Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 5
So war der Sommer hingegangen, und herbstlich wehte es über die Stoppeln und durch die Obstgärten. Die Zeit, da man überall Kirchweihfeste feierte, war gekommen, und Peter hatte bei einem derselben die Festpredigt zu halten. Es war in demselben Orte, aus welchem Barbara stammte und wo sie noch Verwandte hatte. Der Pfarrer des Kirchweihdorfes hatte seinen Wagen geschickt, um den Kaplan abzuholen, und die Köchin hatte es für ganz selbstverständlich angesehen, daß sie mit ihm fahren könne. Im größten Putze war sie darum herbeigekommen, um ohne weiteres ihren Platz einzunehmen, aber Peter erklärte, soviel er wisse, sei der Wagen für den Festprediger geschickt worden, und ihm wäre es lieb, ihn allein benützen zu können. Barbara glühte vor Zorn über die nach ihrer Meinung ihr angethane Schmach, sie lärmte im Hofe der Pfarrei, so daß Peter dem Kutscher befahl, schleunigst fortzufahren, und es wenigstens nicht mit anzusehen brauchte, wie der verlegene alte Pfarrer alles aufbot, um sie zu besänftigen und ihr zuletzt -- da er selbst über Pferde nicht verfügte, -- einen Wagen von einem Bauern verschaffte, in welchem sie auch zur Kirchweih fuhr.
Der alte Herr blieb gegen seine sonstige Gewohnheit zurück, da er mit seinem Amtsbruder in Obernitz, wo das Fest stattfand, nicht in besonders freundlichen Beziehungen stand; der Mann war ihm zu rigoros.
Für Peter war es ein wirklicher Feiertag gewesen; er hatte mit der ganzen Wärme seines Herzens gepredigt, dann hatte der Gottesdienst in würdiger Weise stattgefunden, unterstützt von einem trefflichen Kirchenchor, und der Mittag war im Kreise älterer und jüngerer Amtsbrüder, Dank dem feinen Takte des Gastgebers und dessen ungesuchter Liebenswürdigkeit, lebendig und anregend zugleich gewesen, so daß Frohwalt, der zur Rückkehr den Wagen abgelehnt hatte, mit einem unverkennbaren Behagen dem zwei Stunden entfernten Nedamitz wieder zuwanderte. Auf dem Dorfplatze bei der Kirche, wo einige Verkaufs- und Schaubuden aufgestellt waren, hatte er auch Barbara gesehen, aber sie hatte ihm, sobald sie ihn erblickte, den Rücken zugewendet.
Als er in seinem Kirchdorfe anlangte, war es Abend geworden, und leichte Dämmerung hüllte schon das Pfarrgehöft ein, als er dasselbe betrat. Im Zimmer des Pfarrers brannte die Lampe, und da er demselben Grüße zu bestellen hatte, auch dieser vielleicht mit dem Abendbrote auf ihn wartete, so ging er, ohne sich umzukleiden, dahin. Als er die Thür öffnete, erschrak er. Auf dem Tisch stand der bekannte Zinnkrug neben der Lampe, auf dem Boden davor, mit dem Rücken gegen das Sopha gelehnt, lag der Pfarrer, und sein Gesicht schien bei dem zweifelhaften Lichtschimmer bläulichrot. Er röchelte laut und unheimlich, und dem Kaplan war's nicht zweifelhaft, daß hier ein Schlaganfall vorliege. Hier that schnelle Hilfe not.
Er eilte darum hinaus, den Knecht zu suchen, damit dieser ihm helfe, den schwerkranken Mann zu Bette zu bringen und einen Arzt herbeihole. Er flog die Treppen hinab nach dem Hofe. Der zottige, braune Hund blinzelte nach ihm und wedelte mit dem Schweife, im Stalle klirrte ein Rind an seiner Kette; er aber eilte nach der Kammer des Knechts, die in einem kleinen Wirtschaftsgebäude neben dem Stalle sich zu ebener Erde befand. Hastig riß er die Thür auf und rief, indem er in den halbdunklen Raum blickte, den Burschen beim Namen. Zwei erschrockene Menschen fuhren auseinander, und ein Weib, das ohne Mieder, nur im Unterrock und Hemd sich hier befand, suchte sich in einem dunkeln Winkel zu verbergen; es war zweifellos die junge Magd.
Peter Frohwalt war sich im Augenblick gar nicht klar über den Vorgang; er rief nur:
»Komm schnell, Jakob, den Herrn Pfarrer hat der Schlag getroffen -- hilf ihn mir ins Bett tragen und hole den Arzt!«
Dann lief er davon, und der Knecht, welcher hastig eine Jacke überstreifte, rief der Dirne noch ein leichtfertiges Wort zu, dann folgte er dem Kaplan. Sie betraten das Zimmer des Pfarrers, der noch in derselben Stellung lag wie vordem, nur war das Haupt noch tiefer gesunken und das Röcheln ähnelte mehr einem Schnarchen. Der Knecht trat heran, betrachtete ihn, kratzte sich am Kopfe und sprach halb heiter, halb verlegen:
»Ich denke, er ist tot? -- Hochwürden, Sie glauben, daß das ein Schlag ist? -- Hm -- hm -- der Herr Pfarrer ist nicht krank, er ist nur -- er hat nur ...«
Der Bursche wies nach dem großen Kruge, und Peter Frohwalt ging zu seiner Bestürzung eine trübe Erkenntnis auf. Das also war's! -- Betrunken! Und dazu hatte er den Knecht geholt! Er schämte sich, zumal er die Empfindung hatte, daß der Bursche mit seinem dummen Lächeln auf dem breiten Gesichte einen solchen Anblick schon kannte. So gebot er denn diesem zuzugreifen, gemeinsam kleideten sie den Pfarrer aus, der sich auch jetzt nicht ermunterte, sondern nur mit halb geschlossenen Augen unverständliche Dinge murmelte und nach Barbara verlangte, und dann brachten sie ihn zu Bette. Nun huschte der Knecht davon, denn ihm war es unbehaglich, wenn er daran dachte, daß ihn der Kaplan wegen der Magd zur Rede stellen könnte; auch wartete die Dirne vielleicht auf ihn. Frohwalt aber löschte das Licht und ging tieftraurig nach seinem Zimmer.
Am andern Morgen schien ihm der Pfarrer auszuweichen; es mochte doch eine Erinnerung in ihm aufdämmern, daß sein Kaplan ihn zu Bett gebracht, aber er rührte nicht an der Sache. Auch Frohwalt that dies nicht, aber ein anderes lag ihm auf der Seele, die Beziehung von Knecht und Magd. Er war sich erst in schlafloser Nachtstunde über den Vorgang in der Knechtkammer bekannt geworden und entsetzte sich über die Unsittlichkeit unter dem geistlichen Dache. Hier mußte Abhilfe geschafft und einer von den beiden, oder alle beide aus dem Dienste entlassen werden.
Er brachte am Abend, als er mit dem Pfarrer allein zu Tische saß, die Rede darauf. Der alte Mann geriet sichtlich in Verlegenheit; er sprach nach vielem Räuspern:
»Mein lieber junger Amtsbruder, Sie fassen die Dinge etwas zu rigoros auf. Sehen Sie, das ist auf dem Lande nicht anders und läßt sich, wenn die Leute nicht selber die sittliche Kraft haben, nicht gut ändern. Hier hilft kein Zureden und kein Entlassen. Wenn ich andere Dienstboten nehme, geht es genau wieder so, weil's junge Leute sind, und alte kann ich nicht brauchen!«
»Aber mein Gott, das ist ja entsetzlich. Das kann ja nicht sein, daß gute Mahnung ganz umsonst sein sollte. Ich will selber einmal mit Jakob sprechen und ihm ans Gewissen klopfen; im Pfarrhause wenigstens muß es in sittlicher Beziehung sauber sein und von da aus muß ein gutes Vorbild und Beispiel gegeben werden.«
Der Pfarrer wurde noch verlegener und suchte sich mit »Ja, ja -- hm, hm« zu helfen; er war froh, als Barbara eintrat und das Gespräch damit unterbrochen wurde.
Der Kaplan aber suchte schon in den nächsten Tagen eine Gelegenheit, mit dem Knechte, der ihm sichtlich auswich, allein zu sein. Er redete ihm scharf und doch warm ins Gewissen und verlangte mit Entschiedenheit, daß er keine solche Schande über das Haus bringe, weil er -- Frohwalt -- dann in jedem Falle auf seiner Entlassung bestehen müsse schon im Interesse der guten Zucht und der Verhinderung allgemeinen Aergernisses.
Der Bursche grinste ihn dummdreist an und sagte mit einem blöden Lächeln:
»Je ja -- Hochwürden -- ich will ja die Franziska heiraten -- wir sind eben Brautleute -- und ist alles in Ehren! Wenn Sie so sein wollen, dann wär' über Manches zu reden -- ich spreche nicht vom Pfarrhause, Gott behüte -- aber im Dorfe! Der untere Wirt lebt mit seiner Magd -- und da spricht niemand mehr drüber --.«
»Ich werde aber drüber sprechen! Das muß anders werden, im Hause und im Dorf, verlaß Dich drauf, Jakob! Und richte Dich danach samt der Franziska!«
Den jungen Priester hatte ein heiliger Zorn ergriffen, sein Gesicht glühte, als er fortging, der Knecht aber sah ihm kopfschüttelnd mit seinem dummen Lächeln nach.
Nun begann Frohwalt erst nach dem und jenem im Dorfe zu fragen und erfuhr denn so manches, was in einer kirchlich gut geleiteten Gemeinde nicht sein sollte. Das war ja ein kleines Sodom! Besonders die Geschichte mit dem untern Wirte, die sich bestätigte und in der niemand ein Aergernis sah. Der Mann war Witwer und die Magd ein stattliches Weibsbild.
An dieser Stelle mußte der Hebel zuerst angesetzt werden. Wiederum sprach Peter Frohwalt zuerst mit dem Pfarrer, der hin- und herredete und, wie es schien, doch nicht den Mut hatte, hier vorzugehen. Es wäre doch nichts zu machen. Man könnte ja mit Exekutivmitteln die Entfernung des Weibsbildes durchsetzen, aber einen Zweck würde das kaum haben, sie ginge zu einer Thür hinaus und käme bei der andern wieder herein. Am besten wär's da, ein Auge zuzudrücken, so lebe man wenigstens in Frieden mit den Leuten.
Damit aber mochte sich der Kaplan nicht beruhigen, und als er eines Nachmittags den unteren Wirt behäbig vor seiner Thüre stehen sah, und dieser ihn mit einem biedermännischen Schmunzeln beinahe vertraulich grüßte, trat er auf ihn zu und fragte, ob er vielleicht für eine Viertelstunde unter vier Augen mit ihm reden könne.
Der Mann war verwundert und bat ihn einzutreten. Er führte ihn nach dem Obergeschoß des Hauses, wo die Wohnzimmer waren. Auf der Treppe begegnete ihnen die Magd, ein blühendes, dralles Weib, das ihnen freundlich zulachte und das der Wirt ohne jede Scheu auf den nackten Arm tätschelte.
In der Stube angelangt und unter vier Augen hörte der Mann beinahe verwundert, weshalb der junge Priester gekommen war. Er ließ ihn reden, und Frohwalt wußte nicht, ob die Röte, die jenem ins Gesicht stieg, Scham oder Unmut bedeute. Er sprach mit warmer Herzlichkeit, aber auch nicht ohne eine gewisse Strenge, und gerade die schlug bei dem heißblütigen Manne und angesichts der Jugend des Kaplans dem Fasse den Boden aus.
»So?« -- polterte er. -- »Was sagen Sie mir da von Unrecht und Sünde? Potz Element, da kehren Sie doch erst einmal in der Pfarrei aus. Herr Kaplan, Sie sind zu jung hier am Orte und darum kann ich Ihnen nicht allzu sehr übelnehmen, wenn Sie am verkehrten Ende anfangen. Der Herr Pfarrer ist jetzt auch etwas älter geworden, aber vor zwanzig und zehn Jahren noch ist's wunderlich hergegangen im Pfarrhof, und wir haben's ihm im Dorfe gar nicht übel genommen, er ist eben auch ein Mensch, und die Barbara war hübsch --.«
Frohwalt war bleich geworden bis in die Lippen und lehnte sich tiefatmend in seinen Sitz zurück, ihn traf jedes Wort wie ein Keulenschlag, und die Hände wie zur Abwehr vorgestreckt, stammelte er: »Das kann ja nicht sein -- das ist ...«
»Eine Lüge, wollen Sie sagen, Hochwürden?« fragte der andere, ohne jeden Hohn und völlig ruhig -- »na, da wissen Sie auch nicht, was hier jeder weiß, daß ein Sohn von ihm in der Welt herumläuft, ein verkommener Bursche, der ihm viel Sorgen macht und den er gar nicht einmal verleugnet! Da giebt's nichts zu lügen und nichts zu verheimlichen, und darum ist's besser, man rührt an solchen Sachen nicht. Und ich hätt's auch nicht gethan, wenn Sie mir nicht so gekommen wären, aber wie man in den Wald schreit, so hallt's heraus ...«
Der Kaplan vermochte nicht mehr zu sprechen; er ließ den Wortschwall des anderen über sich ergehen, ihm war die Kehle wie zugeschnürt. Zusammengebeugt, elend an Körper und Gemüt, verließ er das Haus, das er mit solcher sittlichen Entrüstung betreten hatte, und die schöne Magd sah ihm lächelnd von der Schwelle aus nach.
Seit jener Stunde fühlte er sich unglücklich in Nedamitz. Anfangs hatte er daran gedacht, selbst dem Pfarrer einen Vorhalt zu machen, aber das gab er auf, was hätte es auch nützen sollen! Er empfand mit dem alten, schwachen Manne Verachtung und Mitleid zugleich und suchte sich einigermaßen damit zu beruhigen, daß er sich an die Züge von Herzensgüte hielt, die versöhnlich neben seine Schwächen traten. Die Köchin jedoch haßte er, und mit ihr sprach er nur, was unbedingt nötig war; Barbara aber vergalt ihm diese feindliche Stimmung mit Gleichem und ließ ihn, wo es nur anging, empfinden, daß sie in diesem Hause das Heft in der Hand habe.
So kam der Winter. An den langen Abenden saß Frohwalt in seiner Stube und arbeitete. Er hatte eine größere kirchenrechtliche Abhandlung unter der Feder, die er zu veröffentlichen gedachte, und bei dieser Thätigkeit fand er Freude und Ruhe. Seine Pflichten erfüllte er dabei mit größter Pünktlichkeit und nahm nach wie vor das Beschwerlichste dem Pfarrer ab, der ihn mit unverkennbarer Zuneigung und zugleich mit einem fast scheuen Respekt behandelte.
Es war Weihnachten erschienen, das Fest der Freude. Der junge Kaplan hatte wenig von der letzteren gemerkt. Mutter und Schwester hatten ihn mit kleinen Geschenken bedacht, und die hatte er am heiligen Abend vor sich hingelegt, als er bei einsam brennender Lampe an dem vor den Ofen gerückten Tische saß. Kein Christbaum, kein Freund -- zum ersten Male wurde ihm in diesen Stunden wehmutsvoll zu Sinne. Er sah hinaus auf die Dorfgasse, aus den kleinen Fenstern der Häuschen fiel der Lichtschein und ihm war's, als höre er durch die Stille der Nacht das Jauchzen fröhlicher Kinderstimmen. O, die Entsagung war nicht immer leicht, das Sichselbst und sein Empfinden besiegen hart. Da fiel ihm das kleine Buch von Vetter Martin in die Hand, das Laienbrevier, und wie er es aufschlug, las er:
-- -- Du gewinne Augenblicke! Denn hast Du jeden Augenblick besiegt, Hast Du das ganze Leben Dir gewonnen! Das ganze Leben Dir geschmückt! Dir leicht Die ungeheure Last der Zeit gemacht! So trägt ein Kind den Baum in Spänen fort! Das Leben ist nicht schwer dem Immer-Guten. Allein dem selten oder oft nur Guten Verwirrt es sich, wie dem verschlafenen Weber! Das Leben ist so leicht dem Immer-Guten!
Das Wort gab ihm eine wunderbare Ruhe und Klarheit. Den Augenblick besiegen, immer gut sein! Darin lag ja alles, und der das sagte, der ihm in dieser Weihnacht solchen Trost verlieh, war -- ein Protestant, aber der Gedanke vermochte ihn heute nicht zu erregen, um so mehr, als er manches Goldkorn schon in dem Büchlein gefunden hatte, das ihn bald abstieß, bald wieder seltsam anzog. Mit dem Gelöbnis, stets aufs neue danach zu streben, immer gut zu sein, ging er um Mitternacht, als die Glocken klangen, hinüber nach der Kirche zur Mette.
Der erste Weihnachtsfeiertag brach wenig freundlich an; er brachte kalten Wind und Schnee, und Frohwalt empfand sein ganzes Unbehagen, als er nach dem Filialdorfe Květau hinüberwanderte, um in der dort befindlichen Kapelle die heilige Messe zu lesen. Es war immer ein Stündchen Wegs, und selbst auf der Straße schlechter Pfad, aber, den Kragen seines Ueberrockes heraufgeschlagen, die Klerik hochgeschürzt, so schritt er wacker aus.
Das kleine Gotteshaus war ganz gefüllt von Andächtigen, zu dem Klange der bescheidenen, dünnstimmigen Orgel tönte der fromme Gesang des Weihnachtsliedes:
Ein Kind geboren, gar wunderschön, Zur Erd ist kommen aus Himmelshöhn -- Hallelujah!
Bei dem alten Lehrer trank er nach dem Gottesdienste eine Tasse Kaffee und hörte dessen Klage über die Feindseligkeiten zwischen den Deutschen und den Tschechen im Dorfe, welche durch die Tagesblätter, besonders die tschechischen, gegen einander gehetzt würden; er hätte manchmal mit der Jugend schon seine liebe Not. Dann ging er wieder gen Nedamitz zurück. Das Wetter war besser geworden und über dem winterlichen Landschaftsbilde lag ein wärmerer Sonnenstrahl, so daß sein Kirchdach recht freundlich aus der weißen Schneehülle herauslugte.
Dann saß er am Mittagstische mit dem Pfarrer beisammen. Der Gänsebraten duftete, und in den Gläsern perlte heute goldiger Czernosecker. Der alte Herr fühlte sich angesichts dessen besonders behaglich und heiter, aber auch hier sollte es sich bewähren, daß »der bösen Mächte Hand zwischen Lipp' und Kelchesrand schwebt.«
Die Köchin kam plötzlich recht eilfertig herein und hinter ihr ein Mann aus Květau. Sie rief:
»In Květau hat's nach der Kirche eine Rauferei gegeben, und der Jiři Pacak ist gestochen worden. Er wird wohl sterben, und da möcht' jemand kommen und ihm das Sakrament geben. Da haben die Deutschen wieder angefangen, die Mörderbande!«
»Ach nein« -- suchte der Bote dazwischen zu reden -- »der Jiři ist selber Schuld gewesen, er hat ...«
Die beiden Geistlichen waren erregt aufgestanden und der Pfarrer sagte seufzend:
»Na, da will ich doch gleich -- weil der Bursche nicht gut deutsch kann -- --«
»Ach, das wär' noch schöner!« rief die Köchin -- »Sie werden doch nicht bei dem Wetter -- es hatte eben wieder zu schneien angefangen -- selber gehen? Da geht allemal der Pater Peter. Schaun's, daß Sie fortkommen« -- wandte sie sich an den Kaplan -- »geben's dem Burschen die Oelung und reden's dabei dem verdammten Gesindel, den Deutschen, mal ins Gewissen! Nu ja -- auf was warten's denn noch, da essen Sie mal ein Stückel Gans weniger!«
Im ersten Augenblick stand Frohwalt ganz verdutzt da, und der Bote aus Květau machte ein seltsam verwundertes Gesicht; der junge Priester erwartete, daß der Pfarrer etwas sagen würde auf solche Aeußerungen, die noch dazu im unhöflichsten Tone gesprochen wurden, und als dies nicht geschah, stieg ihm eine heiße Röte ins Gesicht und er sprach:
»Nun möcht' ich doch endlich wissen, ob ich vom hochwürdigsten Konsistorium oder von der Pfarrköchin in Nedamitz angestellt bin? -- Sie haben wohl die Güte, dieselbe darüber zu unterrichten, Herr Pfarrer, denn ich bin der Quälerei dieses Weibes müde.«
»Was -- Quälerei? -- Ich bin noch mit jedem geistlichen Herrn drausgekommen, aber so stolz und hochnäsig hat noch keiner gethan; ich bin 25 Jahre -- --«
»Barbara, Barbara,« rief der Pfarrer fast bittend dazwischen, Frohwalt aber sagte:
»Ich behalte mir vor, die Antwort auf meine Frage vom Konsistorium selbst zu erbitten! Jetzt wartet ein Sterbender -- kommen Sie!«
Und während der Pfarrer und die Köchin noch sich stumm und befremdet anblickten, ging der junge Priester mit dem verdutzt dreinschauenden Boten hinaus. Er eilte, nachdem er diesen zum Meßner geschickt hatte, seine Klerik anzuziehen, und bald darauf schritt er zum zweiten Male durch Schnee und Wind gegen Květau, diesmal mit beschleunigtem Fuße, sodaß er in einer halben Stunde dort anlangte. Er fand, noch im Wirtshause, wo der böse Streit stattgefunden, einen Sterbenden, um welchen sich der herbeigerufene Arzt vergebens bemühte, und dem er nur die letzte Oelung zu reichen vermochte.
Der Anblick des blutbefleckten, regungs- und bewußtlosen Menschen hatte ihn tief erschüttert, mehr noch aber die Erzählung des Wirtes, nach welcher er selbst die unschuldige Veranlassung der furchtbaren That geworden war. Er hatte am Ende der Messe drei deutsche Vaterunser gebetet -- der Pfarrer hatte immer noch eins oder zwei in tschechischer Sprache eingefügt; -- da hatte der Jiři im Wirtshause, wo sich die Bauern nach dem Gottesdienste zusammenfanden, sich darüber lustig gemacht, und so lange auf die Deutschen gestichelt, bis der Streit anhob, in welchem er selber zuerst das Messer gezogen hatte; ein Deutscher hatte es ihm entwunden, und als der trotzige Bursche mit diesem rang, glitt er aus und fiel in die noch immer offene Schneide.
Der Heimweg nach Nedamitz war für Frohwalt fürchterlich. Ihm lag es auf der Seele, daß er sich, noch dazu in Gegenwart des fremden Boten, im Pfarrhause von seinem Zorn hatte überwältigen lassen -- er hätte ja auch schweigend fortgehen können, noch entsetzlicher aber war ihm dies letzte grauenhafte Erlebnis. Er ging, einem Automaten gleich, dahin, und seine Füße waren ihm schwer.
Als er im Pfarrhause ankam, schien der Pfarrer bereits auf ihn zu warten. Er war in Verlegenheit und in Sorge zugleich. Die Drohung des Kaplans mit dem Konsistorium war ihm nicht gleichgültig, da er wußte, daß er manches auf dem Kerbholz hatte. Darum suchte er Barbaras Ungehörigkeit zu entschuldigen, und bat ihn, die Sache nicht so ernst zu nehmen; er habe der Köchin ins Gewissen geredet, und Aehnliches werde ganz gewiß nicht wieder vorkommen. Frohwalt hörte nur mit halbem Ohre hin; er sprach einige beruhigende Worte, denn der alte Herr, der in den Händen des Weibes war, that ihm leid, und dieser ging zuletzt gedrückt und verstimmt fort.
Zum Abendbrot kam der Kaplan nicht, sodaß die Sache selbst der Köchin unbehaglich ward; er betete lange, aber er fand keine rechte Ruhe. Immer sah er das bleiche, verzerrte Gesicht des erstochenen Burschen vor sich, und erst spät begab er sich zu Bette. Doch fand er lange keinen Schlaf. Er hörte das Heulen des Windes um das Haus, dazwischen ab und zu das Schlagen der Uhr vom Kirchturme, und wälzte sich fieberheiß von einer Seite nach der andern. Die Last seines Amtes lag zum erstenmale mit erdrückender Wucht auf ihm, und er hatte keine Menschenseele, in die er etwas davon hätte legen und der er hätte klagen können.
Gegen Morgen war er entschlummert, und mit dem grauenden Wintertage stand er wieder auf und ging nach der Kirche zur Messe. Dann war er aufs neue daheim in seiner Stube -- einsam, bange und trüb. Was war das für ein Weihnachtsfest! Hatte denn der Himmel für ihn keinen Tropfen Freude?
Um die Mittagszeit stand er am Fenster, das nach der Dorfgasse hinsah und schaute hinaus. Heute lag es wie eine blaue Glocke über der Welt, und der Sonnenschein blitzte auf dem weißen Schnee. Kleine Mädchen rollten ihn zusammen zu Klumpen, um sie zu einem ungefügen Manne zusammenzusetzen, und neckende Knaben warfen sie dabei mit den weißen, weichen Bällen. Und sie jauchzten und lachten, daß es dem jungen Priester wunderlich in der Seele widerhallte. Das gab ihm einige Heiterkeit wieder, aber es sollte noch besser werden.
Da kam am Ende der Gasse, soweit er sie überschauen konnte, ein Mann her mit einer Pelzmütze auf dem eckigen Kopfe, um den die grauen Haare flatterten, einen wunderlichen langen Mantel umgehangen, einen Ranzen auf dem Rücken und in der Faust den derben Knotenstock. Das war der Vetter Martin, wie er leibte und lebte.
In Frohwalts Gesicht stieg die Röte der Freude; er riß das Fenster auf, und rief einen lauten Gruß hinaus, so daß die liebe Jugend erstaunt empor sah, der alte Wanderer aber riß die Mardermütze vom Kopfe und schwenkte sie lustig. Bald darauf stampfte er herein in die Pfarrei.
»Na, komm ich recht? -- Hab' mir Dein Nest einmal zur Winterszeit ansehen wollen, da paßt mir's am besten! Gesegnete Feiertage!«
»Ach, Vetter Martin, Dich schickt der Himmel! Keinen Menschen könnt' ich just so gut brauchen, als Dich!«
»Na, siehst Du wohl -- mein Ahnungsvermögen! Ja, so ein alter Naturforscher hat eine höllisch feine Nase. Drückt Dich's irgendwo? Herunter damit, wir wollen schon fertig werden zusammen.«
Und da saß der Alte am Ofen und streckte seine Beine weit von sich, und hatte sich seine kurze Thonpfeife angebrannt, und Peter Frohwalt erzählte ihm nun alles, alles: Vom Leben in der Pfarrei, von der Köchin Barbara, von den faulen Zuständen in Haus und Gemeinde und von dem gestrigen Morde in Květau und es that ihm wohl, sich endlich einmal entlasten zu können.
Vetter Martin hatte ihm schweigend, manchmal mit leisem Kopfschütteln zugehört, und sagte nun: