Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 32

Chapter 323,709 wordsPublic domain

Als der erste Sonnenstrahl in das Fenster fiel, standen die Drei um die bleiche Tote her, und Frohwalt betete in ergreifender Andacht ein Vaterunser, und machte über die erkaltende Stirn das Zeichen des Kreuzes. Die geweihte Kerze, welche angezündet worden war, wurde verlöscht, und der junge Priester sagte:

»Freidank, meine Mutter hat Sie ihren Sohn genannt ... lassen Sie uns Brüder sein! Ich weiß, daß ich an Ihnen gut zu machen habe!«

Der Uhrmacher hatte trotz der Trauer Augen, die von innerem Glück leuchteten; er zog sein leise weinendes Weib an sich und sprach:

»Nein, wir sind nicht schlechte Menschen, und unser Glaube ist auch ein guter Glaube. Darum hoffen wir auch, einmal mit der lieben Toten hier wieder vereint zu werden.«

»Das hoffe ich auch,« sagte Frohwalt ... »und nun laßt uns eine Stunde ruhen, ehe wir an die weiteren Pflichten für unsere Mutter denken.«

Drei Tage später wurde die alte Frau begraben unter allgemeiner Beteiligung des ganzen Städtchens. Hinter dem Sarge ging zwischen dem Gatten und dem Bruder Marie, unmittelbar hinter dem Pfarrer, ~P.~ Ignaz; der sah finster und mürrisch drein, und als auf dem Gottesacker auch die beiden evangelischen Leidtragenden ihre Schaufel Erde hinunterrollen ließen auf den schlichten Sarg, war es ihm, als müsse er sie hinwegstoßen von der geweihten Scholle, aber das ernste Auge Frohwalts, das auf ihm ruhte, schien ihn einzuschüchtern: Seit der Beerdigung Hallers hatte er nicht mehr völlig jene Energie des Fanatismus wie vorher.

Als am andern Morgen die Seelenmessen für die Verstorbene in der Kirche gelesen wurden, hatten sich auf Veranlassung Frohwalts Freidank und seine Frau wiederum eingefunden, aber sie saßen ganz hinten im Halbdunkel unter dem Chor und beteten dort still für das Seelenheil der Heimgegangenen, während Frohwalt selbst mit dem trauerfarbigen Meßgewande angethan am Hauptaltare den Totengottesdienst abhielt. Die Messe, welche er für seine Mutter darbrachte, sollte die letzte sein, welche er in seinem Leben las, und andachtsvoller hatte er wohl auch selten eine celebriert.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Der Frühling des Jahres 1871 war gekommen. Das gewaltige Kriegsspiel in Frankreich hatte sein Ende erreicht, mit Blut und Eisen war die Einigung Deutschlands vollzogen und die alte deutsche Kaiserherrlichkeit wieder erneut worden. Ueber tausend Heldengräbern im welschen Land grünte und blühte es, und wie ein echter Friedensherold zog der junge Lenz durch die Welt. Auch in dem kleinen Landstädtchen in Böhmen hatte er seinen Einzug gehalten und hatte die Bäume in Vetter Martins Garten mit seiner ganzen blühenden Herrlichkeit überschüttet. Darunter ging an einem besonders schönen Morgen der alte Herr langsam auf und nieder: Der Wandertrieb begann sich zu regen, und in seiner Seele erwog er verschiedene Pläne. Er wäre schon lange wieder in der weiten Welt gewesen, wenn er nicht um Peter Frohwalts willen daheim geblieben wäre, denn der junge Priester befand sich seit etwa einem halben Jahre in seiner Vaterstadt, ohne zunächst noch recht zu wissen, was mit ihm werden solle.

Er hatte seinem Gewissen gemäß sogleich nach dem Tode der Mutter seine Stellung zu dem neuen Glaubenssatze ehrlich vor seinen Vorgesetzten ausgesprochen, die sich vergebens bemühten, ihn zur Annahme der päpstlichen Unfehlbarkeit zu bewegen. Aber man liebte und achtete ihn, vielleicht gerade wegen seines ehrlichen Mutes, und wollte nicht mit den strengsten Mitteln gegen ihn vorgehen; darum ward er von seinem Amte und allen priesterlichen Thätigkeiten vorübergehend enthoben und ihm eine halbjährige Frist gestellt, nach deren Ablauf er erklären solle, ob er geneigt sei, sich zu unterwerfen.

Er wollte und konnte diese Zeit nicht in Prag zubringen, und darum begab er sich nach der Heimat, obwohl er wußte, daß der kleinliche Klatsch sich hier an seine Fersen heften und daß vor allem Pater Ignaz alles thun werde, um ihn in hämischer Weise zu verunglimpfen. Aber das konnte ihn nicht anfechten. Er hatte die beste Stütze in seinem guten Bewußtsein und eine andere, ganz vortreffliche in dem Vetter Martin, der sein ganzes Verhalten in dieser Sache völlig billigte und in gewisser Hinsicht sein Schicksal teilte, indem er sich auch als einen nicht mehr vollgültigen Katholiken ansah.

Frohwalt wohnte im elterlichen Hause, welches von Freidank, der sein kleines Besitztum veräußert hatte, bezogen worden war, und da er auf jeden Anteil an dem väterlichen Erbe zu gunsten der Schwester und ihres Kindes verzichtet hatte, ließen es sich der Uhrmacher und seine Frau nicht nehmen, ihn auf das Beste zu pflegen. So hatte er jetzt im täglichen Verkehr erst recht Gelegenheit, das ganze prächtige Wesen, die schlichte Herzlichkeit und die wahre Frömmigkeit seines Schwagers zu beobachten. Er sah unmittelbar vor sich das Bild einer anmutigen, auf den schönsten sittlichen Grundlagen ruhenden Häuslichkeit, mit welcher ganz sichtbarlich auch der Segen des Himmels verbunden war, und manchmal wollte es ihn beinahe wie Rührung erfassen, wenn er Zeuge war, wie Freidank und seine Schwester ihre Kinder beten lehrten für Tote und Lebende, auch für ihn. Er dachte beinahe nicht mehr daran, daß es »Evangelische« waren, mit denen er verkehrte, und aus deren kleinem Kreise ein schöner Hauch echten und duldsamen Christentums ihn anwehte: Nein, eine kirchliche Lehre, die solche Bekenner hat, ist keine ketzerische, gotteslästerliche und verwerfliche -- das war ihm völlig klar.

Um nicht müßig zu sein, beschäftigte er sich mit historischen und kirchenrechtlichen Studien, schrieb Aufsätze für verschiedene angesehene Blätter, die ihn mit ihrem Honorar in den Stand setzten, nicht ausschließlich auf Kosten seiner Verwandten leben zu müssen, und beschäftigte sich auch mit einem größeren wissenschaftlichen Werke, wobei ihn Professor Holbert in eingehender Weise unterstützte.

Außer mit Vetter Martin verkehrte er sonst beinahe mit niemandem im Städtchen; bei diesem aber sprach er täglich ein Stündchen wenigstens vor, oder machte wohl auch ab und zu mit ihm einen längeren Spaziergang, und eben, weil der Alte wußte, was er ihm just in dieser Zeit war, hatte er sein Wandergelüst unterdrückt, aber Sonnenschein und Frühlingsluft, blauer Himmel und blühende Welt hatten es ihm einmal angethan und zogen ihn auch jetzt mächtiger als je ins Weite.

Er schob seine Mütze bald hinaus aus der Stirn, bald zog er sie herein, er schnupperte förmlich nach der Lenzesluft und that immer wieder ein paar tiefere Atemzüge ... da kam der Postbote an den Gartenzaun und reichte einen Brief herüber. Martin kannte die Handschrift, er war von Heinrich Quandt; darum öffnete er das Schreiben mit Behagen und las:

»Alter lieber Freund und Wandervogel!

Da sitze ich seit drei Tagen mit Fritzel auf meinem oder richtiger meiner Schwiegereltern Landsitz und freue mich an den Blüten, die der Frühling auch im Erzgebirge hervorgelockt hat, und denke mir, wie hübsch es wäre, Sie einmal hier zu haben auf ein paar Tage. Wir haben seit Rom nicht viel von einander gehört, was aber nur beweist, daß wir alle beide saumselige Briefschreiber sind, im Herzen aber haben wir uns wohl gegenseitig bewahrt -- ich wenigstens kann für meinen Teil gutstehen. Wandern müssen Sie doch einmal, wie ich Sie kenne, also holen Sie frisch den Knotenstock und brechen Sie auf ins Erzgebirge -- so schön und blütenfrisch bekommen sie's nicht gleich wieder zu sehen. Und noch eins will ich Ihnen verraten. Hier in Ehrenberg sitzt noch einer, der vor Sehnsucht nach seinem Vetter Martin bald vergeht -- das ist unser Held Stahl. Der arme Teufel hat -- wie Ihnen ja bekannt ist -- stark Blut lassen müssen fürs liebe Vaterland. Der linke Arm liegt noch in der Binde und wird wohl nicht mehr ganz dienstfähig werden, aber die Wunde, die ihm der Granatsplitter in die Brust gerissen, ist ziemlich verheilt. Er selbst ist frisch und lebenslustig, und Fritzel, die den lieben Genesenden eigentlich hierhergelockt hat, geht mit ihm um, daß ich auf den Ritter des eisernen Kreuzes -- und das ist er, wie Sie vielleicht nicht wissen -- mitunter beinahe eifersüchtig werde. Was macht Herr ~Dr.~ Frohwalt? -- -- Es waren doch hübsche Tage damals in Rom, und wir sähen ihn fürs Leben gern auch einmal wieder. Wenn Sie Gelegenheit haben, grüßen Sie ihn herzlich von uns. Aber daß ich das Interessanteste nicht vergesse. Denken Sie, der gute Prälat Parelli hat in seinem Testamente seine Schützlinge nicht vergessen, und vor kurzem ist auf dem gehörigen Instanzenwege die Nachricht eingetroffen, daß er sowohl Sisto als Hans Stahl je 5000 Scudi (d. i. 20000 Mark) zu ihrer künstlerischen Ausbildung übermacht habe. Er hat doch ein prächtiges Herz gehabt, dieser Monsignore. Hans Stahls weitere Künstlerlaufbahn war zwar durch die Versöhnung mit seinem Vater gesichert, aber der Zuschuß ist nicht zu verachten, und für Sisto soll er nutzbringend bis zu seiner Großjährigkeit angelegt werden. Der Junge macht übrigens wunderbare Fortschritte und seinen »Eltern« große Freude. Am liebsten hätte ihn Fritzel mit hier -- aber das geht denn doch nicht, er darf nicht so ohne weiteres von seinem Meister weggenommen werden, bei dem er trefflich aufgehoben ist. Der Junge spricht schon ein ganz niedliches Deutsch und wächst sich, wie ich mit Vaterstolz sagen kann, zu einem wahren Adonis aus, der den Dresdner Mädchen einmal gefährlich werden kann.

Doch genug! Vieles andere mündlich -- denn daß Sie nun doch kommen, zumal ich Stahl gern mit Ihnen überraschen möchte, nehme ich fest und entschieden an. Also auf Wiedersehen in Ehrenberg! Mit vielen Grüßen auch von Fritzel

Ihr alter treuer Freund Heinrich Quandt.«

Vetter Martin faltete das Schreiben zusammen, und war nahe daran, einen Luftsprung zu machen vor Vergnügen, aber er besann sich, daß er sich in seinem Garten so gut wie auf offener Straße befand, und so begnügte er sich, ein paar Mal kräftig mit den Fingern zu schnalzen und im Weitergehen vor sich hinzubrummen:

»Was doch für wunderliche Dinge auf diesem Planeten passieren! Mein Lausitzer Windhund ist Ritter geworden und erbt ein kleines Vermögen -- das ist doch, um sich in die Nase zu beißen! Aber es steckt was in dem Bengel, das habe ich herausgewittert, schon als ich ihn zum ersten Male unter den toten Juden sein Süßholz raspeln hörte ... Freilich! Wo werde ich denn jetzt hier sitzen bleiben können, das ist ja der reine Fingerzeig des Himmels, und -- holla, das ist das Allerhübscheste! -- Peter Frohwalt muß mit, das ist _meine_ Ueberraschung! -- Ach, Hochwürden, das trifft sich gut, Nachrichten von Hans Stahl!«

Martin hatte am Gartenzaune den Kapuzinerpater Severin vorübergehen sehen und eilte ihm entgegen. Der junge Mönch war auf den Anruf einen Augenblick stehen geblieben, und über sein bleiches Gesicht flog eine Röte, als er durch das Gitterthor eintrat, und dem alten Herrn die Hand reichte.

Severin war seit dem Tode Hallers einigermaßen verändert; sein Aussehen war leidend, und die Blässe seiner Wangen trat im Gegensatze zu dem dunklen Vollbart noch mehr hervor, aber was ihn eigentlich quälte, wußte niemand. Seit er Therese in jener furchtbaren Stunde einen Augenblick an seinem Herzen und in seinem Arme gefühlt hatte, hatte es ihn wie mit verzehrender Unruhe erfaßt, und schwerer als zuvor rang er mit sich selbst. Sie war ja wieder frei und er ahnte es, Hans Stahl werde sie nun gewinnen, er aber werde zum zweiten Male entsagen, und diesmal fiel es ihm schwerer als zuvor.

Der Alte teilte ihm mit, was er von dem jungen Lausitzer erfahren hatte, und daß er ihn aufsuchen wolle, und um die Lippen des Kapuziners flog ein beinahe schmerzliches Lächeln, da er sagte:

»Ich gönne ihm alles von Herzen! Er hat viel Glück: Ruhm, Reichtum und ... was er sonst wünscht, wird ihm zuteil -- --«

»Ach, Sie meinen Therese Haller?«

»Ich habe ihm seinerzeit geschrieben von dem Vorkommnis, durch welches Frau Haller Witwe wurde, und seine Antwort aus dem Feldlager war wie ein Aufjubeln des Herzens, voll Siegeszuversicht.«

»Na, wenn's der Himmel fügt, so sollte mich auch das für ihn freuen!« sprach Martin, und wehmütig nickte der junge Mönch dazu.

Dann gingen die zwei unter den blühenden Bäumen hin und redeten noch Manches von dem gemeinsamen Freunde. Eben als Severin sich entfernen wollte, kam aber Peter Frohwalt. Auch er war blaß, aber seine Augen schauten hell und friedlich drein; er trug nicht mehr das Abzeichen des Priesters, das Collare, um den Hals.

»So ist's recht,« -- rief ihm Martin entgegen -- »Drei gehören zu einem Kollegium! Auch für Dich habe ich interessante Nachrichten.«

»Und Sie gehen, da ich komme,« sagte Frohwalt freundlich zu dem Kapuziner -- »ich kann es Ihnen nicht übel nehmen!«

Das Gesicht Severins rötete sich plötzlich:

»Womit habe ich es verdient, Herr Doktor, daß Sie mir so wehe thun? -- Ich weiß, was Sie sagen wollen mit Ihren Worten, aber glauben Sie mir, daß ich mich nicht scheue, mit Ihnen zu verkehren, sondern im Gegenteil, es stets und unter allen Umständen für eine Ehre ansehe, in Ihrer Gesellschaft sein zu dürfen.«

»Auch wenn vielleicht nächsten Sonntag schon der Herr Pfarrer triumphierend von der Kanzel herab meine Ausschließung aus der Kirche verkündet?«

»Oho,« -- rief Martin -- »so weit ist's doch noch nicht?«

»Doch,« entgegnete Frohwalt mit ruhigem Lächeln; »die Bedenkzeit, die man mir für meine mögliche Unterwerfung gelassen hat, ist vorüber, und ich habe eben jetzt meine bündige Erklärung nach Prag abgehen lassen, daß ich meine ehrliche Ueberzeugung unter keinen Umständen opfern werde, folge daraus was immer!«

»Das ist brav, und darauf darfst Du stolz sein, Peter!« sagte der Alte, indem er kraftvoll dem jungen Manne die Hand drückte, zur selben Zeit aber hatte auch Severin diesem seine Rechte schweigend entgegengestreckt, und verwundert sah ihn Frohwalt an.

»Ja, ja, Herr Doktor, 's ist mir voller Ernst,« sagte der Kapuziner wehmütig -- »ich verstehe Sie völlig, aber verachten Sie mich nicht, wenn ich Ihrem Wege nicht folgen kann. Sie sind ein Adler, ich bin ein Sperling. Für Ihren reichen Geist steht die ganze Welt offen, ich würde zu Grunde gehen, wenn ich nicht den schützenden Hafen meines Klösterchens hätte. Was sollte ich anfangen, wenn ich heute die braune Kutte auszöge ... und meine Eltern würden verzweifeln. Darum schweige ich und bücke mich, und überlasse es denen, die mein Gewissen belasten, auch einen Teil der Verantwortung dafür vor Gott zu tragen. Mein Gelübde heischt Gehorsam. Mir geht es wie Tausenden, denen der Mut fehlt, weil sie weder das Vermögen, noch die geistigen Mittel haben, sich gegen die Gewalt auflehnen zu können. Seien Sie mir darum nicht böse. Und grüßen Sie Hans Stahl, Herr Martin ... er soll recht glücklich werden.«

Zusammengebeugt, wie ein gebrochener, müder Mensch, wankte Severin fort, und die beiden anderen sahen ihm bewegt nach.

»Wie sagt der Bruder Martin im »Götz«?« sprach endlich der Alte; -- »das Gefühl seines Standes frißt ihm das Herz.«

»Schade um ihn!« fügte Frohwalt mit aufrichtigem Bedauern bei.

Jetzt kam Martin auf seinen Brief zu sprechen; er ließ seinen Besuch ihn lesen und dann bemerkte er:

»Und weißt Du was, Peter? -- Wir schnüren unsere Ränzchen und marschieren morgen ab, geradewegs nach dem Erzgebirge und nach dem kleinen Neste, wo unsere römischen Freunde hausen. Hier wird der Boden ohnedies etwas zu warm für Dich werden, denn daß Dein Freund, der Pfarrer, kräftig einheizt, darauf kannst Du Dich verlassen. Und mir juckt's schon den ganzen Morgen so wunderlich in den Beinen, daß ich zum Städtele hinaus _muß_. Also, wie steht's?«

»Ja, lieber Vetter Martin -- zum Reisen gehört Geld!«

»Das haben wir, Peter! Wie Fürsten reisen wir freilich nicht, eher wie fahrende Schüler, aber das ist bei weitem vergnüglicher, und dafür reichen meine Mittel für uns zwei sehr anständig aus. Was mein ist, ist Dein -- das ist doch selbstverständlich, und wenn Du etwa eine andere Meinung haben solltest, so sprich sie aus, aber sei gewärtig, daß ich Dich aus meinem Besitztum hinauswerfe und jede diplomatische Beziehung zu Dir abbreche.«

»Na gut denn, Du lieber, närrischer Vetter, -- und wenn Du mit einem aus der Kirche Ausgeschlossenen Dich zu wandern getraust ohne Schaden für Dein leibliches und seelisches Heil -- --«

»Sei ganz ruhig, Peter! Wenn sie erst Dich herausthun aus der Kirche, dann können sie's bei mir gleich mit besorgen, das will ich dem Pfarrer schriftlich geben!«

»Dann ist's recht -- und morgen wandern wir!«

»Topp!« sagte Martin, und unbekümmert um die Nähe der Gasse schleuderte er seine Mütze hoch in die Luft und fing sie wieder auf, wie ein lustiger Knabe, für den die Ferien gekommen sind, und dem eine goldene Zeit der Freiheit winkt.

Am andern Morgen, als es noch recht ruhig war im Städtchen, aber der Sonnenschein schon über den Dächern lachte, zogen zwei Wanderer zum Thore hinaus. Ueber ihnen blauer, weitgespannter Himmel, unter ihnen noch leicht wogender Nebel, und wo sie gingen zur Rechten und zur Linken ein Glänzen und Blühen. Die ersten Lerchen stiegen empor in die klare Luft, aufjauchzend aus den kleinen Kehlen, und die Brust wurde den Beiden weit und froh, so daß sie erst eine gute Weile schweigend ausschritten, bis der Vetter Martin endlich sein Morgenpfeifchen anzündete, und nun begann er redselig zu werden.

So kamen sie nach Burgdorf, der kleinen evangelischen Gemeinde, und das Dorf machte im Morgensonnenschein einen besonders freundlichen und sauberen Eindruck.

Als sie an dem schlichten Pfarrhause vorüberkamen, in dessen Gärtchen alles in frischer Blüte stand, sahen sie den jungen Pfarrer mit seiner Frau unter den Bäumen auf- und abschreiten, und Frohwalt erinnerte sich, dies Bild beinahe ebenso schon früher einmal gesehen zu haben. Heute sah er es mit ganz anderen Augen an: Jeder Hauch von Feindseligkeit war aus seinem Herzen geschwunden, und er empfand eine Art reiner Freude über diese trauliche Häuslichkeit und das freundliche Familienleben in diesem Pfarrhause, das einen bedeutsamen Gegensatz bildete zu dem, was er in Nedamitz und im Hause Parellis in Rom geschaut und erlebt hatte.

Die beiden Wanderer ließen sich Zeit und genossen die Schönheit der Gotteswelt in vollen Zügen; Frohwalt aber schien es, als ob er nie so sonnige, herrliche Tage durchlebt hätte, und wenn er gemeint hatte, Vetter Martin völlig zu kennen, so wurde er jetzt eines Besseren belehrt, denn auf der Wanderung gab sich der Alte erst ganz, wie er war, mit seinem reichsten Humor, mit seinen wärmsten Empfindungen, mit seinem für alles Schöne und Gute empfänglichen Herzen.

An einem Nachmittage trafen sie in Ehrenberg ein. Es war ein ziemlich großes, freundliches Dorf, das im Grün der Gärten in einer Thalsenkung des Erzgebirges lag. Die Gegend schien fruchtbar und wohlhabend, und war von landschaftlicher Anmut, wie der Gegensatz von grünem, flußdurchzogenem Thal und in der Ferne blauenden Bergen sie bot. Der Kirchturm war für unsere Freunde der Wegweiser; in der Nähe des Gotteshauses mußte sich die Pfarrei befinden.

Und sie täuschten sich nicht. Ein Knabe hatte sie zurecht gewiesen, und so traten sie in den Pfarrhof ein. Hier aber war es Frohwalt, als sehe er jenes freundliche Bild in Wirklichkeit vor sich, das er in Quandts Skizzenmappe in Rom erblickt hatte. Da war das alte, breitbehäbige Haus von Holzfachwerk mit dem der Straße zugewendeten stattlichen Giebel und davor die prächtige Linde mit ihrem jungen, noch nicht voll entfalteten Grün. Auf der Holzbank darunter aber saßen der Maler mit seiner Frau und mit Hans Stahl, und sahen zu, wie ein prächtiges, blühendes Mädchen die lustig um sie flatternden Tauben fütterte.

Aber die Ankömmlinge hatten nicht Zeit, das Bild zu genießen mit seiner traulichen Anmut, denn Heinrich Quandt hatte sie schon gesehen.

»Der Vetter Martin! Doktor Frohwalt!« klang es, dann eilten die drei von der Linde her, und das junge Mädchen ließ die goldenen Weizenkörner achtlos aus der Schürze rollen unter das durch die Bewegung der Menschen gleichfalls erregtere Taubenvolk. Dann fanden sich die Hände im warmen, herzlichen Drucke, und Begrüßungsworte gingen hin und her. Martin aber hielt seinen »Lausitzer Windhund« wie einen Sohn in den Armen, und sah ihm dann ins Gesicht:

»Potz Respekt, Herr Ritter des eisernen Kreuzes!« sagte er bewegt, und dann fuhr er liebkosend über den verwundeten Arm, der noch in der Binde lag.

Heinrich Quandt aber rief dem Mädchen zu: »Trudchen, komm her!« und zum Giebelfenster hinauf: »Papa, Mama, unsere römischen Freunde sind gekommen!«

Aus dem Fenster beugte sich einen Augenblick ein von weißschimmernden Haaren umwobenes freundliches Gesicht und eine sonore Stimme rief:

»Herzlich willkommen! Wir sind gleich bei Euch!«

Und eben als die andern in den breiten Flur des Hauses traten, kamen der Pfarrer und seine Frau die Treppe herab, ein hübsches, altes Paar, dem Herzlichkeit und Gutmütigkeit aus den Augen leuchtete. Sie begrüßten die beiden Ankömmlinge wie gute alte Bekannte, und schon nach kurzem saßen sie alle beisammen um den Tisch bei einem Imbiß, der von der geistlichen Hausfrau schnell bereitet worden war, und bei Gesprächen, die alte Erinnerungen rasch neu belebten, aber auch bekundeten, wie man im Pfarrhause zu Ehrenberg über alles, was mit Rom zusammenhing, auf das Beste unterrichtet war und für alles die herzlichste Teilnahme zeigte.

Als Martin und Frohwalt am Abend das Gasthaus aufsuchen wollten, geriet der Pfarrer geradezu in liebenswürdigen Zorn:

»Davon kann doch nicht die Rede sein! Wir haben übergenug Platz in unserem alten, gemütlichen Hause und Gott Lob auch genug zu essen und zu trinken, und wir denken doch nicht, daß Sie hierhergekommen sind, um uns zu kränken? Was müßten denn meine Kirchkinder sagen, wenn ihr Pfarrer seine Freunde im Gasthofe unterbringen ließe!«

Da fiel sein Blick auf Frohwalt, und er wurde ernster, als er beifügte:

»Herr Doktor, _Ihnen_ darf ich keinen, auch keinen freundschaftlichen Zwang anthun ...«

»Ich verstehe Sie, Herr Pfarrer,« sagte der Angeredete lächelnd, -- »aber ich bin in der Lage, ganz meinem Herzen folgen zu dürfen, und wenn Sie mich hier behalten, bleibe ich!«

Herzlich drückte der alte evangelische Geistliche ihm die Hand, und die Sache war abgemacht.

Frohwalt war erstaunt über den feinen Takt, welcher in diesem Hause herrschte, und wie man alles vermied, was nach der Meinung der Pfarrerfamilie ihm peinlich oder unangenehm sein könnte. Auch von dem Konzil war nicht die Rede, ebensowenig wie von seiner Stellung zu der Unfehlbarkeit, bis er am zweitnächsten Tage selbst darauf, wie auch auf seine Ausschließung aus der römischen Kirche zu sprechen kam.

Der Pfarrer schien überrascht, aber, so nahe auch nun der Gedanke oder die Versuchung dazu gewesen wäre, er hielt sich völlig fern von einem Anpreisen seines eigenen Glaubens und sprach mit Frohwalt über die Sache in einer nicht bloß völlig objektiven, sondern auch sehr klaren und kenntnisvollen Weise, so daß dieser vor dem Wissen wie vor dem Charakter des alten Herrn immer neue Achtung bekam.

Es war Sonntag. Die Glocke rief zur Kirche, und Vetter Martin, der mit Stahl und Frohwalt im Garten hin- und widerging, sagte:

»Ich dächte, wir hörten den Pfarrer predigen. Gottes Wort kann uns nichts schaden, und ich denke, der alte Herr wird nichts Unrechtes reden. Du, Peter, bist überhaupt an nichts mehr gebunden, und Hans und ich wollen es schon mit unserem katholischen Gewissen ausmachen, wenn wir einmal ein evangelisches Gotteshaus besuchen. 's ist bei mir überdies nicht das erste Mal.«