Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 29

Chapter 293,721 wordsPublic domain

»Da Sie nicht zu mir kommen, muß ich mich bei Ihnen einfinden,« sagte Herr von Sorb; »ich darf Sie wohl daran erinnern, daß heute der 14. ist, und daß ich am 10. bereits eine Zahlung von Ihnen zu erwarten hatte. Ich würde Sie auch heute noch nicht wegen dieser Ehrenschuld belästigen, aber ich habe gleichfalls meine Verpflichtungen und bin als Edelmann gewohnt, denselben pünktlich nachzukommen.«

Es klang etwas Hochmütiges, Verletzendes aus den Worten, das Haller sehr wohl empfand, das ihn erbitterte und worauf er doch nicht so erwidern konnte, wie er es gern gethan hätte. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie um die wirren Haare hinauszustreichen, in Wirklichkeit aber um sich den kalten Schweiß abzuwischen welcher ihm ausbrach.

»Verzeihen Sie, Herr von Sorb, wenn ich den Termin versäumt habe, ohne mich auch nur zu entschuldigen; es war gewiß ein unabsichtliches Versehen, aber gerade weil ich nicht daran gedacht, habe ich auch vergessen, die kleine Summe flüssig zu machen. Geben Sie mir noch zwei Tage Frist, ich habe das Geld nicht augenblicklich zur Hand ...«

»Das ist unangenehm, sehr unangenehm, denn ich muß morgen selbst eine Zahlung leisten, wobei ich zuversichtlich auf Ihre Pünktlichkeit gerechnet hatte. Sie können doch nicht wünschen, daß ich Ihretwillen mich bloßstelle ... ich bin Edelmann ...«

Gerade das wiederholte Betonen dieses Moments war so verletzend für Haller; als ob der Mann vor ihm mehr Ehre besessen hätte, als er selber. Er war nichts mehr als ein gewerbsmäßiger Spieler, dessen Adelsdiplom vielleicht noch dazu recht fadenscheinig war, aber es galt um jeden Preis, die Demütigung hinunterzuschlucken.

»Nun gut -- Verehrtester -- ich schaffe Ihnen bis morgen Mittag das Geld ... solange müssen Sie durchaus noch Geduld haben -- ich kann's doch nicht im Augenblick aus den Fingern saugen, und seiner Frau erzählt man auch nicht gern derartige Verlegenheiten.«

»Sei's denn ... aber dann rechne ich auch bestimmt auf Zahlung, Herr Doktor. Also morgen auf Wiedersehen!«

Herr von Sorb entfernte sich mit ziemlich hochmütigem Gruße, Haller aber ballte hinter ihm die Fäuste und sah finster drein. Er hatte sich tief zurückgelegt in den Fauteuil, von dessen dunkler Sammtlehne sein bleiches Gesicht sich scharf abhob und stierte vor sich hin.

Es waren 1200 Gulden, die er an den andern verspielt hatte, und er wußte nicht, woher er sie bezahlen sollte. Er hatte sie in der That nicht vorrätig, aber er wußte auch nicht, woher er sie flüssig machen sollte. Seine eigenen Mittel waren erschöpft, denn seine Lebensweise und fast immerwährendes Unglück im Spiel hatten in kurzer Zeit große Lücken gemacht, seines Weibes Heiratsgut war festgelegt, und er fand gerade nach der heutigen Szene nicht den Mut, sich ihr zu offenbaren. Davon hielt ihn wohl auch sein finsterer Trotz ab, der einen Grundzug seines harten, dünkelvoll unbeugsamen Wesens bildete.

Und doch mußte das Geld geschafft werden. Er zermarterte seinen schmerzenden Kopf und ließ an seinem Geiste alle seine sogenannten Freunde vorübergehen, ohne daß er bei einem derselben einen Hoffnungsstrahl erkannte. Zuletzt kam er, wie fast alle Spieler, wieder zu dem zweifelhaften Hilfsmittel zurück, das Glück zu versuchen mit dem letzten Reste seines baren Geldes. Es waren noch ungefähr fünfhundert Gulden, die er zum Teil erst am Abend vorher gewonnen hatte ... auf sie setzte er sein Hoffen. Mit beinahe nervöser Hast erfaßte er den Gedanken, heute nach einer benachbarten größeren Stadt zu reiten, wo Pferdemarkt abgehalten wurde; dort fanden sich Offiziere, vermögende Landedelleute, Rittergutsbesitzer, reiche Roßhändler ein, und er wußte, daß dort hoch gespielt wurde. Dahin gedachte er sich zu begeben.

Er machte sich rasch fertig. Ein Frühstück nahm er nicht ein, auch von Therese verabschiedete er sich nicht. Schon nach einer halben Stunde ritt er fort auf seine »Landpraxis«, wie er die Leute glauben machen wollte. Auch sein Weib sah ihn hinter den herabgelassenen Gardinen, wie er mit dem blassen finsteren Gesichte vorübertrabte, ohne einen Blick nach den Fenstern heraufzuwerfen, etwas vornübergebeugt, als ob er über Unangenehmes sinne. Sie war es gewohnt, ihn um diese Zeit reiten zu sehen, auch war er manchmal schon gegangen, ohne ihr ein kurzes Abschiedswort zu sagen, heute aber überkam sie, nachdem der Hufschlag verhallt war, ein unsägliches Gefühl des Verlassenseins, der Bangigkeit und Schwermut, ein Gefühl eines maßlosen Jammers; sie ging in ihr kleines, freundliches Zimmer, und aufschluchzend sank sie in einen Sessel.

Haller aber ritt anfangs langsam die Straße entlang, die gegen Burgdorf aufstieg. Auf der Hochebene jedoch gab er dem Pferde den Sporn und jagte rasch dahin, seinem Ziele zu. Um die Mittagszeit kam er in der Stadt an und suchte sogleich das Hôtel auf, in welchem er seine Gesellschaft zu finden hoffte. Er hatte sich auch nicht getäuscht: Bekannte Lebemänner aus der ganzen Umgegend hatten sich in einem besonderen Zimmer zusammengefunden, und er ward von den meisten in beinahe vertraulicher Weise begrüßt.

Man war eben dabei gewesen, sich zu Tische zu setzen, als er kam, und da ihn der Hunger plagte, hatte er rasch seinen Platz eingenommen. Die trefflichen Speisen, der ausgezeichnete Wein, die ganze laute, lärmende Gesellschaft übten bald ihren Einfluß, und als erst die Champagnerkorke knallten, da ward er von ausgelassener, beinahe übertriebener Lustigkeit und stürzte Glas um Glas des prickelnden Schaumweins hinab. Dabei konnte er augenscheinlich die Zeit nicht erwarten, bis man daran ging, den Tisch für das Hazardspiel herzurichten. Der Wirt kannte seine Gäste, und obwohl solches Thun gesetzlich verpönt war, leistete er demselben doch Vorschub, denn er kam dabei nicht zu kurz.

Das kleine Speisezimmer lag in dem ersten Stockwerk nach dem Garten hinaus, welcher der Familie des Wirtes ausschließlich gehörte und um diese Zeit von niemandem besucht war, und wenn man auch da und dort von dem Spielklub munkelte, der besonders zu Marktzeiten sich hier zusammenfand, so hatte doch die Behörde niemals Notiz genommen von solchen Gerüchten, und die Beteiligten konnten ganz sicher sein.

So saßen sie auch heute wieder beisammen schon am hellen Nachmittage, und das Spiel war im besten Gange. Haller beteiligte sich an demselben mit wechselndem Erfolge, ohne durchgreifenden Gewinn oder Verlust. So ging es, bis der Abend hereindämmerte. Die Lichter wurden angezündet, und da dem Weine ausgiebig zugesprochen worden war, sah man manches besonders erhitzte und glühende Antlitz und leidenschaftlich funkelnde Augen. Haller hatte nach seiner Gewohnheit stark und schwere Weine getrunken, aber seine Gesichtsfarbe war fahl; Schweiß stand ihm auf der Stirne.

Es war, als ob mit den flammenden, flackernden Lichtern sein Unstern aufgegangen wäre, und was sein Unbehagen ganz besonders steigerte, war, daß gerade jetzt auch Herr von Sorb ankam und sich mit außerordentlicher Kaltblütigkeit am Spiele beteiligte. Dem Doktor schien es dabei, als ob jener manchmal wie mit spöttischem Lächeln ihn streife, als ob er seine Gedanken erriete, und so wurde er immer erregter und zugleich immer unsicherer, so daß auch die Aufmerksamkeit der andern sich gerade ihm immer mehr zuwendete.

Jetzt setzte er sein letztes Geld auf eine Karte. Seine Augen flimmerten, seine Hände, die auf der Tischplatte lagen, bebten wahrnehmbar -- einige Augenblicke später hatte er verloren.

»Wer kauft mein Pferd?« fragte er mit heiserer Stimme, und einige der Umstehenden lachten, weil sie meinten, er rede im Scherz, einer aber rief:

»Was soll die Mähre kosten?«

»Sechshundert Gulden!« stieß Haller hervor.

»Ach, Thorheit, um vierhundert nehme ich sie.«

»Gegen sofortige Zahlung.«

»Topp! -- Hier ist das Geld.«

Der Handel war flott gemacht worden, ohne daß die andern sich viel darum kümmerten, und gleich darauf warf Haller wieder einen Hundertguldensschein hin. Aber das Glück wollte sich nicht zwingen lassen, auch nicht um den Preis des treuen Tieres. Kalter Schweiß trat auf die Stirn des Mannes, zumal er den forschenden Blick Ferdinands von Sorb fühlte. Er vermochte den Bann dieser Augen nicht zu ertragen und rief ihm zu:

»Sehen Sie mich nicht immerfort an, Sie bringen mir Unglück!«

Der so rauh Angesprochene lächelte kühl und spöttisch und wandte Haller schweigend und wie verächtlich den Rücken. Dieser fühlte sich dadurch noch mehr verletzt und gedemütigt, aber er zwang sich zur Selbstbeherrschung, und spielte weiter. Nach einer halben Stunde war das Geld, das er für sein Pferd erhalten hatte, verschwunden.

Mit stieren Blicken starrte er um sich, trank dann mit wilder Hast sein Glas leer, und griff plötzlich nach seiner Uhr, die er samt der Kette aus der Tasche riß und auf den Tisch schleuderte. Es war eine schöne und wertvolle Ankeruhr mit doppeltem goldenen Deckel. »Wer kauft sie oder leiht mir darauf zweihundert Gulden?«

Die ganze Szene machte einen unendlich widerwärtigen Eindruck, und das empfanden selbst einige der Anwesenden, trotzdem die Geister des Weines bei allen mehr oder minder ihre Wirkung übten.

»Aber wir haben doch hier keine Trödelbude oder Leihanstalt!« bemerkte endlich kalt und scharf einer der Offiziere, und nach diesem Worte wurde es unheimlich still in dem Gemache. Die Lichter schienen trüber und düsterer zu brennen, die Luft zum Ersticken schwül und schwer zu werden. Alle Augen wandten sich nach Haller und dieser fand kein Wort der Erwiderung. Er hatte das Gefühl, daß er kein Recht habe, weiter hier zu sein; aus allen Blicken schien Verachtung zu reden, und so erhob er sich, todbleich, schlotternd, mit zusammengebissenen Zähnen und feuchter Stirn. Er raffte seine Uhr an sich und schwankte schweigend hinaus. In der Nähe der Thüre hörte er wie im Traum die Stimme des Herrn von Sorb:

»Vergessen Sie nicht -- morgen Mittag!«

Einige Augenblicke später stand er im Freien. Er wußte nicht, wie er die Treppe herabgekommen war, und um ihn schien alles zu schwanken, so daß er mehrmals mit den Händen hastig in die Luft griff, als suche er nach einer Stütze. Die Kühle des Abends berührte ihn angenehm, und barhäuptig, wie er war, schritt er durch die stillen nächtlichen Gassen, hinaus auf die freie Straße, und ging weiter, immer weiter. Wie lange er so gegangen war, darüber gab er sich keine Rechenschaft.

Der Himmel hatte sich mit trüben Wolken behangen, und ein feiner Regen begann niederzugehen, als er durch ein kleines Dorf kam. Das lag still und schlafend; nur ein Hund, der den späten Wanderer spürte, bellte heiser. Haller fühlte sich müde und elend, körperlich und seelisch. Aber sein Kopf war so wüst, daß er gar nichts zu denken vermochte, nur das eine Gefühl hatte er, daß er mit der Verachtung der Menschen belastet sei.

So kam er an die Schenke. Ein mattes Licht fiel durch die Fenster auf die Straße, und er gedachte einzutreten, denn die Schwäche begann ihn zu überwältigen. Die niedrige Stube war voll Tabaksqualm. In der Nähe des Ofens saßen drei Bauern, jüngere Burschen, und spielten Karten; auf der Ofenbank lag der Wirt. Er erhob sich langsam bei Hallers Eintritt, und auch die Drei sahen sich nach dem barhäuptigen Herrn um, der wie eine Gespenstererscheinung auftauchte. »Bringt mir Salzbrot und ein Glas Branntwein!« sagte dieser mit heiserer Stimme, indem er sich an einem Tische niederließ, und jetzt betrachteten ihn die Burschen beinahe frech und zudringlich.

Er aß und trank mit Gier und hörte zwischendurch mit halbem Ohre die spöttischen Bemerkungen der rohen Gesellen.

»Ein Schnapsbruder im Frack!« sagte der eine.

»Das arme L...r kann vielleicht kein Bier bezahlen!« lachte der andere.

Haller griff mechanisch in die Tasche seiner Beinkleider; wo sonst sein Portemonnaie war; er fand es nicht. Offenbar hatte er es am Morgen gar nicht zu sich gesteckt und das Geld, welches er verspielt hatte, war alles gewesen, was er bei sich trug. Ein Zittern durchlief seinen Körper bei dem Gedanken, hier nicht bezahlen zu können, und krampfhaft suchte er in allen übrigen Taschen. In der Brusttasche fühlte er etwas Hartes, Kaltes -- -- er erschrak: Es war der Lauf des kleinen Pistols, welches er auf seinen nächtlichen Ritten als Schutzwaffe bei sich zu führen pflegte.

Er aß langsamer, und die Bissen quollen ihm im Munde besonders unter den spöttischen Blicken seiner Beobachter, die ganz zu spielen aufgehört hatten und ihre Zeche bezahlten.

Jetzt sagte der Wirt:

»Nun wird zugemacht! Wegen einem Salzbrot und Schnaps kann ich nicht die ganze Nacht durch sitzen bleiben.«

Das fuhr Haller durch die Seele. In sein Gesicht stieg eine flutende Röte der Scham, und er sagte stockend:

»Ich habe mein Geld verloren -- ich muß meine Uhr als Pfand --«

Er legte den goldenen Chronometer zagend auf den Tisch. Mißtrauisch sah der Wirt bald diesen, bald ihn selbst an, dann wog er das Wertstück in der Hand und sagte verächtlich: »Talmi? -- He? -- Na, ich will's behalten!«

Der Unselige erhob sich. Er widersprach nicht, sondern wankte, den letzten Bissen noch im Munde, hinaus, und hörte den Wirt hinter sich sagen:

»Ein versoffener Lump!«

Das rohe Gelächter der Burschen in der Dorfgasse hallte ihm nach, dann ward es still. Am Himmel waren wieder einzelne Sterne sichtbar geworden, aber sie waren ihm keine trostvollen Lichter, und langsam, verzweiflungsvoll ging er die Straße weiter. Selbst die rüden Gesellen verlachten und verachteten ihn ... er kam sich vor wie ein Geächteter, von aller Welt Ausgestoßener, und wenn er an sein Weib dachte, klang ihm ihr Wort im Ohr: »Ich fange selbst an, Dich zu verachten.« Wie konnte er sich vor ihr wieder sehen lassen nach dieser furchtbaren Nacht? Wo war sein Pferd? Wo war sein letztes Geld? Und was that er, wenn morgen Ferdinand von Sorb auf Bezahlung seiner »Ehrenschuld« bestand? Und dieser würde darauf bestehen, zumal er ihn erst heute roh beleidigt hatte.

Die Straße senkte sich nieder in einen Hohlweg. Zu beiden Seiten war finsterer Fichtenwald und ließ den milden Sternenschimmer nicht hindurch, der Weg selbst war dunkel und unheimlich, und in den Baumkronen raunte und rauschte es seltsam. Da überkam ihn die Verzweiflung, und am Straßengraben setzte er sich nieder und begann mit dem Kolben der kleinen Waffe in seiner Tasche mechanisch zu spielen. Nach einer Weile scholl schriller Eulenruf durch die Nacht und wenige Augenblicke später ein kurzer, scharfer Knall -- -- dann war die Nacht wieder ruhig wie zuvor, und nur die Bäume raunten und rauschten weiter. -- --

Und am andern Morgen lachte die Sonne wieder hell und heiter über der kleinen Landstadt. Therese hatte kein Auge geschlossen. Stunde um Stunde hatte sie gelauscht, ob sie nicht Hufschlag höre, aber die Zeit verrann, die Nacht war vorüber, und ihr Gatte kehrte nicht heim. So sehr sie an solche Sachen gewöhnt war, so überkam sie doch heute eine seltsame Angst. Sie dachte an den Auftritt von gestern, und es war ihr, als habe sie ihm ein hartes Wort zu viel gesagt, das sie bereuen müßte. Unruhevoll schritt sie durch die Zimmer, bald dieses, bald jenes Fenster öffnend, um hinauszuhorchen, aber vergebens, das Leben der kleinen Stadt hatte lange schon begonnen, die Glocken hatten zur Frühmesse gerufen, ihr Dienstmädchen hatte den Kaffeetisch bereitet, aber das junge, bleiche, müde und von Schlaflosigkeit schier erschöpfte Weib fand nicht die Ruhe, ihr Frühstück einzunehmen.

So gingen noch mehr als zwei Stunden hin. Ihre Angst steigerte sich, ihr Herz klopfte erregt ... sie ertrug es nicht mehr, sich niemandem mitteilen zu können. Aber zu wem sollte sie sich wenden? Wem hätte sie die gequälte Seele aufthun und Trost von ihm erbitten können? Ihren Jammer hatte sie ja vor aller Augen gehütet, und selbst dem Priester in der Beichte hatte sie nichts gesagt von ihrem häuslichen Elend. Aber heute mußte sie sprechen, sie mußte wissen, ob sie selbst gestern ein zu hartes Wort gesprochen habe. Da dachte sie an den Kapuziner Severin. Er war ihr stets wie ein Freund entgegengekommen mit so zarter, schöner Teilnahme, und er war als Priester musterhaft. Ihm wollte sie beichten, von ihm Rat und Trost begehren in ihren furchtbaren Nöten, in der entsetzlichen Ungewißheit dieser Stunden.

Rasch kleidete sie sich an, und auf einem Umwege, der sie nicht durch die Gassen führte, begab sie sich nach dem kleinen Kloster.

Pater Severin ging nahezu um dieselbe Zeit im Klostergarten hin und wider, sein Brevier in der Hand. Er sah ernst, aber nicht leidend aus, und mit ruhigen Augen schaute er empor nach dem Himmel, und hinein in das Laubgewirr der Obstbäume, aus dessen Grün da und dort der reiche Segen der Früchte blinkte. Da vernahm er einen Schritt, und da er sich umsah, bemerkte er den »Vetter Martin«, der langsam herankam. Der junge Kapuziner eilte ihm entgegen. Auch er freute sich an dem Wesen des wackern alten Herrn und begrüßte ihn freudig, nachdem er ihn lange genug nicht gesehen hatte. Dieser aber rief:

»Briefe von Hans Stahl! Eben eingetroffen! Hier schreibt er mir:

»Lieber Vetter Martin! Nur wenig, wie es im Feld und auf dem Tornister möglich ist. Habe gestern mitgekämpft in der Schlacht bei Wörth und werde diese Stunden, die ersten im Feuer, nicht vergessen. Ich fühle erst jetzt, daß ich ein anderer Kerl geworden bin -- Gott helfe mir, wenn ich's jemals vergäße! Ich bin heil und gesund und kampfesfreudig wie nur einer. Wir haben gestern Preußen, Bayern, Württemberger Schulter an Schulter gefochten; es giebt kein Nord- und Süddeutschland mehr, das soll der Franzmann spüren. Gott mit Ihnen und mit uns! Tausend Grüße! Ihr Hans Stahl!«

»Was? -- Ist das nicht ein infam prächtiger Bengel? Wenn ich ihn hier hätte, für _die_ Zeilen müßt' ich ihn einmal küssen, obgleich ich für gewöhnlich keine sentimentalen Anwandlungen habe. -- Aber hier ist eine Beilage mit Ihrer Adresse; viel wird auch nicht drin stehen!«

Pater Severin öffnete den Umschlag und fand in der That nur die wenigen Zeilen:

»Das Neueste von mir erfahren Sie durch Vetter Martin. Wie geht es Therese? Schreiben Sie mir von ihr und wachen Sie über sie! Mit herzlichem Gruße der Ihrige.« -- Dann folgte eine Adresse.

Der Kapuziner reichte seinem Begleiter schweigend das Blättchen; dieser las und sagte:

»Der arme Junge! Das kann er nicht verwinden, aber da können wir alle beide nicht helfen. Was wollen Sie ihm schreiben?«

Severin zuckte die Achseln und erwiderte wehmütig:

»Ich weiß nur, was das Volk spricht, und das möchte ich ihm nicht mitteilen; es ist nicht verbürgt, und wenn es wäre, so könnte er nicht helfen, so wenig wie ich. ›Wachen Sie über sie!‹ Ich weiß nicht, wie er sich das denkt. Ich habe ja nicht einmal ein Recht zu einem Worte des Trostes für sie, so lange sie es nicht begehrt.«

»'s ist richtig, und für ihn ist's besser, wenn er nichts Schlechtes hört. Er braucht seinen Mut und seine gesunde Frische jetzt doppelt, und wenn er denken kann, es geht ihr gut oder mindestens erträglich, so vergißt er sie zuletzt am leichtesten, und das muß doch einmal sein.«

Ein leiser Seufzer hob die Brust des Mönches ... er wußte, daß man Therese nicht so leicht vergaß!

Das Gespräch aber wendete sich mehr dem großen Ereignis der Zeit, dem Kriege, zu, und die beiden wanderten langsam unter den Bäumen auf und nieder, bis die Glocke läutete.

»Ich muß zur Messe -- verzeihen Sie!« sagte nun Severin, und der Alte entfernte sich mit einem Worte der Entschuldigung, während der Kapuziner langsam nach dem Kirchlein ging. Da kam ihm ein Laienbruder entgegen mit der Mitteilung, daß eine Dame ihm zu beichten wünsche. Das war nichts Außergewöhnliches und er begab sich ruhig nach dem Beichtstuhl, in welchem er erwartet wurde: Dort kniete eine junge Frau im dunklen Gewande, und als er näher kam, fühlte er, wie sein Herz heftiger anfing zu schlagen und wie ein Zittern ihn erfaßte; er hatte Therese Haller erkannt.

Sie aber preßte die weiße Stirne gegen das Holzgitter, das sie von seinem Sitze trennte, und begann leise, zaghaft zu sprechen, indes er das Haupt neigte und seine Hände krampfhaft in einander schlang. Das war nicht eine Beichte, wie sie sonst üblich war mit Beobachtung der vorgeschriebenen Einleitungsworte ... es war auch nicht ein Sündenbekenntnis, sondern ein banges Stammeln einer gequälten Seele, eine Geschichte von dem Märtyrertum eines stillen, verschwiegenen Frauenherzens, das in seiner Angst und in seinem Jammer sich in den Schutz der Kirche flüchtet, und nicht Sündenvergebung, sondern Trost und Rat erfleht.

Jetzt erst erkannte Severin mit sehenden Augen die ganze Größe des Elends, dem das junge Weib preisgegeben war, und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Daß sie auch ihm gerade all das erzählen mußte, der sein Herzblut gegeben hätte, um sie glücklich zu machen, und der nun gar nichts thun konnte, ja kaum recht wußte, was er ihr sagen sollte. Ihm war gewiß noch elender zu Mute, als der Armen, die zu seinen Füßen kniete, und nun, nachdem sie ihm erzählt von ihrem gestrigen Versuch, den Gatten sich zurückzugewinnen und von dem letzten Worte, das sie gesprochen und das sie in ihrem feinfühligen Wesen heute beinahe als zu hart bereute, schweigend harrte, was er ihr verkünden werde.

Der Mönch atmete tiefer, er sandte ein heißes Stoßgebet zum Himmel und dann begann er zu sprechen, warm, herzlich, ruhig. Ihm war selbst, als ob aus ihm ein anderer, Höherer rede; ihm schien, als ob er noch niemals in seinem Leben so die rechten Worte gefunden habe, mit denen er sein Beichtkind hinwies auf Gottes Vaterhuld, die niemandem mehr auferlege, als er tragen könne, und wie seine Allmacht auch Mittel finden werde, ihrem Leid ein Ende zu bereiten. Für ihr Verhalten gegen ihren Gatten am gestrigen Tage sprach er sie frei von aller Schuld und Verantwortung; sie habe nur gethan, was ihre Pflicht und ihr Recht war.

Es läutete bereits zum andern Male zum Meßgottesdienst, aber er unterbrach sich nicht, und als er endlich schloß, und das Zeichen des Kreuzes über Therese machte, da war ihm die Brust so frei und gehoben, er fühlte, daß er des Priesters schönste, weihevollste Pflicht getreulich erfüllt habe, und ihn überraschte und verwirrte es nicht, als sein Beichtkind sich über seine Hand neigte und sie mit heißen Lippen küßte.

Getröstet und erhoben war die junge Frau aus dem kleinen Kirchlein heimwärts gegangen, und sie fühlte sich ungleich ruhiger als vorher, trotzdem ihr Gatte noch immer nicht zurückgekehrt war.

Es kam die Mittagszeit und um dieselbe Herr von Sorb. Therese empfing ihn mit kühler Höflichkeit, und er sprach sich verwundert aus, als er hörte, daß er ~Dr.~ Haller nicht antreffe; er schien beinahe mißtrauisch gegenüber der Mitteilung zu sein und äußerte:

»Er verließ doch gestern bei Zeiten R...« -- er nannte den Namen der Stadt, wo am Abend vorher gespielt worden war -- »freilich zu Fuße, denn sein Pferd hatte er verkauft. Ich werde mir gestatten, morgen wieder vorzusprechen, gnädige Frau ...«

Damit ging er und sinnend trat Therese an das Fenster. Ihr Gatte hatte sein Pferd verkauft -- sie fühlte, was damit gesagt war; er hatte sich auch wohl geschämt, ohne Pferd am hellen Tage heimzukommen und werde die Nacht abwarten. In ihre Seele kam wieder ein Hauch von bitterer Bangigkeit ... und aufs neue gingen die Stunden, bis endlich der Nachmittag die furchtbare Kunde brachte.