Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 31

Chapter 313,627 wordsPublic domain

Es war ihm, als höre er den Vetter Martin reden, so schlicht und bündig, treuherzig und gerade. Ja, der Alte, der ihm das Büchlein von Leopold Schefer einst gegeben, war wohl ein Geistesverwandter des alten Dichters und hatte damals gewußt, was er that. Er wollte mit diesem Werkchen immer unsichtbar bei Peter Frohwalt sein, ihn seinen Geist fühlen lassen, und ihm ein Mahn- und Warnwort in ernster, bewegter Stunde durch den Mund seines Lieblingspoeten zurufen. Ja, wenn er den Vetter Martin um Rat fragte, so würde der ihn vielleicht an jene Stunde in Rom erinnern, da Frohwalt mit einem gewissen Selbstbewußtsein das Wort Martin Luthers vom Wormser Reichstage gesprochen hatte. Jetzt gelte es, auch dafür einzustehen, wenn er sich nicht vor dem braven Alten schämen wollte.

Mit dem Gedanken an diesen begab er sich zur Ruhe und schlief tief und gut bis an den Morgen.

Als er am Vormittage nach der Zeltnergasse kam zu Professor Holbert, empfing ihn Therese im Trauergewande, aber freundlich und herzlich. Sie bedauerte, daß er ihren Vater nicht anträfe, welcher vor einer Stunde bereits zu Seiner Eminenz dem Cardinal-Erzbischof beschieden worden sei, und bat Frohwalt, zu warten, da er bald zurückkehren müsse. Dieser blieb, und so saß er wieder einmal in dem freundlichen Salon, wo er damals mit Stahl, Severin und Haller zusammengewesen, und er mußte die Gedanken, welche ihn erfaßten, gewaltsam zurückdrängen. Mit keiner Silbe wurde des Unseligen gedacht, um so mehr aber sprach Therese von Frohwalts Mutter und Schwester, die ihr beide so lieb und wert geworden waren, sowie von seinem Schwager, dem Uhrmacher Freidank, dessen biederes, schlichtes und bescheidenes Wesen ihr in freundlicher Erinnerung war, und sie berichtete von ihm manchen kleinen Zug aus seiner Häuslichkeit und von seinem wahrhaft religiösen Wesen, daß es Frohwalt beinahe mit leiser Beschämung empfand, daß diese Fremde mehr und Besseres von seinen eigenen Verwandten wußte, als er selbst.

Indessen befand sich Holbert bei dem Cardinal Schwarzenberg. Dieser hatte den angesehenen Gelehrten mit jener vornehmen Freundlichkeit empfangen, die ihn im gesellschaftlichen Umgange auszeichnete, und das ganze Beisammensein hatte nicht den Charakter einer Audienz, sondern den eines ungezwungenen Gedankenaustausches, bei welchem der Professor bald genug die herrschende Stellung gewann.

Die beiden Männer befanden sich im Arbeitszimmer des Kirchenfürsten und saßen sich hier gegenüber. Das sonst so klare Auge des Cardinals war heute einigermaßen unruhig, und die Finger der feinen Hand spielten nervös auf der Lehne seines Sessels. Es war ihm ein gewisses Unbehagen anzumerken angesichts des bevorstehenden Gesprächs. Er hatte nach der Begrüßung sofort begonnen:

»Sie vermuten wohl, Herr Professor, weshalb ich Sie zu mir bitten ließ.«

Holbert verneigte sich stumm.

»Ich habe zu meinem aufrichtigen Bedauern vernommen, daß Sie, auch nachdem der Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit von der Kirche allgemein angenommen worden ist, den Kampf gegen denselben fortsetzen.«

»Eminenz, ich thue nur, wozu mich meine katholische Ueberzeugung und meine Pflicht als Lehrer des Kirchenrechts nötigen.«

»Ich meine, die höchste Pflicht ist jene gegen die Kirche; sie hat entschieden, wir Katholiken haben zu gehorchen.«

»Verzeihung, Eminenz, aber es gab noch vor kurzem eine Zeit, da deutsche Kirchenfürsten ihre höchste Pflicht darin fanden, eine unbillige und gefährliche Neuerung zu bekämpfen, und seitdem hat sich nichts in der Begründung der neuen Lehre, wohl aber manches in den Anschauungen der geistlichen Oberhäupter geändert.«

Die Wangen des Cardinals röteten sich, und eine Sekunde lang senkte er den Blick vor dem durchdringend klaren Auge, welches ernst auf ihm ruhte; seine Stimme klang leiser, verschleiert, als er sagte:

»Was ich gethan habe, dafür bin ich nur Gott und Seiner Heiligkeit Rechenschaft schuldig, und da will ich's verantworten.«

»Ich meine doch auch Ihren Diözesanen, Eminenz, die in Verwirrung sind durch den Zwiespalt der früheren und der heutigen Anschauung.«

»Sie verkennen die Verhältnisse, Herr Professor. Meine und der meisten meiner Amtsbrüder Widerstand galt nicht dem neuen Glaubenssatze; als wir uns darüber äußerten und aus Klugheitsgründen die Unfehlbarkeitslehre bekämpften, traten wir nicht gegen die Kirche auf, sondern gegen eine zunächst nur als Meinung hingestellte Sache. Heute ist das anders. Der heilige Geist hat in der Schlußkongregation entschieden, die Unfehlbarkeit ist Glaubenssatz geworden, und ich und andere Kirchenfürsten haben gegen die fertige Lehre kein Recht mehr anzukämpfen.«

Ein beinahe schmerzliches Lächeln umzog den Mund Holberts:

»Wollen Eure Eminenz mir huldvollst gestatten, daß ich unumwunden und ehrlich mich äußern darf?«

Der Cardinal nickte und lehnte sich schweigend tiefer in seinen Sessel; der Professor aber sprach:

»Ich will nicht daran erinnern, daß nach der Abstimmung vom 13. Juli, in welcher die Mehrheit der in Rom versammelten Kirchenfürsten den neuen Glaubenssatz bereits als solchen angenommen hatte und der Meinungsaustausch darüber zu Ende war, eine große Zahl von deutschen und österreichischen Konzilsvätern, wie die hochwürdigsten Erzbischöfe und Bischöfe Ketteler, Krementz, Hefele, Rauscher, Fürstenberg, Förster, Deinlein und auch Eure Eminenz selbst die offizielle Erklärung dem römischen Stuhl gaben, daß sie nach wie vor Gegner der Unfehlbarkeit bleiben müßten, weil sie keinen Grund zu finden vermöchten, der ihnen eine andere Ueberzeugung beibringen könnte -- ich gestatte mir, nur daran zu gemahnen, daß auch nach dem 18. Juli noch ein Teil der deutschen Kirchenfürsten und Theologen den Glaubenssatz verwarfen, dessen Zustandekommen auch vom kirchenrechtlichen Standpunkte schwer anfechtbar erscheint; ich gestatte mir, daran zu erinnern, wie einer der gelehrtesten und geistvollsten Kirchenväter, der hochwürdigste Bischof von Rottenburg, wiederholt in Briefen nach dem 18. Juli den neuen Glaubenssatz verurteilt hat, wie, abgesehen von anderen auch Eure Eminenz bei allen wahrhaft gesinnungstüchtigen Katholiken den Glauben zunächst noch fortleben ließen, daß in Ihrer Diözese keine verderbliche und verwerfliche Neuerung, der Sie in innerster Seele selbst nicht zuzustimmen vermögen, verkündet werden würde. Da kam die Reihe der Enttäuschungen, und sie waren bei einzelnen Kirchenfürsten ganz besonders hart. Der Erzbischof von München-Freising, welcher sich über Einzelheiten der neuen Konstitution bei seiner Rückkehr aus Rom erst von dem gelehrten Stiftspropst Döllinger unterweisen lassen mußte, hat denselben Döllinger seither aus der Kirche ausgeschlossen, und der Erzbischof von Köln vermochte den gelehrten und glaubensfesten Theologen von Bonn zu sagen: ›Wenn der Papst und ich übereinkommen, können Sie gar nichts einwenden, Sie sind dann nicht verantwortlich.‹ Das Herz blutet mir und tausend anderen, Eminenz, wenn wir die fadenscheinigen und unhaltbaren Beweggründe hören, mit denen eine Anzahl Kirchenfürsten ihre Ueberzeugung nicht bloß aufgeben, sondern die Gemüter der ihrer Obhut anvertrauten Christen zu vergewaltigen bemüht sind. Und daß Eure Eminenz nun gleichfalls der erkannten und so lange tapfer verteidigten Wahrheit untreu werden, das ist für mich das Allerbitterste. Verzeihung, wenn mir das Herz mit dem Munde durchgeht! Was aus mir redet, ist die Verehrung vor dem Kirchenfürsten, der mir allezeit besonders hoch und wert gegolten, ist die Treue und die Liebe, mit welcher ich an meinem alten katholischen Bekenntnis hänge, ist der Schmerz, der mich erfüllt, wenn ich das Beste und Edelste ins Wanken kommen sehe. Es ist soweit gekommen, daß unsere obersten Hirten nicht mehr den Mut haben, ihren eigentlichen Glauben zu bekennen, und das wird mit Notwendigkeit dazu führen, daß Religion und Kirchenherrschaft zuletzt als Eines angesehen werden. Und wenn das am grünen Holze geschieht, was soll am dürren werden? Woher soll die Priesterschaft den Mut gewinnen, fest zu bleiben in der Meinung, die man vordem ihnen als die einzig richtige hingestellt hat und die nun mit einem Male falsch sein soll? Unrecht kann nicht im Handumdrehen zum Rechte werden durch ein einfaches Machtwort. Das hieße, eine Art Faustrecht in der Kirche aufstellen, welches freilich die Schwachen erdrücken, der Sache der Kirche aber nichts nützen würde. Es ist ganz sicher, daß tausende von Priestern jetzt einfach sich ducken, teils weil sie denken, daß es zwecklos ist, wenn der Einzelne, der Untergebene, Widerstand leistet, teils, weil sie nicht wissen, was aus ihnen werden soll, wenn sie eventuell vom Amte entsetzt oder aus der Kirche ausgeschlossen werden: Es ist für sie eine Brotfrage. O wenn nur eine Anzahl Bischöfe den Mut besäße, auch jetzt noch in dem berechtigten Widerstande zu verharren, es wäre nicht möglich, daß Millionen Christen einfach von Rom aus vergewaltigt würden. Und darum ist meine schlichte, ehrliche Meinung, daß auch Eure Eminenz nicht bloß das Recht hätten, gegen den neuen Glaubenssatz anzukämpfen -- sondern noch etwas mehr!«

Cardinal Schwarzenberg hatte mehrmals tiefer geatmet bei den kühnen Worten, und hatte ab und zu die blitzenden Augen, das von warmer Empfindung gerötete Antlitz des Professors gestreift; jetzt, da dieser schwieg und ihn erwartungsvoll ansah, sprach er:

»Ich habe Sie ruhig sprechen lassen, und gebe Ihnen gern zu, daß Sie mir manche bittere Wahrheit gesagt haben. Ich kann mich auch nicht darauf einlassen, mit Ihnen darüber zu verhandeln, ich kann nur sagen, daß ich an die bedenklichen Folgen, welche der Glaubenssatz Ihrer Meinung nach haben soll, nicht glauben kann. Es wird in der Kirche nicht anders werden als bisher, nur das Ansehen des Stellvertreters Christi auf Erden hat gewonnen, und das kann uns nicht schaden.«

»Verzeihung, Eminenz, wenn ich auch darüber mich noch zu hören bitte. Ich habe die Erklärung der einzelnen Kapitel der neuen Konstitution bei mir. Gestatten mir Eure Eminenz gnädigst, betreff des dritten Kapitels den Passus zu zitieren.« -- Holbert suchte rasch in dem Hefte, das er aus der Brusttasche zog und las:

»Wer daher sagt, der römische Papst habe lediglich das Amt der Aufsicht oder Führung, nicht aber die volle und höchste Jurisdiktionsgewalt über die ganze Kirche, nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in Sachen, welche die Disziplin und die Regierung der über die ganze Erde verbreiteten Kirche betreffen; oder derselbe besitze nur den bedeutenderen Anteil, nicht die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt; oder diese seine Gewalt sei keine ordentliche und unmittelbare, sei es nicht über alle und jegliche Kirchen, oder über alle und jegliche Hirten und Gläubigen: der sei im Banne!«

»Nun, Eminenz -- das ist doch klar und deutlich gesprochen und heißt, der Papst hat die volle und höchste Gewalt in Glauben, Sitten, Disziplin und Kirchenverwaltung. Und diese Gewalt wird bezeichnet als eine ~ordinaria et immediata~, eine regelmäßige und unmittelbare, und demnach ist der Papst überhaupt der _alleinige Bischof der gesamten Kirche_. Ich bitte Euer Eminenz, die Tragweite dieses Gedankens zu erwägen. Was ist dadurch der einzelne Bischof oder Erzbischof mehr oder anderes als eine Puppe, die am Draht bewegt wird, wenn der Papst in jeder Diözese, zu jeder Stunde, nach freiem Belieben Pfarreien und Präbenden geben und nehmen, die Diözesangrenzen nach Willkür verschieben, die Diözesanvorschriften nach Gutdünken verändern, den Bischof selbst nach Belieben des Amtes entsetzen, das Kirchenvermögen zu seinen persönlichen Zwecken verwenden und vieles andere thun kann, was die schlimmsten Folgen nach sich ziehen könnte? Wir sind so weit gekommen, daß wir nicht mehr in der Lage sein sollen, unsere Bischöfe als vom heiligen Geiste eingesetzt ansehen zu können, da sie nur noch Geschäftsträger und Vikare des Papstes sind, der ihm mißliebige Personen beseitigen und sie ohne weiteres durch gefügige und unter Umständen selbst verworfene Persönlichkeiten ersetzen kann ...«

»Sie malen zu schwarz; so weit wird es nicht kommen, Herr Professor,« rief der Kirchenfürst erregt, Holbert aber entgegnete:

»Vielleicht nicht so bald, aber die Kirchengeschichte weiß von sehr verschiedenartigen Stellvertretern Christi zu erzählen, und Gott gnade der Kirche, wenn unter der Herrschaft des neuen Glaubenssatzes ein Papst die dreifache Krone trüge, dem es beikäme, in unwürdiger Weise seine Gewalt zu mißbrauchen.«

»Wir leben nicht mehr im Mittelalter, Herr Professor ... und darum kann ich mich noch nicht überzeugen, daß der Schaden, welcher durch gehorsame Annahme der neuen Glaubenslehre möglicherweise erwüchse, größer wäre, als jener, der bestimmt einträte, wenn wir in dem Widerstande verharrten.«

»Und welcher Schaden ist das, wenn ich mir die unterthänige Frage gestatten darf, Eminenz?«

»Daß wir zu einer Kirchenspaltung kommen müßten.«

»Und meinen Eminenz, daß eine solche überhaupt zu vermeiden ist? -- Ich glaube, sie hat sich bereits vollzogen und wird bald noch schärfer zu Tage treten. Eine Anzahl geistig hervorragender und durch Festigkeit und Gläubigkeit ausgezeichneter Katholiken sind sich völlig klar darüber, daß die Kirche, welche diese ~constitutio dogmatica de Ecclesia Christi~ annimmt, nicht mehr die katholische Kirche ist, welche vor dem 18. Juli und seit 1800 Jahren bestand, und diese neue katholische Kirche ist verkörpert in dem römischen Bischof.«

»Wie« -- fuhr der Kirchenfürst beinahe entsetzt auf -- »demnach halten Sie uns, mich und die Bischöfe, welche den Glaubenssatz annehmen, für Abtrünnige?«

»Ich kann nicht anders, Eminenz, denn wer zu der _römisch-päpstlichen_ Kirche sich zählt, die seit dem 18. Juli über dem Satze der Unfehlbarkeit errichtet ist, gehört nicht mehr zu der _alten katholischen, apostolischen_ Kirche.«

Der Cardinal war aufgestanden und stand mit erbleichten Wangen vor dem kühnen Manne, der ihn fest ansah; dann sprach er mit leise bebender Stimme:

»Ich will dies Wort nicht gehört haben ... ich müßte die Ausschließung über Sie verhängen -- und das sollte mir leid thun.«

Holberts Wimper zuckte nicht, als er dem Kirchenfürsten ruhig entgegnete:

»Ich möchte mit dem Marquis Posa, dem Philipp II. mit seinem Ketzergericht drohte, fragen: ›Wirklich? Sollt' es das?‹ -- Ich muß es Eurer Eminenz überlassen, zu thun, was Sie für Ihre Pflicht ansehen, ich aber werde unter allen Umständen den Weg meiner Ueberzeugung gehen. Was mich einzig leitet, ist die Wahrheit und das Recht, sowie das Bewußtsein, daß nicht _ich_ es bin, der seinen Glauben gewechselt hat.«

Den Kirchenfürsten schien eine Rührung zu übermannen:

»Wenn Sie wenigstens diese Anschauungen verschließen wollten in Ihrer Seele ... ich könnte ...«

»Eminenz, das ist Ihr Ernst nicht, daß Sie meinen, ich könnte ein Heuchler sein! Ich werde mein Amt niederlegen an dieser Hochschule, aber ich werde mich nicht mundtot machen lassen, wo es die beste, heiligste Sache gilt. Ich bitte, mich zu entlassen, Eminenz ... ich vermöchte sonst vielleicht nicht mehr meine Ruhe zu bewahren ...«

Der Cardinal winkte schweigend mit der Hand, und hochaufgerichtet verließ der Professor nach ehrerbietigem Gruße das Gemach.

Als er nach seiner Wohnung zurückkehrte -- er hatte sich vom Hradschin herab eines Wagens bedient -- leuchtete sein Gesicht wie von innerer Freudigkeit, und so trat er Frohwalt entgegen.

»Wollen Sie mir noch Ihre Hand geben? Ich bin so gut wie aus der Kirche ausgeschlossen,« sagte er ruhig.

Der junge Priester lächelte schmerzlich, aber er streckte seine Rechte aus und drückte jene des anderen fest und herzlich.

»Ich glaube, ich habe Sie verstanden, lieber Freund!« sprach Holbert mild, »und wenn ich recht ahne, führt Sie dasselbe zu mir, was mich veranlaßt hat, vor den Cardinal zu treten. Kommen Sie! Liebes Kind, Du läßt uns wohl allein!«

Therese war bereits im Begriffe gewesen, sich zu entfernen; sie empfahl sich nun mit Herzlichkeit, und gleich darauf saßen die beiden Männer vertraulich Seite an Seite. Und nun öffnete Frohwalt dem Professor sein ganzes Herz, den Einblick in den bittern Kampf, welchen er kämpfte zwischen der Ueberzeugung und der Forderung des Gehorsams gegen die Kirche; er verhehlte ihm nicht die Zweifel, die ihm noch manchmal kamen, ob es nicht doch ein Unrecht sei, in dem Widerstande zu verharren, wenn alle Kirchenfürsten sich beugten, und verschwieg auch nicht die Besorgnis, was mit ihm werden solle, wenn er vom Amte enthoben würde.

Holbert hatte ihn ruhig aussprechen lassen. Als er schwieg, sah er ihm mit milder Freundlichkeit ins Gesicht und sprach:

»Ich habe diese Stunde kommen sehen, mein lieber Freund, weil ich seit langem Sie als eine im innersten Kerne tüchtige und wahre Natur kenne und schätze, und ich bin überzeugt, daß Sie auch ohne mich den einzig wahren Weg in diesem Wirrsal finden und ihn gehen würden. Was gegen den neuen Glaubenssatz gesprochen hat und heute noch ebenso dagegen spricht, wissen Sie so gut wie ich. Daß sich aber unsere Kirchenfürsten und Theologen jetzt schweigend unterwerfen, ist kein Beispiel, das zur Nachahmung verpflichtet. Im Gegenteil, wenn Tausende feige werden, gewinnt der Mut des Einzelnen erst an Wert und Gewicht. Der neue Glaubenssatz stellt die ausschließliche, rücksichtslose Herrschaft des Papstes über Fürsten und Völker als eine Lehre der Kirche hin. Das kann kein wahrer Katholik, das kann überhaupt kein vernünftig und klar Denkender annehmen; wer aber diese Lehre vom 18. Juli als Glaubenssatz äußerlich annimmt und glaubt, oder gar, wer sie bloß äußerlich annimmt und nicht glaubt, der verliert allen Anspruch auf die Achtung der andern, sowie auf seine Selbstachtung, denn er belügt sich und andere und ist ein Heuchler. So und nicht anders liegt die Sache, und zum Heuchler haben Sie so wenig das Zeug wie ich. Darum thun Sie mit Gott, was Ihrem Wesen entspricht, und geben Sie der Wahrheit die Ehre; was daraus folgt, das überlassen Sie dem Himmel, er wird Sie nicht verlassen, und bei Ihren Kenntnissen und Ihrem Charakter brauchen Sie nicht um die Zukunft bange zu sein.«

Wiederum drückte Frohwalt warm und innig die Hand des andern:

»Ich danke Ihnen herzlich, Herr Professor, für Ihre Anerkennung meines Wesens und Charakters, sowie für Ihre freundschaftlichen Worte überhaupt, und Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nichts thun werde, dessen ich mich vor Ihnen und vor mir selbst schämen müßte. Doch gestatten Sie mir noch eine Frage: Wie denken Sie sich das Verhältnis derer, die um ihres Mutes willen hinausgedrängt werden aus der Kirche?«

»Eigentlich ist diese Ausdrucksweise nicht die richtige, denn wir, Sie, ich und alle, die gleich uns denken, stehen auf dem alten, einzig wahren Boden der Kirche, aus welcher alle jene sich selbst ausscheiden, die diese Neuerung als Glaubenssatz annehmen. Und was mit uns geschehen soll? Nun, wir Katholiken, welche der alten, staatsrechtlich anerkannten katholischen Kirche treu bleiben und an ihr festhalten wollen, wir werden den Staat angehen um seinen Schutz und ihn um Durchführung unserer im Staatsgesetze von selbst anerkannten kirchlichen Rechte bitten. Es handelt sich doch nur darum, daß wir alten, echten Katholiken in unserem Rechte als katholische Priester und Laien nach der anerkannten Lehre und Verfassung der Katholiken leben zu können, geschützt werden; wir bitten um Schutz für die treuen Priester und Pfarrer, die etwa durch Vergewaltigung vertrieben worden sind, um Schutz für die Vornahme aller kirchlichen Akte durch dieselben, welche nach den Gesetzen staatliche Bedeutung haben, wie Taufe, Eheschließung und Begräbnis, um Schutz für öffentliche Religionsübung und für Religionsunterricht in der bisher anerkannten Lehre und Aehnliches.«

»Und meinen Sie, daß der Staat darauf eingehen werde?«

»Das glaube ich allerdings, und wenn man auch in Oesterreich, dem Hort des Katholizismus, anfänglich vielleicht Schwierigkeiten macht, so wird in Deutschland der Boden für das gute Alte zuerst bereitet werden und Oesterreich wird sich demselben nicht verschließen können.«

»Das würde allerdings zu einer Spaltung führen von Alt- und Neukatholizismus.«

»Das wird es, und die Spaltung ist bereits da, aber die Altkatholiken haben sich dabei keine Schuld zuzumessen.«

Frohwalt erhob sich, ihn erfaßte mit einmal eine ganz besondere Erregung.

»Wie es sich auch gestalte, ich bleibe bei der erkannten Wahrheit, und werde nicht länger auch nur den Schein fortleben lassen, als beugte ich mich, oder als fehlte mir der Mut des wahren Bekenntnisses. Ihrer Freundschaft halte ich mich versichert.«

»Für alle Zeit!« entgegnete Holbert warm, und mit einem innigen Händedrucke schieden die beiden Männer.

Raschen Schrittes ging Frohwalt durch die Straßen nach dem Seminar; er wollte auch keine Stunde länger zögern und unmittelbar zu seinem Vorgesetzten, dem Direktor, sich begeben, um ihm mitzuteilen, daß es gegen sein Gewissen sei, die neue Lehre anzuerkennen und daß er bereit sei, alle Folgen dafür zu tragen.

Der Himmel aber schien ihm seinen Schritt noch erleichtern zu wollen. Um seine Mutter war ihm dabei besonders leid gewesen, die für das, was in ihm vorging, kein volles Verständnis würde gewinnen können, und die, nur nach dem Aeußern urteilend, entsetzt sein würde über eine Ausschließung des Sohnes aus der nach ihrer schlichten Meinung alleinseligmachenden römischen Kirchengemeinschaft. Das sollte der alten Frau erspart bleiben.

Unter dem Thore des Klementinums traf Frohwalt den Telegraphenboten, der ihm eine Depesche überreichte. Er erbrach sie hastig und las:

»Mutter sehr schwach. Komme so bald als möglich.

_Marie._«

Da war keine Zeit, um anderes zu erörtern. Wohl ging er zu dem Seminardirektor, aber nur, um sich einen sofortigen Urlaub zu erbitten, und noch in der Nacht traf er in der Heimat ein.

Das kleine Städtchen lag in tiefem Schlummer, als er mit dem Wagen, den er auf der letzten Station gemietet, durch das alte Thor einfuhr. Mit der Hast der geängstigten Liebe betrat er das freundliche, traute Heimatshaus, zu dessen Fenster ein müder Lichtglanz herausschimmerte. Er wußte, daß hinter jenen Scheiben die alte Frau lag, die sich wohl zum letzten Male nach dem Sohne sehnte, und sein Herz schlug ihm mit einmal bange zum Zerspringen.

Er trat ein in das Stübchen und der Lichtschimmer zeigte ihm die Gesichter des Uhrmachers Freidank und seines Weibes, die rechts und links von dem Lager saßen, auf welchem Frau Frohwalt gebettet lag.

Die Kranke hatte in all ihrer Schwäche, in ihrer halben Bewußtlosigkeit doch das Rollen des Wagens gehört und versucht, sich zu erheben. Aber die Schwäche übermannte sie, so daß sie mit geschlossenen Augen zurücksank, doch mit einem Lächeln um die Lippen. Mit wenigen Schritten war der Sohn bei dem Bette der Mutter, und als ob die alte Frau seine Nähe empfände, öffnete sie wieder die Augen, weit und hell, und mit aufflackernder Kraft streckte sie dem Geliebten die Arme entgegen.

Frohwalt aber war niedergesunken an dem Lager und küßte die welken, erkaltenden Hände, die seinen Lippen sich entzogen und sich jetzt liebkosend auf sein Haupt legten; der Mund der Kranken aber flüsterte:

»Gott sei Dank, daß ich Dich noch einmal sehe, nun sterb' ich gerne. Du wirst für mich beten ... ich geh' zum Vater. Und habe Marie lieb und Freidank -- -- er hat mich gepflegt und gehalten, wie ein Sohn ... hörst Du, Peter?«

Dieser erhob sich und streckte seinem Schwager die Arme entgegen, und stumm hielten sich die beiden Männer umschlungen, während Marie mit gefalteten Händen daneben stand, und die Augen der Kranken seltsam hell glänzten.

»Dank -- Dank!« flüsterte sie wieder -- »und nun ... schlafen ... schlafen ...«

Frohwalt zog rasch auch die Schwester an sein Herz und küßte sie, dann aber setzte er sich an das Lager der alten Frau und hielt ihre Rechte in seinen Händen. Und so schlief sie, ruhig lächelnd, immer leiser atmend, bis mit dem Morgen kein Hauch mehr die Brust hob.