Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 24

Chapter 243,761 wordsPublic domain

»'s ist wohl schon bald auf der Neige, he? -- Ja, sagen Sie mir um's Himmels willen, was treiben Sie denn eigentlich hier, und wie denken Sie sich denn die spätere Sachlage? Sie glauben doch nicht, daß Sie sich hier in vier Wochen zu einem Raphael auswachsen werden, he?« --

»Ich arbeite im Atelier meines Freundes und habe schon einige leichtere Sachen kopiert, auch zwei davon -- freilich billig genug -- verkauft!«

Vetter Martin zog die Augenbrauen in die Höhe, was ebenso Verwunderung als Unmut ausdrücken konnte.

»I potztausend, Hans Stahl ... jetzt wird mir's unheimlich; entweder sind Sie ein Genie oder ein trostloser Sudler, aber in jedem Falle gefällt mir Ihre Beschäftigung nicht recht. Haben Sie denn eine regelrechte Unterweisung in der Kunst bei einem vernünftigen Meister?«

»Eigentlich nicht,« stotterte Hans.

»So -- dann können Sie ja über kurz oder lang, wenn's mit dem Kopieren nicht geht, die Wände tünchen, das heißt sich ja wohl auch Malerei ... na, danken Sie unserm Herrgott, daß ich Sie entdeckt habe, Sie Unglückswurm. Wenn ich Sie nicht für einen grundguten Kerl hielte, und Ihnen nach meinem unmaßgeblichen Urteil ein bischen Talent zutraute, ließe ich Sie in der Patsche sitzen, und um Ihren Vater haben Sie's ja eigentlich auch nicht verdient, daß ich, ohne Ihnen eine rechtschaffene Maulschelle appliziert zu haben, wieder Vorspann leisten will ... aber ich will's als eine Fügung des Himmels ansehen, daß ich Sie just hier gefunden und noch dazu an dem Feste, wo man auch mit den Lämmern und Schafen besonders liebenswürdig umgeht. Also fürs Erste soll mir ein guter Freund und Fachmann sagen, was von Ihrem Talente und Ihren bisherigen Pinselübungen zu halten ist, und wenn die Sache so ist, wie ich hoffe, dann will ich Ihren Vater in Angriff nehmen, nicht etwa daß er Ihnen zur Belohnung Ihres Wohlverhaltens einen Jahresgehalt von zweitausend Thalern aussetzt, sondern daß er die Dummheit vergißt, die Sie gemacht haben, und daß er sich daran gewöhnt, einen Künstler in der Familie zu haben. Punktum, und darauf trinken wir.«

Hans Stahl drückte in überströmender Dankbarkeit dem Alten die Hand, und auch Peter Frohwalt fand, daß der Vetter auch diese Geschichte beim rechten Ende anzufassen wisse. Er stieß fröhlich mit den beiden anderen an.

Noch an demselben Tage aber führte Vetter Martin seinen jungen Freund in der Familie Heinrich Quandts ein.

Siebzehntes Kapitel.

Gaetano Vergani, der neapolitanische Bauer, der in Frascati festgenommen worden war, drehte und wendete sich wie ein Aal, um der Justiz ein Schnippchen zu schlagen. Zwar der Gebrauch des Messers und die Verwundung seines Genossen, der übrigens nicht gefährlich verletzt war, war nicht wegzuleugnen, und Quandt sowohl, wie der Vetter Martin hatten in die Geschichte, die ihnen unangenehmen Verkehr mit der römischen Behörde brachte, ihre Ausschlag gehenden Zeugnisse abgelegt, aber betreffs des im Weitern festgestellten Thatbestandes, daß der Gefangene schon seit längerer Zeit mit neapolitanischen Dukaten um sich werfe, über deren Erwerb er zunächst jede Auskunft verweigerte, schien dieser die Sache ziemlich leicht zu nehmen.

Er verlangte, als man ihn auch in dieser Hinsicht mit Strafe bedrohte, daß man ihm eine Unterredung mit dem Prälaten Parelli verschaffe, der wohl im Stande sein würde, ihn von jeder diesbezüglichen Anklage zu entlasten, denn aus dessen Hause stamme das Geld und gestohlen habe er es nicht.

Da er mit Hartnäckigkeit auf dieser Forderung bestand, und unverschämt genug war, zu behaupten, der Bischof von Mikrun würde seine etwaige Bestrafung in dieser Sache an dem betreffenden Richter zu ahnden wissen, und da andererseits Parelli eine hochangesehene Persönlichkeit war, so wurde diesem von dem Ansinnen des Burschen Mitteilung gemacht, beziehentlich angefragt, ob man ihm denselben zuführen dürfe.

Der Prälat fühlte bei diesem Ansinnen -- er wußte selbst nicht recht weshalb -- ein gewisses Unbehagen, aber der Name des Menschen, auch die Erwähnung der neapolitanischen Dukaten veranlaßten ihn, sich bereit zu erklären, ihn zu sehen. So wurde eines Morgens Gaetano Vergani gefesselt in das Haus Parellis gebracht, begleitet von einem päpstlichen Gendarmen.

Als er das Zimmer durchschritt, welches nach dem Arbeitsgemache des Prälaten führte, begegnete ihm Signora Lucia, welche von diesen Vorgängen nichts wußte, da Parelli in seiner Zuneigung zu ihr jede Unannehmlichkeit ihr ersparen wollte. Beim Anblicke des Burschen, der mit gebundenen Händen eintrat, wich ihr alles Blut aus den Wangen, und sie heftete die geisterhaften großen Augen nach ihm hin. Gaetano sah sie mit einem frechen Blicke und mit einem höhnischen Lächeln an und sagte halblaut:

»Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen und Ihrer Fürsprache, Signora.«

Der Gendarm versetzte ihm einen Stoß, und während das Weib in dem dunklen Seidengewande wie gebrochen durch die eine Thür verschwand, führte der Mann des Gesetzes seinen Begleiter durch die andere vor den Prälaten.

Auch Parelli war bleich, als er den Menschen mit seinem rohen Gesicht sah, an den er sich in diesem Augenblicke von Tivoli her deutlich erinnerte; seine frechen Reden von damals kamen ihm ins Gedächtnis, obgleich derselbe anscheinend tief demütig vor ihm stand; er gebot dem Gendarmen, ihn mit dem andern allein zu lassen, da es sich vielleicht um eine Beichte handle.

Sobald sich der Bursche mit dem Prälaten allein sah, veränderte sich seine ganze Haltung. Er richtete sich auf, warf den Kopf beinahe trotzig in den Nacken und schaute Parelli mit frechem Hohne an, so daß es diesem immer unheimlicher wurde. Endlich, nach einer kurzen, peinlichen Pause zwang er sich zu der Frage:

»Du hast mit mir zu sprechen verlangt; was willst Du?«

Der Bauer räusperte sich sehr vernehmlich und sagte:

»Eh, Monsignore -- da haben sie mich wegen einer kleinen Dummheit festgenommen, weil ich einen, der falsche Würfel hatte, mit meinem Messer zu sehr gekitzelt habe, und dann machen sie mir den Vorwurf, ich hätte Geld gestohlen, neapolitanische Dukaten, und das ist nicht wahr. Das Geld habe ich erhalten von Signora Lucia -- es waren wohlgezählte vierhundert Stück -- ich habe aber gemeint, ich wollte sie nicht nennen, es könnte ihr oder auch Euch selbst unangenehm sein -- he?«

Der Prälat saß zurückgelehnt in seinem Polstersitze und that einen tiefen Atemzug.

»Von Signora Lucia hast Du das Geld erhalten? Warum? Zu welchem Zwecke?«

»Eh, Monsignore ... das ist eine heikle Geschichte, und wenn ich sie Euch mitteile, hoffe ich, daß Ihr vor Gericht dafür die vierhundert Neapolitaner auf Euch nehmt, mir auch sonst ein günstiges Urteil verschafft und noch einmal vierhundert Dukaten drauflegen werdet ...«

»Unverschämter!« brauste Parelli auf; der Mann mit den gebundenen Händen aber trat ihm einen Schritt näher und grinste höhnisch:

»Sprecht nicht so laut, gnädiger Herr -- der Gendarm draußen könnte an der Thüre horchen und der braucht nichts zu hören von dem, was wir hier verhandeln!«

Der Prälat sank, starr über diese Frechheit des Burschen, der seine rauhe Stimme zum Flüstern dämpfte, in seinen Sitz zurück, der andere aber fuhr fort:

»Ich hätt's mit dem Weibe allein abmachen können, wie das erste Mal, aber Ihr habt ja an der Sache auch ein Interesse, und müßt wünschen, daß ich sie nicht an die große Glocke bringe ...«

»Welche Sache?« stammelte Parelli erbleichend.

»Eh, Monsignore ... Ihr sagt doch aller Welt, daß Signora Lucia eine sehr nahe Verwandte von Euch sei -- ich könnte überall etwas anderes beweisen ...«

»Und was denn?« fragte der Prälat mit bebenden Lippen.

Der Bauer fühlte, daß er den bleichen Mann vor sich in seiner Gewalt habe; er weidete sich einige Sekunden an der Angst desselben, dann trat er ganz nahe an den Polstersessel heran, beugte sich über Parelli und sagte, indem er ihm fest und wie mit dem bannenden Blick einer bösen Schlange ins Gesicht sah:

»Daß sie mein Weib ist! -- Wie gefällt Euch das, Monsignore? He?«

Der Prälat war aufgesprungen und einige Schritte zurückgetreten; er rief halblaut:

»Du lügst, Bursche ... das ist ein Erpressungsversuch.«

»Das Zweite mag sein -- das Erste nicht! In Foligno habt Ihr sie kennen gelernt. Da waren wir schon zehn Jahre verheiratet und hatten einander überdrüssig, weil wir kaum zu leben hatten. Darum gingen wir auseinander, ich als Knecht in die Chiana di Sorrento, sie nach Foligno als Blumenhändlerin. Und sie war hübsch, ich kann's Euch nicht verdenken, daß sie Euch gefiel. Ihr brauchtet jemanden für Euer einsames Haus, und nahmt sie zu Euch, und habt sie in Sammt und Seide gesteckt, und sie erzählte Euch, sie sei eine Waise und stehe allein da in der Welt. Aber ich habe sie zu finden gewußt und sie hat mein Schweigen erkauft mit einem kleinen jährlichen Sümmchen. Dafür hab' ich mir ein bescheidenes Weingut erworben bei Sorrento und hause dort mit einem alten Weibe, das nichts von meiner Vergangenheit und von Lucia weiß. Und dorthin kam sie, als sie im Begriffe war, Euch einen Sohn zu schenken und lebte wieder unter meinem Dache, und auch Euer Kind ist bei mir. Ihr vermeint, jener Gaetano Vergani sei der Bruder Lucias, nein, Monsignore, er ist der rechtmäßige Gatte, und Ihr habt zu allem andern noch einen Ehebruch auf dem Gewissen ... wie gefällt Euch das? He?«

Parelli hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und stöhnte; er rang nach Atem, nach Fassung. Was er hier hörte, traf ihn wie Keulenschläge, und das Bewußtsein einer furchtbaren Schuld lastete erdrückend auf seiner Seele. Er sank wieder auf seinen Sitz zurück, wie ein gebrochener, elender Mann, der rohe Bursche aber fragte frech:

»Eh, Monsignore -- wie steht es mit den Dukaten? Und meint Ihr nicht, daß ich wegen der Messerstecherei frei kommen könnte? Etwas wenigstens, hoffe ich, werdet Ihr mir herunterhandeln ... Denn wenn Ihr's nicht thut, dann muß ich der Welt doch erzählen, in welcher Verwandtschaft wir beide stehen, und das, denke ich, ist Euch nicht lieb!«

Der Prälat ließ die Hände sinken; sein Antlitz war noch blaß, aber es stand ein fester Entschluß auf demselben geschrieben. Er sprach leise, aber bestimmt:

»Ich habe schweres Unrecht auf der Seele -- aber Du und Dein Weib, Ihr seid Schurken! Mir ekelt's vor Euch! Glaube nicht, Elender, daß Du mich mit Deinen Drohungen schrecken kannst; ich bin bereit, wenn es sein muß, für meine Schuld zu büßen, und am Stuhle des heiligen Petrus giebt es Verzeihung auch für den schwersten Sünder. Darum hoffe nicht, mir gegenüber ein Erpressungssystem ins Leben zu rufen, Du könntest Dich furchtbar täuschen. Die vierhundert Dukaten nehme ich auf mich, die Strafe für den Messerstich, welchen Du Deinem Genossen beigebracht, wirst Du unweigerlich tragen, und wenn Du sie überstanden hast, dann zahle ich Dir und Deinem Weibe je 500 Scudi ein für alle Mal. Unterfangt Ihr Euch, mich jemals wieder zu belästigen, so werde ich selbst Euer Ankläger -- komme, was da wolle. So, jetzt sind wir fertig!«

Der Bauer stand ziemlich verblüfft da, Parelli aber rief den Gendarmen und gebot ihm, den Gefangenen wieder fortzuführen; er würde selbst dem Gerichte die weiteren Mitteilungen zugehen lassen.

Als der Bursche hinaus war, brach der Prälat aufs neue zusammen unter seiner Schuld, und mit gerungenen Händen fiel er vor dem Kreuzbilde nieder, das auf einem reichgeschnitzten Betpulte stand. Hier lag er noch, als sich die Thüre leise öffnete und Lucia hereintrat. Sie war todbleich, ihr Gang war schleppend, und da sie Parelli im Gebete sah, hielt sie fast erschrocken den Schritt an. Da wendete er sich um. In sein Antlitz schoß eine dunkle Röte; er sprang empor, seine Hände ballten sich, die Adern auf der breiten Stirne schwollen ihm an, und das Weib in dem schleppenden, dunklen Seidengewande stürzte vor ihm nieder und beugte die Stirne bis zur Erde, als ob sie ihm die Füße küssen wollte.

Der Prälat rang nach Selbstbeherrschung und er bezwang gewaltsam seine Stimme, so daß sie halblaut, aber tief grollend klang:

»Hinweg von mir, Elende!«

»Verzeihung -- o Verzeihung!« stöhnte das Weib, noch immer mit dem Antlitz auf dem Teppich liegend.

»Ja wohl, Verzeihung -- der Himmel mag uns verzeihen, Dir und mir ... aber aus muß es sein zwischen uns für alle Zeit. Geh in die Einsamkeit und büße, wenn Du kannst, geh mit Deinem Manne, wenn er Dich noch mag, mich aber befreie von Deiner Gegenwart, denn von Dir geht ein Hauch der Sünde aus. Du wirst morgen noch mein Haus verlassen! Behalte alles, was Du je von mir empfangen, aber laß Dich nie wieder sehen vor mir -- Du hast mich belogen, betrogen, bestohlen! Hier nimm diese kleine Summe noch« -- er war zum Schreibtische geeilt, schloß ihn mit fieberhafter Hast auf und reichte ihr eine Rolle mit Goldstücken -- »es ist das Letzte! Für unsern Sohn werde ich weiter sorgen.«

Das Weib wand sich auf den Knieen, aber es streckte die Hand nicht aus nach dem Gelde.

»Stoß mich nicht fort zu dem Elenden, der sich meinen Gatten nennt!« wimmerte sie.

Parelli warf die Rolle mit Goldstücken vor sie hin, daß sie sich öffnete und die Münzen herausrollten, dann wandte er sich schweigend und verachtungsvoll ab und verließ das Gemach.

Einige Augenblicke sah ihm Lucia nach, regungslos wie ein Steinbild, dann blitzte es in den dunklen Augen auf wie im Zorn, mit hastigen Händen raffte sie die zerstreuten Goldstücke zusammen, erhob sich und eilte hinaus. In den beiden prächtigen Gemächern, welche sie bewohnte, raffte sie zusammen, was sie an Schmuck und Wertgegenständen besaß und legte es in einen Handkoffer, dann ließ sie durch einen Diener einen Reisekorb herbeischaffen, welchen sie mit Wäsche und Kleidern bis an den Rand füllte.

Am andern Morgen ließ sie einen Wagen kommen, der sie nach dem Bahnhofe bringen sollte. Als sie, ohne Parelli noch einmal gesehen zu haben, langsam und gleich einer Fürstin, wie sie es in früheren Tagen gewöhnt war, die Treppen hinabstieg, ließ sie ihre Blicke noch einmal über all die Herrlichkeit schweifen, welche sie verließ, aber sie hatte ihr Auge und ihre Miene völlig in der Gewalt. Der Diener, welcher ihren Handkoffer trug, hatte, trotzdem er wiederholt einen beobachtenden Blick nach ihr gewendet, keine Ahnung von dem, was in der Brust des geputzten Weibes vorging.

Da kam eben der Jesuitenpater Felice. Er sah sie erstaunt an und fragte:

»Sie verreisen, Signora?«

»Ja wohl, Hochwürden.«

»Auf lange Zeit?«

»Auf Nimmerwiederkehr!« flüsterte sie zischend, und in diesem einen Worte brach ihre mühsam verhaltene Erregung durch.

»Aber was bedeutet das, Signora?« frug der Jesuit beinahe bestürzt.

»Fragen Sie Monsignore!« stieß sie noch hervor, dann rauschte sie an ihm vorüber und gleich darauf hörte er das Rollen des Wagens. Mit dem immer gleichen, kalten Gesicht stieg der Pater die Treppe empor und ließ durch Giovanni sich bei dem Prälaten melden.

Dieser sah ihm ziemlich finster entgegen und bot ihm einen Sitz, dann fragte er mit kühler Höflichkeit nach seinem Begehren.

Felice kam in Angelegenheiten des Konzils. Der Jesuitenorden hatte für die widerspenstigen Bischöfe, welche sich der neuen Geschäftsordnung, namentlich der Forderung, daß mit einfacher Mehrheit entschieden werden solle, nicht gutwillig fügen mochten, eine Falle zurecht gelegt und bearbeitete seine Anhänger in dem Sinne, wie diese Falle Verwendung finden sollte. Parelli glaubte man bei seiner Gutmütigkeit sicher zu haben, ihn konnte man wohl auch etwas tiefer in die Karten sehen lassen.

Aber Felice hatte keinen glücklichen Tag getroffen, das Gewissen des Prälaten hatte einmal angefangen, sich zu regen, er fühlte den starken Trieb, recht zu thun und damit seine Schuld wegen Lucia einigermaßen zu erleichtern, und so hörte er mit Unmut dem Jesuiten zu, der ihm auseinandersetzte, wie man zu den Dekreten betreff der Unfehlbarkeit eine Art Einleitung den Konzilsvätern vorlegen wolle, in welcher es auf eine besonders scharfe Verurteilung des Protestantismus abgesehen sei. Man erwarte nach der ganzen Fassung einen Widerspruch der nichtitalienischen Bischöfe, ja man wünsche sogar einen solchen und würde es auch nicht ungern sehen, wenn selbst eine Anzahl für den Glaubenssatz gewonnener Kirchenfürsten sich in diesem Falle jenen anschlössen. Dadurch würde einerseits der Vorwurf hinfällig, daß die italienischen Bischöfe einfach alles annehmen, was ihnen vorgelegt würde und fürs zweite hätte man die widerstrebenden Bischöfe dazu gebracht, etwas mit einfacher Mehrheit zu entscheiden, und der von ihnen angefochtene Grundsatz der Geschäftsordnung hätte damit durch sie selbst Genehmigung erhalten.

»Mag die Beleidigung des Protestantismus auch hintertrieben werden, wenn sie nur die verhaßte neue Geschäftsordnung auf diese Weise annehmen!« schloß Felice, und um die schmalen Lippen ging ein leichtes Zucken, wie ein Lächeln.

Die Brauen Parellis hatten sich zusammengezogen. Jetzt sah er den Jesuiten durchdringend an und sprach mit unverkennbarem, bitterem Hohne:

»Der Zweck heiligt die Mittel! ... Ich will ehrlich zu Ihnen sprechen, Hochwürden, denn ich bin in einer Stimmung, in der ich nicht anders kann, und wenn ich für meine Meinung und Ueberzeugung der schwersten Strafe verfiele. Ja, ich werde gegen einen solchen Angriff gegen den Protestantismus stimmen, aber nicht um das Spiel, das mit dieser Abstimmung getrieben werden soll, zu unterstützen, sondern aus innerster Ueberzeugung, denn ich kenne Protestanten, die himmelhoch stehen über Katholiken und katholischen Priestern, und von denen wir allzusammen lernen können, was in jeder Religion das wahrhaft Religiöse ist ... im übrigen aber lassen Sie mich meine Wege von heute ab gehen auch in der Frage der Unfehlbarkeit. Die Mittel, welche angewendet werden, um sie durchzusetzen, die heimlichen Wege, welche man geht, um eine ehrliche, gesinnungstüchtige Gegnerschaft zu bekämpfen, sind unwürdig und ich schäme mich, wenn ich mit dafür haftbar gemacht werden solle. Ich werde, wenn es zur Abstimmung kommt, nicht nach der Vorschrift des Jesuitenordens, sondern nach meiner Ueberzeugung stimmen -- komme was da wolle!«

Felice sah den Prälaten groß und mit starren Augen an, als stehe er vor einem Rätsel, das selbst ihm, dem vielgewandten und kalten Manne unverständlich war; endlich sagte er:

»Bischöfliche Gnaden, ich höre mit Bedauern solche Worte, die aus einer augenblicklichen Erregung kommen, welche ich nicht ernst nehmen möchte. Ich merke daraus nur das Eine, daß Ihr guter Engel von Ihnen gegangen ist.«

Parelli sah ihn mit gehobenem Haupte und fest an:

»Meinen Sie damit das Weib, welches ich aus meinem Hause gejagt habe? -- Haben Sie wirklich den Mut, als ihr Beichtvater, der doch von allem gewußt haben muß, diese Elende so zu nennen? Ihnen brauche ich meine Sünde und Schande nicht erst zu erzählen, Sie haben darum gewußt, Sie _müssen_ darum gewußt haben, und doch haben Sie uns beide hinleben lassen in Schuld und Verbrechen ohne ein mahnendes und strafendes Wort? -- Durch das Weib haben Sie den Einfluß auf mich sich gesichert ... wie nennen Sie ein solches Verhalten? -- O, mich widert das alles an -- ach, wenn Sie wüßten, wie sehr es mich anwidert. In unserer heiligen Kirche ist vieles schlecht geworden und gerade durch die Schuld derjenigen, die über ihre Reinheit und sittliche Würde am meisten zu wachen berufen waren. -- Ich kann nicht anders büßen für meinen Anteil, als indem ich redlich streben will, das Verderbte an mir und anderen zu bessern, und daß ich allezeit den geraden Weg gehe, auf welchem die beiden Sterne der Gottesliebe und der wahren Nächstenliebe leuchten. Dazu aber kann ich Ihrer Leitung entbehren, und da Sie mir immer nur aufs neue die Erinnerung an meine Sünde und an die Zeit meiner Schmach in mir wachrufen müßten, so ist es wohl besser, wenn wir uns so wenig als möglich begegnen; es kann ja auch Ihnen nur angenehm sein!«

Das blasse Gesicht des Jesuiten war noch um einen Schein fahler geworden, aber er beherrschte sich auch jetzt.

»Ich habe gehört und nicht gehört, Monsignore. Sie sind in Aufregung und ich bin nicht so lieblos, Sie darum für alles, was Sie eben gesagt haben, verantwortlich zu machen. Sie sollen über meine Zudringlichkeit nicht zu klagen haben, aber vergessen Sie auch nicht die Pflichten, die der heilige Stuhl berechtigt ist, von Ihnen erfüllt zu sehen. Es ist nicht gut, gegen den Stachel zu lecken, Herr Bischof von Mikrun!«

Er verneigte sich mit spöttischer Höflichkeit tief vor dem Prälaten und ging; Parelli aber atmete jetzt tief auf, dann trat er an das Fenster, öffnete es, als ob er eine andere, reinere Luft einlassen müsse, und nun ging er mit großen Schritten in dem Gemache auf und ab. Er hatte ein Gefühl des Wohlbehagens, wie er es seit langer Zeit nicht empfunden, das Gefühl der Befreiung von einem moralischen Drucke, der in gar mancher Stunde schwer auf ihm gelegen, am schwersten aber wohl damals, als der braune Junge aus der Campagna vor ihm auf den Knieen gelegen und mit gefalteten Händen ihn angefleht hatte, das Weib zu entlassen, das Felice die Frechheit besaß, seinen guten Engel zu nennen.

So hatte der junge deutsche Priester damals Sisto genannt, und er hatte mehr Recht. Die beiden Gestalten, der dunkellockige Knabe und Peter Frohwalt traten vor seine Seele, die nach der Berührung mit dem Reinen und Guten sich sehnte, und einem raschen Antriebe folgend, beschloß er, vor beiden sich zu rechtfertigen.

Er ließ seinen Wagen vorfahren und begab sich, da an diesem Tage keine Konzilssitzung stattfand, nach der Wohnung des jungen Priesters, welchen er auch daheim antraf, und der ihn erstaunt, aber mit gebührender Höflichkeit begrüßte.

»Wissen Sie, warum ich komme?« fragte der Prälat. »Ich habe das Bedürfnis, mein Gewissen zu entlasten, und bitte, Ihnen beichten zu dürfen.«

Frohwalt geriet beinahe in Verlegenheit.

»Verzeihung, bischöfliche Gnaden, aber ich besitze für Rom keine Berechtigung zur Ausspendung des Beichtsakramentes.«

»Ach so ... das ist wieder die gewohnte Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit der deutschen Theologen. Sie haben freilich durch die Priesterweihe auch das Recht, zu binden und zu lösen erhalten, und jeder bedrängte Mensch, den sein Vertrauen zu Ihnen zieht, sollte kraft dessen auch von Ihnen von seinen Sünden freigesprochen werden können, aber ich weiß, daß sich formale Bestimmungen auch hier dazwischen drängen. Nun gut ... haben Sie auch in Rom nicht das Recht, mich von Sünden zu lösen, so darf ich doch mein Bekenntnis vor Ihnen ablegen. Sie haben einst mit ruhigem und doch so eindringlichem Worte an meinem Gewissen gerüttelt, daß es mich drängt, jetzt, da ich die Kraft der inneren Erneuerung gefunden habe, zuerst zu Ihnen zu kommen.«

Und nun erzählte er ruhig und klar die Vorgänge des gestrigen Tages und was damit zusammenhing; er schloß:

»Endlich bitte ich Sie um Eines: Ich habe den Drang, daß auch der Knabe, der einstens um mein Seelenheil vor mir auf den Knieen gelegen, erfahre, daß sein Gebet durch die Gnade des Himmels erhört sei, und habe die Sehnsucht; ihn wieder in meiner Nähe zu wissen. Thun Sie mir die Liebe, Sisto aufzusuchen, und bringen Sie ihn mir wieder ... ich habe erst in diesen Tagen empfunden, was mir der Knabe war.«

Frohwalt war von dem Gehörten tief ergriffen.

»Und habe ich auch keine formale Berechtigung, Ihnen Sünden zu vergeben, der Himmel und Ihr eigenes Herz werden Sie von Ihrer Schuld lossprechen -- ich aber, das glauben Sie, bin unendlich glücklich, daß es so gekommen ist. Ich suche heute noch Sisto auf, und wenn es irgend möglich ist, führe ich Ihnen den Knaben zu. Quandts kehren ja doch bald nach der Heimat zurück und ich glaube nicht, daß sie die Absicht haben, Sisto mit sich zu nehmen.«

»Ich danke Ihnen im voraus für alle Liebe, die Sie mir thun, und ich will bemüht sein, mich ihrer wert zu machen.«