Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 28

Chapter 283,802 wordsPublic domain

»Mein Sohn wird doch in diesen Tagen heiraten. Er ist evangelisch wie der Vater und nimmt auch eine Evangelische aus Burgdorf. Daß ich als Mutter der Trauung beiwohnen will, auch wenn sie nicht in einer katholischen Kirche stattfindet, ist doch, denke ich, keine Sünde, und unser Herrgott wird's einem katholischen Mutterherzen nicht übel nehmen. Aber ich wollte doch vorher beichten und eine Beruhigung haben und so bin ich heute früh vor der Messe bei unserm Herrn Pfarrer gewesen. Der aber war sehr streng und ernst und hat mir's verboten, der Trauung beizuwohnen, und weil ich ihm gesagt habe, das könnt' ich ihm nicht versprechen, 's wär' mein einziger Sohn, und wär' so brav, und ich könnt' ihm das nicht anthun und an seinem Ehrentage fehlen, da hat er mir die Sündenvergebung verweigert. Ich habe gemeint, ich muß in die Erde sinken, wie ich aus dem Beichtstuhl heraustrat und mir's war, als ob alle Leute mich ansähen, als ständ' es an meiner Stirn geschrieben, daß ich eine so große Sünderin sei, der man nicht einmal die Absolution erteilen konnte. Ich hätte doch nicht in der Kirche bleiben können, denn ich hätte ja nicht kommunizieren dürfen, und dann hätten's erst recht alle Leute gewußt, wie es mit mir steht ... und da habe ich auch noch gelogen und habe ein paar Bekannten gesagt, mir wäre recht übel und ich müßte fortgehen. Freilich war's auch wieder nicht gelogen, denn übel war mir's auch. Mein Mann ist außer sich über die Sache -- ach Du lieber Gott, und ich weiß nun nicht, was ich machen soll.«

Das Weib schwieg und sah beinahe ängstlich nach Peter Frohwalt hin, als ob es gerade von ihm eine Meinung erwarte. Auch Vetter Martin, dem man es ansah, daß ihn innerlich der Unmut erfaßt hatte, schaute schweigend seinen jungen Freund an. Dieser rang offenbar mit sich selbst; eine wärmere Röte huschte über sein Gesicht und nach einem Augenblicke des Schweigens sprach er ruhig und milde:

»Meine liebe Frau Franke -- gehen Sie in Gottes Namen zur Trauung Ihres Sohnes, denn die Stimme des Mutterherzens ist hier auch Gottes Stimme!«

»Für das Wort danke ich Ihnen tausendmal, Hochwürden,« sagte das Weib schluchzend und lachend zugleich, in demselben Augenblicke aber fühlte Peter seine Hände von rechts und links erfaßt und warm gedrückt. Auf der einen Seite besorgte das der Vetter Martin und nickte dazu mit dem Kopfe, wie zu etwas ganz Selbstverständlichem, und von der anderen Seite war es Marie, die in überwallendem Gefühl die Hand des Bruders an ihre Lippen zog.

Dem aber ward es mit einem Male wie zu enge in der Stube; er stand auf und ging hin und her. Auch seine Schwester hatte sich erhoben und sagte:

»Ich muß nun nach Hause gehen, meine Wirtschaft wartet auf mich!«

»Ich gehe mit Dir!« sprach Frohwalt und griff nach seinem Hute.

Vetter Martin hatte gleichfalls die Absicht gehabt, sich zu entfernen; als er das Wort hörte, sah er ganz eigentümlich drein, setzte sich fester in seinem Stuhle zurück und wandte sich mit einer Frage an Frau Franke, welche wohl den Zweck haben sollte, auch diese von der Begleitung der beiden Geschwister abzuhalten. So gingen diese mit einander fort und traten auf die Gasse in den hellen Sonnenschein.

Sie waren lange nicht so nebeneinander hergeschritten und aus manchem Fenster sah man ihnen verwundert beinahe nach. Ueber ihnen selbst lag eine gewisse Befangenheit, aber durch die Seele der jungen Frau ging trotz alledem ein Glücksgefühl.

Endlich begann der Priester zu sprechen, beinahe alltägliche Dinge, und so kamen sie bis an das Haus des Uhrmachers.

Hier blieb Marie stehen, als ob sie glaubte, ihr Bruder werde sich nun von ihr verabschieden. Anstatt dessen aber sagte dieser:

»Ich möchte doch auch einmal sehen, wie Du Dich eingerichtet hast, und was Dein Mann macht.«

Eine heiße Röte flog über Mariens Wangen, und mit leuchtenden, liebeerfüllten Augen sah sie zu ihm auf; sie sprach nur das eine Wort: »Komm!« aber darin lag ihre ganze aufjauchzende Seele.

Sie traten ein in das freundliche, ungemein saubere Zimmer, und Freidank kam ihnen entgegen. Als er den Schwager sah, erschrak er beinahe, aber Marie, die ihm den Kleinen, der die Händchen verlangend nach ihm ausstreckte, entgegenhielt, sagte:

»Peter wollte sehen, was Du machst!«

In dem Gesichte des Uhrmachers stand eine tiefe Bewegung geschrieben; er wagte nicht, selbst die Hand auszustrecken, aber als ihm der Priester seine Rechte reichte, ergriff er sie und hielt sie einige Augenblicke schweigend fest, Frohwalt aber bemühte sich, so unbefangen als möglich zu erscheinen; er berührte nichts von der Vergangenheit, sprach seine Freude aus über den anmutigen, friedlichen Eindruck der ganzen kleinen Häuslichkeit, ja er nahm auch das Kind auf den Arm, das sich gar nicht vor ihm zu fürchten schien, und nach kurzem Aufenthalte entfernte er sich wieder. In dem kleinen Hause aber ließ er einen Hauch der Freude zurück, dessen er sich bewußt war und der ihn selbst beglückte.

Er hatte bei diesem Besuche an Quandt und Frau Friederike denken müssen.

Wie er nun, auf der Gasse hinschreitend, gegen die Kirche herankam, begegnete ihm der Vetter Martin; er kam auf ihn zu, und drückte ihm die Hand mit den Worten:

»Du hast heute mehr als einen Menschen glücklich gemacht; Gott vergelt' Dir's!«

Dann ging der Alte ohne Aufenthalt weiter, Frohwalt aber wendete sich nach dem Pfarrhause, um dem Pfarrer Ignaz seinen Besuch zu machen, wie es schon die Höflichkeit erforderte. Er traf denselben daheim und er empfing ihn mit gemessener Freundlichkeit.

»Sie bringen uns also den neuen Glaubenssatz aus Rom mit!« sagte er nach den ersten allgemeinen Begrüßungen.

»Ich bringe es nicht, Herr Pfarrer, denn ich habe mich so wenig wie mancher Kirchenfürst überzeugen können, daß es zum Segen für die Kirche sein wird,« erwiderte Peter ernst.

»Aber es ist in der Generalkongregation vom 18. Juli einstimmig angenommen worden, und ich halte es für einen Segen, daß der Statthalter Christi auf Erden mit einer Gewalt ausgerüstet worden ist, die mit seiner Würde notwendig verbunden sein muß.«

»Darüber könnte man eben verschiedener Meinung sein, aber es wäre mir lieb, mich nicht darüber äußern zu müssen, nachdem ich in Rom nur zuviel solcher Verhandlungen habe anhören und mitmachen müssen. -- Lassen Sie mich lieber fragen, wie es Ihnen geht, und wie die kirchlichen Verhältnisse hier im Orte sind.«

Der Pfarrer machte ein beinahe finsteres Gesicht.

»Mir persönlich geht es körperlich gut -- als Seelsorger aber habe ich manchen Aerger, besonders durch das Ueberhandnehmen dieses ketzerischen Protestantismus. Ich beklage noch immer tief, daß Ihre Schwester so böses Beispiel gegeben hat. Seit ich hier als Pfarrer amtiere, sind ein Dutzend Familien vom Glauben abgefallen.«

»Und haben Sie niemals über die eigentliche Veranlassung dieser Erscheinung sich klar zu werden versucht?«

»Der Zug der Zeit! Aufklärung und Gottlosigkeit an allen Enden, Mangel an Sittlichkeit und wahrer Frömmigkeit ...«

»Und Unduldsamkeit!« fiel Frohwalt ernst ein. »Ist Ihnen nicht klar geworden -- verzeihen Sie mir meine Offenheit -- daß Sie selbst in dieser Hinsicht zu weit gehen?«

»Wieso?«

»Nun, ich habe heute erst erfahren, daß Sie Frau Franke die Sündenvergebung verweigerten, weil sie der Trauung ihres Sohnes in der evangelischen Kirche beiwohnen will.«

»Ich habe gethan, was meine priesterliche Pflicht ist!«

»Und wissen Sie, was Sie damit erzielen? -- Daß die Frau, welche, wie ich weiß, sehr fromm und religiös ist, sich dem evangelischen Bekenntnis zuwenden wird, dem ihr Mann und ihr Sohn angehören. Und das konnte in diesem Falle vermieden werden!«

»Das muß ich bestreiten!« sagte der Pfarrer heftig.

»Nun, was meinen Sie wohl? -- Sollten Sie nicht wissen, daß auch unser Kaiser, daß andere katholische regierende Fürsten ähnlichen evangelischen Gottesdiensten beiwohnten, und daß es wohl noch keinem ihrer Beichtiger eingefallen sein dürfte, ihnen darum die Sündenvergebung zu verweigern?«

»Das sind andere Verhältnisse -- staatliche Gründe -- politische Beziehungen -- --«

»Nach welchem Grundsatze machen Sie denn einen Unterschied? Wir haben nicht Katholiken erster und zweiter Klasse; vor Gott und in der Kirche sind alle gleich, und wenn man erst anfängt, solche Unterschiede aufzustellen, ist es um die Würde der Kirche, um die innere Wahrheit ihrer Einrichtungen geschehen. Außerdem glaube ich etwas von Kirchenrecht zu verstehen und weiß, daß besonders in Gegenden mit konfessionell gemischter Bevölkerung eine duldsamere Behandlung geradezu empfohlen wird. Was an den Protestantismus hier verloren gegangen ist, haben die Vertreter der katholischen Kirche auf dem Gewissen.«

»Sie haben vordem, glaube ich, andere Anschauungen gehabt.«

»Das spricht nicht für deren Richtigkeit; ich habe in Rom gar wunderliche Erfahrungen gemacht -- --«

»Das scheint mir auch,« sagte der Pfarrer mit leisem Hohn, »und es soll mich nicht wundern, Sie demnächst mit Ihren vom Glauben abgefallenen Verwandten Arm in Arm zu sehen.«

»Wenigstens hätten Sie mich heute im Hause meines Schwagers finden können,« erwiderte Frohwalt ruhig; »seit ich Protestanten kennen gelernt habe, in denen das wahre Christentum sich abspiegelt, scheue ich mich auch nicht, zu glauben, daß auch ihnen der Himmel offen ist, und mit ihnen umzugehen.«

Pater Ignaz schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Aber das ist ja Ketzerei!«

»Die ich in Rom gelernt habe.« -- --

Die beiden Männer trennten sich, ohne sich die Hand zu reichen, und Frohwalt trat in den Sonnenschein hinaus mit dem Vorsatze, die Pfarrei nicht mehr zu betreten, solange der Fanatismus hier seine Heimstatt hatte.

Die Sonne desselben Augustmorgens hatte auch in die Fenster der Wohnung des ~Dr.~ Haller hineingeleuchtet. Dieselbe gab überall Zeugnis von bestem Geschmack, einfacher Vornehmheit und einer verständnisvoll waltenden Frauenhand. Die Zeit der Sprechstunde, welche auf der Thüre von neun bis zehn Uhr festgesetzt war, war gekommen, in dem Wartezimmer flimmerte der Sonnenglanz auf den polierten Stühlen und der türkischen Decke, die auf dem Tische lag, aber der Raum war leer. Patienten, welche gekommen wären, würden aber auch den jungen Arzt nicht in seinem Sprechzimmer gefunden haben, sondern noch im Schlafzimmer. Er war, wie gewöhnlich, spät in der Nacht heimgekommen und holte nun am Morgen erst das Versäumte nach, was er um so leichter thun konnte, als er schon seit längster Zeit keine Patienten mehr im Städtchen selbst fand. Seine ersten unglücklichen Kuren hatten von ihm abgeschreckt, und mit dem Mißtrauen in seine ärztliche Kunst mischte sich außerdem bei den gewöhnlichen Bürgersleuten eine Abneigung gegen das kühle, vornehm-dünkelhafte Wesen des Doktors.

So suchte er wenigstens den Schein zu wahren, als habe er eine ausgedehnte Landpraxis, und man sah ihn jeden Vormittag auf seinem Fuchs hinausreiten zum Städtchen, und wenn die Bürgersleute in der Nacht durch Hufschlag aus dem ersten oder auch schon aus dem zweiten Schlaf geweckt wurden, wußten sie, daß ~Dr.~ Haller jetzt heimkehrte. An zahlreiche Patienten auf dem Lande glaubte aber trotzdem niemand, und man erzählte an den Biertischen der Spießbürger, sowie in den Weiberstuben seltsame Geschichten, wie er seine Zeit verbringe.

In der Oeffentlichkeit sprach man nicht davon, denn er gehörte zu den Vornehmsten im Städtchen, und die beste Gesellschaft verkehrte mit ihm, zumal er für einen trefflichen Unterhalter von feinen Manieren galt; besonders aber sahen die jüngeren, vermögenderen Elemente in ihm beinahe das Muster eines Lebemannes.

Am besten wußte freilich sein junges Weib, wie es mit seiner Praxis und mit seiner ganzen Lebensweise stand, und sie hatte oft genug in der heimlichen Einsamkeit ihres Zimmers bittere Thränen darüber geweint. Nach außen aber suchte sie ihren Jammer -- trotzdem die blassen Wangen eine beredte Sprache redeten -- zu verbergen, und es war rührend, wie sie darin dem Vogel Strauß gleich, von dem man sagt, daß er bei größter Not und Angst den Kopf unter den Flügeln verberge im Glauben, daß man ihn selbst mit seiner Sorge nicht sehe. Wohl hatte sie schon in seiner Bräutigamszeit manches bemerkt, was ihr nicht gefallen wollte, ein gewisses herrisches Wesen, einen Hang zu sinnlichen Genüssen, aber sie hatte gehofft, daß die Liebe ihm die Ecken seines Charakters abschleifen und das Unebene ausgleichen würde. Sie hatte ja so unendlich viel Vertrauen gehabt zu der Gewalt ihres Herzens und auch zu dem Herzen ihres Verlobten, und hatte diesen auch gegen den scharfsichtigen Vater verteidigt, der mitunter sehr zutreffende Bemerkungen gemacht hatte, der aber nicht seinem Kinde bei der Wahl eines Lebensgefährten in den Weg treten wollte, zumal er hoffte, daß die einfachen Verhältnisse der kleinen Landstadt und das liebe, sonnige Wesen seiner Tochter einen günstigen Einfluß üben würden.

Das alles waren getäuschte Erwartungen. Haller hatte einen leidlich guten Anlauf genommen, aber die ersten Mißerfolge und das damit zusammenhängende Gefühl der Beschämung, die er zu verbergen bemüht war, dann der Müßiggang, zu welchem er sich verurteilt sah und die Gesellschaft, in welche er bei seinen ländlichen Ausflügen geriet ... das alles zusammengenommen war ihm verderblich, und auch die Liebe seines Weibes konnte ihn nicht halten auf der schiefen Ebene, auf der es ihn hinunterzog.

Therese wußte, daß er keine Patienten auf dem Lande besuchte; er hatte dort keine, so wenig wie in der Stadt; sie wußte, daß er spielte und trank, und sie hatte ihn oft wacher erwartet in tiefer Nacht, und mit Entsetzen bemerkt, daß er betrunken heimkam. Wenn er sie dann sah mit ihrem bleichen, verwachten Gesicht, überfiel es ihn anfangs wie Scham, aber da sie ihm keine Vorwürfe machte, sondern ihn nur stumm mit den großen, fragenden Augen anschaute, deren Blick er nicht zu ertragen vermochte, wurde er allmählich in solchen Fällen gereizt und zornig und sprach harte Worte, so daß sie es vorzog, nicht mehr auf ihn zu harren. Aber sie lag schlaflos im Bette, und hörte ihn heimkommen und regte sich nicht, auch wenn es ihr das Herz zusammenzog; und wenn sie ihn tief atmen hörte, dann schluchzte sie hinein in ihr Kissen.

Ihr Vater hatte sie besucht, ihm fiel ihr Aussehen auf, sowie das Wesen ihres Gatten, aber sie wich seinen Fragen aus und wußte ihn trotz ihres blutenden Herzens zu beruhigen. Und doch konnte es nicht so weiter gehen! Haller war nicht unvermögend, aber da er nichts verdiente und vom Baren zu leben begann, fingen auch die Vermögensverhältnisse an, beängstigend zu werden; ihr eigenes mütterliches Erbgut war ihr sicher geschrieben, aber die Interessen davon reichten gerade für den Haushalt, und wenn Haller wie sie fürchtete, anfing Schulden zu machen, so wurde auch diese Hilfsquelle in Mitleidenschaft gezogen, und es drohte das Schlimmste.

Auch diese Nacht war er erst gegen Morgen heimgekommen, und das bleiche, junge Weib, das am Fenster saß und nach dem kleinen Garten hinausblickte, der so freundlich im Schmucke der letzten Sommerblüten unter ihr lag, wußte auch, _wie_ er gekommen war. Sie fand darüber keine Thränen mehr, aber sie wollte sich ein Herz fassen und mit ihrem Gatten reden mit dem Aufgebot all ihrer Liebe. So saß sie regungslos und lauschte auf jedes Geräusch im anstoßenden Schlafzimmer, das ihr verkündete, daß er erwacht sei. Mehrmals war sie auf den Zehen an die Thür geschlichen und immer wieder zurückgekehrt zu ihrem Sitze. Jetzt hörte sie ein sehr vernehmliches Räuspern, und wieder sprang sie auf.

Haller war in der That erwacht. Er sah mit glanzlosen Augen umher und griff mit den Händen nach der schmerzenden Stirn. Dann warf er gähnend einen Blick hinüber nach der Uhr und sank wieder zurück. In diesem Momente trat Therese ein. Sie war allerliebst in dem hellen Morgenanzuge mit dem freundlichen Gesichte, über welchem jetzt ein feiner, rosiger Hauch, halb der Verlegenheit, halb der Verschämtheit lag, und wie Haller sie bemerkte, leuchtete sein Blick eine Sekunde lang auf.

»Ach, das ist hübsch, Schätzchen, daß Du mir einmal einen Morgengruß bringst. Komm her, gieb mir einen Kuß ... Du bist ja ganz wunderhübsch.«

Er zog die Nähertretende zu sich heran, und sie ließ sich willig küssen, dann aber wehrte sie sich sanft gegen seine Umschlingung:

»Laß mich, Paul ... mir ist's nicht zum Kosen und Küssen ... Du weißt, daß mir das Herz schwer ist!«

»Und mir der Kopf!« lachte er wüst -- »da passen wir zusammen.«

»Ich muß mit Dir sprechen -- und es ist schlimm genug, daß ich keine andere Stunde dafür finden kann ...« sprach das junge Weib mit beklemmtem Atem.

»Ah -- eine Gardinenpredigt -- --«

»Spotte nicht, Paul! Mir blutet das Herz!«

Er begann unruhig und ärgerlich zu werden.

»Ich weiß Alles, was Du sagen willst -- --«

»Vielleicht doch nicht!« entgegnete sie sanft. »Du weißt, wie ich Dich lieb gehabt -- --«

»Gehabt!« unterbrach er sie beinahe höhnisch.

»Und wie ich noch immer an Dir hänge, trotzdem Du mir so oft bitter weh thust. Aber keinen Vorwurf will ich Dir machen, nur eine Bitte laß mich an Dich richten! Sieh, hier gehen wir zu Grunde, Du und ich, Du an der Berufslosigkeit und ich an dem Jammer, den ich um Dich empfinde. Was nützt Beschönigen und Versteckenspielen? Wir haben hier durch einen unglücklichen Anfang den Boden unter den Füßen verloren, und der ist nicht wieder zu gewinnen. Aber wir müssen doch nicht hier leben. Was bindet uns denn an diese Scholle? Laß uns fortziehen nach einem Orte, wo uns niemand kennt -- ich gehe mit Dir und wenn es nach dem ärmsten, ödesten Erdenfleckchen wäre, nur raffe Dich auf, beginne ein thätiges Leben und werde wieder so, daß Du selbst und andere Dich achten können! Es ist ja wie ein Hohn, das leere Wartezimmer, und wie ein bitterer Spott klingt es, wenn Du von Deiner Landpraxis sprichst, und dabei verlieren wir neben der Freude am Dasein, neben dem Frieden des Hauses, neben dem Glück unserer Liebe auch allgemach die Mittel zu unserem Leben. Ermanne Dich, Paul! Lieber Paul, ich bitte Dich!«

Das junge Weib stand mit erglühenden Wangen, mit gefalteten Händen vor ihm voll rührender Schönheit, aber sie rührte nur seine Sinne. In seinen Augen leuchtete es begehrlich und er streckte wieder die Hände nach ihr:

»Ach laß jetzt die Dummheiten, und komm und küsse mich!«

Therese aber wich einige Schritte zurück und flehte mit innigem, angstvollem Tone:

»Paul -- gieb mir Antwort! Höre mich, Paul -- -- es muß ein Ende nehmen -- -- o Gott!«

Und nun brachen ihr die Thränen aus den Augen, und aufschluchzend schlug sie die Hände vor das Gesicht. Da erfaßte ihn der Unmut:

»Was soll mir denn das Geschwätz? -- Bin ich etwa ein Lump, der sich verstecken muß? -- Brauche ich denn für diese Kleinstädter überhaupt Tränkchen und Salben zu verschreiben? -- Warum soll ich denn nicht meinen Neigungen leben und dem Vergnügen? -- Und denkst Du denn, wenn ich irgendwo anders mich niederlasse, daß mir die Philister von hier aus nicht nachschreien werden, ich sei ein Kurpfuscher und dergleichen Dummheiten mehr? -- Ich habe die Lust verloren an dieser ganzen traurigen Wissenschaft, die auch nicht eine einzige wirkliche Krankheit des inneren Menschen heilen kann. Wer das Glück hat, bei seinen Versuchen von der Natur unterstützt zu werden, dem läuft die Menge zu, und wem das Glück fehlt, der verliert seine Patienten. Hol der Teufel dies ganze Glücksspiel -- da ist mir das andere mit den zweiunddreißig Blättern noch lieber ... und kurz und gut, mir gefällt es hier und ich bleibe hier, und Du sei nicht dumm und weine Dir Deine hübschen Augen nicht häßlich -- Du bist hier die schönste Frau im Städtchen, wer weiß, ob das anderwärts wieder der Fall wäre.«

Die Worte klangen sinnlos, frivol, und dem jungen Weibe zog sich schmerzhaft die Brust zusammen. Sie sah den Gatten mit einem unendlich traurigen Blicke an und sprach:

»Paul, Du weißt ja nicht, was Du redest. Wie magst Du Deinen Beruf, einen der segensvollsten, wenn er mit Lust und Liebe geübt wird, so mit Füßen treten? Fühlest Du denn nicht, wie solche Worte Dich und mich entwürdigen? Es kann ja Dein Ernst nicht sein, was Dir aus dem Munde geht! Du kannst doch nicht daran denken, in Deinen Jahren bloß dem Müßiggang zu leben? Du willst doch nicht die Verachtung aller Guten auf Dich lenken? -- Paul, ich beschwöre Dich ... laß uns fortziehen von hier, wo wir den rechten Boden unter den Füßen verloren haben ...«

Jetzt brauste er auf:

»Was gehen mich denn Deine Stockphilister an, die ihre Schnäbel an jedem wetzen, der nicht so lebt, wie sie selber? -- Gerade ihnen zum Trotze bleibe ich und lebe ich, wie ich will, denn was aus Dir redet, das ist der dumme Klatsch, den Du hörst bei Deinen Frohwalts und Freidanks ... warum gehst Du auch nicht mit Besseren um?«

»Niemand hat mir ein Wort darüber gesagt, nur mein eigenes Herz drängt mich -- --«

»Ach Herz! -- Herz ist das Pumpwerk im tierischen Körper -- was Ihr Weiber Herz nennt!«

Er lachte roh, so daß sie erbleichend ihn ansah, und plötzlich ein seltsames Gefühl hatte. Ihr war, als sei in diesem Augenblicke ein Riß durch ihre Seele gegangen, als wäre sie aus einem Traume erwacht, in welchem sie diesen Mann geliebt hatte. Sie richtete sich hoch auf und sprach:

»Verzeih mir's Gott -- aber ich fange selbst an, Dich zu verachten!«

Das Wort hatte eine seltsame Wirkung auf ihn. So lange sein Weib flehend, bittend, in ihrer demütigen, rührenden Schönheit vor ihm stand, war es ihm eine Lust, sie -- die seine Liebkosungen abwehrte -- zu quälen, weil er ein Uebergewicht und eine Herrschaft über sie zu haben glaubte, die ihm durch ihre Liebe gesichert schien -- dies Wort aber ließ ihn erkennen, daß er seine Macht überschätzt habe, und das versetzte ihn in Erregung und Zorn. Er raffte sich auf und seine Augen und seine Hände suchten nach irgend einem Gegenstande, welchen er nach Therese schleudern könnte, während sein blasses, übernächtiges Gesicht sich dunkelrot färbte.

In diesem Augenblicke pochte es an der Thür. Die junge Frau ging hinaus und das im Nebenzimmer befindliche Dienstmädchen überbrachte ihr eine Karte mit dem Namen Ferdinand von Sorb und meldete, daß ein Herr den Herrn Doktor zu sprechen wünsche, aber nicht als Patient, wie er hinzugefügt habe.

Therese hatte den Namen wohl gehört, aber sein Träger war ihr unbekannt, und sie begab sich nach dem Salon, wohin das Mädchen denselben geführt hatte. Hier traf sie einen noch jungen Mann mit etwas verlebten Zügen, der zwar einigermaßen verlegen schien, als sie eintrat, aber doch mit weltmännischer Gewandtheit seine Entschuldigung vorbrachte. Er fragte an, ob er nicht Herrn ~Dr.~ Haller selbst sprechen könne, da seine Angelegenheit keinen Aufschub dulde.

Therese wußte nicht, warum sie vor dem Manne ein unverkennbares Unbehagen empfand, und mit einem Gefühl der Beschämung, das sie hatte bei dem Gedanken, daß Herr von Sorb das Unwahre ihrer Worte erkennen müsse, sagte sie mit erzwungener Ruhe:

»Mein Mann fühlte sich unwohl und hat das Bett noch nicht verlassen, ich werde ihn jedoch von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Wunsche verständigen und bitte indes, sich zu gedulden!«

Sie entfernte sich und atmete jenseits der Thüre einmal tief auf, dann ging sie zagend nach dem Schlafzimmer zurück und rief die Worte hinein:

»Ein Herr von Sorb wünscht Dich dringend zu sprechen«!«

Sie hatte ihren Gatten nicht angesehen und war zurückgetreten, ohne seine Erwiderung abzuwarten, aber es war ihr doch, als höre sie ein Fluchwort und zugleich ein Geräusch, als ob er sich rasch erhebe. In der That war Haller bei dem Namen erschrocken und erbleicht. Er fuhr von seinem Lager, kleidete sich rasch und oberflächlich an, fuhr in seinen Schlafrock und begab sich nach dem Salon.

Der Wartende stand bei seinem Kommen auf und sah ihn mit einem seltsamen Lächeln an; sie reichten sich nicht die Hände, obwohl sie im übrigen bekannt genug schienen.