Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 25
Parelli hatte sich wieder entfernt und Frohwalt war es zu Mute, als beschere ihm der Himmel die erste glückliche Stunde in Rom. Er wollte auch nicht zaudern mit der ihm gewordenen Mission, aber eben, da er sich auf den Weg zu machen gedachte, trat der Vetter Martin bei ihm ein.
»Lieber Peter -- das ist hübsch, daß ich Dich erwische -- denn ich komme, um Dir meinen Abschiedsbesuch zu machen. Du weißt, daß ich der Mann der plötzlichen Entschlüsse bin. In Rom ist mir der Boden etwas heiß geworden unter den Füßen und Eure Konzilsverhandlungen sind das Langweiligste, was für die katholische Christenheit erdacht werden konnte -- ich fürchte freilich, daß sie mit einem unangenehmen Knalleffekt abschließen. Also kurz und gut: Ich breche morgen früh auf gegen Neapel. ~Vedi Napoli poi more!~ Auf meiner Rückreise komme ich noch einmal nach der ewigen Stadt, und ich vermute, daß ich Dich noch finden werde. Meine Geschäfte hier sind in der Hauptsache erledigt. Mein Lausitzer Windhund, von dem sein Alter durchaus nichts mehr wissen will, ist bei Quandt untergebracht, und arbeitet in dessen Atelier auf Tod und Leben. Quandt hat ihm ein schönes Talent zugesprochen und wird ihn, wenn er mit seiner Frau Rom verläßt, an einen andern Maler empfehlen. Ich denke, wir schleppen den armen Teufel durch. Auch Quandts sind die prächtigsten Menschen auf Gottes Erdboden ... Nun Gott befohlen, mein lieber Peter -- ich habe noch Einiges rasch zu besorgen -- und halte mir die Ohren steif wegen der Unfehlbarkeit!«
Noch ein kräftiger Kuß, dann ging der Alte und bald nach ihm verließ Frohwalt das Haus.
Der Himmel war trübe geworden und es begann zu regnen, als er durch die Straßen schritt. Diesem Umstande vielleicht hatte er es zu danken, daß er Quandts daheim antraf.
Der Maler und Friederike empfingen ihn mit gewohnter Herzlichkeit und der Erstere rief:
»Hat unser alter Wandervogel schon Abschied genommen? Das kam ja mit einer merkwürdigen Plötzlichkeit über ihn, und ist für uns beinahe vorbedeutungsvoll geworden, denn sehen Sie, wir stehen gleichfalls auf dem Sprunge. Meine Schwiegereltern schreiben uns einen Brief, der Frühling rühre sich heuer schon im Sachsenlande, und die Schwalben kämen aus dem Süden, ob wir denn nicht das gute Beispiel nachahmen wollten. Das ist meinem Schatz so ins Herz gefahren, daß sie mit einmal alle Lust an Rom verloren hat, und ich bin ein so überaus folgsamer Gatte -- was will ich thun? -- Nächste Woche packen wir ein!«
»Das bedaure ich herzlich um meinetwillen,« sagte Frohwalt, »denn Sie wissen nicht, wie viel ich mit Ihnen verliere. Ich habe meine schönsten Stunden in Rom bei Ihnen verlebt, das vergesse ich Ihnen nicht ...«
»Der Himmel hat uns hoffentlich nicht das letzte Mal zusammengeführt,« sprach Friederike herzlich und Quandt fiel ein:
»Und wir wollen uns nicht heute schon das Herz schwer machen! Wir sehen uns noch hier, und Dresden liegt doch auch nicht auf dem Monde oder irgend einem unerreichbaren Planeten. Aber jetzt wollen wir uns gemütlich zusammensetzen ...«
Als sie saßen, berichtete Frohwalt, weshalb er eigentlich kam. Parelli, der nun ganz allein stehe, denn die Signora habe sein Haus verlassen, sehne sich nach Sisto und wünsche, ihn wieder bei sich zu haben. Daß die Zukunft des Knaben damit für alle Zeit gesichert wäre, sei selbstverständlich, und angesichts ihrer bevorstehenden Abreise sei es ihnen vielleicht lieb, denselben wieder in guten Händen zu wissen ...
»Aber haben Sie denn gemeint, daß wir ihn hier lassen wollten?« fragte Friederike beinahe bestürzt, und überrascht sah sie den Priester an.
»Ja, mein Fritzel hat sich eingebildet, der Himmel hätte ihr den Bengel extra zur Belohnung ihrer guten Sitten und ihres braven Herzens beschert, und ich fürchte sehr, daß wir dem Prälaten den Besitz Sistos streitig machen. Aber es handelt sich in erster Reihe um diesen selber, und wenn er auch nicht mündig ist, so hat er doch das Recht der freien Entschließung.«
Quandt stand auf, und rief in dem Atelier nach dem Knaben, und in wenigen Augenblicken erschien er.
»Er hat Herrn Stahl Gesellschaft geleistet, der an seinem Gesichte seinen ersten Porträtversuch macht ... komm her, Sisto!«
Der Junge trat nahe zu dem Maler, der ihn zwischen seine Kniee zog, und, indem er ihm mit einer gewissen Bewegung in das frische Gesicht schaute, sprach:
»Denke Dir, mein lieber Sisto, Monsignore Parelli will Dich wieder in sein Haus haben --«
»Die Signora ist fort für immer,« -- fügte Frohwalt ein, und die Augen des Knaben leuchteten auf.
»O, sie ist fort -- da ist alles gut!« sagte er.
»Und Du willst also zu ihm zurückkehren?« fragte Quandt.
Da flog ein Schatten über die Züge des Jungen, und er senkte schweigend den Kopf.
Da sprach Frau Friederike:
»Macht ihm nicht bange! Er soll nicht denken, daß er zu dem Prälaten zurückkehren muß, weil wir etwa ihn nicht mehr haben wollten. Ach, warum ich mich nun nicht besser italienisch ausdrücken kann! -- Jetzt, Heinrich, sag' Du's ihm klar und vernünftig, daß er unser Kind sein und bleiben soll, wenn's ihm bei uns gefällt und daß wir ihn mit in die Heimat nehmen und adoptieren, und ...«
Die junge Frau war lebhaft geworden und saß mit geröteten Wangen da, indes Sisto ihr die glänzenden Augen voll zuwendete. Quandt sah sie lächelnd an:
»Na, ja, ja, Kind -- laß mich nur machen! -- Also, mein Junge, wir müssen jetzt bald in unsere Heimat -- das ist weit weg, und die Leute reden dort eine andere Sprache und alles sieht ein wenig anders aus, und im Winter schneit's und friert's, und es wachsen keine Citronen und Orangen ...«
»Aber Heinrich ...«
»So sei doch ruhig, Fritzel, der Junge muß doch erst die Schattenseiten kennen! -- Aber, mein lieber Sisto, es giebt auch gute Menschen dort, wie der geistliche Herr da, meine Frau und ich, und wenn Du nicht wieder zu Monsignore willst, und uns lieber hast, so sollst Du bei uns bleiben, und ich will Dein Vater sein -- --«
»Und ich Deine Mutter, Sisto -- willst Du?«
Da rang es sich wie ein Jauchzen und Schluchzen zugleich aus der Brust des Knaben, und er warf sich mit ausgebreiteten Armen an das Herz der jungen Frau.
»Na seht Ihr, wie ich mit meinem bischen Italienisch die Sache klar bekommen habe. Sisto, Junge -- komm her, ich will auch meine Hälfte haben von Dir!« rief der Maler, und nachdem er seinem Liebesbedürfnis Genüge gethan, suchte er seine Rührung unter Scherzworten zu verbergen. Er führte den Knaben wieder seiner Frau zu und sagte:
»Hier übergebe ich ihn Dir in aller Form Rechtens, und hoffe, daß Du ihn zu meiner Freude erziehen wirst; und nun laß einmal sehen, wie Dir die Mutterrolle zu Gesicht steht! -- Was? Sehr gut! Nicht, Herr Doktor? -- Sie sind Zeuge der Adoption und können dem guten Prälaten mitteilen, daß wir als echtes und rechtes Ehepaar einen Jungen viel besser brauchen können, als ein Cölibatär, und katholisch soll er auch bleiben: die Söhne folgen der Religion des Vaters.«
Frohwalt stand in tiefer Ergriffenheit; er kam sich im Grunde recht überflüssig vor bei dieser Familienszene, und doch konnte er nicht gehen. Es ging ihm in wenig Augenblicken vieles durch den Sinn. Wie hätte er sich noch vor nicht langer Zeit entsetzt und für das Seelenheil des Knaben gebangt bei dem Gedanken, daß ein protestantisches Weib ihn wie ihr eigenes Kind halten und erziehen würde ... und heute war ihm das so selbstverständlich, und er wußte und fühlte es gut, daß Sisto nirgends besser aufgehoben sein könne. Aus den beiden Menschen, die hier um den fremden Knaben sich bemühten, sprach eine solche Fülle echter Liebe, daß er selbst mächtig davon erfaßt wurde, zumal diese Liebe so ungesucht und unmittelbar aus dem Herzen kam.
»O, Ihr lieben, guten Menschen!« sprach er vor Rührung übermannt, und mehr vermochte er nicht hervorzubringen, aber mit überströmenden Augen reichte er dem Maler und seiner Frau die Hand.
Heinrich Quandt verzog sein gutmütiges Gesicht in die seltsamsten und wunderlichsten Falten, so daß man nicht im Klaren war, ob er im nächsten Augenblicke auflachen oder aufschluchzen werde; er riß fast gewaltsam seine Hand aus der des Priesters und eilte nach dem Atelier, um Hans Stahl herbeizuholen. Als er mit dem jungen Lausitzer eintrat, der ziemlich verblüfft dreinschaute, rief er: »Hans, lassen Sie in diesem feierlichen Augenblicke Pinsel und Palette, und bilden Sie sich etwas darauf ein, daß Sie der Erste sind, welchem Heinrich Quandt und Frau hierdurch die ergebene Mitteilung machen, daß ihnen Gott am heutigen Tage einen gesunden, kräftigen Jungen geschenkt hat. Da steht er: Sisto Quandt-Brenta! Klingt famos. Und nun, Fritzel, sieh einmal zu, ob Du von unserer Gastfreundin etwas anständig Trinkbares auftreiben kannst.«
Hans Stahl war der Mensch, der sich in die Sachlage fand, und als der Falerner auf dem Tische stand, brachte er den ersten Toast aus auf den »Neugeborenen«, in welchem der gute alte Studentenhumor wieder zum Durchbruch kam.
Und mit seinen Worten fanden auch die anderen sich wieder in eine ruhige Stimmung, aber Quandt sagte:
»Hans, Sie sind ein prächtiges Individuum, und verdienten gleich als Zwilling mitadoptiert zu werden. Hei, da kommt mir ein prächtiger Gedanke! Lieber Doktor Frohwalt, wie wär's, wenn wir hier den Prälaten als Adoptivvater gewinnen könnten! Das wäre ja gleich ein Ersatz für Sisto. Ich habe zwar unsern Hans meinem Freunde und Berufsgenossen Paolo Grotti hier auf die Seele gebunden, und bei ihm kann er etwas lernen in Colorit und Pinselführung -- 's ist auch ein prächtiger Mensch im übrigen -- aber wenn Monsignore Parelli noch seine Huld unserm Landsmanne zuwendete ... hören Sie, Frohwalt, ich glaube, Sie finden ihn in der Laune, reden Sie mal ein Wort mit ihm! Er soll sich ansehen, was Hans Stahl leistet, und wenn ihn nicht schon Sistos Kopf, der jetzt von der Leinwand heruntersieht, besticht, so könnt Ihr mich einen Sudler nennen!«
Frohwalt versprach, in diesem Sinne zu handeln, und Hans Stahl fühlte sich angesichts einer sorglosen Zukunft in heiterster Stimmung.
Als der junge Priester fortging -- Sisto hatte ihm die Hand geküßt und den Prälaten um Verzeihung bitten lassen, daß er nicht zu ihm komme -- war es draußen wieder Sonnenschein geworden, und Sonnenschein lag auch in seiner Seele. Vor ihm wurde angesichts der in dem kleinen Hause waltenden Liebe ein Wort lebendig aus dem »Laienbrevier«, das ihn zwar nicht nach Rom begleitet hatte, mit dem er aber -- oft gegen seine Absicht -- immer vertrauter geworden war wie mit einem lieben Freunde.
»Was Du dem andern thust, das thust Du Dir. Denn er ist -- Du! Wir sind von einem Geiste, Wie überall das Licht vom Licht. Wir sind Von einem Leib, von einem Teig wie Brote. Du thust das Gute Dir zu gut ...«
So war es und so muß es sein! Alles Gute, das wir thun, kommt uns zu gut, und erfüllt unser Herz mit Freudigkeit. Und diese Freudigkeit empfand Frohwalt noch, als er am Nachmittage nach dem Hause des Prälaten ging. Erst als er die breiten Treppen hinanstieg, überkam ihn ein leises Schmerzgefühl bei dem Gedanken, daß er dem einsamen Manne in seinem großen, prächtigen Hause den Knaben, an dem seine Seele hing, nicht mitbringe.
Als er Parelli von der Szene im Hause Quandts erzählte, senkte dieser die Stirn und sagte leise:
»Ich hab's gewußt! -- Auch das ist eine Sühne.«
Nun berichtete der junge Priester aber von dem andern Schützling des deutschen Malers, und das Auge des Prälaten begann freundlich zu leuchten.
»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, und seien Sie überzeugt, daß ich auch darin einen Fingerzeig des Himmels sehe. Ich komme morgen zu Herrn Quandt!«
Er verabschiedete sich herzlich von Frohwalt.
Er hielt Wort. Am nächsten Vormittage erschien er bei dem deutschen Maler. Beim Eintritt in das Atelier sah er mit einem Blick Sisto, wie er leibte und lebte, und sein Gesicht, das noch ein zweites Mal von der Leinwand wie aus einem Spiegel herschaute. Als ihn der Knabe erblickte, sprang er auf und eilte auf ihn zu. Stürmisch griff er nach den Händen Parellis, küßte sie und stammelte dazu beinahe leidenschaftlich:
»O Verzeihung, Verzeihung, Monsignore -- ich kann nicht anders!«
Der Prälat legte leise seine Rechte auf das dunkellockige Haupt und sprach begütigend:
»Beruhige Dich, mein Sisto! Ich bin Dir nicht böse -- Gott segne Dich!«
Dann begrüßte er Quandt:
»Ich wünsche Ihnen und Ihrem Frauchen Glück zu dem braven, prächtigen Sohne, und wenn Sie mich als einen Seitenverwandten desselben gelten lassen wollten, würde ich mich freuen. Das ist Herr Stahl?«
Hans hatte sich erhoben, und Parelli trat an seine Staffelei. Das Bild Sistos zeigte lebensvolle Frische, und an dem Talente des jungen Malers konnte kein Zweifel sein. Der Prälat schien sich ganz in die Züge des Knaben zu vertiefen, und über sein Gesicht huschte dabei ein Schatten der Wehmut. Es war ganz still in dem Raume, und Stahl hielt den Atem an, bis jener sich umwandte und freundlich sagte:
»Dies Bild müssen Sie mir überlassen! Sie selbst aber bitte ich, während der Zeit Ihres Aufenthalts in Rom mein Gast zu sein -- ich hoffe, Sie gehen nicht eher, bis aus dem Jünger ein Meister geworden ist.«
Stahl, welcher des Italienischen beinahe garnicht mächtig war, fand keine Worte, aber seine Hand zitterte vor Erregung, als er sie in die dargebotene Rechte des Prälaten legte.
»Das walte Gott!« sagte leise der Maler, indem er seinen Arm um Sistos Hals schlang und den Jungen an sich zog.
Achtzehntes Kapitel.
Die Uhren der ewigen Stadt verkündeten die achte Morgenstunde. Rom begann langsam sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, und ob es auch, zumal in den größern und glänzenden Straßen, in den Häusern der vornehmen Viertel noch recht still war, der Pulsschlag der Großstadt wurde doch überall vernehmlich. Auf den Plätzen sammelt sich müßiges Campagnolenvolk, um zu warten, ob man es zu irgend einer Arbeit dingen werde. Es sind prächtige Gestalten unter diesen lungernden Bauern, die in ihren verschlissenen, zerfetzten aber bunten Anzügen da und dort lehnen, gelangweilt in die Welt hinein schauen, oder in kleinen Gruppen auf dem Erdboden liegen, und mit leidenschaftlicher Erregung das geliebte Morra spielen. Kleine Wagen mit den täglichen Lebensbedürfnissen und den Erzeugnissen des Gartenbaus rollen langsam daher, und ihre Besitzer lassen ihre gewohnten eintönigen Rufe erschallen, welche zum Kaufen einladen sollen, während ihre Lasttiere dazwischen schreien, als wollten sie ihr Vergnügen über den neuen Morgen ausdrücken, vielleicht auch ihre Klage über die neue Plackerei. Die niedlichen Blumenverkäuferinnen richten ihre Verkaufsstände her, zumal in den Fremdenquartieren, und auf der Treppe, die nach dem spanischen Platze herabführt, haben sich zahlreiche Modelle eingefunden und warten auf die Künstler, die sich hier ein Stelldichein geben.
Auf der Piazza di Spagna selbst wird es lebendiger. Auch die vornehmen Hôtels und die prächtigen Paläste öffnen die schlaftrunkenen Augen, goldglitzernde Wagen fahren da und dort vor und warten, mit den reichgallonierten Dienern auf dem Bocke, und die bummelnden Campagnolen, das fahrende Volk und alle, die es bemerken, wissen, daß heute Konzilssitzung ist, und daß diese prächtigen Karossen einige besonders vornehme und reiche Väter nach der Peterskirche fahren werden.
Das Schauspiel ist nicht mehr neu und deshalb die Neugier keine besonders brennende. Endlich erscheint da und dort in einem Portale eine Gestalt in rot- oder violettseidenem Talar -- je nachdem es sich um einen Cardinal oder Bischof handelt -- und neben ihr oder hinterdrein kommt ein geistlicher Begleiter ... und bald darauf rasselt der Wagen, dessen Radspeichen im Morgensonnenschein aufblitzen, die vornehme Via dei Condotti entlang nach der Engelsbrücke zu.
Hier ist es belebter. Von fünf Straßen rollen sie aus dem Innern der Tiberstadt heran, die Wagen mit den Vätern des Konzils. Da kommen von der Richtung des Palazzo Borghese her die Mietswagen der minder begüterten Herren, die in ihren violetten Talaren im Fond lehnen, die breitrandigen Hüte auf den Häuptern und blinkende Kreuze auf der Brust, und langsamer trotten dazwischen die gewöhnlichen Droschken, die ~vetture pubbliche~, in welchen zwei, wohl auch drei der geistlichen Oberhirten Platz genommen haben, und die Leute schließen aus der Verschiedenheit der Gefährte auf Bedeutung und Vermögen der Herren.
In den Droschken sitzen zumeist die aus dem fernen Osten gekommenen Bischöfe, die mit voller Gleichgültigkeit und unentwegter Würde auf den Gesichtern, die bald von tiefschwarzen, bald von schneeweißen, wallenden Bärten umrahmt sind, auf die Leute herabsehen, ab und zu ihre Dose hervorziehen, sie dem Nachbar reichen, und dann mit nachlässigem Behagen das duftende Labsal zur Nase führen.
Langsam fahren die Wagen, nur zwei, höchstens drei neben einander, über die Engelsbrücke hinüber nach dem vatikanischen Rom, und auf dem St. Petersplatze finden sich alle zusammen. Die Sonne Roms beleuchtet hier ein großartig schönes Bild. Vor der gewaltigsten aller Kirchen, deren einzig schöne Kuppel, das mächtigste herrlichste Denkmal des großen Michelangelo, in den tiefblauen Aether hinaufragt, breiten sich die Säulenhallen Berninis aus, und in den drei bedeckten Gängen, welche von den prächtigen Travertinsäulen gebildet werden, lustwandeln noch einzelne Konzilsväter. Rechts und links von dem Obelisken, den Sixtus V. aufstellen ließ, und der schon manche wunderlichen Dinge an sich vorübergehen sah, steigen glitzernde Wasserstrahlen und fallen tönend und klingend in die schönen achteckigen Schalen zurück.
Und daß neben dem Großen das Kleine, neben dem Heiligen das Weltliche nicht fehle, haben auf dem Petersplatze erfinderische Köpfe Trinkhallen errichtet, aus welchen ein köstlicher Kaffeeduft hervordringt, während Tabakhändler in kleinen Buden ihre trefflichen Waren anpreisen. Sie kennen die frommen Herren aus dem Oriente und haben ihnen ihre Bedürfnisse abgelauscht. Und diese Söhne einer fremden Sonne nehmen es nicht genau mit den Forderungen der üblichen Sitte und sind sinnlichen Lockungen, soweit sie nicht unerlaubt sind, nicht unzugänglich. Da stehen Bischöfe aus Syrien, Armenien, Bulgarien in dem kleinen Laden und schlürfen ihre Tasse Mokka formlos und ungezwungen, und um den Tabakshändler finden sich Maroniten, Chaldäer und andere ein, prüfen die Waren, und versorgen sich damit, um während der Konzilsverhandlungen eine Herzstärkung und dann daheim eine Tröstung zu haben für die entbehrten Genüsse der orientalischen Heimat.
Die abendländischen Kirchenfürsten sind ihrer Würde sich mehr bewußt. Sie wandeln noch einige Zeit mit ernster Würde in den Säulenhallen hin und her, und wie beim Turmbau zu Babel vermag man auch hier alle Sprachen zu vernehmen. Im elegantesten Französisch unterhalten sich einige Herren mit geistvollen, bartlosen Gesichtern, von anderer Seite mischt sich mit dem wohlklingenden Neugriechisch das steife, breite Englisch, und neben dem vokalreichen Spanisch erklingen die konsonantenreichen slavischen Idiome. Und wenn sich all das Fremde unter einander verständlich machen will, dann wird auch die alte Sprache wieder lebendig, die einst an den Tiberufern erklang ... und doch wiederum nicht dieselbe Sprache, denn wenn ein alter Römer vom Capitol herüber oder von der Moles Hadriani herankäme, er würde entsetzt sein über das, was sich mitunter hier als Latein ausgiebt.
Die Zeit für den Beginn der Sitzung ist gekommen.
Ueber die schöne Traventin-Freitreppe flutet langsam der seidenglänzende Strom hinauf und hinein in jene herrliche Vorhalle, deren großartige Perspektive und prachtvolle Deckenornamentik würdig auf das Gotteshaus selbst vorbereiten; aber von den Konzilsvätern kümmert sich keiner mehr um diesen Anblick; ihre Gemüter sind zumal heute mächtig erregt in der Vorahnung, daß es eine bewegte Sitzung geben werde. Um den streitbaren Bischof Stroßmayr geschart kommen die österreichischen und deutschen Bischöfe, und manches blitzende Auge eines italienischen Kirchenfürsten betrachtet den kühnen kroatischen Prälaten mit unverhohlener Gehässigkeit. Wenn er nicht wäre, könnte man viel rascher zum Ziele kommen.
In dem gewaltigsten Dome der Christenheit fehlt es niemals an Andächtigen, sowie an Neugierigen. Auch heute sind sie zahlreich hier und lassen den geistlichen Hofstaat des Papstes an sich vorübergehen.
Da wo unter der Riesenkuppel, die in wundersamer, ergreifender Großartigkeit, ein herrliches Pantheon, in der Luft zu schweben scheint, sich der Hauptaltar mit dem unförmigen Tabernakel Berninis erhebt, hat sich die Menge am zahlreichsten eingefunden. Hier ist das Heiligste im Heiligen, das Grab des ersten »Statthalters Christi auf Erden,« vor welchem der Lichtglanz von 89 vergoldeten Lampen die »Konfession« von Carlo Maderno Tag und Nacht beleuchtet. Hier ist überall der matte Glanz des Marmors untermischt mit dem helleren Blinken des Metalls und mit dem kunstvollen Schmuck alter Mosaike.
Und wie die Kirchenfürsten hier langsam, ehrwürdig und würdevoll herankommen, da geht ein Fragen und ein Raunen durch den Kreis der Neugierigen und der Frommen, und die Namen der Kardinäle und Bischöfe laufen von Mund zu Mund. Diese selbst aber wenden sich nach rechts, wo in einem Querschiff der Versammlungsraum für das Konzil in einer weder besonders bequemen, noch hervorragend schönen Weise hergerichtet worden ist. Eine zu dem besonderen Zweck errichtete große hölzerne Pforte schließt den Konzilssaal ab gegen die Kirche. Die Holzwand ist mit einem Marmormuster angestrichen worden, auf welchem die Himmelskönigin gemalt ist, zu deren beiden Seiten die Apostelfürsten niederschauen auf die Vertreter der kirchlichen Rangordnung, wie sie jetzt an den wachehaltenden Schweizern, die ihre Hellebarden präsentieren, vorüberschreiten.
Enger drängen sich vor dem Eingang die Neugierigen heran, um zu sehen, wie da drin sich die kreisrund sich erhebenden, grüngepolsterten Sitze allmählich füllen, bis auch die letzten der Kirchenväter eingetreten sind. Dann wird die Pforte geschlossen, und die ernsten, stattlichen Gestalten der Schweizer drängen die Horcher noch um einige Schritte zurück, damit die Christenheit auch nicht das geringste vernähme von dem, was hier innen zu ihrem Heile verhandelt wird.
Tief und volltönig erklang nun der Gesang eines lateinischen Hymnus, dann folgten Gebete und dazwischen der Ton des Glöckleins, der den Außenstehenden verkündete, daß der Meßgottesdienst in der geschlossenen Halle fortschreite, und sobald das Zeichen erscholl, daß sich eben jetzt in den Händen des zelebrierenden Bischofs das Wunder der Verwandlung vollzog, sanken die Gläubigen auch diesseits der hölzernen Thüre auf die Kniee nieder und flehten den Beistand des heiligen Geistes an für die Beratungen der frommen Väter.
Und an diesem Tage hätte derselbe besonders Veranlassung gehabt, in der Mitte des Konzils zu sein.
Die Falle, von welcher Felice vor Parelli gesprochen hatte, sollte aufgestellt werden. Von der Rednertribüne herab eiferte ein Kardinal über die Verderblichkeit des Protestantismus. Das Gewand des Kirchenfürsten schillerte in hellem Purpur, aber sein Gesicht nicht minder. Was er vortrug, war ein wohlgesetztes Machwerk, das von einer Kommission ausgearbeitet war und den Stempel jenes Geistes trug, in welchem der Jesuit Felice sich geäußert hatte.