Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 27

Chapter 273,580 wordsPublic domain

»Und wenn, wie nicht mehr zu zweifeln ist, durch eine einfache Stimmenmehrheit dieser neue, unerhörte Glaubenssatz angenommen wird, so kann nur eine Kirchenspaltung die Folge sein, und ich bete, daß aus ihr der Nutzen für alle Guten erwachse, daß eine abermalige Erneuerung der Kirche im Sinne der alten Einfachheit und Wahrheit erfolgen möge. Mein Weg ist mir dabei vorgezeichnet und ich glaube, ich werde ihn leicht gehen können, wenn Männer wie der Cardinal Schwarzenberg und Professor Meyer mir voranschreiten,« schloß Frohwalt.

»Wenn!« sagte Martin und wiegte ernst das graue Haupt.

»Du glaubst doch nicht, daß sie gegen ihre katholische Ueberzeugung ...«

»Ich glaube in dieser Beziehung nur den Thatsachen. Warten wir sie ab! Und zuletzt kommt es bei jedem immer nur auf seine persönliche Festigkeit an, und daß die ihm nicht verloren geht, wenn er andere, die er für fest gehalten hat, ins Wanken kommen sieht. In der Hauptsache ist mir's lieb, daß Dir die Augen in Rom aufgegangen sind, und daß Du unter anderem auch darüber Klarheit hast, daß in dem protestantischen Weibe Heinrich Quandts ein Reichtum von echter Religiosität und Liebe lebt, und daß sie trotz aller unfehlbaren päpstlichen Dekrete eine größere Garantie besitzt für die ewige Seligkeit, als selbst mancher Papst seligen, beziehungsweise unseligen Angedenkens haben durfte. -- Uebrigens, was weißt Du Neues von Quandt? Und was hörst Du von Hans Stahl?«

Damit war das Gespräch auf ein ruhigeres Gebiet gekommen.

Am 13. Juli war der Petersplatz mehr belebt als sonst; so sehr das Interesse der Römer am Konzil im allgemeinen erloschen war, die Abstimmung in der Frage des neuen Glaubenssatzes war immerhin der wesentliche Punkt in der Geschichte dieser Kirchenversammlung, zumal bei der zwiespältigen Stimmung der Teilnehmer an derselben. Um die Mittagszeit, da die Sitzungen zu Ende zu gehen pflegten, ward es am lebendigsten in der Kirche sowohl, wie außerhalb derselben, und es war bereits bekannt, daß, abgesehen davon, daß verschiedene Kirchenfürsten Rom schon verlassen hatten, andere sich von der heutigen Sitzung fern gehalten hatten.

Auch Vetter Martin und Frohwalt gingen in den herrlichen Säulenhallen hin und her und harrten auf den für sie nicht zweifelhaften Ausgang; Martin war darüber ziemlich gleichgültig, der junge Priester dagegen erregt. Nun kamen die ersten der Konzilsväter aus dem Portale des Domes, näher drängten Neugierige heran, man wagte sogar, sich an diesen und jenen mit einer Frage zu wenden. Immer lebhafter drängte es nun durcheinander von seidenen Talaren und großen runden Hüten, die vielfach mit einer buntfarbigen Feder geschmückt waren. Zwischen ihnen huschten Angehörige des niederen Klerus, Mönche und Weltpriester hin, und auch die Gestalt des Jesuitenpaters Felice tauchte auf.

Er bemerkte Frohwalt, und mit einem seltsamen, beinahe schadenfrohen Aufleuchten der sonst so kühlen Augen trat er an ihn heran:

»Wissen Sie schien das Ergebnis der Abstimmung, Hochwürden? -- Nein? -- Nun, von etwa 600 Vätern haben 70 gefehlt, 88 haben mit ~non placet~ (Nein) gestimmt, 62 mit ~placet juxta modum~ (Ja, unter Vorbehalt), die andern 380 haben den Glaubenssatz angenommen. Ein schönes Ergebnis ... Dank dem heiligen Geiste!«

Er stieß die Worte beinahe triumphierend hervor, dann eilte er weiter. Frohwalt wollte sprechen und sich gegen Martin äußern, da sah er ganz nahe Parelli vorübergehen -- richtiger vorüberschwanken, gestützt auf den Arm eines jüngeren Geistlichen. Von einer raschen Erregung erfaßt, trat Frohwalt auf ihn zu und fragte teilnehmend:

»Bischöfliche Gnaden sind unwohl?«

Der Prälat sah auf; über sein Gesicht huschte ein müdes Lächeln, und er reichte dem jungen Deutschen die Hand:

»Es hat mich zu sehr angegriffen, Herr Doktor -- aber ich habe meine Pflicht gethan und mit Nein gestimmt. Beten Sie für mich!«

Er schwankte, bleich und müde, weiter und Frohwalt sah ihm tief ergriffen nach, bis er ihm aus dem Gesichte entschwand. Martin war ihm nachgekommen und stand nun neben ihm.

»Ein Trauerspiel für uns, wie ich Dir gesagt habe, Peter: Siebzig Feige, die sich überhaupt nicht mehr getrauen, eine Meinung zu haben, zweiundsechzig Unentschiedene, die so gut wie gar nicht zählen, und achtundachtzig, die ehrlich genug sind, sich bis heute noch zu wehren. Dort neben mir hat eben einer mitgeteilt, daß am 18. Juli die feierliche Schlußabstimmung erfolgt ... wieviele meinst Du werden von den achtundachtzig noch fest bleiben?«

Die beiden Männer gingen langsam weiter und Martin begleitete Frohwalt nach seiner Wohnung zu dem Kardinal Schwarzenberg. Hier war alles in Aufregung. Seine Eminenz war bereits zurückgekehrt aus der Sitzung, blaß und ernst, und hatte Weisung gegeben, sofort alles zur Abreise aus Rom bereit zu machen. Eine allgemeine Bewegung ging durch Gefolge und Dienerschaft, und diese Bewegung im Hause wurde noch vermehrt durch das Kommen und Gehen von zahlreichen Kirchenfürsten, die mit dem Cardinal, der wenigstens äußerlich als Führer der Gegenpartei galt, beraten wollten, was nun noch geschehen sollte. Trotz dieser Regsamkeit aber lag es lastend, gewitterschwül auf dem Hause, und alle Gemüter waren erfüllt von Unruhe und Bangigkeit. Man hatte bis zum untersten Bedienten das Gefühl, daß etwas Unnatürliches, Gewaltsames, Verhängnisvolles geschehen sei, vor dem man aus unheimlichem, innerem Antriebe sich zur Flucht rüste.

Und an demselben sowie am nächsten Tage machten sich außer dem Cardinal noch mehr als 50 Kirchenfürsten fertig zur Abreise; es waren meist Deutsche, welche die Schlußabstimmung und die Veröffentlichung des Glaubenssatzes nicht abwarten wollten, zumal öffentlich bekannt gegeben war, daß diejenigen, welche am 18. Juli etwa noch auf ihrem Widerspruch verharren würden, vor dem heiligen Vater selbst zur Unterwerfung aufgefordert werden sollten. Und das nannte man freie Ueberzeugung und freie Meinungsäußerung!

Manch einer von den geistlichen Würdenträgern war trotzdem geneigt, in dem Widerspruch zu verharren, aber die meisten hatten angesichts der erwähnten Drohung den Mut verloren -- sie fühlten sich nicht stark genug, vor dem Stellvertreter Gottes ihr ~non placet~ (Nein) zu wiederholen, und bei solcher Uneinigkeit in der Gegnerschaft war es besser, dieser letzten Versuchung auszuweichen.

In der Wohnung des Cardinals Schwarzenberg saßen eine Anzahl Kirchenfürsten noch am Abend in ernster Beratung: sie hatten ihre theologischen Beiräte hinzugezogen, und auch Peter Frohwalt nahm nebst Professor Meyer an derselben Teil. Endlich war der Wortlaut eines Schreibens an den heiligen Vater festgesetzt, in welchem die Unterzeichneten erklärten, daß sie bei ihrem »Nein« beharren müßten, da sich seit dem Tage, da sie zum ersten Male als Gegner der neuen Lehre aufgetreten seien, nichts ereignet habe, was eine Aenderung ihrer Ansicht hätte herbeiführen können, im Gegenteil seien sie in dieser immer aufs neue bestärkt worden.

Mit fester Hand setzte Cardinal Schwarzenberg seinen Namen unter das Schriftstück, ihm folgte der Vertreter des bayerischen Episkopats, der Erzbischof von München-Freising.

In tiefer Nacht suchte Frohwalt sein Lager mit einem Gefühle der Beruhigung, denn er setzte sein volles Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Festigkeit dieser Erklärung und gelobte sich selbst, bei der erkannten Wahrheit unter allen Umständen auszuharren. Und noch ein anderer Gedanke erfüllte ihn, die Freude wieder in die Heimat zurückzukommen, seine Mutter wieder zu sehen, und seiner Schwester ... vielleicht auch seinem Schwager die Hand zu drücken, denn die Sehnsucht stimmte ihn weich und versöhnlich.

Der nächste Morgen war trübe und der junge Priester ging daran, seine letzten Besuche zu machen. Zunächst wollte er den Vetter Martin zu finden trachten, der diesmal wieder bei der Bildhauerwitwe wohnte, wo ehedem Quandts gehaust hatten. Er traf ihn auch zu Hause, und der Alte lächelte seltsam, als Frohwalt von der plötzlichen Abreise des Cardinals erzählte.

»Hm ... ich fürchte, ~Pio Nono~ hat einen langen Arm und wird die Herren auch außerhalb Rom zu finden wissen. Das ist der Anfang vom Ende -- wohl mir, daß ich kein Bischof geworden bin. Deshalb kann ich auch mit ruhigem Gewissen noch in Rom bleiben und auf eigene Faust im Widerstande verharren. Man wird zwar gegenwärtig hier im eigenen Fett geschmort, ein Vorgang, der bei meiner Leibesbeschaffenheit übrigens einige Schwierigkeiten hat, aber mein Eintrittsgeld für die Komödie habe ich einmal bezahlt, und darum will ich mir den Schlußakt auch noch ansehen. So etwas ist doch in der ganzen Weltgeschichte noch nicht dagewesen. Dir wünsche ich glückliche Reise, und grüße mir die alte Heimat und alles, was drum und dran hängt.«

Der Alte begleitete ihn noch zu Parelli, von dem sich Frohwalt ebenfalls zu verabschieden gedachte, während Martin seinen »Lausitzer Windhund« aufsuchen wollte. Hans Stahl war ungemein fleißig und arbeitete mit einer Energie, welche ihm kaum jemand zugetraut hätte, für ihn war Rom in mehr als einer Hinsicht eine treffliche Schule, und Vetter Martin hatte schon bei einem früheren Besuche ihm seine Freude geäußert über die sichtbaren Fortschritte in seinem Schaffen. Heute war der junge Mann nicht daheim, und auch Parelli war nicht zu sprechen. Frohwalt erfuhr, daß er nach der gestrigen Konzilssitzung schwer erkrankt sei, und nach Aussage des Arztes sehr bedenklich am Nervenfieber darniederliege.

Traurig und still gingen die beiden Landsleute neben einander her, wieder der Wohnung des jungen Priesters zu. Endlich sagte Martin:

»Ich glaube, Dein Prälat ist ein durch und durch braver Mann -- er hat den größten Mut bewiesen -- schade um ihn!«

»Du fürchtest, daß er sterben wird?«

»Ich weiß nicht, ob der Tod für ihn das Schlimmste wäre. Er wäre in seiner Pflicht und in seiner ehrlichen Ueberzeugung gestorben, und dafür würde ihm nach meiner schlechten Meinung im Himmel manches gutgeschrieben werden. Wenn er mit dem Leben davonkommt, muß er sich beugen oder man wird ihn aus der Kirche ausstoßen.«

Mit großem, bestürztem Blick sah Frohwalt den Alten an:

»Du meinst, daß man ...«

»Das ist so gewiß, mein lieber Peter, daß ich mich nur wundere, wenn Du anderer Ansicht sein solltest. Man wird auch Deinen Cardinal-Erzbischof ausstoßen, wenn er sich nicht duckt, ebenso gut wie den Doktor der Theologie Peter Frohwalt.«

Der junge Priester war ganz bleich geworden, aber er faßte jetzt warm die Hand des Alten:

»Weißt Du, was Martin Luther auf dem Reichstage in Worms gesagt hat? -- Hier stehe ich, Gott helfe mir, ich kann nicht anders!«

»Amen!« fügte Vetter Martin hinzu, und schweigend gingen sie weiter. -- --

Am nächsten Morgen fuhr Frohwalt fort aus der ewigen Stadt. Sonnenglut lag über der weiten Campagna, und mit träumerischem Blicke schaute der junge Priester darüber hin ... es kam ihm feucht in die Augen, und er wußte selbst nicht warum.

Auf einer kleinen Station, wo der Zug kurz anhielt, sah er zwei Menschen aussteigen, die sich lachend umschlangen und feldein gingen. Sie wandten sich noch einmal um nach dem Zuge, und er erkannte die Gesichter: Es war der Bauer Geatano Vergani -- augenscheinlich betrunken -- und sein Weib, Signora Lucia, aber ohne Sammet und Seide: das würdige Paar schien sich wiedergefunden zu haben. Frohwalt widerte das Bild an, und er blickte nach der anderen Seite. --

Am 18. Juli aber entfaltete das Papsttum den ganzen reichen Glanz, der ihm zu Gebote stand. Die Herrlichkeit des Statthalters Christi auf Erden hatte auch niemals Veranlassung gehabt, so prunkhaft in die Erscheinung zu treten als diesmal, die der göttliche Schimmer der Unfehlbarkeit zum ersten Male öffentlich die dreifache Papstkrone umleuchten sollte.

Im Petersdome flammten die Kerzen, und zogen duftende Weihrauchsäulen durch die Hallen. Im höchsten Ornate hatten sich die Bischöfe eingefunden und sich um Pius IX. geschart, der, auf seinem Thronsessel sitzend, der letzten Generalkongregation beiwohnte und die letzte Abstimmung kontrollierte.

Von den nahezu fünfhundert Bischöfen, welche zugegen waren, wagte auch nicht ein einziger, gegen das neue Dogma zu stimmen. Und nun konnte der Hofstaat des Papstes in seiner ganzen Pracht ausziehen, und in feierlichster Weise unter den glanzvollsten Ceremonien wurde es der Stadt und dem Weltkreis verkündet, daß der heilige Geist den Sinn der Kirchenväter erleuchtet, und daß sie mit Einhelligkeit dem Stellvertreter Christi auf Erden die Unfehlbarkeit zuerkannt hatten.

Jauchzend drängte sich das Volk auf dem Petersplatze; der für Glanz und äußeren Schein empfängliche Sinn der Römer war bestrickt von all der Herrlichkeit, und brausend erscholl aus tausend und abertausend Kehlen das »~Viva il papa!~« Dazwischen dröhnten in mächtigen Salven die Kanonen der Engelsburg und die Sonne flimmerte auf der Fülle von Gold und bunter Seide, auf den prachtvollen Gewändern kirchlicher Würdenträger, auf den strahlenden Uniformen der päpstlichen Nobelgarde und auf den vor Lust leuchtenden Gesichtern der Menge.

Vetter Martin fehlte nicht. Mit einem seltsamen Lächeln sah er das großartige Schauspiel an, als mit einmal das Gesicht Hans Stahls in der Menge auftauchte. Der Alte arbeitete sich vorwärts und erreichte auch glücklich seinen jungen Freund.

»Na, Hans, was sagen Sie als Mensch, Maler und Katholik zu dem Bilde?«

»Ich? O Vetter Martin!«

Er wollte weiter sprechen, aber mit einem Male erstickten Thränen seine Stimme.

»Oho, Junge, was ist Ihnen denn? Na, seit wann sind Sie denn so nervös? -- Zum Flennen ist doch die Geschichte nicht!«

»O nein -- aber -- er ist heute früh gestorben!« stotterte Stahl.

»Wer?«

»Parelli.«

Der Alte faßte die Hand des andern.

»Gerade heute. Das ist beinahe wunderbar. Er ist vielleicht der einzige, der als Sieger mit seiner Ueberzeugung zu Grabe gegangen ist. Gnad' ihm Gott! Kommen Sie, Hans -- Sie haben recht -- das kann einem das Interesse an dieser Komödie nehmen!«

Die zwei Deutschen drängten sich lautlos durch die lärmende Menge und wandten sich nach der Engelsbrücke zu. Noch donnerten die Kanonen von der Moles Hadriani, als ihnen ein deutscher Maler, welcher Hans kannte, entgegenkam, aufgeregt und mit funkelnden Augen.

»Wissen Sie das Neueste, Stahl? -- _Frankreich hat an Deutschland den Krieg erklärt!_ -- Es geht los! Hurrah!«

Da fiel es wie ein Alpdruck von dem Herzen des jungen Lausitzers und so laut er konnte, schrie auch er: »Hurrah!«

Das klang wie ein Aufjauchzen aus einer vollen Seele, und er warf sich an die Brust des Alten:

»Wenn meines Volks Trompeten klingen, Muß ich zurück ins Vaterland!«

»Morgen reise ich heim, Vetter Martin!«

»Und ich fahre mit! Die Eisenbahn soll auch einmal etwas an mir verdienen!« sagte der Alte. »Gott mit den deutschen Waffen!«

Neunzehntes Kapitel.

Die milde Sonne eines schönen Augusttages leuchtete über der kleinen Landstadt in Böhmen, in welcher Peter Frohwalts Wiege gestanden hatte. Es war vormittags und in den Gassen war es still bis auf das Rufen spielender Kinder und das verhallende Geräusch, welches da und dort aus einer Werkstatt kam. Hier merkte man es nicht, daß vor kurzem ein bedeutsames Kapitel der Weltgeschichte draußen am Rheine seinen Anfang genommen hatte, und auch das, was in Rom geschehen war, schien zunächst nicht die Gemüter zu beunruhigen.

Von der Berggasse her kam behäbig und langsam der Vetter Martin; er sah prächtig aus mit seinem gebräunten Gesicht, aus dem die klugen, hellen Augen freundlich in die Welt lachten, und auch seine »Hinterflosse« schien ihm keine Unannehmlichkeiten weiter zu bereiten, denn sein Gang war sicher, seine Haltung gerade. Man sah es ihm an, daß er sich freute, wieder in dem lieben, kleinen Neste zu sein, das auf ihn wie auf eine besondere Charakterfigur ein Recht hatte, stolz zu sein, und alles schien ihn zu interessieren, ob hier ein Haus neu angetüncht, dort ein Zaun repariert oder ein Gartenhaus errichtet war, und wo er Menschen sah, rief er kräftig seinen »Guten Morgen« über die Gasse und in die Fenster hinein und sorgte so dafür, daß man noch an diesem Vormittage im ganzen Städtchen erfahre, daß der »Vetter Martin« wieder eingetroffen sei.

Er war erst am Abend zuvor gekommen. Getreu seinem Grundsatze, nichts halb zu thun, war er mit Hans Stahl bis in dessen Heimat gefahren und hatte ihn selbst seinen Eltern zugeführt. Diese, zumal der Vater, hatten sehr erstaunte und eigentlich zürnende Augen gemacht, aber gerade darum war der Alte mitgekommen, um ihnen zu sagen, daß sie eigentlich unserm Herrgott dafür danken müßten, daß er ihnen einen so prächtigen Jungen gegeben habe. Das mit den zweitausend Mark sei freilich eine Dummheit gewesen, aber man müsse es als Lehrgeld betrachten in der Schule des Lebens, im übrigen aber habe sich Hans als Mensch wie als Künstler so tüchtig ausgewachsen, daß er -- der Vetter Martin -- jede weitere Bürgschaft für ihn übernähme. Außerdem aber stelle er sich jetzt in den Dienst des Vaterlandes, und dazu brauche er den Segen von Vater und Mutter ... und kurz und gut, der Alte hatte die Freude, daß sie alle einander in den Armen lagen, und daß er selber noch einige Tage bleiben mußte, nachdem Hans bereits zum Heere abgegangen war.

Auch das mochte wohl mit dazu beitragen, seinem guten alten Gesichte heute jene sonnige Heiterkeit zu geben, die wie ein Widerschein des Lichtes war, das vom Himmel herab die Erde vergoldete. Jetzt machte er seine Besuche, und der erste derselben galt Frohwalts Mutter.

Das kleine Haus am Thore sah so sauber und blitzblank aus, als ob es ein Fest feiere, und Martin war auch nicht wenig verwundert, als er beim Eintritt in die Stube seinen jungen Freund Peter hier mit Mutter und Schwester beisammen fand. Auch dieser war gestern abend eingetroffen, um einige Tage in der Heimat zuzubringen, und seine Ankunft schien besonders die alte Frau, welche seit einiger Zeit kränkelte, neu zu beleben, denn sie saß mit geröteten Wangen und hellen Augen da und schaute glückselig den jungen Priester an, dessen schöne Züge die Sonne des Südens gebräunt hatte.

Auch Marie schien glücklich zu sein über den Bruder. Sie war als Frau noch hübscher geworden, und man merkte ihr an, daß sie es nicht bereute, ihrem Herzen gefolgt zu sein; auch das lachende Kind in ihrem Schoße, das ohne Furcht nach dem unbekannten »Onkel« hinschaute, war eine Bürgschaft dafür.

»Na, so ist's recht!« rief Martin -- »da sind wir ja alle glücklich wieder beisammen. Was? -- Bei Muttern ist es doch noch schöner als in Rom, und mir kommt unser kleines Nest jetzt noch einmal so behaglich vor. _Die_ Hitze war schon nicht mehr angenehm. Und Marie hat's natürlich schon gestern abend gewußt, daß unser Konzilsvater eingetroffen ist und hat ihren kleinen Peter heute herausgeputzt -- -- nein, wie so ein Kerlchen heranwächst -- und so verständig sieht er drein, als ob er gleich etwas ungeheuer Vernünftiges von sich geben wollte. Also und Ihnen, Frau Gevatter, war der Besuch die beste Medizin, das merkt man Ihnen an. Na, eine Tasse Kaffee trinke ich noch mit zur Feier des Tages, wenn Ihr sie gerade übrig habt!«

Und dann saß er in dem alten, gepolsterten Stuhle, in welchem der selige Papa Frohwalt immer ausgeruht hatte, und streckte sich, nachdem er allen die Hände gereicht, mit Behagen aus.

»Da fehlen bloß noch Quandts und Hans Stahl ... dann sind wir alle wieder beisammen!« sagte er.

»Quandts sitzen in Ehrenberg bei seinen Schwiegereltern und er hat mir schon seinen Gruß von dort zugehen lassen mit der Mitteilung, daß Sisto bei einem trefflichen Dresdener Meister Bildhauer untergebracht ist und sich in Elbflorenz wohl befindet!« bemerkte Frohwalt. »Er war so entschieden besser aufgehoben, als bei Monsignore Parelli.«

»Jawohl« -- sagte der Alte und ein Schatten huschte über sein Gesicht -- »besonders da der Monsignore gestorben ist.«

»Wie? -- Also doch?« fragte der junge Priester.

»Ja, gerade am 18. Juli, dem Tage der Generalkongregation und des Schlußakts der großen Komödie in Rom.«

»Das ist eine wunderbare Fügung des Himmels!«

»Wunderbar und schön zugleich!« sprach Martin ernst, und einen Augenblick blieben alle stille. Dann begann der Alte von Hans Stahl zu erzählen, der jetzt bereits gegen den Erbfeind Deutschlands zu Felde lag, und durch eine begreifliche Ideenverbindung kam er auf Therese Haller.

Da verdüsterten sich die Gesichter der beiden Frauen, und sie sahen sich seltsam und einige Sekunden schweigend an, dann sprach Marie halblaut und gedrückt:

»Man kann nicht viel davon reden, aber es ist ein großes Leid, das sie trägt. Sie klagt nicht, gegen niemanden, ich glaube auch gegen ihren Vater nicht, aber die blassen Wangen und die müden Augen erzählen traurige Geschichten. Patienten hat ~Dr.~ Haller in der Stadt selbst nicht, und da reitet er jeden Morgen über Land und kommt oft erst in tiefer Nacht wieder. Ob er Kranke besucht, ist sehr ungewiß, aber bekannt ist, daß er viel trinkt und spielt, und er ist schon manchmal am Morgen gefunden worden ... ach, man sagt's nicht gern. Und was sich im Hause mitunter abspielen mag, das erfährt niemand. Ihn selbst hat man schon heftig reden hören bis auf die Gasse, aber sie scheint zu schweigen.«

Der Alte wiegte den grauen Kopf und Frohwalt senkte die Stirne. Der erstere dachte an jenen Maitag auf dem alten Beth Chajim und an den prächtigen Jungen, der zur Entsagung gezwungen ward, und der andere war mit seinen Gedanken bei Professor Holbert und bei der Erinnerung daran, wie dieser sein einziges Kind liebte. Das Gespräch wollte gar nicht mehr recht in Fluß kommen. Da pochte es, und auf das Herein! erschien eine Frau von schlichtbürgerlichem Wesen, deren Gesicht eine besondere Erregung zeigte. Sie war eine Freundin der Hausfrau und wurde von dieser herzlich begrüßt. Als sie Peter bemerkte, schien sie einigermaßen verlegen zu werden, und es war beinahe, als ob sie sich wieder entfernen wolle. Aber Martin, der hier wie daheim war, und sie gleichfalls gut kannte, rief:

»Hier ist noch Platz, Frau Franke -- und Kaffee können Sie doch nicht mehr kriegen, da habe ich den letzten weggetrunken! Setzen Sie sich einmal her -- wir haben lange nicht neben einander gesessen und dann schütten Sie Ihr Herz aus, denn daß Sie darum gekommen sind, sehe ich Ihnen an!«

»Ach freilich, Du lieber Gott« -- sagte die Frau -- »und so was ist mir auch noch gar nicht passiert! Aber ich weiß nicht, ob ich -- --«

Sie hielt mit einem bezeichnenden Blicke auf Peter inne.

»Ach, vor dem geistlichen Herrn brauchen Sie keine Furcht zu haben; der weiß schon lange, daß Sie einen protestantischen Mann geheiratet haben und trotzdem eine kreuzbrave Frau und gute Katholikin sind.«

Der Frau liefen die Thränen über die Wangen und sie setzte sich nieder.

»Ach, ich muß mir's auch von der Seele herunterreden, und 's ist vielleicht gut, wenn der hochwürdige Herr das weiß und sagen kann, ob so etwas recht ist.«

Die Aufgeregte mußte erst ein wenig von den andern beruhigt werden, ehe sie fortzufahren vermochte.