Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 6
»Ja, mein lieber Peter, ich hab's Dir's ja vorausgesagt, daß Dich das Leben erst noch abschleifen werde, und das thut allemal ein wenig weh. Dein alter Pfarrer, Deine liebe Barbara, der muntere Wirt, der verliebte Jakob und wer sonst noch sind die Wetzsteine für Dich und zeigen Dir zugleich, daß unser Herrgott sehr wunderliche Kostgänger hat, und daß man nicht alles mit Gesetzen und allgemeinen Regeln abthun kann. Der liebe Gott füttert und erhält sie alle in gleicher Weise und thut jedem ein wenig Liebe an, und zuletzt bringt er alles in den richtigen Topf. Mach's ebenso! Deinen Pfarrer und seine Köchin will ich mir erst näher besehen und dann Dir meine Meinung sagen, auch den untern Wirt möcht' ich kennen lernen und sein »Aergernis«. Was aber die Květauer Geschichte betrifft, so weiß ich nicht, warum Du Dich gar so erregst; traurig ist sie, aber auf Deine Rechnung kann sie nicht kommen. Du hast Deine Vaterunser gebetet, wie deine gute Mutter es Dich gelehrt hat und in ihrer Sprache, weil Du eine andere nicht verstehst. -- Das ist doch keine Schuld und keine Sünde, das ist doch gerade so, wie wenn sich die Bengels darüber totstechen wollten, weil Du Dich zufällig nicht in ein Schnupftuch mit den tschechischen Nationalfarben geschnäuzt hast. Thu', was Du in Deinem Gewissen für gut und recht hältst und fürs übrige laß unsern Herrgott sorgen! Basta -- das ist die ganze Moral und die gilt für Christen, Juden, Türken und Kalmücken!«
Die Thüre öffnete sich und der Kopf des Pfarrers zeigte sich; er hatte laut sprechen hören, und war, von Neugier geplagt, gekommen, angeblich, um den Kaplan zu Tische abzuholen. Frohwalt stellte ihm seinen Gast vor, und der alte Herr lud mit liebenswürdigem Eifer denselben ein, am Mittagsmahle teilzunehmen. Vetter Martin ließ sich nicht drängen, und so gingen die Drei nach dem Speisezimmer und der Pfarrer erteilte der Köchin den Auftrag, noch für ein Gedeck zu sorgen.
Das Weib zeigte sich zur Verwunderung des Kaplans ganz besonders freundlich und höflich, und die Mahlzeit verlief, zumal der Gast mit seinen reichen Erfahrungen und seinem köstlichen Humor den Löwenanteil an der Unterhaltung nahm, in sehr angenehmer Weise. Auch der Pfarrer hatte sich dabei von einer so vorteilhaften Seite gezeigt, wie ihn Frohwalt noch gar nicht kannte. Er wurde lebhaft und sogar witzig, harmlos, heiter und liebenswürdig gesellig, und Vetter Martin mußte versprechen, im Pfarrhofe über Nacht zu bleiben und wenigstens noch einen Tag hier zuzubringen. Der Pfarrer hatte früher sich mit Botanik beschäftigt, später fehlte ihm ein anregender Genosse und er hatte die Sache liegen lassen, aber er wollte seine wohlverwahrten Pflanzensammlungen auskramen und Martin sollte ihm einiges bestimmen helfen.
Als dieser nach Tische mit Peter allein zusammen war, sagte er:
»Sieh' mal, Dein Pfarrer ist ein Mensch, der viel besser verbraucht werden könnte, als es geschieht. Er ist einfach hier -- wie man sagt -- versauert, und weil er keinen besseren Umgang fand, in die Hand der Jungfrau Barbara gefallen. Er hat ein gutes, menschenfreundliches Herz, und daran mußt Du Dich halten, das söhnt mit Manchem aus; seine Schwächen mußt Du in Kauf nehmen, er ist zu alt, um sie noch abzulegen. Deiner lieben Barbara aber mußt Du die Zähne zeigen, ordentlich ... dann wird sie zahm. Mich behandelt sie wie ein rohes Ei, und es war mir, als ob sie auch Dich ein- ums andere Mal achtungsvoll angesehen hätte ... da siehst Du, wie's gut thut, wenn man zu Zeiten einmal aufmuckt! Thue recht und scheue niemand, nicht einmal eine Pfarrköchin! Also mein Lieber, die Leute nicht nach der allgemeinen Regel und nach dem Kirchenrecht behandelt, sondern nach der Art, wie sie verbraucht werden müssen! Wenn Du erst soweit gekommen bist, dann stehst Du auf freier Höhe, von der aus Du den rechten Segen bringen kannst!«
Am Abend saß der wunderliche Gast wieder mit den beiden Priestern zusammen, und es wurde ziemlich spät, ehe man zur Ruhe kam. Seltsamer Weise hatte der Pfarrer an diesem Abend viel weniger getrunken als sonst, nicht bloß, weil er sich vor dem Fremden scheute, sondern weil er dazu kaum die Zeit fand. Er hatte seine getrockneten Pflanzen gebracht, und ging wie in alten, schönen Tagen, wieder in der Botanik auf; er wollte von neuem anfangen zu sammeln, und Martin versprach, ihn auch aus der Ferne zu unterstützen.
Frohwalt hatte an diesem Abend mehr als je den Eindruck, daß er von Vetter Martin noch Vieles lernen könne, namentlich im Umgang mit Menschen. Und er sollte noch mehr in dieser Hinsicht erleben. Der seltsame, sonst so unruhige Gast ließ sich sogar noch zwei Tage in der winterlichen, stillen Dorfpfarre festhalten und wohnte auch dem Begräbnis des in Květau erstochenen Burschen bei, das der Pfarrer abhielt, und bei welchem zahlreiche Gendarmerie anwesend war, weil man von der Erregung der Tschechen Unannehmlichkeiten und Störungen fürchtete. Aber die Sache ging ziemlich ruhig ab.
Als die beiden Männer nach Nedamitz zurückgekehrt waren, fanden sie im Pfarrhause den untern Wirt, welcher auf den Pfarrer wartete und bei diesem das kirchliche Aufgebot mit seiner Magd bestellte. Martin war dabei zugegen, und der Mann reichte ihm, nachdem er mit dem Pfarrer gesprochen, treuherzig die Hand und sagte:
»Na, ist's so recht, Herr Martin?«
»Ja, mein lieber Herr Polzner, -- ich freue mich sehr drüber!« erwiderte dieser, und das Gesicht des Wirtes strahlte vergnüglich, als er fortging und so heiter wie selten in seinem Leben durch die Dorfgasse schritt.
Peter Frohwalt war angenehm überrascht und erfreut über diese Kunde, und Vetter Martin, der sie ihm zuerst hinterbracht hatte, lächelte dabei so seltsam, daß er diesen verwundert und fragend anschaute.
»Nun ja, mein lieber Peter, ich bin gestern im untern Wirtshause gewesen, habe ein Glas Bier getrunken und mich dabei mit dem Wirte, den ich allein traf, unterhalten. Er schien mir ein ganz vernünftiger und zugänglicher Mann zu sein, und da habe ich denn nach meiner Weise ihn gefaßt. Mit der Thür ins Haus fallen darf man dabei nicht, von Aergernis in der Gemeinde reden und dergleichen ist hier ganz ungeschickt, man muß immer wieder sehen, aus welchem Holze der Mensch geschnitzt ist, und wo er eine weichere Stelle hat. So sagte ich ihm: ›Sie haben ja eine prächtige, stattliche Wirtin, hübsch, jung, flink -- 's ist wohl Ihre zweite Frau?‹ -- Er wurde ein bißchen verlegen, dann druckste er so langsam mit der Wahrheit heraus. ›I, sehen Sie mal -- aber eine schönere, passendere Frau könnten Sie doch nicht finden, der Himmel schickt Ihnen ja förmlich das Glück ins Haus -- sonst schnappt's ein anderer weg, greifen Sie zu! -- Na, und wissen Sie, 's ist auch wegen dem Mädel selber, das nur einmal seinen guten Ruf hat, und wenn die Leute Ihnen nichts ins Gesicht sagen, hinterm Rücken reden sie doch, und das arme Frauenzimmer kommt dabei am schlimmsten weg. Ich thät' die Lästermäuler stopfen -- Sie sind der reiche untere Wirt, Sie brauchen sich um niemanden zu kümmern -- und Sie sollen sehen, was Sie erst gelten, wenn Sie den Trumpf ausspielen.‹ So ungefähr habe ich ihm zugeredet, und dabei haben wir wie zwei Brüder am Tische gesessen und miteinander getrunken und dies und das gesagt, bis er mit einem Male seine Hand auf meine legte und sprach: ›Sie sind ein vernünftiger Herr -- Sie haben recht -- und dann, man soll meine Johanne nicht mit der Pfarr-Barbara in einem Atem nennen -- ich bestelle morgen mein Aufgebot!‹ Und heute ist er dagewesen. Siehst Du, mein lieber Peter, daß es auch ohne Kirchenrecht manchmal geht!« --
Als Vetter Martin am andern Morgen seinen Ranzen aufschnallte und seinen »Schweizer« ergriff, hatte der Pfarrer Thränen im Auge; ihm war's, als zöge ein lieber Verwandter fort, ein Mensch, der ihn verstanden hatte, wie seit langem keiner.
Peter Frohwalt begleitete den Wanderer noch ein gut Stück Wegs, und als er endlich auch mit kräftigem Handdruck von ihm schied, kehrte er mit seltsam gehobener Stimmung in das Dorf zurück.
Es war, als ob ein guter Geist durch das Pfarrhaus gegangen wäre; der Pfarrer war heiterer und voll Interesse für manches, was ihn vordem gleichgültig gelassen; er begann wieder eifrig mit botanischen Studien, und als das Frühjahr die ersten Gräser und Blumen brachte, begann er wieder zu sammeln und zu ordnen, und dabei kam er viel seltener zu dem vorigen übermäßigen Trinken; Frohwalt selbst war nachsichtiger in seinem Wesen, verständiger in Behandlung der Menschen und ruhiger geworden, und selbst bei Barbara schien entweder der Besuch Martins, oder das entschiedene Auftreten des Kaplans zu Weihnachten gewirkt zu haben, denn sie behandelte den letzteren höflich, ja mitunter sogar freundlich.
Und gerade, als die Verhältnisse sich zu bessern anfingen, erhielt Peter Frohwalt den Ruf in einen andern Wirkungskreis. Er hatte die Abhandlung, an welcher er im Herbst bereits geschrieben, veröffentlicht, und hatte die Freude gehabt, daß namhafte Gelehrte, so besonders der Professor des Kirchenrechts an der Prager Hochschule, ~Dr.~ _Holbert_, sich ungemein anerkennend darüber ausgesprochen hatten. Das hatte wohl die Aufmerksamkeit seiner geistlichen Vorgesetzten auf ihn gelenkt; man erinnerte sich außerdem, daß er seine sämtlichen theologischen Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte, und so bekam er eines Tags ein Schreiben, das seine Ernennung zum Adjunkten an dem Priesterseminar in Prag enthielt: die erste Staffel zur theologischen Professur, oder auch zum Kanonikat.
Sein Herz schlug ihm höher vor Freude, als er die Berufung las, und da er dem Pfarrer Mitteilung machte, sagte dieser, indem er ihm Glück wünschte:
»Dort passen Sie hin, und ich gönn's Ihnen von Herzen! Aber wenn Sie dort sind und einmal die violette Halsbinde[3] tragen, denken Sie nachsichtig an einen alten Landpfarrer!«
[3] Abzeichen der Domherren.
Es klang eine schmerzliche Wehmut aus den Worten des greisen Priesters, und verständnisvoll drückte ihm Frohwalt die Hand.
Als der Frühling seinen Einzug hielt und die Bäume in den Gärten von Nedamitz blühten, verließ der Kaplan die Stätte seiner bisherigen Wirksamkeit. Der Knecht -- es war nicht mehr Jakob, welcher vor kurzem wegen Unredlichkeit entlassen worden war -- brachte sein Gepäck nach der Station, er selbst ging, wie er zu Fuße einst gekommen, ebenso wieder hinaus aus dem Dorfe. Der Pfarrer gab ihm das Geleit und Barbara, die ihm noch eine gebratene Ente in seine Umhängtasche gepackt hatte, wischte sich sogar das Auge aus mit dem Schürzenzipfel und küßte ihm die Hand. Es geschah vielleicht aus Klugheit, nachdem sie wußte, daß er jetzt am Sitze des allmächtigen Konsistoriums wohnen würde.
Die Leute in der Dorfgasse grüßten ihn freundlich, und er gab allen, die ihm begegneten, die Hand; besonders die Kinder aber drängten sich noch einmal heran, ihn mit dem Handkusse zu begrüßen. Beim untern Wirtshaus stand der Wirt mit seinem jungen Weibe unter der Thüre. Der Mann lüftete lustig sein grünes Sammtkäppchen und rief ihm herzlich-freundliche Worte zu, und Peter reichte auch den Beiden seine Rechte. Vor dem Dorfe sah er noch einmal zurück. Die erste Station seiner Berufsthätigkeit! Der Gottesfriede, der über dem freundlichen, blühenden Landschaftsbilde lag, ergriff ihn mächtig, und erst in dieser Minute wurde ihm der Abschied wirklich schwer.
»Gottes Segen über alle, die hier wohnen!« sprach er halblaut, und sah mit schimmernden Augen in das Angesicht des gleichfalls tiefbewegten Pfarrers.
Fünftes Kapitel.
Der Uhrmacher Freidank war thatsächlich zum protestantischen Bekenntnis übergetreten. Die Sache hatte sich in aller Stille vollzogen, und selbst in der kleinen Stadt, wo es nicht allzuviel Gesprächsstoff gab, wurde nicht lange darüber geredet. Das Ereignis schien sogar für Freidank günstige Folgen zu haben. Man hatte ein gewisses Interesse für ihn gewonnen, und die Zahl seiner Kunden mehrte sich, trotzdem der heißblütige junge Kaplan in seinen Kreisen gegen ihn eiferte. Ja selbst die gehässige Weise, in welcher dies geschah, blieb nicht ohne Folgen. Zwei Familien, in welchen die Gatten verschiedenen Glaubensbekenntnissen angehörten, traten, um solchen Vorkommnissen, wie sie beim Tode von Freidanks Frau sich abgespielt hatten, von vornherein die Spitze abzubrechen, ebenfalls zum Protestantismus über, und diese Uebertritte vollzogen sich in aller Stille in dem kleinen Kirchlein von Burgdorf.
Marie Frohwalt aber lebte Wochen lang mit sich selber in herbem Zwiespalt. Es zog sie hin zu dem verwaisten Kinde der Freundin, und doch fürchtete sie einerseits den Bruder, der von etwaigen Besuchen erfahren konnte, und dann hatte sie doch eine mädchenhafte Scheu, die sie abhielt, das von diesem bereits angedeutete Gerede der Leute herauszufordern.
Zuletzt überwog die Liebe zu der kleinen Grethel, und Marie suchte die Nachbarin Becker auf, und spielte auf deren Stube mit dem Kinde. Dem Vater derselben wich sie sorgfältig aus, wenigstens konnte niemand sagen, daß er sie allein mit ihm im Gespräche gesehen hätte. Freidank selbst war ihr gegenüber zurückhaltend, beinahe ängstlich und einsilbig; er verstand wohl, was in der Seele des Mädchens vorging und wußte, daß er ihren Ruf zu schonen hatte.
Im Juli fiel der Namenstag seines verstorbenen Weibes, den er immer durch eine freundliche Gabe gefeiert hatte. Diesmal konnte er ihr nichts bringen, als eine Handvoll Rosen aus seinem Gärtchen von demselben Strauche, den sie selbst bald nach ihrer Hochzeit gepflanzt hatte. Am Morgen betrat er den Friedhof und ging, sein kleines Mädchen an der Hand, nach dem abgelegenen Grabe an der Mauer. Das weiche Gras machte seinen Schritt unhörbar, und so vernahm ihn auch die jugendliche Frauengestalt nicht, die ihm den Rücken zuwendete und über das schlichte Holzkreuz geneigt an dem wohlgepflegten Hügel stand. Erst als er grüßte, sah sie beinahe erschrocken empor. Es war Marie, die einen kleinen Kranz von Feldblumen -- wie die Verstorbene sie besonders geliebt hatte -- auf dem Grabe niedergelegt hatte. Freundlich lugten die blauen Kornblumen aus dem grünen Grase.
»Sie haben doch auch d'ran gedacht -- das ist hübsch von Ihnen, Fräulein Marie,« sagte der Mann, während das Kind schon nach den Händen der »guten Tante« gehascht hatte und sich daran hing.
»Vor einem Jahre hat sie noch gelebt!« antwortete fast verlegen das blonde, hübsche Mädchen.
»Ja, aber zwei Tage später lag sie, und sollte nicht wieder aufstehen. O dies Einsamsein ist schrecklich, und das Kind muß auch darunter leiden. Die Frau Becker meint's ja gut, aber sie hat selber keine Kinder gehabt und weiß nicht mit solchen umzugehen. Ich bin manchmal so trostlos, so elend -- ach, Sie glauben's gar nicht, Fräulein Marie. Ja, wenn Sie einmal mit Grethel wieder geredet und gespielt haben, da lebt das Kind auf, und ich mit ihm ... aber es kommt selten. Ich weiß ja, daß es nicht anders sein kann, die Welt hat eine zu böse Zunge, und ich kann mir's denken, daß Sie auch jetzt wieder auf Kohlen stehen, wenn uns jemand hier zusammen sähe, und doch ist's uns beiden hier ein geheiligter Boden. Nun, Gott dank's Ihnen, daß Sie heute an meine Grethe gedacht haben -- ich will Sie aber nicht aufhalten -- --«
Marie konnte sich aus ihrer Verlegenheit nicht herausfinden. Sie sprach endlich stockend:
»Ja, Sie wissen's ja, Herr Freidank, wie lieb mir Ihr Grethel ist, und wie ich mich immer freue, wenn ich das Kind sehe -- nicht wahr, kleine Maus?« wandte sie sich an das Mädchen, das sich mit ganzer Zärtlichkeit an sie schmiegte und mit den kleinen Aermchen ihren Leib umschlang.
»Adieu, Grethel!«
Sie beugte sich, noch immer verlegen und ängstlich, nieder, küßte das Kind, und dann reichte sie dem Manne die Hand:
»Leben Sie wohl, Herr Freidank -- Sie wissen ja, wie ich's meine!«
Er nickte stumm, und wie sie nun rasch zwischen den Kreuzen hinschritt, hinüber nach dem Grabe ihres Vaters, schaute er der schlanken Gestalt noch einmal nach, dann hob er seine Kleine empor und drückte sie fest an sein Herz.
Etwa drei Wochen später ging Marie gegen Abend durch die Berggasse. Da kam der Vetter Martin ihr entgegen. Er war erst vor kurzem wiedergekommen von einer seiner Reisen und mußte wegen eines Fußübels unfreiwillig Rast halten in der Heimat. Er ging langsamer als sonst, und stützte sich schwer auf seinen derben Stock. Seine Miene, die sonst immer ungetrübt war, drückte heute eine gewisse Besorgnis aus und er rief dem Mädchen zu:
»Soeben sagt mir der Doktor Winkler, daß Grethel Freidank Diphtheritis habe, ein böser Fall!«
Marie fühlte, wie ihr das Blut aus den Wangen lief und wie ihr beinahe der Herzschlag stockte.
»Na, was ist Dir denn Mädel, Du wirst ja so weiß wie Dein Sacktuch« -- sprach der Alte und humpelte hastig heran.
Marie that einen tiefen Atemzug, dann sagte sie mit gesenktem Blick und unsicherer Stimme:
»Glaubst Du, Vetter Martin, daß ich hingehen und das Kind pflegen kann die Nacht hindurch?«
»Na, warum denn nicht? -- Ja so! Der Mann ist ein junger Witwer, und die Leute wären dumm genug, selbst bei Angst und Sorge noch die ungewaschenen Mäuler dazwischen zu hängen. Na, weißt Du, wir gehen mit einander. Ich denke, da hat's keine Gefahr, und ich wollt' auch niemandem raten, den Schnabel weiter aufzuthun, als er verantworten kann. Ich könnte zwar allein auch die Sache versorgen, aber eine Frauenhand ist bei so einem kleinen Wurm allemal besser, und dann hängt das Kind auch an Dir. Freidank wird den Kopf schon halb verloren haben, und die alte Becker'n ist ein Schaf -- also hier hilft's nicht: Wir thun's um Gottes Lohn. Jetzt gehen wir erst einmal zu Deiner Mutter, damit sie Bescheid weiß und nicht erst unnötige Redensarten macht, und dann wollen wir mal zusehen, ob wir mit vereinten Kräften das kleine Mädel wieder gesund kriegen.«
So gingen sie beide erst nach dem alten Burgthor zu und, obgleich Frau Frohwalt eine bedenkliche Miene machte und einige bescheidene Einwände versuchte, Vetter Martin hatte heute seinen Tag, an dem er keinen Spaß verstand, und da konnte er sehr unangenehm von der Leber weg reden. Es that auch Eile not.
Als sie zu Freidank kamen, schien dieser aufzuatmen. Ihm war's, als ob jetzt die Hilfe für sein kleines Mädchen kommen müßte, und aus tiefster Verzweiflung ging er zur Hoffnungsfreudigkeit über.
Es war eine böse Nacht. Das fieberheiße, geängstigte Kind, das bald in unruhigen Schlummer fiel, bald wie in Atemnot aufschreckte, hielt fast unablässig die Hand der lieben Pflegerin in seinen glühenden Händchen, und wenn es die furchtbare Angst überkam, dann schlang es derselben wohl auch die zuckenden Aermchen um den Hals und suchte mit heiserer Stimme ein Kosewort zu flüstern.
Vetter Martin war sich völlig im Klaren, daß er hier nicht mehr war, als der Ehrenwächter, aber er bewunderte still die Hingabe und das Geschick Mariens, und es war ihm außer Zweifel, daß das Kind sich von keinem Menschen -- auch von seinem Vater nicht -- diese Einspritzungen und Einpinselungen, diese Umschläge und Packungen hätte mit solcher Geduld machen lassen wie von dem Mädchen, auf dessen Auge kein Wehen des Schlummers kam, das unverwandt die kleine Kranke beobachtete und mit peinlichster Sorgfalt alle Vorschriften des Arztes beobachtete.
Gegen Morgen war der Schlummer der Kleinen ruhiger, und Vetter Martin nötigte Marie, jetzt wenigstens auch einige Stunden nach Hause zu gehen und zu schlafen; sie ging erst, nachdem er ihr heilig versichert hatte, daß er bei der geringsten Verschlimmerung sie augenblicklich wieder holen lassen wolle.
Der Arzt fand das Kind viel besser, wenngleich noch nicht außer Gefahr, und noch eine zweite Nacht saßen die Pfleger, der unruhige Vater, der grauhaarige Vetter Martin und das vom Nachtwachen bleiche Mädchen an dem kleinen Lager. Mit erneuter Heftigkeit schien die Krankheit in dieser zweiten Nacht loszubrechen -- es war die Entscheidung, aber als der Morgen in die Fenster leuchtete, begann die heiße Röte aus dem Antlitz des Kindes zu weichen, und seine Atemzüge wurden ruhiger. Unter solchen Anzeichen ließ Marie sich leichter bereden, heimzugehen, zumal sie selber nach der Aufregung der letzten Stunden das Gefühl einer tiefen Abspannung hatte. Noch einmal beugte sie mit ihrem bleichen Gesichte sich über die schlafende Kleine und lauschte auf ihren Atem, dann gab sie den beiden Männern die Hand, welche Freidank in tiefer Bewegung küßte.
Das Kind genas in der That und zwar rascher, als selbst der Arzt gehofft hatte, der diesen Erfolg unverhohlen der unendlichen Sorge der treuen Pflegerin zuschrieb. Schon nach etwa acht Tagen konnte die Kleine, zumal das Wetter wundersam schön war, ins Freie gebracht werden, und langsam ging sie an der Hand des Vaters durch die Gasse. Alle Nachbarn und Bekannten bekundeten eine freundliche Teilnahme und sahen dem Paare nach, das seine Schritte nach dem alten Thore hinlenkte, in dessen Nähe das Häuschen des Sportelschreibers stand.
Dort sah am Fenster zwischen den blühenden Blumen ein blonder Mädchenkopf heraus, um gleich darauf zu verschwinden. Marie sah Grethel zum ersten Male wieder und wollte hinauseilen, um das Kind zu begrüßen, da stand auch schon Freidank auf der Schwelle. Sie war einigermaßen verlegen, aber sie bat ihn, einzutreten in die Stube, in welcher die Mutter am Tische saß, mit einer Handarbeit beschäftigt. Sie selber nahm das Kind auf den Arm, welches sich mit größter Innigkeit an sie anschmiegte.
Der Uhrmacher, welcher den ihm gebotenen Stuhl angenommen hatte, schien einigermaßen in Verlegenheit zu sein, als ob ihm das rechte Wort fehle; endlich sprach er:
»Es drängt mich, noch einmal von ganzem Herzen Fräulein Marie zu danken für das, was sie meinem Kinde gethan hat; meine Grethel wär' heute bei ihrer Mutter, wenn Sie nicht gewesen wären,« wandte er sich zu dem Mädchen, welches sich wieder an dem Fenster niedergelassen hatte.
»Der liebe Gott hat geholfen, und wir wollen ihm alle dafür danken, nicht wahr, Mäuschen?« sagte Marie zu dem Kinde, das auf ihrem Schoße saß und mit dem Kreuzchen spielte, das auf ihrer Brust hing.
»Ja, ja, freilich der liebe Gott,« erwiderte Freidank, »aber er thut's manchmal durch seinen Engel, und der sind Sie diesmal gewesen.«
»Ich hab's gethan, weil ich doch meiner guten Grethe versprochen hatte, über ihr Kind zu wachen, wenn sie's selber einmal nicht mehr könnte!«
»Haben Sie das wirklich versprochen?« rief lebhafter der Uhrmacher -- »ja, wenn Sie nur auch ...«
Er wußte offenbar nicht recht, wie er sich ausdrücken sollte, und suchte nach Worten.
»Sehen Sie, das Kind ist so verlassen, und ich auch. So kann's nicht weiter gehen, dabei gehen wir beide zu Grunde. Die alte Becker hat ja den guten Willen, aber sie muß doch zuerst auf ihre Wirtschaft und auf ihre Verwandtschaft sehen, und dann ... sie versteht auch nicht mit dem Kinde umzugehen. Nein, so kann's nicht gehen, und wenn Grethel mir wieder krank würde, denken Sie nur, was das werden soll! Das arme kleine Ding braucht eine Mutter ... und da dacht' ich ... ob Sie nicht, da Sie auch meiner seligen Grethe versprochen haben ... ob Sie nicht -- -- mein Weib werden wollten!«
Er hatte stockend, wie mit beklemmtem Atem gesprochen und endlich die letzten Worte hastig hervorgestoßen.
Das Mädchen war errötet und hatte das Kind auf die Erde gestellt, das sie aber nicht losließ, gleich als wüßte es, um was es sich handle; die alte Frau am Tische jedoch hatte erschrocken und wie abwehrend beide Hände nach dem Manne ausgestreckt, der mit bleichen Wangen und erwartenden Augen auf seinem Stuhle saß; sie rief:
»Um Gotteswillen, Herr Freidank -- wohin denken Sie -- das kann ja nicht sein!«
Eine scheinbar unendlich lange Pause trat ein. Es war still, auch das Kind regte sich nicht, und man hörte nur die tiefen Atemzüge des Mädchens am Fenster; endlich sagte Freidank:ä