Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 7
»Ach Gott, ich weiß ja, was Sie meinen -- der hochwürdige Herr! Sollte er aber denn nicht auch glauben, daß er das Glück zweier Menschen -- ich meine mich und meine Kleine -- in der Hand hat, und daß es schön sein müßte, das Glück nicht zu zertreten? Ich bin doch kein schlechter Mann und was ich gethan habe, mußte ich eben thun. Ach, wenn ich nur besser zu reden verstände! Sehen Sie, Fräulein Marie, eine so heiße, glühende Liebe, die alles vergißt, was in der Vergangenheit liegt, kann ich Ihnen nicht entgegenbringen und meiner seligen Grethe wird immer ein Stück meines Herzens gehören. Aber ich habe gemeint, Sie werden das verstehen und begreifen, denn Sie haben sie ja auch lieb gehabt. Und unser aller Liebe kommt zuletzt in dem Kinde zusammen. Ihm gönne ich vor allem Ihre Liebe, und wenn Sie für mich nur ein wenig Zuneigung hätten, ich wär' schon zufrieden und glücklich, wenn Grethel Sie zur Mutter hätte. Ich will heute keine Antwort, ich bin ja mit der Thüre ins Haus gefallen. Ueberlegen Sie sich das drei Tage, acht Tage oder noch länger, und seien Sie nicht böse, daß ich geredet habe. Aber es mußte jetzt sein, wo ich gesehen habe, wie Ihnen mein Kind ans Herz gewachsen ist.«
»Ja, ja, sie ist mir ans Herz gewachsen!« sagte Marie, welche wieder die Kleine an sich gezogen hatte, die nun ihre Wangen streichelte und küßte, als ob sie die Worte ihres Vaters unterstützen wollte.
»Gut, Herr Freidank, lassen Sie mir Zeit ... das kommt mir zu rasch -- --«
»Aber Marie, wozu denn Bedenkzeit? Das kann ja nicht sein!« wiederholte beinahe angstvoll die alte Frau. »Erst müssen wir an Peter schreiben!«
»Ach seien Sie nicht hart, Frau Frohwalt,« bat der Mann, »und lassen Sie Ihrer Tochter wenigstens den freien Willen -- ich habe ja noch keinem Menschen Böses gethan, warum wollen Sie mir Böses thun?«
»Das will ich ja nicht, Herr Freidank, ich will nur keinen Zwiespalt in meinem Hause, unter meinen Kindern!«
»Das wird der liebe Gott schon alles schlichten, wenn nur überall der gute Wille ist. Für heute lassen Sie uns friedlich und freundlich auseinander gehen, und Fräulein Marie, wenn Sie überlegen, denken Sie immer zuerst an Ihre verstorbene Freundin und deren Kind, und dann erst ein wenig an mich!« Marie hatte feuchte Augen, als sie dem schlichten Manne die Hand reichte, der nun seine Kleine zu sich aufhob und langsam dem Ausgang zuschritt. »Wenn's nicht sein kann, schreiben Sie mir's mit einer Zeile, und wenn ich eine solche in acht Tagen nicht erhalte, dann komme ich wieder!« sagte er noch, und Marie nickte stumm.
Als die beiden Frauen allein waren, erhob sich die Mutter; sie schlang die Hände in einander, trat an ihre Tochter hin, sah ihr tief in die Augen und sprach: »Marie -- Du willst ihn doch heiraten!«
»Um des Kindes willen, Mutter -- ja! Seit ich Grethel dem Tod abgerungen habe, ist sie recht eigentlich mein geworden, und ich kann mir nicht denken, daß sie eine andere Mutter einmal erhalten könnte. Das habe ich so kommen sehen, als ich in der letzten Nacht am Bette der Kleinen wachte und als mir Freidank im Gefühle der überwundenen Angst die Hand küßte.«
»Und Peter?« fragte die Frau.
»Schreibe Du ihm, Mutter, aber so, daß Du daran denkst, daß auch _ich_ Dein Kind bin. Du wirst bessere Worte finden, als ich!«
Die beiden hielten sich stumm in den Armen, dann riß sich Marie los und ging hinaus. Nicht lange darnach schritt sie durch die stille, heiße Gasse. Das Herz war ihr zum Zerspringen voll; sie mußte sich jemandem mitteilen, und der, zu welchem sie das meiste Vertrauen hatte, war der Vetter Martin.
Sie fand ihn daheim unter seinen Schätzen, ordnend und sichtend, und da er sie sah, kam er herzlich ihr entgegen.
»Na, solcher Glanz in meiner Hütte! Ich dächte, Du wärst recht lange nicht bei mir gewesen, das heißt innerhalb der vier Pfähle, denn Gartenbesuch zählt nicht. Willst wohl einmal sehen, was ich an Kuriositäten von meiner letzten Reise mitgebracht habe?«
»Das ist's eigentlich nicht, Pathe Martin, sondern ich brauche Deinen Rat und Deine Hilfe!«
»Steht Dir zu Diensten, soweit der Vorrat irgend reicht! Setze Dich!«
Er schob ihr einen alten Polstersitz zu und nun saßen sie in dem kühlen, dämmerigen Gemache einander gegenüber und Marie erzählte von dem, was sich vor kurzem begeben hatte. Als sie zu Ende war, sagte der Alte:
»Na, ich bin schon manches gewesen in meinem Leben -- Heiratsvermittler noch nicht; versuchen wir's auch damit! Meinen Rat und meine Hilfe! Mein Rat ist der: Nimm ihn, wenn Dich Dein Herz dazu drängt! Ich halte ihn für brav und tüchtig, und das bist Du auch, und wenn zwei solche Menschen sich finden, kann's nur zum Segen sein. Das denkt -- glaube ich -- Deine Mutter auch, aber sie traut sich's nicht zu sagen, weil er jetzt evangelisch ist. Und das ist's wohl, wo Du meine Hilfe brauchst, denn um die ist Dir's doch mehr zu thun, als um meinen Rat.«
Das Mädchen nickte errötend mit dem Kopfe.
»Also, mit Deinem Herzen bist Du im Klaren, und Du hast nur Angst vor dem hochwürdigen Herrn Bruder. Daß dem die Sache gegen den Strich geht, ist mir auch klar; aber hier giebt's nur eins, was notwendig ist: Mut und Festigkeit. Auch Dein Herz hat sein gutes Recht, und das mußt Du verteidigen. Auf mich kannst Du rechnen: Ich will den Stier bei den Hörnern packen, schriftlich oder mündlich, denn ich vermute fast, daß die Nachricht Peter hierher treiben wird, und das wäre _mir_ wenigstens lieber: Ich schreibe nicht gerne. Es wäre traurig, wenn die Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses Euch aus einander bringen sollte, und wenn ich hier dem religiösen Uebereifer die Spitze abbrechen kann, so weiß ich doch, warum mir unser Herrgott die linke Hinterpfote gerade jetzt lahm gemacht hat.«
Marie dankte mit überströmenden Augen: »Ach Pathe Martin, es ist mir ja besonders um das Kind. Heiraten _muß_ Freidank, und wenn Grethel eine Mutter bekäme, die sie nicht lieb hätte, eine rechte Stiefmutter -- das könnt' ich nicht ertragen.«
»Zu der Hacke wird sich schon der Stiel finden lassen, behalte nur ruhig Blut und denke: Ehen werden im Himmel geschlossen, und wenn's unser Herrgott so bestimmt hat, kommt ihr zusammen, auch wenn der Herr Pater Peter seinen Segen nicht dazu giebt.«
Ruhig, beinahe freudig und glücklich, verließ das Mädchen das kleine Haus in der Berggasse und kehrte nach Hause zurück, wo sie die Mutter mit dem Briefe an Peter beschäftigt fand.
Schon zwei Tage später gegen Abend traf dieser in dem Heimatstädtchen ein; er kam aus Prag, wo er seit einigen Wochen in seiner neuen Stellung weilte. Als er eigentlich unerwartet in die Stube trat, schraken Mutter und Schwester auf und begrüßten ihn mit verlegener Herzlichkeit. Er selbst war von vornherein ernst, und sobald er es sich einigermaßen bequem gemacht hatte, ging er auch geraden Wegs auf sein Ziel los. Er sei bestürzt gewesen über die Mitteilung, welche ihm die Mutter gemacht hätte, und hoffe, nicht zu spät zu kommen, um eine Verlobung seiner Schwester mit einem Ketzer, einem Abtrünnigen, hintanzuhalten.
Die alte Frau war ängstlich und befangen; sie liebte ihre beiden Kinder; freilich hatte Peter bei ihr ein höheres Ansehen.
»Ach, ich habe ihr ja schon gesagt, und auch ihm, daß das ganz unmöglich sei, daß wir Dir schuldig seien ...«
»Auch das, aber das ist ja nebensächlich, doch ich kann gar nicht daran denken, daß Marie ihr Seelenheil so leichtfertig opfern will. Du hast Dir wohl noch nicht überlegt, daß Dir Dein Beichtvater die Sündenvergebung verweigern müßte und daß Du der Gnadenmittel der Kirche Dich beraubtest -- --«
»Ich habe an alles gedacht« -- sprach halblaut und mit gesenktem Kopfe das Mädchen -- »aber wenn die verstorbene Grethe evangelisch war und dabei doch so gut und brav, wie wenige Menschen, so möchte ich gleichfalls evangelisch werden.«
Der junge Priester sprang heftig auf. Er stieß den Stuhl zurück, auf welchem er gesessen hatte, und in seinem Gesichte flammte es:
»Hat Dich denn der Teufel verblendet, Marie, daß Du so reden magst? -- Das ist Dein Ernst nicht! -- Du hast die Wahl zwischen uns, Deiner Mutter und Deinem Bruder einerseits, und zwischen Freidank andererseits, zwischen dem Segen, den der Himmel ausdrücklich dem Kinde verheißt, das seine Eltern ehrt, und zwischen dem Fluche, den die Kirche auf das Haupt der Abtrünnigen schleudert. Ehe Du wählst, denke aber auch an Deinen toten Vater, dem Du im Grabe noch eine Schande anthun würdest, wenn Du seinen Glauben verläßt!«
Die Mutter zitterte an allen Gliedern, und sah bald eins, bald das andere ihrer Kinder an, und aus den Wangen Mariens schien jeder Blutstropfen gewichen zu sein. Peter Frohwalt aber stand da, wie einst der Racheengel mit dem flammenden Schwert vor dem verlorenen Paradiese und hob seine Stimme mit wärmerem Klange:
»Noch ist das entscheidende Wort nicht gesprochen -- o sprich's nicht, Marie! Opfere nicht der Hölle, was dem Himmel gehört, Deine unsterbliche Seele! Du hast sie nur einmal zu verlieren, und wenn der unselige Bund erst geschlossen wäre, so wärest Du unrettbar verloren in Deiner maßlosen Schuld vor dem Herrn! Und bedenke das Aergernis, das Du Hunderten von guten Christen geben würdest -- --«
»Ach höre auf ihn, Marie, er meint's doch so sehr gut mit Dir, thu' mir die Freude und die Liebe, daß ich meine Kinder in Eintracht sehe und einmal mit dem Glauben sterben kann, daß wir uns alle, gemeinsam mit Deinem guten Vater, in _einem_ Himmel wiedersehen werden.«
Die alte Frau hing sich schluchzend an den Hals des Mädchens, das bei diesem doppelten Ansturm beinahe die Fassung verlor -- da kam diesem eine unerwartete Hilfe. In der Thüre stand mit einmal die alte Frau Becker und hatte die kleine Grethel an der Hand.
»Sie haben wohl mein Klopfen nicht gehört und da bin ich so eingetreten -- nehmen Sie's nicht übel ... ach, der geistliche Herr!«
Sie knixte einige Male und fuhr zungenfertig fort:
»Die Kleine hat ja nicht geruht, und wollte, weil wir gerade hier vorbeikamen, durchaus zu Ihrer lieben Marie und da habe ich ihr denn den Willen gethan. Na sehen Sie nur!«
Das Kind war ohne weiteres zu dem blonden Mädchen hingeeilt, und das hatte es beinahe stürmisch aufgehoben, es an sich gepreßt und küßte es jetzt wortlos, aber immer wieder. Endlich rang es sich wie ein Schluchzen aus Mariens Brust und sie rief:
»Wir bleiben beisammen, Grethel, wir bleiben beisammen!«
Frau Becker sah verdutzt von einem zum andern, und ihr schien ein Verständnis aufzudämmern.
»Wir haben hier wohl gestört?« fragte sie halb verlegen, halb mit forschender Neugier.
»Nein, nein, Frau Becker« -- stieß Marie hastig hervor -- »ich habe nur soeben meinem Bruder mitgeteilt, daß ich Freidank heiraten will!«
Jetzt stand das Mädchen wie von heißem Blute übergossen da, das Kind noch immer fest an der Brust haltend, das alte Weib aber schlug die Hände zusammen:
»Ach Du lieber Gott -- na, das hab' ich mir gedacht! Ach, Sie passen auch für ihn, und besser konnt' er's gar nicht treffen, da muß der Himmel seine Freude daran haben!«
»Schweigen Sie! Lästern Sie nicht!« rief Peter dazwischen, und zu seiner Schwester gewendet sprach er mit bebender Stimme:
»Soll das die Antwort sein auf das, was ich Dir gesagt habe?«
»Verzeih mir, Peter, aber ich kann nicht anders!« stieß Marie hervor, und hielt noch immer das Kind fest umklammert, das mit großen, verwunderten Augen nach dem schwarzgekleideten Manne schaute. Jetzt merkte auch Frau Becker, daß sie überflüssig war, außerdem drückte ihr die Neuigkeit, die offenbar noch keiner im Städtchen wußte, das Herz ab -- sie sagte darum:
»Komm, komm, Grethel, der Vater wird warten, und wir wollen auch nicht stören!«
Sie langte nach der Kleinen, welche nur widerwillig den Hals Mariens losließ, und ging nach vielen Knixen. Draußen setzte sie sich beinahe in Trapp und rannte an der Ecke der Berggasse ziemlich unsanft an Vetter Martin, dem sie zurief:
»Wissen Sie schon -- Marie Frohwalt wird Freidank heiraten, und der geistliche Herr ist auch da!«
Dann sauste sie weiter, der Vetter Martin aber hielt sich einen Monolog, indem er sich einen Augenblick auf seinen Stock stützte:
»So ist's recht! Da ist ja die Geschichte schon im Gange und bei der Beckern auch gleich ins richtige Maul gekommen. Da steht das arme Mädel wohl schon im ersten Sturme, und um ihretwillen will ich dem alten Weibe den Stoß verzeihen, der mir bis auf das Zwerchfell gegangen ist. Da gilt's sogleich die Reserven vorrücken zu lassen, damit sie mir das Kind nicht kopfscheu machen. Vorwärts, Martin Hinkebein -- auf nach Valencia!«
Und rascher humpelte er an seinem Stocke fort nach dem Thore zu und betrat die Stube bei Frohwalt just zur Zeit, wo die Wogen der Empörung seitens des jungen Priesters hoch anbrandeten gegen die verzweiflungsvoll sich wehrende Widerstandskraft des armen Mädchens.
»Gott zum Gruße und da wären wir ja glücklich!« sagte er beim Eintreten und reichte Peter die Hand. Verlegen nahm dieser sie an, aber er vermochte dabei nichts zu sprechen. So herrschte ein peinliches Schweigen in der freundlichen Stube, während die hellen Augen des alten Mannes von einem zum anderen schweiften.
»Hier ist wohl Vehmgericht -- da komme ich, denke ich, gerade recht!«
Peter fand nun das Wort wieder:
»Ja, Vetter Martin, Du kommst recht, um eine Verirrte wieder auf den rechten Weg bringen zu helfen. Du bist bei uns seit langen Jahren wie an Vaters Stelle gewesen, nun sprich auch diesmal ein Wort, wie es unser seliger Vater gesagt hätte. Marie will nämlich -- --«
»Den Uhrmacher Freidank heiraten -- weiß ich, mein lieber Peter, und es ist mir lieb, daß Du mich an Deinen seligen Vater erinnerst. Der war aber kein blinder Eiferer, und hielt dafür, daß jeder Mensch selig werden könne, wenn er nur rechtschaffen an den lieben Gott glaube und ihn und alle seine Mitmenschen lieb habe. Darum würde er auch jetzt sagen: ›Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden!‹«
»Aber das ist ja Gotteslästerung! Das fügt doch Gott nicht zusammen -- --«
»Wie kannst Du das behaupten? Wenn ohne ihn kein Haar von Deinem Haupte fällt, finden sich ohne ihn auch nicht zwei Herzen zusammen ...«
»O Vetter, Du verwechselst Fügung mit Zulassung; Gott läßt auch Mord und Verbrechen zu -- --«
»Richtig, aber darum handelt's sich hier nicht!«
»Doch -- es ist ein Verbrechen, das Marie begehen will an ihrer Seele, die ich kraft meines Amtes mit zu hüten und zu schützen habe.«
»Sage, Peter, aber ganz aufrichtig: Hättest Du etwas gegen die Verbindung Deiner Schwester mit Freidank einzuwenden, wenn er nicht evangelisch wäre?«
Der Priester zögerte einen Augenblick, dann sagte er: »Nein!«
»Also der Mensch ist Deiner Ueberzeugung nach brav, ehrlich, tüchtig, und hat nur den Fehler, daß er nicht Deinem Bekenntnis angehört --«
»Und daß er ein Abtrünniger ist!«
»Na, und wer hat ihn denn dazu gemacht? Ihr mit Euern frostigen, lieblosen Satzungen habt ihn selber hinausgedrängt aus der Kirche, und nun wollt ihr ihm ein Verbrechen aus dem machen, was ihr im letzten Grunde -- ihr mögt es drehen und wenden, wie ihr wollt -- selbst verschuldet habt. Und nun soll dem armen Menschen auch alles andere Lebensglück zertreten werden? Wenn er jetzt für sich ein braves Weib, für sein Kindchen eine gute Mutter sucht, wollt ihr wieder mit euren kalten Satzungen dazwischentreten? Deine Schwester will den Weg der Nächstenliebe gehen, Du aber den Weg des Hasses -- wer handelt mehr im Geiste Gottes, dem nicht gedient wird durch blindes Eifern?«
Das Gesicht Peter Frohwalts verzog sich beinahe schmerzlich, da er sagte:
»Aber, Vetter Martin, das verstehst Du nicht! Du weißt nicht, was ich meiner heiligen Kirche, und was ich mir schuldig bin!«
»Das weiß ich wohl, aber ich fürchte, daß Du es nicht weißt. Du sollst ein Diener Gottes sein im Geiste und in der Wahrheit, das bist Du der Kirche und Dir schuldig -- so diene dem Geiste, der ein Geist der Liebe ist, und diene der Wahrheit und kümmere Dich nicht um den Schein. Und wenn man Dir nachsagt, daß Deine leibliche Schwester einen Protestanten geheiratet hat, so habe den ehrlichen Mut und sprich:
›Er ist ein braver Mann, und glaubt an denselben Gott wie ich!‹«
»Aber Marie will selber evangelisch werden!« stöhnte der junge Priester.
»Das find' ich in der Ordnung. Ich bin kein Freund von gemischten Ehen, und was dabei herauskommt, hat sich bei Freidank bereits gezeigt. Nein, nur keine Halbheiten! Und da nicht zu verlangen ist, daß der Uhrmacher wieder katholisch wird, so wird sein Weib evangelisch werden -- meinst Du, daß darum Deine Schwester eine schlechte Person wird, daß das, was jetzt gut an ihr ist und was alle Menschen an ihr lieb haben, dadurch mit einmal zur Scheusäligkeit verkehrt wird?«
»Und ich dulde es nicht, und werde es niemals dulden!« schrie jetzt Peter mit Heftigkeit auf -- »und wenn sie dennoch wagt, mir und ihrer Mutter, die mit mir empfindet, zu trotzen, so werden wir vergessen, daß sie zu uns gehört und uns von ihr wenden für alle Zeit, und wie sie dem Fluche der Kirche verfällt, so soll sie ...«
Die alte Frau kam bleich, mit aufgehobenen Händen an den Sohn heran, auch Marie stand fassungslos und klammerte sich mit der Rechten an die Lehne eines Stuhles, indes sie die Linke heftig gegen das pochende Herz preßte; Martin aber trat ganz nahe zu dem erregten Priester und sah ihm fest und ruhig in das gerötete Angesicht:
»Halt -- nicht weiter -- Verkünder der göttlichen Liebe! -- Ich habe gemeint, daß Dir das Leben in Nedamitz schon eine Lehre gegeben haben würde, daß mit Eifern und mit blinder Gehässigkeit nichts gethan ist -- ich sehe, Du hast wenig gelernt und mußt noch in eine härtere Schule kommen, und, will's Gott, zu guten Lehrern. Du bist nicht aus dem Holze, aus dem man sonst Glaubenseiferer schnitzt, und aus Dir redet nicht das Herz, sondern die Schulweisheit. Das will ich Dir zugute halten, und darum sage ich nichts weiter als: ›Wenn Marie hier hinausgeworfen wird aus dem Elternhause, so soll sie bei mir eine Heimat finden; eine solche Tochter ist mir zu jeder Stunde willkommen!‹«
Aufschluchzend warf sich das Mädchen an die Brust des Alten, der ihr liebkosend über die blonden Haare strich und in einem unendlich milden Tone, der bei ihm fremd und deshalb gerade ergreifend war, sagte:
»Folge Deinem Herzen, mein Kind! Das ist wie Gold gewesen zu allen Zeiten, und das kann nicht über Nacht zu wertlosem Messing werden. Wenn sie Dich quälen, komm zu mir, noch heute, ich will Dich halten, wie Dein seliger Vater Dich gehalten hätte -- dafür bin ich Dein Pathe!«
Er küßte sie auf die Stirn, und in dem Zimmer war es tiefstille. Finster blickend lehnte Peter an dem Tische, und neben ihm stand die Mutter noch immer mit gefalteten Händen. Vetter Martin aber führte Marie langsam hinaus.
Am andern Morgen in aller Frühe verließ der junge Priester seine Vaterstadt, ohne seine Schwester noch einmal gesehen zu haben, die hinter dem Fenstervorhang in ihrem kleinen Stübchen versteckt dem Postwagen nachschaute, der ihren Bruder entführte. Sie weinte bitterlich.
Gegen Abend traf Peter Frohwalt auf dem Bahnhofe ein. Er war tief verstimmt und sein Kopf schmerzte ihn; er hatte das Gefühl des Unbehagens und der Unzufriedenheit und mußte sich immer wiederholen, daß er seiner Pflicht gemäß gehandelt habe. Langsam ging er durch die belebten Straßen der böhmischen Hauptstadt, sah den breiten, menschenvollen »Graben« entlang und schritt durch den Pulverturm hinein in die Zeltnergasse und nach dem Altstädter Ringe.
Nahe an der Moldau, unmittelbar bei dem Kloster der Kreuzherren mit dem roten Stern und angesichts des Turmes, der das Portal zu der alten, stattlichen Karlsbrücke bildet, steht die St. Klemenskirche und mit ihr in Verbindung ist ein weitausgedehnter, mehrere Höfe umfassender Bau, der den Jesuiten seine Entstehung verdankt. Ein Teil derselben enthielt die Hörsäle der theologischen und der philosophischen Fakultät der Prager Hochschule, die damals noch ausschließlich deutsch war, der nach der Moldau zugekehrte Teil umfaßt das erzbischöfliche Priesterseminar.
Hier war Peter Frohwalt als Adjunkt der theologischen Fakultät und als Aufseher über die Alumnen daheim. Er läutete an der Pforte; der Pförtner öffnete und grüßte ergeben, und der Priester ging langsam, beinahe müden Schrittes durch die gelbgetünchten Korridore, in denen eine feuchte, kühle Luft herrschte, hin. Einzelne »Seminaristen« mit der schwarzen Klerik und der violetten Binde um den Leib begegneten ihm und grüßten -- im ganzen aber war es fast unheimlich still in dem weitläufigen Gebäude.
Er betrat sein Zimmer, das einfach, aber freundlich möbliert war und ließ sich verstimmt und ermüdet auf einem Sopha nieder. Es war noch Zeit bis zu dem gemeinsamen Abendessen, und er nahm ein Buch zur Hand, um den Druck, der ihm auf Kopf und Herzen zugleich lastete, wenigstens auf einige Zeit zu vergessen.
Da pochte es. Auf sein »Ave!« trat ein Alumnus herein, ein hübscher, etwas bleicher Jüngling, mit kurzgeschorenen, dunklen Haaren. Es war ein junger Landsmann Peters, dem dieser schon manche Freundlichkeit erwiesen und der sich gewöhnt hatte, sobald es not that, bei ihm Rat und Trost zu suchen.
»Was bringen Sie mir denn, Vogel?« fragte der Adjunkt -- »Sie sehen ja so aufgeregt aus!«
Der Alumnus war noch ein wenig näher getreten und sagte nun mit unsicherer Stimme:
»Verzeihen Sie, Hochwürden, wenn ich Sie belästige, aber es drängt mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich hier im Seminar nicht bleiben kann. Sie wissen, daß ich mich gerne dem geistlichen Stand gewidmet habe und bereit war, manches Schwere auf mich zu nehmen, aber hier wird es unerträglich!«
Peter Frohwalt war aufgestanden und legte dem Jüngling die Hände auf die Schultern, indes er ihm freundlich in das gerötete Gesicht schaute.
»Was giebt's denn? -- Setzen Sie sich und erzählen Sie!«
Vogel folgte der Aufforderung und sprach, indem er sich bemühte ruhig zu werden:
»Die Tschechen machen uns Deutschen hier das Leben zu sauer und kränken uns durch Rücksichtslosigkeiten und Ungezogenheiten, wo es nur angeht. Ich sitze bei den Mahlzeiten an einem Tisch mit lauter solchen, und obwohl sie wissen, daß ich kein Wort Tschechisch verstehe, reden sie absichtlich nur in dieser Sprache, und sehen mich dabei immer so höhnisch und herausfordernd an, daß ich wie verkauft und verraten bin. Will ich sprechen, so sagen sie: ~nerozumime~[4] und lachen mir ins Gesicht. Wenn in ihrer Zeitung, der »Politik«, irgend ein boshafter Ausfall gegen die Deutschen geschrieben steht, finde ich ihn gewiß in der Studierstube auf meinem Platz liegen, und wo man mir einen Schabernack, selbst der gemeinsten Art, anthun kann, geschieht es. Dabei habe ich keinem etwas in den Weg gelegt, und den anderen Deutschen geht es nicht besser. Einer und der andere hat sich wohl auch schon beschwert, aber denen ist gesagt worden, sie sollten nur ganz ruhig sein, sie wären wohl selber auch nicht ohne Schuld! Das macht Verbitterung unter den deutschen Alumnen. Wenn man erst hier in Prag vier Jahre lang alle Quälereien tschechischen Uebermuts ertragen und dann die ärmlichsten Kaplanstellen in kleinen Gebirgsdörfern übernehmen soll, während die besseren und angenehmeren Stellen selbst in deutschen Orten den Tschechen gegeben werden, dann verliert man die Freude an seinem Berufe. Wo bleibt denn da die christliche Liebe? Den Tschechen geht Huß über Jesus Christus und mancher hat das Bild des Ketzers in seinem Gebetbuche. Mir widerstrebt es, Namen zu nennen, denn ich will nicht denunzieren, aber ich möchte nicht, daß Sie mich verurteilen, wenn ich meinen Austritt anmelde.«
[4] Wir verstehen nicht.
Der Adjunkt hatte den Jüngling ausreden lassen; er wußte, daß derselbe nichts übertrieb; er war ja selbst Alumnus in diesem Hause gewesen und hatte manche ähnliche Erfahrung gemacht. Nun sprach er: