Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 30
Ein Fuhrmann hatte am Morgen den Toten gefunden am Straßenrand, gelehnt an eine alte Fichte, wie einen Schlafenden. In der Stirn war eine kleine, runde, schwarz gerandete Oeffnung, die Schußwaffe lag neben ihm. Der Fuhrmann war, von Entsetzen erfüllt, ins nächste Dorf gefahren und hatte dort Mitteilung gemacht, dann war der Gemeindevorstand mit einem zufällig anwesenden Arzte hinausgeeilt, und der letztere hatte festgestellt, daß der Erschossene der ~Dr.~ Haller aus ... sei, und daß hier zweifellos ein Selbstmord vorliege. Das übliche Protokoll wurde aufgenommen, und dann die Leiche auf einen Wagen geladen, mit einer alten Decke zugedeckt und nach dem Städtchen gefahren, wo seine Frau lebte. Und hier war sie nachmittags angekommen.
Sie fuhr vorüber an dem Kapuzinerklösterchen, eben als Severin aus der Pforte trat. Der Fuhrmann grüßte ihn, und da ihn die furchtbare Nachricht drückte, erzählte er sie dem jungen Mönche. Dieser erbleichte und verlor einige Augenblicke die Fassung, dann aber dachte er des armen jungen Weibes.
»Weiß seine Frau bereits davon?« fragte er.
»Es ist ein Herr vom Gericht vorausgefahren, um sie vorzubereiten,« sagte der Mann.
»Fahren Sie ganz langsam, ich will vorausgehen!«
Damit eilte Severin so schnell er konnte von dannen, die schwere, braune Kutte aufraffend, damit sie ihn nicht hindere beim Ausschreiten. Bebenden Herzens lief er die Treppe hinan in dem freundlichen Hause, ein weinendes Dienstmädchen kam ihm entgegen, und gleich darauf stand er vor Therese.
Sie war marmorbleich, aber Thränen schien sie nicht gefunden zu haben. Die großen dunklen Augen lagen tief in dem weißen Gesichte und hatten einen seltsamen Glanz. Als sie ihren jungen Beichtiger erkannte, eilte sie ihm entgegen ... sie wollte sprechen, aber sie vermochte es nicht, und wortlos, wie ein Kind an das Herz des Vaters, sank sie an seine Brust und nun erst konnte sie weinen.
Was der junge Kapuziner in diesem Augenblicke empfand, war unbeschreiblich; eine Flut der mannigfaltigsten Empfindungen durchtobte ihn: Schmerz, Mitleid, Jammer, Lust und Glück waren da zugleich. Da hielt er sie an seinem Herzen und in seinem Arme; er fühlte das Beben ihres Leibes, das Wehen ihres Atems ... und doch, kein Hauch der Sinnlichkeit überkam ihn, nur etwas wie das Bewußtsein eines stillen, unsäglichen, kurzen Glücks. In Sekunden durchlebte er unendlich viel. Aber hier galt es Kraft und Fassung.
»Gott sei mit Ihnen! Mehr kann ich in dieser Stunde Ihnen nicht sagen, seine Wege aber sind unerforschlich und weise. Er weiß, warum er es zuließ, daß dieses Eheband, das er durch meine Hand knüpfte, so plötzlich und gerade _so_ zerrissen wurde. Ihm möge er gnädig sein, und Ihnen wird er seinen Frieden wieder schenken, der Ihnen so lange schon gefehlt hat. Seien Sie getrost -- noch haben Sie Ihren guten Vater und Ihre Freunde!«
Er sprach ohne jedes salbungsvolle Pathos, schlicht und herzlich, und das junge Weib hob die überströmenden Augen nach ihm auf und reichte ihm die Hand.
»O, ich danke Ihnen! Mein Vater wird bestürzt sein, und es thut mir so leid um ihn ... bitte, telegraphieren sie ihm in meinem Namen, wie Sie es für gut halten!«
»Gern, aber nun nehmen Sie mit Fassung auch das Härteste auf sich: Nehmen Sie den Verschiedenen noch einmal auf, denn er kommt eben an.«
Auf der Straße knirschte der Wagen: Erwachsene und Kinder, die von der Begebenheit gehört, liefen hinterher und sammelten sich vor der Thüre. Dann trugen einige Männer den in die alte Decke gehüllten Leib herauf, und Severin trat ihnen entgegen.
»Hierher!« gebot er mit halblauter Stimme, und sie schafften ihn nach dem Sprechzimmer und betteten ihn auf dem Sopha, und schaudernd sah ihm der Mönch in das bleiche Angesicht: Er war wohl der Erste, der, an seiner Seite stehend, für ihn ein stilles Gebet sprach. Dann ging er zu Therese, die ihn gefaßt empfing und den Toten zu sehen wünschte. Er führte sie hinüber nach dem Gemache, aber noch einmal mußte sich hier das bleiche, zitternde Weib auf seinen Arm stützen.
»Sie dürfen nicht hier bleiben, so lange er da ist. Ich bringe Sie zu Frau Frohwalt hinüber, und für alles Weitere lassen Sie mich Sorge tragen,« sprach er, und sie folgte ihm schweigend und ohne Widerstreben.
Die furchtbare Kunde war ungemein schnell durch das Städtchen gelaufen, und es fehlte nicht an zahlreichen Beweisen der herzlichsten Teilnahme für Therese. Schon am andern Tage kam Professor Holbert und führte sein Kind wieder hinüber in ihre Wohnung. Er hatte die Ruhe und Festigkeit des echten Mannes, und seine Anwesenheit wirkte wunderbar beruhigend auf Therese. Der Tote aber lag aufgebahrt im Sprechzimmer.
Auch der Pfarrer war gekommen, um der Witwe seine Teilnahme auszudrücken und ihr die Versicherung zu geben, daß man den Selbstmord Hallers seitens der Kirche als eine That des Wahnsinns auffasse und ihm darum ein feierliches Begräbnis nicht versagen werde. Therese dankte kühl und müde für diese Versicherung: Es war ihr ja tröstlich, zu wissen, daß der Mann, an dem ihr Herz gehangen, nicht einfach, wie es sonst bei Selbstmördern Brauch und wie es vor kurzem erst bei einem armen Teufel im Städtchen geschehen war, ohne Sang und Klang eingescharrt werden sollte.
Als man am Begräbnistage den Sarg schloß, und sie zum letzten Male ihrem Gatten ins Antlitz schaute, empfand sie seltsamer Weise keinen Schmerz; ihr war, als sei auch in ihrer Seele etwas gestorben, was sie vordem für Liebe gehalten hatte. Sie folgte langsam ihrem Vater, der sie nach einem andern Gemache führte und schweigend an der Hand hielt, als von der Gasse her der eintönige Gesang des Kirchenchors und die Trauermusik erklang. Dann begannen die Glocken zu läuten.
Professor Holbert und seine Tochter folgten dem Sarge nicht, und es war in mehr als einer Beziehung besser. Sie brauchten dann auch nichts zu hören von dem gärenden Unmut der Leute, die in den Gassen standen, und als der in silberverbrämtem Trauerornate herschreitende Pfarrer vorüberkam, deutlich genug sich äußerten über das »zweierlei Maß« in der Kirche.
Am andern Morgen klebten am Gotteshause wie an der Pfarrei große Zettel, die es noch schärfer geißelten, daß der vornehme Selbstmörder mit allen Ehren beerdigt worden sei und geradezu drohten, man werde ihn wieder ausscharren und nach dem Winkel werfen, wohin die Armen kämen, wenn sie unserm Herrgott vorgriffen. Pater Ignaz war darüber im höchsten Grade ärgerlich, zumal auch Frohwalt, als er in der Sakristei mit ihm am nächsten Morgen zusammentraf, ihm kühl und ruhig bemerkte:
»Frau Franke will wirklich evangelisch werden, da sie das zweifache Maß in der Kirche nicht begreift.«
An demselben Abend schrieb Pater Severin an Hans Stahl einen ausführlichen Brief, und am nächsten Morgen reiste Professor Holbert mit seiner Tochter nach Prag. Er hatte sein Kind wieder ganz für sich gewonnen.
Zwanzigstes Kapitel.
Die Alumnen des fürsterzbischöflichen Seminars in Prag waren aus den Ferien wieder zurückgekehrt, und mit ihnen kam der Geist des Unfriedens und der Gehässigkeit wieder in das große, finstere Jesuitengebäude neben der St. Klemenskirche. Die nationalen Gegensätze hatten sich indessen noch mehr zugespitzt unter dem Einflusse der deutschen Siege. Wie eine seltsame Heldensage war die Geschichte des Tages von Sedan und der Zusammenbruch der Kaiserherrlichkeit Napoleons III. durch die Lande gegangen, und die Deutschen in Oesterreich vergaßen den seit 1866 in ihren Herzen noch immer nagenden Groll über dem stolzen Bewußtsein, daß es die Waffen der Stammesbrüder waren, welche den alten welschen Uebermut so tief demütigten und zuletzt auch Oesterreich eine Rache schafften für das Jahr 1859 und seine Verluste. Die Tschechen aber verbitterte das deutsche Kriegsglück nur noch mehr. Ihre Teilnahme wandte sich in auffälliger, gehässig herausfordernder Weise den Franzosen zu, sie suchten die Siege der Deutschen, die einmal nicht ungeschehen zu machen waren, zu verkleinern, und wo sie die Gewalt und das numerische Uebergewicht hatten, äußerte sich dies mitunter in geradezu roher Weise.
Die Bewegung welche in der ganzen Stadt, ja wohl im ganzen Böhmerlande bemerkbar war, zitterte auch im Seminar zu Prag nach. In den gemeinsamen Schlafsälen der Alumnen, in den Gängen und Höfen fiel manches scharfe Wort, das von nationaler Erbitterung redete, und für die gegenseitige Anfeindung schienen alle Mittel recht.
Der Seminarist Vogel, der um seines ruhigen, ernsten Wesens willen sich ein gewisses Ansehen erworben hatte, der aber auch sein deutsches Bewußtsein niemals preisgab, sondern dasselbe gerade damals im Kreise von Stammesgenossen entschieden betonte, galt als Hauptvertreter des Deutschtums und erfreute sich deshalb des besonderen Hasses der nationalen Gegner. Er kümmerte sich darum wenig, ging ruhig und ehrlich seinen Weg weiter und vermied es in jeder Art, irgendwie die andere Partei herauszufordern. Freilich konnte auch er das Dichterwort nicht Lügen strafen:
Es kann der Beste nicht im Frieden leben, Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt --
und an einem Nachmittage sollte er die Wahrheit desselben ganz besonders empfinden. Er war mit einigen Freunden nach Gewohnheit in dem Hofe auf- und abgeschritten, und die aus Frankreich immer neu eintreffenden Siegeskunden bildeten den naheliegenden Gesprächsstoff. Es mochte sein, daß sie dabei etwas lebhafter wurden, ohne jede herausfordernde Absicht, aber tschechische Alumnen, die sie schon lange beobachteten, schienen doch eine solche zu wittern und fühlten sich zweifellos durch den nationalen Gesprächsstoff verletzt. Sie mischten sich darum -- diesmal sogar in deutscher Sprache -- in die Unterhaltung und suchten hämisch die deutschen Siege zu verkleinern. Vogel fühlte keine Neigung, sich in einen müßigen Streit einzulassen und bemühte sich immer wieder, der Erregung die Spitze abzubrechen und das Gespräch auf einen anderen Stoff hinüberzulenken. Dabei aber war er ganz und gar nicht glücklich. Er war mit einem etwas gewagten Sprunge auf die neue Glaubenslehre von der Unfehlbarkeit gekommen, sowie darauf, daß die Gläubigen bereits zu Anfang September von den Kanzeln herab nicht bloß die Verkündigung desselben, sondern auch die Forderung der Unterwerfung unter dasselbe vorgetragen erhielten.
»Da hättet Ihr's wohl auch lieber gesehen, wenn die deutschen Bischöfe einen Sieg über den heiligen Vater davongetragen hätten, anstatt daß sie zu Kreuze gekrochen sind?« fragte höhnisch ein langer, hagerer Mensch in mangelhaftem Deutsch.
»Das sind wohl nicht die ganz richtigen Ausdrücke,« bemerkte Vogel ruhig -- »und was wir lieber gesehen hätten oder nicht, darauf kommt es nicht an, aber was bisher geschehen ist, kann nicht der letzte Abschnitt sein in der Geschichte dieses Glaubenssatzes.«
»Nein, der letzte wird sein, daß man Euch hinausjagt aus dem Seminar, denn Ihr habt jetzt eure Köpfe so voll von deutschem Großmannsdünkel, daß Ihr glaubt, Ihr braucht auch dem Papste nicht mehr zu gehorchen.«
»Man hat uns ebenso wie Euch gelehrt, daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen!«
»Hört die deutsche Spitzfindigkeit! Als ob der Papst ein beliebiger Mensch wäre!« rief einer, und ein anderer sagte:
»Wissen Sie denn, Vogel, daß Sie eigentlich mit Ihren Ansichten gar nicht mehr in das Kleid passen, das Sie tragen?« und ein dritter fügte bei:
»Und daß Sie sich von der Kirche füttern lassen, obgleich Sie ihr den Gehorsam weigern? Sie sagen's ja offen, daß Sie die neue Glaubenslehre nicht annehmen, so seien Sie doch auch so ehrlich und verlassen Sie das Seminar!«
In Vogels Gesicht stieg eine Röte des Unwillens und des Zorns:
»Noch haben andere bessere Männer, die derselben Ansicht sind wie ich, sich nicht bewogen gefühlt, darum das geistliche Gewand abzulegen -- --«
»Ah, Frohwalt!« schrie es.
»Nein, nicht nur Herr ~Dr.~ Frohwalt, auch Professor Meyer und ...«
Man ließ ihn nicht weiter reden:
»Meyer hat zur Unterwerfung aufgefordert und hat sich gefügt -- Frohwalt wird sich auch fügen ... Der ist ein deutscher Dickkopf ... Dann wird er exkommuniziert ... Nicht schade um ihn ...«
So klang es erregt durcheinander, und die erbitterten jungen Leute standen in einem dichten Knäuel zusammen, welchen Vogel mit einem Male durchbrach mit dem Rufe:
»Platz da! Von meiner Ehrlichkeit sollt Ihr die Probe haben, und das Recht, einen Deutschen einen Heuchler zu schimpfen, gebe ich Euch noch lange nicht!«
Er eilte mit großen Schritten dem Hause zu. Hinter ihm schwirrte und summte es her von Fragen und Rufen in beiden Sprachen, er kümmerte sich nicht weiter darum, sondern ging jetzt die Treppen hinan, um Frohwalt aufzusuchen.
Auch diesem schufen die Zeitverhältnisse Unruhe und Pein. Was der Vetter Martin in Rom bereits vorausgesagt hatte, daß die widerstrebenden Bischöfe sich zuletzt doch dem neuen Glaubenssatze, den sie nach bestem Wissen und Gewissen bekämpft hatten, fügen würden, war eingetroffen. Es war geradezu traurig, anzusehen, wie manch einer sich drehte und wendete, um sich wegen seiner Nachgiebigkeit vor sich und seinen Diözesanen zu entschuldigen. Nichts, auch nicht das Geringste, war geschehen, was vom Standpunkte der Wissenschaft und der Moral eine andere Auffassung der Unfehlbarkeit als vordem oder gar eine Berechtigung derselben dargeboten hätte, und doch brachte der sonst so tüchtige Rottenburger Bischof Hefele das Opfer seiner Ueberzeugung, weil es ihm zu thun war »um die Einheit der Kirche«; der Bischof von Trier verschanzte sich jetzt hinter den heiligen Geist, der in der Frage des Glaubenssatzes zuletzt die Entscheidung und damit den Sieg über menschliche Meinung und menschlichen Irrtum herbeigeführt habe, der Erzbischof von München-Freising forderte von den gelehrten und frömmsten Männern, deren Rat und Ansehen ihm bis dahin alles gegolten, unbedingte Unterwerfung und drohte mit der Ausschließung aus der Kirche, der Bischof von Mainz drehte und wendete sich in geschraubten Redensarten, welche zwar die ganze innere Hilflosigkeit und Schwäche bekundeten, aber doch darauf hinausliefen, daß man sich fügen müsse, nachdem die Kirche gesprochen, und der Erzbischof von Prag, »der Führer der Opposition« hatte von allen Kanzeln herab den neuen Glaubenssatz verkünden lassen als ein von der ganzen Kirche geheiligtes Gesetz.
Durch die Seele Frohwalts ging ein bitterer, banger Zwiespalt. Sollte er einfach dem Beispiele folgen, das von den Kirchenfürsten gegeben war, und die Verantwortung dafür, daß er gegen sein Gewissen, seine Erkenntnis und seine heiligste Ueberzeugung handle, auf sie abladen? Das war wohl das Wohlfeilste und Naheliegendste, und tausend und abertausend Priester würden es thun, wie es Professor Meyer und andere bereits gethan hatten. Oder sollte er den Mut haben, die verderbliche und bedenkliche Neuerung auch jetzt noch zu verwerfen, und damit auch alle weiteren Folgen auf sich nehmen?
Bis jetzt hatte man ihm noch nicht zugemutet, sich klar und bündig darüber zu äußern; man nahm wohl seitens seiner Vorgesetzten als selbstverständlich an, daß er keinen weiteren Widerstand gegen den Glaubenssatz ausübe, und vermied es geradezu, mit ihm darüber zu sprechen, weil man ein solches Gespräch unter den obwaltenden Verhältnissen als peinlich erkennen mußte. Er konnte also mit einem entsprechenden geistigen Vorbehalt seine priesterlichen Pflichten weiter üben, so lange man nicht von selbst ihn zwang, Farbe zu bekennen und ihn nicht von denselben entband. Freilich war auch das nicht ganz ehrlich. Sein Rechtsbewußtsein verlangte, daß er, zumal als Lehrer der jungen Priesterschaft, auch unumwunden keine Täuschung darüber obwalten lasse, wie er zu der neuen Lehre stehe, und wie er sie aus allen Gründen, die bisher dagegen gesprochen, auch jetzt noch verwerfe. So hatten es andere mutige Männer, wie der Stiftsprobst Döllinger und der Professor Friedrich in München, die Professoren Reinkens, Reusch u. a. gehalten, denen er seine Achtung nicht zu versagen vermochte.
Aber wenn man ihn exkommunizierte, aus der Kirche und aus seinem Amte ausstieß, -- was dann? Was sollte er in der Welt beginnen? Welchen Beruf ergreifen? -- Und wie würde das seine Mutter treffen! Das war ihm der bängste, schmerzlichste Gedanke. Sollte er die Ruhe und das Glück der alten Frau, das gerade in ihm und seiner Stellung begründet war, so mit einem Schlage vernichten, und noch dazu jetzt, da bei ihrer anhaltenden Kränklichkeit ihr Leben durch eine solche Thatsache gefährdet werden konnte? Langsamen Schrittes, gesenkten Hauptes ging er auf und nieder in seinem freundlichen Gemache -- da pochte es, und gleich darauf trat der Alumnus Vogel ein.
»Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich in einer ernsten Angelegenheit Ihren Rat erbitte, aber ich weiß nicht, an wen ich mich mit mehr Vertrauen wenden möchte,« begann der junge Mann, sobald er den ihm angebotenen Sitz eingenommen hatte.
»Sie wissen, daß ich Ihnen gern in jeder Weise behilflich bin,« erwiderte Frohwalt schlicht und herzlich, aber nicht ohne eine leise Befangenheit, denn ihn überkam eine Ahnung dessen, was sein junger Landsmann wollte.
»Ich darf Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, und will mich kurz fassen. Es betrifft den Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit. Wir sind gelehrt worden, daß er den alten Satzungen der Kirche zuwider, gegen Ueberlieferung, Kirchengeschichte und Kirchenrecht sei, und das hat gegolten bis vor wenigen Wochen. Seitdem ist er aber als Lehre der Kirche offen hingestellt und die Katholiken sind zur Anerkennung aufgefordert worden. Es widerstrebt jedoch meinem innersten Wesen, etwas, was bis vor kurzem als unrecht angesehen wurde, heute, ohne daß ich über die Gründe Klarheit gewinnen kann, auf einmal wie durch einen Gewaltakt als Recht hingestellt zu sehen, und so wollte ich Sie bitten, mir zu sagen, ob ich ein Unrecht begehe, wenn ich die Anerkennung verweigere?«
Frohwalt senkte seinen Blick vor dem klaren Auge des jungen Mannes, der mit dieser Frage an seine eigene Seele klopfte, und er fand nicht im Augenblicke die Antwort; eine kleine Pause trat ein, ehe er erwiderte:
»Mein junger Freund, Sie wenden sich in einer Angelegenheit an mich, die nicht nur Ihr Gemüt bewegt, sondern deren Beantwortung ich mir selbst bereits vorgelegt habe. Was jetzt in der Kirche geschieht, ist wohl geeignet, die Herzen zu verwirren, und ich weiß nicht, ob es nicht richtig wäre, erst noch eine gewisse Klärung abzuwarten, denn es will mir dünken, als ob das letzte Wort in dieser Sache noch immer nicht gesprochen sei.«
»Sie meinen, Herr Doktor, daß ein Teil der Kirchenfürsten ihre frühere Anschauung wieder aufnehmen und vertreten könnte?«
Frohwalt geriet in Verlegenheit.
»Das meine ich nicht, lieber Vogel. Die Bischöfe haben sich einhellig unterworfen, daran ist nicht zu zweifeln, aber der Widerstand, welcher von ganz hervorragenden Theologen und hochangesehenen christlichen Laien erhoben wird, ist etwas, worüber man doch nicht zur Tagesordnung ohne weiteres übergehen kann. Es ist kaum glaublich, daß man so kurzer Hand mit der Ausschließung gegen sie vorgehen wird.«
»Man wird ihnen vielleicht eine gewisse Bedenkzeit geben und dann wird man auch vor dem letzten Schritte nicht zurückschrecken. Doch darum handelt es sich für mich nicht. Ich möchte wissen, wie ich mich zu verhalten habe. Ich bin ja nur ein bescheidenes Glied der Kirche, und meine Meinung und mein Thun wiegt in der Allgemeinheit nichts, aber ich möchte nicht vor mir selber erröten müssen, ich möchte mich selbst achten können, und darum bitte ich Sie inständig: Sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie mit Ihrem christlichen Sinn, mit Ihrem Rechtsgefühl im Stande sind, sich der Forderung Roms zu unterwerfen?«
Frohwalt that einen tiefen Atemzug. Hier galt es die erste Probe seines Mutes, und er war sich klar darüber, dieselbe würde Folgen haben müssen. Hier half auch kein Versteckenspielen und Ausweichen, der Alumnus vor ihm, der ihm sein Herz seit langer Zeit erschlossen, hatte das Recht auf eine gerade, ehrliche Antwort, und so antwortete er bestimmt und fest:
»Nein!«
»Dann erlauben Sie mir nur noch eine Frage. Sie sind Priester, haben die heiligen Weihen, und da Sie auf dem Boden der letzteren stehen, auf Grund deren Sie Ihre unvertilgbare Würde erhalten haben, so dürfen Sie abwarten, was man Ihnen thun werde, und darin liegt wohl mehr Mut, als mancher vielleicht glauben mag. Ich soll diese Weihe erst erhalten mit der Verpflichtung auf die neue Glaubenslehre und es hängt von mir ab, ob ich als ein Heuchler das Priesteramt übernehme oder vorher ehrlich erkläre, daß meine katholische Ueberzeugung mich die neue Lehre nicht anerkennen läßt. Würden Sie -- o verzeihen Sie mir die seltsame Frage -- wenn Sie Alumnus und an meiner Stelle wären, dies Gewand noch weiter tragen?«
Frohwalt fühlte, wie eine heiße Röte ihm in die Wangen stieg; er empfand den unausgesprochenen Vorwurf, der in den Worten des Jünglings lag, die ihm geradezu den Weg zu zeigen schienen, den auch er gehen mußte, wenn er ehrlich sein wollte, aber Vogel sah ihn an, bang an seinem Munde hängend, und so sprach er mit gedämpfter Stimme:
»Ich würde es nicht mehr tragen!«
»Ich danke Ihnen, Herr Doktor! Ihr Wort soll mir gelten, und ich gehe von hier zum Herrn Seminardirektor, um ihm meinen Austritt anzuzeigen. Es thut mir leid um meine guten Eltern, die gern einen Priester aus mir gemacht hätten, aber sie sind einsichtsvoll genug, um mir keinen Zwang anzuthun. Ich danke Ihnen!«
»Gehen Sie mit Gott, Vogel -- Sie sind ein tüchtiger, ehrlicher Mensch, und der Himmel wird Sie nicht verlassen. Bewahren Sie mir ein freundliches Gedenken!«
»Für immer!« sagte der junge Mann herzlich, und drückte warm die ihm gebotene Hand, und wenige Augenblicke später war Frohwalt allein, erregter und unruhiger als zuvor. Gab es denn für ihn noch etwas anderes, als der Jüngling gethan? War es für ihn nicht Pflicht, gleichviel ob man ihn darum fragte oder nicht, zu erklären, daß sein Gewissen ihm nicht gestatte, sich der willkürlich geschaffenen Neuerung zu unterwerfen? War er denn nicht bereits ausgeschlossen, auch wenn es nicht geradezu ausgesprochen war? Hatte er denn noch ein Recht, die Messe zu lesen, die Sünden zu vergeben und die andern Sakramente zu spenden?
Der Seminarist war zu ihm gekommen, um vertrauensvoll sich seinen Rat zu erbitten, und er war für sich selbst so ratlos, so bange und unschlüssig. An wen sollte er sich wenden in seiner Bedrängnis? Von den angesehenen Priestern und den Lehrern der Hochschule gab es, nachdem auch Meyer sich willig gefügt hatte, keinen, der ihm nicht den Rat gegeben haben würde, sich der Forderung der Kirche zu unterwerfen ... dann hatte man ja Ruhe und konnte auf Ehre und Anerkennung rechnen und sich im schlimmsten Falle, wenn das Gewissen sich rührte, beruhigen mit dem Worte der Schrift, daß Gehorsam besser sei als Opfer. Nur eine Persönlichkeit tauchte noch vor seiner Seele auf, die stark und vorurteilslos genug schien, auf jede Gefahr hin den Weg der eigenen Ueberzeugung zu wandeln und auch einem andern Gleichgesinnten als Stütze dienen zu können, und diese war Professor Holbert.
Zu ihm beschloß Frohwalt am nächsten Morgen zu gehen, und dieser Gedanke gab ihm einigermaßen Ruhe und Fassung wieder. In dieser Stimmung fiel ihm seit langem einmal das »Laienbrevier« in die Hände, und er blätterte darin, ohne Bestimmtes zu suchen, und ließ seine Augen da und dort über einzelne Abschnitte schweifen, bis sie an der Stelle haften blieben:
Nimm Thorheit nicht für Weisheit an, _nicht Trug Für Wahrheit_! Nie begnüge Dich, o Mensch, Wo und wie lange Dir noch eins gebricht; _Frei, kühn tritt auf_ und ford're stark das Gute!