Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 4

Chapter 43,773 wordsPublic domain

»Es giebt ein höheres Gesetz, als das Deiner Kirche, welches nur für einen Teil der Menschen gilt -- ein Gesetz, das für alle vorhanden ist, die über die Erde hingehen, das ist das Gesetz der allgemeinen Bruderliebe. Sieh, ich habe in Schweden totkrank gelegen, und bin als wildfremder Mensch und als Katholik dazu in einem protestantischen Pfarrhaus gepflegt worden, Wochen lang, und kein Mensch hat mich nach meinem Glauben gefragt, und wenn ich gestorben wär', so hätten sie mich -- das glaub' ich felsenfest -- nicht im Winkel ihres Friedhofs eingescharrt. So, jetzt bin ich fertig mit dem da« -- er schob den kleinen Kadaver, den er entbalgt hatte, beiseite -- »und will nach meinen Rosen sehen.«

Er erhob sich, und Peter mit ihm. Diesem war die Kehle wie zugeschnürt; er hätte manches sagen mögen, aber es kam ihm dem alten, braven Manne gegenüber so leer und haltlos vor, daß er unmutig beinahe an sich selber irre ward. So ging er an seiner Seite durch das nächste Zimmer, in dessen Ecke nahe beim Fenster ein weißes Gerippe stand. Vetter Martin blieb einen Augenblick davor stehen und sagte humoristisch:

»Na, was meinst Du wohl, ob der einmal katholisch oder evangelisch war?«

Dann schritt er weiter. Auf einem Tischchen lag ein kleines, abgegriffenes Buch. Das nahm er in die Hand, blätterte flüchtig drin und indem er es Peter Frohwalt reichte, sprach er:

»Das kleine Werkchen will ich Dir schenken, ich habe in mancher Stunde Trost und Erhebung drin gefunden, vielleicht kann's auch Dir von Nutzen sein! Der's geschrieben hat, war ein guter, edler Mensch, und das bleibt das Beste, was man von jemandem sagen kann.«

Der junge Geistliche nahm das Bändchen und schlug den Titel auf: Es war Schefer's »Laienbrevier«. Er dankte für die Gabe und ging mit dem Alten hinaus in den Garten. Hier sprachen sie noch ein Weilchen über dies und das, dann ging Peter, nachdem Vetter Martin ihm noch zugerufen hatte:

»Und Nedamitz hoffe ich auch kennen zu lernen, und es soll mich freuen, wenn ich Dich dort recht zufrieden wiedersehe.«

Am andern Morgen früh fuhr der junge Priester mit dem Postwagen hinaus durch das alte Thor, in dessen Nähe sein Vaterhaus stand. Vor demselben harrten Mutter und Schwester und winkten ihm zu; der Postillon blies in herkömmlicher Weise das Lied, das er seit fünfundzwanzig Jahren stets bei diesem Anlasse hören ließ: »Muß i' denn zum Städtele 'naus,« und dann rollte der schwarzgelbe Wagen auf der staubigen Straße hin, hinein in den sonnigen Tag.

Auf der Höhe beim Kapellchen, wo am Tage der Primiz der fahrende Handwerksbursche gesessen hatte, stand der Vetter Martin, auf seinen »Holländer« gestützt, die Mütze mit dem breiten Schirm weit in die Stirn hereingezogen, und rief ihm noch einmal ein »Glückauf!« nach, dann fuhr der Wagen bergab und hinter dem Reisenden versank die kleine Stadt.

Er war allein in dem Wagen, hatte die Fenster geöffnet und ließ die angenehme, kühle Morgenluft hereinstreichen. An seinem Auge gingen die freundlichen Landschaftsbilder mit all den fleißigen Menschen vorüber, Lerchen sangen aus der Höhe nieder, und ihm wurde die Seele weit. Er ging mit den besten Vorsätzen hinein ins Leben und in seinen Beruf.

Nach etwa zwei Stunden hielt der Wagen kurze Rast in Burgdorf. Das war die kleine evangelische Gemeinde mitten zwischen der katholischen Bevölkerung, die durch Gott weiß welchen Anlaß hieher verweht worden war. Eine schmucke Kirche mit weißen Mauern und einem zierlichen Türmchen, dessen vergoldetes Kreuz im Sonnenschein blinkte, stand auf einer kleinen Anhöhe, unfern davon das schlichte Pfarrhaus, von Holzfachwerk errichtet, mit spiegelnden Fenstern. An diesem fuhr der Wagen vorüber. Im Gärtchen vor dem Hause stand der junge Pastor, und an seinem Arme lehnte blühend und frisch sein Weib, schmuck und einfach, und sie sahen zwischen den Rosenbüschen hin nach dem vorüberrollenden Wagen. Zwei Kinder spielten jauchzend vor ihnen im Sande.

Peter Frohwalt wurde von seltsamen Empfindungen erfaßt, aber er wußte sich selbst nicht volle Rechenschaft darüber zu geben. Das Familienbild war von so friedlicher Anmut und atmete so sehr den Duft stiller, glücklicher Häuslichkeit, daß darüber der Unmut gegen den Ketzer zurücktrat und ein wehmütiger Neid beinahe die Oberhand gewann. Er wollte das Gefühl abschütteln, sobald das Dorf hinter ihm lag, aber unwillkürlich wandte er sich von einer kleinen Anhöhe aus nochmals zurück. Der ganze Ort war so sauber und freundlich, ja er sah geradezu wohlhabend darein, und tiefblauer Himmel lag über den grünen Gärten und den roten Dächern, gerade so wie über dem katholischen Lande ... unser Herrgott machte keinen Unterschied!

Beinahe hätte ihn die Wahrnehmung verstimmt, doch er besann sich, daß geschrieben steht, daß Gott seine Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte. Aber seine Gedanken wollte er doch ablenken, und so faßte er in die Tasche, in welche er noch zu guter Letzt das von Vetter Martin erhaltene Buch gesteckt hatte. Er schlug es auf und fand als Anhang zu dem »Laienbrevier« noch eine Anzahl später wohl beigebundener Scheferscher Gedichte; er las:

Nimm alle auf, schließ keinen aus. So thut Der Gott; drum ist er's; und so thust Du göttlich. Wer sich und seine Sache einzig will Zu starrer Herrschaft bringen, gegen den Erhebt sich jeder Mensch von freier Seele, Und ihn, den _Unduldsamen, duldet Keiner_. Der stützt nicht seine Macht, wer andre ausschließt, Der wird unmöglich in dem Menschenschwarm ...

Gern hätte er das Büchlein weggeworfen, aber die einfache Sprache, der edle Gedankenausdruck fesselte ihn.

Den nehmen alle an, wer alle aufnimmt. Wer alle aufnimmt, der erweitert sich Das Herz zum Himmel; und wer alle einschließt In sein Gemüt, sein Glück und seinen Glauben, Der ist der wahre Mensch, der redliche, Der große ...

Peter Frohwalt versank in Nachdenken und kümmerte sich nicht mehr um die Landschaftsbilder, die an ihm vorüberzogen. Was wollte er selbst denn sein? -- Ein wahrer, redlicher Mensch, und der Weg zu diesem Ziele sollte eine Toleranz sein, die den Satzungen seiner Kirche nicht völlig entsprach! Es begann in seiner Seele sich ein Zwiespalt zu regen, und er war froh, als der Wagen in der Stadt ankam, von wo aus ihn das Dampfroß weiter tragen sollte.

Gegen Abend langte er in seinem Bestimmungsorte an. Von der letzten Bahnstation hatte er eine gute halbe Stunde zu gehen, aber das Marschieren that ihm wohl, nachdem er so lange in dem heißen Waggon gesessen hatte. Langsam schritt er durch die reifenden Felder, bis er das Dorf Nedamitz vor sich liegen hatte. Es war ziemlich groß, die Kirche lag am letzten Ende und ringsum dehnte sich ein welliges Hügelland aus, auf welchem da und dort ein grüner Hopfengarten sich zeigte. Die Gegend war ziemlich einförmig.

Bei einem rotgestrichenen Holzkreuz standen zwei Kinder, Mädchen, mit Feldblumensträußchen in den Händen; sie knixten und sagten wie mit einer Stimme:

»~Pochválen bud' Pán Ježiš Kristus!~«[1]

[1] Gelobt sei Jesus Christus!

Er antwortete, da ihm Gruß und Antwort von seinem Prager Aufenthalte her bekannt war:

»~Až na věky~.«[2]

[2] In Ewigkeit!

Dann ging er rascher weiter; es war ihm unbehaglich, daß der erste Gruß, den ihm die neue Heimat entgegenbrachte, nicht in den Mutterlauten klang, und er hatte auch die unbestimmte Furcht, die Kinder möchten ihn tschechisch anreden und ihn in die Verlegenheit bringen, ihnen nicht antworten zu können.

Jetzt klang vom Dorfe her die Aveglocke. Das war noch ein anderer Gruß; jetzt grüßte ihn die Stimme seiner Kirche, und andachtsvoll entblößte er das Haupt und betete den »englischen Gruß«. Wie er durch die Gasse des Ortes schritt, begegnete er vielfach Landsleuten, die von den Feldern kamen oder vor den Thüren saßen. Mancher kümmerte sich gar nicht um ihn, andere, zumal Weiber, grüßten, fast durchaus in deutscher Sprache, und die Kinder kamen heran und küßten ihm die Hand. Er ging langsam und empfand jetzt beinahe ein Wohlbehagen bei dem Gedanken, hier daheim zu sein.

Nun war er bei der Pfarrei. Es war ein ansehnliches Gehöft, von einer Mauer umgeben, durch welche ein Thor hinein führte in den Hof. Dieser war nicht besonders sauber gehalten; Hühner und Gänse liefen umher, aus dem Stalle blökte ein Rind, und an der Kette lag vor seiner Hütte ein brauner, zottiger Hund. Bei dem Wassertroge schäkerte ein älterer Knecht mit einer jungen Dirne, einer Magd, in einer ziemlich freien Weise.

Die Beiden fuhren auseinander, als der junge Priester herankam, der Knecht lief nach dem Stalle zu, das Mädchen aber blieb mit dem gefüllten Wassereimer stehen und grüßte mit einem verlegenen Knixe. Peter Frohwalt sagte:

»Treffe ich den Herrn Pfarrer zu Hause? -- Ich bin der neue Kaplan!«

Bei diesem Worte setzte die Dirne den Eimer aus der Hand und huschte, ohne ein Wort zu erwidern, in das Haus, und er folgte ihr langsam.

Das Pfarrhaus war ein altes, einfaches, aber umfangreiches Gebäude mit vortretendem Obergeschoß und einer um dasselbe laufenden Holzgalerie; es machte im ganzen einen behaglichen Eindruck. Die Schwelle war schmutzig und Peter mußte darüber wegtreten. Da erinnerte er sich, was das Volk bei ihm zu Hause sagte bei solchen Anlässen: Man würde sich bald ärgern.

Kaum war er in den Flur gekommen, als ihm, wohl durch die Magd gerufen, ein Weib von etwa 50 Jahren entgegentrat, angethan wie eine Bäuerin, mit schwarzem Mieder, und nackten, drallen Armen; eine große blumige Schürze hatte sie umgebunden. Ihr Gesicht war einmal hübsch gewesen, jetzt sah es groß und gerötet aus. Sie wischte sich die Rechte an dem Schürzenzipfel ab und reichte sie dem jungen Priester, indem sie ihn in tschechischer Sprache begrüßte.

Peter Frohwalt hatte halb widerstrebend ihr seine Hand gegeben und sagte:

»Es thut mir leid, aber ich verstehe das Tschechische nicht!«

»Was?« rief das Weib nun deutsch -- »Sie können nicht einmal Böhmisch? -- Ja, wie wollen Sie denn hier durchkommen? Das begreife ich nicht, wie das Konsistorium einen Kaplan schicken kann, der kein Böhmisch versteht!«

Sie ließ den verblüfften jungen Mann einfach stehen oder vielmehr, sie überließ es ihm, ihr zu folgen, indem sie jetzt die Treppe emporstieg und ihm sehr ausdrucksvoll den breiten Rücken zuwendete. Und Peter ging hinter ihr drein. Auf dem oberen Flur riß sie nach raschem Anpochen eine Thür auf und rief hinein:

»Da schickt das Konsistorium uns einen, der nicht Böhmisch kann!«

Drinnen wurde ein Stuhl gerückt und gleich darauf erschien auf der Schwelle der Pfarrer. Er war in Hemdärmeln, mit einem kleinen Seidenkäppchen auf dem grauen Kopfe, eine hagere Gestalt, deren Gesicht im Halbdunkel nicht gut zu erkennen war.

»Seien Sie willkommen!« sagte er mit einem etwas heiser klingenden Organ und reichte dem neuen Hausgenossen die Hand. Er zog ihn nun in sein Zimmer, nachdem er noch in tschechischer Sprache das Weib gefragt, ob die Wohnung für den Herrn Kaplan in Ordnung gebracht sei und eine mürrisch-kurze Antwort erhalten hatte. Er fuhr eilig in einen alten, langen Hausrock, indem er sich entschuldigte, daß er bei der herrschenden Hitze es sich bequem gemacht habe. Nun konnte Peter Frohwalt den Mann, sowie den Raum einigermaßen mustern. Der erstere hatte trotz seiner Magerkeit ein rotes, einigermaßen gedunsenes Gesicht mit kräftig hervortretender Nase, ein paar seltsam feucht flimmernde Augen, und mochte ungefähr sechzig Jahre zählen.

Das Zimmer sah einfach genug aus. Zwei Tische, einer am Fenster, ein anderer vor einem verschossenen, ehemals wohl grünen Sopha, über dem ein großes Bild hing -- der einzige Wandschmuck -- ein braunes, wurmstichiges Büchergestell, das bedenkliche Lücken zeigte, vier oder fünf Holzstühle, eine Bank in der Nähe des Ofens, ein alter Kleiderschrank und eine Kommode, die mit ihrer hellen Farbe zu den übrigen Möbeln nicht paßte -- das war die Ausstattung des Gemaches. Auf dem Tische bei dem Sopha aber stand ein großer Zinnkrug und daneben ein Glas mit einem Reste Bier.

»Ich denke, Sie werden sich hier schon einrichten,« -- sagte nun der Pfarrer, -- »es ist gerade nicht viel zu thun, wenn man es erst richtig anfaßt. Ihrem Vorgänger hat's gut gefallen, und wir hatten recht schön mit ihm zusammen gelebt -- da bekam er die Schwindsucht, der arme Teufel, und ging in seine Heimat; wiederkommen wird er nicht mehr. Er hat's verstanden, sich mit der _Barbara_, der Köchin, gut zu stellen, die ihm manchen besondern Bissen zugesteckt hat -- na, ich habe nichts dawider gehabt. Machen Sie nur auch, daß Sie gut Freund mit ihr werden! Sie ist nun schon fünfundzwanzig -- -- hm, hm ... lange Zeit bei mir, und darum nimmt sie sich auch manchmal etwas mehr heraus. Das sag' ich Ihnen, damit Sie wissen, woran Sie bei der oder jener Gelegenheit sind.«

»Wie es scheint, nimmt sie mir's schon übel, daß ich des Tschechischen nicht mächtig bin,« bemerkte Frohwalt, und der andere sagte mit einem breiten Lächeln:

»Ja, eine gute Tschechin ist sie, und darum hat auch Ihr Vorgänger, der Pater Sloczek, einen Stein bei ihr im Brette gehabt. Aber gerade notwendig ist es nicht, daß Sie das Böhmische verstehen. Das Dorf ist eigentlich ganz deutsch und nur die Filiale Květau ist gemischtsprachig. Aber da genügt's, wenn ich des Böhmischen mächtig bin. Doch jetzt will ich Sie auf Ihr Zimmer bringen und Ihr Gepäck von der Station holen lassen, und zum Abendbrot sehen wir uns dann hier wieder.« --

Es waren zwei mäßig große Räume, welche dem jungen Kaplan zur Wohnung angewiesen waren, so einfach eingerichtet, wie das Zimmer des Pfarrers, und mit weiß getünchten Wänden. Die Fenster des einen, welches als Schlafgemach diente, gingen nach dem Hofe hinaus und über diesen hinweg nach der Dorfgasse, diejenigen des andern schauten ins freie Land, auf grüne Wiesen, wogende, goldschimmernde Felder, kleine Wälder, und im Hintergrunde fern verdämmernd blaute eine Bergkette. Hier hatte Peter Frohwalt hinausgeblickt und von seiner Zukunft geträumt. Der tiefe Gottesfrieden ringsum, der gleichsam durch das offene Fenster mit dem milden Abendhauche hereinzuwehen schien, that ihm wohl und wiederum wie am Morgen dachte er daran, daß er auf diesem kleinen, stillen Erdenflecken, wohin ihn Gott gestellt, Segen bringen wollte nach seinen besten Kräften.

Die Dienstmagd rief ihn zum Abendbrot. Er fand den Pfarrer bereits am Tische sitzend. Auf dem nicht mehr ganz sauberen Linnen stand Brot, Butter, Käse, einige Eier und aufgeschnittener Schinken, dazwischen wieder der große Zinnkrug, aus welchem der Pfarrer die Gläser füllte. Dieser sprach nicht viel während des Essens, erst nach demselben lehnte er sich behaglich in seinen Stuhl zurück und begann, während er seine Pfeife stopfte, den jungen Kaplan nach seinen Familienverhältnissen zu befragen.

Dann trat die Köchin ein und schien den Tisch abräumen zu wollen, aber sie setzte sich auf einem Stuhle neben dem Pfarrer nieder, stemmte den Arm vor sich hin und sagte:

»Der Waldbauer war da, aber den Pachtzins für die Wiese hat er noch immer nicht gebracht; eine Kuh wär' ihm gestorben, und er hätt' eine andere kaufen müssen, und da will er noch acht Wochen Frist haben -- aber das geht nicht, er ist ein verlogener Lump, und ich hab' ihm auch gesagt, daß wir nicht länger warten können und daß wir ihn verklagen, wenn er nicht bei acht Tagen zahlt.«

Das Weib sprach so resolut und selbstbewußt, daß Peter Frohwalt den Pfarrer einigermaßen befremdet und erstaunt anblickte. Dieser schien auch verlegen; er räusperte sich, trank einmal mit kräftigen Zügen sein Glas leer und sagte dann:

»Er hat wirklich das Unglück gehabt mit der Kuh, Barbara -- wir wollen doch nicht hart sein; er wird schon zahlen!«

»Ach was, Sie sind immer viel zu gut, und darum kommen wir zu nichts. Na, mir soll's recht sein -- aber ich halte den Waldbauer für einen Lumpen. Na, wie wird's denn heute abend mit einem Spiel? Kann er's denn?«

Die letzte Frage war von einem Seitenblicke auf den Kaplan begleitet, den sie bisher so gut wie gar nicht beachtet hatte, und der Pfarrer geriet dabei, wie es schien, noch mehr in Verlegenheit. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, rieb sich die Nase mit dem Zeigefinger und sprach endlich:

»Ja, sehen Sie, Herr Kaplan, wir leben hier sehr abgeschieden und eingezogen; Gesellschaft giebt es nicht -- wenigstens gehe ich nicht gern ins Wirtshaus, und da haben wir denn gewöhnlich abends in der Pfarrei zusammengesessen, ich, der Kaplan und die Barbara und haben ein Kartenspiel gemacht. Es wär' hübsch, wenn das wieder so paßte und Sie mitthun wollten.«

»Ich bedaure sehr, ich kann nicht Karten spielen!« sagte Frohwalt ziemlich kühl, aber die Köchin rief: »Nicht einmal Karten spielen! Ja, das müssen Sie lernen -- da wollen's wir gleich heute probieren!«

»Ich danke -- ich habe auch gar keine Neigung und kein Interesse für Karten --« erwiderte der junge Priester.

»Aber, was wollen Sie denn machen, besonders an den langen Winterabenden?« fragte der Pfarrer beinahe kläglich.

»Ich habe besondere Freude am Studium des kanonischen Rechts, sowie an jenem der italienischen Sprache und finde in der Beschäftigung mit beiden einen ganz besonderen Genuß.«

Einen Augenblick saßen die beiden andern stumm, mit halb geöffnetem Munde da, als hätten sie ein Wunderding gehört, dann beschaute der Pfarrer seinen jungen Amtsgenossen beinahe respektvoll, schob das Seidenkäppchen weiter hinaus nach dem Wirbel und sagte:

»Aber Italienisch! -- Was wollen Sie denn damit?«

»O, es macht mir Vergnügen, italienische Werke zu lesen, und die Sprache selbst ist an und für sich so schön!«

Der alte Priester sah ihn noch immer mit großen Augen an, während das Weib mit dem Kopfe schüttelte und spöttisch dreinschaute; da kam die Magd herein.

»Hochwürden, Herr Pfarrer,« sagte sie, »die Pilz-Rosalie in Květau liegt im Sterben und Sie möchten so gut sein und sie versehen, der Kirchendiener ist schon nach der Kirche gegangen.«

»Das paßt jetzt auch schlecht,« warf die Köchin hin, während der Pfarrer mit einem Seufzer nach dem großen Zinnkruge blickte -- Frohwalt aber, der wohl merkte, daß der alte Herr nicht von besonderer Berufsfreudigkeit erfüllt war, und der gleichzeitig damit die ihm wenig erfreuliche Unterhaltung abbrechen wollte, erklärte:

»Ich will gehen, Herr Pfarrer, doch müssen Sie mir, da meine Sachen noch nicht hier sind, Ihre Klerik borgen.«

Das Gesicht des alten Mannes leuchtete vor Vergnügen; er zog eine kräftigere Rauchwolke aus seiner Pfeife, gab dem Kaplan dankbar die Hand, und wenige Minuten später war Peter Frohwalt in der Kirche, legte die geweihte Hostie in die Bursa, hing sich diese um den Hals und schritt nun, im Amtsgewande des Pfarrers, hinter dem Küster drein, dessen Glöcklein fast unablässig ertönte.

Die Dämmerung war eingebrochen, und das letzte Abendrot verglühte im Westen; aus Feld und Flur stieg ein Düften, und auf Wiesenwegen schritten die beiden hin. Wo ihnen Menschen begegneten, sanken sie auf die Knie vor dem Leib des Herrn und neigten die Häupter, und der junge Priester ging mit gehobener Seele.

Noch vor dem Dörfchen Květau, am Saume eines Gehölzes stand das Häuschen, in welchem die Kranke lag, welche die letzte Wegzehrung begehrte. Frohwalt sah in der dunklen Stube, in welcher jetzt eine geweihte Kerze einen müden Schein verbreitete, ein steinaltes Weiblein, dessen verwittertes Gesicht aus dem Deckbett hervorschaute mit sterbensmüden Augen, in denen es noch einmal aufleuchtete, als der Priester kam.

»O mein Jesus -- Sie sind wohl der neue Herr Kaplan?« fragte sie mit leiser Stimme, und als der Gefragte es bejahte, fügte sie bei:

»Ach jetzt bin ich schon glücklich, daß Sie kommen und mir den lieben Heiland bringen. Ich denk', mit mir geht's nimmer lang. Geh' hinaus, Susel, -- sprach sie zu dem kleinen Mädchen, das noch in der Stube war -- damit ich dem hochwürdigen Herrn meine Sünden sagen kann!«

Die Kleine ging zugleich mit dem Meßner, und mit einem seltsamen Empfinden nahm Peter Frohwalt das erste Sündenbekenntnis eines Menschen entgegen und noch dazu eines sterbenden. Das alte Weiblein hatte nicht viel zu beichten, aber dennoch hob sich seine Seele von einem heiligen Schauer, als er an Gottes Statt die lateinischen Worte der Vergebung sprach. Dann reichte er der Alten den Leib des Herrn, und nun blieb er noch eine Weile bei ihr sitzen.

»Ach, mir ist jetzt so sehr wohl,« sagte sie -- »beinahe wie in meinem ganzen Leben nicht; es ist doch schön, wenn man mit seinem Herrgott gut steht und ruhig an den Augenblick denken kann, da er einen heimrufen wird. Vergelt's Gott, daß _Sie_ gekommen sind. Sehen Sie, der Herr Pfarrer ist ein seelenguter Herr, er hat mir heimlich manchen Guldenzettel zugesteckt, von dem die Barbara nichts weiß -- aber die Barbara ... Gott verzeih' mir's, ich will nichts weiter sagen, nein, nein -- der Herr Pfarrer ist eben auch ein armer sündiger Mensch, aber Sie haben noch nicht lange die heilige Weih' erhalten, die wirkt noch bei Ihnen, und darum freut's mich, daß Sie gekommen sind.«

Das Weib redete mit unverkennbarer Anstrengung, aber die Geschwätzigkeit des Alters verließ sie auch jetzt nicht. Frohwalt jedoch wünschte nicht durch müßiges Reden den Eindruck des heiligen Abendmahls zu stören, darum erhob er sich und reichte der Alten die Hand. Sie faßte dieselbe in ihre beiden hagern, harten Hände und sagte:

»Bewahre Ihnen der liebe Gott die Freude an Ihrem Beruf, der so schön ist!«

Dann zog sie seine Rechte ehrerbietig an ihre welken Lippen und sank auf das Lager zurück. Der junge Priester verließ den schwülen, dumpfen Raum, und trat ins Freie. Die angenehme Kühle that ihm wohl, noch mehr aber das Bewußtsein, gleich in den ersten Stunden seiner Amtsthätigkeit einer Menschenseele Trost und Erquickung gebracht zu haben, und so schritt er jetzt neben dem Meßner, der ihn erwartet hatte, langsam wieder Nedamitz zu, wobei er nur mit halbem Ohr auf den geschwätzigen Gefährten hörte, der ihn über die Verhältnisse des Kirchspiels im allgemeinen und besondern zu unterrichten bemüht war.

Im Zimmer des Pfarrers sah er noch Licht. Er trat darum ein, um die Klerik zurückzustellen und fand den alten Herrn auf dem grünen Sopha, wie er mit Barbara »Mariage« spielte. Der Zinnkrug stand noch auf dem Tische. Er hielt sich nicht auf, ihn widerte dies Bild an nach dem, was er vor kurzem geschaut hatte, und er ging nach seinem Zimmer, wo er seinen Koffer vorfand, welchen der Knecht von der Station geholt hatte.

Viertes Kapitel.

Der Aufenthalt im Nedamitzer Pfarrhause ward für Frohwalt eine Schule der Prüfung und der Selbstverleugnung. Immer mehr erkannte er, daß der Pfarrer ein schwacher Mann und ganz in den Händen der Köchin war, welche hier völlig wie eine Hausfrau schaltete. Der Kaplan, welcher von vornherein ihr Wohlwollen verscherzt hatte, kam dabei nicht besonders gut weg. Seine Zimmer wurden nur mangelhaft in Ordnung gebracht, sein Frühstück erhielt er meist kalt und in dürftigster Weise, und selbst mittags war es vorgekommen, daß für den Pfarrer etwas Besonderes gekocht war, während er sich mit den aufgewärmten Resten der vorigen Mahlzeit begnügen mußte.

Frohwalt nahm alles ruhig hin; er sah manchmal den hilflosen, entschuldigenden Blick des Pfarrers, und das genügte ihm. Dabei war er in seinem Amte unermüdlich und nahm, soweit es anging, dem alten Herrn die mühevollen Arbeiten gern ab; dafür hatte er wenigstens die Genugthuung, daß ihm die Leute überall mit Achtung begegneten, was ihm dem Pfarrer gegenüber nicht immer der Fall zu sein schien, und daß die Kinder der Gemeinde geradezu mit Liebe an ihm hingen. Seine Erholung waren Spaziergänge in der Umgebung, seine Freude seine Privatstudien.