Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 23
»Ja, und ich schätze meine Fritzel auch wie meinen Erzengel!« sagte lachend der Maler und legte leicht den Arm um die Taille des jungen Weibes.
So kamen sie nach Frascati. Im freundlichen Garten einer Schenke hielten sie Einkehr, fröhliche Leute, die auf dem kurzen Wege völlig Freunde geworden waren, und bald saßen sie an einem Tische bei einem einfachen Mahle und stießen mit dem trefflichen Weine von Frascati an.
Neben ihnen, am nächsten Tische, saßen zwei Männer beim Würfelspiel. Sie waren sehr lebhaft nach Art der Südländer, und die dunklen Augen in den braunen Gesichtern funkelten. Der Eine war ein stämmiger Bursche in ländlicher Tracht, und wie der Maler das weinrote, gedunsene Gesicht sah, kam es ihm bekannt vor, doch wußte er nicht gleich, wo er demselben begegnet war.
Jetzt stieß der Mann einen lauten Fluch aus, fuhr in die Tasche und warf klingend ein Goldstück auf den Tisch.
»Das ist der letzte! Ein neapolitanischer Dukaten -- und wenn er weg ist, geh' ich zu meinem Schwager und hole mir mehr! Wirf!«
Jetzt wußte Quandt, mit wem er es zu thun hatte; das war der rohe Bursche, dem er in Tivoli begegnet war, als er in Gesellschaft Parellis und Frohwalts dort gewesen war, und der Mensch gewann für ihn einiges Interesse; auch Vetter Martin hielt den Blick nach ihm hingewendet. Die Würfel klapperten und fielen -- einmal, zweimal.
»~Maledetto!~ Schuft!« schrie der Bauer, und sprang mit lodernden Augen auf. »Du spielst falsch -- her mit meinem Gelde!«
Der andere hatte das kleine Goldstück erfaßt, und sie rangen darum, nur zwei Sekunden. Da blitzte in der Hand des Neapolitaners eine blanke Klinge. Die beiden Deutschen sprangen gleichzeitig auf, aus der Schenke, um deren offene Fenster die Weinranken spielten, kreischten Weiberstimmen ... und einen Augenblick später taumelte der unselige Gewinner zurück, hielt sich mit der einen Hand an der Tischplatte und preßte die andere gegen die Brust, und über diese rann ein heißer roter Strahl Der Angreifer aber schien jetzt erst in noch größere Wut zu geraten und wollte sich von neuem auf sein Opfer stürzen. Da packte ihn eine kraftvolle Faust von rückwärts, und eine starke Hand hielt ihm die erhobene Rechte mit dem blutbefleckten Messer fest, während sich die Person des Malers vor den Angegriffenen warf.
»Ich halte die Bestie schon,« rief Martin -- »holen Sie Stricke, daß wir ihn binden!«
Der trunkene Bauer wehrte sich aus allen Kräften, aber Vetter Martin hatte durch die Abhärtung auf seinen Reisen eine Muskelstärke, die man ihm nicht zutraute; er hielt den andern wie in eisernen Klammern und rief noch einmal nach Stricken. Nun kamen der Wirt und seine Weibsleute herbeigelaufen; die letzteren nahmen sich des Verwundeten an, der ziemlich gut weggekommen zu sein schien, denn er schimpfte laut gegen den Angreifer, nannte ihn Dieb, Räuber, Mörder, Falschmünzer ... und was ihm eben noch an wenig schmeichelhaften Bezeichnungen beifiel. Die Männer aber banden dem Neapolitaner die geballten Fäuste zusammen, trotzdem er mit den Füßen um sich stieß, und seine Gegner anspie, und dann fesselten sie ihn an einen Baum, wo er mit lautem Gebrüll Neugierige lockte, die sich vor der Schenke sammelten.
Es war eine widerwärtige Szene. Das empfand besonders Friederike, die sich zu entfernen wünschte. Der Wirt suchte die Deutschen zurückzuhalten, bis der Bürgermeister gekommen wäre, der das Protokoll aufzunehmen hatte, und um Weiterungen zu vermeiden, blieben sie; aber sie gingen in die Schenke hinein, ohne freilich auch hier dem wüsten Schreien sich entziehen zu können. Endlich kam der Beamte, mit ihm ein päpstlicher Gendarm. Der Mann war höflich und zuvorkommend, aber ziemlich weitläufig in seinen Aufnahmen, und Vetter Martin wie Quandt fürchteten, daß die Geschichte ihnen noch weitere Scherereien machen werde.
Endlich konnten sie sich entfernen und ihren Wagen aufsuchen, und einigermaßen verstimmt bestiegen sie denselben und fuhren gegen Rom. Hart hinter Frascati begegneten sie dem Gendarmen, der den gefesselten Bauer vor sich hertrieb. Derselbe warf ihnen grollende Blicke zu und entfesselte eine Flut von Schimpfwörtern, bis sein Begleiter ihn mit dem Flintenkolben zwischen die Rippen stieß. Der Wagen aber rollte rasch davon.
Die im Abendlicht rötlich schimmernde Campagna mit ihrem unverwüstlichen Zauber regte die Reisenden wieder freundlicher an, und ehe sie noch in die ewige Stadt einfuhren, war es beschlossene Sache, daß Vetter Martin mit Quandts zusammenwohnen müsse -- die Bildhauerwitwe würde schon für ein Unterkommen Rat schaffen -- und daß man am nächsten Tage, beziehungsweise am Abende dem Doktor der Theologie Peter Frohwalt eine ganz besondere Ueberraschung bereiten wolle.
Derselbe erhielt denn auch für diesen Abend eine dringende Einladung, die er unter keinen Umständen ablehnen dürfe, und so kam er ziemlich neugierig schon am Nachmittage an. Als er in die wohlbekannte trauliche Stube eintrat, blieb er wie erstarrt stehen, der Vetter Martin aber stand mit lachendem Gesichte vom Tische auf und rief:
»Na, was sagst Du dazu, Peter? -- Herrgott! Da steht er wie weiland Lots Weib nach der Versalzung -- komm zu Dir, Doktor der Theologie und Adjunkt, ich bin's leibhaftig!«
Und nun umarmte er den jungen Priester, der tiefbewegt die Begrüßung erwiderte, und dann saßen sie um den Tisch beisammen, die beiden Deutschböhmen, die Malersleute und der braune Sisto, der hier wie zu Hause war, und der Alte lachte:
»Ja, sieh -- ich habe doch ein wunderliches Glück, Peter. Da läuft mir schon vor den Thoren Roms die Liebenswürdigkeit selber entgegen, und wenn Du Dir über die Situation recht klar sein wirst, wirst Du sehen, daß ich auch hier schon wieder der Vetter Martin bin, und mich ganz als solcher fühle, 's ist mir, als hätten wir uns alle schon lange gekannt, und als wäre ich speziell nach Rom gekommen, um gerade diesen Kreis aufzusuchen. Herrgott im Himmel, Du hast doch überall gute Menschen -- man muß nur das Glück haben, sie zu finden!«
Der Alte war ganz in seinem prächtigsten Fahrwasser, aber er hatte nicht viel Geduld zum Sitzen, und so machte er selber nach einiger Zeit den Vorschlag, noch einen Spaziergang zu unternehmen. Das Wetter war überaus schön, und Quandt schlug eine Promenade nach dem Monte Picio vor, was Vetter Martin mit besonderer Freude annahm.
Die vier Menschen -- Sisto war daheim geblieben -- schritten langsam den glänzenden Corso entlang, auf welchem es von Menschen wimmelte, und über welchen zahlreiche vornehme Wagen hinrollten. Ueberall Pracht, Glanz und Lebenslust! Es war, als ströme ganz Rom heute zur Porta del Popolo hinaus nach jenen wunderbar schönen Gartenanlagen, die in ihrer Art beinahe einzig sind.
Ueber begrünte Flächen schweift der Blick und haftet hier an herrlichen, mächtigen Steineichen, dort an malerischen Gruppen von Pinien und Cypressen, zwischen denen weiße Marmorbilder hervorlugen, während Fontänen ihre Silberstrahlen spielen lassen und künstlerisch geschaffene Sitze zum Ruhen einladen. Auf der breiten Fahrstraße rollen unablässig die goldglitzernden Equipagen; geputzte Damen winken heraus und erwidern die ihnen dargebrachten Grüße, und um eine riesige Palme gereiht steht das Musikkorps der päpstlichen Zuaven und läßt glutvolle, feurige Weisen ertönen.
Vetter Martin hatte manches gesehen in der Welt und das »~nil mirari~« -- über nichts sich zu wundern -- war ihm zum Grundsatz geworden, aber hier ward er demselben doch beinahe untreu. Er wußte auch kaum, wohin er seine Aufmerksamkeit am meisten wenden sollte, ob hinab nach der Stadt, die im Abendsonnenglanze wie ein Märchenbild sich ausbreitete, ob auf die bunte, wogende Menge, unter welcher zahlreiche Kirchenfürsten sich befanden, die eigentlich das meiste Interesse beanspruchen durften.
Frohwalt kannte sie fast alle, und er machte Vetter Martin auf die bedeutendsten derselben aufmerksam. Da ging der geistvolle Pariser Erzbischof Dupanloup mit dem durch seinen weißen Talar auffallenden Patriarchen von Jerusalem, dort die prächtige, feurig blickende Gestalt des schönen spanischen Bischofs von Urgel mit dem Erzbischof von Mecheln, dann der Generalvikar der Prämonstratenser-Chorherren mit Manning, dem Erzbischof von Westminster, die schlanke, vornehme Erscheinung des Kardinals von Schwarzenberg mit dem österreichischen Gesandten Graf Trautmannsdorf, und viele andere, unter welchen besonders die aus dem fernen Oriente gekommenen Konzilsväter auffielen. Die Römer selbst hatten sich an diese Gäste gewöhnt, Bischöfe und Cardinäle waren ihnen nichts Absonderliches, aber die zahlreichen Fremden aus aller Herren Länder, die auf dem Pincio promenierten, blieben immer aufs neue stehen, um ihnen nachzublicken.
Vetter Martin war ernster geworden. Er hatte, während das Quandtsche Ehepaar voran schritt, seinen Arm in jenen Frohwalts gelegt und sagte:
»Die Herrlichkeit der streitenden Kirche! Sie sehen zumeist recht Ehrfurcht gebietend aus, diese geistlichen Herren, und man sollte meinen, sie müßten viel Geist und echten Christenglauben vorstellen ... was hältst Du vom Konzil? Was hält man in der Umgebung des Prager Erzbischofs davon?« fragte er plötzlich ziemlich unvermittelt.
Frohwalts Miene wurde leicht beschattet; er dämpfte die Stimme einigermaßen, als er erwiderte:
»Vetter Martin, ich kann nicht anders, als zu sagen: Ich bin enttäuscht -- wir alle sind enttäuscht. Selbst wir, in unmittelbarer Nähe der Verhandlungen und in unmittelbarem Umgang mit einem der hervorragendsten Konzilsmitglieder, erfahren wenig genug von dem, was in dem Konzilssaal vorgeht, und schon dies Geheimnisvolle ist unbehaglich und macht einen beinahe beängstigenden Eindruck. Von jeder Sitzung ist in der »Civilta Cattolica« zu lesen: Die Väter kamen um neun Uhr zusammen; darauf zelebrierte der Bischof X die heilige Messe, der Kardinal Y verlas die vorgeschriebenen Gebete, und darauf sprachen so und so viele Väter über die Vorlage. Um 1 Uhr wurde die Sitzung geschlossen! So steht es mit peinlicher Genauigkeit in dem päpstlichen Leibblatte zu lesen, und mehr erfährt die Christenheit nicht. Was aber sonst noch über Verfügungen der Geschäftsordnung bekannt wird, ist wenig Vertrauen erweckend. Man war bereits so weit, daß man die Väter mundtot machen wollte durch eine Bestimmung, wonach dieselben ihre Bedenken gegen die Vorlagen schriftlich zur Einsicht für die Konzilsmitglieder im Sekretariat niederlegen sollten, in der Aula selbst aber sollte nicht mehr darüber gesprochen, sondern nur abgestimmt werden. Die Unermüdlichkeit des kroatischen Bischofs Stroßmayr, sowie dessen rücksichtslose Energie hat den Plan der Konzilsleitung vereitelt und es wird nun wie vordem mündlich weiter verhandelt. Ach, Vetter Martin -- ich wollte, ich wäre nicht hierher gekommen und müßte dies alles in der Nähe ansehen ... mir thut manchmal das Herz weh. Gott weiß es, wie ehrlich ich es mit unserer heiligen Kirche meine -- hier aber verliert man Glauben und Vertrauen, und mich erfassen mitunter böse Beängstigungen, als wollte man mich gewaltsam hinausdrängen aus dem Heiligtum meines alten Glaubens. Ich bin so froh, daß ich Dich hier habe, und daß ich mich wenigstens darüber aussprechen kann, wie mir's ums Herze ist.«
»Na, na ... die Sache wird wohl nicht so heiß gegessen werden, wie sie gekocht wird. Die deutschen und sonstigen Bischöfe, welche die Gegnerschaft bilden, werden doch den Mut nicht verlieren und sich nicht etwas aufzwingen lassen, was gegen ihre Ueberzeugung und gegen die althergebrachte Lehre der Kirche ist!«
»Und wenn sie doch sich beugen?« fragte Frohwalt und sah mit besorgtem Blicke dem alten Manne ins Gesicht.
»Dann muß jeder ehrliche Katholik für sich allein den Weg seiner Ueberzeugung gehen, Peter! ... Aber das kann und wird nicht sein, daß Leute wie Stroßmayr, Dupanloup, Schwarzenberg ihre Ueberzeugung, für die sie bisher so mannhaft einstehen, wie ein altes Hemd behandeln und wegwerfen, das müßte ja zu einer Umwälzung in der Kirche führen, wie sie noch nicht dagewesen wäre!«
»Du kennst nicht die Gewalt, welche in dem Papsttum liegt, Vetter Martin, und nicht den persönlichen Zauber, welchen die Erscheinung des Stellvertreters Christi auf Erden ausübt. Vor ihm beugen sich -- --«
In diesem Augenblicke drehte sich Quandt, der vor ihnen ging, um und wies mit ausgestreckter Rechten nach einem glänzenden, von Gold strotzenden Reiter, der auf dem Fahrwege dahergesprengt kam. Unter die lustwandelnde Menge kam eine wunderliche Bewegung. Alles drängte näher an die Straße heran, die Wagen, die auf derselben fuhren, lenkten an den Rand herüber, so daß die Mitte frei ward, und blieben stehen, und von Mund zu Mund lief das Wort: ~Il Papa!~
»Seine Heiligkeit kommt!« rief auch der Maler, und zog seine Frau nahe heran an die Straße und die beiden andern folgten.
Und nun erschien, nur wenige hundert Schritte hinter dem Vorreiter, der Wagen des Papstes, blitzend von Gold, und langsam rollte er daher. Die Musik war von der großen Palme herübergetreten an die Seite der Straße und spielte Gounods päpstliche Jubiläumshymne, und durch die angestaute Menge scholl der Ruf:
»~Evviva il Papa!~«
Beinahe unmittelbar vor unsern Freunden hielt der Galawagen, sowie die beiden andern, welche ihm folgten. Der Diener öffnete den Schlag und Pius der Neunte stieg aus. Eine schöne, edle Erscheinung, mit einem freundlichen Greisenantlitz voll Hoheit und Milde, dem man es nicht angesehen hätte, daß hinter dieser Stirne der Gedanke an die Unfehlbarkeit sich breit mache. Er trug auf dem Haupte den großen roten Kardinalshut mit goldenen Schnüren, und ein weißes, faltiges Gewand. Ihm zur Seite schritt der Kardinal Antonelli und andere hervorragende kirchliche Würdenträger, und ihr Zug bewegte sich langsam vorwärts. Von allen Seiten aber drängte es sich dichter heran, und besonders die Damen suchten das Kleid des Oberhirten der Christenheit zu berühren oder dessen besonderen Segen zu erlangen. So wogte es unmittelbar hinter ihm her von Hunderten, ja von Tausenden, die sich an seine Schritte hefteten, während sich immer aufs neue wieder seine Hand erhob und den Segen spendete. Da und dort lag wohl auch einer auf den Knieen wie vor den Heiligen, und dazu brauste immer aufs neue das »~Viva il Papa!~«
Quandt hatte Friederike wie ein Kind auf den Arm genommen und emporgehoben, und so sah diese noch eine Weile im verglimmenden Abendsonnenschein den roten Kardinalshut, Vetter Martin aber wendete sich zu Frohwalt und sprach, wie im Anschluß an das, was dieser vordem gesagt hatte:
»Ja, Du magst recht haben, Peter ... Sie werden sich beugen!«
Die Volkswoge strömte wieder zurück. Der Spaziergang des Papstes, welcher keine Erholung war, war beendet; dichter drängte sich noch einmal die Menge um den glänzenden Wagen, ehe dieser von dannen rollte. Martin aber sah in diesem Augenblicke nicht mehr den Papst, sondern jenseits des Fahrwegs in dem dichtgedrängten Menschenwalle ein Gesicht, das ihn jetzt ungleich mehr zu interessieren schien, und in das »~Viva il Papa!~« hinein schrie er ziemlich laut: »Hans Stahl!«
Verwundert sah ihn Frohwalt an; der Alte deutete mit dem Finger, eine Sekunde lang war es auch dem jungen Priester, als sehe er das lustige Gesicht des ehemaligen wendischen Seminaristen, aber dann war es auch schon in der Flut verschwunden.
»Das ist ja gar nicht möglich!« sagte Peter, als sie einigermaßen wieder in Bewegung kamen.
»Da wette ich mein ganzes Museum gegen ein Gericht muffiger Makkaroni, wenn das nicht mein geliebter Windhund war. Das weiß der Himmel, wie _der_ hierher kommt. Aus alter theologischer Neigung sucht _der_ das Konzil nicht auf, und daß ihn seines Vaters Leinengeschäft hierher entsendet hat, will mir nicht einleuchten. Hier stehe ich vor einem Rätsel!«
»Na, Vetter Martin, das nenne ich Glück,« sagte jetzt Quandt -- »den ersten Tag hier und schon den Papst gesehen!«
»Das hab' ich gar nicht anders gedacht,« erwiderte der Alte -- »das Merkwürdigste immer zuerst: Pius der Neunte und Hans Stahl!«
Langsam schritten sie weiter durch die aufs neue bewegte Menge, und als die Schatten des Abends kamen, wanderten sie durch den glänzenden Corso wieder heimwärts. --
Meister Quandt und Friederike ließen es sich nicht nehmen, dem alten Herrn die Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt in eingehender Weise zu zeigen, und wenn es Frohwalt irgend möglich war, so beteiligte er sich gern an diesen Spaziergängen und Vetter Martin fühlte sich in Rom trotz der Konzilsverhandlungen sehr behaglich. Aus der Heimat hatte er mancherlei erzählt, was sich in der Hauptsache mit seinem Briefe deckte, nur betreff der Familie Haller schienen seitdem die Schatten noch düsterer geworden zu sein: Therese litt mit der Geduld und der stummen Ergebung einer Märtyrerin.
Gerade die Erinnerung an sie ließ Vetter Martin immer wieder lebhafter auch an Hans Stahl denken, und so oft er jetzt die ewige Stadt durchschweifte, teilte er seine Aufmerksamkeit zwischen deren Sehenswürdigkeiten und den Menschen, die ihm begegneten. Aber sein Suchen schien vergebens; entweder hatten ihn seine Augen auf dem Monte Pincio doch getäuscht, oder der junge Lausitzer war wieder verschwunden.
Rom feierte in jenen Tagen das Fest der Lämmerweihe. Die Nonnen des Klosters in der Via Torre de' specchi am Capitol haben seit langer Zeit alljährlich die beiden Lämmer in Verwahrung und Pflege, welche bestimmt sind, am Osterfeste vom Papste und einigen besonders geladenen Kardinälen verspeist zu werden, und aus deren Fellen Pallien (Krägen) für die höchsten Kirchenfürsten gewebt werden.
Diese Lämmer werden an einem Frühlingstag in der Kirche der heiligen Agnes vor der Porta Pia nach altem Brauche von einem Kardinal für ihre Bestimmung eingeweiht, und die lebensfrohen Römer verbinden damit ein Volksfest. Der ganze Vorgang erhielt in diesem Jahre eine besondere Bedeutung und seinen außergewöhnlichen Glanz durch die Anwesenheit zahlreicher Prälaten, und der Himmel that zur Verschönerung des Festes sein Möglichstes: Er lachte rein und tiefblau über der alten Basilika St. Agnese und über den tausend Menschen, welche sich in derselben und um dieselbe herum drängten.
Unsere vier Freunde fehlten nicht, und da sie bei Zeiten sich dazu gehalten hatten, hatten sie noch Plätze in der Kirche gefunden und schauten nun, wie viele andere, auf Bänken und Stühlen stehend, dem kirchlichen Schauspiele zu. Auf dem Hauptaltare, unter einer von vier dunklen, mit Blumen bekränzten Säulen getragenen Kuppel stand, schimmernd von Kerzenglanz, das Bild der heiligen Agnes, zur Hälfte ein schönes antikes Statuenbruchstück aus Alabaster, dem Kopf und Hals von Goldbronze angesetzt wurden, und vor demselben liegen auf reichgeschmückten Kissen die beiden Osterlämmer, mit blendend weißem Vließ, geputzt mit roten Seidenbändern, die Füße zusammengebunden, und sehen mit den gutmütig-blöden Augen den vornehmen Priester in der roten Kardinalssoutane an, der, umgeben von zahlreichen Assistenten, nun mit Salböl und Weihwasser den feierlichen Akt an ihnen vollzieht.
Nach der Festlichkeit aber stürmte das Volk mit seiner ganzen südlichen Lebendigkeit und Lustigkeit in die zahlreichen, ringsum liegenden Weinschenken, und beim Becherklang schallte fröhliches Lachen und Singen, während die Nonnen mit ihren Lämmlein wieder nach der Stadt zurückfuhren.
Unsere Freunde waren auseinander geraten. Der Maler, der sein Frauchen fest am Arme gehalten hatte, hatte sich endlich nach vergeblichem Suchen mit ihr nach einem der Weingärten gerettet, Martin aber und Frohwalt hatten eine andere aufgesucht, denn den Alten plagte der Durst. Es war alles schon besetzt, als sie in den freundlichen Garten traten, und schon wollten sie ihren Stab weiter setzen, als der Alte mit einmal seinen Begleiter bei der Hand faßte und mit der Rechten nach einem entlegenen Tischchen deutete.
Und dort saß Hans Stahl, wie er leibte und lebte. Vetter Martin brach sich beinahe stürmisch Bahn, als könnte ihm sein junger Freund zum zweiten Male entwischen, und schon von weitem rief er ihn beim Namen.
Der Extheologe schrak auf, und da er den Rufenden erkannte, huschte eine heiße Röte ihm über das Gesicht, und er sprang empor:
»Vetter Martin!«
»Ja wohl -- ~adsum~! Da sind wir, der Doktor Frohwalt auch -- -- ich bin schon seit einigen Tagen hinter Ihnen her wie ein Polizeispion ... wie zum Henker kommen Sie denn in die Stadt des Konzils?«
Das alles sagte der Alte während des Begrüßens und Händedrückens, und er plauderte weiter:
»Aber erst ein paar Sitze und dann etwas Ordentliches zu trinken -- das Weitere wird sich finden, lieber Neffe! Sie da -- Signora, Signorina, Signoretta, Madonna ... hol's der Kuckuck -- da läuft sie hin -- Hans, Sie haben mehr Verständnis mit den Weibsleuten umzugehen, sehen Sie mal zu, ob Sie mit Ihrer Liebenswürdigkeit von der schwarzbezopften Hebe etwas erwischen, worauf zwei Menschen sitzen können, und einen vernünftigen Tropfen -- sonst verdurste ich Ihnen unter den Augen, eh' Sie noch Ihre zweifellos interessante Romfahrt erzählen können!«
Und Hans Stahl schien wirklich hier Verbindungen zu haben, er schaffte, was gebraucht wurde, und bald saß man eng aber nicht ungemütlich am Tische neben lustig schwatzenden Römern und glutäugigen Römerinnen, und der Jüngling berichtete, wie es schien, freilich nicht mit besonderem Behagen.
»Ach lieber Vetter Martin, verehrter Herr Doktor -- ich, und im Comptoir sitzen! Das war eine grauenhafte Zeit, an die ich mein Lebtag denken will. Und ich habe -- Gott weiß es -- dabei den allerbesten Willen gehabt, aber ich bin vor lauter Zahlen und trockener Geschäftskorrespondenz beinahe dumm geworden und war mehr als einmal daran, davonzulaufen. Da hab' ich erst so recht gespürt, daß wir zusammen gehören, ich und die Kunst, aber wie ich auch meinen Vater anflehte, mich wieder malen zu lassen, er wollte nichts mehr wissen. Ich hab' dann geschwiegen, aber ich wär' verblutet daran. Da schickt mich mein Vater nach Dresden, um einen Ausstand von etwas über zweitausend Mark einzukassieren. O wie gerne ich nach Elbflorenz ging! Ich machte mein Geschäft ab und dann war mein erster Weg in die Galerie. Und wie ich hier stand unter all den Herrlichkeiten und wie die Seele bald weit wurde, bald wieder sich zusammenzog, da traf ich einen Freund aus der Prager Malerschule. Der ging nach Rom, wohin er an einen Meister empfohlen war, und da war's um mich geschehen. Ich weiß, daß ich Unrecht that, aber ich ging mit, das Geld meines Vaters in der Tasche ...«
»Nanu!« brummte der Alte und Frohwalt rief: »Aber Herr Stahl!«
»Verurteilen Sie mich nicht! Ich habe meinem Vater alles geschrieben; ich habe ihm erklärt, ich könnte nicht wieder nach Hause kommen, er solle mir das Geld lassen, ich verlange keinen Pfennig jemals mehr von ihm, und wenn ich drüber verhungern müßte, aber ins Geschäft käme ich lebendig nicht wieder zurück.«
»Na, und was schrieb der Alte?« fragte Martin einigermaßen erregt.
Hans Stahl seufzte:
»Ich sollte thun, was ich nicht lassen könnte -- aber zwischen uns wär' es aus. Verfolgen würde er mich nicht wegen Unterschlagung, das wäre er sich und seinem Namen schuldig, aber in sein Haus sollt' ich auch nicht mehr kommen. O Vetter Martin -- das war hart, und ich kann's auch nicht recht verwinden ...«
»Haben Sie denn auch bedacht, was Sie gethan haben?« fragte Frohwalt ernst und strafend.
»Sachte, sachte, mein lieber Peter!« beschwichtigte Martin -- »hier hilft kein Vorwurf und keine Schelte. Schön und recht war's nicht, Hans, was Sie gemacht haben, aber der Topf ist einmal zerbrochen, und Sie müssen zusehen, wie er wieder zu flicken ist. Von Ihren zweitausend Mark können Sie auch nicht ewig leben, Freund Leichtfuß ... und haben Sie denn überlegt, was dann geschehen soll, wenn die Moneten bis auf den letzten Obolus verpulvert sind?«
Stahl machte ein trübseliges Gesicht und ließ den Kopf hängen.