie eine feindselige Gereiztheit in dem Tone. Die überlegene Art des andern schien ihn offenbar zu verdrießen.
»Ja, mein lieber Herr Stahl, das verstehen Sie doch wohl nicht zu beurteilen,« sagte jetzt der Doktor, sehr vernehmlich und nicht ohne Geringschätzung, so daß die Drei am Fenster unwillkürlich hinhorchten.
»Meinen Sie, Herr Doktor, daß man dazu Medizin studiert haben müsse?« entgegnete Stahl ziemlich scharf.
»Das nicht, wohl aber Kunstgeschichte und Aesthetik!« war die kühle, überlegene Antwort.
»Das ist meine Meinung auch, aber ich fürchte, Sie sind darin nicht weit genug gekommen.«
»Herr, solche Anzüglichkeiten verbitte ich mir!«
Therese war unruhig geworden und suchte lächelnd zu vermitteln, wobei sie ihre Hand auf den Arm des Doktors legte, der auch sogleich, das Unhöfliche des ganzen Vorganges erkennend, sich zu ihr wandte mit einem Worte der Entschuldigung. Aber auch das trug so den Stempel des Verletzenden für Stahl, daß dieser nach seiner heißblütigen Art aufstand mit dem Worte:
»Ein Unwissender auf diesem Felde bleiben Sie aber doch!«
Jetzt hatte auch der Professor sich erhoben und rief milde und freundlich herüber:
»Das klingt ja bitterböse. Darf man wissen, um was es sich handelt?«
~Dr.~ Haller hatte sich zu beherrschen gesucht; er sprach:
»Wir haben hier eben das Bild »Jakob und Rahel« von Giorgione Barbarelli, von dem nach der Behauptung des jungen Theologen« -- die Stimme des Redenden hatte hier einen spöttischen Klang -- »das Original sich in der Dresdener Galerie befinden soll -- --«
»Ich habe es oft genug dort gesehen,« warf Stahl dazwischen.
»-- und dessen Maler nach der Meinung Herrn Stahls der älteren venetianischen Schule angehören soll.«
»Nicht bloß nach _meiner_ Meinung -- --«
»-- während derselbe ganz zweifellos zu dem Florentiner Kreise gehört.«
»Ich bin zwar nicht allzufest in den Einzelheiten der Kunstgeschichte« -- sprach nun der Professor, noch immer lächelnd -- »aber diesmal hat Herr Stahl doch Recht. Giorgione da Castelfranco hat zu Anfang des 16. Jahrhunderts in Venedig gelebt und ist dort gestorben.«
Haller wurde weiß bis in die Lippen, und seine Augen zuckten einmal gehässig über den jungen Theologen, der hochaufgerichtet, schweigend, aber mit dem Ausdruck eines Siegers im Antlitz dastand. Professor Holbert erkannte das Peinliche für den Doktor, und fügte bei: