Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 26

Chapter 263,548 wordsPublic domain

Mit fanatisch leuchtenden Augen saßen die einen, mit würdevoller Gleichgültigkeit nickten die Häupter der andern Zustimmung, nur auf den Sitzen des deutschen, österreichischen, französischen und amerikanischen Episkopats rückten einige unruhig hin und her; man sah auf Dupanloup, den geistvollen französischen Erzbischof, der mit großen, klaren Augen nach dem Vortragenden schaute, und bei dem nur ein leiser Zug der Bitterkeit um den feinen Mund den Unmut verriet, den er empfand. In das frischgerötete, edle Gesicht des Cardinals Schwarzenberg war eine noch lebhaftere Färbung gestiegen. Ernst, beinahe finster, sah der Erzbischof von München-Freising drein und wechselte einen verständnisvollen Blick mit seinem landsmännischen Amts- und Gesinnungsgenossen, dem Bischof von Augsburg, die meisten Blicke aber richteten sich auf Bischof Stroßmayr, dessen scharfgeprägte Züge von verhaltenem Kampfesmute zeugten und dessen Hände sich unruhig bewegten, als vermöge er sich kaum zu beherrschen.

Sobald der vortragende Cardinal geendet, sah man ihn sich erheben, und gleich darauf klang seine Stimme laut und vernehmlich, so daß sie hinausscholl bis in die Kirche selbst, und die Eingeweihten wußten, daß er das Wort ergriffen habe. Er war der gewaltigste Redner des Konzils, geistvoll und gelehrt, schlagfertig und ehrlich, gewandt und klug, und beherrschte die lateinische Sprache mit einer Sicherheit und Eleganz, als ob sie ihm angeboren wäre. Man sah, wie die Augen der päpstlichen Partei sich finster zusammenzogen, und wie die Gegnerschaft sich fester in die Sitze drückte, als überkäme sie ein Gefühl der Sicherheit angesichts der Thatkraft des Mannes, der jetzt das Wort ergriff. Neidlos hatten Schwarzenberg und die geistvollen Führer der französischen Kirche, Dupanloup und Maret, ihm die Palme der Führerschaft der Widerstandspartei überlassen, und der slavische Bischof war's, der als der Gefürchtetste und der Geehrteste zugleich angesehen werden muß.

»Mit Vergunst, ihr hochwürdigsten Väter!« begann er. »Harte Worte haben an unser Ohr geschlagen und fast will es mir scheinen, als ob sie an diesem Orte besser nicht gesprochen worden wären. Ich beklage es tief und aufrichtig, daß von der Kirche desjenigen Apostels, welcher dem Herrn am nächsten stand und der ein lebendiger Zeuge seiner allumfassenden Liebe war, Worte in die Welt ausgehen sollen, welche von dieser Liebe nichts wissen, und wenn ich bedenke, daß das Direktorium dieser hochwürdigsten Versammlung mit Vorbedacht diese Angelegenheit hier zur Erwägung und zum Beschlusse vortragen konnte, vermag ich -- so hart es auch klingt -- den Vorwurf der Lieblosigkeit nicht zu unterdrücken. Diese Lieblosigkeit muß aber um so größer erscheinen angesichts der bedauernswerten Unkenntnis der Geschichte -- oder soll ich sagen angesichts der absichtlichen Verkennung der geschichtlichen Thatsachen? Man muß der Wahrheit Zeugnis geben, auch wenn sie uns nicht behaglich ist, und wenn man dazu den Mut nicht finden kann, darf man sie wenigstens nicht absichtlich entstellen. Welche Thatsachen aber können zum Beweise vorgebracht werden für die Behauptung, daß der Protestantismus alle Uebel der Zeit verschuldet und den drohenden Glaubensbankerott auf dem Gewissen habe? Hier sitzen eine gute Anzahl ehrwürdiger Väter, in deren Diözesen Protestanten friedlich, ehrlich und brav neben Katholiken leben ... sollen sie, sollen wir, die berufenen Hüter des Friedens, durch solche Beschlüsse, wie die angestrebten, die Brandfackel in die Gaue werfen, in denen wir das Wort der Liebe zu verkünden gesetzt sind? Und meine ehrwürdigen Väter, soll ich Ihnen Protestanten nennen, die gegen Umsturz und Unglauben sich erhoben, gegen Revolution und Sittenverderbnis gekämpft haben? Soll ich Ihnen Namen anführen, denen gegenüber selbst der Eifer des Ordens Jesu erbleicht, vor deren edler Thätigkeit im Dienste der Menschheit wir selbst in schweigender Achtung uns neigen müssen? ...«

Schon einige Male hatten Zwischenrufe aus den Reihen zumal der italienischen Bischöfe den kühnen Redner unterbrochen, vereinzeltes Murren war vernehmbar geworden, jetzt aber brandete es auf wie in einem erregten Meere. Eine Anzahl Väter sprang von den Sitzen auf, andere suchten zu beschwichtigen, Rufe ertönten, welche dem Redner den Schluß seiner Rede aufdringen wollten, Stroßmayr aber schien an solche Szenen gewöhnt zu sein; er schaute einige Augenblicke schweigend in die Versammlung, seine Augen blitzten klar und fest, und nachdem einigermaßen die Ruhe wieder hergestellt worden war, nahm er das Wort von neuem.

»Ich weiß nicht, meine ehrwürdigen Brüder, ob durch eine solche Weise der Behandlung der aufgeworfenen Fragen die Würde des Konzils gewahrt und das Ansehen des Einzelnen gefördert werden kann, ich weiß nur, daß auch ein solcher Eingriff in das Recht, hier seine Meinung ehrlich aussprechen zu dürfen, mich nicht abhalten wird, dies zu thun. Oder soll dieser Vorgang kennzeichnend sein für die Handhabung der neuen Geschäftsordnung, mit welcher man uns unangenehm überraschen möchte? Und das ist ein Punkt, über welchen ich an dieser Stelle gleichfalls mich nicht auszuschweigen vermag, um so mehr, als ich weiß, daß ich im Sinne und nach der Meinung einer großen Zahl meiner hochwürdigen Amtsbrüder spreche. Der Schwerpunkt dieser neuen Geschäftsordnung liegt darin, daß eine einfache Mehrheit entscheiden soll über die wichtigsten Fragen der Kirche. In _jeder_ andern parlamentarischen Körperschaft wird die Annahme selbst unwesentlicher Gesetze davon abhängig gemacht, daß eine relativ größere Mehrheit dafür stimmt, und wo es sich um das Seelenheil von Millionen von Katholiken handelt, soll der Zufall einer einzigen Stimme den Ausschlag geben dürfen? Man kann doch nicht in einem solchen Falle das Walten des heiligen Geistes annehmen, der bei 700 Bischöfen und Prälaten gerade 351 erleuchtet und 349 die Erleuchtung versagt! Eine solche Annahme wäre doch frivol, ja gotteslästerlich. Freilich ist es bei den Mitteln, die man anwendet und bei der Zusammensetzung dieser hochwürdigsten Versammlung außer Zweifel, daß man für die Vorlagen eine Mehrheit von mehr als einer Stimme erreichen werde. Auch hier handelt es sich um den Grundsatz, nach welchem vorgegangen wird, und die Einführung dieses Grundsatzes würde einen beklagenswerten Mißbrauch der Gewalt bedeuten, welche die in Rom herrschende Partei und das nicht aus freier Wahl des Konzils hervorgegangene Direktorium ausübt, und gegen einen solchen lege ich im Namen Vieler Widerspruch ein ...«

Aufs neue erhob sich ein Sturm der Empörung, laute Zurufe für und wider erschollen, aber machtvoll durch das Getöse klang die Stimme des kühnen Sprechers:

»Der heutige Antrag soll die Probe machen auf die neue Geschäftsordnung, man möchte uns heute schon verlocken, mit einfacher Stimmenmehrheit die Kundgebung gegen die Protestanten zu verwerfen, aber wir sind auf der Hut. Mit solchen Mitteln wird man uns nicht zwingen, man wird damit noch weniger die Gewissen der katholischen Welt vergewaltigen können ...«

Weiter kam er nicht. Der Lärm wurde betäubend. Das war keine Versammlung von ehrwürdigen Kirchenvätern, das war ein wüstes Chaos von zornig erregten Parteimännern. Nur wenige saßen; überall war man von den Sitzen aufgesprungen, viele hatten ihre Plätze verlassen, man schrie einander zu, man überschrie aber auch vor allen den kroatischen Bischof, und als dieser trotz alledem auf das Wort nicht verzichten wollte, da nahm die leidenschaftliche südliche Erregung selbst bedrohliche Formen an. Es erklangen Worte, die nicht bloß die Heiligkeit des Ortes verletzten, sondern auch die Würde des Sprechers, und mit blitzenden Augen, ja mit geballten Händen drang man gegen ihn vor, als wolle man ihn thatsächlich insultieren.

Der wüste Lärm klang vernehmbar hinaus auch vor die Pforte des Konzilssaals. Neugierige und Fromme sahen sich erstaunt an, über manches Gesicht flog ein mühsam verhaltenes Lächeln des Spottes, auf manchem dagegen stand etwas von der Erregung geschrieben, die jenseits der Pforte die Gemüter bewegte. Zahlreiche Kutscher und Diener der Prälaten harrten hier auf ihre Herren. Auch sie hatten ihre Meinung über das, was da drinnen vorgehen mochte.

»Sie schlagen und raufen sich!« rief halblaut ein derber galonnierter Rosselenker, und die Behauptung schien nach dem, was man vernehmen konnte, die Wahrheit für sich zu haben.

»Laßt uns hineindringen -- -- wir wollen unsern Herren helfen -- wir wollen sie retten ...«

Das raunte und rief durcheinander wie der Widerhall aus der Konzilshalle, und die Schweizer vor derselben kreuzten die Hellebarden und stemmten sich dem Andrang entgegen. Da verklang der Lärm hinter der Pforte, und auch vor derselben begannen die Gemüter sich zu beruhigen.

Früher als sonst aber schloß diesmal die Sitzung. Mit roten Gesichtern, vielfach mit vor Erregung leuchtenden Blicken kamen die Väter aus dem Dome des heiligen Petrus. Von der Anwesenheit des heiligen Geistes in der eben abgehaltenen Sitzung war auch jetzt nicht viel zu bemerken. Gruppenweise, mitunter dicht geschart, schritten sie über den Petersplatz hin in eifrigen, erregten Gesprächen. Um Stroßmayr, den Helden des Tages, drängten sich die andern hervorragenden Persönlichkeiten, der französische Bischof Mathieu, der Erzbischof Moreno von Valladolid und andere spanische Bischöfe, sowie eine größere Zahl deutscher Kirchenfürsten. Finstern Blickes schritt der Erzbischof Manning von Westminster neben dem Erzbischof Deschamps von Mecheln daher, umgeben von den eifrigsten Vertretern der Unfehlbarkeit, in Gruppen haben sich die Orientalen zusammengefunden, die fast alle auf Seite der römischen Kurie stehen, und die Vorgänge der vergangenen Stunde bilden überall den Gesprächsstoff.

»Man wird nicht wagen, diese Einleitung zu den päpstlichen Dekreten ein zweites Mal vor das Konzil zu bringen,« äußerte ein deutscher Bischof.

»Wenigstens nicht mehr in dieser Form, und wenn sie gereinigt und verbessert zur Abstimmung gebracht werden sollte, liegt wohl kein Grund vor, sie zu verwerfen, und wir werden der Welt doch den Beweis der moralischen Einstimmigkeit einer Kirchenversammlung geben,« fügte ein anderer in der Begleitschaft Stroßmayrs hinzu, dieser aber wandte sich nach dem Sprecher und sagte:

»Seien wir nicht vertrauensselig, lieber Amtsbruder, ich habe, um mich kriegerisch auszudrücken, mich daran gewöhnt, in Rom im Harnisch zu schlafen, und es wäre gut, wenn das andere auch thäten.«

Der kroatische Bischof schritt auf seinen Wagen zu, aber ehe er ihn erreichte, trat ihm Parelli in den Weg. Mit der ganzen Liebenswürdigkeit, die ihm zu Gebote stand, reichte er ihm die Hand:

»Ich freue mich der Ehrlichkeit und des Mutes, die Sie zeigen, hochwürdigster Bruder, und es drängt mich, Sie zu versichern, daß ich aus voller Seele Ihre Ueberzeugung teile und bereit bin, für dieselbe einzustehen.«

Verwundert sah ihn der andere an.

»Sie? Ein italienischer Prälat! Sie wagen, mir angesichts der Kurie Ihre Zustimmung auszusprechen? Wissen Sie, was Sie heraufbeschwören?«

Parelli lächelte:

»Das ist nebensächlich. Ich habe gesprochen und meine Seele bewahrt. Gott sei mit Ihnen!«

»Und mit Ihrem Geiste!«

Einen Augenblick lagen die Hände der beiden Männer in einander, und ihre Blicke begegneten sich. Dann verschob sich das Bild wieder; andere Gruppen drängten heran, auch Parelli fühlte, wie man ihn vorwurfsvoll ansah, aber er schritt, freundlich nach allen Seiten grüßend, langsam über den weiten Platz, und der Sonnenschein, der denselben erfüllte, schien ihm in die Seele zu leuchten.

Immer schwüler wurden die Tage. Die Fremden begannen Rom zu verlassen -- auch Quandt war mit den Seinen in die Heimat zurückgekehrt -- und den Konzilsvätern wurde es zwiefach ungemütlich in der ewigen Stadt. Erschlaffung sank ihnen bleischwer in die Glieder, denn gar viele von ihnen waren den italienischen Sommer nicht gewöhnt, Erschlaffung sank ihnen aber auch lastend und lähmend in die Seelen, denn gar Manches war wieder seit jener bewegten Sitzung geschehen, das auch die Besten und Stärksten mit trüber Ahnung erfüllte.

Es war ein trauriger und aussichtsloser Kampf, welchen Ehrlichkeit und gründliches Wissen gegen römische Schlauheit und Willkür zu führen hatte, und die Kurie ging in demselben mit äußerster Rücksichtslosigkeit vor. Die durch Stroßmayrs Energie vereitelte »Einleitung« wurde »verbessert« wieder vor das Konzil gebracht, verbessert in dem Sinne, daß man die Schläge gegen den Protestantismus wegließ, dafür aber den Zusatz anhängte, daß man dem Papst gehorchen müsse, auch wenn er etwas verwerfe, was nicht gerade kirchenfeindlich oder ketzerisch sei.

Diese »Verbesserung« war viel schlimmer als die vorherige Fassung, und in ihr lag bereits der ganze Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit. Es wurde hin- und hergeredet, und zuletzt ward die bedenkliche »Einleitung« samt dem Zusatz angenommen. Einen besseren Erfolg konnte sich die päpstliche Partei nicht wünschen, und nachdem einmal dieser errungen war, konnte auch die Debatte über den neuen Glaubenssatz selbst anheben. Welch' warme, ergreifende, aus dem Herzen quellende Beredsamkeit ward nun noch einmal aufgeboten, um die Annahme des Glaubenssatzes zu verhindern! Die edelsten, besten, gelehrtesten Männer, welche die katholische Kirche besaß, traten dagegen auf, manch einer mit blutendem Herzen, denn sie ahnten ja den Ausgang und fürchteten den Schaden, welcher damit ihrem Glauben und seinen Anhängern bereitet werden mußte. Aber auch der Trost, seine Meinung äußern zu dürfen, sollte den Konzilsvätern nicht unbeschränkt bleiben.

Es war am 3. Juni, als der Cardinal Schwarzenberg in besonders heftiger Erregung um die Mittagsstunde heimkehrte. Auf der edlen, hohen Stirn lagen Falten des Unmuts, und die sonst so klaren Augen zuckten unruhig. Er kam mit Professor Meyer, dessen sonst so gleichmäßig ruhiges Gesicht ebenfalls von Erregung zeugte, und da er Frohwalt in einem Zimmer antraf, in welchem derselbe eben mit einer schriftlichen Arbeit beschäftigt war, blieb er vor diesem stehen und sagte:

»Mein lieber Doktor, das ganze Kirchenrecht kommt ins Wanken; ich fürchte, Ihre Studien und Kenntnisse haben nur noch geschichtlichen und nicht praktischen Wert. Hier in Rom wird nachgerade ein Kirchenrecht geübt, das kein Recht ist!«

Er brach ab und preßte die Lippen gegen einander, als habe er schon zu viel gesagt, dann ging er mit flüchtigem Gruße mit Professor Meyer weiter. Nach einem halben Stündchen kam der letztere aus dem Gemache des Kirchenfürsten. Er ließ sich neben Frohwalt auf einem Sitze nieder, und seufzte:

»Man wird zuletzt irre an allem! Es ist empörend, wie man hier mit den angesehensten Kirchenfürsten umspringt. Denken Sie, lieber Kollege, es waren noch fünfzig Redner eingeschrieben betreff des Dogmas, und das Präsidium erklärte heute mit einem Male: Die Debatten sind geschlossen. Eine ärgere Gewaltmaßregel läßt sich kaum mehr denken. Was haben wir deutschen Priester für eine erhabene Vorstellung gehabt von einer Kirchenversammlung, und welche entsetzliche Enttäuschung wird uns hier bereitet!«

Das glatte, freundliche Gesicht senkte sich tiefer auf die Brust, und die Finger griffen nervös herum an der schwarzen Binde, welche Tunika und Skapulier gürtete. So erregt hatte Frohwalt niemals den trefflichen Mann gesehen, aber auch durch seine Seele zog das Gefühl maßloser Bitterkeit. Er sprach halblaut:

»O, ich wollte auch, ich wäre nie nach Rom gekommen.«

»Dann kommt Rom zu uns -- das ist ein und dasselbe.«

»Und werden sich die widerstrebenden Kirchenfürsten bei diesem Gewaltakte beruhigen?«

»Sie haben sich bisher noch bei jedem beruhigen lassen. Man wird zweifellos beraten, was nun geschehen soll und einen halben Beschluß fassen, der einfach unbeachtet bleibt, wie jede Aeußerung der Entrüstung, die bisher zu Tage getreten ist. Ich glaube, daß sich noch heute eine Anzahl der Prälaten hier einfinden.«

Das war auch wirklich der Fall. Im Laufe des Nachmittags fuhr Dupanloup vor, dann der Münchener Erzbischof, zahlreiche deutsche Bischöfe, und bei sengender Sonnenglut saßen sie beisammen in eifriger Beratung.

Der Unmut fand hier manches scharfe Wort. Allen war es klar, daß hier überhaupt von einem rechtmäßigen und allgemeinen Konzil nicht mehr die Rede sei, und einzelne Kühnere machten den Vorschlag, Rom ohne weiteres zu verlassen, und so die eigene Ehre und die Ehre der einzelnen Diözesen zu retten. Dann müsse man aber Urlaub vom heiligen Vater erbitten, gaben andere zu bedenken, und daß ein solcher jetzt bewilligt werden sollte, das war nicht anzunehmen. Man wollte wohl gerade durch die täglich anwachsende Sonnenglut, die den Aufenthalt in Rom beinahe unerträglich machte, die Väter müde und nachgiebig werden lassen. Auch die Bedenklichkeit und Zaghaftigkeit fehlte nicht in diesem Kreise, welche immer wieder zu Vorsicht und Leisetreterei mahnte.

Unmutig hatte Cardinal Schwarzenberg die verschiedenen Meinungen angehört:

»Geschehen muß etwas, meine hochwürdigsten Amtsbrüder, wenn wir uns nicht vor unsern Diözesanen schämen sollen. Eines ist unzweifelhaft: Wir stehen unmittelbar vor der Abstimmung, und wie sie fallen wird, ist nicht zweifelhaft. Sollen wir aber einen Glaubenssatz annehmen, der nur von einer zweifelhaften Mehrheit als solcher anerkannt wird?«

»Uebereilen wir nichts,« sprach einer der französischen Bischöfe. »Lassen wir ruhig die Abstimmung sich vollziehen, wir haben dann wenigstens ein klares Bild über die Sachlage gewonnen, und wenn die Annahme nicht nahezu einstimmig erfolgt, so erheben wir Widerspruch!«

»Aber endlich ganz entschieden! Ich wollte, wir legten Widerspruch ein, ehe die Abstimmung oder gar die Verkündigung erfolgt, denn, heißt es einmal: Rom hat gesprochen, dann giebt es überhaupt keinen Widerspruch mehr!« ließ sich Stroßmayr vernehmen.

»Gut, warten wir ab -- aber gehen wir dann auch entschieden vor, um das Aeußerste zu vermeiden!«

Das war zuletzt die überwiegende Meinung, und mit diesem Beschlusse gingen die Herren mit den roten und violetten Talaren auseinander.

Peter Frohwalt stand am Fenster, als die glänzenden, prächtigen Equipagen unten von dannen rollten mit den behaglich in den Polstern lehnenden Prälaten, und in seinem Herzen lag eine unendliche Bitterkeit. Alles äußerlich, alles Schein -- innen Haltlosigkeit und Kraftlosigkeit, das war das allgemeine Bild, das erschien ihm als der Zustand der ganzen Kirche, und ihm, dem ehrlichen, treuen, überzeugungsfesten Katholiken fiel es wie Schuppen von den Augen, und er sah wie in einem Traume, was im Laufe der Jahrhunderte aus der Kirche Christi geworden war. Hier in Rom war Petrus, der einst ein armer Fischer war, für seinen Glauben gestorben, ein bedürfnisloser Mann, der seine Ruhestatt im Gefängnis hatte, und hier strebte sein in Prachtpalästen wohnender Nachfolger nach dem Nimbus der Göttlichkeit, und lebte, umgeben von Glanz und Herrlichkeit. In jenen alten Tagen aber hatte neben der Einfachheit die Wahrheit in der Kirche gewohnt, jetzt herrschte hier Weltklugheit und Schein.

Es war seltsam, daß Frohwalt in dieser Stunde Martin Luthers denken mußte, des schlichten Augustiners, der einst nach Rom gegangen war mit voller, freudiger Seele, um den Statthalter Christi und die wahre Herrlichkeit der Kirche zu schauen, und der mit blutendem Herzen heimwärts ging ob der fürchterlichen Enttäuschung, die ihm bereitet worden war und die ihn eine Erneuerung der Kirche im Sinne der alten Einfachheit und Kraft herbeisehnen ließ, ohne daß er noch daran dachte, daß er selbst zum Werkzeuge dieser Erneuerung berufen sein sollte.

Peter Frohwalt war gelehrt worden, den Augustiner von Wittenberg zu hassen, und er hatte das redlich und mit der ganzen Glut des fanatischen Katholiken gethan, und wie er heute an ihn dachte, war dieser Haß wie mit einem Male aus seiner Seele herausgewischt und die Gestalt des Reformators wollte ihm beinahe groß und achtunggebietend erscheinen. Und solch Empfinden mußte sich ihm in Rom aufdrängen!

Er wurde unruhig, erregt, er hatte das Bewußtsein, daß solch ein Denken Sünde sei, und doch auch wieder ein anderes, das ihn freisprach. O, wie vermißte er in dieser Stunde einen Menschen wie Quandt oder wie den Vetter Martin! Daß auch der Alte nicht wiederkam!

Und Tag um Tag verging, der eine unbehaglicher als der andere, und für den 13. Juli war die erste Abstimmung über den neuen Glaubenssatz festgesetzt worden. Zwei Tage zuvor traf Martin in Rom ein. Sein erster Gang war zu Quandts gewesen, und dieser war vergeblich, sein zweiter war zu Frohwalt. Der junge Priester hatte ihn umarmt mit der Herzlichkeit eines Sohnes, und schon aus diesem Empfange schloß der Alte auf Manches.

»Es hat länger gedauert mit meiner Wiederkunft, als ich dachte,« sagte er, nachdem er sich niedergelassen und nach seiner Gewohnheit sein kurzes Pfeifchen in Brand gesetzt hatte -- »aber wie das eben Unsereinem geht! Also Neapel habe ich gesehen, und schön war's, Peter! Das muß man wirklich geschaut haben vor seinem Sterben. Auch im alten Pompeji bin ich gewesen, und man hat recht wunderliche Empfindungen, besonders wenn man mit leidlich lebhafter Phantasie diese Reste sich vervollständigt und im Geiste der Vorzeit ausbaut. Aber in Neapel ist der Geist des alten Seume über mich gekommen und ließ mir keine Ruhe; ich mußte weiter nach dem Süden und mußte auch meinen Spaziergang nach Syrakus haben. Und aus der Stadt, in der einst zu Dionys dem Tyrannen Möros, den Dolch im Gewande, schlich, komme ich geradenwegs zurück. Es ist derweilen etwas heiß geworden, und, wie mir scheint, spürt Ihr hier in Rom die Schwüle ganz besonders. Wie? -- Du machst mir gar kein recht glückliches Gesicht, Peter, und es ist mir so zu Mute, als ob ich Dir gerade zurecht gekommen wäre, um Dir die Seele zu erleichtern. Das ist mein Schicksal, daß ich ein Beichtvater geworden bin, ohne die Weihen dazu erhalten zu haben, und es ist, als ob die verlassene Theologie sich an mir dadurch rächen wollte. Aber da ist sie im Irrtum, wenn sie meint, mir dabei einen Tort anzuthun. Mir ist nichts lieber, als wenn ich Herzen erleichtern kann. Also, mein lieber Doktor Peter -- schieße los!«

»Ja, mein guter Vetter Martin -- gerade Dich habe ich hergesehnt, und seit Du mir in Nedamitz aufgetaucht warst, an jenem traurigen Weihnachtsfeste, habe ich Dich niemals wieder so freudig begrüßt. Hier liegen die Dinge zum Verzweifeln. Dies Konzil ...«

»Ach Du lieber Gott -- da werde ich wohl nicht helfen können,« seufzte der Alte komisch -- »für die Jesuiten ist es ein Lustspiel, für die Protestanten und andere ähnliche ein Schauspiel, und für gute, ehrliche Katholiken ein Trauerspiel. Du gehörst zu den letzteren, und da Du die Sache sozusagen aus der Proszeniumsloge ansehen kannst, begreife ich's, daß Du besonders davon ergriffen wirst. Ich kann mir aber nicht helfen. Ich meine, es ist gut so für Dich, und wenn ich die richtige Empfindung habe, so hat dies Konzil Dir schon manche Schlacken abgeschliffen, die an Deiner gesunden Menschennatur sich gebildet hatten und ihr garnicht zum Vorteil gereichten. Aber da rede wieder ich -- anstatt daß Du jetzt das Wort hast -- das Alter macht geschwätzig!«

Und nun that Frohwalt sein Herz weit auf. Alle die Fülle von Enttäuschungen, welche Rom ihm gebracht in betreff der kirchlichen Einrichtungen im allgemeinen und geistlicher Persönlichkeiten im besonderen, betreff der Personenverherrlichung und des glänzenden Scheinwesens schilderte er ohne Bitterkeit, aber so klar und scharf, daß Vetter Martin voll Staunen den jungen Mann ansah, der mit solcher Sachlichkeit und mit solcher getreuen Ehrlichkeit die Verhältnisse erfaßte.